Full text: St. Ingberter Anzeiger

„Wer erhofft, Freude am Amerikanischen Par⸗ 
teileben zu haben, dem sel es hiermit gesagt, daß 
er auch in dieser Hinsicht eitel hofft. Da die 
ganze revolutionaͤre Bewegung immer noch wesent ⸗ 
ůch von Fremden getragen und betrieben wird, 
und da dieselten großtentheils aus gemaßregelten, 
derbitterten Elementen aus allen Winkeln der Erde, 
beseelt von den verschiedenartigsten Ansichten, be— 
stehen, so kann es nicht vermieden werden, daß 
Krakehl, Stänlereien, gegenseitiger Kampf und 
innerer Hader aller Art auch noch diesen kleine 
Stroͤmung bis zum Ekel trüben und die recht⸗ 
schaffensten, zähesten Clemente mit pessimistischen 
Anwandlungen infiziren ¶ Jeder, der nach Amerika 
geht, ist durchschnitilich fur die Bewegung in Eu⸗ 
ropa verloren, und in Amerika ist das Resultat 
seiner Agitation vorläufig gleich Null.“ 
Deutsches dteich. 
Muͤnchen, 29. Oltober. Die Abgeordneten⸗ 
kammer nahm einstimmig den Gesetzentwurf betreffs 
Ausführung des Reichsgesetzes über die Ausdehnung 
der Unfall⸗ und Krankenversicherung an. sowie 
ferner mit großer Majoritat das provisorische Fort⸗ 
vestehen des bisherigen Malzaufschlags; die Kammer 
verwarf dagegen die von der Regierung beantragte 
Fixirung desselben. ꝛ 
Berlin, 29. Oktober. Die Resultate der 
Wahlmännerwahlen find bereits größtentheils be⸗ 
kannt. Freisinnige Wahlmänner wurden im erften 
Wahlkreise 588, im zweiten 799, im dritten 712, 
im vierten 5753; konservative im ersten Wahlkreise 
248, im zweiten 160, im dritten 838. im vierten 
206; nationalliberale im ersten Wahlkreise 59, im 
zweiten 35, im dritten 40, im vierten 15 gewählt. 
Von 550 Urwahlbezirken ist das Resultat aus 
einigen Dreißig noch unbekannt. 
Ausland. 
Wien, 29. Oktober. Bulgarische Patrouiller, 
die sich auf serbisches Gebiet verirrten, wurden fest⸗ 
genommen. Italien wird, wenn die Kaisermächte 
der Konferenz eine Intervention der Türkei vor⸗ 
schlagen, nicht mitstimmen. Von guter Seite tauchen 
wieder Gerüchte auf, nach welchen Kalnocy's 
Siellung durch die Bulgarenfrage erschüttert sei. 
Sein Ruͤdtrin sei nach Schluß der Delegation vor⸗ 
ausfichtlich; man nannte Kallay als Nachfolger. 
Nisch, 29. Okltober. Da voraussichtlich der 
ztatus quo nicht hetzustellen ist, so werden Vorbe⸗ 
reitungen getroffen, um allen Eventualitäten zu 
hegegnen. 
Liihen, 20. Olt. Die Kammer nahm die 
Finanzgeseße in zweiter Lesung an. Es wurde ein 
Gesetzentwurf eingebracht. wonach alle Beamtenge⸗ 
hälter und sonstige Zahlungen der Staaiskasse 
während der Mobilisirung um 5 Prozent gekürz 
werden sollen. — Es werden weitere Marine; 
Reserven einberufen. 
Lokale und pfaälzische Nachrichten. 
*St. Ingbert, 29. Olktober. Die kgl. 
Regierung der Pfalz hat aus den ihr zur Verfüg— 
ung stehenden Mitteln aus den Mobiliar⸗Versicher⸗ 
ungsbeiträgen zur Forderung des Feuer⸗ 
löschwesens pro 1885 an eine größere An⸗ 
zahl Gemeinden die Gesammtsumme von 19,507 
Mark vertheilt. Im Bezirksamt Zweibrücken er⸗ 
hielten davon: Ensheim 300, Biesingen, 
Blidweiler, Bubenhausen, Ernftweiler je 200, 
Bierbach, Blieskastel, Heckendalheim 
je 100, Rubenheim 70, Eschringen 60, 
Ballweiler, Knopp, Lautzkirchen, Oberauerbach, 
Rohrbach., Stamdach ie 50. Wöorschweiler 47 
Mark. 
Kaisers laut ern, 28. Oltober. Unser 
Mitbürger, der berühmte Afrikaforscher Herr Paul 
Reichard, schreibt am 28. September aus 
Zanzibar, daß die Aerzte auf den deutschen Kriegs⸗ 
schiffen ihm von dem mit einer sofortigen und un⸗ 
un terbrochenen Rückreise verbundenen schroffen Klima⸗ 
wechsel abgerathen haben; und daß er deßhalb miit 
dem Dampfer ,Malakka,“ einem Schiffe des Sultans 
bon Zanzibar, nach Bombayh gehen, in Indien bis 
zum Abgange des nächsten Lloyddampfers ver ⸗ 
bleiben wolle, sich dann auf der Rückreise in 
Egypten noch 3-210 Tage aufzuhalten gedenke und 
bor Weihnachten bestimmt zu Hause zu sein hoffe 
— Mußbach, 28. Oklober. In unserer 
Orischaft breitet sich mit besorgnißetregender Schnellig⸗ 
ie Ine zöeartiage Tuphusevidemie mehr und mehr 
aus! Zur Zeit liegen 17 Patienten am Sryphus 
schwer darnieder und find bereits mehrere Todes⸗ 
älle zu verzeichnen. Die Entstehungsursachen der 
schlimmen Krankheit sind noch nicht eruirt. Eine 
Untersuchung des Trinkwassers förderte michts Ver⸗ 
dächtiges zu Tge. 
— Konigsbach, 28. Oltober. Gestern Nach⸗ 
miitag ereigneie sich hierselbst ein schweres Unglüch 
der frühere Kuhhirt von hier war beim Verkauf 
eines bieher als ziemlich harmlos geltenden Zucht⸗ 
fassels mitthätig und war gerade dabei, das Thier 
abzubursten,/ als dasselbe, wohl eingedenk eines ani 
rihen Morgen erhaltenen Schlages den Kopf senkte 
und mit einer blitzschnellen Bewegung den unglück⸗ 
lichen Hirten in weitem Bogen in die Luft schleu⸗ 
derte. Der Bedauernswerthe war bom Horn an 
der Innenseite des linken Oberschenkels getroffen 
ind erhielt eine 5 Centimeter tieft und fast 20 
Fentimeter lange. klaffende Wunde, welche bis auf den 
Schenkelknochen ging.n: Zum Glück bei allem Unglück 
var die Schlagader underletzt geblieben, und der 
herbeigerufene Arzt Herr Dr. Lyncker konnte alsbald 
die gräßliche Wunde reinigen und vernühen. Wenn 
die Wunde auch nicht sabsolut lebensgefährlich ist, 
so hängt doch von dem glatten Verlauf der Heilung 
as Leben des Verwundeten ab. J 
— Bei der diesjahrigen chemischen Prüfung in 
München wurde die Siegespalme einem Pfälzer 
zuerkannt. Herr Franz Kugler aus Königs⸗ 
oach lieferte nämlich das glänzendste Examen. das 
zielleicht seit einem Jahrzehnt gemacht wurde, und 
erwarb sich die erste Note mit Auszeichnung. Der 
zlückliche Kandidat wird sich nun demnächst an eine 
ausländische Universität begeben, an weicher aner⸗ 
tannte Autoritäten wirken, um sich dort einen schönen 
Doktorhut zu holen. 
— Die Berufung des Reichstagsabgeordneten 
Dr. Armand Buhl zu Deidesheim zum 
ebenslänglichen Reichsrath der Krone Bayern hat 
in der Pfalz allseitig freudig berührt. Denn ganz 
abgesehen von des so hoch Ausgezeichneten verdienst⸗ 
bosler politischer Thätigkeit im Reichstage hat sich 
Reichsrath Dr. Buhl besonders um die Pfalz große 
Berdienste als Mitglied und Präsident des Land⸗ 
rathes der Pfalz, sowie auf dem Gebiete der Land⸗ 
wirthschaft, der Vereinsthätigkeit u. s. w. erworben, 
daß König Ludwig II. gewiß so leicht keine geeig⸗ 
netere Personlichkeit an Stelle des verewigten Gustav 
d. Krämer in die hohe Kammer der Reichsräthe 
zum Rathhelfer der Krone berufen konnte. Auch 
vir gratuliren dem verdienstvollen Reichsrathe zu 
einer ehrenvollen Berufung! 
Vermischtes. 
F In einem Gasthause einer kleinen Stadt 
Zurhessens kehrten unlängst fünf Handlungs⸗ 
Reisende ein, unter welchen sich auch ein stets zu 
zuten oder schlechten Witzen geneigter Fcankfurter 
hefand. Als die Herren Abends am runden Tisch 
—X 
chäfte unterhielten, frug sie der Wirth, welcher der 
derren morgen früh rasirt zu werden wünsche. 
Es meldeten sich alle Funf und die Sache war 
ꝛxledigt. Anderen Morgens, es hatte kaum sechs 
zeschlagen, wurde der Erste schon von dem Barbier 
jerausgeklopft und gehörig eingeseift. Nachdem 
dies geschehen, erklärte derselbe, er habe sein Messer 
vergessen, der Herr möge sich einen Augenblick ge⸗ 
dulden, bis er es geholt habe. Der Barbier 
velcher Niemand anders war, als unser zu schlech 
en Witzen aufgelegter, wohlverkleideter Frankfurter 
nachte es den übrigen Reisenden wie dem ersten 
eifte sich dann selbst ein, nachdem er seine Ver— 
tleidung abgelegt, erschien auf der Schwelle seines 
Zimmers und erhob einen solchen Lärm, daß die 
bier eingeseiften in den Unterhosen an den Thüren 
erschienen. „Der Strolch von Barbier hat mich 
eingeseift und kommt nicht wieder!“ rief er und 
auch die Anderen. Unglücklicher Weise kam in 
diesem Augenblicke der wirkliche Barbier, und do 
nan glaubte, er habe sich einen Witz machen wollen 
io fielen die Vier über ihn her und prügelten ihn 
vurch. Nur mit Mühe befreite sich der arme 
Teufel aus den Händen seiner Widersacher, wäh—⸗ 
zend der boshafte Uhrheber dieses Ulks dabei stand 
und beinahe sterben wollte vor Lachen. Bei der 
Pable d'hôte gab er sich zu erkennen, worüber sich 
die geuzten Kollegen so sehr ärgerten, daß sie das 
Essen schlecht und den Wein nicht genießbar fanden. 
Stopfenheim (Mittelfranken), 20. Okt. 
Bestern wurde in der Filiale Dorsbrunn die Frau 
Barbhara Rambach beerdigt, welche wie die .,N 
N.“ berichten, 1060 Jahre und 9 Monate alt ge- 
worden war. Groͤßte Armuth war der —*8 
der Verstorbenen von ihrer Wiege in einer langsi 
verschwundenen Waldhütte bis zu ihrem Sterbelager 
im Armenhause. Zu ihrer Armuth gesellten sich 
in ihren letzten Lebensjahren vollständige Erblindung 
und Taubhert.“ Sie brauchte wegen Krantheit fas 
nie das Bett zu hüten, selbstn nicht an—ihren 
Todestage. — 7 
fPistolen⸗Duell. Waährend vorgestern 
der Schwurgerichtshof, in München sich mit der 
bekanntet Duell⸗Affaire Denk⸗ Veisler befaßte, hat 
wie das „Fremdenblait“ meldet, im Wäldchen be 
Harlaching ein Pistolen⸗ Duell zwischen 2 Medizinern 
tattgefunden, Wwobei einer des Duellanten durch 
einen Schuß in den Unterleibr schwer verwundel 
wurde. Der Verletzte ist sofort zu Wagen in seine 
Heimath verbracht worden. 
rTMünschen, 28. Ollober Das lk. pro⸗ 
testantische Ober Konsistorium hat folgenden Erlaß 
an die prot. Konsistorien Ansbach und Beyreuth 
gerichtet? Es ist vergekommen? daß⸗ Kandidaten 
der Theologie, nachdem sie bereits ordiniert waren, 
die Ableistung ihrer militärischen: Dienstpflicht an— 
zutreten hatten. Wie wenig angemessen dies ist, 
euchtet von selbft ein. Wir werden deshalb die 
Ertheilung der Ordination an Kandidaten,welche 
nicht bereits für dauernd untauglich erkläri, oder 
qzur Ersatzresexve überwiesen sind, erst dann geneh⸗ 
nigen, wenn dieselben der gesetzlichen aktiven Mili⸗ 
ardienstpflicht genügt haben. Jedem Gesuch um 
Irdination ist hierüber der entsprechende Nachweis 
eizufügen. 
25Ein Lesi pziger Bürger, Hermann Ziliak, 
vurde jetzt von seiner Frau mit dem 29. Kind, einem 
Maädchen, beschenktt. 
7In Plauen i. V. sind von den ehemals 
nehr als 4000 Handwebestühlen nur noch etwa 
200 im Gebrauch. Gegenwärtig wird auf einem 
— 
jergestellt, der bald in den feinen Salons der 
damenwelt Aufsehen erregen dürfte. Es ist dies 
in aus Zwirn bestehender Stoff mit reicher Gold⸗ 
urchwirkung. Während man Anfangs nur weißen 
Zwirn (Ketle und Schluß) verwendete, verarbeitet 
nan jetzt auch schon bunten Zwirn. 
f Für und gegen die Tournüre. 
In Oidenburg haben sich nicht weniger als 80 
weibliche Champions für die entsetzlichste Mode⸗ 
Erfindung der Neuzeit, die Tournüre, gefunden. 
Im „General⸗Anzeiget für Kreuznach Stadt und 
dand“ nämlich finden wir folgendes JInserat: Der 
Zuriosität halber theilen wir unseren Mitgliedern 
nit, daß 30 Oldenburger Damen einen Verein zum 
ZSchutze des „eul“ gebildet haben. Dieselben dver⸗ 
zffenilichen in der Oldenburger Zeitung“ folgende 
Frklärung: „Dem Wilhelmshafener Herrenklub, der 
ie geschmahle Tournüre aus der Welt schaffen 
vill antwotten 80 junge Damen hierdurch, daß 
zuch sie einen Verein zum Schutze und zur Sicher: 
tellung der ebenso kleidsamen als zweckmäßigen 
Tournure gegründet haben. Wenn den Männern 
»er Anblick einer niedlichen Tournüre so zuwider, 
d ralhen wir allen betreffenden Herrchen, getroß 
nach Kamerun zu gehen, da die dortigen schwarzen 
z„chönen wohl noch nicht diesen franzosischen Mode⸗ 
ninitel lennen. Wir wurden solche hoffnungsvollen 
Jünglinge garnicht entbehren, da auch wir uns 
eierlich verschworen haben, lieber ehelos zu bleiben. 
ils einem Tournürenderächter die Hand zu reichen. 
Die Damen werden der gesammten vernünf/ 
igen Männerwelt mit diesem letzteren Entschluß 
nus dem Herzen gesprochen haben. Uebrigen⸗ 
wird das Mißbehagen über die Sache wesentuich 
Jedämpft durch folgende Mittheilung aus Paris: 
„Die Stunde des Sattelkissens (vulgo Tournüre) 
jat geschlagen. Die Abwerfung des Auswuqhse⸗ 
eht wiedecum von Paris aus. Bei der jetzt n 
xFu stattgehabten Dänisch-Orleanistischen Hochen 
Aschienen die Braut wie alie anderen Damen ohne w 
innatürliche Anhängsel. Die vornehme Welt n 
ich jetzt beeilen, das Sattelkissen abzuwerfen, welhes 
nunmehr nur noch von Dienstmädchen, p 
frauen und Näherinnen, außerdem natürlich m 
‚on gewissen Nachtwandlerinnen getragen w 
vird. Mit der von einigen Spekulanten genahen 
doffnung, das Sattelkissen werde sich wiederum zu 
Fehkorb entwickeln, ist (s nunmehr vordei. mm⸗ 
p (Ein kostbates Fundstück.) In einem * 
schriebenen Briefe, der aus Göttingen —7 
'and ein Postbote in Berhin einen Geld 
nit 3400 Mark Werthaugabe, welcher sich 
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