starrte den Verschwindenden nach. Danu hob
sie das thränenschwere Auge gen Himmel und
Jüsterte schmerzlich: zKann ein Mutterherz
wirklich den vom Himmel verliehenen Instinct
verlieren ? woher dann diese wilde Unruhe.
dieses eigenthümliche Sehnen, dieses schmerz⸗
liche Ahnen ?“
XIV.
Während sich all das in England ereig⸗
nete, fand in einem einsamen, auf felsiger
Hoöthe in der Nähe des blauen Genfersee's ge—
genen Kloster eine Episode statt, welche auf
die Zukunft aller in dieser Erzählung han⸗
delnden Charaktere entschiedenen Einfluß übte.
Das Kloster war ein eigen! hümlicher alter
Platz, und die kleine Anzahl Vönche, die es
als ihre Heimath betrachteten, schwand immer
mehr. Bisher hatte Vater Leon, der Prior,
die Congregation in strenger Disciplin und
nicht unbehaglichen Verhältnissen erhalten. Er
war ein Mann, der in der politischen Welt
eine Rolle gespieli, oder mächtig und geschickt
ein finanzielles Scepter geschwungen haben
würde, die Vorsehung aber hatte ihm eine
andere Laufbahn vorgezeichnet, hatte ihn hart
geprüft und sein ungebrochener, aber kampf
müder Geist hatte in des ANlosters stillen
Räumen Frieden gesucht. Selbst hier hatte sich
des Mannes Thatkraft, Macht und Geschick⸗
lichkein kundgegeben und vollen Wirkungskreis
gefunden.
Das Kloster war bei seinem Eintritt arm
und heruntergekommen, die Mönche lau und
schwach: er war ernst zu Werke gegangen, um
zie eigene Willensstärke den Gefährten einzu⸗
loßen. Auch sem praktisner Sinn erprobte
sich durch erfolgreiche Handelsverbindungen mit
benachdarten Törfern und Städten. Des
Priors Körperkraft aber entsprach nicht dem
starken Geiste. Eine lange, unheilbare Krank⸗
heit warf ihn in Mitten seiner nützlichen
Thätigkeit nieder, und unter den schüchternen
Brüdern, denen jedes Seibstvertrauen mangelte,
fand sich keiner, der seine Stelle auszufüllen
perstand. Eine Zeit lang hielt sie sein ermun⸗
lerndes Zureden, sein weiser Rath aufrecht,
und die Verhältnissen blieben sich gleich, so
weit sie sich hei bioß mündlicher Leitung gleich
bleiben konnten, als aber der Prior auf das
schmale harte Bett in der engen Zelle sank,
gings abwärts mit dem kaum erblühten Wohl⸗
stande des Klosters, und der Geist der Brüder
hielt gleichen Schritt.
Eines Tages versammelten sich die Mönche,
behufs Berathung, um Vater Leons Sterbe⸗
bett. Die Sachlage war in kurzer Frist so trost⸗
los gewocden, daß nur ein Hülferuf an die
höhere Macht der Kirche oder an die Barm⸗
herzigkeit der Außenwelt vor dem Hungertod
zu schützen schien.
Man hatte den Sterbenden aufgerichtet
und mit Kissen gestüßt, damit er freier ath⸗
men, und womönlich anhaltend sprechen könne.
Seine Behaglichkeit kam dabei nicht in Betracht,
der nackte Boden, das schlichte Bett, die arm⸗
selige Einrichtung der Zelle bewies, daß der
fromme Mann darauf keinen Werth legte.
Er verachtete den Luxus, ertrug muthig und
lächelnd Mangel, Schmerz und Todesnoth —
des Klosters Wohl oder Wehe aber marterte
sein Herz mit namenloser QUuul.
„Sieht's wirklich so schlecht aus, Bruder
Anselm?“ fragte er ängstlich, als dieser die
momentane Lage geschildert und überblickte
mit hohlen, aber immer noch glänzenden und
durchdringenden Augen die kleine Schaar, die
auf ihn, ihren Vater, Führer und Beschützer
bertraute. —
„Ja, ehrwürdiger Vater. Wir theilten
Ihnen unsere Lage nur mit Widerstreben mit,
aber ohne ihren Rath und Beistaud gibt es
leine Hülfe
„Habt Jor etwas vorzuschlagen ?“
Die Mönche schauten sich betroffen an,
dann trat Bruder Anselm vor.
„Wir denken der Kranke, der so lange
unser Stückchen Brod theilte, sollt' in einer
der Städte untergebracht werden. Er ist kein
Landsmann, wahrscheinlich ein Ketzer; warum
jollten wir in unserer großen Noth mit einem
unnützen Glied delastet sein ? Wir erwarten
aur Ihre Zustimmung um ihn —“
Er hielt plötzlich une, denn des Ster⸗
benden bleiches Antliß bebte vor Aufreguag,
die hohlen Augen funkelten vor Zorn.
„O Ihr elenden, verkommenen Brüder
rines frommen Ordens! Wundert's Euch noch,
daß der Himmel Schmach und Armuth über
Euch derhängt ?“ stöhnte er mühsam und