Full text: St. Ingberter Anzeiger

Spanien. 
Hendaye, 3. Juni. In San Sebastian sind 3000 
Mann Regierungẽtruppen aus Bilbao zur Verstärkung eingetrof 
fen. Auf die Nachricht hiervon gaben die Carlisten die Belagerung 
Hhernanis auf und gingen nach Oriamendi zurück, wo sie sich be— 
festigen und den Angriff der Regierungstruppen erwarten. 
Do Alfons, Bruder des Don Carlos, hat den Ebro “über ⸗ 
dancn 
Berminch teov. 
f St. Ingberl. Die an dieser Stelle in No. 87 gebrachte 
Nachricht, das Abhalten eines feierl. Seelenamtes in der hiesigen 
tach. Kirche betr., enmahmen wir einem Inserat in Nr. 127 der 
St. Ingberter Zeitung, der wir auch die volle Verantwoztlichkei⸗ 
hinsichtlich der Wahrheit überlassen. 
Zweiscbrücken, Z.nJuni. In der heutigen Sitzung de— 
k. Zuchipolizeigerichts dahier hatte sih der Ackerer und frühert 
Adjunkt Ludwig Rohr von Irheim wegen Beleidigung des deut 
schen Kaiserz zu v anmworten. Derselbe war am 16. März adhir 
mit seinem Bruder behufs Erledigung von Familiengeschäften in 
hiesige Stadt gekommen, hatte hier längere Zeit verweilt und 
dabei auch woht dem Genuͤsse geistiger Getränke etwas allzu starl 
sich hingegeben. Nachdem er gegen Abend nach Irheim zurückgekehrt 
Har, bqduchte er daselbst zum Schlusse die Eschendaum'sche Wirth 
schaft, in der an jenem Abende ziemlich viel Gäste anwesend wa— 
Das Gespräch kam unker Auderem auch auf den gegenwärti— 
gen Konflikt zwischen Staat und Kriche, und Rohr äußerte sich 
hiebei folgender Maßen: „Eben werden die Bischöfe asgesetzt. 
Zenn sie auch nichts bemacht haben. Der Kaiser Mapoleonohat 
herrecken massen wegen feiner Schlechtigkeiten, der Bismarck muß 
auch noch verrecken Ind der deutsche Kaiser auch.“ Die Verthei 
cheidigung suchte geltend zu machen, daß der Beschuldigte in der 
inschen Zeit so schwer hbelranken gewesen sei, daß er im Zustandt 
vollkomwener Unzurechnungsfahigkeit sich befunden habe. Allein es 
war erwiesen, daß der Beschuldigte sich noch nach dem Vorfalle 
mit dem unmittelbar darauf in die Wirthschaft gekommenen Bür⸗ 
germeister von Icheim längere Zeit in garz vernünftiger Weist 
nterbalten hatte, so daß er jedenfalls nicht in soichem Grade be⸗ 
srunken war, um nicht mehr zu wissen oder heurtheilen zu können, 
as et that. Er wurde in Berücksichtigung seines guten Rufes 
in das Strafminimun— 2 Roͤnat'e Gefängniß 
verurtheilt. — (6Zw 3tg.) 
Kaisers kautern, 3. Juni. Ein großer Theil der 
hiesigen Kaufleute macht bekannt, daß sie vom 20. Junin d. J. 
an preußische und kurhessische Friedrichsd'ors, Pistolen, Dukaten, 
Ind JTo⸗Guldenstüce, Goldkronen, Kronen⸗und Conventionsthaler, 
osterreichische und holländische Gulden, Laubthaler ꝛc. gar nicht mehr 
in Zahlung nehmen. 3 
hdenkober, J. Juni. Gestern Sonntaz wurden im 
Hausweinberge bei Herrn Gustav Frohlich Trauben blüthen und reife 
Erdbeeren vorgefunden. 
p Speyher, 2. Juni. Am 30. v. Mis. früh 3 Uhr retitete 
der Schiffsbrückenwärter Johann Herbert dahier mit äußerster Kraft 
anstrengung den Tagner Jalob Hoͤwe ber vond Solingen aus deir 
Fluthen des Rheines, in, welche derselbe durd Umfallen des Nachens 
gestürzt war. Für diefe edle und muthige That wird im neuester 
eeis Amtsblatt dem Johann Herbert die lobende Anerkennung offent 
lich ausgesprochen. 
Speiex, 3. Juni. Der Ausschuß des pfälzischen Kunst 
pereins hat den Tarnus für die diesjährige Wanderausstellung 
festgesetzt wie folgt: 1. Für Speier bleibt dieselbe bis 7. Jun. 
inti. eröffnet; 2. Frankenthal vom LI. ba 28.3Juni; 8. Ludwigs 
hafen von 2bis 12 Juli; 4. Neustadt vom 16. bis 26. Juli 
Dürthein vom 80. —XD August; G. Landau vom 13 
pis 23. August; 7. Kaiserslautern vom 27. August bis 6. Sep 
dember und 8. Zweibrücken bom 10. bis 20. September. 
Aus den Maja inenwerkstätten der pfaͤlzischen Bahnen in 
Ludwigshafen sind jüngst 50 Arbeiter entlafsen worden, da die 
Bahndirektion in Folge der verminderten Erträgnisse des Jahrs 1873 
an's Sparen geht. 
Der pfaͤlzische Hauptverein der Gustab-Adolphee Stiftung 
wird sein 22. Jaͤhresfest Donnerstog, den 23. Juli. in der protest. 
stirche zu Goͤllheim feiern. 
Ausd er Pfalz. Die igl. Regierung der Pfalz hat 
über die Resultate der Anssellungsprüfung der Schuldienstexfpec⸗ 
anten im Jahre 1873 in einem in den Schullehrer⸗Conferenzen 
zu verlesenden Circulare folgendes traurige Bild im Allgemeinen 
entrollt: Das Gesammtergebnißder Prüfung muß als ein seht unge 
nügendes bezeichnet werden. Nur sehr wenige Exspectanten ragten 
durch ausgezeichnete oder anch uur bessere Leistungen hervor; die 
veitaus goͤßere Mehrheit lieferte sowohl durch ihre mündliche Prüfung. 
als auch durch ihte schriftlichen Arbeiten den klaren Nachweis, doß 
je auf ihre Forlbildung uberhuupt, wie ouf ihre Vorbereitung zut 
Instellungsprüfung insbesondere keinen Fleiß verwendet hatte, und 
daß sie das im Seminar Gelernte nicht nur nicht durch Selbftstu 
dium befestigt und vermehrt, sondern sogar einen großen Theil 
vorzuglich jenen, der nicht durch den Tagesgebrauch in der Schule 
immer wieder vor Augen geführt wird, vergessen hat. Es sind 
Erscheinungen, die nur in bedenklicher Indolerz der jungen Leute 
ndein rücsichtsloser Gleichgiltigkeit/ gegen den Beruf ihren Grund 
shaben können. — In derfelben Wep werden die Leistungen in 
einzelnen Lehrfächern besprochen, un wir erfahren z. B. da 
raus, daß bei der Censurirung der deutschen Aufsätze 839 Arbeiten 
di den Noten IIl, und 5 mit IV belegt werden mußten, ebenst 
in der Erziehungslehre 33 und in der Unterrichtslehce 40 Arbeiten 
die Noten Ul und Weerhielten, daß die Zeichnungsproben aussahen 
als hällen die Verfertiger nie Unterricht im Zeichnen genossen, 
daßein Prüfliag, dem bei derSeminarentlassunasprüfung imViolinspiet 
die Notle zuerkannt wurde, jetzt die Note M erhalten mußte u. s.w 
Die „Kheinpfalz“ wird jetzt in Stellvertretung des 
zegenwartig auf der Festung weilenden Redacleurs Hrnu. Schwab 
don Domoitar Riedinger als verantwortlichem Redacteur 
unterzeichnet. 
Der Ausschuß des pfälzischen Feuerwehrverbandes giebt den 
Gemeindeverwaltungen und Feuerwehren der Pfalz Mittheilung da— 
von, daß laut Veschluß der letzten BVersammlung pfälz. Feuerwehren 
in Speyer in Lager von kleineren Löschrequ isiten errichter 
worden ist, welches Gelegenheit zum guten und billigen Bezuge 
derselben giebt. Auf diesem Lager sind namentlich zu findea: Schläu⸗ 
Y . Schlauchverschraubungen mit Metz'jchem (bayer. Normal) Ge · 
winde, Schlauchröhre, Mundstücke, kleinere (Bulten- ⁊c.) Spritzen 
fe ner Muster von Feuereimern, Gurten, Beilen, Leinen, Laternen 
Selbstrettungsapparaten, Leitern ⁊c. 
In Heidelberg hat sich vor einigen Tagen ein der 
Burschenschaft „Allemanrias angehöriger Student Namens Molito 
erschoffeu. 
FStraßburg, 2. Juni. Am vergangenen Samstat 
früh hörte der bei der Eisenbahn angestellte Lademeister Grüne⸗ 
wald zwischen dem Steinthor und Schiltigheim unweit des Caft 
Rhein ein leises Gewimmer aus einem Weizenfelde. Nach kurzen 
Suͤchen fand derselbe im Getreide ein Knäbchen im Alter von un 
zefähr 1 Jahr in keineswegs ärmlicher Kleidung. Er nahm das 
Zind auf den Arm und übergab es einer Tagelöbuerfrau, die au— 
dem Nachbarfelde arbeitete. Letztere brachte dasselbe nach dem —X 
Rhein und hier erst ersah man, daß dusselbe das Opfer einer 
schändlichen Brutalität gewesen ist. Der Rücken sowie das Hinter⸗ 
theil des unglücktichen Wesens waren grausam zerschlagen, ein Arn 
zerbrochen, die Augen des wahrhaft schönen Kindes, welches ver— 
muthlich längere Zeit hülflos gelegen hatte— herausgequollen. Mar 
reichte ihm Erfrischungen, die es mit glühender Gier verschlang 
Indessen war Grünewald nach Hause gegangen und hatte seine 
Frau den Vorfall mitgetheit, war aber nicht wenig überrascht, als 
ihm dieselbe ertlärte, daß sie es für einen Finderjeig Gottez ansehe 
der ihr Ersatz für ihr verstorbenes einziges Kind geben wolle. Sit 
iste davon und in wenigen Minuten lag der herzige Kaabe a 
ihrer Brust. Rühmend muß man erwähnen, daß der Frau vol 
einer anwesenden Dame für die Ablassung des Kindes 300 Fr 
geboten wuden, deren Annahme dieselbe aber abwies. Eine gan 
hesondere Anerkennung gebührt ferner dem in Schiltigheim allseit 
jochgeochteten Herrn Kreisarzt Dr. Jacoby, der dem armen Kindi 
Zie jerbrochenen Glieder nicht allein kostenftei in Gypsverban⸗ 
legte, sondern demselben noch reiche Geschenke zukommen ließ. Wit 
allgemein vermuthet wird, hat das Kind getödtet werden sollu 
ind ist degen inen Thausserbaum geschlagen worden. Dabe. 
ihm wohl der Arm zerbrochen und man hat es mit Behemenj in 
Getreidefeld geschleudert. Alle Nachforschungen der Polizei naa 
den Urhebern des Verbrechens sind bisher resultatlos gewesen.“ 
.Aus München, 1. Juni. Heute Vormittags fand in der 
Frauenkirche ein Trauergottesdienst für den verstorbenen Reichs 
agsabgeordreten v. Mallinckrodt statt. Außer sämmtlichen Mitglie 
dern der bayerischen patriotischen Partei waren auch zahlteich 
liberale Abgeordnete erschienen, darunter Stauffenberg, Marquard 
Edel, Herz, Gerstner, Kastner. Die Kirche war dicht 9e 
ällt. 
k In Konstanz kommt vor dem Schwurgerichte demräd 
ein eigemhümlicher Fall zur Verzandlung und zwar gegen eine 
18jährigen Burschen, Namens Eggler, aus dem Seeklreis gebürlis 
der beschuldigt ist, bei Newyork einen Mord an einem Madche 
begangen zu haden; nach nordam. Gesetz n zum Tode durch Er 
hangen verurtheilt, hatten fich mehrere Deutsche, welche die Stit 
se zu hart fanden, telegraphisch an den Reichskanzler gewendet, 
denn auch die Verweisung an einen deutschen Schwurgerichtsbe 
erwirkte. 
Ueber die letzten Augenblicke Mallinc.odt's V 
siren Detals, welche den Biweis liesern, daß die Frommigt 
des westphälischen Adgeordneten keine erküustelte und geheuche 
war. Er ließ in der Sterbestunde das Kreuz nicht aus den Ho