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        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
Xr. J. Sonntag, den 1. Januar
18
Neujahrsmorgen.

Schwiagst Du dich aufwärts in der Gottheit Licht!
Drum sei getrost, trotz aller Müh' und Sorgen
Bald leuchtet dir ein ew'ger Neujahrsmorgen
Vorbei auch das!“ des Jahres jungen Morgen
ungi von den Thürmen hell sein Wiegenlied,
Und in den Glocken tönen Lust und Sorgen,

Und Freud' und Leid was bleibet und was flieht;
Das rauschen sie der Seele, der im Horchen

Des Lebens bunter Traum vorüberzieht:
Bald will's ein Etwas' bald edr Nichts ihr scheinen
Und wechselnd mag sie jauchzen mag sie weinen.

— — — — —
Gerettet.
Novelle von Andre Hugegs.

Ein Schweben zwischen Lächeln, zwischen Thränen,
Ein Enden, wenn wir angefangen kaum —

Ein Zwischending von Haben und sich Sehnen,

Ein blüh'nder in der Wurzel kranker Baum.

Halb wahres Glück, halb nur ein glücklich Wähnen,
Ein halbes Wachen und ein halber Traum. —
So eilt des Lebens Fluth an uns vorüber,

Und zieht uns schnell in's and're Sein hinüber.

(Fortsetzung..

Wie durch ein Wunder gerettet, stand Bruns
noch fest auf einem Stücke eines abgebrochenen
Balkens. Rings um ihn eilte ein erstickender
Qualm durch das Fenfter, an dem er stand,
in das Freie. Jetzt übersah er erst das Qual—
volle seiner Lage; vor sich die gähnende
Tiefe, hinter sich die Höhe des Thurmes mit
dem trügerischen Seile.

Ein Gedanke durchflog sein Inneres, als
er wieder zur Höhlung des Thurmes blickte,
in der ein Stuüͤck brennende Treppe ein helles
Licht über die dunkeln Wände wars. In ge⸗
rader Richtung unter ihm mußte sich die
AV

Schnell entschlossen zog er daz übrig ge—
bliebene Stück Seil von der Außenseite des
Thurmes herein und warf es in die Tiefe.
Es ging weiter, als er gedacht hatte. Ohne
auf die nachbröckelnden Steine zu achten, klet⸗
herte er an dem Seile hinab. Als er in der
Nähe des Einganges angekommen zu sein
glaubte, suchte er nach der Steinplatte. Er
jand sie nicht. Der Angstschweis trat ihm auf

die Stirne.
Abwechselnd mit der einen oder der andern
Hand daß Seil fassend, hielt er fich eine

Knd, Wandern, Wandern!“ tönt's all' was gewefen
Wird wieder sein, wie Tag und Nacht erscheint;
Es trennen, es begegnen sich die Wesen,

Der Mensch bewundert. zürnet lacht und weint;
Und auf des Pilgers Hügel ist zu lesen:
„Hier ruht er,“ was die Liebe hold geeint —
Zerriß der Tod, und bald nach wenigen Jahren
Ist keiner mehr von Allen, die da waren —
Drum hoch den Blid in jene Sonnenhelle,

Die Uüber dem Gewirr hoidselig lacht

Wo ob der Meerflut schaumgepeitschier Welle

Der stille Mond in heil'ger Ruͤhe wacht.

Hinauf zu deines Vaterhauses Schwelle,

O Menschengeist, entschwing' dich durch die Nacht!
Du bist ein Pilger jener schönen Ferne,

Und nennst Dein Heimathland die ew'gen Sterne.
Vorbei auch das!“ dann jubeln wir, wenn trübe
Die alte Erdennacht zerreißt und licht

Das Himmels⸗Neujahr in das Reich der Liebe
Mit holdem Engelsgruß dich ruft — dann bricht
Die Kette, und mit Joldnem Freiheitstriebe
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        Weile schwebend in der Luft, bis er merkie,
daß seine Kräfte shwanden. Eine Todesahnung
durchlief ihn — er schloß die Augen. Et
vermochte sich nicht mehr zu halten — er
glitt ein Stück an dem Seile hinab. Die
Selbsterhaltung machte sich geltend in ihm.
Er faßte mit Aufvietung aller Kräfte noch
einmal das Seil fest und blickte um sich.

Der Ring war unmittelbar vor ihm in
der Mauerritze der Wand.

Mit zitternder Hand griff er danach. Ein
Ruck und die Steinplarte bewegte fich geräusch⸗
los und geheimnißvoll, Neues Leben durch⸗
strömte ihn. Er schob den Stein auf die
Seite und schwang sich durch die Oeffnung.
Die kleine Thür, welche zu dem hohlen Raum
führte, war bald erreicht, nachdem er die
schmale Wendeltreppe hinabgeeilt war. Er schau⸗
derte zusammen, diesen Ort noch einmal be⸗
rreten zu müssen, allein es war der einzige
Weg zu seiner Rettung.

Er hob den Drücker der Thüre — —
er versagte den Dienst. Er stemmte sich gegen
die Thine — sie spottete seiner Anstrengung.
Die Trümmer der Glocke und der beiden
Deden der Thürmerwohnung, sowie sonstiges
Gebälk hatlen sich hinter dieselbe gelegt und
auf diese Weise den Eingang verschlossen.

Lebendig begraben!“ schrie Bruno in
seinem Schmerze auf, nachdem er sich entseßt
in der schreclichen Finsterniß umgesehen hatte.
Zerechtet Gott im Himmel, sei mir gnädig
und barmherzig und strafe mich nicht allzuhart.
Du kannst es nicht wollen, daß ich hier dem
Tode Preiß gegeben sei, daß hier mein junges
Leben ende. Herr im Himmel hilf!“

Er taumelie gegen die Wand. Das Heri
klopfte hörbar und drohte zu zerspringen.
srampfhaft wollte er die beiden Häude über
demseiben zusammenpressen, als ihm bei dieser
VReweguug etwas Klirrendes entfiel — es war
das 'an dem Steigergurt befestigte, kleine
Handbeil.

Wenn der Ertrinkende einen Strohhalm
erblickt, so hascht er danach in der Meinung,
durch ihn Rettung erlangen zu lönnen, und
der Gebanke daran flößt ihm neuen Muth,
neues Vertrauen ein. Wenn ein thatkräftiger,
in seiner dollen Blüthe stehender junger Mann
sehi, daß der Weg zum Leben abgeschnitten

ist, dann klammert er sich mit seiner nie ver
gehenden und doch so oft täuschenden Hoffnung
an den geringfügigsten Gegenstand, von dem
er Erlösung hofft.

Das kleine Beil sollte und mußte ihm
Rettung bringen. Mit gewichtigen Schlägen
slog es gegen die eiserne Thür. Eitles Wähnen,
ities Hoffen! Die kräftig geführten Schläge
prallten an der eisernen Pforte ab und spot⸗
eten seiner Anstrengung. Ermüdet ließ er
aach kurzer Zeit von seinem Vorhaben ab;
eine stumme Resignation erfaßte ihn.

In diesem Zustande verblieb er eine Weile.
Da schnellte er plößlich auf. Er tastete an
der Wand nach dem Aufgang zur Treppe
umher. Er fand sie. Er rannte die Stufen
hinan, in der Meinungz, daß das Seil noch
‚orhanden sei und ihn wenigstens zu seinem
rüheren Standpunkt an dem kleinen Fenster
bringen mußte.

Er starrte hinaus aus der Oeffnung, er
haschte nach dem Seile, das ihn bisher ge⸗
Fracht hatte, — vergebens. Er blidte in die
döhe. Glimmend und in der Luft schaukelnd
dewahrte er es in unerreichbarer Hohe
aber sich.

„Auch hier keine Rettung, nicht einmnal
Hhoffnung! Eingeschlossen und — lebendig be⸗
graben. O großer Gott, sei mir gnädig !“ rief
er, als er in den kleinen Raum zurückgekrochen
war. Er warf sich auf die Knie, seine Lippen
bewegten sich leise im Gebet.

ẽs schien ihn gestärkt und ermuthigt zu
haben.

In fieberhafter Aufregung rannte er die
Wendeltreppe hinab. Als er vor der eisernen
Thüre wieder angekemmee war, stemmte er
sich mit Aufbietung aller seiner Krafte gegen
die Thür, um den Eingang mit Gewalt zu
erzwingen — die Thür wich und wankte nicht,
denn es lagen zu viel Trümmer hinter der
risernen Pforte, als daß sie eine Menschenkraft
auf die Seite hätte zu drücken vermögen.

Noch einmai schrie er laut auf; Lebendig
begraben!“ dann wiederholten eß seine Lippen
noch mehrmals leiser und leiser werdend.

In dem kleinen Raum herrschte Tod⸗
tenstille.

Auf dem Marktplaze war eß nach und
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        nach stiller geworden. Der obere Theil des
Thurmes brannte in sich zusammen, da es
für die Löschmannschaften rein —XI
dem gierig zehrenden Elemente beilommen zu
sönnen. Die Feuerwehrleute hatten sich an
hre Spritzen postirt; die ueugierigen Zuschauer
hatten mit Ausnahme einzelner wenigen Grup⸗
den den Marktplaß verlassen ·ãAT. J
Erst nach ungefähr acht Tagen konnte man
zu der Tiefe des hohlen Thurmes gelangen
ind den Schutt, unter dem der Leichnam des
Thürmers und Bruno's fich befinden mußte,
herausschaffen. Als dies geschehen, brachten die
Zeitungen folgendes Referat über die Feuers⸗
zrunst und die dabei stattgefundenen Ereig⸗
nisse, aus dem wir die Beschreibung des
Feuers selbst hinweglassen und nur das geben,
Zas füe den weiteren Verlauf unserer Er⸗
aͤhlung von Intersse ist:

.27 Zwischen den

berlohlten Trümmern fauden sich auch einige
haufen Knochen, die Ueberreste des schwach⸗
uͤnnigen Thürmers zu St. Jakob und die
des jungen Mannes, der die Rettung des
jungen Mädchens, der Tochter des Thürmers
mit seinem Leben dezahlt hat. Wie sich aus
dem Notizbuche des Fremden, decdosich in dem
Ueberzieher, den er von seinem Wagniß ab⸗
gelegt hatte, vorgefunden, ersehen läßt, ist es
der von den meisten Einwohnern M... .
z gekannte Pflegesohn des verunolücten Thür⸗
mers, Bruno Hell.

Leidet ruht auf demse! ein schwerer
Verdacht. Aus einem in feinem Notizbuche
aufgefundenen Briefe und einer Anzahl ge⸗
falschter preußischer und englischer Banknoten
jaßt sich erlennen, daß er entweder der Ver⸗
fertiger oder ein Agent einer weitverzweigten
Baunergesellschaft und Falschmünzerbande ge⸗
wesen isi, die ihr Wesen, wie aus dem Cour·
siren so vieler falschen Banknoten in unserer
Begend hervorgeht, leider auch bei uns ent⸗
faltet haben. Zwar steht dem ꝛc. Hell der
Jute Leumund zur Seite, den derselbe wäh⸗
rend seines Hierseins genossen hat, allein die
Beweise gegen ihn liegen so klar vor, daß
von einem Zweifel nicht mehr die Rede sein
ann. Ein endgültiges Urtheil zu fällen ist hier
mmoͤglich.

Iin dem Aufkommen des jungen Mäde

hens wird sehr gezweifelt, da die Contu sior
die sie bei dem Sturze erlitten hat, ziem
be deutender Art sind.

Ein bis jetzt noch nicht aufgellärter Un
dand ist der Schnitt in dem Kletterseil. Das⸗
elbe ist nämlich ungefähr in der halben Höhe
des Thurmes zur größeren Hälfte durchschnitten,
o daß es nur zu verwundern ist, wie die ge⸗
hrliche Stelle bei dem Hinaufklettern Bruno
Hesls halten konnte und erst nachdem das
Maädchen in dem Rettungssacke schon zur
dälfte den Thurm vassirt hatte, reißen
lonute.

Vermuthungen über eine böswillige Ver⸗
letzung des Seils liegen nicht vor.“
7. Das Epheuhaus.

Auf den mit Schlöfsern und alten Burg⸗
ruinen reich ausgestatteten Vorhöhen des Har⸗
zes erhebt sich ein von zo hlreichen Thälern
zurchfurchtes Hochland.

In einem dieser Thäler liegt das große
hermann'sche Eisenwerl, das weit und breit
zurch seine ausgezeichneten Produkte bekannt
ist. Seine große Thäligkeit bekundet es zur
hHenüge durch die zahlreichen, hohen Schlote,
zie fortwährend dawnfend und qualmend den
Rauch in die Bergesluft stromen lassen.

Durch »inen lang sich hinziehenden Berg⸗
rücken ist dens Thal von einem andern, pa⸗
allel mit ihm laufenden getrennt. Es ist das
Begenbild der schaffenden Thatigkeit des über
dem Bergrücken liegenden.

In kLinzelnen Häusern und gerstreuten
Behoften liegen die Besitzungen eines frischen.
gewedten Volksstammes, dessen Beschaftigung
froß der unmittelbar neben ihrem Thele auf⸗
getauchten Eisenindustrie dieselbe geblieben ist,
nd die, unbeirrt vom lockenden Gewinn der
risengrbeit, derselben, dem Vogelfang, nach⸗
jehen. Rund herum um den ziemlich beden⸗
enden Hochlandjee liegen die Befitzungen der
inzelnen Inhaber so romantisch und friedlich
deisammen, daß Jeder von der Freundlichkeit
ind Schönheit der prachtvollen Landschaft
ingeheimelt wird, wenn er aus dem gehörbe⸗
eidigenden, wirren Getöse des „Eisenthales,“
die die Bewohner der dortigen Gegend die
rusgedehnteun wvᷣabrilanlagen des Hermann'schen
Derkes nennen, herauttritt, und Jedem bis
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        zu dem Scheitel des Bergrückens nachtönt.
Es ist ein herrlicher Anblick von der Höhe aus
nach dem See hinüber.

Dort, wo derselbe eine Art kleine Bucht
bildet, liegt ein Haus, dessen Dasein nur durch
das glänzend graue Schieferdach bezeichnet
wird, da alle vier Wände desselben bis zum
Dache von mehreren, viele Jahrzehnte alten
Epheustöcken umwachsen und bedeckt sind.
Diejer Eigenschaft verdankt das Gebäude den
Namen „Epheuhaus.“ Lange Zeit war das⸗
selbe im Besitze eines großen Kaufmanns aus
Rlausthal gewesen, der es seiner reizenden
Lage wegen gekauft und verschönert hatte.
um es einige Wochen im Hochsommer als je⸗
weiligen Aufenthalt benutzen zu können. Nach
jeinem Tode war es in den Besitß eines
Mühlendesitzers übergegangen und von ihm
permiethet worden, bis die fremde, schwarze
Dame die hiesige Gegend bereist, und Gefallen
an der stillen einsamen Klause gefunden und
das Haus dem Mühlenbesitzer abgekauft hatte.

Die Bevbölkerung der Gegend bestand, wie
schon oben angedeutet, meist aus Vogelstellern.
Während nun die älteren Glieder der Fa⸗
milien den Tag über ihren Geschäften nach⸗
gingen, mußten die Kinder ebenfalls zum
Lebensunterhalt mit beitragen, indem sie durch
Sammeln von Waldbeeren und Verkaufen
derselben in die Stadt den Verdienst erhöhen
dalfen.

Da war eines Tages die „schwarze Dame,“
mit welchen Namen dieselbe ihrer schwarzen
stleidung halber belegt wurde, unter sie ge⸗
treten und hatte sie, die Kinder, zu sich ein⸗
geladen, um ihnen einen anderen Weg zu
seigen, auf dem sie mehr zu erwerben ver⸗
möchten, als auf dem jetzigen. Die Kleinen
waren gekommen. Da haͤtte sie ihnen allerlei
Handarbeiten und Fertigkeiten gelehrt, die bei
einer weit geringeren Anstrengung viel loh⸗
nender waren, als ihre früheren Beschäf⸗
tigungen. Die Kinder waren wiedergekommen
und hatten nach und nach ihren Besuch so
regelmäßig eingerichtet, daß, wenn die Kinder
rach den Epheuhause gingen, es aussah, alt
desuchten sie zur bestimmten Zeit die Schule.

Dabei hatte die schwarze Dame durch

jhre Liebe und Freundlichkeit gar bald die
Herzen der Kleinen in einem solchen Maße
erobert, daß es für dieselben als eine Strafe
galt, wenn sie nicht zur „Tante,“ wie sich
die schwarze Dame nennen ließ, gehen durften.
Ebenso wie die Herzen der Kinder für sie
schlugen, so war sie auch von dem erwachsenen
Theile der Bevölkerung geliebt und verehrt,
da sie stets da, wo es galt, einzugreifen und
zu helfen, die Erste war, welche dem Bedräng⸗
ten die helfende Hand bot.

Niemand wußte, woher sie gekommen war
und Niemand fragte darnach. In ihrem so
segensreichen, stillen Wirken hatte sie bereits
vier Jahre in dem Epheuhause, in welchem
außer ihr nur noch eine alte Wirthschafterin
vohnte, verlebt. Sie mußte diese Person
um sich haben, weil sie den größlen Theil des
Tages entweder mit dem Unterricht der Kin⸗
der oder auf Besuchen außerhalb des Hauses
zubrachte. War irgendwo ein frohes Fami—
lieufest, so war sie gewiß die Erste, welche
die Betreffenden mit Geschenken überraschte
oder durch irgend eine andere Aufmerksamkeit
jur Verschönerung des Festes beitrug. War
irgendwo ein Leidendes, so war sie es, welche
Trost und Erquickung brachte und Alles auf-
bot, um die Leiden desselben so ertraͤchtlich
als irgend nur möglich zu machen.

Ein blasser Teint überzog das regelmäßig
geschnittene Geficht, so viel man durch den
schwarzen Schleitec, der das Gesicht, außer⸗
halb ihrer Häuslihkeit stets bedeckte, zu erkennen
permochte. Das große, sinnende und träume⸗
rische Auge war siets dasselbe ffreundlich bli⸗
kende, klonnte jedoch den schmerzlichen Ausdruck
nicht ganz verwischen, der von Zeit zu Zeit
sich darüber breitete. Ein thränenfeuchtes
Uuge wollten Manche gesehen haben, besonders
bei Verlobungen und Hochzeiten; doch wurde
dies auch wieder von Anderen bestritten. Nur

rin einziges Mädchen blieb bei ihrer Behaup⸗
jung, daß ein Tropfen jenes köstlichen Thaues
über ihre Wangen geperlt sei, als sie ihr
die Nachricht von ihrer Verlobung überbracht
habe.

(Forisetzung folgt.)

Druds und Berlag von F. X. De metzz in St. Ingbert.
        <pb n="5" />
        A
Anterhaltungsblatt

nq
St. Ingberter Anzeiger.

1
Dieussstaz. den 8. Juauar
717587

Gerettet. 5
Novelle von Andre Hugg.
— ——

(Fortsetzung h.

Aus diesem Umst ande schloß man 2. und
Biele meinten nicht ganz mit Unrecht — daß
wohl ein verborgener Liebeslummer an ihrem
Herzen nagen müsse. daß dieser den Grund
ihrer Zurückgezogenheit bilde.

Der klein⸗ Kreis von Männern, den sie
wöchentlich einige Mal um sich sah, bestand
aus dem Pastor des nahen Dorfes und den
heiden Fösstern der angrenjenden Waldungen.

Helenen's Freundlichkeit — denn als diese
wird der Leser die „schwarze Dame des Epheu⸗
hauses“ jedenfalls bereits erkannt haben —
und ihre Zuvorkommenheit hatte zuerst deu
greisen Pastor gefefselt, der ihr jeßt in allen
Stücken, wie ein liebevoller Vater, zur Seite
stand und sogar ihr nicht unbeträchtliches Ver⸗
moögen, das sie durch den Verkauf der Edel⸗
steine erworben hatie, verwaltete, so daß aus
dem ursprünglich rein freundschaftlichen Ver⸗
zältniß ein Zusammengehen wie zwischen Va⸗
ler und Tochter eutstanden war. Die gefell⸗
schaftlichen Schranken der Aurede waren deß
halb auch zvischen den Beiden gefallen, indem
sich Helene von dem Pastor das ,„Du“ aus—
gebeten hatte. Dann hatten sich die deioden
Förster dem Bannkreise ihrer Liebenswürdigkeit
genähert und konnten, einmal eingetrejen, au
demselben sich nicht wieder loßreißen“ Er
varen beide Männer von derben Ansishten,
ie, nicht nach der modernen W.elt gerathen,
3

den unverfälschten Ste pel der Eyrlichkeit und
Wahrheit an sich truzgenn.

Aus diefen drei Männern und Helene be⸗
stand die nicht seltene Gesellschaft in Epheu⸗
hause. Austausch der verschiedenartigsten An-
ichten über das Thun uad Treiben derselben
und dergleichen Denge baldeten die stetuͤ
Unterhaltungsgegenstände, wenn die Gesellschaft
ooslzählich war. Waren dagezen die Biäden,
der Pastor und seine „Pflegetochter,“ wie sich
derselbe scherzweise auszudrücken pflegte, allein
zusammen, saßen sie stundenlang an dem Ufer
des See's, der seine plätschernden Wellen bis
au den Garten Helenen's trug, so e streckte
sich die Unterhaltung mehr auf Vergangenes,
Erlebtes. ——

Die Resultate, die ein derartiger Umgang
nothwendigerweise mit sich bringen mußte, waren
auch nicht auszeblieben. Helenen's frühere
Melancholie und Abgeschlossenheit war nach
und nach, wenigstens äüußerlich. wir wollen
nicht sagen, einem heileren. wohl aber einen
jufriedeneren, froheren Sinn gewichen, der
auf die ganze Gestalt aꝛd Ecscheinung üͤber⸗
fra gen, derselben ein harmonisches Etwas au⸗
ha achte, das selbst den oberflchlichsten Beobach⸗
ter fesseln mußte.
ue

Es war ein heißer Som nerabend. Die
Luft ziemlich schwül. wurde von keinem Wiud⸗
hauche b'wegt; die Häuser ringzan waren
wie aus zestorben; nur hie Und da ließ noch
ein gesiedecter Säuget sein schmetterudes Lied⸗
chen in die warnie Sommerluft hinaustönen,
um die heimische Stile sekandenlang zu unn.
—F
        <pb n="6" />
        Delene, saß mit einer weiblichen Arbeit
keschäftigt, dor dem Epheuhause. Auf dem
Tische ftanden noch die Ueberrefte emes fru⸗
galen Abendbrotes, tach; dessen Besihß der
tleine, allerlienste Wachtelhund schmachtete und
endlich seine Herrin vorsichtig mit der ausge⸗
rectten Pfote am Arme berührte, um ihr seine
Wünsche erkenuen zu geben. Sie schob ihm
den Teller, mit den übriggebliebenen Speise—
resten zu.3.

Sie wollte in ihrer Arbeit fortfahren,
allein so sehr sie sich auh zwang, es wollie
ihr heute nicht gelingen. Den' träumerischen
und heute etwas umschleierten Blick in die
Ferne gerichtet, sah fie dem prachtvollen Schau⸗
jpiele des Sonnenuntergaugs zu, der ihr fast
noch nie so schn vorgelommen war, als ge⸗
rade heute.

Ueber den ganzen Himmel war rine tiefe
Purpurgluth gegossen, die sich zusebendẽ ver⸗
breitete und die einzelnen Bergspfhen und
Burgen in der Ferne im hellen Abendschein
eiglünzen ließ. Die dankele Bergwand, in
dlauen Nebel gehüllt, bildete, um die Scenerie
vollständig zu machen, die Staffage zu dem
Bilde, das sich von dem Platze aus, auf
dem Helene verweilte, dem beschauenden Auge
bot. Dazu tönten auf einmal einzelne Glocken⸗
geläute aus den nahen Dörfern mit ihren
taufendfditigen Echos in den Bergen zu Helene
herüber, daß es ihr mie ein heiliger Schauer
überlam und sie unwilldührlich die Hande
jallen mußte, bis sich das aufgerollte Gemälde
wieder verwandelte·.

Das Abendgeläute hatte aufgehört, ebenso
sendete das Abendroth seine leßten Töne in
die Wolken, bis auch dies aufhörie. Es wurde
immer ruhiger und stiller um sie her; eine
gew sse Feierlichkeit, ein tiefer Ernst hatte
sich über ihre ganze Umgebung gebreitet, was
ss recht innig mit ihrem Innern harmo⸗
nirte. —

Wexnn es so recht siill um uns her ge⸗
worden ist,“ daun fühlen wir es deutlich, wie

nach und nach alle Gidanken und Eupfin⸗
dunzen, die im Wirbellaufe des Tages zer⸗
streut umher geschwebt sind, in die Menschen⸗
brust zurückehren und dort allmählich, geister⸗
haft, wie auf sant⸗en Filtichen wieder ein⸗
hren und sich uni den einen, den wichtigsten

und bestimmendsten Puakt des menschlichen
Lebenez, die Liebe, concentriten.

*Helene hatte am Tage viel gedacht. In
leichten Nebelgebilden zogen die Bilder ihrer
Jugend und ihrer Jugendträume an ihrem
Jeistigen Auge vorüber, bis sie au dem einen
Bilde haften blieben, das ihr garzes Sein
erfüllte, wenn es sich vor ihr aufrollte. Bruno
und immer wieder Bruno war es, er, der in
jeiner Liebe zu ihr sein Leben geopfert, Es
reihten sich wieder andere Bilder an; ihre
Benefuxg in M....5; die Anträge Hos⸗
mann's, der ihr, nachden sie Brunn wieder
gesehen, ihn gesprochhen und sie gerettet, in
dem Innerften ihrer Seele zuwider war; der
Tod der alten Anne; die Reisen durch die
xerschiedensten Gegenden Teutschlands; ihre
Aukunft in der hiesigen Gegend; der Ge⸗
salln an dem Epheuhause und der daraus
entstandene Kauf desselben; ihr Wirken, ihr
deben auf der Stätte des Erdbodens, auf der
je he Leben in stiller Zurückgezogenheit zu
verbringen gedachte.

Ganz in diese Bilder der Vergangenheit
versunken, hatte sie die herbeitretende, alte
Wirthschafterin überhört, die in stets ge—
chaͤftiger Eile die neuen Zeitungen aus der
Stadt brachte. 5

„Fräulein — die Zeitungen!“ sagte diese
ju der noch immer in Gedanken Dasitzenden,
indem fie zu gleicher Zeit die Schulter He⸗
leuens leicht berührtte....

Erschreckt fuhr Helene zusammen, strich
mit der feinen, weißen Hand über die Stirne,
hinter deren Wand soeben die bunten und
vielgestaltigen Bilder dahingegangener Zeiten
voxubergezogen waren.

Mit einem freundlichen Lächeln dankend,
nahm sie schweigend der Alten die Zeitungen
ab uund durchblätterte sie. Plötzlich blteb ihr
Auge mit besonderer Spannung auf „einer
Stelle haften. Sie überlas dieselbe noch einmal;
sie hatte sich nicht getäuscht — es war Wirk⸗
lichkeit.

Die Hand mit dem Zeitungsblatt sank in
ihren Schooß. Ihr bewegtes Junere qab sich
auch äußerlich kund — ein tiefer Seufzer
entwand fich ihrer Baust. Die Stelle mußte
von ganz besonderer Wichtigkeit sein, denn
helene nahm das Zeitungsblatt noch ein mal
        <pb n="7" />
        ju Haud, überlas die Sielle noch einmal,
Fießmal aber laut, daß man jedes ihrer
Worte deullich verstehen konnte:

Mee. .., den 8. Juli.

Heute wurde die Falschmünzerwerkstatt
des früheren Technikers, jetzt Lithagraphen
Hofmann von den Gerichten verschlossen. Der
Besiher hat nämlich durch Lithographie und
sonstige Hilfamittel so täuschende Nachbildun⸗
gen preußischer und englischer Banknoten ge⸗
sertigt, daß ein geübter Fachmann dazu gehört,
bieselben als Fälschungen zu erkennen. Die
Falsifikate sollen die Höhe von ziemlich 800,000
Thalern erreichen.

Leider hat sich der Betrüger durch die
Flucht den Armen des Gerichts entzogen, allein
man glaubt, desselben binnen Kurzem hadhaft
werden zu tönnen, da nach allen bedeutendern
Orten telegraphische Depeschen und Stedbriefe
entsendet worden sind.

In einem Schreiben, das er zurüdgelassen,
giebt er unter Anderem an, daß der den
Lesern dieses Blattes durch die Rettung des
Mädchens, der Thürmerstochter zu St. Jacob,
bekannt gewordene und verunglückte Bruno
Hell, in dessen Brieftasche, wie wir sei⸗
nerzeit mittheilten, gefälschte Banknoten und
ein verdächtiger Brief aufgefunden wurde,
ganz und gar unschuldig sei, daß er vielmehr
die Falsifikate in die Brieftasche Hells gebracht
habe, um einen möglicherweise eintretenden
Verdacht von sich abzuwälzen.

Wir bringen diese Nachricht um so lieber, als
der betreffende Hell, dessen Gebeine auf unserm
Nirchhofe ruhen, vor aller Welt nun cerecht⸗
fertigt dasteht. Bei der Hausdurchsuchung sind
auch einige uneröffnete Briefe an Fräulein
Helene Hell aufgesunden worden. Dieselben
sünd von Gerichtswegen eröffnet worden und
enthalten für diese nicht unwichtige Mittheil⸗
ungen. Der Aufenthalt der genannten Dame
ist seit Jahren nicht mehr bekannt. Sollte sich
die betreffende Eigenthümerin melden, so stehen
ihr die Briefe jederzeit zu Gebote.“

In diesem Augenblicke knarrte die Garten⸗
thüre. Helene blickte hin und gewahrie den
greisen Pastor. Sie flog auf ihn zu, daß der
alte Mann verwundert den Kopf schüttelte.
Er konnte kaum fein übliches „Grüß' Gott,
meine Tochter!“ anbringen.

Helene konnte nicht antworten. Sie klam⸗
nerte sich fest an den Arm des Greises und
sog ihn in ihrer ungewoͤhnlichen Aufregung
hach dem Tische, auf dem' die Zeitungen
agen.
.Ach, Ehrwürden,“ sagte sie hier, das
Zeitungsblatt vom Tische nehmend, „et ist
ine Nachricht, eine bedeutende Nachricht ein⸗
gelaufen “

Worüber, wein Kind ?“ fragte er.

O lesen Sie, lesen Sie!“

Helene reichte ihm das Zeitungsblatt, be⸗
zeichnete ihm die betreffende Stelle und bes⸗
bachtete dann mit gespannter Aufmerksamleit
die Züge des Pastor.

Nun, was meinen Sie, Ehrwürden 7
frag?e Helene, als er das Zeitungsblatt
jenkte.

„Was ich meine! Je nun! Ich denke
daß es recht gut ist, daß Bruno auf diese
Weise gerechtfertigt ist und daß alles Böse in
der Welt seinen verdienten Lohn empfängt.
Wohl begabt unser allmächtiger Schöpfer den
Bosen mit Falschheit und List, seine dunklen
Teaten auszuführen, doch schlägt er ihn auch
gerade mit Blindheit, wo er am meisten seine
verbrecherische Thätigkeit zu verdecken noͤthig
sätte und gebietet ihn ein allmächtiges don⸗
nerndes Halt. Das Maß war voll, es mußte
überlaufen“

Die Gartenthüre knarrte abirmals, als
der ehrwürdige VPastor geendet. Die beiden
Forster traten durch dieselbe, um die Gesell⸗
schaft zu vervollständigen. *

Helene sprang ihnen ebenfalls entgegen,
führie sie an den Tisch und theilte auch ihnen
das frohe Erlebniß des Tages mi.

Der Pastor versprach nun gleich am
nächsten Tage nach Me.. schreiden zu
wollen, damilt man in ungefähr vier Tagen
im Besitz der Briefe sein önne·

Der Leser lann sich denken, daß sich das
Gespraͤch an diesen Abend uun keinen anderen
Gegenstand drehte. Die ganze Erlebnisse He⸗
lenent kamen dabei wieder zur Sprache und
boten durch ihre Mannichfaltigkeit reichlichen
—A die eben
geführt wurde, als die Gartenthür wieder ge⸗
öffnet wurde. e eaa
Der Fine der Förfter nahm die unterdeß
        <pb n="8" />
        3
3
angezündete Windlampe von dem, Tische und
ging mit dieser, da der Abend jetzt vollstandig
hereingebrochen war, dem Ankommenden ent⸗
gegen.

. 3 x

Dann danke ich Ihnen bestens im Na⸗
men meiner Arbeiter!“ sagte der Retriebs⸗
director.

Er wollte aufstehen und sich eutfernen,
allein“die Gesellschaft ließ ihn nicht fort, son⸗
dern nöthigte ihn, an der einfachen Unter⸗
haltung Theil zu nehmen, die, mit dem Ge⸗
schraubtsein des Salontones nichts gemein
hahend, sich im gemüthvollen Austausche der
verschiedenartigsten Meinungen und Gedanken
bewegte.

Es war ziemlich spät geworden, als die
Gesellschaft fröhlich durch die hentigen Ereig nifsse
bewegt, auseinandergiing.
Dee später aufgehende Mond blickte noch nach
Mitternacht in die offenen Auzen Helenens. —

(Fortse zung folgt.) n

Ah. Herr Betriebsdireltor Tempel!“ re⸗
deie er den Mann an, als er demselben mit
der hochgehaltenen Laupe, in das Gesicht ge ·
leuchtet hatte. „Bitte, trelen Sie näher; Sie
sind willkommen!“ —

Der Genannten näherte sich dem Lische.

Würde ich in jede andre Gesellschaft
als ungebetener Gast eintreten, so würde ich
wegen der verurfachten Störung höflichst um
Entschuldigung bitten, da ich jedoch weß. daß
hier in diesem glücktichen Hause eine Störung
so. leicht nicht vorkommen dann, so bedarf es
alis deren nicht!“

Der Förfter hatte die Lampe wieder aus
den Tisch gesetzt, dem Betriebsdirector einen
Stuhl hingeschoben und nöthigte ihn jeht, fich
niederzulaffe.

Der Betriebsdirector setzte sichh.

„Ich suchte Sie Beide, meine Herren
Foörster!“ fagte er, als er mit dem Stuhl
etwas näher an den Tisch zerangerückt war.
„Da ich Sie nicht zu Hause fand, begab ich
mich hierher, weil mir der Gedauke kam, daß
sie jedenfallz an dem allerdings heute herr⸗
lichen Sommerabend hierher gegangen sein
möchten. Nun, ich habe. Sie gefunden —
deshalb zur Sache. Der Grund meines Be⸗
suchs ist eine Bitte.

Und worin besteht diese d fragte der Ael⸗
lere der beiden Förster.
In einigen Tagen trifft unser neuer
Geschästsführer aus Frankreich hier ein, zu
dessen Empfange die Arbeiter eine kleine Emp⸗
fangsfeierlichleit vorbereiten wollen. Dazu be⸗
dürfen sie nun des grünen Waldschmuckes, den
sie ohne Ihre Erlaubniß aus den Waldungen
nicht entuehmen dürfen. Wollten Sie daher
unseren Arbeitern geflatten, fFim soviel Reisig
als sie brauchen⸗ aus dem Walde holen zu
dürfen, so würden Sie die Veute zu gan

besonderem Dauke verpflichten!“ 4
Von Herzen gern! !
Sdo viel sie haben moslen!“ meipten die
beiden Foͤrster.
—ä 5. —
Drut ando Verlag von J. A. Dene z in St. Inabert.

Mannig faltige.
Etwas zur Statistik der größten
Städte Europa's

In: KZahl der Einwohner im Jahre Zun. nach

1832. 183869 Procenten.
London.. 1,624000 8,214000 98
Konstantinopel 1,000,000 1,300000 50
paris. 890,000 1850.000 118
New⸗Yort... 197,0082 924 318 368
Zetersburg. 480,000 667,000 27
Reapel ... 858 000 606000 67
Wien ..... 310,000 640,000 107
Dublin.... 300,000 8362,000 21
Moskau.. 280,000 420 000 59
Berlin..... 250,000 800,000 220
Lissabon.... 240,000 340,000 4
Manchester ... 238,000 350,000 49
Amsterdam... 230,000 250, 000 12
Blasgow ... 202,000 401,000 99
Liverpool.. 190,000 520,000 174
Madrid . 190,000 3980,000 105

Janette“ — sagte eine feingebildete
Frau zu ihrem ebenso zarten Kammermädchen —
„trage diese Fliege hinaus.“ Die zarte Zofe
nahm das Insekt aus der Milchkanne und
trug es sanft mit den Fingerspißen hinaus,
lam aber hald wieder damit zurück und sagte
exüsthaft; Gnädige Frau; es regnet draußen.“
        <pb n="9" />
        — Alut erhalt ungsb la

Mo

2*

*

u3

3 ——

e ———— zum
— 3 inh — — * aνααα 2 1 *
— t. Ingberter Anzeiger“*

— [ 2 *
D L F c8

*

r. c2.

Donnerstag, den . anetar
18-,
KRovelle von Audre Hugo..
ortsetzung. 2*
V. Ein Giucklicher.
Einige Tage später lodten Jubelkbne? und
Fteudenqgeschrri die ganze Umgegend nach dem
„Eisenthal“. Mit dem erften Bahnzuge sollte
ja der neue Geschäftsführer aus Frankreich
eintreffen. Alles harrte seiner Ankunst.·
Helene hatte auch das Epheuhaus ver⸗
lafsen ünd war über den Bergrücden gegangen,
um, wenn auch nicht daus nächster Näh⸗ fo
doch von Weitem dem sich immer mehr und
mehr entwickelnden Schauspiele zuzusehen.
Die sonst se thätigen, Rauch unud Qualm
entfendenten Schlote starrten, mit großen
Flaggen geziert, stotz in die reine Gebirgsluft.
Das Pochen, Stampfen und Stöhnen, das
sonst das Thal erfüllte, war verschwunden,
daß man fast zu der Annahme gelangt wäre.
es müsse eine Sabbathsfeier stattfinden, wenn
nicht das emfige und geschäftige Treiben der
Arbeiter diesem widerfprochen hätte. Von allen
Dächern und Zinnen des ausgebreiteter Wer ⸗
kes wehten ebenfalls, wie auf den Schloten,
atoße Flaggen in den Landesfarben, die erft
kürzlich bei der Rundreise bes Königs. auf
der eꝛ auch dus Hermanm'sche Eisenwert in
Uugenschein genommen hatte, angefertigt wor⸗
en waren: Jeßtt ordneten sich auch die bär⸗
igen Arbeiter in ihrem Werkeltagskostüm, das
sich heute jedoch durth das frijche Musjehen
der Leibwaͤsche und. die sonstige VPflege, vie
ff die Schurzleder und die übtigen Sekleie

——
—AII —

dungsgegenfiände verwands worden war, de⸗
sonders auszeichnetie 3

Der Oimmel Felbsi schien das Ganjze be—
günstigen zu wolen, denn nie wollte man
einen schöneren Tag und heiteres Wetter er⸗
lebt habhee.

Ales war in freudiger Stimmung. Helene
stand noch. ünmer quf . ihrem Beobachnungs-
plahe und sah feuchten Auges den Anstren⸗
gungen zum würdigen Empfange des Unlom
menden zu.

Ein Glücklichet !“ lispelten ihre Lippen.
Das Auge leuchtet? in feuchtenr Glanze detit
noch nie halte soeiste sh wehmuthige Stimmun,
erfaßtewdie heute dnun

Auf einmal“krachten die“ Voͤller voltbet
Felsenplateau vdeeeaee Berges⸗
durch das Thal, daß sich der Schall in hun⸗
dertfältigem Echo an den Feljen der Vorhöheu
drach. Es war das Zeichen, daz der Erwar⸗
tete nahe.

—XXVD
dem Eingange des Thales, von wo aus der
Erwarteie hetkommen mußle. wenn er zu bem
Hermann'schen Eisenwert gelangen wolite.

Ein mit bunten Fahnen und grünem Reisi

gefchmüclter Wagen nährtte fich ven dem
Thalgrunde her dem Werke. Als sich ber
Wagen auf ungejähr hundert Schritte den
mifgestellten Arbeiterreihen genähert hatie,
tönte demselben aus mehreren Hunderkt kräf⸗
ngen Männerkehlen Jubel und Hurahrufj
eutgegen, waͤhrend die Böllerschüsse duzwischen
hineinkrachten, alt wolllen sie durch ihre dumpe
fen Schlage jo recht die Bedeutung des Taged
hetonen; ν αιααν α. 23
        <pb n="10" />
        Vergangene Zeiten, warum mahut ihr so

an Euer früheres Dastin sFo

Erfteals dir Lnfl anfiug, sich schnell ad⸗
utühlen »und der Nebel den hellen Lichter⸗
zranz abschwächte, trat Helene den Nachhau⸗
leweg nach dem stillen Epheuhause an.

Sie blickte sich noch einmal um, als sie
den Scheitel des Bergrückens erstiegen. Eine
Thzräne pertte übver ihre Wangen.“

Ein Glückhcher Flüsterlen ihre Lippen.

N Vor den Afpbeiterteiden sfaud —XX
Herren, aut dem. Betriebsdi rector Tempel.
dem Passor, — beiden Foestern und dem
Fombioitpersnaͤle vestehend. *

Eben gelangte derfIWagen zu der Gruppe.

Nach einer kurzen Ausprache des Betriebs⸗
direltors nahm der greise Pastor des Wort
und begrüßte den Angekommenen im Namen
det kleinen Ardritergemeinde. Hierauf schlossen
sich die Hekren den Wagef an und folgten
diesem durch die Reihen der jauchzenden und
Jubelnden Urbeiter, die, sobalde ver Wagen
poruber wat, sich ebenfalls dem Zuge an⸗
reihten.
Aufdiese Weise gelangte man zu den
Urveierwohnungen der Fabrik und dem Werke.
Selbst. die einfachsten und fchlechtesten Hütien
varen von ihren Besißern vach Kraften durch
ainfachen würdigen Schmudk geziert, um die
Festesfreude erhöhen zu helfen.

So war der Zug inmitten des großen
Giebhofes angelangt; die Arbeiter hatten fich
in kinem großen Kreise aufgestellt und er⸗
vatketeezvas Weitere.
Da nahm der neue Geschäftsführer das
Wott und sprach in jo herzlicher, wohlthnene
der Weise zu ihnen, daß es den gewöhnlichen
Ardeitern wie Rührung überlam und sich manche
berllohlene Thräne über die von Wind, Wetter
And Feuer gebräunten Gesichtern stahl.
Ein drsöhnendes Hurrah, wie es beseelter
wohl selten gerufen worden ist, lohnte den
Sprecher. Alle drängten sich um ihn, um
ihni die Hand zu drücken, um ihm dauken zu
lnnen. 34
Dem Morgen foigte ein-ebenso schöner
Minag und Abend. Eine reichliche Bierspende
ert dhie: dig fröhliche heilert Stimmung.
noelene war währende der Mittagse und
Nachmittagezeit nach dem Epheuhaufe zurück
qetührt.zAls sich der Tag jedoch zu Ende
ei gtentehrten sie wieder, zu ihrem Beobach⸗
uungsptatz zuüück von dem, sie aus jeht die
eintende Veltuuchtung der Fabritanlagen
wesgr nehieien koumie, Sie hatte ziemlich lange
hies dethurrt, denn der taufendsternige Illu⸗
aiuationetranz traf mit seinen Strahlen nach
mesrcren Stunden Helene immer noch auf
zyrtun Plate in tiefes Sinnen verloren.

40. Ger⸗ttet. — —

Auf dem Bergrücken zwischen den beiden
Thälern befand sich eine kleine Kapelle. Von
wirrem Gebüech umwachsen, zwischen hohen
Tannen versteckt, wurde dieselbe, obgleich sie
mmer offen stand, doch selten betreten.

Helene liebte dergleichen Ort. Hier lonnte
sie vollständig unbtlaujcht; ihren wefühlen
nachhängen, ohne gestört zu werden; hier
lonnte sie die bunten Bilder ihrer bewegten
Berçgangenheit an sich vorüberziehen laffer
und ungestört au den theuren Verstorbenen
denlen.

Zwei Tage nach der oben beschriebenen
Festuͤchteit ging sie ihrer Gewohnheit gemäß,
soch der Kapelle. Aus dem Wege dahin, lam
ihe der Pastor entgegen. x84

Gulten Morgen, hiebes Kind!“ grüßte er
„Wohin so eilig ?* I

Nach der Kapelle, Ehrwürden!“

Wiust Du jchon wieder grübeln über
Vergangenes, im Strom der Zeit Dahinge⸗
qHwundenes 3 Das sollft Du nicht mehr. Dein
Sinnen, und Trerzben gehöct der Gegenwart
und der Zukunft und nur mit einem sehr
einem Theile der Vergangenheit an. Troh⸗
dem muß ich Dich, so leid es mir thut, an
jene Zeiten in diesem Augenblide erinnern;
zus VN.... sind gestern Abend die Briefe
mn mich gelangi.n Hier sind sie! Vielleicht
geben sie Dir Aufschluß über einen Punkt in
Deiner Vergangenheit, der, wie ich weiß, Dir
bis heute euoch, dunkel geblieben ist. Guten

—XXXD

Der Pastor. entferute sich unter diesen

. helene erstieg mit raschen Schritten und
lopfeuden Herzen den Berg und eilte der
Kapelle zu. Hier ließ Kt ich auf die Moot
        <pb n="11" />
        bauk, hinter der der schmale Fußweg vorbei ⸗
juͤhrie, nieder Sie überlaß bie Adrifsen der
Briefe —8 war Brunos Hand. Mit jit⸗
sernden' Händen erdffnete sie einen um den
andern und durchlas sie bis zum letzten. —

In dken ersten Briefen waren die sen⸗
rigsten Ergüsse eines liebewarnmen Herzens und
die Verscherung ewiger Liebe und z Treue
enthalten, während die letzteren einen ganz
anderen Ton anschlugen. Die Vorwürfe, welche
darin enthalten war en, klangen zwar in keiner
Weise so herb'und verlezend, als sie Helene
aufnahm, doch klang ein so bitterer Ton hin⸗
zurch, daß Helene in ihrem LTiefinnersten er—
bebte. Als sie aber den leyten Brief zur Hand
nahm, der Nichts weiter als einen Glück⸗
punschezu einer zufriedenen, von keinen in⸗
neren Vorwürfen behelligten Ehe mit Hofmann
enthielt, da drohte der Schmerz, ihr die Brust
zersprengen zu wollen.
„Herr des Himmels!“ rief sie aus, laß
mich bei Sinnen! Kann ich denn glauben,
daß Hofmann so intriguenhaft gewesen ist,
daß er die Briefe, welche an mich gelangen soll
jen, behalten und mir gefälschte ürpergeben hat?
Fast möchte ich darau zweifeln und doch —
hier steht die bittere Wahrheit; hier tritt sie
tlar zu Tage“ er dae

Traurig ließ sie den Kopf sinken und
uͤberließ sich dann ihrem Schmerze, der sich
in ihr entwickelte und ihr ganzes Sein er⸗
füllte. —VA
Wer fie in diesem Augenblicke beobachtet
hätte, würde sie eher sür ein lebloses Wesen
ats für ein jugendlich⸗frischesWeib gehalten
haben, wenn nicht einzelne;, über ihre Lippen
schlüpfende Worte das innewohnende Leben
angedeutet hätten.

„Bruno,““ und“ immerwieder!! „Sruns !“
klangees aus dem schön-geschnittenen Mund
hervor, während das schmerzliche Zucken der
Lippen den Orkan verkündete, der i hr Inneres
umwühlte. —. Jetzt erst trat der erbärmliche
Charatter Hofmanns in seiner mastenlosen
GBestalt vor die Seele Helenens; jetzterst
begriff sie die gefpielte Taͤuschung ˖ und Unter⸗
schlagung' der Briefe in ihrem gunzen Umfange,
denn daß sie“ Hofmann gefälscht um“ seinen
jelbstsüchtigen Zwecken ben gewünschten Erfolo

rrreichen zu laffen, das tand ihr jeßl, llar
vor der Seele 3*8
In diese Gedanken noch versunken, be⸗
merkte sie wohl, daß ihr der geflügelte Wind
einen entfallenen Brief auf“ dem Wege nach
dem Eisenwert fortirieb und sein liftiges Spiel
mit demselben begann, allein sie griff“ nicht
darnach .·. *
Auf diesem Wege näherte sich ein Mann,
den wir auf den ersten Blick als den neuen
Geschäftsführer des Herman'schen“ Eisenwerls
erkenaen. Er schritt lanagsam vorwäcts und
näherte sich mehr und mehr der Stelle, an
der Helene, noch immer mit ihren Gedanlen
beschäftigt, sprachios dasaß. n
Eine hohe breite Stirn zeigte den tiefen
Denker während der ungezwungene Gang und
die Leichtigkeit seiner Körperbewegungen neden
erner edlen, man möchte fast sagen, stolzen
Haltung den durch Erfahrungen erstarlten
und gewiegten Mann erkennen ließen.
Der Wind trieb ihm“ den Helene entfal⸗
jenen Brief entgegen . *
Schon wollte er, ohne sich weiter? un
das Blatt zu kümmert, an demifelben gleich⸗
gültig vorübergehen, als es ihm der Wind
unmutelbat vor die Füße wirbelte. Er hob
es auf. J
Als sein Blick die ersten Worte uͤberflogen,
blieb er stehen. Sein Gesicht zeigte jetzt eine
plößliche Röthe, die lebhafte Spannung de—
in ndend, die dat gefundene Blatt auf' ihn
ausüben mußie: Nachdem er es gelesen, ollete
er es ruhig pisammen und verbarg es in
seiner Brusttasche. — *
Im Weiterschreiten hatte er gar bald die
Anhöhe erreicht, auf deffen Scheitel sich die
Tapelle mit der Mo⸗sbank befand. Er hob
die Hand, um, von den Sonmenftrahlen un⸗
belästigt die Gestalt auf der Moosbank besse e
zetrachten zu können. Die Gestalt schien ihn
zu⸗ fesseln; et trat einen Schritt näher.
Helene verharrte noch immer in ihrer
Stimmunt und Situation; sie überhörte das
derantreten des Fremden..
2. Jetzt trat der Geschäfteführer, noch ei nen
Schritt naher an die Gestalt heran;“ daß sein
Schatten übei die Dasitzende“ we ghuschte und
ich deutlich am Erddoden⸗ vor Helene mär⸗
        <pb n="12" />
        4 —3 O
Sie schrack zusamisen und buͤate sig7un
den entlallenen Brief, dessen Herabgleiten,
nicht aber sein Davoneilen ste bemerkte hatte,
aufzuheben. Er war berschwunden, Sie blickte
sich un und sah in die dunkelen, tiefen Augen
eines ihr vollständig fremden Mannes. Eine
Glulhröthe liberzog ihre blassen Wangen.
Bermissen Sie vielleicht diesen Brief,
Madame?“ fragte der Geschäftsführer, indem
er den Brief aus der Brustiasche nahm and
ihn Helenen entgegen hieite
. ẽ. GEchluß olgi.) . * 23
be ——— — —
Mannigfaltigess.
Ein angelehener Kaufmann in Ham⸗
burg, der mit seiner Famlie oberhalb seineß
Geschäftslotals wohnte, hatte zur Hochzeit seiner
ältesten Tochter einen großen Kreig von Ver⸗
wandten und Bekannten eingeladen. Als er
am Abend dieses Tages zufallig die Treppe
herabging, begegnete ihm das Dienstmädchen
mit einem Talglicht in der Hand ohne Leuch⸗
ler. Er machte ihr Vorwürfe über ihre Nach⸗
lässigleit und trat dann in die Küche, um
mit der Wirischafterin etwas zu besprechen.
Nach einigen Minuten erschien auch das Mäd—⸗
chen dort, mit eiuer, Anzahl Weinflaschen
deladen, jedoch ohne Licht. Der Kaufmann
axiunerte sich sogleich, daß er vor einigen Ta⸗
gen ein Faß Pulver in seinen Keller hatte
schaffen laffen. und daß seiu Geschäftsführer
es geöffnet halte, um einem Käufer eine Probe
davon zn zeigen. „Wo hast Du das Licht
elassen 80 fragte er in der größten Aufregung.
—Ich hatte. Jeinen Leuchter und sa habe
ich et in den schwarzen Sand gestedt, der
in einem von den Fässern ist.“ Kaum hatte
sie ausgesprochen, als der Kaufmann nach
dem Keller flürzie. Der Gang bahin war lang
und dunkel, und wie er fo im Finstern her⸗
umtastete, drohten feine Kräfte ihn zu ver⸗
lassen, sein Mund wurde Koden und seine
Knie schlotterten vor Ancst. Kaum n hellen
Theile des Killers augelangt, bemerlte er das
dicht in der geöffneten Palverzonne, gerade
unter dem Theile des Hanses, wo sich seine
Kinder in der ausgelafsensten Freude befanden.
Srud ans Beclag von F.

Daz Faß war. voll bie humn Rande, and das
Dckt. schon ziemlich heruntergebranit, sieckte
in dem Pulver. Der abgebrannte Docht hiug
in Gestalt einer kleinen, glühenden Kohle am
oberen Theil des Lichtes und drohte jeden
Augenblice herab zufallen. J-ht däuchte Nes ihm,
daß er das Licht fallen sehe, noch einmal
raffte er alle Kraft zusammen und näherte sich
dem Foasse. Doch wie sollte er es aus dem
Pulver eutfernen ? Die leiseste Bewegung uͤnd
der glühende derkohlle Docht flel herab! Mit
sellener Geistesgegeuwart legtẽ er langsam und
vorsihtig die Flache einer Hand an jede
Seite der Kerze! mit den Fingern' aufwäͤrts
und bemächtigte sich so indem er die Hände
'achte nach oben bewegte, des Gegenstandes
einer Todesangst. Wieder oben angelangt,
var seine Aufreguͤng vorüber, er lächelte blos
iber die Gefahr, der er and die Seinigen
entronnen waren. Das Läch In eines Wahn-
sinnigen? Der Mann hatte seine Fumilie vor
sicherem Untergange geretket, aber selbst dar⸗
über den Verstand verloren. .
RaärbgrunheIn Eggenstein, einem
Rheinorte in der Nähe von Karlsruhe, trieb
der Stron die Leiche eines preußischen In⸗
fanteristen vom 67. Regiment ans Land. Die
Leichenjchan ergab, daß der Verunglückte er⸗
mordet worden. Es waren ihm hinterrückß
nit einem siumpfen Instrumente der Schädel
zerschmettert und auch sonst noch Wunden
*igebracht worden. Amtliche Recherchen haben
die Person des Unglücklichen festgestellt. Es
ijt der Soidat Wilhelm Lorenz aus Elster⸗
verda, preußische Provinz Sachsen. Wahr⸗
cheinlich · dat er im Elsaß am Rhein Posten
zestanden, ist meuchlerisch erschlagen und danu
n den Rhein geworfen worden. Zu welcher
Zeit das Verbrechen geschah, darüber fehlt jede
Andeutung

——
Ein Kassier der n. ð. Eskompie⸗Gesellschafi
iu Wien zatzlite vor 14 Tagen eine aui 177 fl.
20 tr. Jautende Anweisung mit 17,720 fl. aus,
indem er in der Eile die Gulden · und Kreuzer
Zeichen übersah. Der Empfänger des Geldes
ounte nicht mehr ermittelt werden.

—
αιαt—
        <pb n="13" />
        Unterhaltungsblatt

23y2 32
—VVV—

r

2*
4... 323 7*

3

zum

* —* —
24

* 22

8

a
St. Ingberter Anzeiger.

—
Sonntag,. den 8B. Januar 1871.

—⸗ —
—
—Gerettet. —
nwovelle von Andre Hugg.

erwärmt das bereits erkaltete Herz mit den
heißesten Sonnenblicken, die es auf Erden
diebt, mit den Blicken der auffallenden Liebe:
danu können wir uns die Gefühle vergegen-
wärtigen, welche die Brust Brußos durchwühl-
ten, der frei zurückgetreten von dem Gegen⸗
stande seiner innerften Zuneigung, jetzt vor
dem entwickelnden Traumgebild seiner Jüng-
lingsjahre, vor dem vermeintlichen Weibe eines
Andern stand. Pflichtgefühl gegen das Weib
seines Nächsten und die entfesselte Leidenschaft
wieder angefachter Liebe kämpften einen hef⸗
tigen Streit in ihm, bis die letztere siegte, er
Helene umfaßte, sie an seine Brust und dann
zu sich auf die Bank zoö8.
Es vergingen einige Minuten, ehe ein

Wort zwischen den Beiden gewechselt wurde

Helene begaun zuerst. Sie hob den Kopf,
den sie an der Brust des geliebten Mannes
harg, und flüsterte zu ihm auf: *

„Brund, bist Du es wirklich? Ist es kein
Phantasiegebilde, das mich äffen will ?*“

„Ich bin es!“ antworiete erx im feligem
Rausche.
—Bruuo, bist Du uun anch wieder ganz
mein 7*

Bruno wußte nicht recht, wie er das deuten
sollte. Bist du nicht das Weib eines Andern 7*
fragte er deshalb, die Umschlinguang etwas
lodernd und sich abbiegend. —W
Nein, Bruno, nein, und abermals nein!
—AVD
Verabscheuungswürdigen! Ich — ich — ich
bin — — Deine Helene!“
Die nachfolgende Scene zu schildern. liet
nicht in der Vacht der Feder. Das Noloru

* ESchluß.) —A — 8.
„Ja!“ antwortete Helene verlegen. Ich
daunke Ihnen, mein Herr! “

‚Hier ist er, Madame Hofmann!“ sagte
er mit einem eisigen Tone, der ihr fast das
Blut stocken machte, denn die Stimme klang
ihr ja so bekannt; fie klang wie die Bruno's.

Helene starrte dem Manne in das Gesicht;
sie vermeinte nicht recht zu sehen. Sie strich
mit der Hand über die Stirn, ohne den
Blick von der Gestalt abzuwenden. Die fahle
Leichenbläfse wechselte mit dem glühendsten
Purpur; der Busen hob sich sichtlich schneller;
der Athem wurde fliegender; sie sank zu seinen
Füßen.

„Bruuo!“ lispelte sie zu ihm aufschaueud
und mit ihrem seelischen Blick das Innere
Bruno's — denn dieser war es in Wirklich⸗
keit — durchdringend; und noch einmal tönte
es: Bruns!“ über die Lippen Helenens.

Die Lippen fest zusammengekniffen, den
innerlich wüthenden Schmerz andeutend, stand
Bruno rathlos vor dem wahrhaft schönen
Weibe. —

Wenn wir lange Zeit durch eine nicht
zu besiegende Gewalt von dem Gegenstand un⸗
ferer Liebe fern gehalten worden sind; wenn
wir uns selbst überredet haben, die Nähe
desselben zu meiden, den Gegenstand unserer
heißesten Wünsche, unseres Sehnens durch frei⸗
williges Zurücktreten zu vergessen, und er tritt
dann plötzlich, unerwartet an uns heran und
87
        <pb n="14" />
        ist ein zu buntes, um gehörig unterscheiden
zu kdnnen; dahet nur einige kurze Fe
derstriche.

Lange, lange blickten sich die beiden Glüd⸗
lichen gegenseitig in den ewigklaren Spiegel
alles seelischen Thaus, aller Empfindung, dann
sank der sonst so starke Mann, eine Thräne,
eine Perle der Freude, der köstliche Tropfen,
der tin männliches Antlitzz zu zieren vermag,
über die- Wange gleiten lassend, zusammen
und ruhte an dem hochschlagenden Herzen des
Mädchens der Jungfrau, die er schon längst
in den Armen eines Andern verloren ge⸗
nlaubt hatte.

In diesem Sinnenrausch hatten die beiden
Blücklichen nicht bemerkt, daß ein Dritter
Zeuge der itzten Scene geworden war; es
war der Pastor. Mir Thränen stand der greise
Mann hinter dem Paare und ergößte sich an
ihrem Anslick.

„Ei, ei, meine Helene,“ unterbrach endlich
der Pastor das Schweigen, „was muß ich
sehen J Du in den Armen eines Mannes7“

Mit hochgerötheten Wangen erhob sich
Helene, den Arm Brunos fest umklammernd,
und näherte sich mit ihm dem greisen Pastor,
der noch immer auf seinem Beo bachlungs-
punkte stand.

„Herr Pastor, mein Bruno!“ sagte sie,
auf denselben deutend. Weiter vermochte sie
aichts hervorzubringen; die Stimme versagte
ihr, und, aufgelöst in Wonne und Schmerz,
sank sie wieder an die Brust des geliebten
Mannes.

Der Herr segnen Euch und gebe Euch
seinen Frieden!“ sprach der Pristor, von der
Inbrunst der Gefühle des sich vor ihm beu⸗
genden Paares gerührt. „Der Name des Herrn
jei gelobt! Amen!“ Gu

„Amen!“ wiederholten auch die Beiden“

Der Weg nach dem Epheuhause war troß
der drückenden Mittagshitze bald zurüchgelegt.
Zwar herrschte noch immer die heimische Stille
der Staͤtte der Jungfrau hier in diesen Räu⸗
men, allein die geschäftige Haushälterin schien
heute ganz besonders veschäftigt zu sein.

Helene bemerkte es in ihrer Aufregung
nicht. Sie setzte sich mit Bruno und dem
Pastor an den großen Gartentisch, der eben von

der alten Dienerin auf den Wink den Pastort
servirt worden war.

„Aber, Helene, es fehlen ja noch 2 Cou⸗
verts!“ sagte der Pastor.

„Wie so?“ fragte Helene erftaunt.

„Sehr einfach deswegen, weil wir noch
Besuch erhalten werden!“

„Von wem?“

Von den beiden Förstern; welche auch
gesonnen sind, an unserer gemeinschaftlichen
Freude Theil zu nehmen!“

„Aber, ich bitte Sie Ehrwürden, wie
sönnen denn die beiden Herren davon wis⸗
sen d“ meinte Helene den Paftor verwundert
anblickend.

„Das ist sehr einfach meine Helene. Höre!
Uus Deinen Erzählungen und Beschreibungen
konnte ich mir so ungesähr ein Bild von dem
Herrn Hell entwerfen. Als ich nun vor einigen
Tagen den Namen des Herrn Geschäftsführers
oͤfters nennen hörte und ich mich nach seinem
Vornamen erkundigte, glaubte ich, nicht recht
gehört zu haben. Ich war dadurch, ich muß
es gestehen, höchst neugierig gemacht wvrden
und näherte mich Herrn Hell. Ich fragte ihn
nach seinem Vornamen, da es mir unglaublich
schien, daß dieser Herr derselbe sein bönne,
von dem Du mir erzählt hattest, da er ja
nach Deiner Aussage bei Deiner Rettung ver⸗
unglückt, verbrannt, und seine Ueberreste auf
dem Friedhofe zu Vd. .... beerdigt seien.
Er naunte mir ihn, worauf ich ihm erzählte,
daß ich vor einigen Jahren in den Zeitungen
gelesen hatte, wie ein junger Mann gleichen
Namens bei dem Brande des St. Jalobs⸗
thurms zu M..... ein junges Mädchen
geretiet habe und dabei verunglüdct sei. Nun
erzählten Sie mir,“ sagte der Pastor auf
Bruno deutend, „Ihre höchst eigenthümliche
Rettung und bemerkten, daß Sie nur deßhalb
versczwunden seien, unm ...-Doch ich
glaube, Herr Hell wird Dir das noch viel
defsfer zu erzählen wissen. Nicht wahr, Herr
Bräutigam, wie man Sie jetzt doch tituliren
darf *
Gewiß, Ehrwürden!“

Als er mir, wie gesagt, umständlich seine
Rettung, die Du in ihren Einzelheiten ebenso
hören wirst, erzählt hatte, entwarf ich mir
einen Plan, der mir zum größten Theil ge⸗
        <pb n="15" />
        zlüdt ist. Im“ Namen der Besitzerin des
bekannten Ephenhauser, dessen Pforten die
Gastfreundschaft stets offen hält, lud ich hier
Deinen Bräutigum ein, den heutigen Mittag
in unserem kleinen Kreise zuzubringen, um
Dich mit ihm bekannt zu machen. Ihr seid
mir allerdings in diesem Punkte zuvorgekom⸗
men; doch das thut nichts zur Sache. Zu
diesem Familienfeste — denn ein solches soll
es werden, denke ich — hatte ich auch unsere
beiden Freunde geladen, die, wenn mich mein
Behör nicht ganz und gar täuscht, eben anzu⸗
lommen scheinen!“ —

Die Anwesenden blickten nach der Garten⸗
thüre, durch die jetzt die beiden Alten, sich
verwundert aublickend, Helene an dem Arme
eines Mannes zu sehen, eintraten.

Nachdem ihnen der Pastor den Zusammen⸗
hang mitgetheilt, nahmen sie willig an dem
lleinen Feste Theil und stimmten von Herzen
in die allgemeine Freude mit ein.

Das kleine Mahl war vorüber, die gegen⸗
seitigen Freudenbezeigungen zu Ende, als man
Bruno drängte, voran Helene, die näheren
Umstände seiner Rettung mitzutheilen.

Bruns gab diesem Drängen willig nach.
Er erzählte nun die einzelnen Momente, die
wir aus unserer Erzählung bereits kennen und
fuhr dann, als er bis zu der Stelle gelom⸗
men, wo er mit dem Ausrufe: „Lebendig
begraben!“ zusammengesunlen sei, fort:

„Nachdem ich aus meiner Ohnmacht wie⸗
der erwacht war, quälte mich der Gedanlke,
lebendig begraben zu sein, noch eine Zeitlang,
dann ergab ich mich ruhig in das Unver⸗
meidliche meines Sschichsals. Da berührte mich
noch einmal ein fächelnd er Luftzug. Ich tastete
aund lappte umher und fand endlich in ziem⸗
licher Höhe über dem Boden eine halbzer⸗
fallene kleine Holzthür, deren breite Spalte
dem jedenfalls durch die Oeffnung der Stein⸗
platte in der Höhe entstandenen Luftzug freien
Zutritt gestatteten. Mit Hilfe meines Beils
hatte ich die morsche Holzthüre gesprengt! Ich
‚og mich in die Höhe und blickte nichts als
einen dunklen Raum. Ich kroch hindurch,
xnd befand mich, wie es mir vorkam, in
einem Verbindungsgang. Stehen konnte Ach
nicht in demselben, sondern mußte in krie⸗
chender Stellung weiter zu kommen suchen.

Uls ich auf diese Weise eine Strecke weit ge⸗
langt war, erblickte ich ein schwaches Licht in
der Mauer neben mir. Ich griff hin und
jand' einen Haufen loder zusammengelegter
Steine. Mit æinem Stoße verschwaͤnden sie
don der DOeffnung, und flürzten in den wohl⸗
bekannten Gaug hinein, der sich meinen
Blicken bot, als ich durch die Oeffnung in
denselben hineinblickte. Ohne Zaudern sprang
ich hinab, warf noch einen Blick guf meine
Brabesmauern, wie mir dieselben in diesem
Augenblicke vorlamen und lief dann, so rasch
mich meine Beine zu tragen vermochten, dem
Ausgange zu, an dem mich bereits die Strahlen
der aufgehenden Sonne begrüßten. Eine Zeit⸗
sang fiand ich sprachlos da, im Innern meinem
Schöpfer für die glückliche Rettung dankend,
ohne zu wissen was ich beginnen sollte. Es
kam mir alles wie ein schwerer Traum vor,
und ich hätte wohl auch an denselben geglaubt,
wenn mich meine Kleidung und die kleine
Uxt nicht an das wirklich Erlebte erinnert
hätten. Schnell entledigte ich mich dieser Ge—
jenstände, rollte dieselbden zu einen unschein«
daren Bündel zusammen und warf ihn vor
mich hin. Rathlvs und unschlüssig mochte ich
rine Weile so dagestanden haben, als mich ein
greller Pfiff der Lolomotive aus meinen Sinnen
auffchreckte

Ich sah mich um und bemerkie, daß ich
mich in unmittelbarer Nähe des Bahnbofes
zefand, der sich am gegenüberliegenden Fluß⸗
ufer scharf am Morgenhimmel abzeichnete.
»Halt!“ rief ich aus. „Ein Gedanke!
Sehen soll sie mich nicht mehr, da sie auch
ju jener großen Masse von Geschöpfen gehört,
die den Mann nicht nach dem inneren Kern,
ondern nach der äußeren mit allen Künsten
umgemodelten Schale beurtheilen und danach
ihre Handlungen, einrichten. Verschollen will
ich sein vergessen will ich sein und sie —
sie mag, wenn ihr der jaͤhe Fall nicht dasß
Leben gefährdet, glüclich mit Hofmann sein!
Ich entfage ihrl“

Schnell hatie ich meinen Anzug geordnet,
an dem nichts fehlte als der Reiseüberzicher
und die Kopfbededung, die ich auf dem Markt⸗
plaße zurückgelassen hatte, dann nahm ich den
Bündel auf und eilte zum Bahnhofe. Bei
dem Uebergang über die Vrücke warf ich den
        <pb n="16" />
        Bunbel“in den Strom,eilte zum Bahnhof
und nach kurzer Zeit trug mich das geflügelte
Dampfroß in meine neue Heimath, nach
Frankieich. Hier habe ich bis vor Kurzem
elebt, als der ehrenvolle Ruf an mich erging
Weschaͤftaführer des Hermann'schen Werkes zu
werden. Da erfaßte mich eine ungeheuere
Sehnfucht nach Deutschtand, meinem Valerlande
und ich folgte deinselbet.

„Ohne es zu bereuen!“ ergänzte der Pas
stot iächelnd, erx sah, wie Helene mit span⸗
nender Aufmerksamkeit jedem seiner Wotte folgte.

O gewiß nicht!Habe ich nichta mein
Theuerster auf Erden wieder gefunden
sagle Bruns.

Die Sonme war untergegangen, als Bruno
mit dem Pastor und den beiden Forstern das
VFpheuhaus verließ.

heit und Erlenntniß Gotießs! Wie gar unbe⸗
zreissich Iud seine Gerichte und unerforschlich
seine Wege!“ zum Thema seiner Predigt ge⸗
nommen halte. Als die Feierlichkeit geendet,
und, das neuvermählte Paar sich im Vollge-
fühle seines Werthes an datß Herz sank, da
zitierte ein Freudenschmerz durch ‚das Innere
bder Anwesenden und manches Auge zerdrückte
still eine Zähre hinter den Wimpern.
Unter Freudengeschrei und Hurrahrufen
bewegte fich der lauge Zug nach dem Orte
des Festes, der Fabrik zu .
Hier tönte froher Sang und Mußfil einer
jubelnden Versammlung noch spat in die ster⸗
nenklare Nacht hinaus, uunter derem Schußze
nund Dekmantel das junge Ehepaar nach dem
Epheuhause entwischt war..
* m

Es war ein Späͤtsommeriag. wie man ihn
im Gebirge selten rifft, als die Glocken des
Dorftirchleins jenseits des Waldes zur An⸗
nvacht riefen.

Aus den Fabrikanlagen desWerkes be⸗
wegte sich ein langer Zug, es war ein Hoch⸗
zeitzzug. In dem mit grünem Laube und
farbigen Bändern geschmückten Wagen saß ein
glücküches Brautpaar? Bruno und Helene. Ih⸗
nen folgten auf einigen Wagen das Beamten⸗
personal der Fabrik und die übrigen näher
detheiligten Personen. Die Reihen der Arbeiter
im Fefischmuce bildeten den Schluß.
Nach einer kuꝛgen Rast auf dem Berge
war der Zug an dem Kirchlein angelangt,
daß heute die hinzustromende Menge laum zu
fafsen vermochte Hier ordnete sich der Zug in
den von der aufrichtigsten Liebe gefchnückten
Gotteshause.*

J Das unvergleichlich schonste Bild bot sich
am Altar. Um denselben standen⸗ in zwei
Reihen die weißgekleideten Kinder der Umge⸗
gend, eine würdige Einfassnng zu dem aul
den Stufen des Altars kuiecenden Brautpaar,
und lauschten mit demselben, nachdem der
hehre Orgelton“ verllungen war, den tiefen
ergreifenden Worten des Predigers, der sich
die Sielle der⸗ heiligen Schrift: O, webch'
eine Tiefe des Reichthums, beides der Weis⸗

Homonmyeme. J
Denusch-Franzosisch J.
Der FSranzose.

Mein Wort i dunkel, wie Kothios Fluth,
Doch jpruht daxaus des Geiftes helle Gluth.
Der⸗ Deutsche..

Aus meinem Worte blinkt der Hoffnung Stern.
Doch auch in dunkle Tiefe sinkt es gern. X
Der Franzose. —
Es hängt mein Wort sich an des Dichters Kiel,
Draus auillet suummer Tone Zauberspiel.
Der Deutsche. —
Und an des Schiffes Kiel haängt sich mein Wori
Und wurzell in des Hafens sicherm Port. —1
Der Franzose.

Du haft, v deutscher Nachbar, mehr als ich
Gebraucht dies Wort, das glaube sicherlich.

Der Deutsche. R
Zur See kennt man dies Wort; in kuhner That.
Laff' ich die Wimpeln wehn auf Meerespfad
Die Keite klirri und rasselud steigt mein Wort
Zu frischer Fahrt an meiner Schiffe Bord.
4. Lebensphilosophie.
Gegen Undlücdliche gütig und wohlwollend
sein, wird den Meisten nicht schwer, gegen
Glückliche aber nur gerecht zu sein, vermogen
nur große Serlen.
— —
— aAnd Berlag von F.X. Demes in St. Inabertrtrt.

954

*2—
        <pb n="17" />
        — *
Anterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.

NXV. G. Dienstag. den 10. Januar

1I&amp;.

Lord IXyle.
Nach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Manners.*
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlevsch.
(Ombs.)

rief Lord Lyle, als er das Gastzimmer betrat,
in dem sie der Wirth unter tiefen Verbeugun—
gen willkommen hieß, nun wollen wir in
Genf bleiben, so lang es uns gefällt. Bestelle
sofort ein gutes Mahl, denn jch bin hungrig
wie eiu Wolf ?.....

Hugo Curtright nickte und, begann alsbald
eine lebhaste Conversation mit dem Gastgeber,
in deren Verlauf er dem redseligen Schweizer
mittheilte, daß sie von Berz kämen und daß
Gepäck und Kammerdieuer folgen würden.
Nachdem Alles angeordnet und der Secretär
die inzwischen angewiesenen Privatgemächer
betrat, fand er Lord Cuthbert behaglich mit
dem neuesten Journal in der einen und einem
Glas Wein in der andern Hand auf einem
Dipan bingestreckkt. 32
Nun, Hugo,“ xief er ihm entgegen, „hier
sind die Legitimationspopiere, trinke ein Glas
Wein und hole dann beim Consul die inzwi⸗
schen für uns eingelaufeiten Briefe, denn ich
selbst bin so müde und faul wie ein Lotus⸗
esser.“

4. e

Sahst du je zwei Wesen, deren Aeußercs
sich ohne jedwedes verwandschaftliche Band auf—
fallend glich? Zwei Gesichter, deren Züge
und Färbung einander eben so ähnlich waren,
als der Ausdruck verschieden ?

Solche Doppelgänger blickten aus den stau⸗
bigen Fenstern des alten Kilwagens, der, den
Alpenweg entlang, nach der weltbekunnten sagen⸗
umwobenen Stadt Genf fuhr. Es waren die
gleichen classischen Züge, die gleichen tiefblauen
Augen und verrieth der Mund des Einen dem
scharfen Beobachter auch ein schwaches Zucken,
das des Anderen festgeschlossene Lippen ver—
schmäht hätten, so konnte doch eine Photegra⸗
phie ganz entschieden für Beide gelten, und sie
waren oft genug für Zwillinge gehalten wor—⸗
den, obgleich des Einen Haar golbigeres Braunu,
seine Wangen tieferes Roth zeigten.

Es war Lord Cuthbert Lyle und sein Secre⸗
lär Hugo Cartright, zwei Engländer aus sehr
berschiedenen Sphären.

Als die Reisenden, steif und müde von der
langen Fahrt, die Stufen zur ,goldnen Flasche
hivaufeilten, zeigte sich die Aehnlichkeit wohl
deutlicher als je. Selbst die Kleidung verrieth
keinen Unterschied. Beide trugen einfache graue
Reisekleider und über die Schulter hingen nach⸗
lässig schwere Plaids.

„Gott sei Dank, daß wir eudlich da sind.“

„Geben Sie mir die betreffende Anwei⸗
sung, damit man auf dem Comulate wisse,
daß die Briefe mir anszuliefern sind.“

Der junge Edelmann schlürfte nachlässig
seinen Wein.

„Schreib das Zeug doch selbst, Du hast
doch oft genug für mich unterzeichnet. Oder
hesser noch, trii gleich unter meinem Nanen
auf, denn was nutzt unsere Aehnlichke:t, wenn
man FJeinen Nutzen davon zieht ? Ueberhaupt,
wenn mir ja etwas pajsfiren sollte, rathe ich
Dir, in meine Fußtapfen zu ireten. Ich wüßte
wahrlich Niemand auf der Welt, dem ich mein
        <pb n="18" />
        Hab und Gut lieber überließe, und Du mach⸗
sest dem alten Namen auch ganz eutschieden
mehr Ehre.“

Hugo Corkright war lange an derlei
Reden des Gebieters gewohnt; er nickte
lächelnd und machte sich auf den Weg zum
englischen Consul.

„'s ist ein guter Kerl!“ flüsterte Lord
Cuthbert,“ „er hat zwei Mal so viel Geist und
vier Mal so viel Charakter als ich. Geburt
ist doch ein sonderbarer Zufall. Möcht wissen,
ab blaues Blut immer wild und leichtsertig
durch die Adern rollt? Jedenfalls erfülle ich
des Lebens Pflichten nicht so ernst und männ⸗
lich wie Hugo.“

Der junge Mann versank in tiefes Sinnen,
sein Geist aber beschäftigte sich wohl nicht mit
angenehmen Bildern, denn er runzelte die Stirne
und biß ungeduldig auf die Lippend Plötzlich
raffte er sich auf, slürzte ein Glas Wein hin—⸗
unter und zündete eine Cigarrean.

.A bah, warum das Leben mit derlei
Dummheiten verdittern? Mein Nalurell ist
rinmal so und läßt sich nicht ändern.“

Nach Verlauf einer hallen Stunde kam
Huso Cartrigth mit vollen Händen zurück.
Tiefe Röthe überflog Lord Cuthbert's Züge.

„Breite die Episteln dort auf dem Tische
aus, Hugu, damit ich die Adressen überschauen
kann.“

Dem Sccretär fiel der eigen thümliche Tou
der Stimme auf, und er blickt, während er
dem Gebote entsprach, beinahe neugierig auf
den Gebieter. Er hatte mehrere Packete und
jechs Briefe gebracht. Unter den Adressen der
letzteren befand sich eine zierliche, ihm fremde
Schrift, die einzige Correspondenz, die ihm un⸗
bekannt geblirben.

Lord Cuthberts Auge leuchtete als er hastig
rach dem Briefe griff, das zarte Siegel zu
brechen.

„Doch nein,“ flüsterte er und steckte das
lossbare Document in die Tasche, „ich will bis
naqh Tische warten, dann bin ich eher in der
Stimmung mein Verdict entgegenzunehmen.
Wünsche mir Glück; Hugo! sobald mein Ver—⸗
langen, mein Hoffen sich erfüllt, magst Du mir
predigen nach Herzenslust und mich zum
Muster eines englischen Edelmannes stempeln.
All meine wilden Streiche sollen vergangen

sein und vergessen, wenn nur Genevra Lloyd
sich milde zu mir neigt.

Warmes Erröthen breitete sich über det
jungen Mannes Züge und in den blauen Augen
zlühte das wunderbare Feuer der Liebe.

Genevra Lloyd! lag nicht in dem Namen
reicher berauschender Duft gleich wie in einer
trophischen Frucht, einer exotischen Blume?

„Sie muß ein seltenes Wesen sein,“ dachte
hugo, „wenn es ihr gelang, solch tiefe
Gefühle in dem gedankenlosen Tagedieb zu
wecken.“

Die beiden Herren begaben sich zur Tafel
und erst nach eingenommenem Mahle rückte
Lord Cuthbert. den Sessel zurück, füllte die
Glaäser mit perlendem Wein und rief: „Stoß
an, Hugs, auf gut Glück und willkommene
Nachricht.“

Hugo Cartright trank lächelnd und
sprach danu herzlich: „Ich trinke auf Euer
Gnaden Wohl, auf frohe Erfüllung all Ihrer
Wünsche.“

Danke, danke. Siehe du inzwischen die
übrigen Schreibereien durch und besorge das
Geschäftliche. Mir ist's, als hätte ich anf
einem der Briefe Tante Barbara's steife Züge
erblickt. Die gute alte Seele hielt treu zu mir,
rrotz all meiner Streichen. Oeffne den Brief,
denn Dir gehört er dech eigentlich, weil Du
die ganze Correspondenz führst. Habe ich mich
ernsilich gebessert, dann will ich der lieben
alten Tante auch beichten, wie wenig ich ihre
Lobsprüche ob meiner intereffanten Evpisteln
derdiente.“

Während er sprach, suchten die Finger
— Brusttasche, den dort ver—
borgenen Schatz zu heben. Als er endlich das
Briefchen hervorzog, zitterte er wie ein Maäd⸗
hen, die Augen waren von Thränen geblendet
und die Brust hob sich schwer und ängstlich.

Was würden die Kameraden seiner Trinkge—
age dazu gesagt haben, was die Gefährten
ener wilden Orgien, welche die aristokratische
Sphäre so sehr empört, ihm die treuesten
Freunde entfremdet und seinen Ruf in einem
einzigen Jahre zu Grunde gerichtet hatte?

Cuthheri begab sich mit dem Briefe in's

anstotzende Zimmer, Hugo zog sich auf die
Veranda zurück und wartete dort lange genug,
um dem glücklich Liebenden Zeit zum Ausbruch
        <pb n="19" />
        der ersten seligen Freude zu lassen. Endlich
derlaugte es ihn nach der Nachrichten, die für
ihn aus der Heimath gekommen und er trat
hieder in das Gemach die Briefe zu sondiren.

Welch ein Aublick! F

Wie versteinert saß Lord Cuthbert auf
einem Sessel; dunkle Röthe übergoß die feinen
Zuüge, die Augen glühten mit dem wilden,
mheimlichen Gefunkel, das wir manchmal bei
wüthenden Thieren veobachten, die bleichen
bebenden Lippen verzogen sich zu einem furcht⸗
baren Lächeln, dessen Bosheit alle Beschreibung
übertraf. Die Hände waren geballt, striemen⸗
gleich standen die Adern auf der Stirne und
das goldbraune Haar schien von den Krallen
des Wahnsinns zerrauft. Rings um die vor
Wuth und Aufregung starre Gestalt lagen
kleine Papierfetzchen — der zerrissene Brief.

Bei Hugo's Eintritt blickte Cuthbert auf
und gab seinen wildesten Verwünschungen
Ausdruck.

„Nun kann ich zum Teufel gehen,“ raste
er, „o ich wollte ihre schöne Gestalt eigenhändig
zerreißen, wenn ich dann das kalte Herz zer⸗
malmen dürfte. Genevra Lloyd rühmt sich
ihrer unbefleckten Tugend, ihres makellosen
Ramens, was aber aus mir nun wird, falle
schwer und brennend einst auf ihre Secle.“

Er griff nach dem Hund und wollte aus
dem Zimmer eilen. Hugo Cartright hielt ihn
zurück.

„O bleiben Sie, Lord Cutdbert, bleiben
Sie, bis Sie ruhig geworden, bedenken Sie,
wo Sie sind.“

Er hätte ebenso wohl einem Tobsichtigen
Vernunft predigen mögen, der erzürnte Ge⸗
bieter stieß ilin zurück, daß er taumelte und
rannte die Treppe hinab.

Wenige Minuten später sprengte er auf
einem Pferde die Straße entlang.

„So nun ist er sicher,“ sagte sich der junge
Secretär, „reiten kann er prächtig und 's ist
eigentlich so recht englisch, üdermäßige Auf—
regung auszureiten. Freilich ist es im Ganzen
—
len zu lassen, statt sie nämlich selbst auszu⸗
fechten.“
HODugo wandte sich zu den Briefen. Er
selbst hatte zwei erhalten; der eine füllte zwei
Seiten mit kleiner klarer Schrift, der andere

war noch auf allen Seiten gekreuzt. Er las
zuerst mit tiefer Bewegung den kürzeren.

„Arme, lieber Mutter,“ seufzte er, „wie
geduldig und fromm sie ist. Um ihretwillen,
werde ich es bedauern, wenn meine Beziehun⸗
gen zu Lord Cuthbert enden, denn er ist we⸗
nigstens ein freigebiger Gebieter. Wollen nun
sehen, was Kitty sagt. In ihren Briefen zeigen
sich die Verhältnisse stets klarer, denn sowie
sie etwas verbergen will, kommt es erst recht
jum Vorschein. Das kleine Kätzchen versteht
vahrlich nichts von der Klugheit dieser Welt.“
Lächelnd überflsg er die ersten Seiten, dann
wurde er plötzlich erust.

„O Hugo,“ las er mit steigender Unruhe,
,s ist hoöffentlich kein l'nrecht, wenn ich Dir
all das sage, obgleich die Mutter mir's ver⸗
boten hat. Warum muß ich auch ein Mädchen
sein, oder warum können Mädchen nicht ar⸗
beiten wie Männer? Da sitze ich nun und
bin Dir auch noch eine Last, während ich mich
gerne bis aufs Blut plagen möchte, nur um
rin wenig zu helfen. Al das thut mir so
weh, daß ich mir die Augen ausweinen könnte.
Und unser liebes armes Mütterchen sitzt still
und geduldig wie eine Heilige und spricht
fein Wort über den Vorschlag des Arztes?
Ich aber meine, Du solltest es wissen. Denke
doch, Hugo, ˖welches Glück, wenn die Mutter
pon ihren Schmerzen befreit wäre und wieder
gehen köunte, wenn sie sich wieder des Lebeus
freute, wie in den Tagen, bevor das Unglück
sie zum Krüppel machte. Als Dr. Mathenson
die Vorzüge jenes Bades rühmte und die
Ueberzeugung aussprach, daß es der Mutter
Heilung brächte, thats mir so bitter weh, daß
gerade die Kosten das einzige Hinderniß der
ersehnten Cur bildeten. O daß die Bank, der
wir unser armes kleines Vermögen anvertrauten,
nicht sallirt haue In babe mun mein Hern
entleert. Wohl sagt die Mutter, es wäre Un⸗
recht, wenn wir nur eines Experimentes halber,
von Dir noch mehr verlangten, nachdem Du
Dich um uns zu helfen, stets beraubt hast:
aber wenn ich an die Mutter denke — —
— doch warum davon sprechen? Du weißt
ja selbst, wie engelgut sie ist, wie schrecklich
es wäre, wenn wir nicht Alles aufböten, das
ostbare Leben zu retten. Möchte es uns ge⸗
lingen irgendwie! Ich nahm Stickereien an
        <pb n="20" />
        und hoffte erst die Kurkosten ganz allein zu
erschwingen. Aber ach“ was sind wir Frauen
für arme Geschöpfe, oder wie schlecht und un⸗
gerecht behandelt uns die Welt. Wie lange,
o wie lange dauerte es, bis die endlosen Stiche
alle gemacht waren, und wie aurmselig, wie
erbärmlich war dann-die Bezahlung! Gott
weiß, wie viele Nächte ich schaflos im Bette
lag und die Kissen in den Mund preßte, da⸗
mit die Mutter mich nicht schluchzen höre.
Doch ich will den Muth nicht sinken lassen,
will arberten und sparen, und Du hilfst mir
ja gewiß, Herzensbruder, und dann wird uns
dielleicht doch das Glück, lieb Mütterchen ge⸗
sund zu sehen. Und noch eins. Du versprachst
nir einen Filigraͤnschmuck und ein Seidenkleid
aus Venedig. Das wäre nun wohl reizend,
aAber ein Kuß von Dir ist mir ebenso lieb,
und wenu Du Iwieder da bist und Mütterchen
gesund, so bleibt mir nichts ju wünschen
übrig. Spare alss Dein Geld für die Aerzte,
die garstigen Menschen, die sich soviel bezahlen
lassen, und sei mir nicht böfe, Hugo, daß ich
Dir all das sagte, aber ich konnte nicht an«
ders. Du weißt ja, daß ich nichts verbergen kann.
Dein einfältiges Käthchen.“
Liebes, selbstloses Wesenl“ rief Cartright,
sich die Stirne trocknend, „wie froh bin ich,
daß ich beinahe meinen ganzen Gehalt heim⸗
jandte und die Bücher? nicht kaufte, die ich so
gern gehabt hätte. Ob. mir wohl Lord Cuth⸗
dert eiwas vorstreckte? o wer all das Gold be⸗
—I—
x wieder ruhig geworden, werde ich ihm mein
Unliegen voriragen, der thenern Mutter zu
lieb, kanun ich wohl mich demüthigen.“
Hugo legte den Brief sorgfältig in sein
Taschenbuch und machte sich dann an die ein⸗
gelaufenen Geschäftssachen. Lord Cuthbert,
der vom Arbeiten überhaupt nichts wissen
wollie, hatte ihm Alles übergeben, und Hngo
Carrtight wußte um die Vermögensverhältnisse
zon Lyle Part entschieden mehr, als dessen Besitzer.
Während er noch mit Beantwortung der
perschiedenen Schriftstücke beschäftigt war, stürzte
der Gastgeber ins Zimmer.
„Ich will Euer Gnaden nicht erschrecken,“
rief er, aber Ihr Freund, Mr. Cartright,
Deuf aaud Verlag von F. X. Demetß in St. Ingbert.

ritt in sehr aufgeregtem Zustande fort und nun
am das Pferd schweißtriefend u. reiterlos zurück.“
Hugo sprang auf; er war zu anfgeregt,
um des Gastwirthes Verwechslung der Iten⸗
fität zu berichtigen.

„Laffen Sie uns sofort nachforschen. Ich
sann kaum glauben, daß er abgeworfen wurde,
denn er ist ein vorzüglicher Reiter und beachtel
decken und Gräben nicht.“

„Ich habe bereits zwei meiner Lente aus⸗
zeschickt,“ entgegnete der Wirth, „der junge
Mann ritt so wild dahin, daß es allgemein
nuffiel. Ist er wohl ganz richtig im Kopfe ?“

,„Gott weiß, ob solche Leidenschaft nicht an
Wahnsinn grenzt,“ seufzte Hugo, „aber lassen
Sie uns keine Zeit verlieren.“

Sie hatten kaum das Zimmer verlassen,

als einer der ausgesandten Männer zurückkam.
»Der Fremde ritt zum unteren Thor hin⸗

uus, Herr, und wandte sich nach dem See.

Alles blieb stehen und schaute ihm nach.“

„Wenn wir ihm folgen wollen, müssen

vir wohl einen Wagen nehmen,“ bemerkte Hugo.
Wenige Minuten später rollten sie den

Weg entlang, der zu den reizenden Ufern des

blauen Genfersees führte. (Fortsetzung folgt.)

Der Rhein ist deutsch und soll es ewig

bleibeen

„Der Rhein ist deutsch und soll es ewig bleiben !“

Die Losung seis in jedes Deutschen Mund,

Nie soll der Franzmann uns Gesetze schreiben,

Wir stehen fest ein enggeschlossner Bund.

Ind sollt' uns Einer anzutasten wagen,

Zo ziehen wir voll Muth das blanke Schwert,

Die Feinde wird es keck zu Boden schlagen;

den heilig bleibet uns der heim'sche Herd.

Mein deutsches Voli, was hast Du schon gelitten.

ind lebst so gern in Frieden und in Ruh',

Iud um den Rhein, den stolzen, schon gestritten.

Biel Tausend deckt die fremde Erde zu. —

Es ist vorbei, — sie können's nimmer rauben,

Pas wir erkauft mit so viel edlem Blut;

Jetzt müssen sie an unf're Einheit glauben.

En deutsche Kraft und an den deutichen Muth.
‚„Das Lise dwird That,“ wir habens oft gsungen
Ekrfüllt hat es sich nun im vollsten Glanz,

kin einig Band hält liebend uns umschlungen,
Stolz trägt Germania jhren Siegeskranz,

So sieht sie kühn die Schicksalswogen treiben,
dält fest verbunden fürder Süd und Nord;

Der Rhein ist deutsch und soll es ewig bleiben
Und Freiheit, Vaterland, heißt unser Hort.
        <pb n="21" />
        Anterhaltungsblatte
St Ingberter-Anzeiger.
Nr. 6. Dounnerstag, den 12.

?—aAunor
iar

—
— Lord Kyse.
Nach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Manners.—
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
—DDV——
J IFortsetzung.)“A. 35 J
Ein Bauer! der mit einem schweren Korbe
chiien entgegenkam, bejahte hastig des Wirthes
dringende Frage, Os ich einen Mann fah,
der wie verrüdt dahinritt? Meiner Treu, hat
er mich doch fast niederzewsrfen, und statt sich
zu entschuldigen itir die fremdländischsten Flüche
nachgerufen. Dort unten spraug er ab; nahm
sich aber nicht Zeit, das Pferd anzubinden,
sondern rannte nag einem Boote; das dort
angekettet lag.“

glatte Fläche, die im Sonnenschein schimnierte
und glänzte.

.Ah. dort ists — dort bei der Klippe.“

Er deutete hinaus nach“der fernen Stelle,
fuhr aber gleich erbleichend fort », Barmher⸗
iger Himmel, das Boot ist umgsch agen! und
was suchen jene Fischer ? Warnm versanimit
sich dort die Menge du

Hugo Cartright erblaßte.n

ESie gauben doch nicht, daße ein Unglüc
geschehen ? staumelte er.ne
Ich glaubendaß ihr Freund erteunken
ist.“ ñ

Hugo sprong!ans: dem“ Wagen, und eitte
zu der Menge, die plaͤudernd und gestikulirend
beisammen stand. *

Mehrere Schiffer hatten den Fremden vom
Ufer stoßen sehen uud die gleichmäßigen kräf;
tigen Schläge bewundert. Er ruderte weit
hinans in den Sce und rastete dann. Auf
einmal erhob er sich und beugke sich über das
Bout. Einige behaupteten, er habe sich das
Anilitz benetzt, Andere, ex sei über Bord ge⸗—
sprurgen, um zu jchwimmen. Da er ein vor—
züglicher Ruderer war, dachte nmian nichts wei
ier davon, und als selae Stellung sich dauernd
zleich blieb, kehrten die Leute wieder zur
Arbeil zurück. Erst vor wenigen Minuten
hatte einer pon ijhuen bemerkt, daß das Boot
amgeschlagen „sei, und man folgerte nun, die
angleiche Bewegung des Sees habe den Frem
den unversehens getroffen und aus dem Boote
Jeworfen. In diesem Falle mußte er bftige
Anstrengungen gemacht haben, es wieder zu
erreichen, deun es schwamm mit dem ctiel
auch oben.“ in ee

„Und das Pferd ist eben allein heimge—
kommen,“ rief Hugo sichtlich erleichtert, „dann
ist unser Schrecken grundlos, denn er ist auch
ein guter Ruderer.“
„Wo aber ist das Boot?“ fragte der
BGastgeber, „es müßte von hier aus in Sicht
sein; zur Zeit des Seichens“ bedarf es zu⸗
dem einer festeren Hand, als die seine an
sein schien“ *
Der gute Mann erhob sich mit den Wor⸗
ten und blickte forschend hinaus auf die spicgel⸗

Der Genfersee hat zu gewissen Zeiten und an
gewissen Stellen das sanderbare Phaͤnomen eines
Steigens und Fallens von 225 Zuß in 25 Mi—⸗
nuten. Man heißt das „Seichen.“ Die Erscheinung
wurde nie genügend erklärt, bedingt sich aber wahr⸗
scheinlich durch ungleichen Luftdrud auf verschiedene
Stellen des Waßerspiegelsα 3
        <pb n="22" />
        Drei Vänner eilten nach dem einzigen
vorhandenen Boote und sitießen vom Ufer. Ein
zweites kam von der andern Seite zu Hülfe,
und mit bebenden Gliedern und todtbleich em
Antliß sprang Hügo Cartright hinein. Kein
Wort wurde gesprochen, his man die Unglücks⸗
stätte erreiche. Da war das umgefürzte
Boot — die glitzernden blauen Gewässer und
— Todienstille. z

Die Männer? im berften⸗Boot blickten nach
Hugo um und schüttelten traurig das Hanpt,

, Wahrscheinlich tauchte. er unter dem Boote
wieder auf und schlug mit dem Kopf an das-
selbe.“ bemerkte einer der Schiffer, „denn am
Boden bfindet sich ein häßlicher rother Fleck.
In diesem öalle ist es unütz, nach der Leicht
zu suchen ··· 5.

Nach der Leiche!!!

Hugo Cartright schauderte. War es mög⸗
lich, daß in solch kurzer Zeit solch furchtbarer
Wechsel stattfand? Vor zwei Stunden noch
ein wilder, leidenschaftlicher Maun, dessen
Fibern in zorniger Erregung bebten, dejjen
Pulse in wahnsinniger Gereizheit flogen —
und jetzt dort unten unter dem schimmernden
Bahrtuch — still und kalt und unaussprechlich
ruhig. —

Der Gedauke war entsezlich.

Hugo blickle hinauf in die endlose Bläue
mit der das Waßser in reizender, durchsichtiger
Farbung ribalisirte, alz wolle er dort oben
die Ertiärurg des -furchtbaren Ereignisseß
finden. z
„'s hilit nichts mehr, Euer, Gnaden,“
flüsterte der, Wirih, „Ihr Freund ist ver⸗
verloren.“ ge 9—

Manchmab sceheint es, als oh der alte Aber

glaube sich bestätige. als ob Satan wirklich
persöulich auf Erden erjcheine und die Gelegen⸗
heit easpäbe, jein: berhängneißoolles Retz über
eine focglose Seele zu werfen.
Wer flüsterte wohl in Hugo Cartrighis
Ohr die dunkle Versuchung FEr wurdenso
dleich und still wie die Leiche dort unten wohl
sein mochte, kreuzte die Arme, senkte das Haupt
und sprach kein Wort mehr, bis das kleine
Bost lakdele.n!
UI.
Duit ganze gute Geselljchaft der Grosschaft

kannte Miß Eveshams Cottage. Es war ein
feines reizendes Heim, ohne j dweden Anspruch
auf Pracht, aber so zierlich und hübsch wie
ein Kolibrimifs oder eine Königswiege im Bie⸗
nenstock. Anspzruchlos, gleich dessen Herrin,
kounte man es nicht Villa nennen und doch
überzeugte man sich sofort, daß es seine Exi⸗
stenz edlem Geschmacke verdanke, werth war,
eiuen, Fürsten zu beherhergen unde doch dem
voscheidensten Besuche kinen schmerzlichen Ver⸗
gleich mit den eigenen Verdhältnissen auf⸗
drängte. 22 5
Barbara Evbesham war eine alte Jungfer,
eine angenehme, noch ziemlich jugendliche Er⸗
scheinung, in deren dunklen Haaren sich nur
spärliche Silbersäden zeigten. Das freundliche
Gesicht war nicht schön, daran aber dachte
Niemaund, denn es war verklärt: von glänzen⸗
den Lachenden⸗ Angen, von treuherzigem Aus—
druck und gewinnendem Läücheln. Mit einem
Worte, Barbara Eveshau zählte zu den ser⸗
senen Wesen, deren Horizont zu allen Seiten
und in allen Lagen klar bleibt und wollenlss.
—A
halben Grafschaft, und wer immer zu ihr flüch
lete in Kummer und Leid, fühlte sich so ge⸗
wiß getröftet und erheitert, als ein erstarrtes,
erfrorenes Kind am heimathlichen Herde Wärme
findet und Licht.
Naiürlich war sie vollkommen selbstlos, denn
harte, kalte Naturen verbffiten solch beglücken⸗
den Einfluß nicht. Mit all deesen persönlichen
Vorzügen vereinte sich günzliche Unabhängigkeit
und glanzende Verhaältnisse.
Wenn ich bei der Beschreibung dieser edlen
Seele zögernd welle, geschieht es, weil ich
wünsche, daß die Leser sie lieh gewinnen möch⸗
tenz gleich mir. An das stille Leben knüpfte
sich eing Herzensgeschichte, die nur Wenige
kannten. In den goldenen Tagen der Jugend
erregte Barbara's reines Herz und reicher
Geist die Bewunderung ihres Jugendgespielen,
Mordaunt Lyle, des einzigen Erben des stol⸗
zen Namens und der weiten Domainen von
Lyle Park. Die adelige Familie achtete den
Namen Evesham und liebte das vorlreffliche
Mädchen, das berufen schien, den leichten flüch⸗
tigen Sinn des Sohnes zu zügeln. Von die⸗
ser Seite also wurde die Verlobung nur be⸗
scheunigt, der vernichtende Schlag kLam qu
        <pb n="23" />
        ber eigenen Familie. Es ist eine alte Ge—
schichte, doch bleibt sie ewig neu. Me. Eves;
ham erzog ein verwaistes Väschen, und Alice,
ein reizendes coquettes Wesen, kehrte, nachdem
das Institutsleben vorrüber uach Hause zurück.
Barbara's Verlobtet kam natürlich häufig und
entbrannte baid in wilder, blinder Leidenschaft
für die lebhafte Cousine. Inzwischen erkraukte
Mr. Evesham und starb ohne zu ahnen, welche
Wolke seiner Tochter Glück bedrohte, Dit
Mutter, immer zart und kraͤnklich, konnte des
Gatten Verlust nicht ertragen und neigte sich
jangsam dem Grabe zu. Ihre Pflege bildett
der zärtlichen Tochter ganze Sorge, umfaßte
ihre ganze Gedankenwelt..

uUnd was sie litt, 'als sie endlich entdeckte,
daß ihr die trügerische Sirene des Geliebten
derz geraubt, weiß nur der Himmeln Sie
bählte keinen irdischen Vertrauten, sondern
berließ nach der Mutter Begräbniß Evesham
Hall, das an den nächsten männlichen Erben
berging und bat dann die jungen VLeute um
rücksichtslose Offenheit. Die Lösung ihres Ver—
öbnisses war das Resultat dieset Unterreoung
Die Familie Lyle aber erfuhr nie den Grund
ihrer Haudlungs veise, Mordannt heirathete
Alsce und diese ergah sich eintm wilden, ge⸗
nußsüchtigen Leben und starb frühzeitig an
Entkräftung, während et selbst,“ enttäuscht in
eder Weise das Unrecht seinel Thuns voll
insah. Nach dem Tode des reizenden, aber
—D—
zu dem Wesen zurück, das allein ihn wahr
und treu geliebt. Wohl waren Barbaras Ge⸗
fühle unverändert geblieben, aber nach den
gemachten Erfahrungen ließ sie sich nicht lseicht
gewinnen, und bevor ihm noch die leiseste Auf⸗
munterung geworden, machte rin Sturz vom
Pferde der Werbung und allen irdischen Wün⸗
schen und Hoffnungen ein schnelles Ende. Ein
sechsjähriger Knabe, der jetzige Lord Cuthbert
war der einzige Erbe⸗

Ware diese Episode aus dem Leben der
warmherzigen alten Jungfer bekannter gewesen,
so hätte es ihr heiteres Wesen noch bewund⸗
derun swerther gemacht, zugleich aber eine
räthselhafte Thatsache erklärt. Barbara Eves⸗
ham allein hatte kein- Wort des Vorwurfes
und der Entrüstung über das wilde/ lasterhafte
Leben des jungen vord Lyle. keinen Tadel für

dandlungen, welche alle Welt ewmpoͤrten, alle
Freunde ihm' entfremde ten.“ Mit niedrevoller
Muttersorge verfoigte fie seine gefährliche Bahn
uind hoffte noch besserr Dinge, Ve als er
sich in wilder Leidenschaft von Allen losriß
and nach dem Continente avreifie.
Tanie Barbata, bliebe im regelmäßigen
Brlefwechsel mit den ungen Lebemann und
ihre mütterlichelt Rathschläge und ermuthigenden
Worte endelen ewtzhnlich mit der Versiherung
vaß sie noch edle, große Thaten von ihm er—
eben werde, was auch immer die Weit davon
halte...
Seine Briefe bildeten. die Sterne ihres
Daseins, stotz uud freudig“ erwähntes sie die
selben allüberall und träumte nicht davon, daß
Hugo Cartright sie geschrieben * 3
An dem Morgen, da wir', den Leset in
Honeysuckte Cottage? einfüühren⸗befanden sich
vort zwei junge Damen die sich herzlich der
gege nseitien Gesell schaft freutenobgleich fle
verschiedeuen“ Sphären entstammten. **
Genebre Llohd war die gefe ierte Lochter
des reichen Banquier, Catharine Cartright, ein
feines gebildetes, aber armes Mädchen, das in
Folge trũder Verhältnisse für Geld stickte
Miß Evesham hatte Eittyemjt der ihr
eigenen Liebenswürdigkeit annectirt. Sie traf
sie das erste Mal in einem Stickereigefchäft
und eutdeckte, daß es die Arbeiterin war, welche
hre“ Taschentüchet so reigend sticktt. Nitty
var vleich und bai mit bebender Stimme um
Verdoppelung der ihr gewordenen. Aufträge,
Der Arzt hatte fur die geläymte Mutter eine
Badekur verordnet und die Tochter faßte den
heroischen Entschluß, Tag und Nacht zu ar⸗
zeiten, um ihr Schärflein zu der quversichtlich
etwarteten Gabe· des⸗ Brubers zu legen.
Barbara Evethame verstaud den klagenden
lehenden Ton undirat fofort näher.u
Biite lebes Lind ich habe fehr viel
zu khun und wäre glücklich/ wenn ich mich
Ihrer Dienste auf einige Wochen versichern
—
Bebor NKitly wußte·wie ihe geschah, saß
fie in Miß Eveshams Wagen, erzählte ihre
eiufache Geschichte und futyr mit ihr zur Mutter
heim. Die fromme gottergebene Kranke war
für Tante Barbara ein fo recht willkommener
— ———

*
        <pb n="24" />
        —DD
zu befsexn. Eine gute alte Seele, Hannah
Morris, brauchte Hülfe, sie hatte sich lauge
ain eine pasjende. Stelle, für sie umgesehen,
vürde Mrs. Cartright wohl, ezlauben, daß
Haunah die Sorge für den kleinen Haushalt
abernehme, während sie Kitth selbst entiühre?
Die zaͤrtliche Mutter gönnte dem Pochen Töch⸗
erchen gerne die Erholung, und itty willig:e.
ob des voraussichtlichen Vortheites für ihre
Pläne, freüdig einn.
Wenn Tante Barbara je eine Absicht da⸗
hei hatte, als fie die reiche, großmüthige Erbin
sagrouis zu ßch bat, so behielt sie dieselbe
T ich, 7 21* J c* — — I a 75
s Und so werden Geneprq Lloyd. und Kitt h
Cartright in der reiuen freien Atmosphärt
onu Honeysuckle Cottage zusaͤm mengeführt und
tq sich, wie Tanse, Bardarg vermuthet
hald innig aneinamder, gbgleich die eine Lon⸗
dons stolzeste Schönheit war, uud die andere
nur ein tinsaches Mädchen pon bescheidener
en 3 DD—
Anter woiblichen Arbellene belehrender Lec.
ũre, Musik uijp Ausfluge vergingen die Tasb
nie Stunden ging Kitt ersschlen, das Leben
wie Marchenglan
Wenn. ich nut wüdle, or Sie sish huter⸗
halten, Genevra,“ sprach Mißß Evesham, ais
se am offenen Fenfter den Briefträgert erwar⸗
ften, der geinächlich die Straße entlang schritt
bergleiche ich unser Stillleben init den Verz
anügen der Residenz. so mache ich mir Vor⸗
wpürfe über die Anmaßung wieiner Einlge
dung. — en .46
Bitte, bitte, Tantchen,* lachte, Genebra
heiter, „haben sie doch öfters derlei Aufälle
von Aumaßung, denn es gidt in der weiten
Welt kein niedlicheres Plätzchen als Ihr Heim,
kein liebenswürdigeres Wesen als Sie.“
vEs ist. ein eigenthümlich behaglichet Ge
fühl, wenn Sie mich Tante nennen,“ bemerlte
das alte Fräulein nachdenklich, „und es gab
wohl eine Zeit, wo ich hoffte, Sie würden
mich immer so heißen.⸗ 3f
Genedra senkte erröthend die Augen und,
schwiegg .
.. „Glibt es eine höhere Aufaabe für ein edles

Weib,“ begann Tante Barbara nach Lurter
Pause wieder, ‚als eine irrende Seele erbar⸗
nend vom Abgrund zu retten??:;
Vol und ernst richtete sih Genevra's
Augen auf die Sprechern..
,Ich hielt es für' Unrecht und Sünde.“
mntgeguete sie fest, ‚wenn si h ein rei nes Weib
zus des Lasters Pfuhl eine Stütze holen
vollte· J
4„Wenn aber das Weib im Allzemeinen
voñ jeder rohen Berührung fern gehalten wird,
wenn man es von jedem Fehltritt schützt, sollte
es nicht meht Mitleid hegen mit dem Mann,
der, umwogt von tausend Versuchungen,“ fesi
hleiben soll und ungebeugt. Was würde wohl
aug den, Meisten, wäre ihre Thesrie richtig.“
3Ich verlange keine positive Vollkommen⸗
heit.“ lächelte? das junge Mädchen,“ sondern
jur kein positives Laster, und das dürfte wohl
icht unerteichbar sein. Kein Hauch trüodte je
den Spiegel des Lebeng meiner Mutter, kein
Schatten verdächtigte den Charakter meines
Balers und es ist gut so, denn das Gegentheil
pürde mich tpdien. Viele Freunde erwarte ich
jicht, eivide habe ich gefunden. Was ließe
ich ze B. gegen Sie sageün,“ Tantchen und
gegen Kitin O zernichten Sie meine Ideale
nicht, lJassen Siee mich glauben, daß ich all⸗
überall einen geferten Kreis finde, daß ich mich
ibwenden darf von allem Gemeinen und doch
zleich einer Fürstin königliches Gefolge mich
imgebe.·.
uUnd da ist der Briefträger,“ rief Kitty
fröblich dazwischen, „und wir wollen uns nun
gleich über unssere Schätze machen“
Einen Augenblic spaͤter brachte ein Diener
auf sitbernem Teller die eingelanfene Corre⸗
pondenz. Gsortsetung folgt.)
Mannigfaltiges.
In Wisen bezifferte sich die Anzalhl
der Selbstmorde um Jahre 1870 auf 433
Personen.
Stuttgart. Die Wittwe des Dichters
(der. Wacht am Rhein) Max Schneckenburg er
in Thalheim bei Tuttlingen hat von der
Tiedge⸗Stiftung in Dresden auf Weihnachten
30 Ducaten erhalten. —
Druck and Berlag' von FoX. Deneß in St. Ingbert. *
        <pb n="25" />
        Alnterhaltungsblatt

— E
St. Ingberter Anzeiger.
Xr. 7.

Sonntag, den 15. Januar
183124.

CTord Lyle.

Nach dem amerikanischen Originale des

Charles T. Manners.

Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
(Ombs.)

Mortsetung /·..

„Ach, da ist ein Brief von Cuthbert,“
rief Tante Barbara freudig. „Gott segne den
Jungen, er vergißt mich bei all seiner Wild⸗
heit nicht. Und hier ist auch eine Epistel für
Dich, Kitty, das ist ja wundernett.

Nachdem alle Briefe an ihre Adressen ge⸗
langt waren, seßzie sich die geschäftige Dame
und griff zunächst nach dem Schreiben aus
Genf. N

Kitly hatte sich in eine Fensternische zurück⸗
gezogen und riß hastig das unge vöhnlich große
Couvert auf. Ein zusammengefaltetes Papier
fiel zunächst heraus, es war eine Anweisung
auf tausend Pfund. Entzüdt schlug Kitto die
Hände zusammen. —

„O du liebenswürdigster aller Brüder,“
rief sie in seliger Freude, ohne an ihre Um—
gebung zu denken, „nun wird Mütterchen
bald gesunden. Wie kann er aber so viel
geben dwo in aller Welt hat er es her J Kinds⸗
kopf, der ich bin, als ob das nicht Alles im
Briefe stäunde.“

Im nächsten Augenblick schrie sie schmerzlich
auf, ließ das verhängnißvolle Blatt fallen,
sank mit verhülltem Antlitz auf die Knie und
schluchzte und weinte, als ob das Herz ihr
brechen wolle. F

„Armes, armes Kind, wie kann ich Dich
trösten?“ fllüsterte Tante Barbara näher tre⸗

tend, „bin ich doch selbst um so schmerzlicher
berührt, als ich all meine Hoffnung bezüglich
Cuthbert's Besserung auf Deines Bruders
Einfluß setzte. Es ist sehr, sehr traurig und
Cuthbert ist auch ganz trostlos darüber.“

Schluchzend schmiegte sich Kitty an die
treue Brust.
ODO wie soll ich der Mutter die furcht-
bare Kunde bringen? Hugo war ibhr Stolz
ihre Freude. Wie war ich glückkich, als ich die
Anwe sung sah und was nützt nins jetzt ulles
Geld der Welt ohne Hugo ?

„Was ist geschehen 70 fragie Geuevbra theil⸗
nehmend. —

„Er ist todt — mein Bruder ist todt,“
entgegnete Kitty händeringend, „Gott erbarme
sich mein! Mutter wird nun auch sterben und
was soll dann aus mir werden? Ist's nicht
bitterer Hohn, daß das lang ersehnte Geld
jetzt kommt:“

So sprach sie wirr und unzusammenhän⸗

gend, daß Miß Lloyd fragend auf Tante
Barbara blickte.
Ihr Bruder war Lord Cuthberts Secre⸗
tair,“ erklärte diese, ‚„und die Briefe hringen
seine Todeskunde. Er verunglückte im Genfer⸗
see. Cuthbert selbst hat die Schweiz sofort
berlassen und begibt sich, um den Verlust zu
verschmerzen, nach Asien. Inzwischen empfi hlt
er mir die Sorge für die Familie seines Sece
retairs, der auch sein vertrauter Freund war.
Um sie vor Mangel zu schützen, hat er Mrs.
Cartright den Gehalt des Sohnes als Pension
ausgesetzt uund tausend Piund sofort gegeben,
Sie sehen, er hat ein warmes, großes Herz.“

Genevra faßte schmeichelnd Kitty's Hand.
        <pb n="26" />
        „Lassen Sie mich Ihre Freundin sein,
liebes Fräulein, und glauben Sie an meine
herzinnige Theilnahme. Ihr Verlust geht mir
sehr nahe und doch liegt eine Beruhigung in
dem Gedanken, daß Ihr Bruder so gut und
edel war.“

„Sie sind sehr gütig, aber die Welt
scheint mir nun trübe und farblos und wenn
meine arme Mutter auch stürbe — —.“

Und wieder brach Kitty in convulsivisches
Weinen aus.

„Sie wird nicht sterben, liebes Kind,“ trö⸗
stete Tante Barbara, „sie wird die erforder⸗
liche Cur gebrauchen und gesunden. Setbst im
Tode wurde Euch der Bruder noch zum Segen,
denn diese Summe und die Pensiun sichert vor
jedem Mangel. Und warum kiagen und trauern
Kitty, wenn der Tod nur der Uevergang ist
zur Ruhe und Belohnung, wenn die reine
Seele nun erhoben ist über Erdenleid und
Bram?“
„O Miß Evesham, Sie sind ein wahrer
Engel, o bitte, begleiten Sie mich zur Mutter.“

„Ja mein Lämmchen, und sie wird das
Herzeleid mit heiliger Ergebung tragen, wird
Dir saçen, daß er nicht verloren, nur voraus⸗
gegangen.“

„O bitte, gehen wir jetzt, ich habe keine
Ruhe mehr, bevor es die Mutter weiß.“

Miß Evesham ließ sofort einspannen. Ge⸗
nevra, die stolze, hochhmüthige Erbin band lieb—
dosend den Hut der Schwester des armen Sec—
retairs und flüsterte innig: J

„Ich werde Sie heimsuchen, sobald der
erste Schmerz vorüber ist, denn Sie sind mir
theuer geworden, und ich zähle Sie zu den
wenigen Erwählten, an denen ich keinen Ma—
kel gefunden. Gott segne Sie, liebe Miß Car⸗
tright, Gott segne und tröste Sie !“.

..

Am Krenzwege stand ein niedliches Ge⸗
bäude. Das eine Ende desselven war zweifel⸗
los ein Laden. denn in dem breiten Schau—
fenster loften Zucker, Kaffre und ein un—⸗
geheueres, mit Schuupftadak gefülltes De⸗
ckelglas.

Die Lage des Hauses war ziemlich pittoresk,
obwohl die qanze Umgebung etwas Trübes
hatte. Baäͤumen la⸗

zerte sich auf der einen Seite den lieben langen
Taäg eine dunkle Wolke, veranlaßt durch den
endlosen Rauch, der den weiten Kaminen von
Merthye Tysrill eutqualmte, während auf der
anderen eine düstere Hügelgruppe, gleich einer
Reihe zrimmer Krieger, das kleine Walliser⸗
vörfchen Precknock bewachten.

Vor dem oben erwähnten weißen Häuschen
befand sichsein Gärtchen, in dem man eben Wäsche
zrocknete und sich von Zeit zu Zeit ein zwischen
Lachen und Jauchzen biefindlicher Laut hörbar.
mahte, der gelegentlich in leises Gesumme
überging.

Eine Frau trat unter die Thüre, lauschte
ein Weilchen und rief dann lant: „Mittikens!
Mittikens! bist Du da?“

Keine Antwort. Das Summen dauerte fort.
Die Frau seufzte.

„Es fehlt ihm, Gottlob, nichts, obgleich ich
beim Erwachen solch unerklärliche Augst fühlte,
als sei ihm irgend ein Unglüchk geschehen. Der
derr erbarme sich unser! Wie mich der Traum
quält! und was er wohl bedeuten mag, denn
umsonft schlief ich wohl nicht im Sessel ein
und träumte diesen Traum.“

Langsam und nachdentlich schritt sie den
BGartenweg enttang und blieb endlich mit einem
Ausdruck hingebender Zartlichkeit und tiefen
Ptitleides stehen.

Das Bild, das sich ihrem Blicke bot, hatte
für einen Fremden durchaus nichts Peinlichts.
An dem hügeligen Ufer eines kleinen Bächleins
lag ein Jüngling, dessen jugendliche Schönheit
sofort an die alten Myth n von Endymion und
Narcissus erinnerte. Das Antlitz war zart
und rosig, die Züge edel und schön wie die
einer griechischen Statue. Reiches blondgelsctes
daar fiel in zierlichen Ringeln auf den breiten
weißen Kragen. Lange dunkle Wimpern senk⸗
sen sich auf die runde Wange und die kleinen
Dände spielten nachlässig mit einem wilden
Rosenzweig. während leiser summender Gesang
die grazibsen Bewegungen begleitete.

Trauriger und trauriger wurde das Antlitz
der Frau, eine Woite düsterer Schwermuth
breitete sich langsam über dasselbe.

Plötzlich wandte der Junge das Haupt,
um einem bunten Schmetterlinge nachzusehen
und erblickte sie. Mit hellem, freudigem, aber
geisilosem Lachen sprang er auf. Diese Augen,
        <pb n="27" />
        so wunderbar schön in Form und Färbung
und ach! so leer an Ausdruck, an der Seele
Krone und Glorie, geistigem Bewußtsein, hef⸗
seten sich voll auf die freundliche Erscheinung.

„Mutter Nau, Mutter Nan!“

Sie streckte ihm, wie einem Kinde, die
Hand entgegen, er sprang auf, erfaßte sie und
preßte sie summend und schnurrend, wie ein
dergnügtes Kahzchen, an die Brust.

„Mutter Nan ist gut — gut mit Mitti⸗
kens Sie gibt ihm Kuchen und Milch. Mitti⸗
tens will jetzt Kuchen haben.“

Die Veränderung, welche das kindische
Geplauder in den klafsisch schönen Zügen her—
vorrief, war schmerzlich anzusehen. Odbgleich
daran gewöhnt, sah Madame Me. Neal es nie
ohne Bewegung.

.Komm, Mittkens, Du sollst Kuchen
haben,“ seufzte sie. n I

„Ja, Miittikens soll Kuchen haben,“ wie⸗
derhoͤlle er vergnügt und hüpfte ihr nach in
das hübsche Stübchen, das durch eine Glas⸗
rhüre mit dem Laden verbunden war.

Des Zimmers Einrichtung war einfach
und zierlich und verrieth auf den ersten Blick,
daß man keine Kosten scheute, um das Lehen
des unglücklichen Jüuglings zu schmüden. Dem
Sopha gegenüber, befand sich eine Zimmer⸗
or gel, ;zu der er zuerst eilte und laut über die
eigenthümlichen Töne jubelte. welche er ihr
entlockie. In der Ecke stand ein Wiegenpferd,
das sichtlich für ihm gefertigt worden, weil
dessen Dimensionen für jeden Knaben zu groß
gewesen wären. Unter einem Tische stand ein
Korb mit bunten Gummibällen aller Größen.
NMtadame Me. Neal servirte Milch und Kuchen
—

forgfältig auf den kleinen Ovaltisch und gab
ihm den schweren Löffel, auf dessen Stiel ein
Wappen prangte, in die Hand.

Nun, die Dinge sind den Verhältnissen
wenigstens so viel als möglich angepaßt,“
flüsterte sie, „Geist und Seele sind nicht,
gleich dem Körper, aus adeligem Blute ent⸗
sprossen, sie kann nur der Herr geben, was
aber nutzt des Korpers Schöuheit, wenn dessen
Krone fehlt ?“

Minikens aß sein Frühstück und achtete
forgsam darauf, mit keinem Tröpfchen die
schönen Kleider zu verderben. Nachdem er fertig

war, brachte ihn Madame Me. Real tinen
silbernen Becher mit Wasser, den er sofort be⸗
zierig erfaßte. Es war zweifellos das Ueber⸗
bleibfel eines kostbaren Services und zeigte in
erhabener Arbeit das gleiche Wappen, das sich
auf dem Löffel befand.
Mittikens betrachtete die lunstvolle Schale
mit sichtlicher Freude. e*

Hübich, hübsch,“ lachte er, „Mutter, Nau
sagt, es sei hübsch.“—

„Armer Junge,“ murmelte die Matrone,
„Du kümmerst Dich wohl wenig genug um
den alten Familienglanz. Du woißt nicht,
wie man Dir mitspielte und doch, was liegt
daran, ist doch Alles hienieden nur Eitelkeit.“

Mitukens stellte den Becher auf den Tisch,
uchte unter seinen Spielsachen einen bunten
Kreisel und sprang mit dem Jubel eines fünf
jährigen Kindes hinaus, sein Windmühlchen
janzen zu lassen.

Madame Me. Neal blickte ihm erst nach
und setzte sich dann gedankenvoll in ihren
Lehnfessel. „Möcht' wissen, was mich so schwer
drüdi,“ sprach sie nach kurzer Pause, 's ist
boch nichis anders geworden, als es seit zwanzig
Jahren war, warum ist mir's deun zu Muthe,
als ob irgendwo ein großes Unglück geschehe ?
Ich kann ja gewiß nichts dafür. Warum ent⸗
setzt mich denn auf einmal der Gedanke. daß
ich das einzig lebende Wesen in- der weiten,
——
Sie ist in ihrem kostbaren Sarge längst zu
uische zerfallen, die alte Amme Morna ist schon
fünfzig Jahre todt, Mylord Ichläft ebenfalls
den langen Schlaf, und so bleiben nur Mit⸗
tikens und ich übrig und er, der nichts davon
ahut, daß ein altes Weib da draußen unter
—D—
hält. Man sagt schlimme Dinge von ihm, aber
was kümmerts mich, mein Geheimniß ists ja
nicht. Und doch quält mich der häßliche Traum
und schwebt mir wie in einem Rahmen vor.
Ein hohes, schlankes in einen braunen Mantel
gehülltes Weib kam die Straße von Brecou
entlang, blieb am Kreuzwege stehen, blichte um
sich, legte sinnend die Hand an die Stirne
und pochte dann an meine Thüre, Sie pochte
zwei, dreimal und trat endlich ein . In diesem
Zimmer fand sie Mittikens mit thränennassen

Augen auf dem Boden schlafend, und mich
        <pb n="28" />
        hier im Sessel — todt. O ich kann den
Traum nicht vergessen, denn ich hatte nie im
Leben ein solch llares Gesicht und glaubte fest,
VXCCC
Mylord und Mylady aus jener unbekaunten
Welt gelommen wären, mir im Schlafe zuzu⸗
flüssern, was Geister dem sterblichen Fleische
nicht sagen lönnen ?*

Sie sprang auf und schritt mit verschränkten
Armen auf und ab.

„Weh mir, daß ich allein um das selige
Geheimniß wissen muß. Der Pastor sagt, der
rechte Weg sei stets dlar und leicht zu erkennen,
mir kommt es nicht so vor. Und wenn mein
Traum sicz erfüllte, was sollie aus Mittikens
werden. Wer wüßte, daß alles Geld beim
Banquier sein eigen ist, daß ich es nur für
sein Wohl verbrauchen darf? Und wenn ex
endlich einginge ins ewige Heim, wer wüßte,
wo die armen Gebeine zu ruhen haben ? O
mein Gott, mein Gott! wenn ich nur über
all das sprechen dürfte und um Rath fragen.“

Am Befen ist's woble fube sie nach
einigem Nachdenken fort, „wenn ich noch heute
in die Stadt fahre und mein Testament mache.
Ich werde Häuschen, Gärichen und Laden der
Person vermachen, die mich zuerst todt findet,
das Vermächtniß aber an treue Sorgfalt für
Mittilens knüpfen. Und mein Geheimniß werde
ich aufschreißen und es sammt einer Schen⸗
lungsurkunde meines Jahrgehaltes versiegelt
dem Gerichte überg ben, damit es der Person
ausgeliefert werde, die sich als Erbe oder Er⸗
bin legitimirt. Mehr kann ich nicht thun und
damit will ich dem Herrn vertrauen, daß er
die rechte Person zur rechten Zeit scheint. Ja,
so wird's am besten sein. Dorothea mag aus
Mittikens achten und der Farmer mich in die
Stadt fahren, damit ich noch heute Alles be ⸗
sorger....

Kaum eine Stunde später war Dorothea,
in rothbackiges Bau⸗ernmädchen, aus Leibes⸗
räften damit beschäftigt, für Mittilens gli
ternde Seifenblasen zu machen, und die Ma—

krone fuhr in des Nachbars offenem Wägelchen
nach Breeon.

Auf der pitloreßsßken Promenade am Ufer
des Usk rollien mehrere Equipagen langsam
— sw

dahin, auf daß deren Besiter den reizenden
Anblick der Gebirgslandschaff und die reine
Luft genießen möchten. Gleichgültig überflogen
Madame Me. Neals Blicke die glänzenden
Tarrossen, auf einmal aber fuhr sie zusammen
und beugte sich mit funkelnden Augen wei
por. Nanny Mec. Neal achtete nicht darauf,
daß die Equipage prachtvoller war, als Brecon
je eine gesehen, daß die Pferde edelster Race,
daß die Livrée Sammt und Gold zeigte —
nein, ste sah nur das Antlitz der Dame, die
in dem luxuriösen Wagen hoch und stolz und
schön wie eine Fürstin saß. Von einfachem
draunem Gewandte aber zeigte sich keine Spur;
rin reiches Seidenkleid, ein feines Hütchen mit
weißen Federn, ein kostbar er indischer Shawl
vollendete die elegante Toilette.
Dennoch befahl Nanny Me. Neal ihrem
sutscher, zu halten.
AIch muß mit jener Dame sprechen,“ sagte
sie, „sie mag mich für verrückt halten, aber
ich muß sie sprechen.“
Gortsetzung folgt.
MMannigfaltiges.
Die „Kreuzztg.“ schreibt: Mißverständnisse
ergeben sich sehr häufig in Frankreich unter
den deutschen Kriegern, die nicht genau mit der
französischen Sprache vertraut sind. Ein Bei—
jpiel: GEinem Ojffizier sollen Blutegel gesetzt
werden; der Art geht in die Apotheke, um fie
zu requiriren, weiß aber nicht, wie „Blutegei“
heitßtt. „Monsieur““, sagt er zum Apotheker,
m'avez-vous pas des — des — je ne sais
pss comment dire -- des petites bôtes noi-
res, qui tirent le sang ꝰ““ Ah Monsieur,“
jagt nach einigem Besinnen döchst erstaunt der
Apotheker, — „vous demaudez des puces ?t
Flöhe.) Die Geschichte wurde ruch ar und
der arme Doktor wider seinen Wislen berühmt.
Daß ein Saarbrücker, der während der lchten
Pariser Ausstellung von Leibschneiden heimge⸗
sucht war, in eine Apotheke ging und (poivre-
monnaie-gan-de. vio ses soll heißen Pfeffer⸗
arünzbrannteAn) verlangte, ist auch als ein
solches Mißzverständniß anzusehen.
Druck and Berlag von J. X. Demnet in St. Ingternt.
        <pb n="29" />
        — —

— 5 88

n
*
ι ; ασ An et rin 2zirater

1* 4 — 26 — B —
aterhaltüngsblatt
a J— P— ν—ν
—AAI
reeend r ee e een webve We r de 1
* Aum. ——
St Ingberter Anzeiget.“
XI.S.

—
Dienstag, den 1T. Januar I871.

—28

du 31 Cord Iyle. mινισ 28
Nach dem amerikanischen Originale des J
b C bhar!l e8 T M an ner 8. * e:
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
νν Ombs.) αα νü

—— 27 —

Die Dienerschaft wunderte sich im Stillen.
über die Geduld der stolzen Gehieterin.

„Es steckt viel Gutes unter dem Stolze,“
flüsterte. die: Alle, „hinter der breiten Suirue
wohnt eine edle Seele, die sich mit keiner ün—
würdigen That beflechken wird r.

e. Genevrgerglühte vpor Freude. Keiner
Huldiguuig zartesteWortehatten jee sien sa
entzückt inn lieie u
n Sie träumten nan mir J. Was traumten
Sis deun ? ne —DV— [

Sonderbarer Weise durchzunfte he icht eig
Pal der Gedande die, Frende wolle sict be
ttügen uͤnd reize ihre Neugerbe in selbuischer
Absicht.

„Ich träumte, S heien gekommen mein
Wert gut vollenden Iuü Golt thegile Son ein Si.
es thunten * ιια

v Ihr Werk ?“ fragte Miß Llohd und
lehnte fich unwilskührlich in die Kiffen zurück
als fürchte sie, die alte Frau rede irre

ZJa, ja. Mir ist die Sache so räthselhaft
wie Ihnen. Aber hören Sie aͤuf meine Worle,
Frdulein wem dess unmbglich dks jeßzt

auch scheint SUnglück, stummer, Verlust ooer
großes Weh über Sie kommen follte, so be—⸗
geben Sie sich hierher und weiler vben am
Kreuzweg zwischen Brecknock und Glasmorgan
finden Sie das Häuschen der Frau Nannh
Me. Neal, vort erwartet Sie ein st les be⸗
scheidenes, aber gesichertes Heim, ein kleines
Vermbgen und solch heilige Arbeit, daß selbst
Ihre große Seele sie nicht zu verschmähen
btaucht·
Die Züge der Matrone Jeigten feierlichen
Ernft, ihre Stimme kkang wie in Grutean

ilu IFortfetzung.) a ιιιιιανα
Langsam fuhr der Landmann“bor' Und
hielt mit dem offenen Wägelchen· gerabe vor
der eteganten Carrosse, lderen Kutscher start war
vor Aerger und Erstaunen, während der Bee
diente sich mit Mühe des Lachens enthielt.“ Die
Matrone achtete es nicht. Mit bittender Ge⸗
berde brachte sie die Equipage zum völligen
Stillstand, stieg ab und näberte sich der frem⸗
den Dame.
.*Entschuldigen Sic, ich moͤchte:? nicht zu⸗
dringlich sein unß doch muß ich Sie sprechen
und Ihren Namen wissen, denn ich träumte
heute Nacht so klar von Ihnen, vaß ich Sie
jeht sofort erkannte.“ 9—
Treuherzige Wahrheit lag in deu einfachen
Worten und gemüthvollen, ehrlichen Zügen der
Matrone und verfehlte ihren Einfluß auf die
Dame nicht.
„Mein Name ist Genevra Lloyd,“ entgeg⸗
nete sie milde, „kann ich Ihnen irgendwie
dienen ?“ 3
Nanny Me. Neal betrachtete fie erstaunt
und schüttelte leise das Haupi.
Lloyd — Lloyd,“ den Namen kenne ich
zicht, und doch war es Ihr Gesicht. Bitte,
lassen Sie mich es noch einmal detrachten.“
Langsam · aund forschend irrten die glänzen ⸗
den Augen der Walliseriuͤ über das reigend⸗
Antlig. 2

14
        <pb n="30" />
        Genebra Llond betrachtete fie erftaunt.

Sie versprechen all das einer Fremden *
fragie sie und fügte mit leisem, ungläubigen
Zächeln, ob der scheinbaren Unmöglichkeit solcher
Freignisse bei, „so auffallend all das klingt,
ich verspreche, zu Ihnen zu kommen, wenn die
bon Ihnen berüherten Bedingungen je eintre⸗
jen und hoff,, Sie werden mich dann will
kommen heißen.“ e J

Nanny Mex Neal schüttelte langsam das
haupt.

Sie müssen kommen,“ sprach sie ernst,
aber wenn mein Traum wahr ist, werden
neine Lippen dann starr und stumm sein.
Nehmen Sie jetzt schon meinen Segen und
mein Vermächtnitß, seien Sie liebevoll gegen
den Unglüchlichen und suchen Sie in der
Stunde großer Noth fleißig nach verborgener
hülfe.“ —4

Mit diesen Worten zog sie den schwarzen
Schleier über das Gesicht, verneigte fich ach⸗
ungsvoll und kehrte zu ihrem Woͤgelchen zu⸗
rück, auf dem John mit offenem Munde saß.

Gehorsam der gebieterischen —A
er, nachdem die Matrone eingestiegen, sofort
ab und sie blictte nicht zurũck nah der elegan⸗
in Carrosse, die nun ebenfalls ihren Weg
jornezie.
IV.

Lyle Hal. war in einem Fieber der Er ⸗
vartuug. Nach zweijährigem Aufenthalt in der
weiten, fernen Welt kehrt der Herr und Ge⸗
dieter in die Heimath zurück. Von Zeit zu
Zeit waren Briefe an den Rechtssanwalt oder
Hausmeister getommen, sie waren in Sanct
wetersburg, Tonstantinopel, Smyrna u. sjuw.
aufgegeben, ertheilten gemessene Befehle bde⸗
üguͤch aller Geschäftsverdältnesse und verlangten
tingeheude Berichte. Auf folche Art wurden
perschiedene Verbesserungen eingeführt, die Re⸗
benuen. verdoppelten sich, die alte nachläisige
uund, nicht fellen ungetreue Gutsverwaltung
—R auf, ohne daß man sagen konnte, wann
and wie, und Alle fühlten, deß des Herrn
Auge ihrem Thun und Lassen folge, auch wenn
tr in fernen Welttheilen weilte.

Der Tag seiner Antuuft war folglich für
den ganzen Haushalt wichtig, und als der
Schuellzug auf der Station Lyle einsuhr, poch⸗

len viele Herzen. Hundert neugierige Augen
erfolgten die hohe Gestalt, als Lord Cuthbert,
gefolgt von dem fremden Kammerdiener, aus
dem Waggon stieg und hundert Stimmen be⸗
grüßten ihn jubelnd.

Er wandie sich schnell nach der versammel⸗
len Menge und als er, freundlich nach rechts
und links grüßend. zum Wagen schritt, sahen
Alle das feingeschnittene, von des Südens
Sonne gebräunte Gesicht, die blauen Augen,
das reiche lockige Haar. Vielleicht hätte ein
charfer Beobachter das Lächeln gezwungen ge⸗
xannt und behauptet, Lord Cuthbert habe
häufig die Farbe gewechselt, die Anwesenden
aber bewerklen es nicht, sie waren selbst zu
aufgeregt.

Neben der bekränzten Equipage sab Sir
Charles Worth hoch zu Roß und verbarg
keineswegs feim lebhaftes Interesse an der
Scene. Lord Cuthbert aber schien ihn nicht
zu bemerken und wollte nach flüchtiger Rund⸗
schau einsteigen.

Luke Merton, der Hausmeister, war im
Schlosse geblieben, um dort den Empfang zu
ordnen, James Walson, der neue, Rentmeister,
den Lord Cutbbert noch nicht kanute, war in
Folge telegraphijcher Weisung am Bahr hof
erjchienen und trat nun unter erfurchts voller
Begrüßung vor.

Waison 7? fragte der Schloßherr.

„Euer Guaden zu dienen,“ entgegnete
dieser und fügte dann leise und z6gerud bei,
„Sir Charles — Euer Gnaden sehen nicht,
daß Sir Charles Worth wartet.“

Lord Cuthbert wandte sich schnell, begriff
sofort die Identität des stattlichen Reiters und
zilte ihm herzlich entgegen. V

Vergebung, Sir Charles, ich habe Sie
wirkuch nicht gesehen. Es ist sehr, sehr lieb
don Ihnen, daß Sie mir so freundlich ent⸗
zegentommen.“

Sir Charles drückte ihm warn die Hand
ind rief vergnügt: „Willkommen. mein Junge,
Du bist ja wahrhaftig inzwischen ein Mann
Jeworden, dessen man sich nicht zu schämen
zraucht. Da sollte man ja alle wilde Jungen
Jen Osten schiden, wenn sie so heimkehren.
Du bist der Alle und doch nicht der Alte,
wie kommt das wohl ?

Hoffentlich haben Sie sich sonst in keiner
        <pb n="31" />
        dankbar genug waären, ihm vergangene Diuge
groß anzurechnen.“ M
Mrs. Erne, die Haushälterin, war über
den jungen Gebieter entzückt. —
„Ich sage Euch, er ist prächtig. So gut
und freundlich und doch so würdevoll. Wie
kann man all das Zeug glauben, das man von
ihm sagt. Er sieht übrigens noch hübscher
aus als in seiner Kindheitißß
„Ja,“ entgegnete Luke, „und doch ist sein
Haar nicht mehr so golden, seine Auçen nicht
mehr so blau und die Hautfarbe viel dunkler.
Auch sein Benehmen ist bei Weitem nicht mehr
so ungezwungen, aber zwei Jahre im Ausland
und durchgreifende, innere Aenderung lönnen
wohl noch groͤßere Wunder bewirlen. “
.Nun, ich hätte ihn überall erkanni, be⸗
nierlte William Blale, ein alter Jäger, der
sich auch eingefunden hatte, möcht wissen, ob
er sich noch erinnert, daß ich ihm die erste
Büchse behaudeln lehrie f e
„Er vergißt nicht so leicht,“antwortete
Luke „aber vielleicht ist's besset, wenn man
nicht über alte Zeiten mit ihm spricht. Mir
lommt er eigentlich vor wie ein neuer Charaller,
und neer weiß, ob er nicht entsprechend behan⸗
delt sein will.“
Während die Domestilen sich so unterhiel⸗
len, stand Lord Lyle vor dem Gemälde des
leten Lord.
Während der fremde Kammerdiener aus⸗
packte, batte sich der junge Gebieter in die
Halle begeben, von wo aus offene Thüren in
berschiedene Gemächer führten. Er näherte sich
der Gemäldegallerie, trat wieder zurück uud
schritt erst nach momentaner Zögerung mit
einem Ausdrucke, der zu sagen schien, er fühle
sich nun stark genug, über die Schwelle.
Die Portraite waren alle mi den Namen
Oriuinale versehen und Lord Cuthbert las
Reihenfolge der vergoldeten Schildchen.
Selbst ein Mann ohne jedwede Eitelkeit
Er denkt eben der altien Zeit,“ bemerllte und Selbstliebe wäre wohl gern vor dem
Luke, als er in's Bedientenzimmer tral, „ich eigenenen Bilde stehen geblieben; der Gebieter
sah ganz deutlich, daß es ihn drüdte. Habi von Lyle Hall aber schritt hastig an dem
ihr denn nicht bemerkt, wie er mit der Portraite des Jünglings, dessen Hand leicht
neuen Dienerschaft viel ungezwungener ver⸗ auf der Mähne eines prächtigen Braunen
lehrte 1) War's doch, als fühlte er sich beschämt ruhte, vorüber und blidte mit fast ängstliche:
und gedemüthigt, als wolle er mir abbitlen, Scheu auf die Gemälde der Eltern, welche,
O du meine Güte! als ob wir kec und un— unberührt von seinem Kommen, in den war

der
die
        <pb n="32" />
        nornen Satkophaten der Ahsiehgriffte schlume:
merten. *
Von ber Gemaͤldegallerie bͤgab sich vord
—ADDDD——
mahl seinet harret e
Er soß vilein an der prächtigen Taͤfet und
vdrsuchte zů essen, aber Lute,“ vet hinter bes
Gebieters Sefsel stand, suh wohl, daß etnut
mit den Speisen tändelie ·
„Wie schade, doß Sir Chaͤrles nicht hier
ist*sproch Loͤrd Lyle freundlich zu Luke, ich
sehe schon, “de ich nicht in Verkegenheit ge⸗
rathen werden wenn ich Gäste zir mit bittä.“
Danke, Enet Gnaden: Wir werden uns
sicher Alse bemühen, Sie zufrieden zu flellen,
wenn es Ihnen beliebt, guch ferner über unsere
Diensie zu verfügent, Darf ich Sherri vder
Elaret anbieten ?
Detn git⸗ treue Dirnet frugke wefangen
denn er wußte, was das erste Glas in der
alten Zeit zu bedeuten hatte.
. Miir! cinerlei,“ spiach Lorb Cuthbert zer⸗
slreus, und als er ben berwunderken Auͤsdruck
in Lukes Auge sah, fügte er hastig bei, Ffuͤrchte
nichigz füt mich, alter Junge. Ich will lieber
—
ale Mal, daß die Vergangenhrit bergangru
ist, — todt. weißt Du,“ bei diesen Worten
schien leiser Schauer hu ju durchbeben, und
vir fongen heute zin neues Leben an? Sage
der dangen Vienerschaft, daß ich dankbar wäre,
wenn. mich Niemand an' alte, Gewohnheiten
dinnerte. Verstehst Du mich“ “—
gute derneigte sich beinahe bis zur Erde.
Ich werde dafür sorgen, Euer Gnaden.“
Wenige Minuten sputer begad sich ver
Schloßherr in die Bibnott ekr, wo der Rent⸗
meistet, vehufs Inspectivn, seinet e Lan⸗
er als ene Slunde hörte“ Lord Lyle auf den
—* des Beamten über ben allgemrineũ
Hiand der Gutsverwaliung; er sprach wenig,
es aher geschah, waren die Bemerkungen
Venndch schien er sich erleichtert zu
shlen, als er dein Rentmeister init dem Aus—
i vhllet Zufriedenheit“ errtließe“ Noch ein
abes Dichend anberei. Vediensteter wartete
—
ae inn gedicvig düe Robpote uder sig

ergehen' unb Vegleitele binen der Männer' selbft
durch' das Gitt,“ um die neuen' Verbesseru gen
in Augerschein zu kehmen: Als er die Sial⸗
lungen betrat, überflog sein Auge die lange
Reihe edlet Pfirdbee.
Euer Ghaden fuchen Hecdor.“' bemerkie
det Stallmeistere Fer steht vort, hinler dem
Gtauschiminel.“*
Lord Cuthbert schrite den Gaug' entlaug
— —
prachtvollen Brhumen; der beim Ton seiner
Stimme ungeduldig wiehere..——
, Mir scheint,; er kemit Euer Gnaden, der
Schelm hatte nicht denug Beschäftigung, sein
Muthchen zu' kühlen, du ich aber wußte, daß
Euer Gnaden ihn, lieb hutten/ hielt ich ihn
swots in zutem Stasrdee
: 2 Man mochte glauben? das Geschöpf haber
menschlichen Versland,“bemettte Lvrd Lyle“
zürücktretend, »fatlle ihn, ich will noch ein
Stündchen keilen?agt irn *
Edorisehung sotgt3
—D ——
— —
Mannigfalliges.
(Ein Kohleugrubeubrand seit 1000 Jahren.)
— Eines der merkwürdigsten Phäns men Jeigt
sich in einer Kohlenzeche unweit Rotherham.
Diese, Zeche gerieth vor 100 Jahren in Brand
und älle damaligen und seitherigen Anstrengungen
der Bergleute, des Feuers Herr zu werden,
ind erfolglos geblieben. Vor zurzem erlangte
nian die Gewißheit, daß die Flammen sͤch.
dem Boden des Schafts näherten und man
entschloß sich, wenn thunlich, deren mogliche
Ausdehnung auf die übrigen Gruben Eiuhallt
zu thuu. Auf den Votschlag eines Bergwerks⸗
'undigen hat man jeht eine 1000 Ellen lange
und 8 Zoll bis 5 Fuß dicke Vauer zur Ab⸗
sperrung des Feuers gebaut. In Tistancen
von 30 bis 50 Ellen angebrachte. und sicher
verschtossene Metall Röhren gestatten, wenn ge⸗
offnet, den Stand des Feuers auf der anderen
Seiteẽ der Mauer zu ermitteln. Die Hitze dieses
Zeuers ist so intensipv, daß die Besitz r der
gberhald der Zeche liegenden Gärten jährlich
2 vu 3 Ernten haktem. ν
— 0

21

2.5**

Drud aipeBerlag von F. XcD en Ez in Sr. Jaabet.
        <pb n="33" />
        Unterhaltungsblatt
St. Ingberter Anzeiger.

M

Nv. 9. Donnerstag, den 19. Januar

18775.
Lord Eyle.
Nach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
(Ombs.)
Fortsetzung.)

Es dunkelte bereits, als man Hector vor⸗
führte, und Lord Cuthbert mit dem ersten
Schein der alten Lebhaftigkeit. wie Luke sich
ausdrückte, die Stufen hinabsprang.

Lord Cuthbert reitet nicht mehr so
gut wie früher,“ bemerkte der Stallmeister,
aber zwei Jahre ohne Uebung machen natürlich
oel aus.“

Der junge Gutsherr ritt inzwischen die
Allee entlang und hinaus auf die offene Land⸗
straße. Als er sich endlich allein und unbewacht
fühlte, senfzte er tief und reckte die Hand in
die Höhe. Die Selbstbeherrschung eines ganzen
Tages, die eiserne Willenskraft, die Bewachung
jeder Muskel, jeder Stimmung schien in der
einfachen Geberde sich zu entladen. Wie ein
Gefangener sehnend das helle warme Sonnen⸗
licht einsaugt. schlürfte er gierig des Abends
Aaühle und Dunkelheit.

Nach kurzer Ueberlegung flüsterte er: „Fort
Hector, Du sollst mich noch über eine Meile
weit tragen.“

Die Meile endete in einem friedlichen
Dörfchen, wo unter einer großen Ulme das
Wirthshausschild zum gdnen Bären im Mond⸗
licht glänzte, Lord Cuthberts Auge aber
vandte sich weiter nach rechts, nach einem
hübschen Häuschen, das wie versteckt hinter
iner Tannengruppe ruhte.

Waoar es eine Thräne, was in Lord Cuih
berts Auge funkelte? F

Er ritt in den Hof des Gasthauses, über—
gab sein Pferd der Sorge des Hausknechtes
uud eilte die Straße hinabß.

Angelangt bei dem niedlichen Häuschen
hrat er jedoch nicht ein, sondern schwang sich
leicht über das Eisengitier des Bärtchens und
haschte über die Gartenbeete nach der andereu
Seite der bescheidenen Wohnung. Hinier einer
Gaisblattlaube blieb er stehen und verschlang
mit gierigem Blicke das sich ihm durch die
erleuchteten Feuster bietende Bild.

Er sah ein einfaches, behagliches Zimmer;
häugelampen, Blumenkörbchen, hübsche Bilder
und niedliche Bücherständer schmückten das
zierliche Heim. All das aber beachtete Lord
Cuthbert nur insoferne, als es ihn überzrugte.
daß in diesem Hause lein Mangel heirsche.
Die kleine Gruppe am Opaltijche aber fesselte
seine ganze Aufmerksamkeit.

In einem Fauteuil saß eine in schwarze
Seide gekleidete Frau und strickte. Sie hatte
des Lebens Sonnenhöge bereis überschritten,
ihre Züge aber waren still und fried lich wie
die eines Kindes geblieben. Als sic sich erhob
und vom nächsten Tische ein Arbeits!örbchen
holte, preßte der ungesehene Beobachter ent zückt
die Hand auf das lautpochende Herz und
lüsterte jubelud: „Sie geht — sie kann wirtk⸗
sich wieder gehen! Soll ich jetzt noch zweifeln
uind zagen?“ Wie eingewurzeit hingen seine
Augen an der ehrwürdigen Gestalt. Die breite
Brust arbeitete heftig, die bebende Hand er⸗
jaßte immer fester das schwache Gitterwerk der
kaube. Alle Leidenschaft, alle Kraft seines
        <pb n="34" />
        Wesens eoncentrirte sich in dem sehnenden
Blicke.

Zwei andere Gestalten traten vor. Kitty
Cartright mit dem von goldbraunen Locken
umwallten Engelstöpfchen und den bliztz nden
schuldiojen Augen war lieblich und reizend
genug, wer aber war die fremde Dame? Lord
Cuthbert hatte nie im Leben solb wunderbare
Schönheit. solch königliche Würde gesehen.
Wie kam sie, die in ihrem ganzen Wesen den
Stempel vornehmer Abkuuft trug, in solch
pertraute Beziehungen zu der Familie des ver⸗
unglückten Secretairs 7

Eine Equipage rollte die Straße entlang
und hielt vor dem Hause. Vord Cuthbert be⸗
wegte sich nicht. Er athmete kaum, als die
schöne Fremde lächelnd vor Mrs. Cartright
kniete und den Gutenachtruß der frommen
Matrone erbat. Die beiden Mädchen mmarm⸗
ten sich innig, und dann begleitete Kitty die
Freundin zum Wagen.

Jetzt weißt Du's, Kitty, ich werde Dich
zu meiner kleinen Gesellschaft holen lassen,
Komme nur nicht wieder mit Deinen kindijchen
Scrupeln, ich will Dich haben, das genügt.
Verdirb mir die Freude nicht?:

„Wie groß und edel,“ dachte der Lanschet
an der Gaisklattlaube, „so müßte das Wesen
sein, das gleich einer Königin in meinem Her⸗
jen herrschen sollte.“

„Dir zu lhicb ertrage ich viel,“ entgegnete
sitiw. „und wenn Du darauf bestehst, werde
ich kommen, obwohl ich im Geiste das Achsel⸗
zucken Deiner vornehmen Freusde schon sehe.
Man fagt, Du wählest Deinen Umgang mit
kritischen Auge, warum willst Du ein Gänse⸗
dlümchen unter Camelien bringen? Mich wun⸗
dert's nicht, wenn die feine Gesellschaft die
Nase rümpft.“

„Sei nicht ungerecht Kitiy.“ entgegnete
Genevra Lloyd, „ich bestehe auf Deiner Ge⸗
genwart, weil Dein Charakter mein Ideal per—
sonificirt. Die Wahl meines Uniganges be⸗
dingt sich nicht durch Gold und Stellung, son⸗
dern durch inneren Wertih. Ich bin siolz auf
meines Vaters Namen, weil er rein und hoch
in der Welt steht, kein Hauch ihn trüben
darf. Nur der Charaktert beeinflußt meine
Hanblungen. Ich will edle Naturen um mich
haben und verachte alles Gemeine. Doch wir

vollen die alte Fehde nicht hier in der Abend—
luft fortsspinnen. Du bist mein liebes, gutes
Fäthchen und kommst zu meiner Gesellschaft.
Gute Nöecht, lieb Herz.“

„Gute Nacht.“

Kitty kehrie in's Haus zurück und setzte sich
zu der Mutter Füßen. Sie schienen sich ernst
zu besprechen, denn bald funkelten Thränen in
den Augen des jungen Mädchens und die
Blicke der Matrone hoben sich innig zu einem
zon Epheu umrankten Gemälde, das Lord
Tuthbert bisher nicht bemerkt hatte.

Es war das Bild eines jungen, hübschen
Mannes, des Mapnes, der so voll edler Hoff⸗
nungen und Vorfätze Lord Cuthbert auf den
Tontinent begleitet hatte

Lord Lyles bleiches Antlitz hob fich him⸗
nelwärts, dort ohen aber blieb Alles stumm
ind still, keine Autwort, kein Trost erfolgte.
Seufzend breitete er, wie segend, die Arme
nach den erleuchteten Fenstern, glitt leise aus
dem Garten und eilte nach dem Gasthofe zu⸗
rück. Ein glänzendes Silberstück lohnte die
Mühe des erstaunten Hausknechtes, und dann
perschwanden Roß und Reiter in der Richtung
nach Lyle Hall.
yv
„Und nun, liebes Weib hen,“ begann Sir
Tharles Worth lächelnd, „erwarte ich, daß
Du all unseren Bekannten begreiflich machst,
vie sehr wir uns über Lord Cuthberts Aen⸗
derung freuen. Frauen verstehen derlei Dinge
am besten einzufädeln, und hat erst eine Fa⸗
milie Lyle Hall besucht, so haben wir gewon⸗
nenes Spiel.“

Lady Worth spielie mit dem Theelöf⸗
felchen und betrachtete sinnend den dampfenden
Kessel.
„Ich kann Dir kaum sagen, wie sehr ich
mich üder Deine Nachrichten freue, Charles,
obgleich solche Aenderung an's Wun derbare
treift. War doch seiner Zeit die ganze Ge⸗
ellschaft, sIbst jener Theit, der viele Sünden
dergibdt, über des jungen Mannes Benehmen
empört, aber wenn, wie Du sagst, erst die
eine oder andere Familie die Sinnesänderung
anerkennt und die Vergangenheit ignoxirt, hat
all das nichts zu sagen. Wir besuchen ihn
natürlich sosort und nehmen Blanche und He—
        <pb n="35" />
        leue mit, was jedenfalls ein Vertrauensvotum musterten ihn so viel als möglich, während
ist. Sagtest Du, er sei so hübsch wie früher?“ Sir Charles dem ehemaligen Mündel warm
sügte die Dame mit leiser Unruhe bei. die Hand schüttelte und Lady Worth vor—

Versteht sich, hübscher denn je. Ich kann stellte.
mich nicht so recht ausdrücken, aber wenn Du „Ist er nicht reizend?“ flüsterte Blanche
ju der Kunstausstellung die Statuen von Ba- —X ihrem Fächer, worauf Helene warnend
chus und Apollo betrachtest, bist Du keinen das. Haupt schüttelte, mit den Augen aber der
Augenblick im Zweifel, welches die edlere Schwester Ausicht bestätigte. —
Sschönheit ist, und gerade so ist es mit dem „Und da sind die Mädchen, Cuthbert,“
Ldard Cuthbert von ehedem und heute. Ich rief Sir Charles freundlich, „ich muß sie Dir
odertraue ihm nun unbedingt, und hat man wohl auch vorstellen, denn der Uebergang vom
ihn erst gesehen, so werden es Alle thun. Schulmädchen zur jungen Dame ist ungefähr
Das Sichfernehalten aber dürfte verlezen.“ gleich bedeutend mit dem von Puppe zum

„Nun, dem kann geholfen werden. Ist doch Schmetterling. Das ist Blanche und das ist
demnächst Lady Woodlawns Picnic. Der Plan Helene; sie werden Dich schnell genug mit dem
des Festes ist so originell, daß Jedermann ungen Volk bekannt machen.“
erscheinen wird, der eine Einladungskarte er⸗ Cuthbert Lyle setzte sich zu seinen Gästen
obern kann. Das ist die besse Gelegenheit zu und war bald in lebhasie Unterhaltung ver⸗
allgemeiner Vorstellung. Sobald ich Cuthbert lieft. Anfangs zeigte fich eine gewisse Scheu,
gesehen habe, fahre ich zu Ladd Woodlawn die aber bald verschwand, und die herzliche
uad theile ihr unsere Wünsche und Gründe Weise, mit der er bat, alle Ceremonien sofort
mit. Lord Hevry wird dann in Lyte Hall Be⸗ der Seite zu setzen und ein kleines abelfrũh⸗
such abstatten und Cuthbert wird es wohl ver ˖ stück zu nehmen, gewann ihm vollends die
st ehen, sich beliebt zu machen.“ Herzen.

„Der Plan isi prächtig. Dacht ich's boch Naodhdeni die Bitte gewährt war, ließ Lord
gleich, Du werdest einen Ausweg finden. Cuthbert den Koffrr bringen, in welchem sich
Blanche und Helene aber müssen ebenfalis das die auf den weiten Reisen gesammelten Merk.
Ihre heitragen, um dem Jangen freundliche würdigkeiten befanden und erzühlle in fesseln⸗
Aufnahme zu sichern, denn ich fühle mich, der Weise gar Mancherlei über die verschie⸗
ehrlich geftanden, etwas deengt, weil Cuthbert denen Gegeustände. Das eine Andenken stammte
sich, sobald er meiner Leitung entkam, so ent· von einer Caradane in der großen Wüste,
schieden zu seinem Vortteil änderte. Meine das andere bon einem we ßbeturdanien Schif⸗
Behandlung muß demnach nicht die richtige fer des heiligen Ganges. Dieses war aus
gewesen sein. Zudem versprach ich seinem Vae keinem Lager zu Damaskus, jenes aus dem
ter mich des Knaben anzunehnen, und wir Lager eines äghptischen Händlers, der beinahe
müssen uns bestreben, ihm gebührende Stellung eben so eingerunzelt und ledern aussah, wie
zu verschaffen· W seine Mumien.

„Wenn nur Genevra Lloyd seine Partei Wie hübsch'Sie erzählen könneü,“ rief
ergriffe,“ bemerkte Lady Worth, „dann wäre Blanche vergnügt, „habe ich doch Tag meines
am Erfolg nicht zu zweifeln.“ Lebens Niemand getroffen, der Reisterlebnisse
⸗Nun, wir wollen sie bestsürmen einmal auch nur en verstand. Ihnen
liebenswürdig zu sein, wenn das überhaupt aber möchte man stundenlang zuhören, denn
möglich ist. Diesen Nachmittag fahren wir nach man fühlt ordentlich, wie glücklich Sie beim
Lyle Hall, dann tannst Du Alles nach Be. Änblik l des Schönen waren. O bitte, be⸗
lieben handhaben.“ schreiben Sie uns all Ihre Wanderungen von

Blanche und Helene, zwei hübsche liebe fernen Welttheilen bis nach Paris und dem
Mädchen, waren voll Neuglerde, den Gebieter lieblichen Genfersee ··· J
pon Lole Hall zu sehen. Als Lord Cuthbert Nuf ves jungen Manneß Zügen spielte
den Salon, in welchem seine Besuche ihn er⸗erstfröhliches Lächeln. das sich aber Ploßlich
warteten, betrat, machten sie große Augen und in ernstes, trübes Sinnen berwandelte. Alg
        <pb n="36" />
        ———
— *
. ———
3a 5

er wieder ausblickte, sprach er bewegt: „Nein,
ich war nicht glücklich, denn es quälten mich
bittere Erinnerungen. Der Kampf wir heiß
und schwer, und der Herr bewahre Sie All e
bor solchem Jammer, als ich auf jenen eine
samen Wanderungen ertrug.“

Du bist aber siegreich aus Allem her⸗
vorgegangen, lieber Junge,“ sprach Sir Char⸗
les herzlich, „und das freut mich mehr, jals
wenn nie Ursache zum Kampfe vorhanden ge⸗
wesen wäre. Im Ganzen wollen wir aber die
Bergangenheit ruhen lassen.“

„Von Herzen gern,“ entgegnete Cuth⸗
bert, und die düstere Wolke schwand von seiner
Stirne.

Als die Gäste endlich aufbrachen, bat
Lady Worth freundlich, Lord Cuthbert möge
nicht vergessen, sie recht oft zu besuchen und
ich gleichsam als Familienglied zu betrachten.
Der junge Mann dankte mit bewegler Stimme,
was ihn der Dame um so mehr empfahl und
nahm dann in herzlicher Weise Adschied.

Nein, solche Veränderung hätte ich wirk·
lich nicht erwartet,“ begann Lady Worth. als
sie das Parkthor hinter sich hatten, „wenn Dir's
recht isi, sehe ich Dich und die Mädchen unter⸗
wegs ab und fahre sofort nach Woodlawn
Park.“
„Ganz, wie Dir's beliebt.“

Gesagi, gethan, und die Dame lieferte
jolch giühende Beschreibung der Vorzüge des
eben zurückgekehrten Gebieters von Lyte Hali,
daß Lady Woodlawn, die drei heirathsf ähige
Töchter hatte, keinen Augendlick zögerte, den
Bemahl zu dem erbetenen Besuche zu bestim⸗
men und den Bedienten mit der varfümirten
Einladungskarte zum Picnic abzusenden.

Lord Cuthbert siegelte eben ein Briefchen,
de ssen Inhalt ihm viele Mühe gelostet hatte,
als man ihm Lord Henry Woodlawns Karte
drachte. Er zögerte, den Besuch zu begrüßen,
bis er dem Vedienten ein Packet zuůr Beför⸗
derung übergeben hatte.

Auf dem Schreiblische dagen mehrere an⸗
gefangene Episteln und schienen zu beweisen,
wie schwer es geworden, die richtigen Worte
für das einfache Briefchen zu finden.

„Würden mir Mrs. Cartright und Fräu⸗

lein Tochter die Ehre erweisen, beiliegende
leinigkeiten als Erinnerungen an ferne
Ldänder anzunehmen? Nicht um meinetwilen
hitte ich, sondern im Namen und Andenken
des Sohnes und Rruders, der so oft mir
»on dem Silberschmucke plauderte, den er
n Smyrna für das theuere Schwesterchen
aufen wolle, und von dem weichen Shawl.
dessen Farben gerade so sein müßten. um
der Mutter Freude zu machen. Da ich seine
Wünsche und Absichten so gut kannte, war
mir's traurige Freude, sie zu erfüllen und
sch bitte, Sie möhten es als seine Gabe
annehmen. Cuthbert Lyle.“

Wieder und immer wieder las er die we⸗
wenigen Worte, und als der Bediente mit dem
Packete verschwand, feufzte der junge Mann
chwer.

Lord Woodlawn aber wartete und so strich
Tuthbert über die sorgenschwere Stirne und
begab sich in den Eupfangssalon und ent⸗
zückte den alten Edelmann eben so sehr, als
Sir Charles, so daß Lady Woodlawn von
dem Gemahle ebensalls einen enthusiastischen
Bericht über Cuthbert erhielt.

Und so war denn Lord Lyle unter glãn⸗
jenden Aufp'cien in die Gesellschaft eingeführt
aus der sein wildes Betragen ihn ehedem ver⸗
bannt hatte.
(Forlsehung folgt.)

— — — —

Sheffiel d. Hierher kommt die Kunde
von einem beklagenswerthen Kohlengru—
denunglück. Der Schauplaß des Unglücks
war eine eiwa 8 Meilen von Sbeffield
gelegene Kohlenzeche, Reushaw-Park bei Ecking⸗
on 'in welcher in der Racht vom Dienstag,
vährend 60 Bergleute in der Tiefe arbeiteten,
eine fürchterliche Explosion schlagender Wetter
entftarnid, wodurch 27 Personen ihr Leben
derloren und 11andere verwundet wurden.
Die meisten der ums Leben gekommenen
Bergleute waren Familienväter.

Mannigfaltiges.

— ——

Druck and Verlag von F. X. Deies in St. Inabert.
        <pb n="37" />
        W

terhaltungsblatt

— * *
* —

zum

—
St. Ingberter Anzeiger.“
N. IO. Sountag, den 22. Januar 18775.

Aord Lyle.
Nach dem ameritanischen Originale des
Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
(Ombs.) *
Gortsetzung). —
VI.
In einem der ersten Gasthö'de in Picca—
dillh war ein Fremder angekommen, dess'n
eigenthümliches Benehmen nicht nut den Hotel⸗
desitzer, sondern auch die zahllose Kellnerschaft
in Erstaunen setzte. Er kam mit wenigem Ge—
päck von Dover und der Reisesack zeigte, daß
ein französisches Schiff ihn an's englische Ufer
gebracht. Im Fremdenbuch stand einfach U.
Lubin, ohne jedwede Bezeichnung der Natio—
nalität oder des Zweckes der Reise. Das all⸗
gemeine Benehmen, die äußere Erscheinung
waren die des Cavaliers. Die Hände, obwo gi
groß und knochig, waren weiß und fein, und
am kleinen Finger glänzte ein massiver Ring
mit einem in Duix eingeschnittenen, einem
Wappen ähnlichen Siegel. 37*

In der ersten Woche seines Aufenthaltes
verließ U. Lubin das Zimmer nar gelegentlich
der Mahlzeiten, die er sich stets trefflich schme—
ken ließ, las fleißig die Zeitungen, betrachtete
pom Baltone aus mit sichtlichem Vergnügen
ie Menschenfluth unten, bezüglich eigener In⸗
eressen aber oder bestiumter Zwecke des Au⸗
jenthalles mochte er eben so gut ein Automat
sein. So dachten wenigstens Jene, die sich um
sein Thun und Lassen kümmerten.

Im Ganzen war Lubin ein Mann von

angenehmem Aeußern in«mittleren Lebens—
jahren. Das einzig Auffallende an ihm war
die Läuge seiner Extremitäten, er verstand sie
aber mit einer Art tatürlicher Grazie zu kra—
gen und vermied so den Fluch der Lächer—
tichkeit. Die Gefichtszüge zeigten jüdischen
Typus, die grauen, stechenden Augen blickten
keck unter buschigen Brauen hervor, und ver
Mund verbarg sich so zu sagen unter dem
dichten Bart und zeigte nur wenn er lachte
die kleinen weißen Zähne, die unwillkührlich
an ein Wolfsgebiß erinnerten.

Als am zehnten Tage nach der Ankunft
U. Lubin, von dem man noch nicht wußle,
ob man ihn Moufieur, Herr, Signor oder
einfach Master zu tituliren habe, aus seinem
Zimmer trat und einen Wagen verlangie, er—
regte das nicht geringe Sensat on unter dem
Dienstpersonal des Hotels.

„Leadenhallstrabe. Ich habe Geschäfte mit
dem Banquier Llohyd·

Und alsbald Zhielt der Wagen vor dem
massisen Steinbau. Lubin blickt nach dem
vernoldeten Schild, der einen in der ganzen
Metropole geachteten Namen trug: Ladprence
Lloyd, Banquier.“ —

„Also keis Compagnon,“ dachte Lubin,
„um so besser, es ist also uur Einer zu über;
zeugen, nur Einer zu bekanmpfen, falss es so
weit lommen sollte. —————

Er schriit gemächlich die Sleinstufen hinan
und besand ich datu zu neme groͤen, mit
Stet pulten und Schräblischen gefülltea Ge—
nache, an dessen beiden Seiten sich eiserne
Geldkasten mit den Inialen aller bedeutenden
Bankhäuser Europa's und Amerika's besenr d
        <pb n="38" />
        Ein alter Buchhalter bemerkte alsbald des
Fremden Elntritt und kam ihm sofort ent⸗
gegen. a2⸗

„Ich wünsche mit Mr. VLloyd über Pri⸗
datangelegenheiten zu sprechen.“

„Wissen Sie gewiß, daß wir die Sache
nicht besorgen können? Mr. Lloyd läßt sich
nicht gerne behelligen und Evans, der erste
Buchhalter, besitzt sein volles Vertrauen.“

„Da es Privatverhältnisse betrifft, wünsche
ich zuerst Mr. Lloyd zu fprechen. Schickt er
mich daun hieher zurück, so habe ich n ichts
dagegen.“

„Ist Mr. Lloyd hier, Evans?“ fragte
der alte Mann, „da ist ein Herr, der ihn
zu sprechen wünscht.“ *

Mr. Lloyd ist nach Hause gegangen und
lommt erst Morgen um 11 Uhr wieder,“ ent⸗
zegnete Evans, musterte flüchtig des Fremden
Erscheinung und fuhr dann in der Arbeit
X
„Aber ich muß ihn bezüglich wichtiger
Privatverhältnisse sprechen.“

Kann nicht helfen. Morgen um, 11 Uhr,“
jaulete die lakonische Antwort. J

„Es wird sich wohl doch ein Weg finden
lassen,“ demerkte Lubin, gereizt über des Man⸗
nes Gleichmuth, und wie mit Einem Schlage
peränderte sich der ganze Gestchtsausdruck. Die
zrauen Augen wurden' zum passenden Gegen
fiück des wolfähulichen Mundes, dessen scharfe
weißen Zähne solch unheimlicheun Eindruck
machten.

Die beiden Buchhalter blickten erstaunt auf

kecken Mann.

Wollen Sie mir gefälligst die Adresse
zeben, denn ich will Mr. Lloyd noch heute
sprechen und die Angelegenheit beirifft ihn so
gut wie mich“

Seine Stabdtwohnung ist in Belgrave
Square, aber ich mache Sie darauf aufmerksam,
daß noch Niemand die Kühnheit hatte, ihn
mit Geschäften außer den dazu bestimmten
Stunden oder gar in seinem Hause zu belä⸗
stigen,“ erwiderte Evans.

Lubin lächelte.

„Ich nehme die Verantwortung auf mich,
und Sie mögen sich darauf verlassen, daß ich
Mr. Lloyd noch heute sprechen werde.“

Zwei Stunden später jührte ihn ein Be⸗—

dienter in blau⸗silberner Livroͤt in die Bik⸗
iothek des Hauses, ein prächtiges Gemach
mit farbigen Fenstern, deren warmes Licht
'n reizender Wirkung auf die Büsten und
Statuen fiel, mit welchen die Kästen und
Bücherständer geschmückt waren. In Mitte des⸗
'elben stand Lawrenee Lloyo. Es ließ sich kaum
ein edleres Bild eines englishen Gentleman
denken. Eine hohe Gestalt von gebietender
Haltung mit dunklen, feurigen Augen war
er, troß der ergranten Haart, mit sebbzig Jah-
ren hübscher als mancher Jüngling von fünf⸗
undzwanzig.

Bei Lubins Eintritt zeigten die Züge des
Hausherrn den Ausdrack unbegrenzten Wohl⸗
woslens, denn er wähnte einen seiner Freunde
zu freundlichem Geplauder gekommen. Als er
aber fremde Züge erblickte, zog eisige Kälte
über das erst so gütige Gesicht.

„Sie wünschen mich zu sprechen ?“ fragte
er mit vornehmer Herablassung. „Sie haben
wahrscheinlich ein Empfehlungsschreiben ?

„Nein und ja, wie Sie es gerade nehmen,“
entgegnete Lubin uneingeschüchtert, „ich habe
in Geschäftsangelegenheiten mit Ihnen zu
sprechen, und da Sie nicht in Ihrem Bank⸗
socale waren, kam ich hieher.“

Die milden Lippen lächelten nicht mehr,
sie waren feß geschlossen und das edle Haupt
hob fich höher, während die Augen entschie-
denes Mißvergnügen ausdrüchten. F

„Es ist unverzeihlich gedankenlos von meinen
Leuten, daß sie Ihnen erlaubten, hieher zu
ommen. In meinem Hause herrjcht die be⸗
dimmte Regel, daß Geschästsverhälinisse die
Suille des eigenen Herdes nicht stören dürfen.
Verlangt Ihre Angelegenheit meine persöuliche
Aufmerlsamkeit, so finden Sie mich Morgen
um 11 Uhr in Leadenhallstraße. Uebrigens
hbin ich überzeugt, daß irgend ein Buchhalter
die Sache eben so gut besorgen kann.“

Mit diesen Worten wandie Mr. Lloyd
dem Fremden den Rücken, als betrachtete er
die Unterredung geschlossen.

Lubin abes behauptete seinen Standpunkt
und hätte nicht ein eigenthümliches Lächeln
jeine Lippen umspielt und die wiißen scharfen
Zähne sich drohend gezeigt, man würde ihn
—ERE—— gehalten
haben.
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        „Ihre Regel ist zweifellos autgezelchnet,
Mr. Lloyd, aber es gibt Ausnahmen zu allen
Negeln und meine Angelegenheit ist eine solche.
Mein Geschäft ist streng persönlich und Sie
werden es nicht zur Kenntniß Ihrer Buch⸗
halter bringen wollen.“

Des Mannes Keckheit entzündete den
Zorn des reichen Banquiers. Er wandte sich
schnell um.

„Mein Herr, Ihr Eindringen läßt sich
durch bloßes Nichtwissen erklären, Ihr Bleiben
aber ist impertinent. Ich habe keine persön⸗
lichen Geheimnisse, meine Geschäfte sind offen
wie der Tag und Jedermann mag ˖ davon
Einsicht nehmen. Wenn Sie etwa unter der
Hand Gewinnvorschläge zu machen haben, sind
Sie an den unrechten Mann gekommen. Law⸗
rence Lloyds Charakter und Ehrlichkeit ist an⸗
erkannt, er wird sein graues Haupt nicht mit
irgend welcher Unredlichkeit entehren. Ich
werde meine Diener beauftragen, Ihnen die
Thüre zu weisen.“ J

Während der Banquier das mit eisigem
Tone sprach, spielte der Fremde gemächlich mit
seinem Barte und der sarkastische Ausdrud
seiner Züge steigerte sich so schnell zu fata⸗
nischem Triumphe, daß der Herr des Hauses
in heftigem Zorn die Klingel zogg.

„Sehr wohl, Mr. Lloyd,“ bemerkte Lubin,
scheinbar noch immer ruhig, „ich werde dann
Ihre Buchhalter ersuchen nach dem Monat
Juni des Jahres 1829 zurückzugreifen. Es

sind nun gerade 15 Jahre, daß John Haughton
Sie besuchte.“

Ein dämonisches Lächeln zuckte um die
bärtigen Lippen und schien sich selbst den gli⸗
hzernden Woifszähnen mitzutheilen.

Es war, als habe ein Samum über Law⸗
rence Lloyds Antlitz hingefegt und das frische
Fleisch versengt. Er erröthete, erbleichte und
sank keuchend in einen Sessel. Kein Wort kam
über die starren Lippen.

Auf der Schwelle erschien der Bediente, er
war dem Rufe der Glocke gefolgt.

Eine Flasche Wein und Diäser,“ befahl

Fremde gemessen. —

Der Bediente riß die Augen weit auf,
verschwand aber sfforrtr.

Lubin näherte sich dem Hausherrn.

„Ich warte Ihre Befehle, Mi. Lloyd,“

her

sprach er mit höhnischer Artigkeit, „oll ich
mich Margen zu Ihren Buchhaltern bege⸗
ben ? *

In dem heiseren Tone mit dem der Ban⸗
quier antwortete: „Ich will Sie felbft sprechen,“
lag unsagbare Angst und Demüthigung.

Wieder zeigte sich der Ausdruck wölfischer
Graufamkeit, als Lubin behaglich und lä⸗
chelnd in einem Fauteuil Platz nahm.

„Gut; ich habe es Ihnen ja gleich ge⸗
sagt, daß Sie eine Privatunteredung vorziehen
würden.“

O wie jedes Wort in des stolzen Ban⸗
quiers Seele schnitt!

Der Bediente brachte inzwischen auf sil⸗
berner Platte den funkelnden Wein.

Mr. Lloyd bedeutete ihn die Gläser zu
füllen bot selbst dem Freniden eines daoon
und sprach dann mit Aufbietung aller Willens⸗
kraft: „Du kannst gehen, John, ich werde
ungefähr eine Stunde beschäftigt sein und
wünsche nicht gestört zu werden.“

„Sehr wohl, gnädiger Herr!“ entgegnete
der Diener und entfernte sich uit neugierigen
Blicken auf den sonderbaren Besuch.

Nur das laute Ticken der kostbaren Stand⸗
uhr unterbrach die nun folgende Todtenstill⸗.
Mr. Lloyd belämpfte sichtlich die innere Auf⸗
regung und sammelte Kraft und Wuth, Lubin
schlũrfte behaglich den edien Rebensaft.

„Sie finden mich verändert,“ begann er
endlich, „fünfzehyn Jahre sind aber auch eine
lange Zeit, obwohl ich Sie überall erkaunt
hätte.* 22. *

Der Banquier fuhr aaff .

„Sie behaupten doch wohl nicht, das Sie
der Betreffende — 1—
„Versteht sich. Zu jener Zeit war ich ein
bloßer Junge, jetzt bin ich ein Mann.“

„Ich erlenne Sie nicht und habe alle Ur⸗
sache, John Haughton für todt zu halten.
wenn er es nicht wäre, wie käme es, daß er
Jahre und Jahre lang kein Lebenszeichen ge-
gehben ?
In sicilianischen Kerkern pflegt man keine
TCorrespondenz zu gestatten,“ eutgegnete Lubin
zähneknirsched. ——

Ah!“ rief Mr. Lloyd und versank wieder
in trübes Sinnen.

„Uebexhaupt sehe ich nicht ein, was die
        <pb n="40" />
        Berleugnung meinerIdentität Ihuen —
soll,“ begann Lubin nach kurzer Pause, „denn
ts ist nicht wahrscheinlich, daß eine dritte
Perlon von der Sache weiß, und ich habe
zudem die Papiere mitgebracht und den Ring,
mit welchem wir die in Ihrem Besitz befind⸗
lichen Documente siegelten.“ —2 —
Er zog den Rinug vom Finger und hielt
ihn so, daß der Banquier das Siegel sehen
konnie. Lawrence Lloyd warf nur einen Blick
darauf, dann stützte er den Kopf in die Hand
und betrachtete durch die Finger ängstlich den
Fremden, der laugsam aus einer Brusttasche
ein abgegriffenes Portefeuille zog, es auf den
snicen aushreitete und darin suchte, bis er ein
Pädchen vergilbter, mit rothem Bindfaden zu⸗
sammengebundener Papiere fand, welche er
mit boshafter Freude und absichtlich quälendem
Zögern entfaltettee.
T, Diese Documente haben eigenthümliche
Geschiche erlebt,“ bemerlte er, „was sagen Sie
dazu, daß sie acht Jahre in einer Blechbüchse
unter einem Olivenbaum im Garten eines
Nonnenklosters begraben lagen ? Doch da sind
sie nun in bester Verfassung, und ich bin ge ⸗
dommen, eine Uebereinkunft zu treffen. Ich
freue mich sehr, daß Sie mir so lebhaft die
Integrität Ihres Hauses versicherten.“
War das Hohn ⁊ Der Stolz des Banquiers
empoͤrte sich, er erhob sich hastig und sank
dann wieder, überwältigt von dem Gedanken,
was diese verg.Ibten Papiere ür ihn bedeuteten,
ju den Sessel zurüd, Ruin! Schaude! Der
stolze Name, der geachtet war üderall, sollte
in den Schmutz getreten, der hehre Ruf, dessen
unbifleclte Reinheit so soegsam gehütet worden,
geschmähl, geschündet werden !!
Was verlangen Sie“
‚Mein Eigent um, Mr. Lloyd. Vollen
Ersatz mit den gewöhnlichen Ziusen. Nicht
mehr, aber auch keinen Heller weniger,“ lautete
die entschlossene Antwort.
„Bei solchen Summen laufen Zinseszinsen
jurchtbar auf. Wir hatten in letztet Zeit schwere
Verluste, eine Finanzkrise droht, und weun
solch ein Betrag auf einmal aus meinem Ge⸗
jchäft gezogen wird, kann ich mich nicht
halten.“

3 *
α 222—

α
··
„Das ist nicht meine Sorger
‚Würden Sie sich nicht mit dem ursprüng⸗
lichen Kapital begnügen,“ fragte Mr. Lloyd
zoͤgerrd.

„Mein Herr, ich bin kein Narr und ver—
fenne auch die Tragweite der Sachlage nicht.
Ich weiß, daß der betreffende Schuldposten
sälschlich getilgt und mit dem fremden Kapital
ein reiches Haus, ein großer Name gegründet
vurde. Mau hält Sie in England für einen
Crösus, und ich verlange jeden Heller meines
Figenthums.“

Myr. Lloyd erhob sich und schritt mit
zesenktem Haupte und auf dem Rücken ver⸗
schlungenen Armen langsam auf und nieder.
—AD
bittlich sei.

Kaum eine Stunde früher, hatte er sich
iber die sichere Stellung des Bankhauses
dawrence Lloyd, über das glückliche Laviren
in der finanziellen Krise, die mehr als eine
alte Firma gestürzt hatte, gefreut, und nun
drohte mehr als Ruin, es drohte Schimpf und
Schande! —VV,———
Er stöhnte laut, der stolze Geist erbebte vor
Schmerz.

Draußen machten sich leichte Schritte hör⸗
har und eine süße Stimme rief: „Darf ich
tommen, Väterchen ?“

Der Banquier erschrack, schritt unwillkühr lich
zegen die Thüre, scat dann zurück uud deutete
auf einen Alkoven.

Lubin verstand sofort, ergriff seinen Hut
und verschwand hinter den schweren Vorhängen,
welche ihm jedoch genügenden Ueberblick ge—
statteten. »
Ggortsetzung folgt).
—W Charade.

Vortrefflich Er stel Die unsgelehrt macht und weise,

Es dient die Zweite dem, Kaufmann, nicht minder
denm Greise;

Wirst Du die beiden nun mit einander verbinden,

Zahllos lassen sie in der Ersten sich finden,
Auflösung der Homonyme in Nr. 4 des Unterhal⸗
tiungsblattes: Encre“ — „Anker.“

Deuch and Verlag von F. X. Demetz in St. Inabert.
        <pb n="41" />
        J
48 1
— *
Aterhaltungsblatte

—3—
St Ingberter Auzeig er
Ar. LI.

Dienstag, den 24. Januar
——

Cord Iyle.

Nach dem · amerikanischen Originale des

Charlhes T. Mannerd.

Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
(Ombs.. J
(Fortsetzung.

Nun erft öffnete Mr. Lloyd die Thüre.

„Bist Du zu Hause, Geuevra?“ fragte
er, als die schöne Tochter sich zärtlich an ihn
schmiegte. „Ich meinte, Du seiest längst aus
der Stadt“·

„Ich war es auch mußte jedoch, da Ma⸗
dame de Vere meine Bestellungen mißverstan⸗
den, wegen meiner Toilet?e zum Pidnick der
Lady Woodlawn zurückkehregng “·“·

Mein Liebling ist eben schwer zu befrie⸗
digen,“ lächelte der Vater.

.Und wer hat es mich gelehrt ?“ fragte
ste scherzend, „wer zeigte mir durch Wort
und Beispiel das Gemeire verachten und in
jeder Hinsicht nach dem Höchsten streben ?9

Er preßte die bleichen Lippen auf die

dlänzenden Haare. damit Geuebra den Ausdruck
von Schmerz und Demüthigung.— der bebend
uber seine Züge zog, nicht sehe.
OD nein, Väterchen, ich schäme mich meiner
Ideale nicht, so lange ich Dein hehres Bei⸗
spiel vor mir habe. Mag die ganze Welt
mich stolz und absurd neanen, ich werde doch
glauben, daß Alles edel sein könnte und groß.
denn ich habe den Beweik ja stets vor Augen,
Deines Namens unbeslectte Reinheit ist mein
reichstes Erbe. ·“

Muß auch ich Dich albern nennen, mein
Kind T weißt Du nicht, daß wir schwacht

Sierbliche sind, nur sicher so lange keine
Versuchung droht ? Dein Los ist mir süß und
theuer, aber ich darf es nicht annehmen. Und
wie, Genevra, wenn Dein Vater seinen guten
Namen, seinen unbefleckten Ruf verlöre

Sie wars lachend das Haupt zurüukfß.

„Als ob das nicht gerade eine meiner
—XED

Ein Schauder durchbebte die starke Gestalt
des Mannes.

.Du weichst meiner Ftage aus. Wenn
solche Verhältnisse nun werklich eintreten ?“

.O,“ entgegaete Genevra tief aufseufzend.
als ob der bloße Gedanke sie entsetze, „da
würde es Nacht werden um mich, da würde
mir das Herz brechen.“

Wieder durcbschauerte es ihn, aber er barg
es unter herzlicher Umarmung und fragte einen
Moment spärter mit scheinbar heiterem Tone:
.Und was ist's mit dem Kleide ?

Sie lachte wieder. Ein kindlichfrohes, sil⸗
bernes Lochen, daß wohl Niemand die stolze
sbnigin glänzender Feste dessen fähig gehal-
ten, tanzte mit phantastischer Geberde in dem
schweren, goldfarbenen Seideulleide vor ihm
und kehrte dann fröhlich in seine Arme
zurückrk.

, Wart, Du leichtsinniges Votzelchen, was
soll aus dem Puhe werden. wenn Dunihn
schon jetzt verdirbst.“ schalt der Vater lächelud.

Ja wahrhaftig, und drüben wartet Ma⸗
dame de Vere. Ich sagte ihr, ich wolle Dir den
Anzug zeigen, denn sie ärgerte sich, als ich
die falschen glänzenden Verzierungen, mit
welchen das Kleid geschürzt war, uicht habun
wosite. Als ich bemerkte, daß ich nie Flliter
        <pb n="42" />
        trage, nannte sie eine game Reihe hochadeliger
Namen, deren Trägerinnen, sämmtlich falfche
Brillanten zu ihrer Toilette verwenden. Aber
sag einmal, Papachen, findest Du nicht, daß
jolch dunkle Veilchen sich entschieden hübscher
ausnehmen, als der glänzende Flitter ?“

Genebra trat zurück sich betrachten zu laf⸗
sen; ihre Züge blitzten vor Freude, ihre strah⸗
senden Augen überboten noͤch“ das Gefunkel
der Diamanten, die ihren Nacken schmückten.

Doas Kleid war von schwerer, goldfarbener
Seide, mit weißen Blonden ausgeputzt und
mit Veilchen geschürzt.

Einen Augenblick vergaß Lawrence Lloyd.
ob dem · Uebermaße von Bewunderung und
Liebe für das einzige Kind all sein Herze⸗
leid
„Ift's so recht. Papa?“ fragte sie in
kindlicher Freude, ob des geliebten Vaters
Wohlgefallen, gefällt Dir's so ?“

Mein Töchterchen weiß, daß in meinen
Augen Niemand reizender ist, als es⸗·

„Und Niemand so hehr, so hoch, so lieb
als Väterchen,“ schmeichelte sie, „o, ich werde
wie meinen Ritter finden, bis mir Dein ju⸗
gendliches Abbild erscheint.“

„Der Herr sende Dir eine bessere, staͤrkere
Stütze, „flüsterte der Banquier ernst.

„Und nemn noch etwas, Papa, soll ich im
Daar einen einfachen Veilchenkranz ftagen oder
das Diamauntendiadem, das Du mir zum Ge⸗
burtstag gabst

Aber, Herzchen, das ist ja einerlei.“
RNein, das ist es nicht. Eines muß besser
hassen —**

Veilchen, mein Kind. Du brauchst keine
Juwelen, denn Du vist vhnehin die Königin

jedes Festes, der Stolz meines Herzens.“
Atso Veilchen,“ lächelte sie und schritt
sebhlich nach der Thürt. Auf“ der Schwelle
wandte sie sich noch einmal und kam beftürzt
zurüctunn VVVVWVWVWVDVD——
„Du bift nicht' wohl, “Pupa, Durbift
pfötzlich ganz bleich geworden; was fehlt · Dir ?*
Einen PRioment übetwälligte ihn beinahe
die innere Aufregung, dann bemeisterte er das
Schluchzen, das unwilltührlichfich der ge—
quälten Brust entrang, „schloß das Auge! um
die quellende Thräne zu derbergen und küßte
—X beblich Kinb. ——

Nein, nein, et fehli mir nichts, ich dachte
nur, wie de wäre, wenn ich Dir keine Edel—
steinne mehr bieten Dnnte? Es ist alles mög⸗
lich im Wechsel der Welt.“

Sie blickte ihm voll in's Auge und ent⸗
gegnete fest:

„Dann würde ich sagen, daß die Blumen
süßer feien vnd lieblichex, als dalie Steine.
Wie oft noch muß ich wiederholen. daß mein
Stolz, meine Freude sich nicht durch Deinen
Reichthum bedingt, fondern in einem höheren
kostbaren Guf wurzeit, in Deiner Ehre, Dei⸗
nem Namen, Deinem Charakter. Diesen Reich⸗
ihum und Deine Liebe kann mir Nicmand
ne hmen, Vater, und mit ihnen bin ich noch
eine Königin, auch wenn meine Krone“ der
Juwelen entbehrt. Komm, küsse mich, Vä⸗—
terchen X 7

Mr. Lloyd verbarg die Thränen nicht
länger.
Ich werde Madame de Vers fortschicken
und zu Dir kommen, denn ich sehe wohl,
daß Du Unannehmlichteiten, im Geschäite
—A —

Die Thüre hatte sich kaum hinler Genevra
geschlossen, als sich der schwere Domastvorhang
theilte, und Lubin mit glänzenden Augen her—
bertrat..
.Ich ziehe meine Forderung zurück, Mr.
Lloyd und bin zu Unterhandlungen erbötig.“

Der Banquier wandte; sich langsam um.

»Ach, ich hatte Ihre Gegenwart heinahe
vergefsen,“ erwiederle er traurig, „aber es
war natürlich, daß ich meinem Kinde all das
Weh ersparen wollte.“

„Gewiß, und ich will auch nicht hart
jein. Ich verspreche zu schweigen und mich
mit dem / ursprünglichen Kapital zu begnügen.“

„Sie find seht gütig, und ich bin Ihnen
sehr dankbar,“ stammelte der Banquier, diese
Schuld- vermag ich in acht Tagen zu tilgen.“!

Lubin räusperte sich.

Ich knüpfe dieses Opfet natürlich an
eine Bedingung,. ...
„Eine Bedingung? “?

„Selbstverständlich. Auf uneigennütige Tu⸗

end mache ich keinen Anspruch.“
und ẽ fragte Mt. Lloyd zözernd. —
IIch bin ntzückt über⸗ Ihre Tochter

17
*5
        <pb n="43" />
        Geben Sie mir sie zum⸗ Weibe, dannesind
unsere Interessen identisch.“ *7

„Gerechter Himmel, strafft Du den Frevler
nicht? rief der Banquier enisetztz und schlug
mit der Hand auft den Tisch, daß die Gläser
klirrten, „Ihnen soll ich meine Tochter geben,
meine Lilie, meine Perle, mein 'unschätbar
Gut 7? Wie körnnen Sie solchen Vorschlag nur
wagen ??

„Warum nicht J Heirathen wird sie schließ⸗
lick doch, und es frägt sich nur, was ihr
Glück ficherer zernichtet, wenn sie einen ordent⸗
lichen Kerl heiralhet, der sie liiben und ehren
wird, eder wenn ich meine Anfprüche geltend
und meine Geschichte bekannt mache? Beant⸗
worten Ste die Frage einmal ehrlich “

Lawrence Lloyd fanb in den Sessel zurüdk
und bedeckte das Autlitz mit den Hünden.

Lubin wartete.

„Gehen Sie jetzt,“ rief der Banquier end⸗
lich, ich: muß überlegen lönnen, kommen Sie
Morgen wieder.“ ekz A

Der Fremde schien gerührr.

„Gut, es iss allerdings besser, wenn Sie
Zeit zur Ueberlegung haben Die junge Dame
hat Sie gerrttet umnd ich schwöre, ihr ein zärt⸗
licher Gatte zn sein J··.

Lubin verließ das Gemach und in Pieca⸗
dilly angekommen, rieb er sich vergnügt die
Hände.
.Das ist mehr, als ich erwarten konnie,
und ich gebe wirklich lieber das Geld hin als
das reizende Mädchen. Liebliche“ Genevra, ich
trinke auf Dein Wohl!“ Und er leerte lä—
chelnd das Glas bis auf die Neige.

„Das Geschick ist günstig. Wer daäile je
ge dacht, daß dem armen Teufel, der noch vor
—IXDD—
jolch goldener Preis erblühe J

23 *yI —A ν.
Lady Wooblawns Gartenfest erregte in
fashionablen Kreisen enthusiastische Senjsation,
denn der Plam war neu und romantisch und
das allein verbürgte den Erfolg.

Wer immer sich in dem giücklichen Besiß
einer Ginladungstarte hefand, wollte deun Feft
um jeden Preis beiwohnen. .2332
7 Miß Eyd allein stestne mnr Erscheinen m.
Fraoe und aitz Lodh Moandlawn fie bestürmie

gestand: fie mit reizender: Offenheit, daß fie
den Tag bereits zu einem Aändlichen Ausflug
mit einer theuern Freundinhestimmt habe und
—R000

„Warum bringen S sie dann nicht mitf
ftagle die: Lady schnell, je mehr zunge Mäd-
chen. desio besser. Selbstverstaͤndlich geböct sie
in unseren: Kreis. 5

Miiß Liopd. warf stolz das Haupt zurück.

Site ist meine- intimste Freundin, und ich
lernie sie beic Miß Evesham lennen“
Das genügt. Rennen Sie mir den Na⸗—
men, dann sende ich sofort eine Einladungs⸗
larte.... J

„Wenn Sie mir die Karte geben wollten,
möchte ich sie ihr am liebsten selbsft bringen:
—A
sehr daukhar, Ludy Woodlawn, denn es wäre
ein großes Opfer gewesen, Ihrem Feste zu
entfagene“

Und so hatte Genevra⸗Lloyd ihren Zweck

erreicht, und als dae glänzende Equipage des
Banquiers die beiden jungen Damen am
Paukthore absette, erschienen sie, so viel als
möglich, gleich gekleideit..
Lady Woodlawn hatte die Geschichte der
jungen französischen Königin gelesen, deren
reizende · ländliche Feste den Hosstaat entzückten
und das prachtliebende Volf ärgetten, und
war. auf den Gedanlen gelommen, in Wood-
lawn auch ein solches Fest zu geben. Weder
Müuͤhe noch Kosten wurden gespart, den ges
wünschten Effect zu erreichen, und die Dame
durfte sich des Gelingens freuen, denn sie las
Bewunderung und Ueberraschung in den Augen
edes ankommenden Gastgesss.

Die heitere Gesellschaft iheilte sich in Grup ⸗
pen und jzerstreute sich schäkernd in den weiten
Anlagen, wor allenthalben sich verborgene Fon⸗
jainen, phantastische: Lauhen, komische Figuren
und bergleichen fandem;,n: Unlerr zahllosen Ge⸗
büschen verstedten sich Iockende · Bünfets, wo
reizende Schaferhunen“ Exfrischungen boten,
und an den beiden Enden des Gartens ergoß
iich funkelnder Wein in Marmerbafftns und
wurde, je' don einer. roßgen Hebe, in serystall
polalen serbirt.

Als die Spielt⸗ baginnen. salllentieß ein
platz, wo sie einen weiten Kreiß ur
        <pb n="44" />
        zunächste die gegenseitigen Begrüßungen und
Vorstellunzen sattfinden sollten.

Lady Woodlawn glitt in reizender Sorge
um das allgemeine Behagen von einem Gaste
zum andeen. 9

Ihre Freundin ist ein liebliches Wesen,“
füsterie sie Genedta zu, die, leicht auf ihres
Balers Arm gestüht, das bunte Bild detrach—
dete, „man befragt mich von allen Seiten über
sie, und ich denke, sie wird gleich Ihnen be⸗
ffürmt werden, wenn erst der Tanz im Grü⸗
nen beginnt. Wen soll sch hier zuerst vorstel⸗
len Apropos haben Sie die Worihs schon
gesehen? Sie haben Vord Cuthbert Ayle mit⸗
gebracht und wünschen dessen freundliche Auf⸗
nahme. Et fragte auch schon nach Ihrer
Freundin! und vergleicht Euch treffend mit
cinem Waldveilchen und einer kduiglichen
Lilie. Sind Sie ihm dafür nicht dankbar ?“
Genevra schüttelte leise das Haupt und
bie Dame eilte fort.⸗ *7

Gortseßung folat.) ,

Und bis zum dunkelblauen Beltt 2
Bertilgt der fremden Herrschaft Spuren
Mit seinem Schwert der deutsche Helbd..
Ob Straßburg, Frankreichs deutschem Thore,
In Met, Sedan weht schwarzweißroth
Des ein'gen Deutschlands Tricolore,
Berkündeud: Siegen oder Tod! —
Der Corse, der im blut'gen Purpur
Auf Franiteichs Thron' saß als Despot,
Der in des Friedens gold'nen Zeiten
Den Kampf den Deuischen höhnend bot
JIhn hat der Rache Strahl gerichtet —
Fin Blitz aus heit'rer Himmelshöh‘ —
Sein eitier Ruhm, er ist vernichtet,
zegraben dort auf Wilhelmshöh'.
And seine Stadt, das neue Babel..
Der Eitelleit, der Freuden Born.
Ja, klingt es auch wie eine Fabel,
Auch Du fällst noch dem deutschen Forn.
Wie fest und treu am Rhein gestanden 7
mMit blankem Schwert die deutsche Wacht,
So schnürt sie heute Eisenbanden
Um Vveine schon verblich'ne Pracht.
Ob Deinen Truümmern wird der Frieden
Wohl wieder segnend ziehen ein ,
Wahr wird des Dichters Wort dann werden:
„Das ganze Deuischland soll es sei!“ ß
Das Land vereint, wo einst der Skaldee
Walhalla pries in Siegeszug
Wo einst im Teutoburger Walde
Armin den stolzen Römer schlug;z
Dem Lande fliege über Meeree
Inm neuen Jahr auch unser Lied,.
z klinge seinem Ruhm und Ehrhe
Für die auch unser Herz erglüht. *
Sind wir doch eines Stammes Brüder
Dieselbe Erde uns gebar, *
Sind unser doch dieselben Lieder,
Dir, Deutschland, Heil zum neuen Jahr! —
Mannigsaltiges.
Bei unfern Kriegern vor Paris ist
immer noch Humor, selbst auch an den Wän⸗
den der Häuser zu finden. Da liesl man z. B.;
Gott der Herr, der iß auch hiee
Auf ihn J ich mein Veriranen *
Und siatt Schaffleisch werden wit
Einstens wieder Rindfleisch kauen.

— — —.
* * ry 1
Die Newyerker Staatszeitung“ widmesl
ihren Lesern zum neuen Jahre 1871 solgenden
Reujahrsgruß. Da glaubhaften Berichten zu⸗
folge Newyork und die nordamerikanis chen
Freistaaten überhaupt Republiken fein follen,
so durften die in dem Reujahrsgruge autge⸗
sprochenen Gedanken unseren deutschen Repu⸗
blikanern, „reinen“ und unreinen Demokraten,
denen ihr Republikanismus so warme Sym⸗
pathien für die franzosische Schwindelrepublil
abzwingt, daß sie darüber die Sympathie für
ihr deutsches Vaterland verlieren, Einiges zu
denkeri geben

Wiest Du im neuen Jahr wohl fragen⸗
Was ist des Deutschen Vaterland
Der Dichter wird Dir Autwort sagen
So vwen sein Lied klingt, reicht sein Laud 23
Das Lied allein hat's nicht errungen 4 2
danz Deutschlands Kraft, ganz Deuischlands Muth,
Sie haben kräftig mit gerungen. 7
Nit dbeutschem Eisen, deutschem Blut.
Ius schweren, langen Kampfeswehen.
Aus ernstem, bangem, blutigem Streiit
Wird's alte Vaterland ersehen
In alter Macht und Herrlichleit. 4
wig m der Mosel arunen Fluren? 2

Gerne will ich Alles leiden,

Hunger, Sorge, Angst uud Noth;
2 Will für Recht und Ehre streiten.
Sam . Wünsche ieder Laus den To.
mie⸗ns. Troz der furchtbaren Kälte
Nordarmee sort, zu sa min en zu⸗
lazen. — — 21 73*
— — —— — — A
ana Verliag von F. X, Deme ßein St. Ingbert. eF

*
        <pb n="45" />
        Anterhaltungsblatt

* — —— 7 *
94*
7 4— 121 *
77 . ——

. Eeanece cte eer e
St Ingberter Anzeiger.
Dounetstag, den 26. Janur 18.

Lord KLyse. —

Nach dem amerikanischen Originale des

Charles T. Mannerß.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
(Ombs)

Gortsetunzs /

„Bitte, zeige mir ihn,“ bat Kitty schüchlern.

„Wenn?“ 3

„Lord Lyle. Ich sehne und fürchte mich,
ihn zu sehen.“

ESein gifliger Odem soll mein em Veilchen
nicht nahe komm en ··

Ritth verstand den Sinn der Worke nicht
und fragte unbefangen weiter; „Glaubst Du,
daß er mit mir spricht und Hugo erwähnt ?
Und ist es passend, ihm für alle Gülte zu
danken ?8

„Ach, ich vergaß die Bezichun gen Deines
Bruders zu ihm, — ich —“

Sie konnte nicht weiter sprechen. denn eine
Gruppe junger Mädchen eilte auf sie zu und
umgad sie lachend und plaudernd.

„Guten Tag, Miß Lloyd, wir suchten Sie
auf, um Sie zum Bogenschießen zu entführen.
Sir John behauptet, er werde den silbernen-
Pfeil gewinnen und wir wollen ihm einen
Rivalen finden. Oberst Morne sagte uns von
Ihrer Geschicklichkeit.“ „Ist's nicht reizend
hier? Ist Lady Woodlawn's Idee nicht präch⸗
ig ?“ „Guten Tag, Miß Cartright, ich freue
aich, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?“
‚Ach, da ist Sir Charles und Lady Worth,
und wer in aller Welt ist der schöne junge
Mann, der sie begleitet ?“ „Still, weißt Du
das nicht? Es ist Lord Cuthbert Lyle. Ist

er Ihnen schon vorgestellt, Miß Lloyd ?Je⸗
dermann ist jetzt über ihn so entzückt, als vor
Zeiten empoͤrt·..

Danke, ich habe kein Verlangen diese
Bekanntschaft zu erneuern,“ entgeguete Ge⸗
uevra stolz. J

ESei doch nicht so hart und eigersinnig,
Genebra, und verlange nicht Wunderdinge, die
in der prosaischen Welt eben nicht vorkommen.
Uebrigens glaube ich an Lord Cuthberts Be—
kehrung und — doch sieh, Lady Worth will
ihn uns vorstellen“

Die hüdbsche Blondine, die eben gesprochen.
schüttelte coquett das Lockentöpfchen und spielte
lächelnd mit denm rosenbekränzten Schäferstab,
als der junge Edelmann ihr vorgestellt wurde.

Miß Llond hatte fich abgewandt und schien
in ernstem Gespräche mit einem alten General.
Bemerkte Cuthbert diese absichtliche Handlung.
weil sein Auge sie halb bittend, halb vor⸗
wurfsvoll traffẽff

Lady Worth aber ließ sich nicht so leicht
tinschüchtern. 253

Einen Augenblig. Miß Lloyd, Sie ertn⸗
nern sich doch wohl gu Lord Cuthbert Lyle 7“

Kalt und steinern wandie sich das schöne

Antlitz. Die funkelnden Augen trafen Lord
Lyle einen Moment mit unaussprechlichem
Ausdruck. „Ich habe Lord Cuthbert Lyle nicht
vergessen; ich erinnere mich seiner sehr wohl.“

Und mit stolzem Kopfneigen kehrte sie sich

wieder dem Generale zu. V

Bleich, aber respecivoll verbeugte sich Cuth⸗
bert vor der Dame, die ihn jo ungnädig
ꝛmpfangen. J
Lady Worth verbarg kaum ihren Verdruß.
        <pb n="46" />
        „Genevra wird von allen Seiten gehät⸗.
schelt und verzogen,“ murmelte sie, „und meint
nun, wir lassen uns von ihren Launen be⸗
herrschen.“

„Nehmen Sie iber's nicht übel, Lady
Worth,“ flüsterte Cathbert mit eigenthümlich
bewegier Stimme, „es ist das ein Theil der
Sühne, der ich nicht entgehen kann. Uebrigens
werde ich sie zwingen, mich zu ochten.“7

„Kümmern Sie sich nicht um das Mäd⸗
chen, lieber Cuthdert, sie soll fich schämen, es
wor ein ganz unweibliches Benehmen.“

„Bitte, stellen Sie mich der Dame vor,
mit der Mr. Lloyd eden spricht,“ ersuchte
Lord Lyle nach kurzer Pause.

„Ich keune sie noch nicht, es ist eine
Freundin von Misß Loyd. G.dulden Sie sich
eruen Augenblick, ich werde gleich Jenmand
senden, der Sie vorstelli.“ J
Wenige Miinuten später legte Kitiy Car⸗
tright iht Händchen schüchtern auf Lord Cuth-
berta Arm, um seiner Einladung, sich mit ihm
der Promenade nach dem See anzuschließen, zu
jolgen.

Sie wagte kaum das Auge zu ihm zu er⸗

heben, und als es endlich doch geschaͤh, zuckte
sie schmerzlich zusammen. Wie ahnlich, o wie
ahnlich den geliebteu Zügen, die fie' nie wie⸗
deisehen sollte!

Das liebliche Köpfchen senkte sich,die

quellenden Thränen zu verbergen. Hatte er es
demerkt, weil er sich abwandte, die reiche
Blüthe ciner exotischen Pflarze zu betrachten J
Auch seine Hand bebte, da er die Blume brach,
sein Antliz war bleich und die Lippen so fest
geschlossen, als wagten sie nicht der wilden
Rede Ausoruck zu geben.

Und als Kitty endlich sich beherrschle und
die seuchten Augen fragend zu ihm erhob, traf
sie ein Blick voll inniger Zärtlichkeit.

„Sie denken an. Ihren“ Bruder, Miß
Cartright,“ sprach Lord Cuthbert leise, „und
ich ehenfalls. Ich errieth sosort, daß Sie Hu⸗
go's Schwester sind.“

„Euer Guaden sind sehr gütig gegen uns,
ich weiß nicht, wie Worte fluden, Ihnen un ⸗
seren Dank zu sagen,“ stammelte Kitty, „mir
ist, als sei Hugo selbst mir nahe. Wohl schrieb
er oft von Ihrer Aehnlichkeit, so auffallend
aber hatte ich sie mir nicht gedacht.“

*„TVDassen Sie es so sein, liebes Kind,“ bat
Cuthvert. gewähren Sie mir Bruderrechte.
Kommen Sit furchtlos und vertrauend zu mir,
so oft Sie eines Bruders Rath und Hülfe
drauchen. Wollen Sie mir das versprechen,
Miß Cartright 73*

„Euer Gnaden sind sehr herablassend, ich
fühle Ihre Güte mehr, als ich zu sagen ver ·
mag. Durch Ihre Großmuth und Miß Lloyde
Freundschaft sind Mutter und ich nun jeder
Sorge enthober“
Niß Ltoyvent Ihnen eine liebe Freun⸗
din ?*
„Ja, so edel und großmüthig, daß ich sie
nie genug loben kamm, auch wenn ich ihr Be⸗
nehmen gegen Sie nicht begreife. Genebra ist
fonst so gerecht···

Vielleicht war sie's auch gegen mich,“ er⸗
wiederte er, die Stirne rimzelnd.

In diesem Moment glich er Hugo Car-
tright so auffallend, daß Kitty sih in seine
Arme geworfen und ihn leidenschaftlich als
Bruder degrüßt haben würde, wenn nur die
Haart aͤnders g kämmt und der ausländische
Bart abgenommen gewesen wäre. So be—
gnügte sie sich mi? deisem Seufzer nud fprach
die Hoffnung aus, daß Lord Lyle und Meiß
Lloyd noch Freunde werden möchten. In sel—
ben Moment etschien Genebra Lloyde am,
Arme ihrés Vaters. Die Wangen glühtien, die,
Augen funkenen und mit haftiget Geberde
exgriff ke Kitty und führte sie ihrem Va⸗
—B J — J

.Geh mit Kitly voraus, Papa, ich komme
—XX

Und wohrend Mr. Lloyd widerstandslos
stitth fortführte, trat Genevta dem Edelmaun
entgegen.

„Glauben Sie ja nicht, Lord Cuthbert
Lyle,“ sprach sie schnell und leidenschaftlich,
daß Kitty ein Opfer Ihrer Laune, Ihrer
Verführung werden wird, weil nur die Schwe⸗
ster eines armen Sekretairs. Ich will dafür
sorgen, daß keine verrätberische Hand den
Schmelz ihrer Unschuld trüdt.“

„Warum beurtheilen Sie mich so hart, so
ungerecht, Miß Lloyd,“ fragte der Lord traurig
und vorwurfsvoll.

„Ich beurtheile Sie nach dem, was ich
weiß, in Entrüstung und Entseßen weiß,“
        <pb n="47" />
        entgegnete ste zürnend, Kitih ist meine Freun⸗
din und ich werde das arme Kind vor Ihnen
schützen. Wohl konnte ich mir denlken, was
Ihre Freigebigkeit. Ihre kostbaren Geschenlke
dedinglen. O Cuthbert Lyle. Ihr bloßer
Name bedeutet mir einen Abgrund dodenlosen
Lafters.“

Sprachlos und bleich wie eine Stalue,
lehnte Cuthbert am nächsten Baum. Einen
Moment schien sein Aublick sie zu rühren,
schien sie zu begreifen, was er litt, dann dver⸗
härtete die Erinnerung an die Vergangenheit
wieder ihre Sympathie. —

Sie mußten- das wissen, und da ich
meine Ansicht dem Vater nicht khlar machen
konntée, habe ich selbst gesprochen? Ich warne
Sie ein für alle Mat. das unschuldige Kind
mit dem Mehlthau Ihrer Aufmertksamkeit zu
—X ge

Als sie sich von ihm wenden wallte, erhob
et das Haupt.

„Wollte Golt, Miß Lloyd, daß mein Herz
offen vor Ihnen käge, daß Sie jeden Ge⸗
danken desfelben wüßten, dann und nur dann
würden Sie begreifen, wie furchtbar Unrecht
Sie mir thun ·..

Die Strenge seines Tones btieb micht ohne
— Zogernd überstog ihr Blick seine
üge. J
ESind Sie. Cuthbert Lord Lyle fragte
s zweifelnud. IJ
Sein, Autlihß hatte sich erst in ruhiger
Mürde erhoben, dem forschenden Auge zu be⸗
gegnen, nun senlte es, sich langsam, langsam
und errüthend.

Ich werde Cuthbert Lyle jmmer ver⸗
achten!“ sprach Geneyra kucz denn sie währnte
in dem Erröthen das Geständniß all dessen,
was sie ihn bezüchtigte, zu lesen.

Er preßte fest die Hand auf die Brust
und erwiederte in einem Tone, der, troß ihretß
Zornes, sie durchbebte: „Und ich werde Ge⸗
nebrxa Lloyd steis lieben ! “—

Sie eilte fort und gesellte sich zu dem
Vater.
„Ich habe gute Lust mit Dir zu schelten,“
sprach fie, als sie sich mit Kitty allein sah,
denn ich bat Dich, auf“ der Hut gur sein,
sagte Dir, ich wolle die Taube vor dem Ha⸗

bicht schüßen. Verstandefst Du nicht, daß der
Habicht Lord Cuthbert Lyle bedeutete ?)

Lord Cuthbert d“ stammelte; Kitty cx⸗
staunt, „o Genevra, er ist so lieb, so gut,
ich fühlle mich heimisch und wohl in seiner
Naähe.

Barmherziger Gott, wirkt das Gift so
schnell d. muß ich Dich in ein Heim führen,
ein bescheidenes, aber frohes, glückliches Heim.
devor die Schlange ez zerstört? Wirst Du
dann die Schlechtigklest des Mannes begreifen,
der es dennoch wagte in mein Ohr Liebes⸗
worte zu flüstern, um Genevra Lloyd zu er⸗
werben. Glaubst Du, ich werde dulden, daß
er Dich zu Grunde richte !

Kitiy sah aus, als ob sie weinen wolle,
und Genedra küßte den hebenden Mund.

.Dir bin ish ja nicht böse, lieb Herz,“
chmeichelte ße, „ich zürne nur über Cuthbert
Lyle. Doch das Fest soll Dir nicht verdorben
werden.. Dort find mehrere Herren, die sich
nach einer Vorstellung sehnen, weil sie Dich
inm, Tanze fübren möchten. Papa scheint unß
auch zu erwarten. Du lieber Gott, auf seiner
Stirne ruht guch eine Wolke. Komm, Kitty,
lächle wieder und suches die unangeyehme Epi-
sode zu vergessen —

Miiß Lloyd war, wobl kaum jeliebrei⸗
nder und herzgewinnender, als au diesem
Tag. Bald umgab sie ein gehfeiter Kreis, ob ⸗
gleich Lady Worth und deren Töchter mit
dem neuen Stern in ihrer Mitte Opposition
hildeten. Eine Zeitlang gelang es, dann lauschte
Tuthbert Lyle selbsi zerstreut dem lebhaften
Beplauder und wandie seine Aufmerksumtkeit
inmer mehr. Miß. Lloyd zu, dis Lady. Worth
ürgerlich benexlie, daß, auch er. in Genevra'n
Banden lag.

Nun kam das Bogenschießen. Genevra's
Pfeil. txaff das Centrum. Die Herren klatfchten
Beifall, die Damen wehten; aut den: Aüe
chern,, he aber blieb ruhige und kalt. Bei—
der; Praisverth ilung, sollte Lady, Woodiawun
die Herren autzeichnen und, LoxdCuthbert
die · Damen.

Der jungt Edelmann begab- sich auf die
Trübine und betrachtete beinahe ängftlich die
Lorbeerkrone mit dem silbernen Pfeil, welche
er · Genevre reichen soll se Wenige Minuten
später erschien⸗ er im Gedränge an ihrer Seite.
        <pb n="48" />
        „Ich bedaure; Miß Lloyd,“ daß. mir die
Anfgabe der Preisvertheilung ward, denn der
bloße Anblick der Gabe wird Ihnen verhaßt,
wenn meine Hand sie bietet.“ Ich werde mich
unwohl erklären und das ist nicht einmal un⸗
wahr, denn es birgt wohl Niemand ein
schwereres Herz unter lächelnder Maske.“

Genevra warf bei seiner Annäherung
stolz das Haupt zurück, dennoch sprach der
Pathos feiner Worte ihr zum Herzen

IIch will Sie nicht vom Feste vertreiben,
ich will nur Ihrer Gesellshaft ledig sein, und
wenn ich eine drohende Haltung annehme, ist
sie einfach defensiv.“ ——

„O daß Sie wüßten, wie verhaßk auch
mir all das ist, was Sie mir zur Last legen,“
flüsterte Cuhbert bittend. „Ich hoffe das,
Lord Cuthbert, hoffe es von Herzen. Machen
—AVV
Kummer, ich werde ihn ohnedin nicht lange
beachten, und folglich ist es gleichgültig, wer
ihn mir gibt.

Sie wandte sich und Vord' Lyle? trat
zurüuke.
Und es war doch seine Hand, welche die
Lotbeerkrone auf das königliche Haupt legte.
Genebra wartete kaum die Glückwünfche ihrer
Freunde ab, daͤnn vegab sie sich zu ihrem
vater, beklagie sich daß die spitzen Blätter
sie unangenehm berührten und hing den Kranz
iächelnd an seinen Arn. 5555.

Lord Cuthbert sah es und preßte krampf⸗
haft die Hände zusanmen. 5,

„O es ist gerechte Strafe, gerechte Sühne
zu wissen, daß der eine hohe Preis, für den
ich Alles; Alles gäbe⸗ mir genommen ist, nur
weil ich Cuthberi Lord Lyle bin.“
VII..
Ein Engländer, Mr. Boyd, ließ in einem
Gasthofe zu Messina unvorsichtiger Weise einige
Worte über die Erbärmlichleit und Tyrannei
der Regierung des unglücklichen Sicilien fallen
und mußte zu seinem Nachtheile erfahren, daß
der gekrönte Despot in allen Schichten der
Gesellschaft vom Bettler und Fruchthändler
bis zum Edelmann in eleganter Carrosse Spione
zaͤhlte.

RIn der schnellen, geräuschlosen Weise sici⸗
ianischen Arrestes erschienen noch am gleichen
Adende ein paar dunkle Gestalten und ver⸗
angten, daß der Engländer ihnen anuf die
nächste Polizeistation folge, von wo aus er
sofort in Gewahrsam gebracht wurde.

Der unglückliche Mann hatte zum Glück
einen mächtigen Freund bei der Gesandschaft;
es geschahen ungesäumt die geeigneten Schritte
und die Sache löste sich in einfache Gefäng-
aißstrafe von 10 Tagen in einem der elenden
sterker auf, welche des feigen Despoten könig⸗
lichem Namen zu lebender Schmach gereichen.
Als Mr. Boyd sich erst bezüglich der
eigenen Freiheit sicher fühlte, gewährte es ihm
eigenthümliches Interesse die Geheimnisse der
düsteren Mauern zu erforschen. Der Gefäng—
nißwärter war ihm freundlich gewogen und
zestattete ihm selbst, daß er ihn auf seinen
Rundgängen bei den unglücklichen Wesen, die
nur der Tod barmherjzig erlösen konnte, be⸗
gleite.

.„Schaudernd stand er aun dem feuchten,
schluͤpfrigen Gange, der zu den unterirdischen
Kerkern führte und blickte binab in die ewige
Nacht. Nur einmal konnte er sich entschließen
den Wärter zu begleiten, und die armen
Opfer wenigstens durch die Gitter zu betrachten.
Bei einer Kerkerthüre schien selbst der Schließer
entsetzt.

BGott erbarme sich! der arme Kerl geht
schnell dem Ende zu,“ rief er, als die Thüre
sich knarrend in den rostigen Angeln drehte,
und stieß mit dem Fuße an ein Geschöpf das
eher einem zusammengekauerten Thiere als
einem menschlichen Wesen glich. Es hod das
Haupt, o — und weich' ein schmerzliches.
leichenartiges Antlitz zeigte sich.

„Was gibts 4Ihr habt seit gestern keine
Nahrung genommen. Was sehlt Euch?“
Laßt mich in Ruhe sterben, ich kann
selbft um der Rache willen, das Leben nicht

länger ertragen,“ entgegnete der Gefangene
mit unheimlich funkelten Augen und legte den
Kopf wieder auf den Arm. —
(Fortseßung folgt.)
DPyrudd ano Berlag von F. X. De en in St. Anar⸗,
        <pb n="49" />
        AUlnterhaltungsblatt

4419

4
St. Ingberter Anzeiger.
Xr. 13. Sonntag, den 28. Januar

1871.

Lord Lyle..
Rach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Mannets.
Frel bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
(Ombs.)* *
(Fortsetzungh.
„Santa Maria? der stirbt wahrhaftig!“
bemerkte der Kerkermeister traurig. J
„Und hier unten ist's se e tsagte der
Engländer, „nehmen Sie ihn doch hinauf.
Mir kam es oben schon schlimm genvor,
aber es ist noch ein Varadis gegen diesen
Uufenthalt.“ W
Der Schließer überlegte.
„Der arme Teufel hatte ein hartees Loos.
murmelte er.
„Sie wssen, ich gehe nächstens und habe
genügende Mittel, Sie zu belohnen. Sie sollen
es nicht bereuen, wenn Sie den Kranken hi⸗
nauf nehmen, und zudem kümmert sich Riemand
darum.“
Er ilt noch dazu ein Endländer.“
— Barmherzige Simmel; ein Landsmann!
nun sollen und mühsen Sie ihm helfen!“.
„Wie Euer Gnaden befehlen. Die Sache
ist gefährlich, wenn ich aber gut belohn? werde,
joll des gnädigen Herrn Wille geschehen.“
Ein Engländer! ein Landsmann!“ wri⸗
derholte der Andere heftig. „kein Wunder,
wenn ihn der Aufenthalt zum Thiere machte.
Und am Ende ist sein Vergehen nicht schwerer
als das meine. Nehmen Sie ihn hinauf, An⸗
tonio, und ich werde Sie reich belohnen.“
.Nachdem der Schließer sein felbstsüchtiges
Ziel erreicht hatte, rief er einen Gehülfen und

sieß den Unglücklichen in einen trockenen, luf—
tigen Kerker bringen. Dort sank er hülflos
und bewußtlos zusamnien.
„Antonio ließ den Gefängnißarzt rufen,
der in gemessener Entfernung das todtenblasse
Antlißz nachlassig betrachtete und dann gleich⸗
gültig bemerkte: Lebt höchstens noch zwei
Tage, der arme Kerl. Doch was liegt daran ?

Ja, was liegt daran. Wenn der Kranke
es auch gehort hatie, schien es ihn nicht zu
berühren. Mr. Boyds warmes Herz aber blu⸗
tete beim Anblick all des Elendes, und er
wiederholte immer und immer wieder trostlos
die Worte: „Und er ist ein Landsmann! Ist
britischet Unterthan!“ als ob das der Climaz
alles Jammers gewesen wäre.

Beinahe unbewußt gebrauchte er die Mut⸗
tersprache und die vertrautn Töne drangen
zu den geschlossenen Ohren, und nachdem der
Arzt sich entfernt, erhob sich das kraftlose
Haupt und ein menschlicher Ausdruck belebte
die geisterbleichen Züge wieder.

Bopd sah, daß der Sterbende nach ihw
begehre und vergaß in unsäßlichem Mitleid den
Abscheu vor dessen Zustand.

„Sind Sie ein Eugländer d flästerte das
arme Geschoͤpf.

.Ja, Ihr Landemann. Ihr Freund,“
entgeguete Boyd mit Thraͤnen in den Augen.
Konuen Sie mir helfen? Gibt es Er⸗
losung aus dieser Hölle k7“ flüsterte er heiser.

Bei Gott, es soll Ihnen Hülfe werden
und müßte ich zu Fuße bis zur Königin.“

„Inzwischen wäre ich vierzig Mal ge⸗
storben,“ seufzte der Gefangene, „und doch
mõchte ich leben, um den Elenden bloß zu stellen.“
        <pb n="50" />
        .Fossen Sie Minh, ich habe, dier mächtige
Freunde, meine Haft 140uft Morgen ab, und
daæzn iehe ich Himmel und Erde in Bewegung,
um Sie zu befreien.“

Eine Thräue, die erste nach Monate- und
dahrelanger Qual, benehte das bdrennende
Auge. Beunruhigt durch die kremde Sprache
trat der Kerkermeister vor, und Boyd wandte
sich zu jmm.··

Geben Sie dem Armen auf meine Kosten
ein Bad und rrine Wäsche, es foll ihnen reich
bergolten werden.“ J

Euer Gnaden sind sehr gütig. Va der
arme Kerrnur noch zwei Tage zu leben hat,
zann's nicht schaden, wenn man ihn die leg⸗
ten Stunden erlcichtert. Des Herrn Wort ist
so gut wie Gold, und ich hörte daß Sie be⸗
jreit werden sollen, sodald der Direltor den
delreffenden Befehl unterzeichnet hatt

Zwei Stunden später lag der Gefangene
rein und behaglich auf einem Strohbett in der
jonnigsten Zelle der Anstalt.

Voyd blieb, dem eigenen Wunsche gemäß.
mit ihm eingeschlossen und reichte ihm von Zeit
zu Zeit einen Löffei Bouillon oder einen Schluc
Wein. . ... weie Faag a., 5
Das schluͤchzende Entzücken, mit welchem
däs arme Geschöpf einen Sonnenstrahl, der
Aber seine Hand spielte, begrühte, war un—
auesprechlich rührend. Bewegungslos, beinahe
athemlos betrachtete er“ das goldene Licht,
zühte das zusammengeschrumpfte Fleisch, auf
dein er ruhte und'weinte wie ezin Kind.

Boyd wechselte mit ermuniernden Verspre⸗
chen und droheuden Reden gegen den gekrdon⸗
hen Tyrannen, der den freijgeborenen Briten
so mißhaudelt hatte. —

.Und nun Mmein Frennd erzaͤhlen Sie mi
womdglich deg Geschchte,“ vat ond, ats
sich Beide kiwas“ veruhigt haͤtten, „und sagen
Sie mir, ist wie jern ich Ihnen dienen kanm.
Die heiden Sie po3 J
Zohn Haughiop Ich wurde in Linedla⸗
bite dehoren. Fedijch werde ich die liebe
Heimath nicht wieder sehen aber ich sterbe ge·
rost, wenn Sie mir keine Gefälligteit erzei⸗
den wollen. Es betrifft meinen leßten Erden⸗
wunsch; alles Andere ist mir längst gleich ül⸗
aͤg. Det Elende abder, der weinen Jaminet
benußte, mir selbstsüchlig mein Geheimniß aus⸗

preßte, die Hoffnung des Entkommens belebte,
und danr mich uurüdstieß, muß gezüchtigt
werden. Mein Fluch versolge ihn! mit dem
lezten Athem werde ich noch des Htmmels
Rache gegen ihn herausrufen.“ Er ballte zür⸗
agend die Faust und sauk dann kraftlos und
leuchend zurück.

F Dy Sie Ihre Kraft,“ warnte Boyd
—X süten, Sie sich vor Aufregung.“

Ein paar Loffel Wein stärkten den Kranken
winet nvan.
„Gon segne Sie,“ flüsterte er bebend,“ ich
hin glücklich, noch einmal einen Engläuder zu
ehen und in ihm einen Maun, nicht eine
Schlange zu finden“

„Wie lange sind Sie schon hier

„Ich weiß es nicht genau, denn ich habe
alle Zeitrechuung verloren und weiß nicht, ob
wir im Juni oder December sind. Jedenfalls
aber bin ich 156 Jahre hier.“
z„Fünfzehn Jahre!“ rief Boyd schaudernd,
„und Sie leben uoch!“ —— F
Xrst hielt mich die Hoffnung, dem eng⸗
üfchen Consul Nachricht gben zu tdnnen, auf⸗
secht und ich wartete geduldig Jahr aus, Jahr
ein. Vor einigen Monaten aber eundete mein
hoffen in Verzweiflung, und diese Zeit scheim
änger als all die Jahre früherer Qual. Aller
Fluch der Holle falle auf ihn!“ 5

Er 'athmete tief auf und fuhr nach einer
Pause ruhiger forrtr. n

„Ich folgte einem geliebten Mädchen nach
Sicilien, wohin sie ihr Vater, um sie meinet
Werbung zu entziehen. ged acht hatte. Früh
ind spn hatte ich mich bemüht, der Geliebten
in würdiges Heim dieten zu können, und sie
zatte mir Treue gekobt. Eine unerwartete Erb⸗
schaft führte mich schuell an's Ziel; ich' ver⸗
rauit Hab und Gut den Händen eines Band
quiers in London und eilte hierher, Hel ene
nit zu peteinen und nothigenfalls mit ihr zu
liehen, wohin immer sie wollte. Ich kam' zu
pat. Zelen war einen neapolitanischen Grofen
ʒermählt. Rasens vor Wuth und CEifersucht
türzte ich in mein Verderben, indem ich mich
ziner geheimen Verbindung patriotischet Sici⸗
lianer anschloß, welche die schöne Heimath von
hrer Geißel befreien wollten. Ich vurde ver⸗
dächtig, und bei dem verfluchten System war
es leicht, Beweise zu finden und mich zu ver⸗
        <pb n="51" />
        urtheilen. Zwei Tage verbarg ich mich in den
Rninen eines Klosters, dann wurde ich entdeckt
und hier in den Kerker geworfen, zu verfaulen,
zu sterben.“

„Unglücklichr Mann!“ seufzte Boyd.

.Das ist noch nicht das Schlimmste,“
entgegnete Haughton zähneknirschend, „ich hatte
Ungft und Qual erduldet, aber eb war wichts
m Vergleich mit dem, was folgte. Vor un⸗
gefähr sechs Monaten wurde ein Maun wegen
Hdordes eines Spiones hierher gebracht. Die⸗
ses Verbrechen schien mir nicht so gräßlich,
ud als er freundliche Beziehungen mit mir
anzuknüpfen fuchte, kam ich ihm gern entgegen.
Es war ein erigentzünilicher Mensch, aber ein
quter Gefellichafter. Nach und nach: vertraute
er mit, daß er Hoffnung habe zu entloxmen,
weil ein Mädchen, das ihn liebte, alle Mittel
zu seiner Befreiung in Bew gung setze. Tage
lang besprachen wir den Plan und versrauten
ans zulezgt: all unsere Erlebnisse. Ich erzählte
ihm von dem Kapitale, das seit Jahren bei
rem Banquier in London für mich bereil lag,
pon den Werthpapieren, die ich unter dem
alten Olivenbaum im einjamen Garten des
zerfiörten Nonnentlosters vergraben hatte. Noch
jetzt kocht mir das Blut, weng ich paran dente,
vie listig xr mich ausfragte, und wien bald
sich in meinem Leben nichts mehr fand, c was
er nicht wustte. Endlich warde ihm Nachricht
pon außen.“ Wie das geschah hade ich nicht
erfahren, vermuthlich wurde ine Woche be⸗
tochen und ex betam eine feine Säge und
leichten Eisendraht, stark geuug, um eine Lei⸗
ter dacaut zu flechten. Ert theilte mir dat
Programm mit und versprach wich mutzunehe
men, weil er, meine Hülfe hrauche. Zwei
Wochen lang arbeiteten wir Tag und Nacht
leise und vorsichlige In derersten dunkeln,
stürmischen Nacht sollten wir uns bertit halten.
Der große Schuppen an der anderen Seite
des Gefängnisses sollte angezündet werden, da⸗
mit die Aufmertsamkeit aller Bewohner sich
dahin lenke. Es war für uns feine leichte
Aufgabe, die durchfeilten Stäbe auszuheben,
imd die Brüstung des Gebäudeßs zu erreichen,
pon wo aus wir uns an der Leiter hinab⸗
lassen sollten in die Wogen der See. Wir
zatten Muth, denn wir wußten, daß unß
unten ein Boot erwarte, um uns an Vord

rines befreundeten Schiffeßs zu führen. Wit
erreichten in der sieckfinsiern Nacht glück lich
bie Brüstung und bemerkten bald das Signal,
welches anzeigte,“ daß das Boot bereit rud
die Leiter besestigt fei. Ich land zuerst deren
Hacken und war selig im Vorgefühte naher
Erlbsuag. VLoß? mich zuerst hinunter,“ flü⸗
erte mein Gefährte“ Das hielt ich für recht,
venn seine Freunde bewerkstelligten das Entoe
tommen. Ich kioch zurück und er fand nach
einiger Zeit die Leiter. Im Gefängniß bließ
Alles still, aber den Feuerlärm uuf der an⸗
dern Seite hoͤrten wir deutlich, uad die dunkte
Rothe erhellte den nächtlichen Himmel immer
mehr. Echnell, schnell !n rick id äugstlich.
„Ja,“ flüsterte er, —AAmein Fuß ist auf der
Leiter, lomm her, danut ich mich auf Deiner
Schulter stühe.“ Bebend vor Freude und
Hoffnung suchte ich so gut als moͤglich das
Gleichgewicht zu halten und beugte mich ihm
migegen, Er pachtte mich sestund zischte:
„Glaubst Du, alter Narr, ich werde Dich
mitn ehmen, nachdem Du mir sagtest, wo Deine
Papiere sind, und ich gerade ein solch hüb⸗
sches Sümmchen brauchen kann de Met diesen
Worten gab ar mir einen h⸗eftigen; Stohß und
jch stürzte hinuater wie ein Stein; Gontallein
weißz, was in dem gräßlichen Moment durch
neine Seele zog.“ Det Foll hatte mich: zer⸗
melmen muüͤssen, wenn do nicht auf einen der
Pfaͤhle, an welchen die Sotdaten ihre Mautel
krocka eten,“gefallen wäre.: Da hing ich nun
wulflos, und doch nur mit dem Sinen We⸗
danten, des Elenden Flacht zu gindern. Ich
qrie do lange ich tonnte, dis äch heiser war
und in Folge des abnärts hämgenden Kopfeü
meime Sainue qchwanden. Nemaud hörte eich,
oder eigeutlich Niemand entdeckte, woher das
ARV
mich eudlich fand, hing ich mit Rauem Gei
fichte geschwollenen Augen und hervorhzüngren
der Zunge scheindar leblos am Pfahle Kein
Wart deschreibt meine Wuth,“ als ich wiedei
zu mir bam. Ich geberdete mich wie ein Tob«
jüchtiger, so daß man mich in den unterit⸗
dischen Kerker brachte, wo ich wie ein wildes
Thür drüllte. und aus meinem halb wahn⸗
snigen Zustanbe nur erwachte, um ihm zu
luchen, der inzwischen wothl in England Je⸗
landet war und mein Hab und Gut verpraßle,
        <pb n="52" />
        während ich lebendig verfaulte. Ich glaube
nur der Wunsch, mich an dem Elenden zu
rächen, hat mein Leben gefristet. Gehen Sie
nun nach England, bewachen Sie ihn, und
wenn Sie sehen, daß er irgend ein hohes
Ziel erreichen will. lassen Sie ihn fühlen,
XILI
Erwartung des Gelinsens jubelt, treten Sie
vor, stürzen Sie ihn von der Höhe erträumten
Glückes und sagen Sie ihm, es sei John
Hhaugthon's Werk.·

Er hatte sich erhoben und lehnte sich vor⸗
wärtaä. Die Augen funkelten unnatürlich, die
bürren, klauenähnichen Hände stredten sich
verlangend aus und das abgezehrte Antlißz
leuchtete in wilder Freude.

—„Ich will es thun, so helfe mir Gott!“
rief der ehrliche Boyd beinahe schluchzend.

Der Gefangene sand mit müdem Lächeln
zurück. *, .

O ich danke Ihnen, damit erfüllt fich
mein leßter Wunsch.“ — — —VVV———
339 will aber noch mehr thun, ich will
Sie befreien.“

.Das hilft mir nicht viel, denn der Sand
meines Lebens läuft ab. Wohl mochte ich
gern noch einmal den blauen Himmel, die
grünen Felder sehen, aber es wären ja doch
nicht die theuern Hügel von Lincolnshire, es
ware sicilianische Erde und ich dasse diesen
XX
Im Hafen ist ein englisches Kriegeschiff,
sagle Boyd nach kurzer Pause, „nnd ich dente,
man wird mir behülflich sein, das hiesige
Gesindel mit den eigenen Waffen zu schlagen.
List gegen isßt ß..
—EXXEO
Haͤnde. pe d * VVVVVDDä—

. Gefunden! gefunden! Sie müssen Ihre
Kraft so viel als möglich ftärken, scheindar
aber immer schwächer werden. Der Kerlker⸗
meister thut Alles um's Geld und wird mir
hoffentlich erlauben, Sie im Sacrge mit fort
ju nehmen, damit Ihnen ein englisches Be⸗
zrabniß werde. Für Vuft und behagliche Lage
werde ich sorgen. Ich weiß, wer mirt heifen
wird, und dann tragen wir Sie als engli⸗
schen Matrosen an Bord des Krieassoufee

25
788
5

Drucd aAndß Verlag von F.

um vom Berdeck aus in den Wellen begraben
zu werden. Die Sache geht, verlassen Sie sich
darauf.“ 9*

Haughton lacbelte ungläubig.

„Probiren Sie's und langte ich wirklich
als Leiche an, so wäre es besser, als hier zu
Grunde zu gehen.“

„Sobald ich frei bin, treffe ich meine
Vorkehrungen und berede den Schließer, daß
er mir gestatte, Sie zu besuchen.“

„Sie sind sehr gütig und Gott segne Sie
dafür. Vielleicht hat Er all meine Fehltritte
vergeben, weil er gnädig mir solche Theil⸗
nahme fendet. Ja, ich will versuchen zu leben,
bis ich auf dem Schiffe bin, damit, ich unter
Englauds Farben sterbe. Geben Sie mir
noch ein Tröpfchen Wein, ich will zu leben
duchen.“

Die abgezehrten Züge nahmen einen bei⸗

nahe friedlichen Ausdrukk an, als der Kranke
sich mait zurücklehnte und gebrochene Worte
stammelte. —
Tief bewegt wandte sich Boyd ab, denn
Haughton sprach langsam und feierlich dit
englische Begräbnißformel. Die bloße Beto⸗
nung bewies, wie viele Monate und Jahre
dadingegangen sein mochten, seit er zum lehz⸗
ten Male die erusten Gebete gehört!

Am folgenden Tag kam das ersehnte Be⸗
freiungsdectel, und Boyd hatte von dem Ker⸗
dermeister die stillschweigende Genehmigung
eines Besuches.

Entschlossen eilte der edle Mann sofort zu
einem einflußreichen Freund und es wurde
trot allem Rißko beschiossen, den Versuch der
Rettung zu wagen.

(Fortsehung folgt.)

— —
I hat Schatze aus alten Zeiten,
3 vom Jager den Tod erleiden,
—Æ
Nbesteig' ich dann und wann,
Wein Waffen an mauchen Orten,
S sind Mauchem bescheeret worden.

—
Auflssung der Charade in Nr. 10 des Unterhaltungs⸗
biattes: Buchstab.

— —
Der k. in St. Inab⸗rt.
        <pb n="53" />
        —2
Ankerhaltungsblatt—
— , 2 2 ry e e

* * F 5 J 5 zum 5 5 J —9 2 r — 5 *
—— — — — — —
Stugngberter⸗Anzeiger

*
—— —

4

SBcenssstag, den SL. Januar4874.
.
7 Iord EXyle. ¶ ueige
Nach dem amerikanischen Originale dez
Charles T. Manners. Dagn
Frei bearbeilel von Lina Freifran v. Berlepsch
(OmbsJ.
(Fortsetzung.
Am dritten Tage besuchte Boyd.reich mit
Gold versehen, das Gefänzniß. Antonio kam
ihm erschreckt entgegen. Der arme Kranke sei
mehrkach in Ohumacht gefallen, und er glaube,
er babe nun ausgelitten. J
Milt gut gespieltem Schrecken folgte Boyd
dem Schließer in die Zelle, beugte sich über
die bewegungslose Gestalt und erklärte sich dann
ebenfalls überzeugt, daß der Tod eingetre⸗
ten sei.

ꝛ e 3 5 * . . 1 7*
Dann wüurde man den Belunhnißsara
ertennen“ —
Wie eg Ihnen deliebt,. Wannj- kommen
A — — —8 J — 32
TEine Stunde nach Sohn enuntergang.
Bringen Sie den RPamen einstweilen in's
Todtenregister
.Ja, Signor, und — und das Gold?“
FErhalten Sie, sobald die Matrosen mil
der Leiche das Gefängniß verlassen. Halten
Sie müßige Zuschauer fern.* WW

Der Kerkermeister nickte und Boyd eillte
mit pochendem Herzen fort, ängstrich wie das
gesährliche Sirategem wohl enden werde.
1X..

„Antonio,“ sprach er nach kurzer, ernster
Pause, „es war mein Landomann, und er
dann Ihnen nun nicht mehr schaden. Erlau⸗
ben Sie mir, die Leiche mitzunehmen, damit
Je nach unserm Riris begraben werde. Es ist
das Letzte, was ich für ihn thun kann, und
Sie sollen dann noch zwei Mal so wviel be—⸗
kommen, als Sie bereits erhalten haben.“
Antonio rieb nachdenklich die Hände. Boyd
spielte mit den glänzenden Goldstüchen.

EEs kann geschehen,“ sprach er endlich
mit gierigem Blicke, „aber das Risilo ist
gzroß ··· 3 —
„Warum nicht gar. — Risiko bei einem
Todten l“ eer *3

Sei es denn. Aber es muß schnell gehen.“
3Gut. Sobald es dämmert, sende jch zwei
Matrosen mit einem Sarge“

„Der kann hier beschafft werden.

„Wir wollen doch sehen,“ rief Lady Worth
Argerlich, „ob Miß Lloyhd und Alle in soich
unwürdiger Weise beherrschen darf. Miß Eves⸗
hawm ist sehr für sie eingenommen, aber wik
fie solch unweibliches Benehmen entschuldigen
will, begreife ich wahrlich nicht.“

Tante Barbara versuchte es nicht einmal.

.Das liebe ungeschidte Mädchen mit ihren

utopischen Ansichten.“ flüsterte sie, nachdem
Lady Worth sich an einem behaglichen Plätz
qhen häuslich niedergelassen und sofort mil
gehörigem Nachdruck Genevra's unartiges Be⸗
nehmen gegen Lord Cuthbert erwähnte.
Mit ihren heidnischen Ansichten sollten
Sie lieber sagen,“ entgegnete Lady Worth
heftig, „am Ende nehmen quch Sie Partei
gegen den jungen Mann⸗ẽ⸗·..

„Warum nicht gar. Ich dabe selne Ver—
cheidigung selbst jy den, dunlelfien Slunder
nalcht aufgegebhen

**
—77*
103
        <pb n="54" />
        Haben Sie ihn schon gese hen

„RNoch nicht, aber er schrieb mir in hery
lichster Weise ··

Nachdem Lady Worth sich entsernt hatte,
cilte Miß Barbara zum Schreibtisch.

„Den 6. Juni. Hoffentlich befinden Sie
fich in guter Laune, liebe Genevra, freund⸗
sich und liebevoll gegen die Welt im All
gemeinen und besonders gegen eine arm
alte Jungfer. Ich setze das voraus, weil
ich seltestfüchtig und kühn eine grohße Bitte
siellen will. Sie haaben micht gleich allen
Anderen durch zuvorkommende Liebenswür⸗
digkeit verwöhnt, und da ich mich einsam
und trübe fühle, da meine Seele fich nach
den frohen Tagen sehnt, die wir verlebten,
als Sie und Kitty hier weilten, möchte ich
bitten: kommt zu mir, verlaßt die glän⸗
zende Stadt mit all ihrer Luft und erfreut
wenigstens einige Tage lang Tante Bar⸗
dara's Her

„Ich hoffe, sie kommt,“ seufzte Miß Eves⸗
ham, froh die Epistel geendet zu sehen, um
so mehr als Kiny sie begleiten soll. Wenn
sie dann hier sins, muß Cuthbert ebenfalla
zommen, und dann finde ich hoffentlich heraus,
wng Genevra gehässig stimmt.

Hie? betreffenden Billete an Kitim und
Cuthbert wurden ebenfalls spedirt und schon
am zweiten., Tage hatte die Kriegslist Er⸗
i·
„Da seid'iht ja, ihr lieben, lieben Kin⸗
der,“ jubelie Tante Barbara, als sie fröhlich
den jungen Mädchen entgegen eiltej „ich fürch⸗
leie schon, ihr würdet nicht kommen.“

Aber Tante Barbara, wie konnten Sie
schreiben, daß Sie sich so traurig imd ver⸗
jassen fühlen,“ lachte Genevra, „ind find so
müuuter wie ein Vögelchem. Wie freue ich mich
Di der dier im Seeland zu sein!“

Jeder Moment des solgenden Tages ver⸗
oß auf goldenen Schwingen, gegen —X
octe Tunte Barbara die Mädchen in ein
entlegenes trauliches Gemach, gabe ihnen eine
Sammlung auf Elfendein gemalter Miniatur-
gemaͤlde und eine Rolle Mannscripte, die
romantische Geschichte zweiet Origimale der
Familien portraite 6
Pror Bine, Genevra Jefen Siedas Kittt
vor, während ich nach der Küche sete. Sarah

meint, fle könde die neue Speise ohne meine
allerhochste Gegenwart nicht fertig bringen.
Unterhaltet Euch gut, ich komme so bald als
möglich wieder.“

Die gute alte Dame war etwas aufgeregt
und schlug wie beschämt die Augen nieder,
die Vaädchen waren aber zu begierig auf den
neu entdeckten Schatz, um es zu beachten.
Tanttt Barbara rilte fort und blickte verlan⸗
gend die Allee enllang..

—Du lieber Himael, wie peinlich ist doch
die unschuld gste Falschhen,“ flüsterte sfie und
eilte in die Küche, wo sie jedoch bei jedem
Geräusch auffuhr und scheeßlich so schnell als
möglich die Schürze abriß, als der Bediente
hinter Lord Cuthbert Lyle die Thüre schloß.

Meiu lieber, lieber Junge!“ rief sie
herzlich und reichte ihhn beide Hände. Stimme
und Auzei sprachen solch innigen Willkomm,
daß der ernste Mann sich von diesem Gruße
wahrer Liebe, von dem sußen, rührenden
kEntgegenkommen eines weiblichen Herzens
uberwältigt fühlte.

Er küßie ihr hindlich die Hand, eine heiße
Thräne fiel auf dieselbe. —

„O Tante Barbara, Sie müssen mir
Mutter und Schwester und Freundin sein!“

Des Weibes zartes Herz überfloß bei
bem Einblick in die schmerzliche Leere seines
Innern.

„Du weißt. Cuthbert, daß ich Dich wie
eine Vutter liebe, deshalb sandte ich ja auch
nach Dir und konnte nicht erwarten bis Du
kamst. Komm' laß Dich ansehen. Ich bin so
tolz und froh.“

Cuthbert trocknete die feuchten Augen und
fragte trübe lächelad: Nun, Tanichen, wie
finden Sie mich 2 bin ich sehr verändert

„Mehr als ich dachte. Ich vermisse den
zoldnen Schimmer Deiner Haare, den ich so
sehr liehte. Diese Zwei Jahre haben Augen
und Haare dunkler gesärbt, doch was liegt
darau? Sie machten Dich auch zum Manne
und mußten selbstoerständlich das Aeußere be—
einflussen. Im Ganzen hast Du Dich ent⸗
schieden zu Deinem Vortheil verändert.“

Sie sind so lieb und gut, freundlicher
sekbst noch als Ihre Briefe. O und wie gü—⸗
nig war es, dem Wanderer diese Blatter der
Liebe folgen zu lasen“
        <pb n="55" />
        „UAnd wie großmüthig von Dir, mir
solche reizende Beschreibungen Deiner Reisen
ju üüeferu. Da mußt diese Briefe, die ich be—
reits bitter vermisse, durch Besuche ersehen.“

‚Wie heimisch ich mich hier fühle!“ rief
der junge Maͤnn innig und doch überrascht.

Natürlich, Du, bist ja mein Sohn Cuth⸗
bert und ich Tante Barbara,“ lachte Miß
Evesham. 24

Er blickte auf zu ihr und betrachtete sie
ernst und lange.

„Tante Barbara, ich möchte Sie um
Verzeihung bitten, möchte gestehen, daß ich
unwerth der Freundschaft eines edlen, reinen
Weibes bin. In den Staub will ich mich
beugen, damit Sie sehen, daß ich nur durch
Ihr Erbarmen Anspruch auf Ihre Rüchsicht
habe.“
„Evprich nicht so, mein Junge. Du warst
jung und wild, das wil ich weder leügnen,
noch beschönigen, aber all' das ist nun ver⸗
zgangen und war nicht einmal su schlimm wie
Du sagst. Du bist von allen Irrwegen zurück⸗
gekehrt Cuthbert, und nur eine ungesunde
Phantasie brütet über bereute Sünden. Laß
die Vergangenheit begraben sein und lebe der
frohen Gegenwart, der ehrenpollen Zukuuft.“
.Ach,“ seufzte er krübe, „wenn nur die
Folgen vergangener Sünden nicht die Gegen-
wart vergällten, die Zukunft vergifteten“
ꝓ„uUnsiun! die Vergangenheit ist todt und
Du sollst sie nicht metzr berühren,“ gebot Tante
Barbara. 60
Er lächelte und blickte so freudig auf, als
fühle er sfich von einem Alp befrei.

Eie heißen mich also willkommen, ohne
jedwede Beziehung auf den andern Lord
Cuthdert, der nach Italien ging.“

„Versteht sich und verbiete Dir sogar jede
weitere Anspielung. Du sollst froh sein und
heiter. weil ich reizende Gefellschaft für Dich
habe.“ WB

Cuthberis Auge trübte sich.
ESei nicht garstig. Cuthbert. Du wirst
fie schnell lieb haben, wenn Du sie erst kennst.
Es sind zwei schöne junge Mädchen“

„Sie sollen mich nicht don Tante Bar⸗
bara's Seite locken.“ —

Das wird sich zeigen. Man sagt Mif
Llayd sei gefährlich.“

—5—

„Miß Lloydddoch nicht Genevra Lloyd 7
fragte er erschrekt. —
Tante Bardara blieb so ruhig wie ein
Beneral, der seine Truppen in's Gefecht
führt. —
Verssteht sich Genevra Lloyd, sie ist meine
liebe Freun din ··
„Dann muß ich gleich wieder gehen,
Tantchen,“ sprach Cuthbert niedergeschlagen,
„denn Miß Lloyd kann mich nicht leiden.“
„Dann wird sie's lernen,“ nickte Miß
Evesham, „wollen sehen, ob fie den Vorzügen
Deines Charakters widersteht, wenn sie Dich
im St lleben der Honeysuckle Cottage trifft.“
„Aber ich kann nicht bleiben, gewiß, ich
tann nicht;“ —
„Aber Da mußt, wenn Du Theilnahme
jür mich haft. 77
Cuthbert Lylen sah so unglücklich aus,
daß Tante Bardara ihn ernfthaft tröstete.“
„Genedra ist nicht so schlimm, als Du
glaubst. Du mußt eben Erziehung und Tem⸗
perament in Rechnung nethhmen. Sie ist ein
edles Wefen, aber furchtbar fiol“
Als ob ich das ncht wüßte, nicht be⸗—
griffe, daß ihre reine Seele jede Berührung
mit dem Geweinen verschmäht. 5“
„Uebrigens halte ich ihr auch nicht die
Stange,“ fuhzr Tante Varbara fort, und er⸗
lläre ihr hartes Urtheil über vergangene Fehl⸗
tritte arrogant und unweiblich. Diesen einen
ichlimmen Zug ihres Charalters soll fie
mildern, dann entspräche sie meinem Ideule
einer Frau. Doch ich muß nun gehen, Kitih
Tartright ist auch da, und wir wollen einige
hübschhe Tage verleben.“ WVBE
Der junge Mann blidte gedankenvoll aus
dem Fenst z rꝛc. W
Nun, ich gebe mich in ihre Hand, Tant⸗
hen,“ sprach er nach einer Pause, „aber Sie
dürfen mich dann auch nicht schelten, wenn
jchlimmere Folge daraus entstehen.“. F
ASei Du nur heiter und liebenswürdig
für alles Andere will ich sorgen. Uaterhalie
Dich inzwischen hier mit Mappen und Bü⸗—
chern, es wird Dich Manches darunter an
Deine Knabenjahre erinnern. Mache Dir's
bequem, wenn ich meine Mächte zusammen-⸗
aringen will, werde ich Dich schon suden.
Du lieber Gott,“ flüßerte fie, als sie
        <pb n="56" />
        die Treppe hinaustieg, „da hab' ich nun ein
hübsches Stück Diplomatie am Halse. Mit
Genevrag läkt sich nicht rechten, ich- muß auf
ihre Großmuth speculiren ·· F
.Und mii diesem Entschluß schritt sie dem
üngriff entgegen —

„Kinder, ich freue mich königlich, der heu⸗
tige Tag ist ein wahrer Glückstag, ich hoffe
nur. daß nichta meine Freude störe.

Und sie sank in einen Fauteuil und
klatichte vor Vergnügen in die Hände. Ge⸗
nevra ließ das Manuscript fallen, die Bilder
lagen noch auf ihrem Schooß, und Miß Eves⸗
ham sah an dem feuchten Glanz der Augen,
daß die Erzählung gelesen war, » und ihren
Eindruck nicht verfehlt hatte. Die: Erzählung,
welche von einem längst zu Asche verfallenen
Frauenherzen handelte, dessen Liebe und treue
Sorge einen tiefgesunkenen Mann hob und
rettete, und ihn mit starler Hand auf dem
Pfate der Ehre leitete, so daß er schließlich
noch eine Zierde des alten Namens wurde.

Miß Evethams lebhaftes Wesen ger
streute einig; rmatßen der Mädchen. ernste
Stimmung. »*

„Nun, Tante Barbara,“ Sie haben uns
ja mit Sturmesgewalt aus dem dämmernden
Nebel der Vergangenheit in die alltägliche
Wirllichkeit zurücgeführt: Was aber mag Ihre
heitere Ruhe in solch Fieber froher Aufregung
verwandelt haben?“ fragte Genebra.

„Weiß nicht, ob ich diese Vergangenheit
auch berühren soll ꝰ doch nein: Sie wissen
ja, Genebra, daß ich selbst in den dunkelften
Stunden das Vertrauen auf ihn und sein bes⸗
seres Selbst nicht verlor, und inögen daraus
bemessen, wie glücklich ich über seine Sinnes⸗
änderung bin. Doch der langen Rede lkurzer
Sinn ifl, daß Cuthbert gekommen ist, und
ein paar Tage bleiben will. Ich freue mich
nun doppelt, daß ihr gerade da seid, damit
jch dem lieben Jungen, der die Vergnügen
der Welt dem Besuche einer' alten Jungfer
opferte, recht angenehme Un terbaltung bieten
fann.“ — — J ä 3
Und Miß Barbara faßte die Häude beider
Mädchen und seufzte vor Behagen.

Genebra hielt in einem Anfall heftigen
hustens das Taschentuch vor's Gesicht.

Kitty erglühte und verwandte kein Ange
von den zierlichen Händchen,“ die sich rastlos
bewegten.

Miß Lloyds Aerger jagke das Blut bis

in die Fingerspitzen, was aber konnte sie
thun?“

Da saß Tante Barbara voll inniger Freude
und war folglich zehn Male unnahdarer, als
in gereizter Stimmung. 67*

.Macht Euch nur recht hübsch heut Abend,“
lächelte fie, „denn wir wollen ein wahres
Feenleben aufführen, da wir nun einen wirk⸗
lichen Ritter haben. Beeilt Euch, ich rufe
Euch bald··· n

„Ein hübfcher Ritter,“ zürnte Genevra,
als Miß Eveshams Schritte verhallt waren,
„die Geschichte ist mir schredlich zuwider. Was
in aller Welt sollen wir thun, Kitty?“

Ist's denn nicht möglich, daß Du Dich
irrst, Genevra F würde Miß Barbdara sich so
innig für ihn interessiren, wenn er schlecht
wäre ?⁊
Hab' ich Dir nicht von seiner Anziehungt—
kraft gesagt? Er erfuhr sicher unsere Anwesen—
heit, und dachte nun, Dich unter Tante Bar—
bara's Schuß, um so leichter zu erobern.
Uber ich will ihm noch Troß bieten.“ Kitty
lachte hell auf.

O Genevra, diese Idee ist zu drollig.
dord Cuthbert kümmert sich um mich nur in
so fern, als ich Hugo's Schwester bin. Hät—
sest Du den Blick gesehen, der Dich traf,
als er Dir die Lorbeerkrone reichte, so wür⸗
dest Du Dich nie wieder um mich ängstigen.“

(Fortseßung folgt.) I

—

Mannigfalliges.
Newyork. Der in Erie, Pa, exi—
stirende Lügenverein hat in seiner kürzlich
stattgehabdten Jahresversammlung die Ehren⸗
präsidentschaft und den damit zu vergedenden
Lügengürtel einstinmig Hen. Gambetka
zuerkannt.

. **

und MNaerlag von X. X. Demetz in St. Anabert. —
        <pb n="57" />
        Anterhaltungsblatt

—

zum
St. Ingberter-Anzeiger.
N. I.

VDonnerstag, den 2. Februar

* IS7I.

Lord Lyse.
Nach dem ameritanischen Originale des
Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
(Ombs. 1—
Ggortsetzung.)

Genevra schritt zürnend auf und nieder.
Hörtest Du nie von wilden Jägern, deren
votuch Geschoß jedem Wild gilt äKitty. Kitw,
sei auf Deiner Hut! Wärest Du nicht da, so
aähme ich die Säache nicht halb so erust.
aber ich habe kein Vertrauen auf Dich, Du
hist halbe im Begriff zum Feinde überzu⸗
gehen“

Aber der Feind will mich ja garnicht
haben. Uebrigens thut mir's sehr leid, wenn
diese Tage verdorben werden·
Genevra erroöthete und sprach“ nach kurzer
Pause lächelnd: „Zugegeben, daß ich vorerst
mit Windmühlen fechte. Ich will aber Tanke
Barbara's Freude nicht stören, und mich alt
mächtigen Feldherrn zeigen. Jeder Angriff soll
zurückgefchlagen oder parirt werden, und dabet
doch jedes Gepsäukel vermeiden. Komm, Kind,
wir wollen uns umkleiden, und Du solist die
Blumen für meine, Haare wählen. Wir wollen
shun, was wit füt Miß Evesham gethau hä—
den würden; nicht mehr, aber um ihretwillen
auch nicht weniger.

offen, und 'obgleich Lawrence Lloyd ihn nie
ohne Schaudern sah, ihn von Tag zu Tag
mehr haßte und verabscheute, empfing er ihn
doch freundlich und gab wenigstens äußerliche
zünstige Zusagen. Ein mächtiges Netz umgab
den Banquier immer enger, und er fah nur
den Einen Ausweg. der ihn noch sicherer zu
Brunde richten mußte. Das Besie war also,
sich mit Lubin auf gutem Fuß zu erhalten
und so seine Tochter vor einer Entdecung zu
hewahren, die ihn zerstören mußte, selbit wmenn
dieselbe sie nicht tödtete.

Die erste zornige Aufwallung über des
Mannet maßlose Anmaßung war vorüber, und
Lawrence Lloyd gad sich redlich Mühe gute
Eigenschaften an ihm zu finden, Eigenschaften.
die ihn Genevrass wuͤrdig machten. Lubin
bewachte ihn mit Argus -Augen, aber er ge⸗
währte Frist, weil et wußte, daß der stolze
Geist sich endlich beugen müsse. nu. e

* F

Erst als die esStunde der Entscheidung
immer hinausgeschoben wurde, endete seine
Geduld, und er erklärte, daß er in jedem
—XV
fluß einer Woche die Frage auf die eiue oder
andere Weise geläst wissen wollhe.

.Gelöst ?* fragte Lawrence Lloyd er⸗
schrocken, , Sie muthen wir doch wohl nicht
zu, die Sache zu entscheiden, bevor ich meiner
Tochter Ansicht kenne d
, Rein, aber Sie können endlich Schritte
thun, mir die besprochene Summe ein haͤndi⸗
gen, mich Ihrer Tocht r vorstellen und ihr
begreiflich machen, daß ich ihr die Ehre er
wiesen habe, Herz und Hand ihr auzubieten.

X. 522
Lubin wohnte noch immer im Vieccadilly
Hotel und nahm, wie der Portier meinte, nach
und nach eine civilisirte Lebensweise an. Das
HDaus des Banquier stand ihm nun immer

—R
        <pb n="58" />
        und daß Sie beides in ihrem Namen ange⸗
nommen hätten.“

.D meine stolze, hehre Genedra!“ ächzte

Banquier.

„Ich will mein Bestes thun, des Mäd⸗
chens Herz zu gewinnen,“ fuhr Lubin ruhig
fort, „denn sie hat mich wirklich gefesselt.
Nachdem ich Alles reiflich überlegt habe, lam
ich zu dem Resuliat, daß es am besten sein
wird, wenn ich den alten Namen nicht mehr
führe, sondern als deutscher Edelmann auf-
irete. Die Engländer haben erhabene Bespiele
der Bevorzugung deuischer Gatten, und Sie
drauchen nur den Tag zu bestimen, an wel⸗
chem Graf Luvin Ihrer Tochter vorgestellt
werden soll. Daß ich meine Ralle zu spielen
verstehe, werden Sie bald einsezen, und da
mir's oft gelungen, schöner Frauen Gunst zu
gewinnen, dürften Sie sich schließlich noch Ihres
Schwiegersohnes freuen.“

„Meine Tohhter ist gegenwärtig bei einer
Freundin auf dem Laude,“ entgegnete. der
Banquier truͤde.

„Nun,“ dann kommt sie hoffentlich bald
und inzwischen leiten wir die Sache ein. Ich
verschaffe mir Credit- und Empfehlungsbriefe,
ein Kammerdiener muß ankommen und nach
Graf Lubin fragen, der große Banquier Law⸗
rence Llioyd führt mich in die Gesellschaft ein,
und schließlich widersteht dessen schöne Tochter
der Glut meiner Werbung nicht. Wollen wir
die Sache nicht als abgemacht betrachten 7

Warum auch nicht? Lawrence Lloyd wußte
wohl. wie all sein Sträuben enden müffe.
und doch stteckte er: abwehrend die Hand aus.

Lossen wir es lieber dei der besprochenen
Woche“

der

„Wie es Ihnen beliebt, aber ein schneller
Entjchluß ist immer am klügsten, borausge⸗
setzt, daß man ihn bdoch fassen mus, bemerkte
Luͤbin achselzuckend. 4 —
.D daß ich wüßte, obe Genevra Sie
tieb haben knnte,“ murmelte der unglüdliche
Vater.

Beim Teufel, das gehoͤrt ja gar nicht
hieher. Sie ist hoffentlich eine gehorsame Toch⸗
ter, uud Sie erklären einfach, sie müsse.“

Lawrence Lloyd jeufzte jschwer. Wann hatte
ur je dieses Wort der gelitbten Tochtter gecen⸗
Ader gebraucht 9

Lubin ging vergnügt von dannen, denn
er wußte die Sache sei so gut als abgemacht,
und trug die erste Abschlagszahlung bereits
in der Tasche. Er lkehrte jedoch nicht in's
Hotel zurück, sondern fuhr mit dem nächsten
Zuge in eine bevölkerte Fabrikstadt, nio er
einige Geschäfte besorgte, die ihn sichtlich be⸗
riedigten.

Zwei Tage später erschien im Hotel ein
dammerdiener und fragte, ob sein Herr, Graf
Lubin hier abgestiegen sei. Ein Kellner be⸗
gleitete ihn nach dem betreffenden Zimmer,
und ließ wie zufällig die Thür offen. Der
stammerdiener trat ein, verbeugte sich tief und
Braf Lubin rief laut: „Bist Du endlich da,
starl, ich fürchtete schon, Du würbd st nicht
lommen. Hoffentlich dast Du all' meine Briefe
in Ordnung ?*

„Zu dienen, Euer Gnaden. Die Ueber⸗
fahrt war rauh, sonst wäre ich früher ge⸗
—X

„Nun, ich bin froh. daß Du da bvist,
denn ich war hier wie eingen auert. Jeßt kann
ich mir wenigstens die Gesellichaft und das
Leben etwas besehen, und die Verändervng
wird wohl thun.“

Ja, i8 war eine Veränderung. Von einer
bloßen Ziffer im Hotel verwandelte sich Graf
Lubin in einen Stern erster Größe. Er be⸗
vohnte nun eine Zimmerreihe, und es wim⸗
melte stets von Besuchen. Erst waren es Han⸗
delsleute, die Befehle empfingen, dann erschien
der reiche Raquier Lawrence Lloyd und ver⸗
hr e mit dem Grafen auf vertrautem Fuße,
nun folgte Lord X. und Baron Z., und der
deutsche Graf war mit Glanz in Londons Ge—
ellschaft eingeführht.

Schöne Federn bestimmen den Werth det
Vogels, und so war auch Graf Lubin's Er⸗
cheinung nun weit einnehmender und elegan⸗
zer, als Lawrence je gedacht hätte.

Daß die Aristokratie sich so schnell und
lebhaft für den Fremden interessirte, war dem
Banquier ein größerer Trost, als er sich selbst
gestehen wollte, und er suchte fich sofort in
den Glauben zu lullen, daß Genevra sich am
Ende doch glüdlich fühlen könne, wenn des
Grafen Stellung sich endlich definitid befe⸗
tigt haeee. —

Wie schnell umgarnt ung der Hölle Reß,
        <pb n="59" />
        wenn wir einmal den Psad der Lüge betre⸗
ten —

Lawrence Lloyd versprach dem Grafen
all seinen Einsluß anfzubieten, um Genevra
ihm qünstig zu stimmen. Sonderbarer Weise
war des Mannes Leidenschaft für die erkorene
Braut wahr und ernst, und er hätte lieber
dem Golde als ihr entsagt. Um sich die Zeit
ihrer Abwescuheit zu verkürzen, trieb er sich
mit: Capitän Follansbee in Theatern und
CTlublocalen umher.

Eines Tages erschien der junge Mann in
erhöhter Stimmung bei Lubin.

s ist wahrlich eine Schande, Graf, das
wir die neue Tänzerin, die solch ungeheueren
Ruf von Paris mitbringt, doch nicht gesehen
haben. Dirta sagte mir, sie habe gestern das
langweilige Londoner Publicum förmlich elel⸗
trisitt, und heute wird man sie mit Blumen
aberschütten. Wir müssen natürlich auch dahei
jein, ich habe uns bereits Plätze gesichert.“

Meinetwegen, obgleich ich keine Vorliebe
für Balletiänzerinnen habe,“ entgegnete der
Graf schaudernd, als ob ploͤtzlich eine gespen ⸗
stige Erscheinung vor ihm auftaube.

,„Zephyr soll aber eine Ausnahme aller
Tänzerinnen sein, ein Wunder von Schoͤnheit
leicht und zierlich wie ihr Name, und doch
unnahbar wie eine Fürstin. Man sagt, sie habe
einem unserer Herzöge, der sich mit einem
Diamantendalsband Eingang zu verschusfen ge⸗
sucht, ganz entschieden imponirt. Eine Tän⸗
zerin aber die Diamanten widersteht, ist etwas
ganz Absonderlichs.“..

„Ist sie Französin oder Italienerin ?) Zep⸗
hyr' ist notürlich nur pseudonym.“ 4
»Das weiß ich wahrlich nicht. Der Zeftel
nennt sie nur Zephyr ; .die feenhofte,n hbe⸗
aubernde, unüdertroffene Zephyr.“ Derter und
Dbersi Waite stritien über ihr Alter. Der
Eine belhauptete, sie sei ein wahres Kind
der Andere, ihr Antlitz verrathe eines Weibes
Erifahrung und vLeidenschaft und zeige selbst
Spuren des Leidens. Freilich glaubt der
humer wunderbar tief zu schauen“—

Der- Graf trat ans Fenster.

„Wenn sie es wäre 7*. flüfterte er stien⸗
runzelnd, „dann stünde ich wohl auf einer
Pulvermine. Aber es kann ja nicht fein, ich
habe zu sorgföltig jede Spur verwischt. —

Dennoch suchte er einen Mantel hervor,
dessen weiter Kragen den Kopf eines Mannes
halb verbergen konnte. Capitän Follansbee
hatte sich mit einem Bouquet versehen und
legte es scherzend auf das Wagenhissen.

Der Graf aber war nicht so gesprächig
als sonst, wie ein Alp lag's ahnungss wer
auf seiner Seele uud als er sich in des Thea-
ders lichten, glänzenden Ränmen befand,
überfiel ihn solch hestig Herzllopfen, daß er
be inahe ohnnmächtig wurde.

„Aha,“ rief der junge Capitän muthwil⸗
lig, »Sie machen mir glauben, Sie seien
ganz ruhig und gleichgiltg, und nun find
Sie ganz bleich vor Aufregung und Unge⸗
duld.“

Mir scheint der Magnetismus des Ent⸗
husiasmus wirkt anstecend,“ entgegnete der
Graf mit erzwungenem Laͤcheln, „ich gestehe,
daß ich jetzt ebenfalls auf die gefeierte Er⸗
scheinung gespannt bin.“

Sehen Sie einmal hinüber nach der
Loge des Herzogs, man jagte mir, daß in
seinen Bouquetten Arnbänder von unschätz⸗
varem Werthe steckten. Geben Sie Acht, wenn
er sie ihr zuwirst. Zephyr soll übrigens jede
Bewegung des Publiçums beachten, und wähe
rend sie sich unter dem Blumenregen verbeuge,
sollen die funkelnden Augen suchend über das
Meer von Gesichtern gleiten ··....

Graf Lubin schlug unwiUkührlich den
NMantlkragen hinaufßff. —

„Hören Sie das Zeichen,“ rief Follans⸗
dee hastig.

Lauter Beifall begrüßte den aufrollen den
Vorhang. Elekwisch durchzudte die Menge der
dine Gedanke: Zephyr kommt!“
Die Scene,stelle eine Feengrotte dar,
Moofiges Grün bedecktze die Felsenwände,
alcheruder Tropfstein hing in reizenden phan
astischen Gebilden von der Decke nieder, unten
plätscherten Fontainen, sPpielten Vögel und
Schmetterlinge, und auf duftendem Blumen⸗
jager ruhte die Feenkönigin, umgeben von
üeblichen Mädchen.

Eiue zarte Sylphide trat vor, hob eine
Perlenmuschel an die Lippen und entloctte ihr
finen leisen, melodischen Ton, den das Orchester
sofort aufnahm und süß und weich, gleich
einer Mutter Schlummerlied, weiter führte.
        <pb n="60" />
        Des zarten Füßchens leiseste Bewegung genügte,
um des vollen Hauses stürmischen Applaus
donnernd wach zu rufen.

Wirklich ein Zephyr! Sie glitt hin und
schwebte her, wandte und drehte sich so Teicht
pie ein Wolkchen im MAether. Die kleinen
Füße berührten kaum den Boden, sie verrieth
nicht die Spur von' Anstrengung, und doch
tanzte sie mit wunderbarer vörazie die schwer⸗
sten Figuren, während die feinen Züge solch
träumerisch sehnenden Ausdruck zeigten, daß
man wähnte die Erscheinung sei wirklich ein
Wunder der Zauberkraft und werde sofort
versawindenn.

Böllig verschieden von den gewöhnlichen
Tänzjerinneu, war Zephyr ein kleines, zierliches
Wesen, das um so mehr fesselte, je länger
man es betrachtete. Und doch war es nicht
Schönheit allein, denn unter dem Feenchor
defanden sich eben so reizende Mädchen, es
war der Zauber der großen, tiefen Augen,
die pathetische Leidenschaft, die Geistesgröße,
die unmiderstehlich fesselten. Die rosigen VLip⸗
pen lächelten bald bezaubernd, bald schienen
sie süß zu flehen, und doch behielt das Antlitz
sortwährend den' zerstreuten, träumerischen
Ausdruck. Nur als die Sylphide, wie Follans⸗
bee vorausgesagt, einen Moment ruhte, und
dann in reizender Stellung, dewegungslos wie
eine Statue hinsank, als ein Blumenregen sie
aberfiel, schien Zepyyr aus einem Traͤume zu
uwachen und übervblickte suchend die zahllose
Menge un Zuschauerraum...

Graf Lubin hatte sich so gewendet, daß
nur das Hinterhaupt sichtbar blieb.

Die forschenden Augen bemerkten ihn nicht,
der müde Blick kehrte zurück. Zephyr erhor
sich und verbeugte sich tief. Der Vorhang fiel.

Als die Menge in die kühle frische Nacht⸗
duft hinausdrängte, athmeten Viele tich quf,
als wie befreit von nervöser Spannung, die
unbewußt schmerzlich geworden. *
Auch Graf Lubin suchte hastig das Freie
and warf beim Hinausgehen einen kleinen in
schweres Pelzwert gehüllten Knaben um. Der
Junge raffta sich auf und tiat zurück. Lubin
tümmerte sich nicht darum, sondern schritt eilig
nach der Thür, wo er den Mantel abwarb

and sich die Stirne nocknete, obgleich er erst
vor wenigen Minuten über Kälte geklagt
hatte. „Graf Lubins Equipage wartet,“ rief
Foslansbee laut, „ach, da sind Sie ja, Graf,
lommen Sie!“

Der Graf folgte schnell und beobachtele
rnicht die kleine Elfengestalt, welche mit den
zroßen runden Augen hinter einer Säule her⸗
porschaute, und deren Züge so deutlich Ver⸗
vunderung und Eutsetzen wiederspiegelten.

Das Kind wartete bis der Wagen ver⸗
schwunden, und eille dann nach dem kleinen
Ankleidezimmer detr Tänzerin wo Zephyr in
einer wahren Laube von Blumen und Biüthen
jaßßz, während auf dem glänzenden Atlaskleide
ꝛine Menge lostbarer Geschenke ruhten, welche
das Kammermädchen sorgsam aus der grünen
Blätterhülle schälte.

Da saß sie uud betrachtete das sunkelnde
Veschmeide, Gold, Perlen, Diamanten und
Rubinen mit bitterem Lächeln.

„Löse die Namen ab, Janet, ich will
NRiemand sehen und all den Flitter nicht
zragen. Lege Alles zusammen in die große
Cessette, vielleicht lache ich dann gelegentlich
iber die Thorheit der Engläuder, wie ich
uüber die Gaben der leichtsinnigen Pariser
achte. Was liegt mir an all dem? Tanze ich
doch nicht, um ihnen zu gefallen, kam ich
doch nicht Ruhmes oder Reichthums halber in
das kalte, nebelige Land.“ *ay
* Ggortsetzung folgt.) m

Mannigfaltigece.
Neuwied, 24. Jan. Die franzdsischen
Dffiziere studiren jetzt eifrig statt der ver⸗
potenen Indep ndance Belge die Köolniiche
Zeuung, und da ihnen hierbei in öfleren
Füllen Wörterbun und Landkarte nicht aus⸗
ceichen, so werden nicht selten die Hausbe⸗
Aohner um nähere Erläuterungen gebeten.
Ein mit „Von Hans Wacheuhusen“ über⸗
schriebener Artikel gab u. A. Anlaß zu der
Frage: „Wo liegt doch eigentlich das Haus
Wachenhusen, von wo aus immer so viel über
den Krieg berichtet wrd?r?

3 7

F — —

— —

—ec
— and Mo⸗elag von F. X. Deme ßz in St. Inabert.

— —VV— — —
3 J.*
        <pb n="61" />
        Anterhaltungsblatt

zumn
St: Ingberter Anzeiger.
Ar. 16. Sonutag den 5. Februar

13877.

FLordeLyle.
Rach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
OOmbs. J
Goortsehungh.

Der Knabe trat ein und blieb wie geblendet
stehen. C... —

„Wie reizend,“ rief er mit eigenthümlich
hoher kräftiger Stimme, „o Zephyr, wie
reizend!“

Die Tänzerin wandte sich mach dem Kinde,
ihr ganzes Autliß leuchtete vor Zärtlichkeit.“

„Bist Du da, Jon ? ijqg, siehst Du,. da
habe ich wieder hübsche Spielsachen für Dich.
Ach, lieb Herz. Du wartetest draußen in der
sälte, während ich mich mit dem Tand be⸗
schäftigte. Hast Du das letzte Bouquet auf-
gebunden, Janet ?“

Ja- Fräulein Welch? schweres Arme⸗

schaft flammte in den Augen und verwandelte
das junge Weib in eine schöne Furie.
Was ist geschehen, Carissimo d wer wagte
Dich zu kränken? sag mir's und ich födte
ihn.“ * J — 28* *
Schluchzend schmuegte fich der' Knabe an
ihte Brusht. ——
Fein Zephhe, dag thust Du nicht, Du
weißt, daß Du's nicht thust. Du wirst ihn
wieder lieben und mich vergessen. O daß er
aicht gekommen wäre, unser schönes Leben zu
stoͤren?“ V
Zephyr erblrichle. stellte das Kind auf
den Boden und blickte forschend und ängstlich
in das kleine Gesichtchee.
„Bist Du bei Sinnen,“ Jon 1 Er war
nicht im Theater, denn ich hätte ihn nicht
üdersehen.“ J
„Er war da und rannte mich in der
kile des Fortgehens um. Er ist sehr verändert
aber nicht so sehr, daß 'ich ihn nichk gekannt
hatte. Ich hasse ihn und kenne ihn übetall.“
Zephyt vblieb stehen, kalt und bewegunga-
los, als ob ein Eishauch sie verstimmt habe,
dann durchbebte fie auf einmal wilde Freude
und sie rief jubelnd: „Meine Stunde! ist ge⸗
lommen — sei es! für Triumphund Liebe,
jei es für Haß und Rache — meine Stunde
st'gfommen?“

Behalte es, Janet. Und num hülle Jon
in warme Pelze, und hilf mir« schnell mich
umlleiden. Du frierst, Herzblättchen, aber ge⸗
dulde Dich, wir kommen nun heim und dort
dalte ich die Luft so warm, wie unter ücilia-
aischem Himmel.*

„'s ist nicht die Kälte,“ flüsterte det Knabe
in italienischet Sprache, „'s ist etwas viel
bchlimmeres.

Und große Thränen rollten über das zarte
Gesich tchen. —

Zephyr sprang auf und schloß dat Kind
in die Arme. Welch wilde tigerhafte Leiden⸗

xxt.
Süßes Lächeln schwebte auf Miß Lloyds
dippen als fie mit Kitty das reizende Wohn⸗
zimmer der Honeysucle Cottage betrat.

Lord Cuthbert stand neben Miß Barbara
am Fenfster. Sie hatte die Hand auf seine
        <pb n="62" />
        Schulter gelegt und blickte mit freudig glän⸗
jenden Augen zu ihm auf, während er ernst
und innig zu ihr sprach.

Als der junge Edelmann die beiden Mäd⸗
chen eintreten sah, flog ein Schatten über
seine Züge. Miß Evesham wat hastig vor.

„Da seid Ihr ja, Kinderchen, und hier
ist min Junge. Komm, laß Dich vorstellen,
Cuthbert. Miß Lloyd, und Miß Cartright —
Lord Cuthbert Lyle. So, nun unterhaltet Euch
zut und werdet gute Freunde.“

Lord Cuthbert verbeugte sich ernst und
bderührte kaum der Damen Fingerspißen. Sein
achtungsvoller Gruß schien zu sagen: „Fürch⸗
jen Sie nichts, ich werde den günstigen Zu⸗
full nicht mißbrauchen.“

Benebra schrift zun Piano und spielte um
ihre Aufregung zu verbergen. Es gelang; die
jüßen Töne nahmen leise die nervöse Stim⸗
wung ihr vom Herzen, und als fie sich wieder
erhob, geschah es mit strahlendem Lächeln.

Spiele doch weiter,“ bat Kitty.

Wen⸗vra blickte auf Lord Cuthbert, der
noch immer sinnend am Fenster stand.

Cuthbert brauchen Sie nicht zu fragen,“
lächelte die alte Dame, „der ist ja stumm vor
Entzücken. Komm, Cuthbert, gib ein Lebens·
eichen,· Dein Schweigen wird miüverstanden.“

Er wandte sich langsam und sprach mit
einem Ausdruck unbegrenzter Bewunderung:
„Miß Lloyd muß wissen, daß ihr Spiel mich
—
Fottsezung desselben zu bitten, als wenn
Sania Cäcilia selbst uns beglückt hätte.“

Bielleicht singen Sie auch und können
mich begleiten d9 fragte Genevra freundlich.

Sie schlug die Noten auf und fing zu
präludiren an. Lord Llvle trat schweigend an
ihre Seite.
Des jungen Mannes prachtvolle Stimme
zarmonirie vollkommen mit Genebra's Gesang.
Sie selbst widerstand dem Zauber der Melodie
nicht, und Tante Barbara's Augen funkelten
zor Freude.
Als das Dueit geeudet und Genevra ein
anderes veginnen wollte, bemerkte sie Kitty's
Aufregung und erhob sich schnell.

Was fehlt Dir 7) fragte fie innig, und
das zitternde Mädchen, das sichtlich und

seuchtlos die innere Bewegung zu beherrschen
gesucht, brach plözlich in Thränen aus.

„Lord Lyle's Stimme klingt gerade wie
hugo's, ich kann nicht fassen, nicht begreifen,
daß er es nicht selbst ist. O mein Bruder!
nein armer, armer Bruder!“

Einen Augenblick wars, als wolle der
junge Mann mit offenen Armen auf sie zu⸗
eilen, dann trat Genevra vor und umarmte
keitty.

„Beruhige Dich, lieb Herz, wir wollen
jaa nicht mehr singen, wenn es Dir wehe thut.
Weine nicht, Kitiy, denk' daran, daß das
leckenlose Andenken, welches Dein Bruder
ziuterließ, mehr werth ist, als das ehrlose
Leben so vieler Anderer.“

Sie hatte keine harte Rede beabsichtigt,
hatte nur an Kitty's Schmerz gedacht und
zemerkte den verletzz nden Doppelfinn ihrer
Worte erst, als Lord Cuthbert bleich und trübe
das Zimmer verließ.

Tanute Barbara sah ganz nuglücklich aus,
und Kitty rief schmerzlich: „Nun hab ich
anabfichtlich Eure ganze Freude zerkört. O
rufen Sie ihn zurück, Tantchen, dann will ich
aicht mehr so kindisch sein.“

Miß Evesham schritt nach der Thür und
blieb dann zögernd stehen.

„Willft Du mit uns singen, Kitty, oder
kannst Du Dich wenigstens beherrichen d
fragte Genedra ernst.

„Ja o ja,“ schluchzte Kitty, wie ein Kind.
das Besserung gelobt.

„Dann werde ich ihn selbst holen,“ ent⸗
zegnete Miß Lloyd und die beiden Damen
wunderten sich über diesen Entschluß mehr,
als über einen Blißz aus heiterem Himmel.

„Das ist großmüthig,“ rief Tante Bar—⸗
bara; Kitty blichte mit den feuchten Augen
auf, aber Genevra war schon fort.

Sie trat in den Gar en und als sie den
Besuchten nicht erblickte, huschte sie die Allee
entlang, welche zu dem kleinen Tannend ickicht
ührte, unter dem so frisch und fröhlich ein
Quelichen rieselte, als wäre es Meilen weit
jeder menschlichen Wohnung sern. Dort mochte
fie wohl Cuthbert finden, denn es war so
recht ein Pläßchen für ein gequältes Herz.
deicht und geräuschlos schritt sie dahin und
zlieb endlich, von Sympathie und Mikleid
        <pb n="63" />
        gefesselt, plöͤßlich stehen. Auf dem moosigen
Vrunde lag eiue duntle Gestalt, die Arme
uͤber das Haupt geworfen, das bleiche Antlitz
doll Herzeleid und tiefem Weh. Sollie sie
vorwäris schreiteun, ihre Gegenwart verrathen?

Wollte Gott, ich wäre gestorben,“ rief
Tothbert inzwischen trostlos, ‚und die blauen
Wogen rollten über meinem Haupie, statt über
dem Seinen!“

Tiefe Stille folgte dem schmerzlichen Aus⸗
ruf, und das Maädchen stand noch immer
—XV ängstlich, daß des Kleides
Rauschen, das Knittern eines Aestchens ihre
Vegenwart verrathe.

O Genevra,“ begann die Stimme bei⸗
nahe schluchzend wieder, welch hehre Mission
tdnntest Du erfüllen. Dein Lächeln würde
mich hoch über des Lebens Mittelmäßigkeit
erheben, mich zu hohen, edlen Thaten be⸗
geistern !“

Genevra's Blut rollte heißer durch die
Adern, um zu entkommen, machte sie eine
schnelle, und wie sie glaubie geräuschlose De⸗
wegung und trat auf ein dürres Reischen,
das krachend brach.

Lorde Cuthbert wandte sich und er⸗
plictte fie.

Sie haben meine Rhapfodie gehört,“
begann er nach kurzer Pause bitter, „und
perden mich nun auch noch für verruͤckt er⸗
flären.“
Zum ersten Mal im Leben verließ die
stolze sichere Haltung die schoͤne Tochter des
Banquiers. In mädchenhafter Verwirrung
stand sie da und wußte nicht, was sie zu sagen
habe.
Kann ich Ihnen irgendwie dienen, so
berfügen Sie über mich,“ sprach Lord Lule
milde.
„Ich wollte Sie bitten zurückzulommen und
mit ins zu fingen,“ entgegnete Genevra
ewwas gefaßler, „Kitth ist über die unfrei⸗
willige Störung sehr betrübt und Tante Bar⸗
Fara vollkommen unglücktich über diese erste
Woltke am sonnigen Horizonte der Honeysuckle
Tottage“

„Sie mußte mich fortlassen, ich bat sie,
mich nicht aufzuhalten.“

,„Nun am Ende sollen wir ihre barm⸗
zerzigen Pläne nicht sidren. Koemmen Sie

also und vergessen Sie das unglücdliche In⸗
termezzo.“ 2

Wie leuchtete das bleiche Antliß im Wie⸗
derscheine ihres Lächelns!

Genevra wäre kein Weib gewesen, wenn
sie nicht Mitleid gefühlt hätte, und doch
fürchtete sie sofort, zu weit gegangen zu sein,

Nur um Tante Varbara's willen wünsche
ich, daß sich Alles freundlich gestalte,“ be⸗
merkte sie kalt.

„Ich verstehe, und umn ihretwillen werde
ich auch all das ertragen,“ entgegnete Cuthbert
würdevoll.

Miß Lloyd erröthete, schritt hastig vor⸗
wärts und blieb dann plötzlich stehen.

Wir benehmen uns wie Kinder. Diese
Comödie aber ist pwecklos, denn erheuchelte
Freundlichkeit täuscht Miß Evethams fscharfes
Auge nicht, Deshalb will ich, so lange wir
hier beisammen sind, die Vergangenheit ver⸗
zessen und Ihnen wirklich freundlich entge⸗
genkonmen.“

„Die Veirgangenheit!“ wiederholte er
langsam, „bitte welche Beleidigung meinerseits
säge in ihr ?“

,„Sie lasen meine Antwort auf ihren
XX

„Ich habe Ihre Zeilen nicht gelesen, aber
ich sah, wie das Blatt in tausend Fetzen zer⸗
rissen wurde.

JZerrissen ?

„Ja, in wahnsinniger Aufregung. Der
bloße Gedanke an jene Scene verursacht mi
bitieres Herzeleid. Ich kann Ihnen die Verr
hältnisse jetzt nicht erklären, aber ich bitte Sie
zu glaubeu, daß ich nie an Sie schrieb. Ich
hätte die Verhältnisse wohl besser zu beurtheilen
verstanden, hätte begriffen, daß des Mannes
dand fleckenlos sein müsse, wenn er einen
Stern erküren wolle, auf daß er leuchtend
seine Heimath schmüdte.“

„Sie behaupten also, Sie hätten jenen
mit Ihrem Namen unterzeichneten Brief nicht
geschrieben ?!

„Nicht eine Silbe. Weitere Erklärung
lann ich jetzt nicht bieten, sie soll Ihnen aber
werden sobald die Verhältnisse es gestatten.“

Genevra folgerte schnell.

Vord Lyle hatte mehrere leichtsinnige
Kameraden mitgenommen; vielleicht hatte
        <pb n="64" />
        fich einer derselben den schlechten Scherz er⸗
laubt. mr
-„Gut.“entgegnete sie⸗ nach kurzer Pause
ernst, „ich freue mich, daß Sie jene Zeilen
nicht schrieben, denn ich hätte ihrem Verfasser
nie verziehen. Kommen Sie mun herein, bitte.“

Am folgenden Tag machte die kleine Ge⸗
sellschaft /einen Ausflug nach der benachbarten
Fabtikssadt, wo Tante Barbara- wie gewöhn⸗
lich ein Liebeswerk zu besorgen hatte, Ein
früherer Diener hatte ineiner Eisenmühle Ar⸗
beit genommen, und war von der Maschine
erfaßt worden. Miß Barbara wollte sich nun
selbst evon dem Brfinden. des Kranken und dessen
Verhältnissen züberzeugen.

Die hohen schwarzen: Kamine hoben sich
duulel von dem blauen Firmamente und dem
dlitzernden Fluß— und die jungen; Mädchen
waren entzückt über einen Aublick, der ihnen
ganz nentschieden den Reiz den Neuheit bot.

Kitty begleitete Tante Burbara ins Comp⸗
toir und sprach dort in kindlischer Offenheit
den; Wunsch: aus die Fabrik besehen zu dürfen,
ein Verlangen, dem der artige Oberaufseher
freundlichst entsprach. Vergnügt eilte fiennun
hinaus zum Wagen, um VMiiß Lloydaufzu⸗
sordern, all die Cyelopenherrlichkeit mit an⸗

pusehen.

Konzun doch, Genevra, man willtuns die
Fabrik zeigen, und das ist herrlich, denn da
drinnen ist Alles neu und geheimnißvoll.“

„Wan auich soll in die schwarzen, rau⸗
schigen Hallen1 danke, dankeofüt das Ver⸗
gnügen. LaßuDu Dich aber ˖nicht hindern,
Lord⸗ Cuthbert wird Dich begleiten, und ich
begebe micheinstweilen? hinunter⸗ zum⸗Fluß
und warte, bitß ihr⸗ wieder kommt.sr

Euthbert verbeugte sich/ begleitete Kitiy
in 8 Comptoir, wo Taute Barbara sie er⸗
warteie und folgte dann von ferne der hohen
Gestalt, die langsam dem Fluße zuschritt.
Phoßlich bemerkte sie auf einem Huufen aus⸗
gebrannier· Kohlen zwei schlechtgekleidete Frauen
mit Körben, die emsig nach brauchvaren
Stückchen suchten. Der Tochterdes«Reich ·
lhums und Luxus war das eine auffallende
Erscheinung. Was konnten die armen Geschöpfe
RW

Genevra schritt langsam und beobachtend
auf die Gruppe zu, so, wie man ferne Sterne
hetrachtet, mit vollem Bewußtsein des unend⸗
ichen fie treunenden Raumes. Sie sah dent⸗
ich die rauhen, sehnigen Hände, welche eifrig
ind geschickt den schweren Schürhacken hand-
abken, die plumpen Schuhe, die schäbigen
dleider.

Man hatte ihr oft von der Gleichheit
nenschlicher Seelen“ gesagt, das stolze Herz
aber weigerke sich diese Gleichheit zwischen sich
ind dené armen Wesen dort auf dem Kohlen⸗
jaufen anzuerkennen, ja sie wunderte fich bei⸗
iahe, als eine der Frauen fich ummauüͤdte und
nitfrohen Lächeln rief: Molly, Mollh,
leiner Wildfang, wobist Du denu 11 Ein
zeues Wunder“ für Genevra Unter einem
ohlenkorb kroch ein kleines rosiges niedliches
indchen hervor, eben groß genug, um allein
herumzuwackeln. Die runden Augen leuchteten
in heller Lust, und als es stolz- und selbstbe⸗
wußt⸗ die glänzenden' Kohlenstückchen: zeigte,
die es mühsam in dem schlechten Schürzchen
gesammelt⸗ sah es so glücktich aus wit ein

stönig. Die Mutter lachte frahlich, nahm die
steine auf' den Arn, herzte und) küßte fie
und kehre‘e dann wieder zur Arbeit zu⸗
rück,
(Fortsezung folgi.) *
Mannigfaltigee.
Kürzlich⸗ kam eine Bäuerin aus dem El⸗
saß in einen Laden zu Basel. Die Frage, ob
fie in ihrem Orte auch Einquartierung hätten,
bejahte se. Auf die weitere Frage: „Was
iüre Landsleute 190 gab sie zur, Antwort:
„Preußen.“ — „Wie gefallen sie euch 7??“ —
Ha, mit dene Preuße wär's noch z'mache;
aber⸗ diä Bayern, diä Soikerl, wo mer
zuerftg'habt han⸗ — zwei Kinder han ste
gebrote in Zwiwele und han sie gefresse.“
Man fieht es den ehrlichen Bayern bei ihrem
ungehenren Durst garc nicht an, daß ste auch
Menschenfleisch essn.

T ο Sea ven ναν D e NR ; inN. Inabert.
        <pb n="65" />
        Ankerhaltungsblatt

um
St. Ingberter Anzeiger.
———

Dienstag, den 7. Februar
1811.

Lord Xyle.
Nach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepfch.
OmbsJ.
GFortsetzungh. 2

Miß Lloyd näherte sich immer mehr, sie
wollte geben, auf daß des Tages Last und Mühe
wenigstens momentan erleichtert werde, und
wußte doch nicht, wie sie es anfangen sollte,
um die Gefühle der Armen nicht zu verlezen.
Tante Barbara verstand sich auf derlei Dinge,
Genevra aber wußte sich nicht zn helfen, weil
sie das Volk nicht als ihresgleichen betrachtete
und folglich sein Wesen nicht verstand.
Mocht'. wissen, warum ich selbst in Hof⸗
kreisen die Fassung nicht verliere, und für diese
Leute kein Wort zu finden weiß, obgleich ich
sie in tiefster Seele bemitleide?““

. Inzwischen hatten die Arbeilerinnen die
schöne, reich gekleidete Dame erblickt, grüßten
arlig und hielten mit dem Kohlensammeln
inne, um sie vorüber zu lassenn Erröthend
streute Genebra eine Hand voll Silbermünzen
in die Aschenreste und entfernte sich schnell.n
Tante Barbara hat Recht,“ flüsterte sie
schmerzlich, „ich bin so stolz und eingebildet,
daß ich nicht einmal mehr fähig bin mein
dochmüthiges Wesen abzulegen “
Und sie schritt langsam. und ernst am
Ufer entlang und betrat endlich unbenutzt schei—
nende Schienen, die bequemer zu der Stelle
zurückkehrten, wo der Wagen hielt. In tiefes
Sinnen verloren schritt sie weiter und agchtete
ꝛs nicht, als sie hinter sich daß Schnauben

und Fauchen einer Maschine hörte, wähnend
man habe eine Thüre der Fabrik geöffnet und
höre deshalb deutlicher den Lärm der acbei—
tenden Kräfte. Ein schriller Pfiff, ein wilder
Schrei weckte sie aus ihrem Brüten, sie blickte
auf und sah wie Lord Cuthbert athemlos auf
sie zustürzte, und das eiserne Ungethüm ihr
gerade entgegendampfte. I
War es Cuthberis Arm oder der eigene
entsetzte Sprung, was ihr Leben retkete?
Sie wußte es Richt, wuste uur, daß sie
ungefährdet zut Erde sank, und er wieder
sorteilte, Der, Fuͤhrer that sein Möglichstes
bie Maschine zun bremsen, aber der hinten⸗
Wagen war schwer beladen und dos Terraͤlu
icun ih
Das Kind,. die kleine schuldlose Molly
war der eleganten Dame nuͤchgelaufen und
stand nun zilflos und entsehzt mitten auf deu
Schienen Genebra sah, wie Cuthbert vor
türzte und mit kräftiger Hand das schlechke
——
führer laut aufschrie, die Maschine schrillend
ofiff, Dwie ein ettsetzlicher Angftichtei Alles
übertönte und barg entsehzi das Antliß in den
Handen. W
Barmherziger Gott, erbarme Dich!“
öhnte se. J
„Molliy mein Kind!, o Gotf segne Sie
tausend und, tausend Mal!“ schluchzte die
Mutter und preßte heftig das Kind an sich.
Genevra blickte auf und sah sich von den
Kohlensammlerinnen, dem Locomotiv, ührer und
Lord Cuthbert umgeben.
,Es war sehr gewagt, mein Herr,“ sprach
der Führer ernst, „unter hundert Mal würd—
        <pb n="66" />
        die Maschine Sie uenn und neunzig Mal zer⸗
malmt haben. Hätte ich nicht zuerst die Dame
geschen und mein Bestes gethan zu bremsen,
so hätten wir Sie und das Kind unfehlbar
überfahren müssen.

Gott sei Dank, daß Alles so gut ablief,“
entgegnete Cuthbert innig.

„Ich werde Sie jeden Tag meines Le⸗
bens segnen,“ rief die junge Mutter weinend,
„Molly ist mein einzig Glück, mein ganzer
Reichthum, und doch hätte sich wohl kaum ein
anderer Herr um das Kind einer armen Tag-
löhnerin gelümmert. Gott vergelte Ihnen die
edle Thaf, und seine Engel mögen Sie be⸗
schüten. O zu denken, wie der heutige Tag
häite enden tönnen !“

Wieder erstickte Schluchzen ihre Stimme.

„Ich freue mich, nahe genug gewesen zu
sein, um das Kind zu retten,“ bemerkte Lord
Cuthbert lächelnd, „aber Sie dürfen fie künftig
nicht mehr an solch gefährliche Stellen mit
nehmen. Sehen Sie, wie ich Molly's Röckchen
zerrissen habe, da müssen wir ihr schon ein
neues Rleischen geben lassen.“

Er drückte der Kleinen ein glitzerndeß
Goldstück in's runde Handchen, streichelte die
rosig thränenfeuchte Wange und schritt schnell
don dannen.

Genevra Lloyd folgte langsam und gelangte
bald zu dem Wagen, in dem Tante Barbara
und Kitty bereits Plaß genommen.

„Was fehlt Ihnen, Genevra7* fragte
Miß Evesham besorgt, „Sie sehen bleich aus.
Und wo ist Cuthbert?
3ch bin ganz wohl,“ entgegnete Genevra
den Schleier senkend, „und Lord Cutobert
wird sogleich kommen.“

Wirklich erschien er eben auf der Straße
und beschleunigie seine Schritte, als er die
Damen warten sah.

„Wir haben uns sehr gut unterhalten.
Cuthbert, und haben viel gelernt,“ scherzte
Tante Barbara, als der Wagen aus der
Fabrik rollte, „ich wollte, Du wärest auch
dabei gewesen.“

„O wünschen Sie das nicht, Tantchen,
denn Sie wissen nicht, welches Unheil dieses
Wunsches Erfüllung bedingt hätte,“ rief Ge⸗
nedra mit hebender Stimme, und erzählte trot
Cuthberig bitlsend abwehrender Geberde die

Erlebnisse der leßten Stunde, die selbstver⸗
ständlich einen Sturm der Aufregung hervor⸗
riefen.

„Nun, was hältst Du jezt von ihm
fragte Kitty, als die Mädchen sfich endlich
allein in ihrem Zimmer befanden.

„Er ist mir ein Räthsel,“ eutgegnete Ge⸗
nevra, „ein unerklärlich Geheimniß. Er selbst
und doch nicht er.“

XII.
Zephyr hielt goldene Ernte und konnte sich
weder über die Freigebigkeit der Theaterdirec⸗
tion, noch den Enthusiasmus des Publicums
beklagen.

Täglich wurden ihre Gemächer von uner⸗
müdlichen Verehrern belagert, täglich ihr kost⸗
bare Gaben gesandt, die sie annahm, ohne
sich auch nur mit einem Worte zu bedanken.
Ja, sie gab sogar zu verstehen, daß fie allen⸗
sallsige Begleitbriefe nie lese. Und doch sandte
man ihr die werthvollen Spielereien, so groß
war die Begeisterung, die Thorheit des Pub⸗
likums, und sie ließ jeden Abend einen großen
soffer packen, dessen Inhalt, wie lächelnd sie
das Brüderchen versicherte, einst sein Glück
machen solle.

Der Knabe war ihr Ideal. So oft daß
Wetter es erlaubte, nahm sie ihn mit in's
Theater, und mußte er zu Hause bleiben, so
war bei ihrer Heimkehr der Willkomm so
zärtlich und innig, als komme sie von weiter
Reise zurück.

Jon war ein eigenthümlich ernstes zurück
hallendes Kind mit scharfen, wachsamen
nugen. Er hatte übrigens mehr Jahre gese-
hen, als die zarte, schmächtige Gestalt vermu⸗
tben ließ.

Am Tage nach Lubinßz Theaterbesuch,
kleidete sich Fphyr in einsach schwarzes Ge⸗
wand, verhüllte sich in einen dichten Schleier
and hatte sonderbarer Weise auch den Kuaben
ala Pädchen gelleidet.

„Ich weiß, wo Du hingehst,“ sagte Jon,
als sie an der dem Piccadilly Hotel nächslen
Straßenecke aus dem Wagen ftiegen, „und
sch wollte, ich hätte Dir's nicht gesagi.“

.Still, Liebling. Was immer für mich
daraus entstehen möge, Dich soll es nicht be⸗
rühren. Uebrigens will ich nur erfahren. ob
        <pb n="67" />
        er es ift und was er thut. Wer weiß, ob
dann unsere Wege sich je wieder kreuzen.
sKonm, komm, wir wollen dem Grafen Lubin
unseren Respect bezeugen.“

Zephyrs Stimme hatte sich unwillkührlich
von weicher Milde zu bitterem Hohn ge⸗
steigert.

Jon brach in Thränen aus, gab sich aber
ganz unkindliche Mühe, dieselben hinter dem
Schleier zu verbergen.

„Aus der Geschichte keimt nichts Gutes,
Zephyr, ich fühle es nur zu deutlich. Warum
ließest Du ihn nicht im Gefängniß, dort war
er am besten aufgehsben. Du siehst das frei⸗
lich nicht ein, aber ich weiß es und hasse ihn
so sehr als ich ihn fürchte. Ich wollte er
wäre im Gefängniß gestorben.“

„Ich auch,“ entgegnete Zephyr zähneknir⸗
schend, „und vielleicht kommt bald die Zeit,
wo er es selbst wünscht.“

„Was willst Du denn im fremden Lande
hun?“ fragte Jon zitternd der Schwester
weiche Hand drückend, „glaube mir, daraus
entsteht nichts Gutes.“

„Es entsteht daraus nichts als meine
Rache.“
„Aber er hat Dich immer betrogen und
überlistet Dich auch jezt. Komm' laß uns
umkehren, Schwesterchen.“

Nein, nun will ich ihn erst sehen,“ rief
die Tänzerin leidenschaftlich, „will wissen, ob
er wirklich schlecht genug war, mich in den
Klauen jenes Elenden zu lassen, — und hat
er es gethan —
„Aber wie kannst Du das nur bezweifeln,“
aunterbrach fie Jon, „und angenommen, Du
überzeugst Dich davon, was dann 7*

„Die Taänzerin blieb stehen und preßte fest
die Hand auf's Herz.

„Was dann, Carissimo? dann will ich
mich rächen — und sterben.“

Des Tones leidenschaftliche Verzweiflung
durchbohrte des Knaben Herz.

„Dann muß ich auch sterben, weil ich nur
Dich auf Erden habe, und weil ich ohne Dich
aicht leben kann,“ schluchzte Jon, „laß von
dem schlechtem Mann, Zephyr, kehre nach
Italien zurück, sein Schicksal erreicht ihn auch
ohne Dich.“

„Nein ich muß dem Geschicke folgen,

daß mich zu ihm führt, sei es zu Liebe oder
aß.“ n

d beWe wird sich dann wieder mein Leben

gestalten denn er hat mich stets gehaßt und

berfolgt.“

„Das ist Unsinn,“ rief Zephyr mit mehr
Autorität, als sie bisher gezeigt, „Dich soll
Niemand von mir trennen, Niemand Dir
meine Liebe entziehen, oder Dir irgendwie wehe
thun, und das muß Dir genügen. Doch da
sind wir nun an dem Hotel, in dem Deine
scharfen Augen ihn aufspürten. Komm' wir
vollen dem hübschen Graf unseren Besuch ab⸗
tatten, er wird sich freuen, uns zu seben.“

Ihr Lachen klang sarkastisch und doch
durchdebte sie leise Hoffnung. Der Knabe
durschaute sie, er vußte, daß nicht Haß und
Rache der Zweck ihres Kommens sei, daß sie
einer anderen gleich mächtigen Leidenschaft,
paß sie der Liebe gehorche. Dennoch schwieg
er und folgte ihr ohne Widerrede.

Zephyr wartete einen Moment, sei es ihre
Aufregnng zu zügeln, sei es um Athem zu
schöpfen und blieb verschleiert, als der Kellner
um ihre Befehle fragte. In Wartesaal be⸗
fanden sich mehrere Damen und ein ältlicher
derr, der ganz in seine Zeitungen vertieft
war. Die Tänzerin achtete auf Niemand, fie
vartete wortlos in heftiger Erregung. Nur
einmal wandte sie sich zu Jon und flüsterte
zeiser: „Wenn nun Graf Lubin doch nicht
unser Vedro Castelli wäre 77

„Wollte Gott, er wäre es nicht,“ enl⸗
gegnete der Knabe, „aber ich sah ihn.“

Pedro Castelli. — Der Name drang
zum Ohre des alten Herrn. Er blidte schneü
auf, und äls die Dame nach Graf Lubins
Gemächern fragte, lächelte ex vergnügt.

„Nun, da wäre ich ja endlich auf der
Spur. Kein Wunder, daß mein Forschen bisher
vergeblich war. Wirklich Graf Lubin! nun
ich werde den saubern Patron nicht mehr so
leicht aus dem Auge verliern.“

Zephyr folgte inzwischen dem Kellner und
pochte, nachdem sie sich jede Meldung ver⸗
deten, an die bezeichnele Thüre.
Der Graf, der eben ein Album durch⸗
blätterte, erhob sich schnell und zrat der Dame
zntgegen. Zephyr schlug den Schleier zurück;
dubin erbleichte, sein ganzes Wesen verrieth
        <pb n="68" />
        ansagharen Schrecken, dani faßte er sch mit
der ihm eigenen Selbstbeherrschung und bot
ihr mit glücseligem Lächeln die Hand.

Ning, mein Morgenstern, meineß Her⸗
zens Königin! darf i ch meinen Rugen krauen.
yIst diese wonnige Ueberraschung beseligende
Wirttichtzit wirst Du nicht wie ein sußes
Traumbild verschwinden
dDas Möd hen erglühte und erbleichte/ sie
versuchte unwillig und zücnend auszusehen
und doch bebten die rosigen Vppen vor
Freude.
Deines Herzens Königin “ O Pedre,
wie iann ich leeren Worten trauen, wie Dir
glauben, cClachdem Du die verlobte Braui in
Schmach und Elend vertießest ẽ Wie lanust
Du wagen so mit mir zu⸗sprechen .

„Laß mich Dir Alles erklären, mein Lieb⸗
chen,“ begann der Graf schmeichelnd, „denn
ich fürchte Miguel habe Dich und mich be⸗
—DV sagen, Du möchtest
Dich eiun paar Monate in Palerms gedulden,
dimn würde ich auf den Flügeln der Liebe
uu Dir eilen, und Dich zur Gräöfim erheben.
Theile mir nun mit, was er Dich glauben
ließ O meine Nina, mein geliebtes Leven,
wie kann ich Dir genug danken, daß · Du ge⸗
kommen bist·.

Ziphyr! trank mit gefaitelen Händen und
wvᷣbgender Brust jedes Wort von seinen
kippen.

Pedro,“ sprach“ sle eindlich mit von
deidenschaft heiferet Sitmme, Du würdest
Deine und meine Seele in! den Abgrund,
surzen, wenn Du wich izt betiögefi Ith
chwdre hiet vor Gott furchibaͤre Rache wenn
Dein Dethe mir züigt. Sich miit in⸗s Auge
Dedro und wiedetholt vaß Du mich nichi
verlaffen wolllest, daß Du mich noch üüebst

Ieder Zug des saͤdnnen. Anilihes vertieth
ben herzens furchtbare Auftegung. Die farb·
losen Vippen preßei sich zusammien, die blei⸗
hen Wangen schienen einsufallenn.

Wie schlecht und verdorben. wie eibarmunha⸗
loz mußie des Manues erz sein, denn er
plickte lachelnd zu ihr * und erwiderte,
Kann Liebchens Stecnenauge —

in' anderetß Gefühl' als leidenschaftliche Zärt-
lichteit und' treue Hingabe lesen 5

Sie schaute ihm lange in's Auge, als
wolle sie des Herzens tiefste Tiefe ergründen.
dann sank sie weinend vor Freude in seine
Urme und küßte eutzückt ihm Stirne und
hände. .
„Meir Pedro'! mein angebeteter Gelieb ⸗
ter F weißt Du, waß ich gelitten ? wie ich
das glühende Herz zu ersticken suchte, weil ich
an Deiner Liebe zweifelte. Ich hielt Dich für
reulos und falsch und schmiedete verzweifel nde
Kachepläne“
Und er kuͤßte die heißen bebenden Häude,
streichelte das glänzende Haar.

(Fortsetzung folgt.)
Zanuigfaltiges.
Ein witziger Advokat trat in den Gerichts⸗
saat und bemerkte, daß der versammelte Ge⸗
richtshof aus sehr jungen Räthen bestand.
„Nun heute ist mir wirklich bange um meinen
Fuenten,“ sagte er zum Präsidenten. „Weß⸗
jalb?“ frug dieser. „Nun, ich sehe hier das
Janze jüngste Gericht versammelt.“
— ——
Aus dem Orieut.

In' einenn Wiener Biatte finden wir
olgende Notiz: Ein Beduine welcher sich
imge Zeit in Paris aufhielt und dem na—
ürlich die Begrüßungsweise mit dem Hute
nuffdtlend etschien, da sie det seinen so ent
egengesetzt ist, bediente sich später im Zorne
des Fluches: „Möge Deine Seele nicht
meht Ruhe haben, als der Hut eines Euro⸗
päers.“

Zweisilbige Charade.
Das Erste verschwindet vor uusern Augen,
Das Zweeite lockt Fischer und Jäger heraus,
sollie, zum Unglud das Ganze nichts⸗ ta agen,
htleiot uns das Erste zum Huuse hinaus.
Aufsösung der Charade“ in Nr. 183 des Unterhal⸗
tangsviaties: Aachen — Bachen — La⸗e,
chen —Nachen — Wachen — S ach en.

ruck und Verlatz vhn' F. X. Dee ia eh in St. Anobert.
        <pb n="69" />
        Anterhaltungsblatt

Im—
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 18. Donnerstag, den 9. Februar

18871.

Lord IXyle.
Nach dem amerilkanischen Originale des
Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
Ombs.)
(Fortsetzung.

.Also hat Nina mich wirklich nicht besser
gekannt, mir wirklich nicht vertraut ? Wie aber
konnte sie, nachdem sie mich so aufopfernd
aus dem Gefängnisse befreit, ob der kurzen
Abwesenheit an mir irre werden!“

„Miguel vergiftete meine Seele mit ver⸗
leumderischen Worten, er erklärte, Du habest
Dich fortgestohlen, und mich absichtlich zurück⸗
gelassen.“

Der Elende wollte Dich wohl für sich
selbst gewinnen. Wehe ihm, wenn er je mir
in die Quere kommt! Doch nun erzähle mir,
Liebchen, wie Du mich hier fandest? Theil⸗
weise errathe ich's wohl, denn ich war im
Theater, und Zephyrs Aehnlichkeit mit meiner
Rina bewegte mein innerstes Herz und ließ
mich nur um so glühender das Ende der ge⸗
heimen Mission, die mich an Englands Scholle
bindet, ersehnen. Du bist Zephyr, Geliebte,
und mein Herz war klüger als mein Verstand,
denn während ich das heiße Sehnen nach der
schönen Zephyr als Unrecht an der fernen
Braut zu ersticken suchte, waren es ein und
dieselbe. Du bist berühmt geworden, mein
süßes Lieb, und wirst wohl auch reich.“

Ja, ich bin berühmt und reich. Ohne
jene harte bittere Stimmuung aber wäre es nie
so gekonmen. Ich finde keine Worte Dir zu
sagen, wie ich Alles, Alles haßte außer Jon.

Doch ich habe ihn ja ganz vergessen. Wo bist
Du, Jon ?“

Der Knabe erhob sich von dem Sammt⸗
kissen, auf dem er geruht uub kam langsam
näher.

„Wenn Pedro da ist, vergißt Du mich
immer.“ —

Der Graf streckie ihm lächelnd die Hand
enigegen.

„Reich mir die Hand, mein Junge,
Freust Du Dich nicht, mich wieder zu sehen ?

Nein,“ erwiderte Jon zurücktretend, Du
weißt, daß ich mich nicht freue.“

Der Wildfang ist eiferfuͤchtig,“ bemerkte
Zephyr schnell,“ aber hast Du denn nicht
— daß Pedro uns kein Uurecht ge⸗
than?“
Ich weiß nichts, als daß die Geschichte
endet, wie ich vorher gesagt. Du kümmerst
Dich nun nicht mehr um mich.“

„Sei nicht undankbar, Jon, Du weißk,
wie ich Dich liebe und mißzgönnst mir das
arme Glück. Wolltest Du, das mein Jammer
nie ende? Geh. Du bist ein undankbares und
grausames Kind.“

O S hwester, Du wirst wohl noch ein⸗
mal erfahren, wer wirklich grausam und un⸗—
dankbar ist.“

Und der Knabe wandte sich und verbarg
sich hinter den schweren Damastvorhängen.“

„Nimm's ihm nicht übel,“ flüsterte Zep⸗
hyr, sich inniger in Pedro's Arme schmiegend,
s ist ein launenhaftes, schwächliches- Kind.
und wir müssen ihm vergeben. O mein Ju⸗
wel. meine Gottesgabe, ich fühle inich so froh,
        <pb n="70" />
        so glücklich, daß ich die ganze Welt umarmen

möchte.“

„Komm küsse mich mein Morgenstern!
Weißt Du auch, wie Du die kalten euglischen
Herzen im Sturme nimmst, wie ich eifersüch⸗
tig wäre, wenn ich nicht von Zephyrs Kälte
und Stolz gehört hätte.“

Wie die Augen leuchteten, dig Wangen
glühten! Jede Spur des tragischen Enthusias⸗
mus, der wilden Größe, die ihrer Schönheit
solch wunderbaren elektrischen Reiz gegeben,
war verschwunden, sie war nunmehr ein thöe
richt liebend Weibd??

„Ja, ja, ich bin reich und berühmt,“ lä⸗
chelte fie, „wenigftens so lange die Prosce⸗
niumslampen brennen, deshalb betrachte ich
auch die ganze Glorie. O Pedro, Pedro, wie
kann ich Dir danken für all das Glück, das
Du mir gegegen.“

Und wieder wandte sie die thränenfeuchten
Augen mit glückse ligem Lächeln zu ihm. Der
herzlase Heuchler umfaßte die zarte Gestalt
und tüßte die vollen Lippen mit scheinbarer
Innigkeit.

.Doch sag mir nun auch, Pedro, wie es
kommt, daß ich Dich als Graf wieder finde 7

„Das ist gerage dus Geheimniß, das
mich aus Deinen Armen riß, und das ich
noch ein Weilchen dewahren muß, dann soll
der Brautkranz Deine Locken schmücken, und
ich führe meine Gräfin triumphirend nach
Italien.* X D

.O süße, selige Hoffnung 77 feufgzte
Zephyr. ——

.. Und willst Du Dich meiner Leitung
aberlassen, Liebchen, willst Du noch eine Zeit
lang Zephyr bleiben, und Deine Beziehungen
zu Graf Lubin geheim halten 7*

„as? — Dich nicht sehen 7?? stammelte

das Mädchen.

„Hab ich das gesagt, Geliebte? könnte
ich das ertragen? Nein, meine Braut soll
mich bei sich empfangen, und ich werde jeden
Ubend ihr meine Huldigung bringen, für
die Welt aber bleiben wir uns vorerst fremd.“

„Darin liegt kein Unrecht.

Natürlich nicht, und es soll auch nur
jo lange dauern, bis meine Geschäfte geendet
sind, und ich diese nebeligen Gestade verlassen
kann.“

„O diese kalten nebeligen Gestade,“ wie—
derholte Zephyr, „wie sehne ich mich nach der
sonnigen Heimath! Doch ich muß nun gehen,
der Wagen wartet. Wild und verzweiflungs-
voll bin ich gekommen und gehe nun gluͤck⸗
selig fort!“

Der Graf geleitete sie hinaus; Jon folgte
schweigend.

Als Lubin wieder in's Zimmer zurück⸗
kehrte, fstützte er gedankenschwer das Haupt
auf die Hand. Eine hald⸗ Stunde mochte
vergangen sein, dann richtete er sich guf und
murmelte:

„Es gab keinen andern Ausweg. Wie leicht
ist's doch, so ein thöricht Frauenherz zu be⸗
rügen. Ein zärtlich Wort, ein schmeichelnd
Lächeln, eine leichte Liebksfung loct das lie⸗
bende Weib bis zum Rinde des Abgrundes.
Nun es verleiht Graf Ludin Ansehen in der
Gesellschaft, wenn er Erhörung fand, wo ein
Herzog abgewiesen wurde. Spielen wir denn
die Komddie ein Weilchen und sorgen wer
dann dafür, daß Nina nicht wieder er⸗
scheiner
XIII. 5 —8
In der Honeyfuckle Cottage verstossen die
Tage in stillem Frieden, und doch freute sich
Tante Barbara nicht darüber.

Lord Cuthbert und Miß Lloyd benahmen
sich im geselligen Verkehr artig und selbst un—
gezwungen herzlich gegen einander, sobald sie
jedoch einen Moment allein warxen, behandel-
ten sie sich mit eisiger Kälte.

Wodl hatten die Gartenscene und das
heroische Benehmen in der Fabrik wohlthätigen
Findruck auf Genevra nicht verfehlt; aber sie
änderte eine vorgefaßte Meinung nuur schwer
und zählte Lord Lyle zu jener grundsaßlosen,
jelbstjüchtigen Classe von Männern, für die
Tugend und Seelenreinheit ein leerer Begriff
und oberflächliche Bildung ein Ersaß für
Herzensrohheit ist. Für derlei Charaktere
zatte sie selbstverständlich nur unbegrenzte
Verachtung.

Dieses Urtheil milderte sich allerdings
hurch sein Benehmen in der Honeysuckle Cot⸗
jage und seine innige Verehrung, seine fast
lindliche Ergebenheit in alb ihre Launen be⸗
rührte fie sympathisch nud sprach ihrer ro⸗
        <pb n="71" />
        mantischen Ansicht bezüglich chevaleresker
Ritter.

Das aber gestand der stolze Geist nicht
einmal sich selbst, im Gegentheil, sie lämpfte
heftig gegen das milde Gefühl, das siegreich
sie zu beherrschen drohte, und hielt immer
wieder uuleugbare Thatsachen der Vergangen⸗
heit aufrecht, um damit ihre Antipathie zu
nähren.

Lord Cuthbert machte keinen sichtbaren
Versuch diese Stimmung zu ändern. Er ließ
keine Gelegenheit rücksichtsvoller Aufmerksamkeit
unbenutzt, ohne sich je den leisesten Anslug
pon Galanterie zu erlauben und war und
dlieb, wie Kitty lachend erklärte, Tante Bar⸗
dara's treuer Verehrer. Vielleicht war auch
Kitty etwas ärgerlich, daß es ihr nie gelang,
Lord Cuthverts formelles Wesen zu beseitigen,
jeue namenlofe Zurückhhaltung, die irgendwie
eine geheime Bewegung verbergen sollte. Sie
glaubte, er habe ihr die kindische Unterbre⸗
vung seines Gesanges nie vergeben, und doch
bemerkte sie, daß sein Auge gelegentlich mit
dem Ausdrucke tiefer Sympathie auf ihr
ruhe.
Trotz dieser verschieden Gesühlsströmungen
genoß die kleine Gefellschaft doch mit vollen
Zügen des Landlebens Freude und bangte vor
der Stuude der Trennung.

»Und was soll heute geschehen?“ fragte
Benevra an einem Morgen der zweiten Woche
hres Aufenthaltes.

„Kitty will ihre Mutter besuchen,“ ent«
geg nete Tante Barbara, „und ich denke, wir
müssen ihr nachgelen, mehr um Mrs. Cartright
als um ihretwillen. Wie wäre es, wenn wir
Alle hinritten ?“

„Prächtig!“ rief Miß Llodd.

Zitw klatschte in die Hände und tanzte
vor Freude.

„Danke, danke, liebes Fräulein. Der Tag
wird die Perle von Allen.“ *

Die Gesellschaft brach in heiterster Laune
auf. Kitty trug ein neues blaues Reitkleid,
daß sie Genevra's sorgender Liebe verdankte,
And diese selbst hatte eine Toilette gewählt, die
se erst für Honeysuckle Cottage zu elegant er⸗
klärt hatte.

Die beiden jungen Mädchen ritten voraus,
Taute Barbara folgte mit Cuthbert. Sein

Uuge hing mit leidenschaftlicher Bewunderung
an jeder Bewegung Genevra's.

„Ist sie nicht reizend 7* fragte Miß Eves⸗
ham lächelnd.

„Sie ist ein wahrhaft königliches Weih.“

„Aber viel zu stolz und unduldsam“

„Wer fich selbst rein bewahrt und fleckeu⸗
os, mag sich über die Verdorbenheit Anderer
beklagen.“

Tante Barbara blickte ernst aafßf.

„Liebst Du sie, Cuthbert 7* —

Er fenkte dag Haupl nicht, schien nicht
verdrießlich, daß sein Geheimniß verrathen, son«
dern antwortete offen und männtich: Ja,
Tante Barbara.“

Des alten Fräͤuleins Herz schmolz ob der
Trauer seines Tones. 8

„Mir ist's unbegreiflich, wie sie ihren
diebreiz, ihre Schönheit durch solch unweib⸗
liche Hürte verdunkeln mag, das Leben wird
sie noch in bitteren Stunden Demuth und
diebe lehren, wenn sie nicht selbst ihren gren-
jenlosen Hochmuth zügelt.“

„Tadeln Sie sie nicht, liebes Tanichen,
venn sie Ihre großmühige Neigung für mich
nicht theilt,“ erwiederte Cuthbert trübe lä⸗
helnd,ee so weit ging selbsanich nicht in all
L
Mißtrauend.“
„Ich gebe noch nicht alle Hoffnung auf,“
proch Fräaulein Evesham, als Genedra sich
alötzlich nach den Gefährten umwandte, sie iß
tolz und eigensinnig, vnd wurde verzätschelt
hr Leben lang. Unter der harten Hülle aber
schlägt ein edles, warmes Herz, wohl treuer
Minne, ja des Dienstes Jacobs werth.“

Ja, mahrhaftig dessen würdig.“

„Würdig, wer ist würdig )“ sragte Kitty,
die das letzte Wort gehört hatte, schelmisch.

„Oder eigentlich, wer ist es nicht 30rief
Taute Barbara schnell, „sofern ihm nur lie—
dendes Vertrauen, ermunterndes Entgegen⸗
ommen wird

„Nun, das wird uns doch wohl schließlich
Allen,“ bemerkte Genevra, Allen, die es ver⸗
dienen.“

„Ich weiß es nicht, deun Manche sind
nie zu befriedigen und fordern an Unmöglich⸗
deit grenzende Vollkommenheit,“ senfzte Wiß
Barbara.
        <pb n="72" />
        Zum Beispiel?“ fragte Genevra errö—
ihend. Das alte Fräulein drohte mit erhobe⸗
nem Finger.

Ich hätte gute Lust Ihnen Vorlesungen
zu hallen. Kommen Sie einmal zu mir, und las⸗
sen Sie Cuthbert Kitty's Unterhaltung genießen.“

Genevra gehorchte sofort.

„Sie sprachen von mir,“ begann sie, als
Lord Cuthbert einige Schritte voraus war,
ich las es in ihren Zügen, und da Sie ge—
ärgert aussahen, konnte ich doch nicht „wür⸗
dig“ sein. Wollen Sie mir sagen, von was
Sie sprachen 7*

Tante Barbara zogerte. Würde es Cuth⸗
berts Wünsche fördern oder gefährden, wenn
das junge Mädchen wüßte, daß sein Herz jhr
zu Füßen liege 7

Des Vertrauens also nicht würdig,“ be⸗
merlte Genepra verletzt.

„Ich hoffe, Sie sind es, und um Ihnen
den Veweis zu liefern, werde ich Ihnen un⸗
sere Unterredung mittheilen, was selbstver⸗
ständlich nicht in Cutbberts Absicht liegt. Wir
sprachen allerdings von Ihnen, und Cuthhert
bestätigte meine Ansicht, daß Sie eines Dienstes,
gleich dem Jacobs, würdig seien.“ Genevra
Liohd erglühte, seufzte tief und blickte mit
hränenvosllen Augen zu-dem Fräulein auf.

.O Tantchen, haben wir Alle zweifache
Naturen ? Ich wähne es gibt zwei Cuthbert
Lyle, so unendlich verschieden, als Tag und
Nacht, vnd vielleicht ruht auch unter dem
kalten. Stolze, der von meinem Wesen unzer⸗
trennlich scheint, eine edlere, liebenswürdigere
Genevra. Ob sie wohl je die starre Rinde
flegreicb durchbricht Es kann sie wohl kein
Talismann, sondern nur heißer Kampf befreien.“

„Vielleicht gelingt die Aufgabe auch einem
treuen Ritter,“ lächelte Mißß Barbara, „denn
des Weibes Herz erdlüht erst in höchster Vollen⸗
dung, wenn der Liebe Kuß die F'ssel sprengt,
die das Herz erst in eisigem Schlafe erhielt.“

Inz wischen plauderte Kitth miit Lord
Cuthbert und suchte, so gut als moͤglich, die

eigene Befangenheit zu beherrschen.

„Die Mutter wird sich sehr freuen, Sie
zu sehen, Mylord, denn sie sehnte sich lange,
Ihnen danken zu dürfen.“

„Sie haben keine Ursache, mir zu danken,
mein Fräulein, und ich wäre glücklich, wenn
Sie das einsähen. Durch mich verloren Sie
Ihre eigentliche Stütze, und es ist nicht mehr
ais billig, wenn ich einigermaßen für Ihr
Wotl sorge. Wäre ich nicht nach Genf ge—
gangen, — doch Sie verstehen mich ohnehin,
und ich kann mich jener Episode nicht ohne
schmerzliche Bewegung erinnern.“

Armer, lieber Hugo,“ seufzte Kitty und
helle Thränen perlten über ihre Wangen.

„Sie liebten Ihren Bruder wohl innig?“

Ob ich ihn hebte? Hugo war so gut,
so edel, so unendlich großmüthig. Dennoch
ühlte ich die volle Bitterkteit des Verlustes
erft an dem Abende, da ich Sie zum ersten
Male fingen hörte. Sie waren itm so ähnlich.
daß ich nicht begriff, wie Sie nicht Hugo selbit
sein sollten, und Ihre Stimme vollendete die
Täujchung. Als man Sie dann Lord Cuthbert
nannte, übermannten mich die Gefühle, und
sch wähnte Hugo zum zweiten Male verloren.“

„Diese Aehelichkeit ist ein sonderbares
Spiei des Zufalles,“ entgegnete der junge
Mann, „uand ich dachte eben, wie Ihre Mut⸗
ter sie ertragen wird.“ J

Sie ist darauf gefaßt. Hu go selbst er⸗
wähnte sie in seinen Briefen, und ich verbarg
hr den Eindruck, den ihr Anblick auf mich
nachte, ebenso wenig. Zudem ist sie ernst und
uhig und wird ihre Gefühle wenigstens nicht
zußerlich zeigen, so sehr sie auch darunter leiden
mag, denn ihre Liebe zu Hugo war mehr als
gewöhnliche Mutterliebe, er war nicht nur ihr
Sohn, er war ihr innigster Freund.“ Schluch⸗
jen erstickte Kitiy's Stimme. Lord Lyle hatte
das Haupt abgewandt. Hätte sie die Blässe,
den AÄusdrick namenloser Qual seines Antlitzes
Jesehen, sie würde ihren Gedanken nicht so
offen Ausdruck gegeben habhen.

Wohl weiß ich,“ fuhr sie nach kurzer
Pause fort, „daß im Herzen meiner Mutter
rine Sielle ist, die ich nicht füllen, ein Heilig⸗
hum daß ich nichtt betreten darf, Wenn Sie
mit Hugo im geistigen Verkehr steht, lese ich's
n dem verklärten Lächeln, dem heiligstillen
Ausdruck ihrer Züge.“ (Fortsetung solgt.)

Dreud und Berlag von F. ĩ. Demes in St. Inabert. J
        <pb n="73" />
        Anterhaltungsblatt

127— 2

.257
* 53* — — —
St Ingberter Anzeigern—

d*2 222 . * *

F. 13.. 12.. Februar 76
Xr. 19 Sountag,/ den 12. Februar 13871.
FP Lord Lyse.
Nach dem ameritanischen Originale des
Charbes T. Manners. —
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
— B
Gortsetzung.)
Lord Cuthbert antwortete nicht, und sie
ritten schweigend weiter, bis man sich dem
Ziele des Ausfluges näherte, und die Gefähr—
len sie einholten.
Mrs. Cartright zeigte sich erst am Fen⸗
ster und trat dann lächelnd auf die Veranda.
sitth Fog in ihre Arme. Genevra betrachtete
rinen Augenblick die ergreifende Scene und
wandte sich dann zu Lord Lyle, der völlig von
der Sorge für die Pferde beansprucht schien.
Erstauut bemerkte sie, doß seine Hände bebien,
als er sich an den Sattelgurten zu schaffen
machte.
Inzwischen war Mrs. Cartright die Stu—
fen herabgekommen.
Diese freudige Ueberraschung verdanke ich
Ihnen, Fräulein Evesham, Sie wußten, daß
ich mich einsam fühle, und kamen, mich zu
erheitern. Hoffentlich hat Sie der weite Ritt
nicht ermüdet ẽ
.„Nichts weniger, die Gesellschaft der jungen
Leutchen vetjüngt mich ordentlich. Ich wüusche
Kitty noch länger bei mir zu haben, und da
—
zu kurzem Besuch. Lord Cuthbert Lyle hatte
die Güte uns zu begleiten,“ bemerkte Tante
Barbara und wandte sich zu dem jungen Edel⸗
lmann, während Genevra WMrs. Cartright herz⸗
ich begrüßte. Lord vyle trat mit föcmlicher

Verbeugung' vor. Das alte Fräulein ärgerte
sich über die Steifheit seines Wesens, uund
meinte, sie habe ihu ne in solch' ungünst igem
Lichte gesehe.

Ich freue mich Mrs. Cartright zu sehen,“
sprach er leise und tomlos, ohne jedweden
freundlichen Ausdrick. *5* J

Miß Cartright schien überrascht und ver⸗
letzt, wandte sich jedoch sofort den übrigen
Gästen zu und bat, ihr in's Haus zu folgen.

Mit der Austede, für die Pferde sorgen
zu wollen, blieb Cuthbert Lyle zurück. Als er
endlich das Gemach betrat, und sich an Tanke
Barbara's Seite niederließ, fand er die kleine
Hesellschaft in lebhafter Unterhaltung.“

Kitty saß zu ihrer Mutter Füßen und
fragte eben: „Findest Du ihn sehr ähnlich
Mamachen ?“

„Sehr, sehr ähnlich, mein Kind,“ ent⸗
gegnete Mrs. Cartright ernst und beobachtete
sorschend jede Bewegung des jungen Mannes,
jeden Zug seines Gesichtes, jeden Ton sciner
Stimme.

Als Erfrischungen gebracht wurde, nahnt
sie Gelegenheit sich ihm zu nähern.

„Euer Gnaden fühlen wohl, wie tief wir
Ihnen zu Danke verpflichtei sind, und —“
Bitte, danken Sie mir nicht Mrs. Cart⸗
right,“ unterbrach er sie heftig, „ich bitte
darum von Grunde meins Herzens.“

„Warum so unwillig schuldigen Dank zu
empfangen?“fragte sie lächelnd und fünte
daun trübe bei, „hoffentlich ist es Junen nicht
ebenso unangenehm, Mylord, wenn ich von
meinem Sohne spreche. denn Ihre Gegenwart.
Ihre auffallende Aehnlichkeit erinnert, selest⸗
        <pb n="74" />
        verständlich an Ihn. Würden Sie mir wohl
gütig die näheren Umständen seines Todes
mittheilen, ich habe sie, eigentlich nie genügend
erfahren.“

Das bleiche Gesicht wurde noch farbloser,
die Stimme klang rauh und heißer.

„Es bleibt mir wohl nichts zu sagen
ührig. denn ich war bei dem Ung,ück nicht
zugegen. Er verließ das Hotel und begab sich
allein hinaus auf den See. Man fand bdas
tleineBoot umgeschlagen und teer. Das ist
Allcs oas ich oder irgend Jemand zu sagen
bermag.

tohß all der Willenskraft, mit der er
jeden Nerb, jede Muskel beherrschte, bod ein
schwerer Seufzer die gequälte Brust.

„Sie fühlen seinen Verlust mit uns,“
sprach die Wittwe leise und traurig. —
Sein Tod änderte mein ganzes Leben,
mein ganzes Sein,“ entgegnete Cuthbert
haig.

Und doch widersprechen die Umstände
seines Todes Hugo's Caaratter. Er war weder
unvorsichtig, noch leichtsinnig. Ein e genthüm⸗
liches Geheimmß scheint über den Verhältuissen
zu schibehen, und ich hoffte, Sie würden es
zxklären können.“

„Ich kaun es nicht. So groß Ihr Verlust
übrigens auch ist, glaube ich doch, daß es
Trost für jeden Jammer gibt. Ich ?abe lauge
Jene beneidet, welche des Lebens stürmische
See glüchlich durchschifft haben und zur Ruhe
des andern Ufers eingegangen sind··

„So unnatürlich derlei Worte von Ihren
Lippen auch kingen,“ entgegnete Mrs. Cart⸗
right traurig, „vermag ich deren Wahrheit
doch nicht zu leugnen. Ich kann den Tod
meines Sohnes auch ertrageu, während ein
ehrloses Leben mir das Herz bräche.“

Langsam uud nachdeullich wandte sich
Mrs. Cactright zu ihrer Tochter.

„Wir besuch n auf dem Heimweg Lyle
Hall,“ flüsterte ihr diese vergnügt zu.
Seufzend blickte die Mutter von dem strah⸗
kenden Autliiz der Tochter auf den jungen
Mann.

Fürchten Sie nichts,“ hauchte Genevra
kaum hörbar, „ich bewache ste, wie der Hirte
lein einzig Lamm bewacht, wenn der Wolf
nahe ist.“

„Der Wolf?“ fragte Mrs. Cartright

erschreckt, „ist er wirklich so schlimm 7*
Früher glaubte ich es,“ entaegnete Ge⸗
nevia erröthend, „meine jüngsten Erfahrungen
aber widersprechen der Annahme. Man möchte
glauben, ei habe seine Identität verwechselt.“

Mirs. Curtrights heftige Aufregung erschien
Genevra völlig grundlos und unerkläclich. Sie
preßte erbleichend die Häude zusammen, erhob
sich. sank wieder zurück und seufzte tief und
jichwer.

„Du lieber Gott,“ klagte Genevra, „nun
habe ich Ihnen ganz falsche Begriffe beige⸗
bracht. Es ist wirklich kein Grund zu Befürch⸗
tungen vorhanden. Ich wollte nur sagen, ich
werde nicht gestatten, daß er sich in Kitty's
X

„Glauben Sie, daß er sich für Kitty
mehr interessirt, als zum Beispiel für Sie ?“

„Das wagze ich nicht zu behaupten. An⸗
fangs verrieth er allerdings innere Bewegung
und großes Interesse, dann aber gelangte ich
zu der Ansicht. daß er sich für Kitty nur als
hugo's Sqhwester interessirt.“

„Was hadt Ihr denn so ernstlich u de—⸗
prechen ?* rief Kitin fröhlich dazwschen, „das
sieht ja aus wie ein Kriegsrath—

Vielleicht ist er's auch,“ lächelte Ge—
nevra mit kluger Wendung, „hast Du Tante
Barbara das Mimmturbilochen gezeigt ?“!

„Nein, ich will es sofort holen“

Sie eilte fort und gab ihrer Mutter da
durch Gelegenheit noch einige Worte mit Ge⸗
nevra zu wechseln.

Das Betrachten des Gemäldes zerstreute
einigermaßen die WMolke steifer formeller Ar⸗
tigkeit. die auf Allen ustete.

Beim Abschied umarute Mrs. Cartright
die Tochter, empfahl sich in herzlichster Weise
den beiden Damen und bot Loro Cuthbert
die Hand, bevor dieser die Handschuhe ange⸗
Jogen batte. Als sie die kalten debenden Fin«
zer berührte, blickte sie fragend zu ihm auf.
Benevra sah den Edelmann erbdleichen, ein
vildes Weh über die farblosen Züge gleiten
und forschte umsonst nach dem Raihsel der
auffallenden Erscheinung.

Als die Hufe der Pferde in der Ferne
berhallten, stand Mrs. Cartright bewegungs
sps wie eine Statue auf der Veranda, und
        <pb n="75" />
        starrte den Verschwindenden nach. Danu hob
sie das thränenschwere Auge gen Himmel und
Jüsterte schmerzlich: zKann ein Mutterherz
wirklich den vom Himmel verliehenen Instinct
verlieren ? woher dann diese wilde Unruhe.
dieses eigenthümliche Sehnen, dieses schmerz⸗
liche Ahnen ?“
XIV.
Während sich all das in England ereig⸗
nete, fand in einem einsamen, auf felsiger
Hoöthe in der Nähe des blauen Genfersee's ge—
genen Kloster eine Episode statt, welche auf
die Zukunft aller in dieser Erzählung han⸗
delnden Charaktere entschiedenen Einfluß übte.

Das Kloster war ein eigen! hümlicher alter
Platz, und die kleine Anzahl Vönche, die es
als ihre Heimath betrachteten, schwand immer
mehr. Bisher hatte Vater Leon, der Prior,
die Congregation in strenger Disciplin und
nicht unbehaglichen Verhältnissen erhalten. Er
war ein Mann, der in der politischen Welt
eine Rolle gespieli, oder mächtig und geschickt
ein finanzielles Scepter geschwungen haben
würde, die Vorsehung aber hatte ihm eine
andere Laufbahn vorgezeichnet, hatte ihn hart
geprüft und sein ungebrochener, aber kampf
müder Geist hatte in des ANlosters stillen
Räumen Frieden gesucht. Selbst hier hatte sich
des Mannes Thatkraft, Macht und Geschick⸗
lichkein kundgegeben und vollen Wirkungskreis
gefunden.
Das Kloster war bei seinem Eintritt arm
und heruntergekommen, die Mönche lau und
schwach: er war ernst zu Werke gegangen, um
zie eigene Willensstärke den Gefährten einzu⸗
loßen. Auch sem praktisner Sinn erprobte
sich durch erfolgreiche Handelsverbindungen mit
benachdarten Törfern und Städten. Des
Priors Körperkraft aber entsprach nicht dem
starken Geiste. Eine lange, unheilbare Krank⸗
heit warf ihn in Mitten seiner nützlichen
Thätigkeit nieder, und unter den schüchternen
Brüdern, denen jedes Seibstvertrauen mangelte,
fand sich keiner, der seine Stelle auszufüllen
perstand. Eine Zeit lang hielt sie sein ermun⸗
lerndes Zureden, sein weiser Rath aufrecht,
und die Verhältnissen blieben sich gleich, so
weit sie sich hei bioß mündlicher Leitung gleich
bleiben konnten, als aber der Prior auf das

schmale harte Bett in der engen Zelle sank,
gings abwärts mit dem kaum erblühten Wohl⸗
stande des Klosters, und der Geist der Brüder
hielt gleichen Schritt.

Eines Tages versammelten sich die Mönche,
behufs Berathung, um Vater Leons Sterbe⸗
bett. Die Sachlage war in kurzer Frist so trost⸗
los gewocden, daß nur ein Hülferuf an die
höhere Macht der Kirche oder an die Barm⸗
herzigkeit der Außenwelt vor dem Hungertod
zu schützen schien.

Man hatte den Sterbenden aufgerichtet
und mit Kissen gestüßt, damit er freier ath⸗
men, und womönlich anhaltend sprechen könne.
Seine Behaglichkeit kam dabei nicht in Betracht,
der nackte Boden, das schlichte Bett, die arm⸗
selige Einrichtung der Zelle bewies, daß der
fromme Mann darauf keinen Werth legte.
Er verachtete den Luxus, ertrug muthig und
lächelnd Mangel, Schmerz und Todesnoth —
des Klosters Wohl oder Wehe aber marterte
sein Herz mit namenloser QUuul.

„Sieht's wirklich so schlecht aus, Bruder
Anselm?“ fragte er ängstlich, als dieser die
momentane Lage geschildert und überblickte
mit hohlen, aber immer noch glänzenden und
durchdringenden Augen die kleine Schaar, die
auf ihn, ihren Vater, Führer und Beschützer
bertraute. —

„Ja, ehrwürdiger Vater. Wir theilten
Ihnen unsere Lage nur mit Widerstreben mit,
aber ohne ihren Rath und Beistaud gibt es
leine Hülfe

„Habt Jor etwas vorzuschlagen ?“

Die Mönche schauten sich betroffen an,
dann trat Bruder Anselm vor.

„Wir denken der Kranke, der so lange
unser Stückchen Brod theilte, sollt' in einer
der Städte untergebracht werden. Er ist kein
Landsmann, wahrscheinlich ein Ketzer; warum
jollten wir in unserer großen Noth mit einem
unnützen Glied delastet sein ? Wir erwarten
aur Ihre Zustimmung um ihn —“

Er hielt plötzlich une, denn des Ster⸗
benden bleiches Antliß bebte vor Aufreguag,
die hohlen Augen funkelten vor Zorn.

„O Ihr elenden, verkommenen Brüder
rines frommen Ordens! Wundert's Euch noch,
daß der Himmel Schmach und Armuth über
Euch derhängt ?“ stöhnte er mühsam und
        <pb n="76" />
        ballte die schwache Faust drohend gegen die
erschrockenen Mönche, „die heiligen Gebote der
Gastfreundschaft, die man Jahrhunderte treu
zefolgte, die Gesetze himmlischer und irdischer
Oberen, die Pflicht gegen Arme und Verlafsene
wollt Ihr frebentlich mit Füßen treten! O
vergieb Ihuen, All nüchtiger, bitte für sie hei
lige Jungfrau, denn sie wissen nicht, was sie
thun.“ **
Erschöpft und keuchend sank Vatet Leon
auf das harte Lager zurück und waund sich in
körperlichem Schmerz und geistigem Jawmer.
„Wir werden ihrem Rathe folgen, ehr⸗
wüͤrdiger Bater,“ entgegnete ein atter Mönch,
denn wir wissen, daß wir alle schwach und
anwissend sind, Roch sind fie unfer Vorge⸗
setzter, sag x Sie uns, was wir zu thun ha⸗
ben und wir werden gehorchen ··.
ESorgt so gut ihr es vermögt füt das
arme Geschöpf, das der Herr an unsere Pforte
sandte. Arbeitet, so viel itzr vermögt, ver⸗
schmaht keinen ehrlichen Broderwerb, keinen
Verdienst und sei er noch so klein. So wird
des Himmelz Segen auf Euch ruhen, und
Hilfe kommen, wo Ihr's am weunigsten itr⸗
—RB
Er hob die schwachen Händen wie seg⸗
nend über die kleine Schäar. n
Und nun geht und laßt mich mit Bru⸗
der Auselm allein, damit wir die Suchlage
besprechen. Erinnert Euch, daß ich sterbend
Fuch befahl, Obdach und Nasirung mit dem
Unglücklichen zu theilen, so lange ihr ein Dach
iber dem Haupte, einen Bissen Brod im
Schtanke hadt. Euere Körper mögen Mangel
leiden, sich mit äcmlichem Unterhast begnügen.
Fure Seelen aber sollen heiliger Wegzehrung
nicht eutbehren. Geht, meine Brüder, und des
hdimmels Segen degleite Euch“! “/—
Noch einmal büickten die Munche stunmm
und traurig auf den geliebten Prior und ver⸗
liehen dann ge:äuschlos die Zelle.
Bruder Auselm,“ sprach Vater Leon,
—X Zeit auf Er⸗
den ist abgelaufen; hilf mir aufstehen, damit
ich meiner letzten Pflicht genüge.·
Aber ehrwürdiger Vater, gliche das nicht
Selbstmord?“

„Was liegk?daran, wenn die leßlen schwa⸗
hen Sandkörnchen im Stuudenglase meines
debens sich beschleunigen d Ich habe noch eine
Pflicht zu erfülleu, die ich bereits zu lanze
unufgeschoven. Rufe nöthigen Falles weitere
hüife, meine schwankenden Schritte zu leiten.
Ich will mich ins innere Kloster begeben und
auch den Kranken noch einmal sehen.“

... Gorktseßung folgt.)
Die Wacht auf den Vogesen.
Hoch durch's Gbirg im Was zauwald
Wie Sturmjebraus es wiederhaltzz
Das tönet wie ein mächt'ger Schritt,
Als riß es Eich' und Tennen mit;
Voran, voran, du deuische Braut,
Der Was au hat dich jetzt erschaut. 5
Hoch auf dem Berg nun steht es da,
Das BRiesenweib Germania;
Sie kam herauf vom kühren Rhein;
Ich mag nicht länzer drunten sein;
Hier nach dem Berg stand längst mein Sinn,
Hier bleibt die Wacht mein Hochgewenn!
Hier steh' ich, rech' die Arme aus. L
Seĩ mir gegrüßt mein Felsenhaus.—
Seid mir gegrüßt, ihr Tanenhöh'n—
Dem deutschen Aug' wie wunderschön! ⸗
Wie ist die Aussicht weit und breit,
So strahlend hier in Herrlichkeit!

Hier schaut mein Blick, in Stolz erglüht,
Als wie ein Garten aufgeblüht,
Die deutsche Heimath weit und breit,
Wie nirgends sonst, voll Lieblichkeitt
O Elsaß drunten, edler Hort,
Jetzt bleib' mein eigen fort und fort!
Hier thront' ich schon vor manchem Jahr.
Hier bleib' ich jetzt und immerdar:
Pun wettert dranten ia dem Thal,
Kanonen, donnert allzumal!
Gekommen ist die deutsche Braut,
Dem Wasgau ewig angetraut!

Ein Elsäfser.

—

4

Aphorisme.

Das Aeußere eines Menschen, seine Züge, sein
Benehmen sins in Bezug auf seinen innern Werth
das, was ver Einband eines Buches zu seinem
Inhalt ist. Ach wie viele schlechte Bücher laufen
3 und verzierter Dede in der Welt
erum. F

*

Druck uns Verlag von F. XR. Demer in St. Ingbert.
        <pb n="77" />
        Unterhaltungoblatt

* 12 e .3* 248
p ——9 * * * — F .Aum * 2

J
— SteIngberter Anzeiger.—
Xr. 20. Dienstag, den 14. Februar

—
*
7

———
92

*
Lord Lyle.
Nach dem ameritanischen Originale des
Charles, T. Manners.
Frei bearbeilet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
. Mumbs.) ——
Gortsetzung.)

Bruder Anfelm gehorchte. Sein starker Arm
stützte die kraftlose Gestalt und trug sie bei—
nahe in die nächste Zelle, in der ein junger
bleicher Mann in bewußtlosem Zustande ruhte.
Die Züge des Antkitzes waren edel, Hände
und Füße zart gebaut, die ganze Erscheinung
derrieth gute Geburt und Erziehung.

Vater Leon mochte das fühlen, als er,
schwer an Anselms Brust leynend, das bleiche
Antlitz lange betrachtete.

„Ich glaube dieser Mann wird Euch noch
zum Segen. Seit ich ihn zuletzt sah, hat er
sich enischieden gebessett. Das Gehrernfieber hat
ihn verlassen, und went er zu sich kommt,
wird er alle Räthsel losen. Sollle er sich je⸗
doch nicht an alle Erlebnisse erinnern, so gebt
ihm das Papier, das sich in meinem Brevier
befindet. Es enthält die Bekenntnisse des in
voriger Woche verstorbenen Schiffers Anton.
Er hatte den Fremden aufgefunden, für todt
gehalten und betaubt; da er ihn begraben
wollte, entdedte er Vebenszeichen und versteckte
ihn, bis der Tod eintrete. Det junge Pdann
aber starb nicht, und in seiner Angft brachte
ihn der Dieb Nachts vor unser Kloster. We⸗
nige Monate später lag er selbst am Tode,
und nun quälte ihn diese letzte Uebelthat mehr,
als alle Simden des vergangenen Lebeus.
A Wege sind duntel. Wer weißß,

mit wem unsere verhungernden Brüder ihr
letztes Stückchen Brod theilten. Bruder Auselm,
ich empfehle in Deiner Sorg ““
„Ja, ehrwürdiger Vater ach!“ Der
Schreckensruf ertönte als sich des Kranken farb⸗
lose Lider öffneten und blaue: Augen, träu⸗
merisch und verwundett uuft das seltsame Paar!
starrten. VTangsam, aber sichtlich kehrte. das
Bewußtsein wieder, als die Blicke fragend iu
der engen Zelle umherittten und schließlich
zögernd zu den Mönchen zurückkehrten,e deren
Anblick für schwache Nerven allerdings nicht
bernhigend erschien, Vater Leons todteubleiches
Untlitz mochte wohl für das einer Leiche
gelten, während Buider Aufelms gelbes run⸗
zeliges Gesicht mit dem glattgeschorenen Haupte
and den runden, bleifarbenen Augen, in wel⸗
hen sich Schrecken und Erstaunen spiegelten?
eine lehbende Mumie vorstellen mochte.
„Im Namen aller Phataonen, bin ich in
einer Pyramide zum Bewußtsein erwacht ?
fragte eine schwache/ aber imelodische Stimme.
Friede sei mit Dir, mein Sohn.“ emt⸗
zegnete Vater Leon sanft, „Dein Leden wurde
wunderbar erhalten ·⸗
Sprachlos vor Erstaunen starrte ihn der
Fremde an. J—
„Im Namen des Bösen, wer seid Ihr ẽ
ich dachte Pharao sei lange todt.“ Bruder
Anselm bekteuzte sich, der Prior sah gekränkk
aus. Keiner von Beiden begriff das souder⸗
bare Bild, das ihre langen Gewänder und
abgezehrten Gesichter in Ktopfe des Fieber⸗
franken hervorriefen.
Mein Sohn,“ beganu Vater. Veon vor⸗
        <pb n="78" />
        wurfsvoll, wurde aber sofort von lautem Ge⸗ der Briülder, „er jch lief rudig dis gegen Mor⸗
lächter unterbrochen. 2.ben daun erwachte er, und hörte die Todten⸗
die Mumie spricht — das ist ja ein gesünge in der Kapelle. Er hat sonderbare
zeibhaftiges Wunder ?* Ich will sie mit heimn P antasien. Ich iragte um den Namen, aber
nehmen für den alten Professor oder den zoo · er wußte mir keinen Bescheid zu geben.“

logischen Garten; was soll sie kosten, Pharao ? 3 „ei Tage später, als die Steiuplatte in

Er wollte die Haud ausstrecken und ver- der Klostergruft sich henter Vater Leons Sarg
mochte es nicht. Bestürzt und erstaunt betrach⸗ bereits geschlossen, erwachte der Kranke zu
tele er die dünnen, abgezehrten- Finger. Die dauerndem Bewußtsein.“ Er war jedo d mehr
Anstrengung waͤr zu groß, sdie“ blauen Augen geneigt Fragen zu stellens als zu beantwurten.
schlossen sich und feufzend entschlumnierte: der Schweigend hörte er Vater Anselms Erzäh⸗
Kranke wieder. lumg, denn dieser war nun Prior, und spielte

Er wird leben, aber nur treue, forg⸗ zerstreut mit den dünnen, weigen Fingern. —
fältige Pflege kann ihn heilen,“ sprach Vater „Hat Niemand nach mir gefragt ?“

Leon ernst, „und nun geleite mich in's innere Nein.“

Nloster, denn dort befindet sich der Sarg, den „Nun, 's ist Zeit genug, mich um die
ich mir lange bestimmt. Du wirst mich zur Verhältnisse zu kümmern, wenn ich wieder
lehten Ruhe beiten, Anselm..— genesen sein werde. Koönnen Sie mich noch

Der Mönch widerjprach nicht, sondern eine Zeit lang beherbergen ?“
führte den Sterbenden sorgfältig in das be⸗ „Wir versprachen unserem geliebten Se—⸗
——— ligen mit Ihnen zu theilen, so lange wir
Ren und verließ ihn dann zögernd und schau- einen Bissen Brod hätten,“ entgegnete Vater
dernd. — W Anselm herzlich.

Die übrigen Brüder erwarteten ihn und „Das hörte ich von einem der Brüder.
mit leiser Stimme theilte er ihnen deß Priors Erxzählen Sie mir aber Näheres über den
letzte Befehle mit. Ein feierliches Grauen üdere Verstorbenen und ihre Lebensweise.“
tam sie Alle, aber sie folgten ihm in die alte Vater Anselm verstand es besser, Ge⸗
verfallene Kapelle, entzündeten dort die letzten schichten zu erzählen, als Thaten zu vollbringen,
Ketzen und sangen die Nacht hindurch die und beschrieb mit, glühenden Farben die
feierlichen Psalmen für die scheidende Seele, Ereignisse der jüugsten Vergangenheit.
das Requiem der Todten. Und als der Morgen Des Fremden blaue Augen blickten milde
graute, wandten sie sich bebend und erschöpft und wehmüthig.
jum Ruheplatz des Priors. Bruder Aunselm „Mann es wirklich solch williges, gehor⸗
raf zuerst ein und ließ den Schein seiner sames Entbehren und Leiden um des Gewisseus
Fackel auf den Sarg jallen. Dorr ruhte ein willen geben ?: Wie perschieden: verläuft doch
altes, bleiches Antliß mit geschlossenen Augen des Lebens Gang!“ flüsterte er, „ist es wirk⸗
und friedlichem Lächeln auf den erstarrten lich wahr, daß Ihr Hunger leidet, um freudig
Lippen. Die weißen gefalteten Hände hielten Euer karges Stücklein Brod mit mir zu theilen d.
— so, mein Vater
endete die ernste Disciplin des Ordens. Wei⸗ „Ja, mein Sohn .. —
nnd und klagend umgaben die armen Monche Slill und ernst lag der Kranke lange,
die Leiche des geliebten Priors. . *Wdann überflog frobes Lächeln die bleichen

Wodt sodi“ —wimmerten sie, „wir wer · Zuge.
den ihn nie wieder sehen.“ Möcht wissen, ob ich wirklich aus dem
v*Er fieht vom Himmel auf uns nieder,“ Grunde des See's an's Licht kam ?“
irstete Apselm,laßt ns seine lehten Ge⸗ Vater Anselm verstand ihn nicht.
boie treu befolgen auf! daß wir seines Segens „Habt Ihr die Kleider, in welchen ich
theilhaftig werden. Wer nh den Krauken diesen gefunden wurde ?? . .
Morgen 9 — Der Moͤnch holte sie auß einer Kisse und
Ich wachte zuleht.bei ihm,“sprach tiner legle ihm die steifen Gewänder auf's Beit.
        <pb n="79" />
        Wieder lachelte der Kranke.

Und Ihr seid wirklich arm und hunger:
hülflos nach kräftiger Nahrung?“

„Ja, aber unser seliger Vater Leon sagte,
daß der Segen kommen werde, und wir war⸗
en in Glauben und Vertranen.“

Er ift gekommen; sehen Sie,“ ob das
Ihr Segen ist 4*

Vaier Anselm nãherte sich mit glänzenden
Augen und freudig erregten Zügen. Ein
scharfes Hedermefser hatte das Futter der
Sammtweste losgetrennt und heraus rollte
funkelndes Gold. J

„So viel wenigstens habe ich, mein edler
Freund, nehmen Sie es für Ihre Brüder,
er dehalten Sie mich, bis ich stark genug
vin, um für mich selbst zu sorgen ·“·

Friedlich lächelnd wandte sich der Frende
und entschlummerte. J

Vater Auselm eilte zu den Brüdern. *

Der Segen ist gekommen.“ Vater Leon's
Prophe zeihung hai sich erfüllt; nun wissen
wir dewiß. daß er unter den Stligen weilt.“

nnd die Moönche schaarten sich in stillem
Entzücken um ihn.
XV. *
Ein Schaden am Sattelcurt verursachte
großen Umschwung in den Plänen der kleinen
Zesellschaft, die so fröhlich und vergnügt
Honeysuckle und Cottage verlassen hatte. Sie
defuchten auf dem Ruͤckwege Lyle Hall, be⸗
wunderten die zahllosen Reize des Schlofses
n der Gärten und fanden es unbegreiflich.
daß der Herr des Hauses so kalt und gleich⸗
auitig über Alles weggehen konnte, ja selbst
sichtlich erleichtert schien, als man die Pferde
borführte. Das Mißgeschick ereignete sich ge⸗
legentlich der Abreife. Kitty's Sattelgurt war
beschädigt, und als sie fich fröhlich auf's
Pferd schwang, brach der Riemen, und sie
stürzte zurück. Lord Cuthbert brachte sie so
schnell als möoglich aus der gefährlichen Nach-
borschaft der Husfe.
tim lachie erst über die eigene Unge⸗
schicklichkeit, und wollte sich erheben, der bloße
Versuch aber ließ sie vor Schmerz aufschreien
Inb erbleichend zu Culhderts Füßen sinlen.
Genevra Lloyd sprang von Pferde und
heugie sich üder die Freundin.

Bitte tragen Sie sie jin's Haus; sie
muß den Fuß verlehßt haben ·“·5
Der junge Mann hob das bewußllose
Madchen mit starkem Arm auf und trug sie
in's Schloß. Sah Genevra, daß er fich über
das bleiche Au'lit beugte und einen leisen
uß anf die kalte Wange preüte J

„Helfen Sie Miß Barbara vom Pferde
und geleiten Sie sie hierher,“ sprach sie in
Jiemtich herrischem Tone. Cutbbert legte die
Ohnmächtige auf das nächste Sopha und ge⸗
horchte schweigend.

Als er mit Fräulein Evesham zurüdkehrte,
tniete Genevra vor dem improvisirten Lager
und uutersuchte sorgfältig den verlezten Fuß.
sitty selbst war wieder zu sich gekommen.

778 ift nicht so schlimm,“ rief sie, „ich
habe nur den Fuß verrenkt, und das traurigste
an der Sache ist, daß ich nicht werde heim⸗
reiten tönnen.“

„Soll man nicht nach einem Arzt senden,
damit sich nicht ein bleibendes Uebel entwi⸗
kele ? fragte Genevra ernst.

Es ii bereits geschehen,“ entgeunete der
junge Hausherr.

Der Arzt verbot jede anstrengende Be⸗
wvegung.

„Die Kranke im Wagen fortbringen 7
warum nicht gar. Sie hätte leicht in ein
schlechteres Revier fallen können, und wenn
sie baldige Genesung wünscht, bleibt fie ein⸗
fach, wo sie ist.“

Kirty schaute bekümmert“ auf Genevra,
Tante Barbara aber endete die Frage schnell.

.Die Sache läßt fich ordnen, statt, daß
Du uns zurückbegleitest, Cuthbert, nehmen wir
Deine Gastfreundschafi an und bleiben doch
fröhlich beisammen.“

„Danke, Tantchen,“ rief Lord Lyle frendig,
Sie wissen wohl, wie sehr mich dieser Vor⸗
schlag ehrt und freut. Ich werde Rrs. Erune
sosort die nothigen Befchle ertheilen und bitte
die Damen ihre Gemächer zu wählen.“

Genevra spielte verlegen mit einer Quaste.

Wie lange mag's dauern, bis Mrs.
Tartrigot fortgebracht werden kann ??)*

„Ich verlange nur eine Woche absoluter
Nuhe,“ entgegnete der Arztz.

„Du lässest doch Deine Mutter bolen,
—X
        <pb n="80" />
        8* 1 —

„Ich werde sie selbst ersuchen Alassen zu
tdmmen.“ unterbrach Lord Cuthbert min eiwas
gebietendem Tone, „es Rgeht nichts über eine
Muttet, und Miß Cartright soll deren Pflege
nicht fehlen· W88

Tante Barbara flüsterte Genebra einige
bittende Worte zuu.

.„Ich werde bleiben,“ bemerlte sie endlich.
„weil ch mich nicht von Kitty trennen will.“
„Dann werde ich die betreffenden Boten
absenden. Haben die Damen irgendwelche Be⸗
fehle bezüglich der von Honeysucle Cottage
zu erhaltenden Requisiten ))

Tante Barbara. bespruch sich durz mit. den
beiden Mädchen und schrieb daun einige Zeilen.
Inpvischen ließ der junge Gebieter ein Ueines
Musilzimmer für Kitty herrichten.

„Hier soll sie wohnen,“ sprach er besorgt,
„damit man sie nicht über Treppen zu tragen
hat. und wenn fie sich. wohl genug fühlt
Gefellschaft zu sehen, ist sie mit leichter Mühe
unter uus.

Sie sind, so gut,“ flüsterte Kitin mit
thränenvollem Auge, „und mir thut's sa leid.
Sie zu bemühen ·.

„Als ob diese Mühe mir nicht Freude
wäre und Glück,“ erwiederte Cu thbert.in solch
herzlicher Weise, daß sich Genevra aͤrgerlich
auf die Lippen bißß.

Kitty jchlug errohend die Augen nieder.

„Ich werde die Stelle einer Wärterin
ũbernehmen,“ bemerlte Genebra trocleun, „und
als jolche erllare ich Eure Anwesenheit als
zu anstcengend für die Kranke..

Aber auch als sie ihren Willen durchgeseßt
hatte, war Generra nicht zusricden, und Killn
betrachtete sie seufzend.
Was hast Dul nehmen Deins Schmer⸗
zen gu I . W2
v„Ja, ich wollte ⸗¶ —.
—— ich irgend etwas für Dich

un?“ —. Sene *5 8
Neiu, ich wollte. nur die Mutter
wäre da.ꝰ —— —A

Sie lommt in ein paar Slunden;
lang wirst Du wohl warten können.“

Ainy schluchte 3 “r

„Sag' mir, sKtitig, was Dir fehlt 9

Ich weiß, daß Du mir böͤse bist, Ge⸗
nevra.“ klagte das Mädchen in einem Toue,
als habe sie das groͤßte Verbrechen begangen.
„und doch kann ich nichts dafür.“

„Hälist Du mich für herzlos genug, Dir
Vorwürse zu machen J Dir bin ich nicht böse,
armes Kind.“

„sWem sonst ?. Nich kann's nicht ertragen.
deß De gegen Lord Cuthbert so unfreundlich
ist.“ ..5. *

ꝙLaffen wir das,“ entgegnete Genevra er⸗
röthend, „wir könnten bis an's Ende aller
Tage streiten und uns doch nicht überzeugen.“

Kiuty schwieg, und als Mis. Cartright
endlich axlam, verließ Genevra gern das
strankenzimmer. Sie ging jedoch nicht hinauf
in die ihnen destimmten Gemächer, denn sie
fürchtete beinahe Tante Barbarass deiteres
Beplauder und verlangte sehnend nach Ein-
'amkeit. Draußen im Garlfen befand sich unter
riner Rosenlaube eine ländliche Bank und nach
dem reizend stillen Plätzchen“ richtete sie ihrt
Schritie. Erschrocken blieb sie am Eingange
stehen, Lord Cuthbert war da, und sie war
so schneli gekommen, daß sie nicht umhin konnte,
den schmerzlichen Ausdruck des Gesichtes, die
auf der Wange bebende Thräne zu sehen.

Er verbeugte sich. —V ——
„Bitte, treten Sie näher, Miß Lloyd.
Zögernd blieb sie stehen. —

„Meine Gegenwart soll Sie nicht belä⸗
stigen, Fräulein; die Laube ist zwar mein
Lieblingsplazchen, aber ich räume es gern
einem edleren Wesen.“

Mit diesen Worten wandie er sich den
Hause zu.
Gortsetzung folgt.) —W
— Räthsel. 5
Die ersta such im Alphabet
Die gweite that ich auf dem Brett.
Als jungzst im volterfüllten Rum
Ein Stuhl war zu erhaschen kaum;
Das Ganze soll, wer will's noch wehren,
dDum neuen deutichen Reich gehören.
X der Charade in Nr. 17 des Unterhaltungs⸗
* ——— J
Drud uno Verlag von F. X. Den eß in St. Ingbert.

—

*
— —
        <pb n="81" />
        Anterhaltungsblatt

7
St. Ingberter Anzeiger.

Xr. 21. Donnerstag, den 16. Februar

Lord Lyle.
Nach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
Ombs.)
(Fortsetzung.)

„Ich möchte Sie nicht vertreiben,“ stam—
melie Genevra verlegen, „die ploͤtzliche Aen—
derung des Programmes erscheint überhaupt
eigenthümlich. Hoffentlich alterirt sich Ihre
Haushaälterin nicht über eine solche Flut von
Besuchen d

„O nein, Mrs. Erne ist eine gute Seele
und freut sich über das dadurch bedingte Le—
ben. Bisher war sie ohnehin eine Rose in der
Wüste, denn ihre außerordentliche Geschicklichteit
wurde weder verlangt, noch anerkannt. Nun
aber wird dem Verdienste die Krone nicht
fehlen.“

Nach kurzer Pause hielt Genevra wieder
den nächstbesten Gedanken fest, um nur irgend
ein gleichgültiges Gespräch fortzuführen.

„Mrs. Cartright's Gegenwart wird Ihrem
Hause Segen bringen, mir ist, als trage sie
ihn mit sich, wohin immer sie gehe. Ist's
nicht sonderbar, daß heute Mutter und Toch
ter unter Ihrem Dache weilen sollen 7

„Ja wohl sonderbar,“ wiederholte er und
fuhr mit der Hand üder die Stirne, während
der gleiche pathetische Ausdruck über seine
Züge flog. Er hatte Genevra's Gegenwart
momentan vergessen.“
zBBeide unter meinem Dach,“ flüsterte er
halblaut und seufzle tief.

Genevra blieb unenischlossen stehen.

Warum so trübe und traurig? Unwill⸗
kührlich regte sich leise Synpathie in ihrem
Herzen. Wie ganz anders erschien des Mannes
Tharalkter, verglichen mit seinem Rufe. stonn⸗
len derlei Widersprüche in einem Wesen be⸗
stehen ẽ

.Die Gegend um Lyle Hall ist reizend,“
begann Genevra wieder.

Langsam wandte sich ihr sein Auge zu.

„Ich glaube, daß des Schlosses Lage im
Allgemeinen gefällt.“

„Das ist kein genügender Tribut für
Ihres Erbes Schönheit. Man sollte Ihnen
groslen, ob Ihrer Gleichgültigkeil gegen Dinge⸗
auf die Sie stolz sein müßten“

Müßten, za müßten,“ entgegnete Cath⸗
bert trube.

.Und warum sind Sie'as nichtk haben
bie alten Palaͤste und Kathedralen des Con-⸗
tinentes Ihren Geschmad so entschieden beein⸗
flußt

.Nein, denn mir erschiene ein epheuum⸗
ranktes Häuschen teizender als das alte
Schloß. in dem so viele Generakionen der
Lyle lebten und starben.“

„Lord Cuthbert, Sie sind ein Rälgsel.“

Er lächelte traurig.

.Ein Räthsel, dessen Lösung Miß Lloyd
in den dunkeln Attribnten der gesunkenen
Menschheit finden wird.“

„Nein, ich bestrebe mich gerecht zu sein.“

„Vielleicht sind Sie es — wer weiß ?

„Ich gestehe offen, Mylord, daß Sie in
meinen Augen ein Doppelwesen sind. Was ich
jetzt von Jonen sehe und höre. läßt vergangene
Dinge nur um so schwärzer erscheinen.“
        <pb n="82" />
        „Sie glauben also nicht, daß ich Ihnen
bezüglich des Briefes die Wahrheii sagte?“

„Im Gegentheil, ich glaube es sogar mit
Vergnügen, aber daran dachte ich nicht.“

„An was dann?“

Einen Augenblick zögerte sie, dann fuhr
sie erröthend, aber mit fester Stimme fort:
„Ich habe de traurige Geschichte von Mrs.
Browun erfahren, habe mit ihr darüber ge⸗
weint und die arme Marie zu txösten
dersucht.“ W

Erstaunt und fragend blickle der junge
Fdelmann auf sie. War solch vollendete Heu⸗
chelei möglich ? konnte er so ruhig und un⸗
befangen Vtariens Namen hören, wenn er
wirklich ehrlos an ihr gehaudeltzẽ

„Mis. Brown's Geschichtg? in wie fern
berührt sie mich? F

Was konnte, was sollke Genebra antwor⸗
ten J Sie war wirklich froh, als Tante Bar⸗
bara die Allee entlang kam.

Cuthbert — Genevra — wo seid Ihr
denn 1 Habt Ihr schon von Kitty's Glück
gehbrt ?

Nein, bitte, erzählen Sie uns,“ rief Ge⸗
nevra lebhaft.

IIch sage Euch, 's ist ganz romantisch.
Her Bote tam unmittelbar nach unser em
Weggang. Mrs. Cartright ist voll Freude nund
doch auch voll Sehnen nach dem geliebten
verlorenen Sohn. Für Kitty, aber ist das
Ereigni die beste Arzuei, sie weint und lacht
und ihre Augen Fenteln wie Sterne..

Hier endete des alten Fräuleins Redseliq⸗
keit, der Athem war ihr ausgegangen. Cuthbert
sührte sie zur Banktk.

„Aber Sie haben uns ja noq gar nicht
gesagt, was es eigentlich ist,“ rief Genevra
jachend, „habe ich Sie doch Tag meines Le⸗
bens nicht so aufgeregt gesehen
Run, eine Erbschaft, eine wirlliche Erb⸗
schaft. Weiß nicht mehr genau, wie viele
Tausend, aber genug, um Kitthy zur Erbin
und Mrs. Cartright zu einer wichtigen Per⸗
sönlichleit zu machen. Ist das nicht glorios ?“

„Bitte, erllüren Sie sich näher,“ sprach
Cuthbert leiser.

„Ein Adam Cartright, ein Stahlwaaren⸗
fabritant in Wales, ein Vetter von Kilty's
Vater starb kürzlich ohne directe Erben und

vermachte sein ganzes Vermögen dem Sohne
des Jacob Cartright, und falls dieser nicht
mehr am Leben sein sollte, zu gleichen Theilen
der Wittwe und Tochter des genannten Vet⸗
sers, der ihm in seiner Jugend irgendwelchen
Dienst geleistet habe. Sonderbarer Weise
vußten weder Kitty noch deren Mutter von
der Existenz dieses Mannes, aber die Erbschaft
ist da und wartet nur auf Acception. Kommt
nun, Kinder, und gratulirt.“

Und Miß Barbara erhob sich geschäftig
und trippelte in freudiger Erregung fort.
Zögernd folgte Genevra und bemerkte noch,
wie Cuihbert Lyle schmerzlich die Hände gen
hdimmel hob und mit ersticter Stimme rief:
So ist denn Alles, Alls umsonst, der letzte
Trost mir genommen! Barmherzigzer Himmel,
die Strafe ist hart.“

Genevra war überzeugt, daß sie recht ge⸗
hört habe und sand doch keinen Sinn, keme
Erklärung der wilden Worte.

Als sie endlich in ihrem Zimmer allein
war, überdachte sie die Ereignisse dis Abends
und kam zu dem Schlusse, daß irgend ein
düsteres Geheimniß über Lord Cuthbert schwebe.
Die Aufregung ihrer Gedankenwelt verscheuchte
jede Ruhe und als die Schloßuhr die Mitters
nachtsstunde verkündete, huschte sie im losen
Nachtgewande durch die Hollen nach Kitty's
Gemach, zu sehen, wie sie sich befinde.

Das schwache Licht einer gedämpflen
Flamme erhellte die weiten Gänge nur un⸗
bollkommen, und erst als sie an die Thür des
strankenzimmers gelangte, bemerkte sie die
hohe Gestalt, die mit verschräntten Armen
an der Wand lehnte.

„Lord Cuthbert!“

Ihre Freundiu schläft seit einer halber
Stunde.“

„Danke, warum aber begeben Sie sich
nicht zur Ruhe nach all der Aufregung des
Tages ?*

„Ich kann nicht schlafen und dachte meine
Nähe dürfte wünschenswerth sein, wenn die
Schmerzen allenfalls überhand nähmeun.“

Während er sprach, entfernte er sich von
stit:y's Thüre und näherte sich dem Portale.
Mechanisch folgte Genepyra und blickte durch
die hohen Scheiben auf die dunkeln Umrisse
der Gebüsch, den sternenbesäeten Himmel.
        <pb n="83" />
        Wie klein und erbärmlich erscheinen die⸗
ser Welt Thorheiten, Eitelkeiten und Leiden,
wenn man hinaufblickt zur stillen: Majestät
jener unbekannten Sphären,“ flüsterte siee

„Ja, dort tritt Seele der Seele entgegen,“
erwiederte er träumerisch, „dort gibt es keinen
hohlen Ahnenstolz, keine leeren Titel. Thoren,
die wir die Hand nach glänzendem Flitter aus-
strecken und dafür die kostbarsten Schätze
opfern.“ ——

„Ich verstehe Sie nicht,“ “bemerlte Ge⸗

nevra leise.
„Gott gebe, daß Sie mich nie verstehen!
Wohl waren Sie in mancher Hinsicht unge⸗
recht und hart gegen mich, Miß Lloyd, aber
wenn Sie mich für einen Menschen halten,
der sich eines schrecklichen Irrthumes und
Fehlers schuldig gemacht, kommen Sie“ der
Wahrheit ziemlich nahe.“ . .

„Es thut mir leid von Ihnen selbst die
Bestätigung begangenen Unrechtes zu hören,
denn ich war eben zu der Annahme gelommen,
daß meine schlimme Meinung grundlos sei.“

Ich habe nur geges mich selbst gefehlt,
und nur an mir rächt sich die Sünde und
frißt sich mir in's Herz. Ich habe mich be⸗
trogen wie jener Unglückliche, der die un selige
Gabe begehrte, daß Alles, was er berühre,
fich in Gold verwaundele“ —W

Seine Leppe bebte. sein Auge verrielh
namenlose Qual. Genevdra betrachtete ihn er⸗
staunt vud ftagend.

„Sie glauben wohl, ich rase ? Enischul⸗
digen Sie, wenn ich momentan die Faffung
zerlor. Ich möchte nicht, daß Sie denken, ich
klage wie ein Schuljunge über geschehene
Dimge, und doch erbilte ich eine Gunsi von
Ihnen, dem einzigen Wesen in der weilen,
weiten Welt, das je mein Herz berührt, Nein)
zürnen Sie nicht, ich weiß. daß diese Liebe
so hoffnungslos ist, als obd sie jenen Sternen
gälte. Dennoch wünsche ich, daß sie mir glau⸗
ben, wenn ich behaupte, Ihre Anklagen seien
ungerecht. Gott weiß, ich habe gefehlt, aber
nur ich leide darunter und das Wesen existirt
aicht, das sagen kanute, es sei ob meiner
Handlungen schlimmer, sündhafter oder un—

glücklicher. Glauben Sie das Fräulein? Ich
verspreche, das Ihnen verhaßte Thema nie
wieder zur Sprache zu bringen. wenn Sie

nur einmal mir in's Auge sehen wollen und
sagen, daß Sie an die Wahrheit meiner
Worte glauben.“

Er vemerkte nicht das leise Erxröthen,
ahnte nicht des stolzen Herzens Beben, aber
er freute sich der klaren, festen Stimm.
AIch glaube Ihnen. Es ist mir unerklär⸗
lich und räthselhaft, aber, Lord Cuthbert, ich
dlaube, daß Sie die Wahrheit sprechen.“

„Sagen Sie nicht Lord Cuihberi. lassen
Sie die leere Form. Tritt nicht über jenen
Sternen Seele der Seele gegenüber ? Jener
süße schwedische Gebrauch däucht mir unsag⸗
har reitend. O fagen Sie nur einmal, nur
heute, wo die Welt so schwarz und hoffnungs·
los doc mir liente:: Ich glaube, daß Du die
Wahrheit sprichst k? Konnen Sie das. Miß
LClondd ?*
„Ich glaube, daß Du die Wuhrheit fprichst,“
lüsterte die leise melodische Stimme. Sie
hörte nur mehr das Echo seines Dankes,
denn einem Blitze gleich war Erkenntniß des
eigenen Herzens erschreckend und entzückend,
über sie gekommen. Rasch entzog sie ihm die
Dand und huschte im Halbdunte davon. Daz
Rauschen des Kleides und der leichte Schrin
auf der Treppe verrieth allein noch des ge⸗
lieblen Wesens Näzhe.

„So verjchwinden wohl auch des Him⸗
mels schützende Geister,“ flüfterste Cuthbert,
als er in sein einsames Gemach zurücklehrte.
Die düstere Verzweiflung seines Innern aber
war ebenfalls verschwunden.
XVI.- —Wo
Zephyr stand im Zenith der Gunst und
des Glückes. Das Publicum kounte —XL
din, die mit ihr vorgegaugene Verãnderung
zu bemerlen. Jener vde, sehnende Ausr
war verjschwunden, fie betrat die Bühne mit
alänzenden Augen und glückseligem Lächeln
und benahm sich im Ueberfluten des eigenen
Herzens freundlich und gütig gegen Jeder⸗
mann.

Jeden Abend wiederholte sich eine kleine
Scene. Sobald sich der Vorhang hob und die
Tänzerin eischien, wandte fich das fankelnde
Auge nach der Loge des Grafen, und wenn

er auf sie niederlächette, erglühte sie und
strahlte vor Freude, wie irgend ein liebendes
        <pb n="84" />
        hörichtes Weib. Sonderbaͤrer Weise war sie
dun nicht mehr halb so anzichend. Der eigen⸗
chümliche Reiz, der sie wie ein Glorienschein
umgeben, war verschwunden, sobald das arme
Beschöpf zufrieden und glücklich war. Selbst
des Herzogs Huldigung fing an zu erkalten;
Zephyr bemerkie es nicht. und weunn sie es
deachiet haben würden, hätte sie sich nicht da⸗
rum gekümmert. Was kümmerte sie die Welt,
was dlieb ihr zu wünschen übrig. so lange
des Geliebien Blumenspenden ihr zufielen,
so lange er sie bei ihrer Rückehr er⸗
wartete!

Der Graf aber kannte des Publicums
schnell wechselnde Gunst und wußte, daß man
nur das Aufgehen eines neuen Sternes er⸗
wartete, um diesem die schmeichelnden Huldig
ungen zu zollen. Für ihn hatte es genügt,
das Werfen der Bouquets etwas auffallend
ju machen; London vergaß dann wohl nicht
jo leicht den Triumph. daß er gesiegt, wo
zin Herzog geschmachtet, und nun sorgte er
dasür, sich so bald als moͤglich zuructzuziehen.
Wohl vermißte Zephyr seine Blumen und die
Begeisterung seiner Gegenwart, aber sie ertrug
e8 leicht, so lange er sie regelmaßig be⸗
RE

Immer noch umgarnte sie der Betrũger
mit süßen Schineichelworten und zäaͤrtlichen
Ziebkosungen und hütete sich, irgend welchen
Zwersel in ihr zu wecen. In ihrer Wohnung
Zar er ein privilegirter Gast und lam und
ging mittels eigener Schlüssel, wann immer
z3 ihm beliebte. Jons Antipathie zu besiegen,
war ihm nicht gelungen, aber er achtete nicht
darauf, um so meht als er ihn nur selten
sah. Wohl klagte Zephyr gelegentlich über
des Rruders duͤsteres, launendaftes Wesen,
wohl wußte sie, daß er manch val Stunden
zang fehlte, aber ihre Aufmertsamkrit war zu
seht von Lubin gefe sselt, um die Sache ernst⸗
lich zu untersuchen Jon war übrigens nicht
weit, ir beland sich in einem Versteck, von
welchem weder der Graf noch die Schwester
eine Ahnung hatten. In dem kleinen Boudoir,
in dem sich Lubin gewöhnlich einfand, stand
in mit meergrünen Seidenvorhäugen versehe ⸗
ner Toilettetisch. Eines Tages war Jon in

einem einsamen Spiel dahinter gekrochen, um
inen Gefangenen vorzustellen, der Eintritt
Zephyrs und des verhaßten Mannes aber
Jjatte ihn zum wirklichen Gefangenen gemacht.
Fe verhieli sich ruhig und hörte jedes Wort.
don Stunde an huschte das sonderdare Kind
egelmäßig in das Versteck, so oft es den
rafen kommen hörte, und wenn dieser es
imn wenigsten ahnte, lauschte ein scharfes Ohr
dem halblauten Selbstgespräch, mit dem er
ich gelegeutlich die Zeit vertrieb, bis Zephyr
aus der Probe kam.

Einmal knitterte er mit wildem Ausruf
die eben gelesene Zeitung zusamm en und warf
je von sich. „So, so, meine reizende Ge⸗
jebra, die „Times' gidt andlich Kunde über
deinen Aufenthalt. In großerer Gesellschaft
dei Lord Cuthbert Lyle. Das lautet anders
uUs des Vaters Lesari von ein paar Tagen
dandaufenthalt bei einer Freundin. Hm, hun.
die Times. nennt Lord Lyle einen jungen
Edelmann von glänzenden Eigenschaften und
Verhältnissen.“

Die Sache muß untersucht werden, da⸗
nit ich nicht gelegentlich um die Braut be—
srogen werde. Genevra kann und darf ich
nicht verlieren und loste es mein Leben. Nun
vill ich aber nicht länger zögern, fondern die
sleine Thörin irgendvie aus dem Wege räu⸗
nen, und dann kühn die Vollziehung des
Contracts verlangen.“

Er dhatte diese Worle laum halblaut ge⸗
prochen, durch die meergrüne Draperie aber
lidte ein funkelndes Auge auf ihn und ver⸗
tand wohl den g faährlichen Ausdruck seiner
Züge, den toͤdtlichen Haß seines Lächelns.
Das tluge Kind wußte, wer unter der kleinen
Thörin“ gemeint sei und ballte krampfhaft
die Faust.

(Fortsehung folgt.)
Mannigfaltiges.

Warum sind die Wangen eines Land⸗
mädchens wie guter Kattun? Weil sie, wenn
gewaschen, die Faxbe balten.
——

Druc und Verlag von F. X. Deneß in St. Ingbert.
        <pb n="85" />
        AUnterhaltungsblatt

12
St. Ingberter Anzeiger.
XFr. 22.

Sonntag, den 19. Februar

1877.

Lord Eyle. J
Nach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
Ombs.)
(Fortsetzung.) 358
Während der Graf noch vor sich hinbrü⸗
jete, trat Zephyr ein. Auch sie sah müde und
ürgerlich aus, sobald sie ihn aber bemerkte,
pertlärte sich ihr Antlißzßzz.
„Bist Du schon da, Pedro? ich fürchtete
noch zwei Stunden warten zu müssen.“
Weißt Du nicht, daß ich mit dem Mo⸗
ment geize, den ich bei Dir verleben darf *
Zudem rufen mich meine Geschäfte auf meh⸗
rere Tage von London ab, ich muß folglich
einige dieser köstlichen Stunden entbehren und
entschädige mich schon im voraus.“
Sie lehnte zärtlich an seiner Schulter.
„Wenn nur Deine Geschäfte endlich been⸗
digt wären, ich bin des kalten Landes so
überdrüssig und sehnne mich nach Italien.“
Ueberdrüssig? wenn London Dich ver⸗
göttert und goldenen Regen auf Dich gießt!“
Ja, überdrüssig,“ wiedertolte fie mit
lammenden Augen, „und mehr doch, ich
glaube London deginnt meiner überdrüssig zu
werden. Es gab manch leere Pläte heute und
kaum ein Dußend Bouquets. Ferner erfuhr
ich, daß nächsten Monat eine schöne Oester⸗
reicherin auftreten werde. Ich will aber nicht
warten bis man verlangt, daß ich meine Krone
giederlege, ich tanze diese Woche zum letzten
Mal.“ eee 4 4.
Der Graf betrachtete sie forschend. Hat

der Glanz also deine Augen nicht geblendet!
Gut, Zephyr, diese Lehre erhält Jede früher
oder später.“
„Als ob ich all den Flitter nicht stets
derachtet hätte!“ rief sie lebhaft, „mir hat
ja nichts Werth als Deine Liebe. Sag mir,
Pedro, ob Du mich bald fortnehmen kannst 7*

„Ja, sehr bald,“ entgegnete er mit grau⸗
sem Lächeln, „ich bin der Sache müde und
will die Krisis herbeiführen, Jedes Hinderniß
muß entfernt werden.“

Das Kind unker dem Toilettetisch verstand
richtig den Sinn der Worte, das verblendele
Weib schmiegte sich zärtlich an den Geli⸗hten.
OD mir schwindelt oft vor seliger Freude,
wenn ich au das glückliche Leben denke. bdas
wir in der sonnigen Heimath führen werden.
Leiden. Armuth. Gefahr — Alles. Alles vor,
bei. Mir ist. als könnte ichs nicht glauben,
and doch scheint es ein passendes Ende für
solch bewegtes Leben. Ist's nicht wie ein
schwerer Traum, wenn wir der Vergangenheit
denken, der quälenden Tyrannei, der bittern
Armuth, der jahrelangen Gefangenschaft —“
„Aber all das endete in dem luxuxisen
Leben des Grafen Lubin, der sich frei unler
den Großen der Erde bewegt, umgeben von
Blanz und Reichthum und stolz vor Allem
auf seine süße Braut!“

Sie las den Erust seiner Empfindung in
dem funkeinden Auge, wie konnte sie dermu—
then, daß er an eine Andere dachte ⸗

„D laß die Zeit bald kommen, Pedro!“
„Versteht sich,“ lächelte er grimmig, „und
wenn Du mich einige Zeit vermifsest, so gräme

1 —— 444
        <pb n="86" />
        Dich nicht, Sdenn ich bringe die, Verhältnisse
zum Abschluß.2 ——

Woju aͤber das Alles Warum veh nugit
Du Dich nicht mit dem, was ich bereits er⸗
rungen ? Vor Zeiten hättest du die Summe
jür bedeutend gehalten.“

Damals waren wir arme Vagabunden,
am aber bin ich ein Graf und Du hast den
Luxus des Lebens kennen gelernt.“— i

Kurz darauf verabschiedete er sich, und
Zephyr begleitete ihn aus dem Gemache. Jon
kroch aus dem Versteck, erfaßze das zerknitlerte
Papier und breitete es sorgfältig auf dem
Boden aus. Er fand den gesuchten Para⸗—
graphen überlas ihn mehrfach und prägte sich
seden Namen in's Gedächtniß. M

„Wir vernehmen, daß der junge Besitzer

pon Lyle Hall. ein Edelmann von ausge⸗
zeichneten Eigenschaften und Verhältnissen.
cine gewählte Geselischaft bei sich sieht. Un-
der den Gästen befindet sich ein neuer
Stern, eine junge Dame, die erst kürzlich
bedeutendes Vermögen erbte. Sie ist unse⸗
rer eleganten Welt noch sremd, aber man
jagt sie sei ebenso reizend als liebenswürdig.
Slu langer Zeit mit Miß Geuevra Lloyd
d Miß Evesham von Honeysuckle Coitage
innig befreundet, genügt das allein,“ ihren
Merch zu bemessen. Mißß Ltoyd und Miß
Evedham zaͤhlen auch unter Lord Cuthbert
Lylens Gäste; wir preisen ihn glücklich,
duß es ihm gelang solch lenchtende Gestirne
um sich zu versammetn.

Genevta Lloyb, ja, das ist der Name,“
füfterte Jon, Lich tassesie jedoch nicht. son⸗
dern bdin ihr dankbar, wenn fie uns vor dem
schlechten Pedro befreit, und Zephyr die eigene
Thorheit beweist. Ich will suchen, die Dame
n Iprechen.ꝰ iið

Die betreffende Nummer det Times“
fand auch den Weg nach Lyle Hall. Genevra
ins den Paragraphen zuerst und schob dann
das Blatt ärgerlich Kitih zju ß
Siehst Du die Schattenseiten des Reich⸗
humes! Von mun au bist Du in Deinen
bier Wänden nicht mehr sicher, die Zeringste
Deinte Handlungen wirde aanfgespürt und der
gaffeuden Menge vorgetragen werdoen. Hoffent⸗
uch⸗ würdigst Du die zarten Handlungen.

„Reizend und liebenswürdig,“ lachu Kitin.

welch' wunderdarer Talikman ist doch das
Geld wenn es sogar mich zur Heldin stem⸗
pe!?! Nun,“ ich hoffe e“ mit Ruhe zu er⸗
tragen.“

„Papa wird den Unsinn auch lesen,“ be—
merkte Genevra, „und erst dadurch den Wechsel
meines Aufenthaltes erfahren.“

Haben Sie ihm denn nicht von hier aus
geschrieben?“ fragte Miß Barbara.
„Nein ich verschob es immer wieder, denn
seit Sie und Mrs. Cartright sich in aller
Bemüthsruhe für's Bleiben aussprachen war
isch stets unentschlossen, was ich zu thun
habe.“

Tante Barbara lächelte und schwiez.

„Meine Mutter theilte Miß Barbara's
Anficht, daß es unfreundlich wäre, wenn sie
dort Cuthberts Anbieten die Geschäftsver⸗
zältnisse zu ordnen, ablehnte,“ eiferte Ktitty,
„und dann war es natürlich am besten hier
ju bleiben, bis wir ein für die neuen Ver⸗
hälmisse pafsendes Heim gefunden. Sie jah
darin nichts Unschickliches.“

„Gewiß nicht,“ bekräftigte Fränlein Edes⸗
ham.
„Diesen Gedanken wollte ich auch gar
nicht aussprechen,“ entgegnelte Genevra, Deine
Mutier scheint übrigens unbedingtes Vertrauen
—
mir, er werde ein in der Nähe gelegenes Gut
jür sie befichtigen·“

.Ja, sie vertraut ihm vollkommen, and
doch ist ihr Benehmen gelegentlich so befeh⸗
lend oder zurückweisend, daß ich nicht verstehe,
wie er sich's gefallen läßt. Erst diesen Mor⸗
gen sagie ich ihr's, aber sie seufzte nur, und
daraus schloß ich, daß sie an Hugo dachte,
und Lord Enut hbert diese Stelle einräumte.“
‚Dort kommt Cuthbert auf schäumendem
Pferde die Allee eutlang.“ rief Tante Bar⸗—
zara, ein Phaston fährt nach und ich glaube
Ihr Vater sitzt darin, Genebra.“ *

Das junge Mädchen eil:e an's Fenster.
„Wahrhaftig, es ist Papa; aber wer ist
bdei itm 7 Ich habe dieses Gesicht nie gesehen
und finde es entschieden unaugenehm. Wie
nag Papa zu der Belanntschaft gekommen
sein ,

Deine Neugierde wird sich schnell be⸗
        <pb n="87" />
        jriedigen, denn die Herren kommen mit Lord
Tuthbert ins Schloß.“
„Papa's Aussehen widerspricht den An⸗
gaben seiner Briefe,“ seufzte Genevra, wähnend,
daß nur die Sorge um seine Gesundheit holch
vage; Ahnung kommenden Unheils bedinge.

Langsam begab sie sich in ihr Zimmer, ihre

Toilette zu ordnen und betrat dann würdevoll

den Salonß.

War es Einbildung, daß des Vaters Hand
kalt war und bebend? —

Genevra, mein Kind!“

„Mein lieber, lieber Papat

Vier Augen bewachten die herzliche Be⸗
grütßung: Lord Cuthbert ernst und trübe,
Graf Lubin im Vorg fühle all des Glückes,
das ser im Besitz des schönen Wesens er⸗
träumte.

Sie blickke dem alten Manne mit kind⸗
licher Zärtlichkeit in's Auge und forschte angstlich
nach jedem Zug seines Gesichtes Auch Law⸗
rence Ltoyd vergaß in der Freude des Wie ⸗
dersehens, daß fie nicht allein waren
Graf Lubin hustete.

Wieder fühlte Genevra das leife Beben
der Hände und schaute verwundert in die
plötzlich sich umdüsternden Züge.

„Laß Dir meinen Freund, den Grafen
Lubin vorftellen, ich übersah es über der
Freude, Dich zu fsehen.“

Des Fremden Erscheinung war tadellos
sein Aeußeres nicht unangenehm, aber es lag
ewas in dem blitzenden Auge, dem eigen-
thümlichen Lächeln, das Genevra wie vor einer

Schlange zurüchschandern ließ. Sie verneigte
sich leicht, sprach einige mverftändliche Worte,
und wandte sich dann wieder zu ihrem Vater,
ohne dem Grafen auch uur die Fingetspihen,
zum Gruße gereicht zu haben: Er biß sich
ärgerlich auf die Lippen und begann dann
eine lebhafte Unterhaltung mit Lord Cuthbert.

Der Banquier hatte das wortlose Schar⸗
mützel verstanden und blickte besorgt auf seine
Tochter *
Du schriebst mir, Du seieß wohl, döoses
Vatertchen und hast mich nar um Befien ge⸗
halten,“ sprach ste vorwurfsvoh
IIch bin nur müde und angegriffen von
der sante Reise liebes Rinb8

„Erfrischungen wer den soforl erscheinen,“

bemerkte Lord Cuthbert herzlich, und ich habe

nur zu bitten, daß Sie und ihr Freund mir

wenigstens ein paar Tage das Vergnügen

Ihrer Gegenwart gonnen. “

„Das laäßt sich hören, auf Ehre,“ rief

Graf Lubin, „ich denke, wir nehmen den
Vorschlag an, hin, Llod ?“

Genebra warf stolz das Haupt zurück uud
maß den Sprecher mit zornigem Augẽ Wer
war es, der in solcher Weise mit ihrem Vater
zu teden wagte

Vielleicht,.“ antwortete Mr. Llond zb⸗

gernd. *

Ja, ganz entschieden, denn solche Gele—
genheit bietet sich so leicht nicht wieder. Nach
Diß Lloyds strahlendem Blick zu urtheilen,
gränzen des Schlosses Vergnügen an's Wun⸗
derbare, und derlei Erlednifse verliert man
nicht gern. Ist das dort unten ein Kastanien-
waidchen, Locd Tuthbert ?

AJa,ꝰ ein Waldchen;“ auf das die Lyle
stets stolz waren. Rolklen Sie nicht mit mir
bie schönen Vänme besehen

Der Graf erheb sich lächelnd, er verstanb
des Lords freundliche Absicht Vater und
Tochter einen Moment XX
seins zu gönnen und dachte, datz es auch sein
Intereffe sördern dürfitie

Wer ist diefer Mann, Vapa kefragte
BGenevra so bald sich die Thüre hinten den
beiden Herten geschlossen.

Ich habe es Dir beteits gesagt, mein
Rind, ein deutscher Graf, Nameng Lubin, der
gegenwärtig in London Sensotien erregt.
Peich wundert, daß Du noch nicht von ihn
— VV —

„Ich kann ihn nicht leiden, Papa, seine
bloße Nähe ecdrückt mich. Es st, ais ob bine⸗
giftige Schlange unter reizenden VBlamen
aurre/ oder ein Habicht auf ein schuldloses
Taäubchen. Dulde ihn nicht um Dich Ba⸗
berchen.“
vRede nicht so unvernünftige“ grollte
Mr. Lloyd, ‚was weißt Da von dem Gra⸗
sen, das Dich zu solchem Urtheü berechtigt 7
Ift Dir irgend ein Beweis unwirr digen Be⸗
ragens bebannt. so lasse ich. mir's hefallen
vo nicht, so ersuche ich Dich, nicht eder kin⸗
dischen Laune nahzugeben“
Genedrablickle erstaun auf den alten
        <pb n="88" />
        Mann, die mit ihm vorgegangeue Veränderung
vurde ihr immer klarer.

„Aber, Papa, der erbärmliche Mensch soll
nichi Veranlafsung zu Streitigkeiten zwischen
uns geden. Bist Du wirklich wohl?“

Ganz wohl, mein Kind ··

uber ich halte es doch' jür besser, wenn
ich mit Dir heinegehe. Du bist abgemagert,
und es ist die höchste Zeit, daß ich mich um
Deine Gesundheit annehme.“ —

„Ich denle, der Graf wünscht zu blei⸗
ben,“ bemerkte er zoͤgernd. *

„So laß ihn dleiben,. wenn es Lord
Tuthbert gefällt. Was kümmert das Dich
uund mich d? J
wWie hatte er sich sonst über des Mädchens
herrisches Gebahren gefreut!

Wir wollen die Sache überlegen; der
Graf ist mein Gast, und die bloße Artigkeit
verlangt Berüdsichtigung seiner Wünsche.“

gIhr Auge heftete sich forschend auf das
seine; er senlte es unwilelührlich. —0

Gut,“ antworiete sie endlich und wußte
nicht. warum ihr Herz sich so ängstlich zu⸗
sammenzog. De B
Der Banquier suchte die frühere Unbe⸗
sangenheit wieder zu gewinnen. 4

.Und was hast Du mir zu sagen, Ge⸗
nedta J Die Times brachte mir die erste
Zunde Deines Aufenthaltes. Ist Kitn die
—X
Ja, Papa. aber. sie kann kaum gehen.
Romim, sie u besuchen und Piiß Varbara und
Pirs. Cartright zu begrüßen, komm, bevor
der Graf zurücklehrt.

Vei des Fremden Erwähnung zuckte sie
zerächtlich die Achseln. Mr. vlohd sah es,
erfahte ihre Hand und sprach zum ersten
Diale im Leben streng mit ih.
Genevra, ich werde Deinne kindischen
Lavnen nicht dulden, ich befele Dir, den
Grafen artig zu behandeln.“

Das stolze Mädchen erglühte, ader fie
beugte gehorsam das Hauyt. *

„Von meinem Vater ertrage ich Befehle
selbst in diesem Tone. Du brauchst keine
Widersetzlichkert zu fürchten. 0

Vawrence Llond lüßte se.:

Ich würde es nicht verlangen, wenn es
nicht zu Deinem Besten wäre, um Schlimmeres
zu verhüten,“ flüsterte er.

Wohl las sie die geheime Angst seiner
Züge, aber sie schwieg und zog ihn fort in
Ziuy's Zimmer, wo ihn der Damen fröhliches
Hepiauder bald wieder heiterer stimmte. Ge⸗
nebra suchte die Einsamkeit ihres Gemaches.
Eine eisige Hand preßte ihr Herz zusammen,
hr war's, als sollte sie nie wieder froh wer⸗
den, und als sie Lord Cuthbert und den
Brafen dem Hause zuschreiten sad, durchbebte
sie's, wie ein eleltrischer Schlag.

„Wie kindisch din ich doch,“ flüsterte fie,
„als ob mein ehrenfester Vater nicht meine
heste Stüze wäre. Wahrscheinlich leistet ihm
der Graf sirgend einen geschäftlichen Dienst
und deßhalb soll ich ihm freundlich begegnen.“

Die alte Fafssung schien wiedergewonnen
and das Mädchen begab sich in den Speise⸗
jaal. Als Mr. Lloyd denselben mit Miß
Freaham beirat, sand er seine Tochter in
ebhafter Unterhaliung; sie sprach nicht ge⸗
tade dircet mit Graf Lubin, aber sie beant⸗
worteie viele seiner Bemerkungen. Dieser selbst
var in rosigster Laune und der Banquiet
zlickte dankbar auf Genevra. Sie hatte in
dem kurzen Verkehr mit Lubin gefunden, daß
ex fesselnd und geistvoll zu sprechen verstand,
iber sie gab den ersten Vergleich mit der
Schlange nicht auf.

Lord Cuthbert holte Kitm in den Spei⸗—
esaal und Mrs. Cartriaht folgte. Ihre Züge
rugen den Ausdruck nervöser Unruhe so deut⸗
ich. daß ihre Tochter so lange darüber ge⸗
prochen, bis Tante Barbara rieih, die Mutter
nicht mit zwedlosen Fragen zu quälen.

Nach dem Mahle degad man sich —XR
Musitzimmer, wo Genevra spielte und sang.

6Gvorisetzung folgt.)

Mannigfaltiges.
Auf der Durchreise durch Berlin wollte sich
in Stutzer einen Frack machen lassen und ließ
den Schneider rufen. Dieser fragte, ob er den
Frack deutsch, französisch oder englisch wünsche. —
Machen Sie ihn neutral!“ erwiderte er.
Druch in⸗ pon
ud AnsBerlag, bon ð X.. Demeee St Ingbert.
— 59 ert. —D — —
—A
        <pb n="89" />
        Aluterhaltungsblatt

zum
SgIngberter Auzeiger.n—
X. 23. Dienstag, den 21. Febenar

—
—
1877.
Lord LEyle. —]
Nach dem ameritanischen Originale des
I Charles T. Manners. *
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
J Gmbs)—

Gortsetzung.)ee
Der Graf siand wie bezauberta aber er
he wunderte nicht sowohl die süüße Stimme, als
den Liebreiz der königlichen Gestalt. .AIs
Als sie sich auf Lord Cuthberts Mahnung,
üch nicht zu sehr anzustrengen, erhob, begeg⸗
nete ihr Auge dem Grafen und wieder erbebte
ihr Herz in namenloser Furcht. Wer war
dieser Maun und was wollte er? Sie sahn,
wie er nachlässig die Haud auf ihres Vaters
Schulter legte und ihm etwas zuflüsterte,
worauf dieser erst scheu um sich blickte und
dann beschämt und gedemüthigt die Augen
senkte. Mußte fie solchen Ausdruck auf den
geliebten Zügen schauennn
Die übrige Gesellschaft, vielleicht mit ein⸗
Ager Ausnahme des Hausherrn, schien von
der Liebenswürdigkeit und Unlerhaltungsgabe
des Grafen gesesselt und freute sich zu hörem,
baß er ein' paar Tage zu bleiben beabsichtige.
Lord Cuthbert näherte sich Mrs. Cartright.
„Ich habe das Gut eingesehen und für
gefunden,“ sagte er,“ „Sie haben jedoch
drei Wöchen Frist, den Kauf rückgämig zu
machen, und in der Zeit werden fie den
Wohnfitz wohl in Augenschein nehmen körnen?
Der Notar erwartet sie ebenfalls behufs Un⸗
terzeichnung der nöthigen Documente und Uebet⸗
nahme der betreffenden Velder.“
Er sprach schnell und sichtlich erregt. Mrs⸗

Cartright; hatie lasuge bemerkt, daß er die
Rede beschleunigte, so oft er sich an sie wandte
und wunderte sich nicht mehr darüber.
Ich freue mich wirklich einen greifbaren,
Beweis unseres Glückesin die, Haud zu be—
ommen,“ lächelte sie, denn bisher erschien
8. mir wie ein Traum. Der erste Gebrauch,
den ich von dem Erbe machen werde, besteht
in dem Ersaß der Gelder, die mir von Lyle
Hall ausbezahlt wurden. Selbstverständlich erv
lijcht nun die Renter
Ich fürchtete es, entgegnete Lord Cutb⸗
vert leise, „aber ich erwartete nicht, daß Sie
zur ückgeben würden. was in's Bereich der
Vergangenheit gehört. Ich wünsche sehr⸗ Sie
möchten es nicht thun“
. Und ich habe kelne Ruhe. bis es ge⸗
scheh en,“ bemerlte Mrs. Cartrighi entschlossen.
WEr seufzte und schwieg, aber dieses
Schweigen sagte beredter deun Worte? Ich
mußß mir's gefallen lassen, wenn mit auch
der lehzte Trost geraubt wird rꝛ.
Mers. Cartright betrachtete ihn betrübt.
—Ich moöchte nicht gern undanlbar erschei⸗
nen, aber die Rente begleitete steis ein
schmerzliches Gefühl. Es war, als ob das
Geld mir sage: ich soll Dir des Sahnes
Verlust erschhen. Möglicherwelse war eß unrecht
es so zu nehmen, aber ich konnte es nicht
helfen, und das Herz sträubte sich beständig
dagegen, weil mir, trotz bitterster Armuth, keine
Schätze Indiens des Sohnes Verluft ersetzen
sonnten“ —
Sie sprach mit ungewöhnlicher leidenschafte
licher Aufregurg, und Lord Cuthbert wandte
sich zu iht. wir angezogen von mognetischer graft
        <pb n="90" />
        Ea war, als wolle sie die Hand nach ihm
ausstrecken, in ihren Zügen lag wildes Sehnen,
pages Zweifeln, unnennbare Zärulichleit. —

„Nein, nein,“ wiederholte sie feierlich,
beinahe vorwürfsvoll, „nichts auf der Welt
wird mir den Sohn ersetzen.“

Der junge Edelmann erbleichte, die Lippen
debien, 8 webe ein wildes Wort auf ihnen,
dann fuhr er mit der Hand über die Augen,
derbeugte sih hastig und eilte forr.

Als er den Salon wieder betrat, erzählte
BSraf Lubin eine eben brieflich erfahrene
Neuigleit.
„Ist das nicht die sonderbarste Geschichte
bon der Welt ? Oberst Higginson erhielt
kürzlich einen Brief aus Genf, der ihm unter
anderm mittheilte, daß dort ein Engländer,
den man seit Jahr und Tag für jodt hielt,
vieder anfgetaucht sei. Vor ungefähr zwei
Jahren sei er aus einem Boote gestürzt und
de sinnungslos an's Ufer geschwemmt worden.
Auf irgend welche Weise gekangte er in ein
aites Kloster, wo er, weiß Gott wie lange,
im Delirium lag. Jetzt in er vom Gehirnfie⸗
ber genesen, dem Leben zurückgekommen, findet
Alles höchst sonderbdar⸗ And; erklärt den Leu⸗
den nicht die Hälfte der Räthsel? Man sagt,
er jei Sekretair eines britischen Edelmannes
gewesen, was der Sache natürlich in London
Interesse betleiht. Denken Sie sich aber ein⸗
nal das sondervare Gefühl, in eine Welt zu
kommen, wo Jedermann einen für todt
—— W
Der Graf schwieg, denn eine plötzliche
Uufregung hatte die ganze Gefellschaft er—
griffen.
Trog' des geschwollenen Fußes sprang

XX
—
Mrs. Cartright wartodtenbleich, aber
nicht bleicher, als der junge Gebieter von
dyle Hall. Bewegungslos wie eine Statue,
wie mit Einem Schlage versteinert, stand er
auf der Schwelle. Ein Antlitz spiegelte des
anderen wildes Entsetzen, verzweifelnden Schre⸗
den wieder.

Kitty bemerlte es nicht, schluchzend vor
Freude viederholte sie: „Gott sei Dank, es
si Hugo, unser lieber, lieber Huao!“

cvII..

kyle Hall beherbergte seine Gäfte noch
ꝛine Woche länger, aber es war nicht mehr
zer alte frohe Kreis. Ein düsterer Scha, ten
chwebte über Allen und erstickte jedwede
Freude. Nur zwei Ausnahmen mochten allen⸗
'alls angenommen werden: Miß Barbara in
)eren frohem Wesen es nicht; lag, längere
Zeit krüße oder schwermüthig zu sein, und
Braf Lubin, dessen Aeußeres die Existenz jedes
ilebels zu verneinen schien.

Der Herr des Hauses benahm sich ernst
ind ruhia. ohne irgendwie das Behagen
einer Gäste zu vernachlässigen. Genebra be⸗
bachtete ihn nicht mehr, ihr gauzes Wesen
var nun von anderen Dingen in Anspruch
zgenommen. Die Veränderung des Vaters konnte
hr nicht entgehen, sie brachte sie selbstver⸗
dändlich mit dem geheimen Einfluß des Gra⸗
jen in Verbindung, und wagte kaum sich felbst
zu gestehen, was Alles sie aus dessen Rach⸗
ziebiglkeit gegen den verhaßten Menfchen
schlofß.

Eines Morgens begab sie sich später, als
zewöhnlich zum Frühstück und fand Graf
dubin allein im Speisesaal.

„Nun erst erhebt sich Aurora,“ sprach er
nit süßem Lächeln, „man sagt, daß gütige
Feen einzelnen Sterblichen magische Angebinde
»erleihen, an ihrer Wiege muß Venus selbst
gestanden haben.“

„Verschwenden Sie ihre Complimente
nicht, Herr Graf,“ entgegnete sie verächtlich,
„sie sind entschieden mehr, als verloren“

„Was aus warmem ehrlichen Herzen
'ommt, geht nicht dverloren. An allgemeine
duldigung gewöhnt, haben Sie es vielleicht
nicht der Mühe werth gehalten, sich zu fra⸗
zen, welchen Eindrudk Sie auf Ihren gehor⸗
amen Diener machten.“

Genevra stand am Fenster und blicktte
sinaus. Bei diesen Warten wandte sie sich um
ind sprach herausfordernd: „Ganz richtig, ich
zade es nicht der Mühe werth gehalten.“
„Es sei deun meine süße Pflicht, es Sie
zu lehren.“ BF

Nichts konnte verdächtlicher sein, als bas
dächeln, das über die schönen Züge glitt,
iber fie schwieg. Lubin errothete.
        <pb n="91" />
        .Es geschehen wohl seltsamere Dinge,“

bemerkte er ärgerlich, „die hochmüthigst en We⸗
sen ergeben sich schließlich und vermehren da⸗
kurch den Triumph.“
T] „Wenn sie den Gebieter finden oder vom
Feinde besiegt werden. Ich din weder in der
einen, noch andern Lage.“
A „Allerdings, sovald Sie die Vergangen⸗
heit oder Gegenwart im Auge haben, ich aber
beziehe meine Worte auf die nächste Zukunft,“
erwiderte er bedeutsam. „Zudem könuen Sie
es einem Bewerber nicht übel deuten, wenn
er die Niederlage nicht sofort anerkennen will,
um so mehr, wenn er mit des Vaters Segen
auftritt. Ja, ja, meine Gnädige, Ihr Auge
wird mich noch willkommen heißen.“

.Unerträgliche Impertinenz,“ zürnte Ge⸗—
nevra, „ich werde den Vater bitten, daß er
Sie fortschicke““

Der Graf lachte. O, wie der triumphi⸗
rende Hohn dieses Lachens sie empoörte.

.Versuchen Sie doch das Experiment,

schöne Ungläubige“!“
Site bebte vor Zorn. und eilte nach der
Thüäre. Auf der Schwelle: begegnete ihr der
Vater, Rund sie legte sofort die Hand dittend
auf seinen Arm, um sein Zusammentreffen
mit Lubin zu verhindern. Der Graf hatte ihn
jedoch bereits gesehen.

„Guten Morgen, Mr. Lloyd, bitte, treten
Sie gefälligst ein.“ —

„Papa, Papa, komm mit mir,“flehte

Tochter ängstlich.
Zweifelnd blickte der Banqnier von einem
zum Andern. Genevra's Wangen glühten, die
Augen funkelten, die Hände bebten. Ruhig
und lächhelnd stand der Giaf unter der Thüre,
aber in seinem Blicke leuchtete etwas, was
Mr. Lloyd nur zu gut verstand.

„Sogleeich mein Kind, ich will nur erst
sehen. was der Graf wünscht.“ sprach Mr.
Llond zögernd.

.Er geht also vor 7* klagte Genebra.

„Bleiben Sie, mein Fräulein,“ drängte
der Graf, „es wäre ja wie Hamlet, ohne den
dänischen Prinzen, Zühren Sie Ihre Tochter
herein, Mr. Lloyd.“

Das stolze Mädchen war wie gelähml
und schien jede Macht des Widerstandes ver⸗
loren zn haben.

Ihr grausames Töchterchen sagt mir,
Sie würden mir die Thür weisen, weil ich
gewagt habe, ihr von meiner Bewunderung,
von dem Tribute“ meines Herzens zu sagen.
Die Drohung erschreckt mich selbstvertändlich,
und ich bitte um Ihr Verdict“.

Trotz aller Aufregung bemerkte Genevra
die höhnische Sicherheit, den bewußten Troß
des Tones und blickte flehentlich a uf den
Vater, sihr war's, als wolle sie den Staub
unter feinen Füßen küfsen, wenn er mit ge⸗
wohnter Würde den frechen Menschen zurecht⸗
weise. Aber ach! Mr. Lloyd rieb verlegen
die Hände, wechselte die- Farbe und sprach
endlich heiser: „Sie haben Genevra sicherlich
mißrerstanden, Herr Graf; warum auch sollte
ich Sie aus meinem Hause weisen und moch
wiel weniger aus Lord Cuthberis Schloß ?8

.Warum auch 7 bdas ist's gerade, was
ich dem Fraͤulein begreiflich machen wollte.
Sie aber weigert sich zu glauben, daß meinet
Herzens Hoffnungen Ihre Sanction: erhalten
**— Wollen Sie ibr das gefälligst sa⸗
gen 8*
O der Uebercuth des Tones!
Wieder blickte Genevra flehende auf den
Vater, aber sein Auge war gesenkt und beach⸗
jete die stumme Bitte nicht. Tiefer und tieser
neigte sich des armen Mädchens Haupt, lie
wunte, was nun lommen mußte.
„Ich gestehe, Graf, daß ich es mit Ver⸗
ganügen saähe, wenn meine Tochter Ihre Wer⸗
bung annähme,“ sprach der Banquier langsam
und schwer.
„Hören Sie das, mein Fräulein ?d —
Ja, ich höre es, aber wenn Sie auch
durch irgend welche Schlechtigkeit meinen
Bater bestochen oder seine Nachgiebigkeit er⸗
zwungen haben, so ist es doch ein ganz ander
Ding, Genevra Lioyd zu gewinnen
Mit diesen Worten eilte sie hastig aus
bem Zimmerund strauchelte beinahe üuber
Lord Cuthbert. der eben aus dem Garien
kam.
Um Gotleswillen, Fraͤulein, waßs fehll
Ihnen?“ rief er besorgt, „Sie sind so bleich,
daß ich bitte, mir zu erlauben, Sie an die
Luft zu geleien“··.. 222
Sie entgegnete keine Silbe, er führte sie
hinaus und trat in zarter Rücksicht dann so
        <pb n="92" />
        weit zurüd, um sie nicht zu Abren. Wenige
Minuten später lam sig wit trühem Lächeln-
zu ihm · 2
Ich fühle mich besser und will in's Haus
zurüdlehren. ···· 44*
Sie haben sich wohl in letzter Zeit zu
sehr angestrengt ··
Nein, nein, das ist es nicht. Es ist ein⸗
fach die Zeit gekommen, wo auch mir mein
Theil an Kummer und Leid wird, und ich
war so lange blind und eigeawillig. daß ich
nechis ruhig ertragen laun ·... J
unsagbarer Schmerz, namenlose Demüthig⸗
ung lag ig dem Tone. Lord Cutbbert be⸗
rachtete sit erstaunt, war das die stolze Viß
Llond /
aAlso auch Sie —“ murmelte er traurig,
und ich hatte gehofft, es würde Ihnen jede
bittere Ersahrung eripartꝛc.
ielleicht erwartete ich das selbst und
u wird mir nun eine heilsame Lehre. Ich
og meine Gewande zurück, auf daß nicht ge⸗
einer Staub sie berührt, und nun ist es
wohl gut, daß ich mein Haupt in Schmach
beuge ·.. 8
Immer bitterer wurde der Ton. bis sie
bes Gutsherru erstaunte. Miene bewerlie und
exglühend schwieg. WM
Wihß Llohd, Sie wissen wohl, daß Sie
uͤber meine Dienste zu. verfügen haben, daß
ich gꝓlüdlich wãte, wenn Sie dieselben an⸗
nahmen.“
. Rein, nein, Lord Cuthbert,“ rief sie
abwehrend, „des bedarf es nicht. Noch hat
mein Kummer keine greifbare Form, und ich
din kindisch genug, mich über Schatten zu
angftigen. Abec ich will Kraft sammeln- und
Muth: um dien Gespenster. beberzt zu ver⸗
scheuchen.“ 31 *. — 52
Bei Tische überraschie sie Lord Kuthbert
bucch ihrr frohes Geplauder. Der Graf beob⸗
achtete sie und. freute sich, daß sie so leicht
sich den Verhältnissen, füge, der Bgyr quier
aber kannte sie desser und fürchtete eine Unr
berredung. Als sie sich, erhoben, dat sie ihn.
se ih den Garten zu hegleiten.
IJetzt micht. wein Kind, ich will mit
dord Cuthbert die Pferde besehen“

Aber, Papa, ich habe Dir nur zwei
Worte zu sagen.“

Er folgte ihr schweigend.

„Ich will heim, Papa,“ begann sie, als
sie sich allein sahen, „es ist höchste Zeit, daß
ich gehe. Wirst Du mich Morgen begleiten ?“

Aber, liebe Tochter, was würde man zu
solch schneller Abreise sagen ?“

Nichts, denn ich sprach davon so lange
ich hier bin, Niemand wird sich über unser
Weggehen wundern, als Graf Lubin, der die
Frechheit hat, mir zu sagen, ich solle gar nicht
gehen.“

Des Mädchens Auge flammte, die Lippe
bebte voll biiterer Verachtung. Als der Ban⸗
quier schwieg, erbleichte sie, ein düsterer Schat⸗
ten legte sich auf ihre Züge, der Hoffnungs⸗
schimmer schwand vor dem Zweifel, dem vagen
Schrecken, der sich ihrer Seele bemächtigte.

„Bater, Vater, warum antwortest Du
nicht? geht Dir dieses Menschen Wille über
Deiner Tochter Glück und Ehre 7“

Lawrence Lloyd verbarg das Antlitz in
den Händen und sprach dann schmerzlich be⸗
wegt; „Bezweifle Alles, Genevra, nur nicht
Deines Vaters Liebe. Du mußt wissen, daß
mir die ganze Welt nichts gilt im Vergleich
mit Deinem Glück.“

,Warum beeinflußt Dich dann dieser
herhaßte, unheimliche VUtann ?“

Sie hatte sich zärtlich au ihn — geschmiegt
und fühlte, wie leiser Schauer ihn durchbebte.

„Diese kindische Abneigung wirst Du bald
vergessen. Der Graf ist in London g achtet
und deliebt, und die Vermählung mit ihm
ist unter den gegebenen Verhältnisstn das
Beste. Und, ist es denn nichts, Grafin zu
—XX

„Für mich nichts als unendliche Schmach,
namenloses Elend, grenzenlose Demüthigung.“
Anea Ggortfetzung folgtz.

Mannigfaltiges.
Von der Schweizer Grenze schrieb ein
Schweizer an seinen am Miitelrhein weilenden
Freund im heimischen Dialekt: „J glaubi mit
Waribaldie ischts nu balt gari baldi ausi.“
J Veud und Vertgg von FJ. X. Denae z in St. Ingbert. 57
        <pb n="93" />
        Anterhaltungsblatt

p 4
7
J St Ingberter Anzeiger.“
Nr. 2⸗ æ.

DonStag, den 23. Februar

— —
1814.
—Lord Cyle. e red

Nach dem amerikanischen Originale des

Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
(OmbsJ.
Gaortsehung.) —
Stellen wir die Frage anders,“ bat der
Banquier, ihre heißen Hände streichelnd, „ist
es für meine Tochter nichts, des Varers
Wünsche zu erfüllen, seinen innigsten Segen
—

Sie senkte weinend das Haupt.

„Doch lassen wir die Sache vorerst, mein
Kind. Wir kehren bald heim und dann hast
Du Zeit zu ruhiger Ueberlegung. Inzwischen
behandle den Grafen artig um meinetwillen
und lasse die Eutscheidung künftigen Tagen⸗“

— Ich war auf meines Vaters flckenlose
Ehre stets stolzer, als eine Prinzessin auf
königliches Geblüt und kann deßhalb nicht
bezweifeln, daß Dein Rath der bveste isi.
Schieben wir also den Kampf auf, obgleich
mir's eigentlich eine Schwäche scheint.“
Er küßte sie, er hatte keine andere Ant⸗
wort.

Der Graf kam langsam den Gartenweg
entlang und Genevta's Blut wallte, als sie
das höhnische, lächelnde Gesicht erblickte.

„Sie genießen den schönen Tag im Freien,
Fräulein ? Hoffentlich läßt die reizende Um—
gebung Sie den Entschluß, Lyle Hall zu
Serlassen, bereuen. Sie reisen doch wohl noch
nicht ab?' ß

„Rein, ich füge mich dem Wunsche meines
Vaters,“ entgegnete sie stolz.

*Solch kindlicher Gehorsam ist rührend,“
jagte er nachlässig mit einer Blume spielend,
„ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie sehr
er mich entzückt.nn

„Vater,“ ich will nach Kitty sehen, und'
sie auch in den Garten geleiten,“ bemerkte
Benevra, und eeilte fort, ohne des Grafen
Rede ihrer Aufmerksamkeit zu würdigen.“

Als Genevro die Halle betrat, fand sie
titth bereits im Begriff heraus zu kommen
und neckischte die Größen ihrer Führerinnen
bergleichend.
„O Tante“ Barbara, Sie nehmen sich
deben Mama gerade aus wie eine zierliche
Fee, die eben aus einer Nußschalenoquipage
stieg, und mir ist's als würde ich von einet
Pygmäe und einem Riesen geführt. Ah, da
donmt Genevra, nun wird mein Niese einen
Befährten erhalten und Fee Wundermild solch
lebesischer Dienste euthoben. Es sinden fich
wohl würdigere Aufgaben für sie

Und welche, wenn ich kitten darf ?“ lachte
Tante Barbara, während Genevra schweigend
hre Stelle einnahm, „ich stehe natfürlich
sammt meinem Zanberstab zu Diensten.

„Will's uberlegen,“ antwortete Kitth hel.
jer, „aber Sie haben schon so diele Wuuder
zewirkt, daß man kaum mehr oeiß, was zu
wünschen übcig bleißt. Ich bin eine Erkin.
der Kürbis hat sich in eine Kaross; verwan⸗
delt und die Mäuse in präshtige Rosse, die
drüben in der neuen Heimath mich erwarten.
Meine Ballkleider stecken ganz uledlich in den
Dukaten, die Mamachen in meine Börse zau⸗
berte, es vlüht die Hoffnung den geliebten
        <pb n="94" />
        Vruder wieder zu finden — o Tanichen, waß
soll ich uoch wünschen ß55
Sind ia der⸗ Sache schon Schritte ge⸗
schehen ?“ unterbrach Genevra das lindlich
frohe Geplauder.
..Lord Cuthbert begibt sich heute selbst in
die Stadt, weil ihm die schriftliche Nachricht
nicht genügt,“ bemertte Mrs. Cartright.
„Run, Sie haben doffentlich eingesehen,
daß Sie, trotz Cuthberss Jugend, keinen
bdessern Rathgeber finden lonnten, als ihn.“
sphach Miß Barbara flolz,und ich glaube
behaupten zu dürfen, daß der Beweis seiner
Sinnes- und Chatakteränderung nun genügend
geliefeit ist.“

Igh stimme Ihrer Ansicht von Herjen
bei,“ bekräftigte Genevra ernst, „es ist auch
meine Ueberzeugung, daß Lord Cuthberts
Tharakter übet jeden Tadel erhaben ist.

.Danke, danke, Genevra,“ rief das alte
Fraͤulein vergnügt. „Sie wissen, wie mich
hieses Wort gerade von Ihnen freut.“

Genevra's Bemetkung war aber auch zu
anderen Ohren gedrungen. Untet einer offenen
Thüre stand Lord Cuthbert mit einem Briefe
in der Hand, und obgleich sein Auge sich auf
Fans Papier jeukte, verriethh die Rothe seines
jünilihes doch, daß ihm des Madchens Worte
nicht entgangen. Auf der andern Seite waren

Mir. Llohd und Graf Lubin eben eingetreten
und auch sie hatten wahrscheinlich die Scene
mit angesehen, Genevra wenigstens verstand
den zornigen Blick, den Lubin dem Gutsherrn
zuwari.
„O daß es ihn forttriebe!“ dachte sie.

Dieer Wunsch allein bewieß. wie wenig
sie ihn zu beurtheilen verstand. Der durch
des jungen Mädchens Worte bedingte Arg⸗
—V— Lyle Hall
nicht zu verlassen, so hauge! die Llond dort
weilten.

Noch am gleichen Tage folgte er Lord
Fulhberi unter dem Vorwande, den Stand
der Felder zu besichtigen und bevor sie zu⸗
rüctamen, halte er seinen Zwederreicht, d. b.
er hatte eutdect, daß der junge Eoelmann
Henebra liebe, daß aber irgend welcher Grund
rasches Vorgehen verbiete, uud hatte ihn mit
der vertraulichen Mitheilung überrascht, daß

a mit des Vaters Benehigigunz sich um Ge⸗
hepra bewerbeß.. 3

Diese Nachricht war niederschlagend für
Lord Cuthbbert, der sofort fühlte, daß, troß
aller vermeintlichen Enmssagung, die Hoffnung
die Geliebte zu besißen, doch tief im Herzen
wurzele.

Nachdem der Graf erreicht hatte, was er
gewünscht, verließ et Lord Cuthbert, zu dessen
großer Erleichtetung, als fich ihm ein Ober⸗
aufseher nahte und schrikt langsam dem Hause
zu. Der breue Beamte bemerkte sofort des
Bebieters Zerstreuung und Aufregung.

„Soll ich Ihnen die Abrechnungen nicht
lieber heute Abend bringen ? es ist jetzt warm
und ich fürchte Euer Gnaden sind nicht wohl.“

.Ja. Watson, es wird besser fein.“
EErlanben Sie mit noch eine Bemerlung,
Mylord. Seit ungefähr acht Tagen streicht
rein junger Mensch um das Gut und scheint
zu spioniren. Er hat sonderbares Gebahren
iind macht bald den Eindruck der Verheim⸗
lichung, bald der Verrückth⸗it. Sein Gesicht
jann man nicht sehen, denn er gibt Zahnweh
vot und hält sich den Kopf verbunden. Ich
degegnete ihm selbst einige Mal und fragte
hn neulich, was er eigentlich hier wolle?
ünsere gegenseitige Neugier fand aber wenig
Befriedigung, denn er wollte mich über die
Befuche im Schlosse ausforschen. Dann erkun⸗
aigte er sich noch um das Gut, die Mühle,
die Dienerschaft und die Taglöhner und schien

äch jür Alles lebhaft zu interessiren. Aus ich
m sagte, was die ganze Gegend behauptet,
daß es nie einen Lyle gegeben mit solch klarem
Ropf und hochterzigen Charakter, wie Euer
Huaden, wiederholle er die Worte und seufzte
so tief und schwer, daß er mich wahrhaftig
dauerie. Dee Sache war mir auffallend, und
ich nahm mir die Freiheit, eß zu melden.“

Lord Cuthbert hatte erst gleichgültig zug
gehört, dann erbleichte er plößlich. 51

Wie sah der Mann aus, Walson?“
TDas ist schwer zu sagen, Euer Gnaden.
denn er trägt einen großen Zahnbund, hat
die Mütze tief in die Stirne gedrüdt und den
Rockkragen hinaufgeschlagen. Jedenfalls aber
muß er erst krank gewesen sein, denn das Ge⸗
sicht ist abgewagert und die Hände weiß. wie
die eines Wiegenkindes.“
        <pb n="95" />
        „Und seine Ungen

„Sind blau. Zuerst erinnerten se mich
an Euer Gnaden, aber sie sind doch noch
viel blauer.⸗⸗

Der Besitzer von Lyle Hall athmete schwer
und ergriff Watsons Arm.

Der Maun muß gefunden und zu mir
gebracht werden..

„Sehr wohl, Euer Gnaden. Ich gab mir
bereits alle Mühe, herauszubringen, wo er
sich Rachts aufhält. Bei Tage streicht er herum
und ist wahrscheinlich auch jetzt in der Nähe,
denn er hat enischieden genaue Localkenntniig.“

.Er muß gefunden werden,“ wiederholte
Lord Cuthbert, und Watson konnte nicht klar
werden, ob des Gebieters Züge wilde Freude
oder namenlose Angst ausdrücten. Es schien
ein Tag der Ueberraschungen, denn kaum
hatte sich Lord Lyle von Watson abgewendet
und den Park betreten, als ihm der Foörster
entgegen kam.

Wenn es Euer Gnaden gefällig ist,
möchte ich mir ein Wort erlauben. Auf un⸗
serem Grund und Boden spionirt ein sonder⸗
barer Mensch. Erst vachte ich, er habe es
auf das Wild abgesehen, aber er trägt nie
eine Flinte und macht im Ganzen auch nicht
den Eindruck eines Wilddiebes. Er wohnt im
Hirsch, aber die Wirtusleute wissen nichts
weiter, als daß ihn ein Polizist besucht habe.“

Lord Cuthbert war nun cefaßter urd ver⸗
rieth die innere Bewegnung nicht mehr.

Danke Backe,“ entgegnete er euhig, „es
ist gut. daß Sie mich dadon in Kenntuiß
feßten, ich werde noch heute in's Dorf reiten.

Freundlich erwiederne er des Jägers Gruß
und schlug einen abgelegenen Piad ein, der
zu den Stallungen führte. An einer Biegung
des Weges demerlte er zwei Prjdnen, die
er in Folge der zierlichen Giltalten für Kin ⸗
der hielt. 42

Der Knabe sprach lebhaft und des Mäd⸗
chens Geberde: werriein Aerger, und Wider⸗
spruch.“ 4

Ail der Junge den Gutcherrn erblickte,
stieß et einen Freudenruf aus.

„Das ist der Herr, Nina, der Gutsherr
Lord. Lyle. Nun kann er Dir selbst sagen, ob
ich die Wahrheit sprach, denn er — kein
Grund es zu verheimlichen“

VDes Anaben intelligente Züge interessir⸗
ten Lord Cuthbert trotz der eigenen Uuf⸗
regung.
stann ich Ihnen irgendwie dienen d—
fragte er freundlih

»Die Dame schlug den Schleier zurück.
RNein, es war kein Kind, in diesen Augen
glühie des Weiben wuͤde Leidenschaft..

„Siehst Du, Jon, was Du nun ange⸗
richtet hast,“ sprach fie mit fremdländijcher
Betonung und verneigte sich voll Grazie.

„Verzeihen Sie, Mylord, wenn wir uns
erlaubten, Ihren Boden zu betreten. Mein
eisersüchtiger Bruder hat einen meiner Freunde
unter der Zahl ihrer Gäste ausgekundschaftet
und doch möchte ich um keinen Preis, daß er
erfühzre, wie lindisch ich mich von Jon beein⸗
lussen ließ. 4

„Es ist nicht kindisch, Niaz laß Du
mich sprechen und die nöthigen Fragen stellen.
Ich war dort unter den Weiden, CEuer
Bnaden, als Sie mit dem Menschen, mit
Braf Lubin wollt' ich sagen, den Kanal ent⸗
lang kamen, und ich hörte, daß er Ihnen
mittheilte, er werde sich mit Miß Genedra
Llond vermählen. Bitte. Mylord, sagte er so

„Das fagie er allerdings,“ antwortete
Lord Cuthbert, „aber es wollen, ist ganz
eiwas Anderes als der Dame Einwilligung
erlangen.“ J

„Er sagte et7 sagte es wirklich,“ rief die
Fremde leidenjchaftlich, „o es ist zu nieder⸗
—XVR——

„Stille,“ flüsterne dad vorfichtige Kind,
„hüte Deine Worte. Glaubst Du nun, daß
ich Dich nicht betrog dd

„Ja.“ . 2 383

„So laß uns gehen.“

Widerstandslos folte fie den Bruber,
der jedoch im aãchsten Moment wieder zu⸗
rüdjpraug.

Bine, eber Gudiger Herr, lagen Sie
der Schange nichts von uuserem Hiersein“

Dem Grafen“? werde ich michts sagen,
aber die veiteffervr Dame ist mir sehr be⸗
kreundet J··c·. J

„Dann vewachen Sie ihn aum ihret⸗

willen, dem er ist ein elender Beirümer und hat
uns schon Jammer und Elend genug verursacht.“

Miit diesen Worten eilte er der Schwester
        <pb n="96" />
        nach und verschwand bald auf der nahen
Landstraße. ⸗ —

.Die Sache muß untersucht werden,“
sagte Lord Lyle zu sich, „sobald die eigenen
Angelegenheiten geordnet sind. Ihr Glüd soll
nicht beeinträchtigt werden, auch wenn ich es
nicht theilen darf. Wie mir das Herz pocht!
Ist es freudiges Sehnen nach naher Erloösung
oder küstere Ahnnung neuer Uchel )

Er betrat die Stallungen, führte Hector
selbst heraus und sprengte bald mit verhünge
dem Zügel davon. Als er dor der Thüre des
Dorfwirihshauses hielt, erschien sofort der
Eigenthümer, den seltenen Gast zu begrüßen.

„Guten Tag, gnädiger Herr, was steht

Diensten?*

Meine Leute sagten mir von einem Frem⸗
den, der hier Herberge genommen. Kann ich
ihn sprechen ??

Versteht sihh; er ist gerade bei Tische.
Wollen Euer Gnaden nur eintreten,es ber
darf teiner Meldung.“
Ich wünsche den Fremben ollein' zu
sprechen; sorgen Sie dafür, daß wir nicht
gestört wetden.“

„Sehr wohl, gnädiger Herr,“ sprach der
Wirih neugierig und unterthänig, führte den
Gutshetrn in's Haus und zeigte auf eine ge⸗
schlossene Thüre am Ende des engen Ganges.

(Fortsetzung folgt.)

Surrah Germania?“?
hurrah, du stolzes schoͤnes Weib,
durrah Germanial
ie kuͤhn mit vorgebeugtem Leib J
Am Rheine flehst du dal
Im vollen Brand der Juligluth,
Wie ziehst du frisch dein Schwert!
IDie fruift du zornig froggemutzz
dun Schuß vor deinen Heerddd
urrah hurrah, hutrab, Hurtah Germanial9:
Du dachtest nicht an Kampf und Streit;
In Fried und Freud' und Kuh/
miuf deinen Feldern weit und breit,
Die Grute schnitieß du..

dei Sichelllanz im Aehrenkrang
Die Garben führst du eiin;z;z J
Dda plözlich horch, ein anderer Tandg
Das Kriegshorn überm Rhein 1
nest pae harab, Gurrah Germanial;:

Da warfn die Sichel du ins storn,
—A
Da fuhrst du auf in hellem Zorn, —
A a⸗
Schlugfi jauchzend in die Häunde daun:
Wiust Du's, so mag es sein!“
Auf, meine Kinder, alle Mam
Zum Rhein; zum Rhein! zum Rhein
HZurrah. hurrah, hurrah, Hurrah Germanial:,
Da rauscht das Haff, da rauscht der Belt,
Da rauscht das Deutsche Meer;
Da rückt die Oder dreist in's Feld..
Die Elbe g eift zuu Wehhl
Reckar und Weser stürmen an.
Sodar die Fluih des Mains
Dergessen ist der alte Span⸗
Das deuische VBolk ist Eins.
Hurrah, hurrah hurrah, Hurrah Germanial:
Schwaben und Preußen Hand in Hand.
Der Nord, der Süd Ein Heer !!
Was ist des Deutschen Vaterland.
Wir fragen's heut nich mehr
Ein Geist, Ein Arm. Ein einz'ger Leib,
Fin Wille sind wir heut ——
hurrah, Germania, stolzes Weibl
Hurrah, du große Zeit
Hurrah, hurrah, hurrah, Hurrah Germanial 3
Mag kommen nun was kommen mag:
Fest stedt Germaniaa
Dies ist All — Deutschlands Ehrentagl
Nun weh dir, Gania! 0
Weh, daß ein Räuber dir das Schwert
Frech in die Hand gedrückt!
Fluch ihm! Und nun für Heim und Herd
Das deutsche Schwert gezückt!
durrah, hurrah,. hurr:h, Hurrah Germaniab:
Fur Heim und Herd, fur Weio und Kind,
Fur jedes theure Gut· —A———
Dem wir bestellt zu Hütern find
Vor fremden Frevelmath!
Fur deutsches Kecht, fur deutsches Wort.
Fur deutsche Sitt und Art, F
Fur jeden heil'gen deutschen Hort,
hurrahl! zur Kriegesfahrt! 21
Hurrab, huͤrrah, hurrah, Hurrah Germanial::
Uuf, Deutschland, auf, und Gott mit, dir
In's Feld! der Würfel klirrt!
Wohl schnürt's die Vruft uns, denlen wir
Des Bluts das fließen wird, *
IEXVXCAR
Denn siegen wirst Du jat —WR
Droß, hexrlich, siei wie nie zuvr rẽ
Hhurrah Germanial Hurrah Bictoria! J
Zutrah Germania! hurrah Victoria!
58Sreiligrath.

4 —

Druct an⸗ Vertag ven F. X. Denaex in St. Ingbet.
        <pb n="97" />
        Anterhaltungoblatt
—2 —
zum

F — * J

2
—* * 777
St Ingberter Anzeiger.““

Nr. 254.

Sonntag, den 26. Ferrar

187.
Lord Lyfse.
Nach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Manners.
Erei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
Ombs.) J
Goaortsetung
Nachdem der Wirth sich entsernt, blieb
Lord Cothbert mit klopfendem Herzen einen
Augenblick vor der Thüre stehen. Sein Ant⸗
litz war bleich, auf den bebenden Lippen schien
ein Gebet zu zittern. Dann öffnete er leise
und trat ein..

Mrs. Cartright näherte sich mit freund⸗
lichem Lächeln. J

„Du wachst Kitty! und bitte, was soll
das trostlose Gesicht? /

„D täusche mich nicht, Mama, auch wenn
ich aufgehött habe, Dich zu verstehen. Erst
ertrugst Du Krantheit, Armuth und Leiden
mit der Ergebung einer Heilrgen, und seit der
Hinimel Dich gesunden üeß und uns mit Seg⸗
nungen überhäufte, härmst Du Dich sichtlich
ab. Angenommen das Gerücht sei falsch, so—
ist's doch nichts im Vergleiche mit dem, was
wir früher gelitten. Wie oft sagtest Duß. es
jei Alles gut. denn Hugosei eingegangen in
den sicheren Hafen. Kaäme er nuu kebend
wieder, fünde Dich gesund und in angenehmen;
Verhältnifsen, so wäre es doch wohl auch
zut. Warum olso grämst Du Dich k*.3Ich
fühle wodl ebenfalls das Hangen und Bangen
der Ungewißheit, aber die Hoffnung ist doch
auch schön, um so mehr, als es schlimmston
Falles nur ist, wie wir schon seit auderthalb
Jahren annahmen.“

Für Kitth war das eine lange ernste
Rede, und die Mutter küßte sie mit beinahe
feierlicher Zärtlichteit und trochnete ihr leise
die glizernde Thraäͤne vom Auge.

„Gedulde Dich nwoch ein wenig, lieb Herz,
die Lösung des Räethsels muß bald kommen.
Ich kann nicht leugnen, daß mein ganjzes
Wesen eigenthümlich bewegt ist, daß Hugo
Tag und Nacht mir im Sinne liegt, und
zwar mit einem Gefühle von Schmerz und
Liebe, Hoffnung, Furcht und Zagen, das un⸗
möglich wäre, wenn er eingegangen zur ewigen
Ruhhe.“*

Mrs. Cartright lehnte am Fenster und
jah Lord Cuthbert sortreiten. Sie seufzte tief
und blickte ihm unruhig und sehnend nach.
Der Aufenthalt in Lyle Hall und die ver⸗
ünderten Verhältnisse wirkten eigenthümlich
auf die Gemüthsstimmung der Dame. Sie
eischien gealtert, angegriffen und von nervöser
Rastlosigkeit befangen. was für Kittyh einen
endlosen Quell schmerzlichen Erstaunens bil⸗
dete.
Das Mädchen lag schlafend auf einem
Sopha, aber der Hufschlag weckte sie, und ihr
Auge heftete sich forschend auf die Züge der
Mutter, welche gerade in dem Momente, da
fie sich unbeachtez glaubte, hager uvd einge⸗
fallen erschienen, während die bebenden Lippen
deutlich von innerem Leiden Zeugniß gaben.

„Mama, Mama, Du grämst Dich wegen
Hugo zu Tode, und was soll dann aus mir
werden ? .

11
        <pb n="98" />
        „O Mutter,“ bat Ktiitty weinend, ‚Du
verdirgft mir ganz entschieden etwas. Auch
Lord Cuthbert war sonderbar bewegt und wenn
ich denle — —“

„Denke nicht darüber nach, mein Kind,
IIIO
mich nicht, ob eines Schattens quäle.“

.„Wo ist Genevra ?“ fragte Kitty nach
kurzer Pausee.

„Sie ist mit ihrem Vatet und vem Gradͤ
fen ausgefahren.“

.„Wus hälist Du von GrafLubin,
Mama ?“

„Ich habe mir lein Urtheil über ihn ge⸗
bildet.“
.Das dabte ich,“ seufzie Kitih.

„Das Wetter ist schön und warm, mein
Nind, und wenn ich wüßte, daß die Auftreng⸗
ung Dix nicht schädlich wäre, möchte ich Dich
wohl in den Garten führen “

„O ich weiß. wasß wir ihun Mama;
gestern wollten mich Lule, und John auf den
Armen hinauatragen, bitte, laß es geschehen,
denn das iß ein wahres Ereigniß füu mich,
und e wird mir zu Muthe jsein. wie einem
Kinde“ 33

, Bist ahneben nicht biel mehr. Voch wir
mollen sehen, waag Lule hazu sugt.“

Min der gute Mensch wird sich freuen,
aber sie sollen mich. nicht; in der Sünfte oder
den. Tragsessel wogen. iandern anf Kinder⸗
manjer.?

Ea geschah. Welch regenden Geusrebildchen
als die beiden Diener dos hübsche junge
Maädchen sprgfültig auf den starlen Armen
tvngen.mãhrend. sie lündlich sich freute und
die weißen Händen traulich um die braunen
Nacken schlang. 7

In der Laube war's zu sonnig, und Luke
meinte, unten am Rande des Parkes sei ein
warmes, trockenes Plaͤtzchen, wo die Voͤnlein
lieklich zwischetten und. das Bächlein fröhlich
plätichete.

Aber Luke, ihr sprecht ja ganz poetisch.
traot mich zu dem Bächlein. das froöhlich
plaischert·

Das reizende Plätzchen entsprach ganz der
Verheißung des treuen Alten, Luke bewun derte
NKitthj Cariright. und, hoffte im Stillen,
fie möchte Lord Cuthbert ebenfalls gefallen und.

er sie eine Taget als Herrin des Schlofses
heimführen.

„So, jett geht Alle fort,“ sprach sie freund⸗
lich lächelnd. Du, Mama, ruhe aus und
schreibe all' Deine Briefe, denn ich bleibe wohl
den ganzen Nachmittag. Mir ist zu Muthe,
wie der Königin eines Zauberreiches.“

Sie gingen, nicht ohne sich mehrsach nach
dem lieblichen Bilde‘ umzusehen. Dort ruhte
Kiny auf dem blumenbesäeten Rasen, die
Weinxauken. bildeten einen malerischen Hinter⸗
grund, das weißße Gewand hob sich leuchtend
ab und die golddraunen Locken fluteten über
das Kissen, das ihr Haupt stützte, vährend
die tiefblauen Augen träumerisch umherirrten.

All' das sah noch Jemand, dem der Reiz
des abgelegenen Piätzchens. dessen Stille nur
dom Gezirhe der Jusecten, dem Zwitschern.
der Voͤgel und dem monotonen Gemurmel des
Bächleins unterbrochen wurde, wohl bekannt
war. Er lehnte auf giner Moosbank hinter
des Weinranken, die sich von ihren Pfaͤhlen
aus in die Zmeige der nahen Eiche geschlängel
hatten, und sa nach und nach ein leichtes
porhangähsliches Gewebe bildeten, dos der
leisefte aftzug bewegfhe.

Kitty lag ruhig und unbefangen, ihr Auge
solgte mechanisch jeder Bewegung ihrer Um⸗
gebuug. Ein Schmetterling sehte sich auf das
—XVXEI
jein träges, nitzloses Dasein und lachte über
die eigenem drolligen Einfälle, ein Vdgelchen
hvüpfta vum Zweige, und auch ihm hatte das
DPädchen. gar Manches zu sagen, während
sinter dem rankenden Wein erst in gleicht
zültigem Wohlgefallen, dann in vagem zunch⸗
menden Interesse und endlich in tiefer seh
aeuder Zärtlichleit sie unnerwandt ein Augenpaar
beobachtete.

Die süße Natürlichkeit, die liebevolle
Herzlichkeit, die sich selbst solch einen Wesen,
wie Vögel und Schmetterlinge gegenüber, bes
fundete, hatte auf den rastlosen, von Seldst⸗
porwürfen gefolterten Wanderer wunderdar
verheißungsvollen Reiz. EcIchaute und lauschte
und seufzte und lauschle' und schaule und
lächelte.

Plotzlich horte Kitih leises Rauschen hinter
fich und hob neugierig das Haupt: Ob wohl
ein Kaninchen oder Eichkähzchen kommen möchte,
        <pb n="99" />
        ein schönes Thierchen, das die Gegenwart
eines menschlichen Wesens nicht ahnte Des
Vdädchens Augen leuchteten wie Sterne.
Es kam nichts zum Vorschein. B
„DO wie schade,“ flüfterte ste, „ich war
schon auf sonderbaren Besuch gefaßt““
Wieder rauschte es und dieses Mal be⸗
merkte sie euwas Weißes. Sie lauschte athewmlos.
Bewißß war es das Pistchen irgeud oines
niedlichen Thierchen. Nein — es zeigten sich
fünf Finger — wohl Finger einer Menschen⸗
hand, deun sie waren zu groß für eine Fre,
zu weiß und zart für einen Koboldd.
„Wer in aller Welt steckt dahinten d tief
sitth fröhlich, „im Namen aller Spuckgeister
rscheine!“
Und die Weinranben theilten sich, und
ein sonderbarer Kauz mit schäbigem Manteh
und verbundenem Kopfe⸗ kam zum Vorschein.

In des jungen Mädchens arglosem Wesen
lan teine Furch.

„Ei Du meine Güten“ lachte seeee

Die wäthselhafte Gestalt verbeugte sich
nicht ohne Grazie.

„Lord Euthbert vermummt der fragte sich
siltn zweifelnde und verwarf doch sofort wieder
die · Idee.

Sie haben mich gernfen, ich mußte ec
scheinen·“·

Aber ich dachte, es sei ein Eichkutzchen.
Die kamen Sie hierher 8.wie konnten Sie ge⸗
raäͤuschlos auftreten?

Ich bin schon lauge da und lag wie · eine
Raupe zusan:mengerolln im Moos. JIqh war
lange krank, und die Wärme ist ders desie
alte Doktor unter der Sonne“

Das drollige Geschöpf hewies eine ge⸗
wisse gutmüthige Heiterkeit, die Kitty unter⸗
hielt und gefiel.

„Sie waren also auch krank? das thut
mir leid. Bleiben Sie micht siehen, wenn en
Sie ermüdet.“

„Alfo jagen Sie mich nicht fort 1* fragte

überrascht.

„Warum denn? Will ich mich doch selbst
van der Sanne heilen lassen; ihr Licht uend
ihre Wärme gebörti Ihnen. wier mir.“

Er segte sich ihr geg⸗nüber, brach ein
Weinland und hielt sichs pielenz vor
VBeficht. J . 1812*

V

„Ich sah Sie kommen
„Dann lachten Sie mich wohl aus. Was
dachten Sie eigentlich “““·
Ich beneidete Luke.“ 2*
Lulke ? kennen Sie ihn denn
„Nun, Sie nannten doch feinen Namen
oft genug,“ antwortete eir schnell, ich fürch⸗
eto aur, er würde. mich ausspioniren und
⸗ertreiben, weil ich auf diesem Grund vund
Boden nichts zu schaffen, habe, er gehört ⸗

„Lord Cuthdert Lyle und er würde Sie
nicht vertreiden, wenn das Bieiben Ihnen
zut ware.““

„Meinen Sie? Ra ich will's nicht ris⸗
liron, obgkeich mir das Fleckchen Erde ordent⸗
lich lieb geworden ist. Sie haben Lord Lyte
wvohl gern ?*

Ver sode sich was Sie doch für ein son⸗
derbarer Mensch sude Und warum ˖ haben
Sie denn das Geficht verbunden 888

„Weil ich Zahnweh habe. Also, Sie haben
den Herrn von Lyle Hall gern — vielleicht
so gern, daß Sie den Schiosses Herrim wer—
den. bn dc 3

Wo haben Sis denn eigentlich Manier
zelernte Wissen Sie nicht, doß das eine na—
eweise Frage ist Ich nehme es zwar nicht
so genau, aber waß würde Genevra dagu
agen dc

Und Kitty lachte beim bloßen Gedanken.
Genevra? das ist ein eigenthümlicher Rame.
Ich domme eben von Genf.

„Wirklich,“ rieß Kiuty mit plohlichem In⸗
terefst, wenn Sie wüßten, wenn Sie ge⸗
dört hätten —“

„Was yr e

„Von dem Wiederauftrelen eines Englan⸗
ders, den man für kodt hielt und ver lange

trand und bewaißtlos in einem Alofter weilie.
Er soll Seeretär eines englischen Edelciannes
gewesen sein, und das laßt uns hoffen; daß
es Hugo sei·...

Hugs Cavriright ist das der Name 7

⸗Sie wifsen — 6Sie wisfen e alsor
moin Vruder lebr

Aber wenn c8 Ihr Bruder were; warum

lommt er nicht 3
Dm ist rattsethaft and auch nicht. Wir
— Jener ZJeit arm, und Lord Cuthbert
sehdte uns nach Hugo's Tod einen Jahrgehalt
        <pb n="100" />
        aus. Möglich, daß der arne Bruͤder nun
dachte; es sei für unsere Lage besser, wenn
er kein Lebenszeichen gäbe. Vielleicht auch ist
er geistiz noch nicht völlig erholt. Kurz, ich
weiß es nicht und kann nur sagen, daß ich
von Herzen hoffe, er möge leben und wieder⸗
tommen.“

Sie würden ihn also freundlich will⸗
kommen heißen d Sie lieben ihn wohl ?“

,Ob ich meinen einzigen Bruder liebe 7

Was das für eine Frage ist!“!

Der Fremde seufzte schwer, da aber dauern⸗
der Trübsinn nicht in dem elastischen Wesen
lag, hob er bald das Haupt und rief heiter:
Tauschen ist nicht stehlen. Sagen Sie mir,
was Sie wissen, dann beantworte ich Ihre
Fragen.“

„Gat, aber, es ist grausam mich warten
zu lassen, sprechen Sie zuerst.72

„So will ich Ihnen denn erzühlen, was
mir don der Sache belannt ist. An einem
ewig denlwürdigen, nicht fluchwürdigen Tag,—
kamen zwei Reifende nach Genf. Es war
Lord Cuthbert Lyle und sein Sekretär Hugd
Cuartright. Einer davon joll im See · ertrunken
sein und ist wieder erstanden. Dieser Mann
lam mit mir an Englands stüste und be⸗
findet sich nun in der Nähe

Kitiys Augen überflossen in heiliger

lastet nicht auj Lord Lyle. Doch ich habe
noch eine Frage, liebt Lord Cuthbert Fräulein
Lloyd .7.

„Wie kann ich das wissen?“ fragen Sie
aber, ob ich es glaube, so antworte ich be⸗
jahend.“

Und erwiedert sie diese Liebe ?

Ja, wer das wüßte! Jedenhalls hat fie
frühere Vorurtheile abgelegt. Es gab kine
Zeit, wo sie feinen Namen nicht hören konnte,
nun hat sie öffentlich erllärt, seine Charakter⸗
anderung sei zweifellos, seine Ehrenhaftigkeit
X

Der Fremde schwieg lange.

Nitiy begann die Sache zu bezweifeln.
Warum aber gab Hugo keine Nachricht, und
wenn er in der Rähe ist., warum kommt er
nicht solort ð

Nun das ließe sich allenfalls erllären,
Der arme Tropf gerieth unter Wasser, tauchte
wieder auf, griff nach dem Boote und stieß
mit dem Kopf an den Kiel. Damit endete
jede Selbsthüife, und er ging unter wie ein
Stück Blei. Wunderbarer Weise kam er wie⸗
der herauf und wurde am anderen Ufer be⸗
wußtlos ausgeworfen. Ein aemer Fischer fand
ihn, entdedte Ring und Börse, und da für
solch' arme Teufel eine kleine Summe ein
Vermögen ist, deschloß er die vermeintliche
Leiche nicht auszuliefern, sondern sie zu be⸗
ruuben und heimlich einzuscharren. Als er sie
begraben wollte, erdedte er zu seinem Schrecken
Lebenszeichen, wartete in seiner Angit die
Nacht ab, schleppte den nun im Delirium lie⸗
genden Kranten vor die Klosterpforte, zog die
Alarmglocke und floh“

3.6gportseßung folgt.) U

e— Maäthsel. J
Mein Erstes zu sein, ist mein Lezies bestimmt,
So sehr es die Weiber mag schmerzen. *
Den kraftvollen Namen des Ganzen vernimmt,
Der Deutiche mit klopfenden Herzen.

Freude.

Gott segne, o Gott segne Sie für diese
Kunde. Stellen Sie nun schnell. Ihre Fragen,
damit ich zur Mutter eile, deren Herz vor
Sehnsucht nach dem verlorenen Sohne fasi
pergeht.“

„Glauben Sie, daß Lord Cuthbert den
Ertrunkenen; willkommen heißen wird ? den
Mann, der aus dem nassen Grabe erstand 90

Mit weit geöffneten Augen starrte Kitty
auf den Fremden, ein wilder Verdacht, der
auch der Mutter rastloses Wesen erklaͤren
mochte, zudte durch ihre Seele.

Sit wollen doch um Gotteswillen nicht
jagen, daß ein Verdrechen vorliegt ĩ7 sragte
fie entseht, „daß Lord Cuthbert jrgend welche
Streitigkeiten mit Hugo hatte, und daßs Boot
absichtuͤch umgeschlagen wurde

„Warum nicht gar! Nein, solche Saͤuld

Auflosung des Räthsels in Nr. 20 des Unterhal⸗
tunasolaties: Elfaß.
Drud und Vertag von F. X. Deraeß in St. Ingbert. J —
        <pb n="101" />
        AUnterhaltungsblatt

uann
St. Ingberter Anzeiger.
Xr. 26. Dienstag, den 28. Februau

1871.

LCord Eyle.
Nach dem amerikanischen Originale des
Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlevsch.
(Ombs.)

zu weihen, sie vor Hunger und Kum mer zu
schützen, und keinen Schritt zu eigener Legi⸗
timation zu thun, bvor ihm das gelungen.
Die Aufgabe war härter als er glaubte, aber
sie war auch für ihn segensreich, und jeden⸗
falls ist es viel werth, zu wissen, was man
ohne alle äußere Hilfsmittel erreichen könne.
Und so geschah es, daß exr erst jetzt zurück⸗
lam.“ .4

O mein Bruder — o bringen Sie mixr

meinen Bruder!“ 2

Der Fremde nahm die abgetragene Muͤhe
ab und zeigte kurz gelocktes goldbraunes Haar,
löste langsam die Binde vom Gesicht und sprach
eifrig mit sich selbbsht.

Soll ich, der ich um so viel betroͤgen
wurde, auch auf diesen Ersatz verzichten *
Der Knoten ist verschlungen: die Kombtie
maq fortgehen·“·

Endlich war die Binde abgelegt, der
Rockkragen zurückgeschlagen, und ein edles
hübsches Autliß mit blauen Augen wandte sich
ihr zu.

Kit ty Cartright keirachtete ihn mit dem
Derzen im Auge — sie strecte die Hand
aus —

GFortsetzung.)

„O mein Bruder, mein armer, lieber
Bruder !“ klagte Kitty schluchzend.

„Die hochherzigen Mönche nahmen den
Kranken auf, pflegten ihn treulich durch ein
Monate und aber Monate lang dauerndes Ge⸗
hirnfieber, theilten mit ihm ihr karges Stücklein
Brod und behielten ihn noch, als selbst ihnen
der Hungertod drohte. Der Prior des Klosters
starb und hinterließ ihnen Segen oder Fluch,
je nachdem sie an dem hilflosen Fremden han⸗
delten. Als der Kranke sich erholte —“

.Der Kranke, — mein Bruder ?“

‚Ja, der Kranke ihr Bruder.“

„So sagen Sie Hugo, dann weiß ich von
wem Sie sprechen.“

„Als Hugo sich erholte, war er so schwach,
daß er die Verhaltnisse nicht gleich faßte. Er
war überhaupt nie sehr klug —“

„Entschuldigen Sie, er war ungemein geist«
reich, daß wird Niemand bestreiten. der ihn
kannte.“

„Nun, wenigstens zu der Zeit war er
kaum fähig die Finger zu rühren und konnte
fich nicht mit Denken abgeben. Ais er aber
nach und nach begriff, daß er so zu sagen
aus Grabes Nacht erstanden, machte er das
heilige Gelübde im Kloster zu bleiben, bis
Bater Leons Segen sich erfülle, alle Gedanken
und Jaͤhigleiten dem Wohl der armen Moͤnæ

„Ea ist — nein, es ist nicht — und doch
muß es Hugo sein!“

Welch zärtlicher Pathos in dem Toue dieser
Worte!

„Mein theures, geliebtes süßes Schwe⸗
—V

Und sie hielten sich innig umschlungen,
ihr Haupt ruhte an seiner Schulter, ihre
Thraͤnen vermischten sich.

O Hogo, Hugo, wie kin ich glüdlich!

35

1
        <pb n="102" />
        Die Mutter ist yefund, wir haben ein schbnet
neues Heim und Du bist uns wieder gegeben!
D, wie lönnen wir dem Himmel genug dan⸗
ken. Doch komm. Du wirst Dich sehnen lieb'
Mütterchen zu sehen; — was sie wohl zu
der Ueberraschurg sagen mag? Gib mir das
Pfeifchen dort, Hugo, dann kommt fie gleich.“
XIX.
Aeußerlich ruhig, aber mit hochklopfendem
herzen dffnele Lord Cuthbert das kleine Pri⸗
datzimmer im Gasthof zum Hirsch“ und sah
tinen Mann, der eifrig fein spärliches Mal
derzehrie. Der erste Blick auf die gebeugte
Beftalt, die dünnen grauen Locken bewies,
daß ein Irrihum vorliege, und der Gutsherr
wvusite nicht, war es Leid oder Freude, was
ihn so heftig vewegte.

Als der Fremde Jemand eintreten hörte,
„andte er sich und da er Lorb Lyle erkanme,
erhob er sich fofort mit achiunmgsvoltem Gruße.
Er haite sich nicht Tagelang in der Nachbar⸗
schaft aufgehalten, ohne den Schloßherrn zu
sennen, dieser aber erinnerte fich nicht, je die⸗
sea abgezehrte, krankhaft bleiche, schmerzdurch⸗
jurchte Antliß gesehen zu haben, dessen todten⸗
uhnliche Farbe an die Leprosen des Ostent
erinnerte. Selbst die Augen waren krübe und
glanzlos und die hohle Brust erschütterte ken⸗
chender Huften.

Wunschen Euer Gnaben mich zu sprechen.“
fragte er.

„Ich habe mich wohl geirrt. Meine Die⸗
nerschaft meldete, daß ein Fremder sich in
auffuslender Weise auf dem Gute herumtreibe,
und ich keim, ihn zu fehen, er vartete aber eine
ganz andere Person. Entschuldigen Sie.“

„Eigentlich habe ich um Entschuldigung
pa bitten, gnädiger Herr, denn ich gestehe,
daß ich mich in letzter Zeit viel im Parke
aufhielt und ich hatte dazu auch einen Grund,
und zwar nicht meine Gefundheit, denn so
wohlthätig Waldesluft und Sonnenlicht mo⸗
mentan auch wirken mag — das Ende ist
doch das Gleiche“

Wie bleich und leblos erschien das Antliß,
das bereits das Zeichen des Todes trug!
ord Cuthbert fuͤhln Mitleid.

„Sie leiden, mein Herr, haben Sie große
Schmerzen * F 7

Der Fremde lächelte wehmüthig.

„Wenn man viel gelitten hat, stumpfen
sich die Gefühle nach und nach ab.“

„Nun, ich werde dafür sorgen, daß meine
Leute Sie nibbt belästigen, besuchen Sie den
Park, so oft es Ihnen beliebt, es soll mich
freuen, wenn die Luft Sie stärkt.“

„Danke, danke, Euer Gnaden. Ich erlaubte
nir vhnehin schon mehrfache Promenaden dort
uind sah bei der Gelegenheit Ihre Gäste.
Welch reizende Dame war es doch, die heute
rüh mit Graf Lubin ausfuhr 7*

Das bloße Nennen dieses Namens ver⸗
uünderte des Mannes Antlitz. Schien es erst
kalt und leblos ? Jeztzt glühte es in Fiever⸗
hitze, krampshaft bewegten sich die Muskeln,
die Augen funkelten wie Stahl.

Verwundert starrte ihn Lord Cuthbert an.

„Rennen Sie Miß Lloyd und den
Brafen 7

„Ich stand vor Jahren in Geschäftsver⸗
bindung mit ihrem Vater und war nun sehr
erstaunt zu hören, daß das Fräulein sich dem
Brafen vermählen wird.“

Lord Cuthbert seufzte.

„Mylord,“ demerlie der Fremde herzlich.
„Sie dehandelten mich gütiger, als mancher
Edelmann gethan haben würde, und das gibt
mir den Muth noch miehr zu erbitten, auf daß
Diiß Lloyd nicht in die Schlingen eines elen⸗
den Betrügers gerathe.“

„Sprechen Sie von Graf Lubin 7“ fragte
Lord Cuthbert schnell.

„Ja, von dem ärgsten Teufel, denn die
Hölsle seit Jahren ausspie. Doch ich soll mich
nicht aufregen, weil ich jeden Ausbruch der
Ldeidenschaft mit koͤdtlicher Erschöpfung düßen
muß. Sagen Sie mir aur, ob ich in ihrer
Seele gelesen, ob Sie das schöne Mädchen
lieben, es retten wollen aus den Klauen ein es
Schuftes ?

„Ja, und koste es mein Leben,“ entgey⸗
nete Lord Cuthbert innig.

.Wollen Sie dann freundlich mir Hilfe
gewähren, dis ich im rechten Mowent ihn em-
jarve ? Dann werden Sie begreifen, welch
maͤchtiger Faktor die lebende Seele an den
II

Wohl würde ich Alles shun, Miß Lloyd
zu retten, aber ich sehe keine Gesahr. Ihr
        <pb n="103" />
        Bater ist weltklug und zurückhaltend, sie selbst
stolz bis zum Uebermaß.“

.Der Mam aber, der im Befängniß mit
zefesselten Gliedern Pläne schmieden und ans⸗
jühren konnte, vermag auch irgend Jemand
in's Nez zu locken. Beobachten Sie selbst die
Verhältnisse und sehen Sie, ob dieser Graf
Lubin den ftolzen Banquier nicht am Gängel⸗
band leitet. Und er wird ihn nicht loslassen,
bdis seine schöne Tochter ihm vermählt ist.“

„Beweisen Sie diese Behauptung.“

Das soll zur rechten Zeit geschehen. Ge⸗
hen Sie mir irgend eine Stelle in Ihrem
Haushalt, die mir erlaubt, ihn zu beobachten,
ind ich entlarve ein Ungeheuer, wie wohl
selten eines die Erde trug.“

„Er ist mein Gast und ich muß unum⸗
stößliche Beweise seiner Schlechtigkeit haben,
bevor ich solches Vorgehen gestatte.“

„Kennen Sie Boyd, den Bruder des
ficilianischen Consuls 43 Als politische Persön⸗
sichkeit ist er jehr belanut ·..

„Ich kenne ihn.“

Gut. Lesen Sie diesen Brief, den mir
gestern ein Polizist brachte. Wir wverhalten
uns ruhig, damit uns der Vogel nicht cut⸗
omme.“

„Ich verlange keine weiteren Beweise,“
entgegnete er, das Schreiben zusammenfaltend,
„lommen Sie heute Abend in's Schloß, und
die Sach⸗ soll geordnet werden, wenn anders
ich noch etwas zu sagen habe.“ I

Verwundert schaute der Fremde auf und
Lord Cuthbert eilte fort, damit er sich keine
weitere Blöße gebe.

Als Hector die Allee entlang sprengte,
fuhr der Wagen ebenfalls an. Der Graf war
Diß Barbara heim Ausst igen behülflich und
bot dann beide Hände Genevra mit solch
eigernthümlichem Lächein, daß Lord Cuthbet!
in pötzlich aufllammendem Zorne vom Saitel
sprang und die Wagenthüre von der entgegen⸗
geschten Seite öffuete. W

Freudig wandte sich das junge Mädchen
zu ibhm, bot ihm die Hand und begann sofsort
eine lebhafte Unterhaltung. Des Grafen Blidck
ruhte mit boshaftem Leuchten auf dem Paar.

„Genevra,“ rief der Banqnier, „siehst
Du denn nicht, daßz Mih Edesham in“a4 Zaus
Jetreten ist o

„Ja, Papa, aber ich hatte ein Wort mit
Lord Cuthbert zu sprechen.“

Bevor die Dame sich entfernt hatte, trat

Graf zu dem jungen Edelmann.

„Wir verleben heute den letzten Tag bei
Ihnen, Mylord, wir haben lange Ihre Gast⸗
freundschaft genossen und müssen nun bedauernd
scheiden.“ *

„Wie ?“ wiederholte Lord Cutbbert eisig,
„ich hosse, das bezieht sich nicht auf Sie, Mr.
Lloyd 7

„Doch, auf Mr. Lloyd und Fräulein Ge⸗
nevra,“ lächelte der Graf.

Der Gutsherr wandte sich an den Ban⸗

Sie werden doch nicht plößlich abreisen
wollen, Mr. Lloyd, auch wenn Graf Lubin
uns verläßt.“

Ich hatte vhnedies meine Abwesenheil
vom Geschäfte nicht qs verlängern sollen,“
bemerlte Lawrence Llond im Tone tieifter
Demüthigung.

Wieder lächelte Lubin höhnisch. Unier der
Eingangsthüre siand Genebra und ballte in
ohnimächtigem Zorn die kleine Hand, der einst
so stolze Banqier aber senkte schweigend das
Hdaupt, nur die bleichen Züge verriethen die
iunere Aufregung.

Im gleichen Moment erschien Tante Bar⸗
bara mit dem Shawl auf dem Arm und dem
Hut in der Hand.

Genebra! Cuthbert? wo feid Ihr dem
Alle 7 kommt doch und bört, was Kitty zu
erzühlen hat·.

Sobald Cuthbert Lyle Kitty's glänzende,
ihränenvolle Augen sah. wußte er, was sich
erreignet hatte, auch Genevra errieih es io⸗
fert.

quier.

Nitiy faß mit gefalieten Händen auf dem
Divan, ihr Haupt lehnte an der Schutter der
Mutter, deren bleiche, ernste Züge vollig be⸗
wegungslos ærschienren.

„Erzähle doch nur, Kitiy,“ Gef Tande
Barbara mit bebender Stimme.

Mir exrathen es wohl,“ bemerlte Ge⸗
nevra, „der verlorene Bruder ist gefunden und
ich gratulire Dir von ganzer Seele. “
⸗Ja, ja,“ schluchzte Kitih, unser theurer
Hugeo edt, und unser Glück inn nun vollkom⸗
neen, gelt Mütterchen

—*
        <pb n="104" />
        Mechanisch nickte Mrs. Cartright und
drüdte schweigend der Tochter Hand. Alle
wunderten sich, wie sie so kalt und rubig
bleiben kdnnte, obgleich die auffallende Blässe
innuere Bewegung verrieth.

. Ihr habt wohl einen Brief erhalten?“
fragte Genevra theilnehmend.

O mehr, viel mehr,“ schluchzte Kitty,
„es wurde mir besseres Zeugniß, ald kalte,
geschriebene Worte, ich habe ihn gesehen, ge⸗
sprochen, mein Brunder war hier“

.Hier!“ echdete Lord Cuthbert mit zittern⸗
der Stimme. as

Und war das nicht natürlich, mußte er
sich vicht tief bewegt fühlen, wenn der treue
Gefährte dem Leben wiedergegeben ward

„Aber warum wartete er nicht ?“ rief
Miß Barbara, „er mußte doch wissen, daß
Cuthbert sich über seine Rücklehr freuen werde.
Ich sollte Dich zanken Kitty, weil Du ihn
nicht aufgehalten haft.

‚Ich versuchte es auch, aber er sah so
verwildert aus, daß mich; sein Gehen nicht
wunderte. Zunächst wollte er nur sehen, wie
sich die Sachen verhielten, als ob wir ihn
nicht unter allen Umständen freudig bewille
kommt hätten. Seine Verlleidung war so son⸗
derbar, daß ich ihn nicht einmal kannte, ob⸗
gleich ich lange mit ihm sprach, und mein
Herz mich gleich zu ihm zog.“ —1

Den eigenen Bruder nicht gekannt — O
aitiy. Dir fehlt wohl die Klugheit der Fee
Wundermildl!“

„Nein, Tantchen, ich bin nicht so gar
dumm, Sie werden das einsehen, wenn Sit
erst beurtheilen können, wie sehr er sich ver⸗
äudert hat. Sah doch selbst Mama erschroden
aus und betrachtete ihn so ernft und lange.
daß der arme Hugo ganz alterirt war. Doch
kurz, er wollte in dem Aufzuge nicht gesehen
werden und versprach bald wieder zu kommen.
Er bat mich, Ihnen zu danken, Lord Cuthbert,
für alie Güte.“

.Mir danken ?“ fragte der junge Mann
erstaunt, „er sagte, Sie sollten mir da ken

Bisher saß Mrs. Cariright mit gesenkten
Augen, nun heftete fie dieselben forschend auf
Lord Cuthbert, der sofort die Farbe wechselte.

„Ich will in aufsuchen,“ sprach er fest,
‚lönnen Sie mir sagen, wo er zu finden ist ?“
„Nein, ich nahm an, er kehre bald zurück
und fragte nicht weiter. Was sagte er denn,
Mama, als Du ihm die Börse aufdrängtest ?
„Er sagte nur, er werde bald wieder
kommen.“
„'s klingt wahrhaftig wie ein Märchen,“
rief Tante Barbara, „und ich freue mich so
sehr für Euch!“

Siehst Du, Genevra, jetzt kann ich Dir
Hugo doch noch vorstellen, weißt Da, wie ich
oft wünschte, daß —“

Sie schwieg plötzlich, als könnte der Aus⸗
druck itzrer Wünsche Lord Cuthvert verletzen.

Genevra küßte fie auf die Stirne.

„Möchtest Du Dich lange Deines Bruders
Liebe freuen,“ flüsterte sie.

Mit Ausnahme von Lord Cuthbert hatten
ihr Alle gratulirt, er aber blieb ernst stehen
und flüsterte endlich halblant: „Ich muß ihn
sehen, ich muß ihn sofort sehen“

„Mir kommt es vor,“ dachte Kitty, „als
ob ich allein Hugo's Identität nicht bezweisle.
Armer Bruder! der fragende Ausdruck in
Mama's Zügen mußte ihn verletzen, und nun
wiederholt sich das Gleiche bei Lord Cuthvbert.
Wäre es ein Wunder, wenn er dächte, er
hätte lieber im Kloster bleiben sollen? Nun,
in mir soll er keine Veränderung fiaden, ich
werde ihn lieben, wie zuvor.“

(Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.

General v. Werder wurde in Württewberg
bei der lejten Beleuchtung verschiedentlich ge⸗
feiert in Transparenten, so in einem Trans—
parent zu Ellwangen, das den Rebus zeigte
„Es lebe Wer? Der!“ Ein Scherz, der viel
deiterkeit verursachte.
Das franz., Transportschiff „Le Cerf“
scheiterte am 7. Febr. an der franz. Küste
mit 1,080 franz. Verwundeten und 150
Mann Besatzung und konnten nur 10 Personen
gerettet werden.
— —
d nund

erlag von J. X. Demeßz in St. Inabert.
        <pb n="105" />
        AUnterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
dtag, ben 2.

1871.

FIord Xyle.
Nach dem amerikanischen Originale des
Charlet T. Manners4.
Jrei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlensch.
Ombs.) ⁊
(Fortsezung). ·

Abher Kitty gab diesen SPanlen tei ne
Worte und selbst als sie mit der Mutter allein
war, bemertte sie nur gleichgüleige

KNonnte ich nicht morgen nach unserm
neuen Heim fahren, ich werde nag und nach
ungeduldig es zu seheu.“

Meinetwegen. Dein Befinden ist nun
ziemlich gut; übrigens is der Verkaufscontract
noch nicht unterzeichnet, weil Lord Cutbbert
mit dem Wortlaut nicht gan einverstan⸗
den ist.“

beladenen Tisch. Er sah weniger gedrückt aus
als zuvor, es leuchtete in seinem Blicke eine
Hoffnung.

Ich siöre wohl ?—

„Nein, treten Sie gefälligst ein, ich habe
nur die Gutsrechnungen der letzten zwei Jahre
zusammengeftellte“

Ver. Tartright seßte sich schweigend, sie
wußte kaum, was sie Jagen solle. J

Diese Zusammensteslung liefert erfreuliche
Nesultate,.“ fuhr Lord Cuthbert mit verzeih⸗
sichem Stolze fort, „die letzten Jahre verdop⸗
pelten die Einkünfte und die Ausguben betragen
nur ein Drittel der alten Bücher. Das nchfte
Jahr wird noch glänzenderen Erfolg bieten,
weil bis dahin alle Rückstande gedidt sein
werden. Ich denke, meinen Haushalt ird
Niemand tadeln können.“

Nein, denn Sie drachten Ordnung in
ein wüstes Chaos, verschafften dem alten
Namen Achtung und gründeien sich als Lord
Cutbbert Lyle einen Ruf, den wohl gerne
Jedermaun annähme. Ich sehe nicht ein, wie
man Sie tadeln könunte irgendwie.“

Cuthbert blickte haftig auf, öffnete die
Lippen und schioß sie wieder.“

„Ich bin gekommen,“ fuhr sie nach lurzet
Pause mit fester Stimme, aber abgeweadeten
Nugen fort, „Sie zu fragen, ob Sie mir be⸗
züglich der neuen mir auferlegten Pflichten
einen Rath zu geben haben ?“

„Ich will ihn selbst sehen und je eher das
geschieht, desto vesser wird es füt Alle sein.
Dann will ich offen mit Ihnen sprechen.“

Nun erst schaute sie voll auf ihu. Er
wollte offen mit ihr sprechen. O der seligen

Lord Cuthber:,“ wiederhotte Kitiy bei⸗
nahe ärgerlich, „warum soll er jehzt noch Alles
ordnen, da wir doch Hugo haben ? Glaubst
Du nicht, daß es diesen kränkude

.Nachdem die Sache so weit gediehen,
wäre es unrecht und unartig, sie Lord Cuthbert
abzunehmen. Ich werde mich bemühen, Beiden
gerecht zu werden, rege Dich also nicht un⸗
nöthig auf.“

„Ader Mama, Du bist doch nicht böse.
daß ich mich über Hugo's Heimkehr freue 9

*Bdose dRNo nein, mein Kind, sei so „lüd⸗
lich als möglich und so lange als moglich.“

Mit diesen Worten verließ sie die Tochter,
welche die Verhältnifse weniger denn je ver⸗
stand und begab fich in die Bibliothek.

Bri ihrem Eintritt erhob sich Lord Cuth—⸗
hert von einem mit Büchern und Papieren
        <pb n="106" />
        Verheißuag! Ihr Herz schwoll, ihre Lippe
—RR

Sie bot ihm die Hand und ihre Augen
janden sich in langem sehnenden Blice.

Sein Antlitzz war dem ihren ganz nahe
und Mis. Cartright beugte sich plötzlich vor
und küßte ihn.

Sie vergeben mir ?“ fragte er heiser.

„Ich liebe Sie,“ flüsterte sie.⸗

„Wissen Sie — verstehen Sie die Ver⸗
hältnisse )7

„Nein, ich bin wirr und unklar — das
derz aber tauscht sich nicht.“

Und Vers. Cartright entzog ihm die Hand,
die er unwillkührlich, festgehalten. und eilte aus
dem Gemache.
XX..
Ein hoher, schlanker Maun schritt durch

Alle und näherte sich dem Schloßportale.

Bevor er noch die Klingel zog, erschien
der Herr des Hauses in der Halle und der
Bediente rat zurück, überzeugt, daß seine
Dienste nun überslüssig seien.

Der junge Fremde mit den edlen Zügen,
ben tiefblauen Augen, dem goldbraunen Haaur
stand unter dem alten Portale des Ahnen⸗
schlosses der Lyle, unter den stolzen steinernen
bswen und bot dem andern jungen Manne
don gleich hübschem, gleich aristokratischem
Ausfehen die Hand. So standen Sie sich ge⸗
genüber, lebende Doppelgäuger, ähnlich wie
Zwillingsbrüder und doch so verschieden. Des
Einen Züge zeigten Ernst, Kraft uud Würde,
des andern sonnige Heiterkeit, jugendlich leich⸗
den Sinn.

Der thatsächliche Besiher von Lyle Hall
staud auf der Schwelle, ein ernster Mann, so
ju fagen ein dunklerer Abdruck des Andern,
dessen lichte Erscheinung sich weit hübscher
ausnahm.

.Ich freue mich, Sie zu sehen,“ rief der
Schloßhert innig, freue mich von Grunde des
Herzens und pceise den Hammel ob Ibrer
Rückkeuhr.“

Euer Gaaden sind sehr gütig,“ entgegnete
der Fremde ruhig aber entschieden, „ich glaube.
ich habe zu danken.“

.Bitte, treten Sie ein, wir loͤnnen in der
Bibliothek ungesidrt sprechen.“

—Site traten in das alte Gemach, dessen
antike Sculpturen mehr denn ein Jahrhunde rt
gefehen. A *

„Ein schönes Zimmer, Mylord,“ kemerkte

der Besuchende, während sein Auge von einem
Gegenstande zum andern schweifte, „ich gra⸗
sulire zu Ihrem Besiß.“
— Er hat mir keine Freude gemacht und
ts war auch gut so. Sie aber sollten nicht
potten, Sie müssen wissen, daß ich Sie für
odt hielt, daß Sie mir oft und oft wieder⸗
hjolten, Sie möchten mir Ihre Erbe gönnen;
nüssen zugeben, daß die Versuchung groß war
und gewaltig, daß keine selbstischen Grüude
nich unterliegen licßen, wenn fie auch deßhalb
nicht entschuldbar sind. Gott weiß, ich erkaunte
ängst das Unrecht meines Thuns, ich litt
zitter darunter, aber ich gab mir auch redlich
Mühe, dem alten Namen und meiner wenn
uuch falschen Stellung Ehre zu machen. Dem
dimmel sei Dank, daß all das nun enden
osl. Meine Abrechnung liegt bereit, denn ich
jielt im Falle eigenen Mißgeschickes stets da⸗
auf, und wenn Sie die Bücher einsehen,
verden Sie erlennen, daß ich, wenn auch
in Usurpator, doch kein treuloser Verwalter
vwar. Die Ernkünfte haben sich bedeutend er⸗
zöht und —“

„Genug,“ unterbrach der Fremde, „ich
erfuhr bereits von allen S iten, wie würdig
Sie den alten Namen repräsentiren und es
st mir wirklich Ernst, wenn ich Ihnen gra—
ulire. Glauben Sie, ich sei gekommen den
Unwillen der ganzen Grafich-fi auf mich zu
aden, einen nachlässizen Schlingel an Stelle
rines allgemein verehrten Edelmannes zu pflan⸗
zen * Nein Lord Cuthbert Lyle, ich bin Hugo
Tartright. ein Mann mit Herz und Seele
genug, um sich des kostbaren Gutes der
Putter⸗ und Schwesterliebe werth zu ma⸗
hen.“

Lord Cuthbert, wie man ihn nannte, er⸗
bleichte und stützte sich mit der bebenden Hand
am Tische.

„Ich verstehe Sie nicht, mein Herr! Sie
sdunen doch nicht grausam genug sein, zu
berlangen, daß dieser Wechsel der Identität
aoch dauere J9

Der Fremde zudte leicht die Achseln.

„Was habe denn ich mit der Sache zu
        <pb n="107" />
        hun? ich acceptire die Verhältnisse einsach
wie sie find. Erstanden aus Grabes Nacht,
huchstäblich zurückgekehrt aus den Tiefen des
Sees finde ich mich als Hugo Cartright. Das
wirkte wohl anfangs betäubend, nun aber
freue ich mich darüber, weil es mich auch
moralisch retten wird. Und nun erlauben Sie,
Mylord, daß ich mich zu meiner Mutter be—⸗
gebe und zu meinem herzigen Schwesterchen,
dessen reines Herz ineine Ansicht über die
Frauen vollkommen änderte..

.Und ich fragte Lord Cuthbert heftig,
soll mein Herz ewig hungern ??

„Nichts weniger,“ lächelte der junge Raun,
„nehmen Sie doch mit Lyle Hall und dem
alten Ramen auch die alte Werbung. Mein
Leben zum Pfande, Lord Lyle erhält keinen
zweiten Korb von Genevra Llioyd.“

Er erhob sich und schritt nach der Teüre.

„Aber ich werde mir's nicht gefallen lassen.“
zürnte Lord Cuthbert, „werde Sie zwingen
Ihr Eigenthum zurückzunehmene.

Ein heiteres Lachen beantwortete die
Drohung.

„Betrachten Sie ßich doch einmal ruhig
die Sachlage, lieber Lord Cuthbert. Die jetzigen
Verbältnisse sind allgemein auerlannt, von Nie⸗
mand bezweifelt. Wenn nicht beide Parteien
zugleich vortreten und übereinstimmende An⸗
gaben machen, helfen alle einseitigen Erkllärun⸗
gen nichts, weil ein ganzer Berg von Be⸗
weisen Ihrerseits die einfache Thauache nicht
umstößt, daß Sie von dem britisven Conful
in Genf, zu einer Zeit, da der Lord und
sein Secretär noch lebten, als Lord Cuthbert
Lyle anerkannt wurden. Habe ich doch, erst
misß Zorn und Bitterkeit und dann mit Dank
und Freude die Verhältnisse nach allen Rich⸗
huugen überlegt und kann Sie versichern,
Peylord, daß, falls unsere Angaben sich wider⸗
sprechen, die ganze Wolt nicht zurückrufen kann,
was so leicht sich gestaltete. Und so will ich
denn mich meiner Mutter und Schwester freuen,
mich ihrer werth machen, und Sie bleiben
in der Sphäre, deren Zierde Sie sino. Glau«
ben Sie mir, ich wünsche Ihnen von Herzen
Glück dazu, und wenn irgend Ahnenßolz mir
inne wohnt, werde ich nur um so dankvarer
die Würde anerlennen, mit der Sie den alten
Namen tragen.“

Und der junge Mann kot dem Gegner
halb in aukrichtiger Freundschaft und Bewun⸗
derung, hals in neckischem Triunph die Hand.

Cuthkert trat traurig zurück.

„Auf solchen Pakt kann ich nicht eingehen.
weil er ein Betrug wäre an meiner Mutter
und Schwester, ein Betrug, den sie früher
oder später doch entdecken würden.“

Versuchen wir es wenigstens. Das zu
bderlangen habe ich ein Recht und bestehe
darauf.“

Wollen Sie damit sagen, daß Sie mög-
licher Weise ihren Sinn ändern 9

„Alles ist möglich, warum das nicht?
Jedenfalls aber verlange ich eine ehrliche
Probe.“

Er verließ hastig das Gemach und als
Mr. Llceyd bald darauf eintrat, fand er Lord
Tuthbert mit gebeugztem Haupte und gramer⸗
füllten Zügen am Fenster sitzen, ein Bild des
Schmerzes, das mit seinem glänzenden Loose
in seltsamen Widerspruch stand.

XXI.
*Genedra Lloyd Lehrte mit ihrem Vater
in Begleitung deß Grafen nach London
zurük.

Mil einem eigenthümlichen Gefühle vetrat
sie die prachtigen Gemäͤcher, in welchen ste so
lange als unbestrittene Herrin gewaltet. Rast⸗
loa schritt sie hen und her. Alles erschien fremd
und ungewohnt, es war, als erweiche sie aus
langem Traume. Schien doch ihr eignes Wesen
verändert, und sie berührte träumerisch ver⸗
schiedene Gegenstände, als erwarte sie, daß
mit diesen oder ihr selbst ein Wechsel vor⸗
gehe, der das alte traute Gefühl des Daheim⸗
jeins wieder hervorzaubere.

Aber es geschah nicht. Ein Gemach nach
dem anderen entfaltete seine Pracht, den feinen
Geschmack, die reizende Harmonie der Farben,
auf die sie sonst so stolz gewesen. Mit trübem
Lächeln erinnerte sie sich des früheren Ge⸗
jallens mit einer Art Heimweh, als otz es
fürder unerreichbar ware.

Vollendete Eleganz, künstlerisch reiner
Geschmack!“ flüsterte sie, „wie oft sagte ich
mir das, wenn ich aus anderen Häusern heim⸗
kehrte, ach! und wie thöricht stolz, wie albern
klang es, wenn ich nur tadellose Gegenftände.
        <pb n="108" />
        reinste Harmonie, edelle Schöuheit und Vol⸗
lendung des Charakters um mich dulden wollte,
es als ein Attribut der Lloyd betrachtete.“

Und das stolze Haupt beugte sich, das
Roth gedehmütht igten Bewußtseinß übergoß die
schnen Züge.

Ich habe mir einen Gößen geschaffen,
mein Ideol als ein Recht bean'sprucht, statt
ea in Demuth und Geduld anzustreben, war
hart and bitter gegen menschliche Schwächen
und dachte, daß ich, weil ich im sicheren
Hafen schaukelte, es wagen dürfe, Jene zu
sadeln oder zu verdammen, die aus sturm⸗
gepeitschter See mit zerissenen Segelu zurüdk
sehrten. Mir baugt, ich werde noch in schweren
Stunden einsehen, daß man seinem Idealt
der Volltommenheit nachstreben, aber nie hart
uher menschliche Schwaͤche urtheilen dürfe.“
Sie sitand in dem kleinen Boudoir, dessen
reigende kostbare Erscheinung ihr sonst jo wichtig
erschienen, und blidte trübe umher.

Der große Spiegel schien zu winken, sie
zrat langsam vor und beschaute ernst das
eigene Bild.

War das die erst so Nolze, selbstbewußte
Genebra ? Schaudernd wandtie sie sich vor der
schmerzlichen Prophezeihung, die in ihren Augen
Iu leuchten Ichien. Elsie, das Kammermädchen
xrat über die Schwelle und begrüßte die Herrin
mit freudigen Willtomm..

Derx gewohnte Too dieser Stimme vexr⸗
scheuchte atwas Genebra's düstere Stimmung.

„Lady Ke— UKeß gestern fragen, ob das
znãdige Fraͤulein in diesex Woche zurückehren
werde. Sie beabsichtigt in den aächsten Tagen
ain großes Concert zu geben.

WBGuin, ich werde der Ladh meine Ankunft

selbst anzeigen“
Voch aimmer zogerte Elsie und zupfte

wexlegen am Kleide. 1J

Wuünschest Du noch etwas 7

VBine, gnãdiges Fräulein, meine Mutter
ist krant und nöchte mich gern zFehen. Ich
wollie Ihuen nicht darüber schreiben, aber
wenn Sie mir erlauben auf einige Tag⸗
heim zu gehen, wird eine meiner Freundinnen
naglich einige Stunden lommen, ug bei Ihrer
Toilene behülflich zu sein. Ich hätte Sie auch

nicht unmittelbar vor Lady —3 Conceckt um
diese Gunst gebeten, wenn Mademoiselle Nina
nicht ausgezeichneten Geschmack und wunder⸗
bare Geschicllichleit besäße.“

„Geh doch, liebes Kiund, es thut mir leid,

Du so lange gezögert haft.“

„Ich werde Nina noch heute bestellen.“

„Nein, ich brauche Sie nicht, Jane kann
mir behülflich sein.“

Das aber entsprach Elsie's Absicht nicht.

Bitte, gnädiges Fräulein, gestatten Sie,
daß sie komme, ich würde mir's nie verzeihen,
wenn Ihre Toilelte fehlerhaft wäre.“

„Du würdest Dir nie verzeihen ? Elsie!
habe ich meine Toilette zu solcher Wichtigke it
erhoben 7

„Nun, Sie waren doch steis sehr genau

dieser Hinsicht.“

Mißß Lloyd erinnerte sich. Wie viele Klei⸗
der hatte sie zurückgewiesen, wie viele Stunden
müũhsamer, geduldiger Arbeit waren ohn ver⸗
geudet, bloß weil eine Falte nicht tadellos
fiel, eine Farbe nicht volllommen harmonirte!“

„Das Mädchen mag kommen Elsie,“ sprach
Genevra leise, „and Du gehe mit Gott.
Glücklich aie Maͤdchen. welche Muütter ha⸗
ben!“

Elsie verneigte sich danlend und verschwand.
Als su sich in ihrem Zimmer allein sah, be⸗
trachtete sie funkelnde Goldstücke, als ob diese
eine Regung des Gewissens bewichtigen
ollten.

.Was kann Mademoiselle Nina wohl ver⸗
anlassen, meine Slelle auf solch kurze Zeit
einzunehmen ? Die Sache ist sonderbar, aber
ich freue mich doch wieder einmal heim zu
lommen.

(Fortseßung folgt.)

— — —
Mannigfaltiges.

Zwischen Baldenay und der Zeche
Hundsnocden im Regierungsbezirck Düsseldorf
batten vor ungefähr 9 Monaten Arbeiter ein
Feuer angemacht, das den Boden in Brand
deckte, seit dieser Zeit immer tiefer in den
Berg eindrang und noch nicht gelöscht ist. Mog⸗
lich, daß eßs ein Kohlenflötz erfaßt hat.
Ad und Beriag von F. X. Demez in St. Inabert.
        <pb n="109" />
        Unterhaltungsblatt
A
48i.

⁊

r. 28.
Friedben
Es klingen hell des Friedens heit're Tone,
Der Freube Thräne glänzt in jedem Blick,
Ja, Friede!“ schallts, Ihr wackern deutschen Sonae,
Bald lehrt Ihr heim zu lang entbehrtem Glück!

Die Freude weit im großen Vaterlande
Sei ungetrübt den Rahenden geweiht —
Ja kinget hell, ihr heit'ren Frieden 8t öne,
Du, Freudenthräne, glänz' in jedem Blick;
Bald grüßt mit Ju bel Deutschlaud seine Söhne
Die lang entbehrt d er Heimath süßes Glückt
Sduard J.o st.
»tthi⸗ F ——
— — — * αα

Aord Lyle

Nach dem aueritunishen Dpege

gbarhes T. Manuners.
krei bearbeitet von Lüna Freifrau v. Berlepfsch.

Omnbs ..

Fortsehunz.)
Der Binquier befaud sihh im Besdäalte,
der Graf hatte sich in seine Stadtwohnung
begeben, und Genevra war allein. Traurig und
nieder geschlagen wanderte se von Zimmer zu
Zimmer, und wenn sie auch ein Buch zur
Hand nahm, ihre Gedanken kehrten zurück zu
dem kleinen Kreise, den sie kürzlich verlassen.
wie zu einem lichten Paradiese, aus dem sie
ein Engel mit flam mendem Sthwerte ver⸗
trieben.

Ungeduldig über die eigenen Gefühle, klel⸗
dete sie sich endlich an, und ließ die Equi⸗
page vorfahren, um einige Besuche zu machen.
Umzeben ovcn alten Bekannten oOerlor sich dle
zedrückte Stimmung, sie plauderte met gewountet
Lebhaftiakeit und fühlte sich beinahe wiedet
die Königin des gristokratischen Cirkels.

Als sie wieder nach Paufe kam, war Elsie's
Steslvertreterin bereits angeanait.

Hier iß Mademoiselle Rina,“ sprach

Und naht Ihr dann, Ihr bra ven Streiter alle,
Die Ihr den Vvorbeer mannlich kühn gepflückt,

Bringt Lise be Euch mit lautem Jubelschalle
Den Willkolmmarunß, wo Euch das Aug' erblickt

Ich seh' im Geist die bärti gen Gestalten, F
Die tausendfach dem Tod in's Aug' geshaut,
Die treu geschützt des Hi nmels heiliz Wailten,
Die ibrem Schwert und Gottes Huld vertraut

5

Der Pulverdampf, der Sonne heiße Gluthen,
Sie bräunten, Krieger, Euch das Anjzesicht
In Schnee und Sturm, an der Loire Fluthen,
Am Seinestrand bliebt treu Ihr Euret Wiücht

Dald weint de s Mütterchen am Hals des Sohnes.
—XI
Beim lang des Worts, des alten lieben Tones.
Ruft sie beglückt: „Ich hab' auf Gott gebautle —

im Geist die Gattin mit den Aleinen,
erz gedruückt von eines Kriegers Arm.
Bruder, Freunde, sich vereinen, J
.da Gruß und Händedruck jo warm?

Und frag' ich dann: „Habt Ihr sie alle wieder,
Die Söhne all' der heimathlichen Flur,

Die theuren Freunde, die gelieöbten Brüder?“ —
AV—

„Im welschen Land, an der Loire Fluthen.
Da schlafen Viele still den ew'gen Schliufl

Es werden heut' beim Feste Herzen bluten.
Die das Geschick mit schwerem Schlage traf!“ —
Doch iln! — Das Weh, das tiefe, niegekaunte
da tirube nicht des Sieges Jubel heut
        <pb n="110" />
        Jane, ala fie das Madchen in's Boudoir ge⸗
eiteie.

.Guten Tag, Mademoiselle; ich sagte Elsie
ich Idnnte mich wohl allein behelfen, aber daß
kindische Ding wünschte Iht Kommen so leb⸗
haft, daß ich endlich einwilligte. Ich werde
Sie jedoch nicht viel belästigen.“

Das zarte Wesen, daßs kaum größer war
als ein Schulwädchen, verneigte sich mit ge⸗
jeukten Blicken. Genevra konnte nicht umhin,
die kleinen Füßchen, die graziösen Bewegun⸗
gen zu bemerken.
vverch niedliches Geschöpf!“ dachte fie,
,welch scheues, schüchternes Gebahren!“

Kann ich Ihnen irgendwie behülflich
sein, gnädiges Fräulein,“ fragte die leise
Stimme dea zierlichen Rammermädchens, „darj
ich Ihre Haare ordnen oder einen Kopfput
von Perlen flechten 7“

Sie mögen sehen, was Sie aus meinen
Hhaaren machen konnen, ich denke, ich bin dazu
am besten aufgelegt.“

Sie warf den weißen Frisirmantel um,
tehnte sich im Sessel zurück und lachte über
Nina, die auf ein Schemelchen stieg, um deß
Fräuleins Haupt zu erreichen. Bei der Ge⸗
legenheit sah sie auch die weißen, zarten Händ⸗
chen der Fremden und wunderte sich, wie sie
in diese Stellung gerathen sein mochte. Die
eigenen Sorgen aber lenkten die Gedanken
vald, wieder von der angeblichen Franzdsin ab.

Genebdra verlangte nach des Vaters Heim⸗
lehr und fürchtete sich davor. Sollte das
verhaßte Thema wieder berührt, und sie ge⸗
zwungen werden des Grafen Besuche zu emp⸗
jangen ?

Sqhweigend flocht Mademoiselle die langen
zlänzenden Haare, ihre Aufmerksainkeit aber
richtete sich auf ganz andere Dinge. Sie
wußte, daß die Gedanken der Dame nicht
sröhncher glücklicher Natur waren und beob
achtete die feigen Züge mit fiebertaftem In⸗
jerefse. Mit dem vollen Hafse einer füdlichen
Natur war sie gekoinmen, nun aber schlich
jariliches Mitleid in ihre Seele, als od sie
wifse, was momentan Genevra's Glück frübe.

Er macht auch sie nicht glüchlich,“
seuftne fie.

Genedra blidte schnell auf. —

Sie sind wohl müde d) Strengen Sie

sich nicht an, denn egs ist gleichgültig, wie
mein Haar geordnet ist, da wir heute keine
Geste bei uns sehen.“

Made mois⸗lle lächelle ernst.

„Sie sind sehr gütig. MRyady, aber ich
bin nicht mũde.“

„Ich bin keine Lady, mein Kind, ich bin
einfach Miß Lloyd. Wie kommen Sie dazu
mich so zu nenuen?“

„Ihre Ericheinung macht diefen Eindruck
und dann boöͤrte ich ——

Wag hoͤrten Sie !“ —

„Entschuldigen Si⸗, gnädiges Fraäulein,
aber ich hörte Sie würden sich einem Grufen
Zdubin vermählen.

Genevra sprang hastig auf. m

„Schwatzt man jetzt schon davon? Ich
jage Ihnen, Mademoiselle, es ist eine gemeine
Lüge, ich würde tansend Mal lieber des Todes
Beraut werden.“ J

In dem flammenden Auge spiegelte sich
Jern und Haß aber keine Liebe für Graf
dubin. Nina hätte sich zu Genebras Füßen
werfen und den Saum ihres Kleides küssen
nögen. Sie senkte jedoch nur die dunkeln
Wimpern tiefer und entgegnete heiser: „Ver⸗
seihen Sie, gnädiges Fräulein, ich wiederholte
aur, was mir zu Ohren kam, bitte, nehmen
Sie mir dirse Freiheit nicht übel.“

Ich taole nicht Sie, mein Kind,. sondern
nur die blinde, herzlose Welt, die sich in
Alles mischt und den verhaßten Grafen.“

Noch während sie sprach. überreichte ihr
ein Diener ein Billet ihcees Vaters. Sie lat
und erglühte.

„Der Gras will den Abend hier verleben,“
prach sie. ohne Rina's Gegenwart zu achten,
„und ich soll ihn dei mir empfan en. Be—
ginnen diese Verfolgungen wirklich wieder,
so will ich ihnen muthig entgegentreten, und
den Grafen ein für allemal abfertigen“

Und fie schritt mit dor Würde einer Für⸗
stin durchs Zimmer.

Mademojiselle beobachtele sie mit funkelnden
Augen.

Nachdem sich die Dame eiwas beruhigt
datte, wandte sie fich freundlich zn dem neuen
Zammermädchen.

„Wollen Sie mit mir in die Garderobe
lommen. Mademoisßeke Nina, und dort einen
        <pb n="111" />
        Anzug für mich wählen, in dem ich mich so
majestätisch als möglich ausnehme.“

Das kleine Wesen schlüpfte leicht durch
die Reihen kostbarer Gewänder und wählte
tin prachtvollez, rubinfarbenes Sammikleid.
Genevra lächelte stolz.

„Sie verstehen mich vosllkommen, und ich
kann mich auf Ihren Geschmack verlassen;
dort jind die Spitzen, und ier die Schlüssel
zu meinen Juwelen. Ich will mich zu einem
Empfang im Boundoir lbeiden, Sie werden
zdemerkt haben, daß dort roth und weiß die
herrischenden Farben sind.“ —

Schveinend überließ fie sith nun der kunst⸗
iertigen Hand, bis Mademoiselle ihr Werk
für vollendet erklärte und befriedigt auf⸗
athmete.
„Bitte, Miß Lloyd, betrachten Sie sich
gefälligst. Ich denke, es fehlt nits··.
Nina harte ihr Werk mit ganzer Seele
gefördert, obgleich sie die Rivalin für Graf
Ludin schmückte.

Aus dem Spiegel leuchtete ein prachtvolles
Bits. War das kleine Wesen eine Fee? wie
war es ihr gelungen, das zu erreichen? Ge⸗
nevra glich einem königlichen Wibe, strahlend,
dlendend, majestätisch über alle Beriffe, aber
jeder weiche weidbliche Zug ihres Charalters
ichien verwischt. War es das zurückgekämmte
Haar, das oer hohen Stirne solch' ernsten,
erhabenen Ausdruck verlieh J) war es das fun⸗
kelnde Band von Rubinen und Diamanten,
das den Zügen die kalte Leblosigkeit einer
Statue gab? Es war eine Fürstin, die zum
Throne schritt, um Feinden Audienz zu ge⸗
währen, eme Priesterin, die sich auschickte,
ihren mystischen Ritus zu begehen, aber kein
zärtlich Wesb, das den Geliebten erwartet.

„Sie haben ein Meisterverk geliefert,
Mademoiselle,“ sprach Genevra beinahe herzlich,
„ruhen Sie nun. Ich habe noch eine Stunde
Zeit und will hier im Ankleidezimmer war⸗
tfen —“
Nina verließ das G⸗mach und schlich leise
in's Boudoir. Sie mußte dort ein Verfsteck
finden. denn auch fie wollte des Grafen Be⸗
such beiwohnen.

Ich muß dabei sein. und nenn sie mich
dafür odten würden,“ flüffterie sie, denn mit

die eigenen Sinne können mich von seinem
Verrath überzeugen“

Hinter einer Statue in einer durch Vor⸗

hänge verbüllten Nische fand sie ein passendes
Plätz hen für ihre kleine Gestalt, und nachdem
sie sich überzeugt hatte, daß die seidenen Fal⸗
len sie voslkommen verhüllten, schlüpfte sie
wieder heraus, um nöthigen Falles sofort bei
der Hand zu sein.
. Geneyraꝰ aber bedurfte ihrer Dienste nicht;
bewegungblos lehnte sie in, dem. dunkelgrünen
Kissen und erschien in der kostbaren Kleidung
wie eine praͤchtige tropische Blume.

Als man des Grafen Ankunft meldete,
huschte Mademoiselle leicht wie ein Vozel, in's
Boudoir. während Genebra langsam und
majestätisch durch die Corridore schrut.

Auch der Graf stauntf über die erhabene
Erscheinung und blieb momentan wie bezaubert,
auf der Schwelle stehen, dann erfaßte er so⸗
jort das Bild und ließ sich vor der Dame
auf ein Knie nieder.

„Auch ich bringe der hohe Fürstin meine
Huldigung.* lachelte er, „sieh, Deinen Scla⸗
ven, hehre Königin!“ I

Sie vergessen wohl, daß wir in einem
freien Lade leben de entgegnete sie eisig.

„Sie mögen dennoch in mir den Sclaven
Ihrer Reize sehen, und mir däucht, das wäre
m einer Herrschaft vorzuziehen .

„Ich verzichte auf Beides .—

„Aber Sie müsen eben doch das Eine
oder andere wählen, Miß Liord ..

„Ich drücke mich wohl nicht klar geuug
aus, mein Herr; ich sagte, daß ich in keiner
Beziehung zu Ihnen stehen will und werde.“

„Es schidt sich nicht der Dame seines
Herzens zu widersprechen, und doch ändern
die Verhaältnisse auch die sestesten Entchlüsse.
Das wird dier allensalls der Fall sein.“

„Vielleicht ist's, da Sie leise Andeutungen
ohnehin nicht verstehen wollen, am befien,
Ihnen offen die Meinung zu sagen. Ich er—
tläre Ihnen denn auadrüclich. daß mir Idyre
Judringlichleit zuwider ist, daß Ihre Schmei⸗
cheleien mich empoͤren, unt Ihre bloße Gegen⸗
wart mir verhaßt ist. Verstehen Sie mich nun
endlich 37
Seine Wange glühte, sein Auge leuchteie
Jardonisch.
        <pb n="112" />
        „So liebenswürdig auch Ihre Worte lauken,
holde Dame, ich kann sie nicht annehmen. Ich
habe geschworen, daß Sie mein Weib werden
sollen, und Ihr Widerstand befestigt nur
meinen Willen. Uebrigens halte ich auch da—
für, es sei an der Zett uns klar zu verstehen,
und halb müssen Sie begreifen, daß Ihr
Vater mir sein heilig Wort gab, Sie mir zu
—XX

Geaebra sprang auf, die großen Augen
sprühten, die weißen Hände streckten sich ab⸗
wehrend dem Grafen entgegen.

„Sie möͤgen ihn⸗ durch irgend' welche
schlehte Handinng' veranlaßt haden?: Ihre
—XEVV
wird er nie und nimmer zwingen. Sobald er
erfährt; daß ich Sie hasse und verachte, wird
er auf der Heirath nicht besehen. Es war
kindisch von mir, ihm die ganze Wahrheit
vorzuenthalteu, nun aber soll er sie erfahren.“

„Die ganze Wahrheit * Höhnte Lubin,
,das bedeutet noch etwas mehr als Ihren
Haß für mich, es bedeutet auch Ihre Liede
sur Lord Cuthbert Lyle..

Sie erdleichte so ptößlich, daß selbst der
Graf eischreckt emen Schritt vortrat, fie zu ftüten.

Eme koͤnigliche Geberde namentoser Ver⸗
achtung wies ihn zurückk.
— „Genug, Graf Ludin, Ihre Rohheit kann
nicht weiter gehen. Verlassen Sie mich, mein
Herr. oder ich länte der Dienerschaft, damit
man sie hinausweise.“ J

Des Grafen Bewunderung überstieg noch
seinen Jorn.

Sie vergeuden Kraft und Muth im hoff⸗
nungolosen Kampf. Warum sich nicqhtt willig
dem Geschicke ergeben und lieber einen demü⸗
mhigen Sclaven als einen gebietenden herrn
annehmen ? Ich sch woöre Ihnen, daß es sonft
keinen Ausweg gidt.‘ Sie wollen der Diener
schuft läuten! Thörichtes Rind. Ein Wort
bon mir, und weder Haus noch Dienersqaft
gehöck mehr Ihnen.“ A

„Jqh glaude es nicht.“ Ihre Rede ist so
fals wie ihr Herz,“ rief fie wiid.
Viehr noch,“ fuhr er ruhig fort,Ihres
Vaters Name und Ehre, vielleicht feine
Freiheit, sein Leben sind in meiner Gewalt.“

Sie erbeble. kraftlot sanken die kalten

Hände, abet das Auge sprühte noch stolz.

„Ihr Lügengewebe schüchtert mich nicht
ein, denn ich glaube Ihnen nicht.“

„Miß Lloyd, ich hahe noch heute Abend
eine ernste Unterredung mit Ihrem Vater, ist
es möglich, daß Sie sich irgend wo verbergen
und sie mit anhören 7“

Er sprach uugewöhnlich weich, denn er
flihlte Vditleid mit dem grenzerlosen Jammer,
der sich in ihren Zügen spiegelte.

Ihr Vater hat Ihnen die Verhältuisse
nicht mitgetheilt, das ist am Ende wohl na—⸗
mürlich, aber gegen mich ist es ungerecht, Sie
müfsen Alles wissen, Fräulein, und es ist für
Alle am besten, wenn Sie unsere Unterredung
mit anhören. Morgen konme ich dann wieder,
und Sie werden mich freundlicher empfangen.
Miß Lloyd, ich ewpfehle mich Ihnen.“
Noch nie war er so vortheilhaft erschienen,
als in dem Moment, da er sich nicht ohne
Würde verbeugte, und das Gemach verließ.

Genevra bewegte sich nicht. Nun bot sie
nicht mehr den Aublick einer Königin, sondern
ein Bild der Verzweiflung.

Des Sammtes glüheyde Rubinfarbe und
die glitzernden Juwelen bildeten einen schmerze
lichen Contast zu dem sodtenbleichen Anilit,
ben wilden Augen, den bebenden Gliedern.

IIch will gehen, ja, ich will gehen. Wohl
mag ich ein furchtbares Geheimniß hören.
aber diesem Manne vermähle ich mich doch
nicht, denn ich könnte die gleiche Atmoiphäre
mit ihm nicht ertragen. O Himniel, erbarme
Dich meiuer!“

Und äqzend vor Weh, gebrochen vor Schmerz
verließ das einst so stolze VUädchen das Zimmer.
6gortsetzung folgt.) i

— 6Bbaradeh,⸗

Die Er ste der Schöpfung sind wahrlich die Schoönen.
Die selbst das Verkehrte an sich damit krönen.

Die Legt en sind meistens der Rohheit verwandt;
Doch kopflos ist himm lischen Ursprungs ihr Wesen.
Das Gannzee ist parfümirt und velesen,
Macht oft sogar Verie und ist elegant. *
Auflösung des Raͤthsels Rr. 25 des Unter hal⸗
lunasblaties:, errmann.“
2
—5

Deud anz Berlag on . X. Dee nte z in St. Anabert...
        <pb n="113" />
        t! et
pa d e d die e*
e 28

m
— St Ingberter Anzeiger.“

Nr. 29. t8

Di⸗ustaa, den 7.. März

18775

Lord yle.
Nach dem ameritanischen Originale des
6Gbarles T. Manners.
zrei bearbeitet von Lina Freifrau v. Verlepsch.
c60e J.
(Fortsetzungh4
Kaum war Genevra fort, so theilte sich
der seidene Vorhang, und Nina schwebte wie ein
Zephyr herauꝛ. Wohl war es die alte Grazie
der Bewegung, über dien reizenden Züge
aber schien ein Samum geweht, sie versengt
zu haben. — ——
IIch werde auch dabei sein,“ hißtesie,
„denn auch mir ist er nun verhaßt. Ein Opfer
genüge; ich werde mein Unrecht rüchen, und
dann mit Jon fliehen oder sterden. Einerlei,
oas nun mit mir geschieht, dieses arme Mäd⸗
qen aber soll gereltet werden. 2
Als am gleichen Abende spät sich Graf
Lubin von dem Banquier wverabichiedete und
in die Nachtluft hinauseilte, als vermoͤge sie
des Herzens Fieberhitze zu kühlen, schlich eine
gebeugte. bebende Geftalt aus dem · Alkoven
und glitt mit unsicheren Schritten durch die
Halle. Die rothe Summtischleppe zog sich ge⸗
spenstisch nach, und als Genevra an der Thüre
des eigenen Zimmers aufblickte, zeigte sich
ein Antlitz voll namenloser Angst. 5.
Was nützt es, wenn ich mein Leben,
meine Ehre in diesen Abgrund schleudere d
Der Herr exbarme fich und zernichte nicht
auch noch die Selbstachtung eines tief gedeh⸗
müthigten Wesens. Mein Lebenkönnte ich
opfern, nicht aber meine Ehre, miine Seele,
und so bleibt zichts übrig, als Flucht. Ich muß.

mich verbergen, wo Nimand mich kennt oder
den Namen, auf den ich einst so stolz war.
So lange der Graf Hoffnung hegt mich zu
finden, wird er · den Vater nicht verfolgeu.
Wohin aber soll ich die Schritte wenden,
—XX —

Miit wilden, fast irren Blicken schloß sie
die Thüre hinter sich, gab nux einen Augen⸗
hlick convulsivischem Schluchzen nach und begann
dann die nöthigen Vorbereitungen. Sie legle
daz reiche Kleid ab, hüllte sich in schlichtes.
chwarzes Gewand und perschleierte sich io dicht
ala möglich. Daun Überflog sie mit bitterem
dächeln den Inhalt ihrer Borse.
Es genügt mich fortzubringen — fort
aber Wohin! Ich muß mich vor Allen ver⸗
bergen, die Jje mich tanuten. Wohin, o wohin
joll ich die Schritte leulen JPloͤtzlich leuchtete
ca auf in den bleichen Züzen.

VNan Mec. Neals Hauschen. Ill es böhere
Flguug, daß ich mich ihrer Worte jeht erlu⸗
nere 1 Ja, das ist wahrhaftigdie Stunde.
meiner Roih, und zu ihr will ich gehen.

Als es still geworden im Hause, huschte
tine verschleierte Gestalt leise und unbemerli
aus demselben.

Auf der Schwelle blieb Genebra Lloyd
einen Augeublick stehen und schaute zurücd.
All ihr Siolz, ihr Hochmuth tauchte drohend
vor ihr auf und verglich sich mit dem ge⸗
genwärtigen Elend der äußersten Demüthigung.
Fin tieses Seufzen, ein unlerdrüdtes Schruchzen
und; die einsame Gestalt verschwand im. Dun⸗
ldel der Nacht. 412 —VVV 9

uιια XXII. un guen J.

Drei. Wochen waren vcrgangen; Die Ex⸗
        <pb n="114" />
        rignisse in Lyle Hall erschienen selbfi dessen
Vewohnern wie traumhaßte Schanenbilder

Lord Cuthbert hielt dir Gaste zurüc bis
die Handwerleleute das neue reizende Heim
in Lawrel Heighls zu deren Empfang vorbe⸗
reitet und vollendet hatten. Miß Barbara
war ebenfalls geblieben und hatte, so zu sagen,
ihre Freundschaft für Kinty auf Murs. Cart⸗
right übergetragen, um so mehr, als des jungen
Ptädchens ganze Gedankenwelt bon dem wie⸗
dergefundenen Bruder beansprucht wurde. Die
Geschwister fühlten sich so glinklich, daß sie
nichts weitet woünschten, nichts dermißten. Itden
Morgen riften sie nach Lawrel Height, den
Fottgang der Arbeit dott in Augeaschein zu
xtehmen, und kamen dann mit solch glühenden
Wangen, solch freudestrahlenden Uugen zurück,
daß Lord Cuthbert mehr denn einmal schmetz⸗
lich dardb fenfzter Steigendes Reden 683
das Abfteigen. Bald suchle Kitty alltin vom
Pferde zu springen, und sah sich dann zur
Steaft von flarken Atmen ee und lachenb
und schergend durch dir Gartenwegt getragen,
bald stützie sie traulich den Atm auf Hugo's
Schulder, vie geldenen Lotken streiften seine
Wangen und wenn danm ver junge Mann
stinen Lohn von ben lache luden, rosigen Vippen
derlangte, gab sle denselben auch zärtlich in al
ber vertrauenden Unschulb ihres Hetzens. Eines
Taheß rat Miß Batbaka auf die Vetanda,
wo Cuihbert eden eine solche Stene mit zu⸗
sammengelniffenen Lippen und finfteren Bliden
mit angesehen hatte. „Was sehlt Dir / lieber
Cuthberi, wos argert Dich Da wirst doch
XXXRVä
Vruder und Sqhwestet so innig aueinander
hängen, so liegt doch ganz gewwihß lein Unrech
borin.

Lord Cuthbert dühle leicht die Hand der
alten Dame.

„Sie weniggsstens bleiben alten Freunden
tteu.“ sagte er.

.Warum verkraust Du mir nich“ Dein
Leiden,“ fragte sie trautig, „Du grämst Dich
zu einem Schatten herunter und doch ist es
nicht Kitih, sondern Genevta nach det Da
Dich sehnst. Warum aber gehst Du nicht kütn
nach London und wirbst um sie ?— 2

OD daß die Losung meiner Schwierigkeiten
in Ihrer Hand hant, Tantt Varbara

»Was für Schwierigkeiten — Vertraue mir
sbs dab ich wisser vb sch Dir nich heisen
bnte

Ich kann, ich darf eb nicht.“

In diesem Augenblicke nahten leichte
Schritte, fröhliche Stimmen. Kitty tanzte ihnen
entgegen, der Arm ihres Bruders umschlang
leicht die schlanke Gestalt. J—

„O Tanichen, vder Spazietriu war herr-
lich die gauge Welt ist so schön.“

„Versteht sich, wenn man jung und glück-
lich ist. Uebrigens seid ihr musterhafte Ge⸗
schwister, und ich din nar degterig, was
geschieht, wenn eine reizende Maid oder ein
idler Ritter zwischen Euch ktitt.“

„Hugo“, rief Kitty plöoßlich ervst und
von dem Gedanken edune getroffen,
„gibt es ein solchet Wesen Ach, ich dachte
suüter nicht, pie felbstjüichng ich sein konnte.“

Der junge Mann blickte voll in das süße,
schuldiose Gesichtchhen.

„Rein, Kitty, nein,“ sptach er imnig, ea
wird nie Jemand mein Hetz von dem Deinen
ren nen.“

Miß Barbara huchte herzlich d

„Wie oft ich duß schon gehört habe! So—
bald aber der galante Ritter oder die schönt
Dame kommt, gehtera aus einem anderen
Ton. Nicht wahr, Cathbert /

Kitty schmiegte sich innig an Hugo.
. Ich glaube ses nicht, denn ich könnte
Niemand so innig lieben wie Dich. Sonderbar
daß Du mir so vbiel theurer bist als in fru—
heren Zeilen.n

Unsqhuldiges Kind! *

Des jungen Munnes Stirne erglühte anter
Lord Cuihderts anklagendem Blick. Et läͤchelle
gezwungen und führte Kitty in Haus.

Warum so eifersüchtig auf fremdes Glüche
xagte Tante Barbata, als sie Cuihdetis etaste
Vtrent bemerkte,“ warum grundest Da nicht
Dein igenes ?d)

„O daß ich etz könnte! Meine Prusung
ist sower, aber ich hoffe doch auf endliche
Ertdsung und will mich noch einige Zeit
dedulden d

„Sahst Du Gemebra seit sie ung verlich *
— XLktente ich Ihnen denn nicht mit, daß
ich Mr. Uzyd zwei Tage nachdem er sich hier
auch seiner Tochnet eriundigt halte, sprach
        <pb n="115" />
        Er ist sehr abgetzͤrmt und über der ganzen
Sache schwebt ein eigenthümliches Geheimniß,
das aber ganz. entschieden mit Graf Lubin
zusammenhängt. Mr. Lloyd schien nicht ge⸗
neigt, mich aufzullären, aber sein bleiches,
verstörteß kummervolles Aussehen und die
Abwesenheit seiner Tochter sagten genug.“ Ach
Tant hen, es bleibt nichts üͤbrig aͤls warlen,
und wenn Sie wüßten, wie hatt mir das
jallt. wärden Sie mich bemilleiden.“

„Das thue ich ohnehin, mein Kinb, X
ich denke, ich hätte Dir stets Fiebt und Theil⸗
nahme gezeigt.“

„Gott segne Sie dafür; Und wissen GSie
noch, daß Sie all das nicht dem Besißet von
Lyle Hall nicht Cuthbert Lyle, nicht dem
Sohne von Diesem oder Jenem schenklen,
sondern mir, meinem Herzen. meiner Seele,
die teine Namen haben ihre Identizar zu be⸗
weisen. Wissen Sie das noch !
⸗Gewiß; ich werde nie vergefsen, wie
sond rbar Du mir damals vorlamtt, ald Du
es verlangtest. Wozu auch J Duͤ brauchst keine
Verwechslung der Person zu fürchten, denn
sd äahnlich Dir auch Hugs Cartright ift, er
w Dir doch nicht im mindesten gieich, Deine
Vorzüge scheint auch Mts. Carttight anzjuet⸗
kennen, und Dich meht ju lieben als den
tigenen Sohn. Ist et aig —8 wie sit
ich schweigend ausweichen ? Selbs einy be⸗
merkt es und sagte mir erst zestern Argerlich,
ihre Mumttr scheint zu glauben, ihrt ganzt
Pflicht gegen Hugo besteht datin ihm Geid
dutudrangen. 5
Sie hielt platlich ein weil Lin unbeshresblih
Weh sich in Tuthbere gügen malte. t

.Was haft Du Cuthberte: was dabe ich
gefagnek
„Haben Sie Geduld mit mie,“ den a
mit bebender Stimme, „wenn ich Ihnen die
Watzeheit sagen dürfte, schwände dit Halite
meiner Sorgen.“ —

„So laß sie schwinden,“ tief eine bare⸗
sste Stimme.

Lord Cuthbert eilte dem Konrnenben mit
freudestrahlenden Biicken entgegen.

„Ist ea wahr 4J wollen Sie endlich meine
Bitte erfüllen
nicbt feblee

Lord Cuthbertexgriff Tante Barbara'a
and. ——
„Kommen Sie mit, auch Sie haben etwas
zu gewinnen, eiwas zu vergeben“
SKitty saß zu ihrer Mutter Flßen, still
und fröhlich und lächelte glückselig, wie ob
innerer Freude; Mrt. Cartright schien ernf
und trübe, uns als die beiden jungen Manmet
min Tante Barbata elntraten, betmerkte diese
wiedert den sehnenden Blichk, der ihr stett so
ruthseltaft gewesen. J
Lorv Cuthbert hiell noch immer des alten
Frauleins Hand, er wußte in des Herzem
angestuͤmem VDtange nicht wo beginnen.
Hugd trat rasch vor.
Ich habe Dich bdetrogen, Kitiy unb will
micht länget falsch damdeln. sondern mein
Schicksat dem eigenen Werthe dertrauen.“
Ich derstehe Dich nicht,“ centgegnete
wahrend die Mutter rasch zum Anderen
cdte.
kinn. i kann mich nicht mit einer
Schwester degnigen. ich vrauche eine Fraue
VDas liedlicht Gehichtchen berrieth onr
liches Erstaunen. Der Schlag kam zu squrtl,
als daß sie fähig gewesen wäre, dre Gefüble
—X n
Du glanbft doch nicht; daß ich Dir im
Wege stehen wetbe de fragte sie gereizg.
-Has thuft Däa gerade, lich Oerz,“
sprach et zartlich:· Deine Liebe ullein kann
mit den Nuth geben eine neue Lebenkphaf⸗
ju beginnen, eine Sleslning wieder einzunebrnen
bie ich rinst entbehrte⸗
Warum erschregst Du ich Dutgo ich
—RX J—
Schweigend standen die Uedtigen va
wvarteten gespannt ver Auftlltung bes merb
XLXV
AAXXXIE
„Kitm, er will sagen, daß er Dich iest,
nach Dir verlaugt als seiner führn VBtaut
Ich venstehe iha wohl und danle dem Hiumel
für diese vosnng. Ich Aerebe Dich ibmn mu
—XRR J
Kitty's Angen vurden iamer gtbser.
Lord Cuthbert Sie gehen mich Hugol
Seaid Ihr Alle bei Simen d7
α Sster an moviete Jener
den sse Lard Cunbert genannt bhatte, in
        <pb n="116" />
        ja nicht Hugo, sondern; Cuthbert Lord Lyle
und ich — re
und Sie 7* keuchte Kityhpg.

Bin Hugo Cartright. Lord Cuthberis
Boot schlug um, und ich glaubte ihn ertrunken.
. Ein ander Mal will ich Ihnen Alles er⸗
flären, liebe theure Tante Barbara, die ich
lieben lernte, bevor ich sie gesehen, an der ich
stets eine treue Freundin, eine feste Stütze
fand, werde Ihnen sagen, wie es kam, daß
ich mich zu dem Betruge verleiten ließ. Es
war unrecht den Namen und die Rechte eines
Anderen mir anzueignen, aber Gott weiß, daß
daß ich nicht glaubte die Ansprüche eines Le⸗
benden zu usurpiren. Und doch habe ich genug
gelitten, um meine Sünde zu büßen, denn
Ihr konnt die Qual nicht begreifen, nicht
sassen, die der Himmel in gerechter Sühne
ber mich verhängte, um mir zu zeigen,“ wie
sündhaft solch falsche Stellung sei, gleichviel
welche Beweggründe sie bedingten.“ Er sprach
in tiefer, ernster Bewegung. Der Andere er⸗
griff jeine Hand und schlang den Arm um
einen Halbs.

„Es liegt weder Schuld noch Unrecht da⸗
rin, Hugo Cartright. Ich liebte und achtete
Sie so lange ich Sie kannte, aber nie inniger
als seit ich Englands Boden wieder betrat,
feit ich sah, welch würdiges, edles Beispiel ein
iglischer Edelmann geben kann, welch große
Gaben er in Haͤnden hat, wie gottlos und
sündhaft der Mißbrauch solcher Vorrechte ist.
Blauben Sie mir, ich hätte nie wieder die
Stelle eingenommen, die Sie zieren, die Sie
wieder zu Ehren gebracht vor dem ganzen
daude, wenn ich nicht dadurch Ihrs heiligsten
Interessejr gefährdet hätte,, wenn ich micht
wüßte, daß ein gleich würdiger Platz Sie er⸗
wartet, nicht hoffte, daß das geliebte Mädchen
mir helfen wird dem. leuchtenden Beispiel zu
folgem, das Sie mir gegeben. on
Wahrend er so sprach, beugie er sich nie⸗
der und die blauen Augen, die se erst für
die schönsten in der ganzen Welt erltärt hati⸗
hlickten flehend in die ihren
„Du sagteftamir,“ daßß Du mich mehr
liebtest als alle Anderen. Kinm. Soll dieie
—H

Liebe nun erkalten, weil ich Cuthbert bin und
nicht Hugo pchr5
Was sollte das arme Wesen thun! Aller
Augen hefteten sich auf sie, man schien gespannt,
ihrer Antwort entgegen zu sehen.
.. „‚Wenn es Ihnen gesfällig ist, mein Herr,
werde ich erst mit meinem Bruder sprechen.
porausgesetzt, daß dies wirklich Hugo ist.“
Sie blickte fragend und vorwurfsvol zu
ihm auf.·
1.„Als ich Dich zum ersten Male sah und
so tief von der Aehnlichteit mit dem Verlo—
rengeglaubten⸗ ergriffen ward. wie konntest Du
mich da betrügen ??“
ress Sahst Du denn nicht die unsägliche
Pein 7*i Der verhängnißvolle Schritt aber
war einmal geschehen und konnke nicht zurück-
gerufen werden. Und wo wäre dann die Ven⸗
sion gewesen 9αν να
Und Mama —v ich' sehe wohl, fie
vußie Alles. O Mama, und mir nichts davon
sagen
Mru, Cartright schien nicht zu hören, sie
saß berwegungslos mit vorgebeugtem Korper,
strahlenden Augen und sog begierig jedes Wort
zin. Wohl war sie bleich, aber das alte freu⸗
ige Lächeln umspielte wieder ihre Züge. Als
sie endlich aufschaute, und ihr Auge sich auf
den Sohn richtete, sprach heilige unaussprech⸗
liche Mutterliebe aus dem feuchten Glanz. Er
eilte zu ihr, hniete vor ihdt niedher.
Meine Mutter — vo meine Mutter!
Richt fünszig Millionen könnten mich mehr
versuchen, Deine Liede, Deinen Segn zu ver⸗
cherzen. Du kanntest Dein Kind, Du warst
nie getäuscht, ich wußte daß seit unserem ersten
Zusammensein,“· e,
7 Sie schloß ihn fest an's Herz, küßle lei⸗
denschaftlich seine Stirne, seine Wangen, selbit
seine Hände. — 241
320Mein, mein !“rief sie entzückt, „nun ist
er wieder mein, nun erst kann meine Seele
wieder Ruhe finden ..
(Fortsetzung folgt.) 1
ta — —
Oruck und Barlaß von F. X.c Demnes in Gt. Ingbert.—

—7
        <pb n="117" />
        Antkerhaltungsblatt
2* 277 241
m2* 734 —* 7

—A F
2 .. 7*8*

v. 20.. Donnc Atag, den D. März 1877.
Lord Ayle
Rach dem amerikanischen Originale des
Cbharles T. Manners..—*
lreĩ bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepfch.
— Omb.
(Fortsezung.
Algs fich Huso endlich aus dieser heiligen
Umarmuug losmachte, wandte er sich zu Tante
Barbara. m e
. „Wollen auch Sie mir vergeben )
fragte er.
Die arme alte Dame traute ihren Sinnen
kaum. Lord Cuthdert, denn als solchen mußte
sie ihn jezt anerlennen,hatte ihr inzwischen
einen kurzen, reuigen Bericht seiner dergangenen
Sünden in's Ohr geflüstert.

.Bei dem Taufsche kann ich am Ende nur
gewinnen,“ lächelte sie, „denn nun habe ich
ja zwei Kinder. Ich liebe Dich innig, ob Du
nun Hugs seiest oder Cuthbert, und weik kein
Mittel, Dich auf einmal nicht zu lieben.“

„Sagen Sie das Kitty,“ rief Lord Cuth⸗
bert mit dem alten schelmischen Lächeln, das
so lebhaft au den fröhlichen Knaben. den fie
vor Jahren gepflegt. erinnerte, daß sie selbst
Uber die frühere Blindheit staunte.

Nitty jchlug befchämt die Augen nieder.
Der Bruder kam dem Freier zu Hülfe.

„Sie wunderle sich, daß sie Sie inniger
liebte als den alten Beuder, nun, Kitty, wenn
es dafür eine natürliche Erklaärung gäbe d2
Sie erglühte immer mehr, aber das Haupt
blieb gesenkt. *
uUnd Sie, Lord Cutbbert, gestatten Sie

**

S u 8 z2
mir die Frage, ob sie auch die alte Liebe
pöllig verdrängt hat ! —
wEstill dabon. In Kitty ist mir ein nener
Stern aufgegangen, Ke hat meinen Glauben
an des Weibes Herz wieder gewedt, und nur
an ihrer Seite kann ich ein achtbarer Mann
werden. Ich habe ihr noch manche Sünde.
manche Thorheit zu belennen, aber ihr reines,
großmüthiges Herz wird mir vergeben. Weist
sie mich ab, so kehre ich zurück an die schoͤnen
Ufer des Genfersee; uund kein zudringlicher
Fischer soll mich mehr aus dessen. Wellen
holen. Ich schwoöͤre, daß Lyle Hall seinen Ge⸗
dieter nie kennen lernen soll, wenn Kitth nicht
als dessen Herrin dort einzieht. 5

Niity's Hände bebien, eine glitzernde
Thrane rollte über die vole ange.

Es ist schlecht von Dirz; Hugo, so eiwas
nur zu sagen —

„Nicht Hugo, soudern Cuthbett.

.Acqch ich vergaß, ich kann Dich mir eben
nur als Hugo denken ·“· F

And nur als Hugo lieben J.ich werde
ewig Hugo bleiben, Kiun, wenn Du das
sagst.— tF

Sie blickte auf, ein freudigen Lächeln glitt
Uber ihre Zge. I

„Was jagte Miß Barbara 97

Sie wisse kein Mittel, mich auf einmal
nicht mehr zu lieben.“ *

„Nun, ich bin genelgt ihrer Ansicht da⸗
zustimmen.“ —*
Er schloß sie in die Arue und trug sie
aus dem Zimmer. Draußen hörte mau
jje fröhlich Jachen und bitten. daß er fie frei⸗
zebe.
        <pb n="118" />
        „Es ist Alles qut so, Mutter,“ sagte nun
Hugs lächelnd, „denn Fiebt ihn.“*
„Und isß e 47 ragte sit be⸗
'orgt.

Ich fürchte nichts, ich alaube, sie wird
ihm helfen, sich seiner hohen Stellung würdig
uu machen.“

„Und was wird die Welt zu all dem
sagen ?“ unterhrach Tante Bawargg.

Man? wirdesich eine Zeitlang wundern
und behaupten, man habe es langst geahnt.
Wir müssen Sir Charles Worch zu Rathe
siebhen, und ich denke, es wird gut sein, zu
verstehen zu geben, daß es eine zegenseitige
Uedereinlunft der beiden jungen Männer war,
daß Lord Cuthbert ausdrüclich verlangte, Hugo
solle im Falle seines Ablebens ohne Leides⸗
aben seine Stelle einnehmen.“
AUnd Generra * fragte Miß Barbara
vieder
Hugo laͤchelte freudig.
WwWie ⸗ut, daß mir vun · keine Pflicht mehr
Wege siehi. Welch fühe Genugtdunng zui
wissen, daße Ougs Cariright dem edlen, kolzen
Derzeit bier willtommener sein wird, als ver
ornehine Vefiher· vcn Lyle Halk. Sebald ich
bie Geschäfte mit Lord Cuthbert geordnet habe
aͤle ich Genevra zu finden, und ich werde kte
finden, wo immer sie sei,“ der Magnet muß
feinem Pole folgen“
„Meine liebe Mri. Cartrighte“ scherzte
Tante Barbara, , mir scheint, ich hatte keine
zlücklichere Lösung aller Knoten hervorzaubern
dnnen, wenn ich wirklich line Fee wäre. Wie
verde ich mich aber wieder in die Einsambkeit
der Honeyfuckle Cottage finden kdnnen * Mir
vird!ß ja jeln, als ob hienieden mein Beruf
rfüllt, mein Werk vollendet wäre.“
„Sie müssen bei uns bleiden, sich mit
nir über das⸗ Glück umserer stinder freüen.“
Hetß Barhara schüttelte sauft das Haupi.
Ihdr Beruf? war noh nicht erfüllt, ihr
Werke noch nicht vollendet; die neut Aufgabe
— schneller, als fie es dachtet: 4.
* L 4*
War es nicht fonderbar, daß Reichthum
und Stellung nun jenem Manne werthlos er⸗
schienen/ machdem er sein Leben auf's Spiel
geseßt, sie zu gewinnen 9

. Graf Lubin bewegte fich ia Londons ari⸗
dokratischen Kreisen und lebts in Pracht und
Puxus, solche Groöße stande ehemals so hoch
über den kühnsten Hoffnungen des heimath⸗
losen Flüchtlings vor sicilianischer Gerechtigkeit,
als jetzt Englands Thron.

Dennoch war er nicht glücklich, nicht ein⸗
mal zufrieden und wunderte sich selbst über
dif hn verzehrrende, rastiose Unzuhe, die herbe
Enttäuschung ob des Mißlingens seines höchsten
Wunsches. J

Um Genevra zu gewinnen, sie, wenn auch
widerstrebend, sein Weib zu nennen, hätte er
leine Opfer gescheut. hätte. ohne einen Ge⸗
danken des Bedauerns, das Vermögen hin⸗
gegeben, dag er durch frechen Betrug er⸗
wvorben.

Nun hnizschte gemig den Jahnen vor
Wuth über die eigene Thgcheit, sie unbeauf⸗
sichtigt zu lassen, und faßte den Entschluß, fie
uu finden um jeden Preis.

Er befahl bezüglich ihrer geheimnißvollen
Abwesfenheit tiefstes Shweigen, zwang den
vox Schmerz und Selbstvorwürfen jast irren
Vater; alle Umstände der Flucht vor Jeder⸗
mann geheim zu halten und bot dann geschickte
Polizisten auf, die Vermihßie zu zuchen. Bis⸗
her aber war es nun gelungen zu erfahren,
daß eine Droschke sie auf den um Mitternacht
nach Brimingham adbgeheuden Zug gebracht
hatte. Von da an war sie derschwunden, wie
in Blatt inz veißenden Strom. Hätte man
die Kleidung bezeichnen können, so wäre das
von großem Vorih il gepesen, Remand aber
wußte diese wichtige Frage zu beauntworten.
Das rubinrothhe Sammitleid lag noch auf
dein Poden, wo sie ge hingeworfen, und es
jande sich auch jede Kopfbedetung. die man
ie je haitz tragen seben. Elsie Lonntf leing
— und ihre Stellyertreterin war
purlos verschwunden. Wohl fürchtetg das ex
schredug Kammermädchen, die Geheim nißvolle
Demoiselle · hahe choaß Schredliches gethen,
aber sie war zu furchtsam und feige, ihre Ver⸗
dachtsgründe mitzutheilen, nicht mit Unxecht
jürchtend, man würde hie indirecter Mitschuld
zeihen.

Die Zeit verging und kein Erfolg kronte
des Grafen Bemühungen. Ungewohnt seine
deidenschaften zu zügeln, geberdete er sich wie
        <pb n="119" />
        rin wildes Thier; der unglücktiche Vater aber
wurde immer bleicher und matter. Unbeschreib⸗
lich war feine Angst, unsäglich der Kummer.
der an ihm nagte...

Ungefahr drei Wochen“ nach⸗ Genenra's
Flucht saß er tiefgebeugt in seinem Arbeits-
zimmer, als man ihm eine Narte brachte, die
den Namen Hugs Cartright trug. Unmittelbar
darauf trat der Mann ein, den er als Lord
Cuthbert kannte, und erzähle ihm vonder
Verwechtslung der Identität und von seiner
Liebe für Geneyra.

Hugo sprach in gewohnter, maunlicher,
offenee Weise und als ar geendet, blickte i
forschend auf den Banquie.

„Und nun, Mr. Lloyd, wenn Sie mir
ibren Segen' geben wollen und mir sagen, wo
Ihre Tochter sich aufhält, werde ich hingehen,
mein Urtheil von ihr felbst zu hören.“

Lawreuce Lloyd fenktte das: Haupt und
brach in Thränen aush..

.O daß ich Ihnen sagen könnte, wa fie
ist, daß ich wüßte, ob sie Sie liebt, wie gern
friedlich würde ich serben, selbst wenn mir
der Anblick ihres süßen Gesichtchens nicht mehr
gegonnt waãre.

„Sie sind von Kummer gebeugt, lieber
Mr. Lloyd, bin ich nicht werth. ihn zun thei⸗
len )* frag‘e Hugo weich und innig. 53
Ein rascher Entfchiußfchier den alten
Mann zu veleben, er erhob sich schuell, jchloß
beide Thüren und kehrte dann wieder zu
seinem Plate zurück.

Sie haben recht, junger Freund, Sie
sind meines Vertrauens werth und vermögen
mir vielleicht cuch u helfen:“ Sie theilten mir
Ihre Geschichte: offen mit und sollen nun,
undelinnmert· um seine Drohungen, auch die
meine erfahren. dc. ν.

F. Kurze Zeit darauf lannte Hugo alle Ver⸗
häutnisse — —3
Ich werde⸗ Ihnen helfen. Mu. Lloud,
jo mir: Gott beistehe, Ich bin ührigens über⸗
zeugt, daß Sie einem abgeseimten Betrüger
jum Opfer gefallen ind. Gin Mann verfolgt
bereits die Spur diefes Grafen. Luhin,ich
werde ihn aufsuchen und hierher bringen, auf
daß er uns Waffen gegen den Bösewicht in
die Hand gebe.“ —

TAber, meine Tochter,“ sihnie bet An⸗

glucctiche Vater, „geben Sie mir mein Kind
wieder, dann will ich den Verlust meines
Reichthumes, ja selbe die Brandmarlung meines
bisher fledenlofen Ramens ertragen.

.Ich werde sie suchen und, glauben Sie
min, ich werde sie finden. —

.:So gehen Sie denn, und der Segen
des Himmels geleite fie

Zuet Stunden später trat Hugo Cartright
wieder in die Bibliothek, ein hagerer, dleich
und krank aussehender Mann stüßte sich auf
seinen Arm.

„Ich sagte Ihaen ja, daß ich den Be⸗
trüger entlarven werde,? rief Hugonlehen
Sie/ Mr. Lloyd, da bringe ich einen alten
Belannien, erlennen Sie ihn nicht mehr de

„Nein, daß ift wohl nicht möglich.“ be—
merlte der Freinde, denn adgefehen von den
vielen Jahren, die inzwischen dahingegangen,
hat mich Jammer und Kraukheit funchtbar
entitelnt. Ich lenne Ihre Geschihhte, Freund
loyd und mir, der ich am Vande des Gra⸗
bes siehe und bald Rechenschaft werde ablegen⸗
mitfsen äber die eigenen Sünden, suaeht es
nicht zu, Sie zu tadeln oder zu verurtheilen

Sie haben überdien genug erduldet, und we⸗
dart her fatsche Graf, noch das unterschlagene
Geld, das mißbrauchte Vertrauen soll Sie
fürder mehr beunruhigen. Der angebliche Graf
Uubin ist nicht Jolen Haughton, sondern ein
ewuflohe ner Verbrecher ⸗··

. Wicht John Haughton, Herr“ rief der
Banquier und faltete die Haude, als wolle er
um Erbarnen sehrn. 8B—

Mein, er ist nicht Jon Haughton, denn
jewenr UÜnglüchliche, desffen ganzes dveben nur
cĩus⸗ Mette von Veid und Wißgeschid war.
dessaen Goild so lange in Ihres Casse wucherie
steht vor Ihnen.“ 3*

Duge Uartright konnte Jaum sagen, wel⸗
cher von Beiden bleicher und entftellter aud⸗
sah z W lieh sie meken einander; auße dem
Sonha Plat neoen, und die zweß blafsen,
abgezehrten und aufgereglen Gesichter starrten
sich degierig zud borichend en.

Und wiedir wurden die unscligen Erlebnisse
erzählt. 5* uit J

ESu sollen jeden Heller Ihres kigen-
thumg zurücderhalten, versicherte Vawrence
Lioynt nwenn Sie mir nur einigermaßen Zei

77*
        <pb n="120" />
        zönnen. Das Bewußttsenn oer Vesreiung vou
dem fürchterlichen Alp gibt mir jugendliche
æraft. Gott sei Dank, jener Betrüger hat erst
eine Rateczahlung empfangen, in ein dis zwei
Jahren sollen Sie Kapital und Zinfen er
halien, und wenn es mich auch verbältniß⸗
mäßig arm macht, kann ich doch Genepnra
ieder furchtlos entgegentreten. O meine Toc⸗
zer Ware sie nicht geflohen, ich hätte sie mit
Vewalt dem Schurken angetraut, und dann
wäten diese Enthüllungen gefolgt!“! Ueber⸗
wältigt von Schmerz beim bloßen Gedanken
an diese Moͤglichkeit hielt er puötßzlich inne.
In ein bis zwei Jahren,“ lächelie John
Haugthon, ‚und was würde mir's nütz n,
wenn⸗ Sie sagten in ein bis zwei Monaten,
da meine Tage, vielleict meine Stauden ge⸗
zählt sind! An Bord des Schiffes giaubte ich
zu sterben, machte mein Testament und ernannte
Sie, Lawrence Lloyd, zu meinem Erben, da
jch Niemand wußte, der bessere Ansprüche
auf mein Vermögen hätte. Das soll nicht ge⸗
indert werden. Sie werden die Summe zu⸗
rückerstalten, die mir mein Freund Boyd
vorschoß, werden ihm das kleine Vermächtniß
meiner Dankbarkeit ausbezahlen,“ die durch
meine Krantheit. dedingten Ausgaben' erfehen
und sür mein Begräbniiß sorgen. Das Uedrige
dehört Ihnen··—

. Lawrence Lloyd verbarg das Antliß in
den bebenden Hauden, grote Thränen mäu⸗
felten langsam durch die geschlossenen Finger.
Nun hat mein Leben nur noch einen
Zweck,“ fuhr der Kranke keuchend sort, „und
id werde nicht sterben, bevor ich ihn erreicht.
Ich werde den Saurlen entlarven, ihn her⸗
adteißen vom Gimpfel seines Triumpzet, auf
dah er fühle, was ich gelitten. Kommt er
hdeute noch zu Ihnen ? —
Je,“enig; quete Lawi ence Lloyd schau⸗
dernd.

Daun werde ich ihn hier erwarten un
bewiblommer. (Fortsejung folgt.)
afaltiges.
ich
ich vor Antoineitte!
euit and Berlag von J. X.
— 758867 *

wvchtagte vir ct rort und sehe die Feinde
Frankreichs nicht an.“ 2358

Tochter: „Aber Mama! wenn ich die
Augen niederschlage, wie kann ich sehen, ob
die Pruffiens wirklich so schöne Leute siud,
wie mir aAlle meine Freundinen sagen“
Ein Reisender kehrte in einem Gasthause
in der Nähe von Vincennes ein und wollte
eben seinen Namen in's Fremdenduch schreiben.
als sich ein Wänzchen erlaubte, gerade über
die betreffende Stelle zu laufen. Der Reisende
legte erschrocken die Feder weg und sagte:
„Ich bin schon mit Ungeti fer in Evansville
uind Terre Haute in Berührung gekommen,
aber das ist gewiß noch nicht da gewesen,
daß Wanzen so impertinent sind, im Fremden⸗
register nachzuschauen, in welchem Zimmer
die Reisenden beherbergtj werden, damit das
Vieh“ genau weiß, wen es zu beißen hat.
Sprach's und schiug sich seitwärts in die
Büsche.

277

—— —
Trauer eines Irrläuders.

Neulich beforgte sich ein reicher Irrländer,
welcher Wittwer geworden, hundert Tonnen
Tinie, um am Sierbetag seiner geliebten Gat⸗
tiin in seinem Parke das Wasser der Springe
brunnen schwarz zu särben.
Wbelches find die faulsten Dinge auf
Frden? — Die Flusse. So lange ihnen nicht
das Wasser über den Korf geot, sieigen lie
aicht aus ihren Betten.

Bleichgultigkeit. U

Ein Englander speiste einst in einer zahl⸗
reichen Geselschaft. Ein Gewitter zog auf,
rin Blihstrahl schlug in's Zimmer und wath
den Beolenten des Engländect, der hinter dem
Stuhle stand, zu Boden und erschrecte die
ganze Gesellichaft auf's Aeußerste. Da wandte
sich der Engläuder darauf ganz rudig um und
sagte: dem Bedienten: „Eciaute mich doch,
daß ich morgen einen Blitzableiter auf mein
haus sehen lasse.⸗
— — 2282
— —
—7
7
Denmnegz in

—.

gaetert. — .
        <pb n="121" />
        Unterhaltungsblatt

M
St. Ingberter Anzeiger.
Xr. 21.

Sonntag, den 12. 5

1834.
Eord Xyle.

Nach dem amerikanischen Originale des

Charles T. Manners.
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
Ombs.
Fortsehung)

Graf Lubin war ruhelots und ergrimmt,
weil es ihm nicht gelang, Genevra's Aufent-
haltsort zu erfahren.

Zephyr hatte er inzwischen nicht wieder
besucht. Er haßte die leidenschaftliche Jtalienerin
nun eben so maßlos, als sie ihn liebte.

Zudem vetrieth fie in letzter Zeit bestän⸗
dige Neugierde, forschte nach qllen seinen
Handlungen und drängte immer heftiger auf
Rückkehr nach Sicilien. All das erbitterte ihn
um so mehr, als er wußte, daß er sich nicht
von ihr losmachen könnte; daß fie über kurz
oder lang sein Thun und Lassen erfahren
werde — und er beschloß eine furchtbare
That. Die Tanzerin sollte aus dem Wege ge⸗
caͤumt werden, damit sie ihn nicht gelegentüch
bloß stelle.

Am gleichen Tage, da Lawrence Lloyd
sich von unsäglichem Kummer befreit sah,
schlug Graf Lubin wieder einmal den Weg
nach Zephyns Wohnung ein. Im Westentäsch
chen barg er ein kleines Schaͤchtelchen, das
feines, weißes Pulver enthielt. Auf demselben
desand sich noch die Etiquette des Apothekers
und Zephyrs Name. Ein teuflisches Lächeln
überflog des Grafen Züge, als er die Tirag⸗
weite dieses Umstandes erwog. Kleine Ursachen
bedingen oft große Wirkungen, befonders,
wenn es fich um die Beweiskette begangener

Berbrechen handelt. Allerdings hatte das
Schächtelchen erst ein unschuldiges Pulder ent⸗
halten, wer aber konnte behaupten, daß die
leidenschaftliche Italienerin dessen Inhalt nicht
vertauscht? Ferner enthielten seine Taschen
orgfältig gewählte Kritiken aus öffeutlichen
Blättern, voll des Lobes und Beifalls der
inzwischen eingetroffenen btereichischen Tänzerin,
die nun des Publikums schnell weqfelude
Bunst dehertfchte. Hie und da fanden sich ein—
zelne Worte durchstochen, wie von der Nadel
einer zürnenden Frau. Derlei Umstände schienen
eine Beweiskette zu liefern, über die Graf
Lubin grimmig lächelte. Zephyr war zju Hause,
fie war eben beschaftigt, einen großen Koffer
zu packen.

„Run, was soll das heißen 7 lachte er.

„Erinnerst Du Dich endlich doch, daß ich
——
heißen, daß Du morgen nur leere Wande
gefunden hättest··

„Du wärest also gegangen, ohne ein
Wort des Abschiedes 8 fragte er mit dem
alten falschen Tone.

Sie zucte verächtlich die Achseln.

Nein, Herr Graf, nicht gerade ohne
Abschied.“

Was willst Du damit fagen, Zephyr ?

„Jon hat eine Karte bereit, um fie beim
Tonsul abzugeben, und eine andere jür Ge⸗
nevra Lloyd, die Tochter des groken Banquier.
Graf Lubins Karte in's Jialienische Uber-
seßt.“

Und sie lachte laut und lagg.

Sein Herz klopfte, aber er wußte, daß er
seine ganze Verstellungskunst aufbieten mässe
        <pb n="122" />
        .Dad hättest Du gethan, Du böse, böse
Zephyr rief er im Tone gewinnender Zaͤrt⸗
sckeit, „welich hübsche Grille der Eisfersucht!
Glaubtest Du denn, ich ginge der Tochter
wegen zun Banquier d Ich kann Dir beweisen,
daß ich sie dori nur ein einziges Mal ge—
sehen, daß sie die ganze Zeit über abwesend
war und es noch ist. Meine Einziggeliebte,
laubtest Du, daß irgend wer Dich aus meinem
Herzen verdrängen könne? Packe die Koffer
umerhin, ich tam, Dir zu sagen, daß ich
bereit sei, mit Dir nach Jialien zurüchzu⸗
lehren.“

Langsam erhob sie das Auge und blickte
ihn ernst an. Es lag etwas Drohendetß in
ihrem Wesen, er aber zog vor, es nicht zu
beachten.

„Komm her, Liebchen,“ schmeichelte er,
die Sammtkissen des Divans zurüchchiebend,
und beide Hände nach ihr ausstreckend.

Troz Jons abwehreuder Geberde erhob
sie sich und näherte sich langsam. Er schloß
sie in die Arme und küßte sie. Widerstandslos
ließ sie es geschehen. 9—

„Du liebst mich, Rina, nicht wahr, Du
ebst mich?“

Ja. Goti weiß, daß ich Dich selbst jetzt
noch nede,“ entgegnete sie heiser.

Er bededte die kalten Hände mit Küssen
and rief sie mit tausend Schmeichelworten.

Wie schauerlich ihr das klang in all der
schreclichen Ahnuug, daß etwas Fürchterliches
ich ereignen müsse!?

Wir gehen nach Jtalien, Liebchen, wir
werden Macht und Reichthum besitzen und vor
Allem glüchlich sein in unserer Liebe, nicht
wahr, meine süße Rina 7

Dann beugte er sich zuͤ ihr nieder und
flusterte: .—, Schicke den Knaben fott, mein
Fngel, er braucht eines Bräautigans süßze
Thoͤrheiten nicht zu hören.

Lege die Juwelen in den Koffer, Jon,“
sagte Zephyr noch immer mit kalter, unnatür⸗-
licher Suimme, und schließe ab.“

.Jon gehorchte, als es geschehen, blidte er
traurig zu ihr auf.

Stocke den Salüssel in die Tosche, eßs
gehört ja Alle, Alles Dir. Komm, küsse mich,
Jon.“

Der Knabe sprang in ihre Arme, einen

Augenblick hielt sie ihn fest umschlungen in
trampf hafter Umarmung.

Geh nun zu Florine; lebe wohl, Jen.“

Lebe wohl d Was willst Du sagen, Ninad“
fraßte er weinend.

„Nichts, ich bedachte nicht, was ich sagte,
geh, mein Herz!“

Sie schickte ihn sfort und kehrte zurück zu
dem Manne, den sie haßte und verabscheute
und doch so wahnsinnig hebte, zu dem Manne,
der sie so graufam getäuscht, überzeugt, daß
ich etwas tragisches, etwas Schrecliches er⸗
eignen werde.

Der Graf hatte die Zeitungen sorglosß
auf den Tisch geworfen. Auf einem Kästchen
ttand ein silderner Präsentirteller mit einer
Weinflasche und Krystalgläsern. Troz seiner
Mordgedanken plauderte er fröhlich und mit
all dem ihm eigenen Zauber. Ernst und schweig⸗
am lauschte Nua, da er ihr von dem rei⸗
jenden Leben unter Blumen und Vögeln sagte,
bon der prächtigen Villa, in der sich ihres
Daseins goldene Tage gleich Perlen aneinander
reihen sollten.

„Hälist Du solches Glüd für moglich *
fragte sie endlich.

Warum deunn nicht, meine süße Braut?
Nomm, laß uns die Schwüre ewiger Treue
erneuern, laß uns Euglands kalten Ufern ein
Zdebewobl trinken, einen Gruß der sonnigen
deimath!“

Er erhob sich, die silberne Platte zu holen.
Finen Augenblick hatte er beim Einschenken
gezögert, sie sah nichis, aber sie wußte so ge
nau, als od sie es gesehen, was ihn zurüd⸗
gehalten.

Gerade bevor er sich ihr näherte, nahm
er eines der Gläser von der Platte und bot
—
derlussend, das andere.

Sie nahm es und hielt es unb rührt, bis
sie angestoßen. In diesem Augenblick fuhr sie
auf und rief: „Horch, da kommt der Friseur,
ich bestellte ihn auf diese Stunde, da ich nicht
vissen konnte, daß Du kainst. Ich höre seine
Schritte, willst Du ihm sagen, er möge ein
wenig warien 77

In wohlbegründeter Besorgniß ob eines
Zeugen, eilte der Graf an die Thüre und
dab den betrefsenden Besehl. Als er zurld⸗
        <pb n="123" />
        kehrte, fand er Nina in derfelben Stellung,
in der er sie verlassen, das Weinglas noch in
der Hand haltend. Auch sein eigenes stand
noch am gleichen Platze. Er nahm es und
trat zu ihr.

Has Klirren der Gläser könte durch's
Zimmer, dann leerten sie beide auf einen
Zug.

Des Grafen Auge blitzte, er beugte sich
vor und nahm ihr feines Spitzentuch aus der
Tasche, um ein Stäubchen von dem Atlas⸗
fleide zu wischen, als er das leichte Gewebe
jurückgab, begleitete es dat leexe Schäch⸗
telchen.
Nun, Zephyr, wir reisen Morgen.“

„Ja, wir gehen.“

Während sie noch sprach, eilte sie zum
Schreibtisjch, warf sehnell einige Zeilen hin,
fiegelte hastig und hielt das Billet in der
Hand.

Er war froh, daß sie ihn nicht aufzalten
X —

„Adien nun, auf ku ze Weile, meine
Nina.“

Lebewohl, Pedro,“ sprach fie langsam
und feierlich, „lies das, wenn Du heim
kommst.“ æ

Ein kleines Geheimniß, Liebchen ?*

Ja, ein Geheimniß, lebe wohl, Pedro.“

Er eilte fort, warf sich in die nächste
Droschke und befahl zu Lawrence Lloyd uu
fahren.
„Ich friere,“ murmelte er, den Rock zu⸗
knöpfend, „es ist, als ob Blei in meinen
Gliedern läge. Bin ich kindisch genug, mich
über die Ereignisse der letzten halben Stunde
zu alteriren )

Vor dem Hause des Banquier athmete er
gierig frische Luft und glaudte die lästige Be⸗
klemmung verschwunden.

's sind nur die Nerven, und doch ist's
sonderbar, daß meine Füße so schwer find.

Mübsam stieg er die Treppe hinan und
bat den ihm in der Halle entgegentretenden
Lakaien um ein Glas Wasser.

„Euer Gnaden sollten lieber ein Glas
Wein nehmen.“

Der Graf machte eine Geberde des Ab⸗
scheues.

Mein, nein, mir ist, als koönne ich nie

wieder Wein trinken, bringen Sie mir Wasser,
eistaltes Wasser.“

Nachdem er es getrunken, betrat er die
Bibliothek. ohne anzuklopfen.

War es innerer Kampf oder Schrechken
äber den ihn erwartenden Anblick, daß er
taumelnd an der Thüre zusammenbrach?

Jene hagere Gestalt an des Banquiers
Seite erhob sich, Aug auf ihn zu und schüt ⸗
telte die grauen Haare von der bleichen Stirn.

„Ah, Graf Lubin, endlich treffen wir uns
wieder ! Gut, daß wir uns »gefunden, mein
Freund, wenn auch nach Manger Zeit und
unter sehr verschiedenen Verhältaissen. “

„Wer ist dieser Betrüger d dieser Wahn⸗
—IIEIRV
sich Lubin an den Banquier.

„Wer es ist ?“ ricf der Andere. „Graͤfliche
Gnaden haben doch John Haughtsn nicht
verg / ssen, John Haughton, der mit Ihnen den
Luxus und die Bequemlichkeit eines sicilianischen
Gefaͤngnifses theilte. Nicht wahr, mein Freund,
wir haben ung wieder gefunden d Weißt Du,
daß ich diese Stunde erfleht habe Jahre
lang ꝛ:

Wie ein wüthendes Thier siarrte der Gras
um sich und wandte sich dann nach der Thüre.
Aber die Füße versagten den Dieust, er sank
in den nächsten Sessel. F

Plöͤtzlich zuckte ein schrecklicher Verdacht
durch seine Seele. Er zog das Billet aus der
Tasche, riß es hastig auf und las es mit
glühenden Augen.

„Pedro, ich liebte Dich treu und innig.
Habe ich Dich nicht aus dem Gefängnisse
befreit, für Dich gearbeitet, gelitten ?) Du
aber hast mich drei Mal betrogen. Ich weiß
Alles. In jener Nacht verhall ich Genevra
zur Flucht, ich keune ihren Ausenthalt, und
Pedro — ich verwegselte die Gläser.“

Brüllend vor Anst und Wuth warf
er das Blatt zur Erde. Nun war ihm Alles
tlar.

Zornglühend sprang er auf, sank zurüd
uud fiel in Krämpfen auf den Boden.

Die erschreckten Zuschauer kannten nun
keine Rache mehr. Man sorgte für ihn mit
Ullem, was der Reichthum bieten kann. Er
starb nicht; die Dosis, weliche Zephyrs zarten
Zörper vernichtet hätte, vermochte nicht die
        <pb n="124" />
        Lebenakraft des Maanes zu zerstören, fie lähmte
nur seine Glieder und machte ihn jeitlebens
zun Krüppel.

Mehrere Monate später, als er in einem
Spitale von einer Rente, die ihm ein gewisser
John Haughton testamentarisch vermacht hatte,
sebte, erschien eine kleine, abgemagerte Frau
aus Palermo und ließ sich mit ihm trauen.

Jedermann wunderte sich darüber, adber
Niemand ahnte, daß die Unglücklicht die einfi
jo gefeierte Zephyr sei.

xxIvV.
Tiefer Ro kiesyr senkten sich die Scha

der Die dunkle Rauchwolke, di⸗
den lieben, dangen zTag über den verkümmer⸗
ten Bäumen schwebte und eigentlich einen
ichwarzeu Wegweiser über Merthyn Tydrill
bildete, hatte sich gleichsam verklärt durch den
Wiederschein jener endlosen⸗ Feuerwerkstätten,
deren hohe Kamine einem Wald von astlofen
Bäumen glichen.

Eine düstere, Äꝛde, traurige Scene. So
dachte auch die junge Frau, die müde unter
der Thüre von Nan Me. Neals Häuschen
lehnte. Ein grober Shawl umhüllte die hohe
Gestalt, aber er lonnte die Anmuth ihrer
Formen nicht bergen. und selbst hier im
düsteren Zwielicht würde irgend Jemand, der
fie früher gelannt und geliebt, unfehllbar ihre
Identitäten errafhen haben.
Urnruhig blickte sie nach allen Seilen, beob⸗
achtete die letzten verschwindenden Umrisse der
Begend, die Alles einschließenden Berge, die
sich kreuzenden Pfade, den Wegweiser, der
wie ein Gefpeust, mit ausgestreckten Armen
dastand, die öden Felder, die zerstreulen Häu⸗
ser, von welchen nur eines so nahe war. daß
die menschliche Stimme gehört werden konnte.
Anf der ganzen weiten Landschaft lag laut⸗
lose Stille, und Genepra war's, als habe
man sie aus dem Wirbel fieberhafter Aufre
gung, aus Babels geräuschvollen Straßen
hinausgeschleudert in eine Sphaäre der Leere
und Einsamkeit. Lebendig begraden! Wie ofl
wiederholte sie die Worte und siräuble sich
gegen solch trauriges Geschick. Eben so oft aber
batte sie mit eiserner Willenskraft die krank⸗
Aruck and Verlag von F..

hafte Unruhe gedämpft, sich gezwungen, ihr
Schicksal geduldig zu tragen, dankbar zu sein
für die Stille, die Einsamkeit, vor Allem aber
die Siche: heit ihres Versteckes.

(Schluß folgt.)
ZMannigfaltiges.
Zeitgemäße Redensart.

Ich kann einen Stiefel vertragen! sagte
der deutsche Soldat zum französischen Cipili-
sten und zog ihm beide aus.

—2

Schultze. Nanu sind die Franzosen doch
ihren Napoleon janz losjeworden!

Müller. J woso denn? Sie haben ihn
ja noch auf all' ihr Francs uud Ruapo—
leon ad'or.

ESchultze. Na, die sollen sie ja eben ooch
los werden. Davor sind ja die fünf Milliarden!

77
Nach einer amtlichen Bekannimachung der
königlichen Regierung zu Wiesbaden, ist dem
Johann Wilhelm Esel zu Niederbrechen die
nachgesuchte Genehmigung ertheilt worden,
an Stelle des von ihm seither geführten Fa⸗—
miliennamens „Essel“ den Namen „Sachi e⸗
bo un“ anzunehmen und zu führen.

Eine Gefallene.

In zerissener lumpiger Kleidung lam Sam-
stag Nachmittag ein krankes Weih auf das
Wiener Stadt⸗Polizei Commissariat und bat,
man möge sie in Haft nehmen, da sie keinen
Bissen Brod sich kaufen könne. Es war Helene
Stellwag v. Carion, früher eine gefeierte
Schönheit, jezt ein elendes Weib. In letzter
Zeit lebte die 32jährige Frau ausschließlich
von leinen Betrügereien, wegen deren sie
stecbrieflich verfolgt wurde. Wie sie selbst an⸗
dibt, versuchte sie auch von ihren einstigen
sohen Verehrern Unterstüzungen zu erlangen.
Doch blieb es nur beim Versuch. Ueberall wies
nan sie mit Spott ab. Die Frau wurde in'es
Inquisitenhospital des Landes erichts gebracht.
owre h in st. Inabert.

ισοα
        <pb n="125" />
        Anterhaltun⸗

*

— —XBi
n α nν
. uiaat tenr 732880d enu
* *432 ug U —9 ——— —
* e 2243
St. Ingberter Anzeigerenn

—
32.

Dienstag, den 14. März 18714.
sord Cyse.

Nach dem amerikanischen Originale des J
Charles T. Manners...
Frei bearbeitet von Lina Freifrau v. Berlepsch.
Ombs.) J J —
Echluß.

Genebra Lloyd blicte ernst und traurig
vor sich hin und kämpfle mit der Sehn jucht
nach der Heimath. Kein Wunder, daß ihr
Alles wie ein Fiebertraum erschien, wenn sie
von diesem abgeschiedenen Fleckchen Erde das
glaͤnzende aufregende Leben der Residenz be⸗
frachtete, wenn sie an die bittere Qual. das
namenlose Leid der jüngsten Vergangenheit,
an die Demüthigung ihrer Flucht dachte, die
gewichtige Etfahrung erwog, die ihr hier gleich
beim Anfang ihres Stislebens enigegengetreten,
und den Weg, den sie geführt wurde, als
einen geheimnißvollen. ihr vorgezeichneten Pfad
erscheinen ließ. Dies war der Weg, den sie
geführt worden.“ Dieser Gedanke mußte be⸗
ruhigen. Sie hatte einen Führer, warum ihm
denn nicht vertrauen ) Langsam wandten sich
die dunkeln Augen gen Himmel, an dem sich
rin Stern nach dem andern zeigte. Auch hier
wachten die ewigen Sterne, hier in dieser
Wildnh, dieser Einsamkeit, die ihr wie ein
vergessenes, versunkenes Pläbchen einer unbe⸗
tanrten Welt erschien. Auch hier blickte der
Ewige auf seine Kiader, — und sie faltete still
die Hande über dem Herzen, das nun nicht
mehr ängstlich pochte. Sie wollte warten und
vertrauen und bereitwillig ihre Kraͤfte dem
Werke weihen, das ihr die Vorsehung ange⸗
wiesen, daa sie in diesem Häuschen gefunden.

Sie haat durch die offene Thüre; Mittikens
war auf dem Stuhle eingeschlafen und erwachte
erst, als sie Licht brachte.
Mun wird die neue Mutter Nan die
weißen Stufen wie Vögelchen singen lassen,“
zat er, begierig nach dem Clavier blickend.
Miß Lloyd nickte und nahm vor dem In⸗
trumente Platz, wahrend der arme Jüngling
ich hinter sie setzte, seinen Kopf an ihre
Schulter lehnte und voll Entzücker ihrem
Spiele lauschte. Nach einiger Zeit exhob sie
ich und sagte ihm, er möge sich gun auf ben
Stuhl setzen, was er mit scheuer Freude that,
Sie spielte eine Taste an, er folgte ihr ganj
richtig und jauchzte dor Wonne, als er gewayr
vurde, daß er selbst eine Melodie treffei
tonnte. Es war auffallead, daß bei Mittilen s,
dessen Sinne im Allgemeinen gänzlich der
deitung der Vernunft ermangelten. dieses Eine
Talent sich wunderbar entwickelte. Nun be⸗
znügte ex sich nicht mehr, planlos die Tasten
ju berühren, er spielte bald einzelne Lieder,
er hatte daß zarte Geheimniß der Harmonie
ergründet und fühlte süßes, nie endendes
Ent‚ücken darübert.

Vlier Wochen früher war Genebra Lloyd
den steilen Weg entlang gekommen, nachdem
sie den schlechten Wagen, der sie von Brecon
gebracht. verlassen, und hatte an Madame
Vlc. Neals Thüre gellopft.

Sie pochte laut und heftig, aber es ant⸗
wortete nur leises Schluchzen, und endlich
zffnete sie die Trüre und trat ein. Sine alte
Frau saß mit vorgebeugtem Haupte und steif
herabhãngen den Armen im Lehnstuhle, und der
anglückliche Juüngling weinte hülflos. Geneora
        <pb n="126" />
        holte Beistand vom nahau Pachthos, üderzeugtt
sich jedoch dald, daße hier alle menschliche
Hulse erfolgloo, und bemertte mit Schredcen,
daß es die Leiche jener Frau war, die ihr
rinst in Brecon degegnet datte.

Mittilens war in seinem Schmerz wild
und lästig, aber das freundliche Wesen der
schoönen, jungen Dame beruhigte ihn dald und
als sie erst einmal auf dem Pianu gespielt
hatte, war er ihr williger Sclave.“ Die An⸗
gaben des Rotars und das sonderbare Te⸗
stament ließen Genevra Lloyd wohl die Hand
einer leitenden Vorsehung erkennen, und dankbar
nahm sie das sichere Obdach, die friedliche
Ddeimath an und bewies dem sanften, unglück⸗
uchen Wesen schwesterliche Zärtlichteit.

Die Erlksung von der unsagbaren Qual,
die sie in ligter Zeit erduldet, die Reuheit
ibrer Umgebung, das lebhafte Interesse für
Mittikens beschäftigte fie genügend, um die
Erinnerung an ihr altes Leben zurüclzudraͤngen,
aber schon nach vierzehn Tagen“ war idr die
neue Lebensweise gewohnt geworden, die Stille
urm Ernfamkeit hatten allen Reiz verloren und
dlidten sie düster und hoffnungslos an.

Im Laufe der dritten Woche veranlaßte
ein Zufall die Entdeckung von Nan Mec. Neals
lebenzlangem Geheimniß, dessen Kenntniß ße
lebhasft in den erst kürzlich verlassenen —Kreis
nurückversetzte und ihre ganze Gedankenwelt
gefangen nahm .

Das wichtige Geheimniß umfaßte auch
Lord Cuthbert Lyle's fernere Geschicke. Sie
wagie kaum,“ fich das Gefühl des eigenen
Hetzens zu gestehen, was aber verlangte die
Ppflicht? Sollte sie schweigen oder sprechen?
Tausend Fragen'und Pläue durchkreuzten ihren
Weisie Sie bewrachtete Meittekens und dachte
der männlich elen Züge Cuthberts, seines
würdevollen Lebens, seines großen Geistes,
welcher der Grafschaft ein Segen zu werden
vetsprach: Sollte fie all' das vernichten 57

nmd felbstwenn das ˖ ihre Pflicht waͤre,

wie konnte sie dieselben erfüllen, Ohne ihr
Bersteck zu derrathen, ohne in Graf Lubins
GBewalt zu kommen 9

Derlei Gedanken hatten sie in's Freie
getrieben. die heiße Stirn zu kühlen, und die
ewigen Sterne hatten ihr Frieden in die
Secie gegofsen. Als Mitlikena spielle, eilte sie

noch einmal hinaus; ihr war's als müsse eint
rettende Hand sich jeigen.

Sie trat über die Schwelle und schritt
langjam der Gartenthüre zu. Der Mond war
izwischen aufgegangen und verklärte Alles
mit magischem Lichte, ein Nachtvogel sang,
aber es klang nicht klagend, es schien fröy⸗
liches Jauchzen, selbst der Wind, der durch
die Blätter rauschte, glich leise geflüstertem
Versprechen. Ploͤßlich machte sich in der Ferne
das knarrende Geräusch von Rädern hörbar,
die langsam den Hügel herauf fuhren, Es
war eine ungewöhnliche Stunde und Genevra
durchbebte leiser Schauer.

„Vielleicht hat sich der Pächter in Brecon
berfpätet,“ sagte, sie sich zut eigenen Be—⸗
xuhigung.

Bewegungslos wie eine Statne stand sie
am Thore und blickie hinaus in die stille
Nacht. Bald zeiglen sich oben auf dem Hügel
die Umrisse des Wagent, auf dessen offenem
Sitze sich zwei Personen befanden. Das Ge⸗
fährt näherte sich schwerfällig, das arme
Pferd keuchte, denn es war über seine Kräfte
angesirengt worden. ä

„Hier in der Näde muß es sein,“ fprach
eine rauhe, fremde Stimme, die das Knarren
der Räder und den müden Hufschlag über⸗
önte.

„Dort ist ein Haus, halten Sie, dann
will ich mich erkundigen,“ entgegnete eine
andere Stimme, bei deren Klang Genevra's
Herz erbebte. Konnte sie nun fürder noch sich
selbfl täuschen, die schnelle Antwort auf des
Gebieters Ruf mißverstehen

Ste erhob das Haupt, strahlende Freude
leuchtete aus ihrem Uuge.

Eine schlauke Gestalt schwang sich leicht
pom Wagen und naͤherte sich dem Thore.

„Bitte, können Sie mir nicht sauen —“

Er hielt plözlich inne. *

.Genevra — Miß Llond! Gott sei Dank,
daß ich Sie gefunden habe !“ *
2ꝛ Ihr Herz war so voll, daß sie lein Wort
hervorzubringen vermochte.

„Zürnen Sie darüber, Miß Lloyd
fragte er besorgt.

„Ihnen zürnen

DDann werden Sie mich wohl willkommen
heißen, denn ich bringe gute Nachricht.“
        <pb n="127" />
        Mein Vater 9seufzte fie. J

Ist wohl und wird glücklicch sein, wenn
Sie ihm vergeben und zu ihm zurüdkehren.“

—XXR

Wird Sie nicht mehr belaͤstigen; er ist
sicher beseitigt und unfähig je wieder Sie noch
Ihren Vater zu kränken.“

Genedra brach in Thränen aus.

„Ach, all das habe ich Ihnen zu ver⸗
danken, den ich so kalt und grausam behan⸗
delte,“ schluchzte sie, „nun aber ist mein
Stolz bis in den Staub gedehmüthigt“

„Nicht Ihren Stolz verlange ich, Genevra,
sondern Ihre Liebe. Sie wissen, daß mein
Dderz Ihuen längst gebört, und ich komme
mit Ihres Vaters Segen. Wenn Sie mit mir
zurücklehren, weiß er, daß ich ihm nur mein
Figenthum bringe, wollen Sie das nicht, so
habe ich nach ihm zu schicken, und er wird
berstehen, welchen Jammer daß für mich be⸗
deutet. Bevpor ich Ihnen also noch andere
wichtige Dinge sage, bitte ich um die Beante
voriung der Frage: Wollen Sie mit: mir
gehen ?*
„Ja, ich will es, und es ist ein Glüd,
das ich nicht verdient habe.“ *

Er zog sie leise an sich und sie hoͤrte
das Pochen seines Herzens und daßt einft so
stolze Haupt schmiegte sich vertrauend an seine
Brust. Noch hatte sie seinen Namen nicht
genannt, und er wartete darauf, um zu sa⸗
gen: „Nein, Genevra, nicht mehr Lord Cuth⸗
zert,“ statt dessen aber begann sie zögernd:
„Wäre es Ihnen unlich,“ wenn ich Ihnen
den Titel nicht mehr gäbe, nunter dem ich fie
gelaunt habe ? Wäre es Ihnen schmerzlich,
nicht mehr Lord Cuthbert zu sein, auch wenn
ich Eie dann noch mehr liebte und achtete

Erstaunt blickte er auf sie, während sie
ich unruhig nach dem Hause wandte, aug dem
noch immer leise Melodie ertönte:.

„Genevra, ich würde den Titel um alle
Reichthümer Indiens nicht mehr annehmen,
und es ist mir ein uraussprechlicher Trost,
daß Du. Lord Cutbbert Lyle. nicht, lieben
konntest. Es war nicht —mein Name, nie
mein Recht.“ . V-..

„So, weißt Du es schon, v ich bin so
XXV

„Wenn zeigen ꝰ8

„Den ächten Lord Cuthbert Lyle. Ach, ich
dachte, Du wissest Alles. Ich entdeckte es zu⸗
jällig, aber es sind alle Docamente vorhanden.
Lady Alicia war über den Schwachsinn des
eigenen Kindes so alterirt und gedehmüthigt.
daß sie eine weite Reise nuternahm und den
—X
dann für den Erben von Mordanet und
Alieia Lyle ausgegeben wurde. Mittikens da⸗
zegen wurde all' diese Jahre hier verborgen
gehalten. Doch lomm herein und lies selbst.“

„Das ist sehr mertwürdig, aber davon
vußte ich nichts. Ich vollte nur sagen. daß
es Cuthbert Lyle war, den man im See er⸗
runken glaubte, und ich — ich bin Hugo
Cartright.“

Sie verstand sofort Alles und flog mit
einem Jubelschrei in seine Arne.

Nun erst ist mein Glück vollkommen,
denn nun wird die Vergangenheit nicht quä—
lend zwischen uns treten. O ich wußte es ja
daß es zwei Identitäten gebe, den Lord Cuth⸗
hert, gegen den sich meine Seele sträubte, und
den andern, den mein Herz, troß alles Wider⸗
trebens, als Herrn und Gebieter anerkannte.
D Hugo, nun fürchte ich nicht mehr Dir zu
agen, wie theuer Du mir bist. Doch lomm
nun, sieh meinen Pflegling und lies die Do⸗
cumente

.Laß mich erst den Mann zurückschicken,
und ihn beauftragen am frühen Morgen einen
Wagen zu senden, denn Dunmußt sogleich
veimkehren, damit Dein Vater sich nicht länger
Lugstige.

Dein armer Vater!“seufzte Genevra

„Wir find Alle sawache Sterbliche und
die Versuchung ist oft so schwer; sollten wir
berdammen, wenn der Himmel erbdarmend
verzeihtz ·

Heihe Thränen perlten über ihre Wangen,
er trocknete sie zäͤrnich.

Einige Minnten später folgte er ihr in's
Haus, uud nachdem fich Mittikens über die
jremde Erscheinung veruhigt hatte und wieder
am Clavier saß, theilte Hugo seiner Braut
alle Erlebnifse der jüngsten Tage mit.
Nein armer, armer Bater * war Alles
was sie sazte. Später reichte sie dem geliebten
Manne die verguibten Docunente und die
n Nannie Me. NReals zinernder Dandschrift
        <pb n="128" />
        abgefaßten Bekenuinisse, Er las sßie sorgfältig,
und sein Autlitz erheiterte sich immer
mehr.

Damit lichten sich alle Geheimnisse, selbst
die auffallende Aehnlichkeit, zwischen mir und
Cutubert findet sich erklärt. Unsere Grokväter
waren Zwillingsbrüder und der Walliser Fab⸗
rilant, der uns sein Vermögen hinterließ, war
Cuthberts Vater und heirathete jene Aunabel
Lyle, die deßhalb verstotzen wurde und von
der man nie wieder hörte. Als Lady Alicia
vden Tauschvorschlag machte, war Cuthberta
Muiter bereits todt und der Vater noch ein
Qaufmann von ziemlich beschränkten Mitteln.
Beide Theile waren sich übrigens der bezieh⸗
ungsweisen Gerechtigkeit der Handlung bewußt,
denn im Falle. des Todes des rechtmäßigen
Erben waͤre Cuthbert an dessen Sielle getreten,
cuch wenn der Titel erloschen wäre. Lady
Alicia traf ihre Vorkehrungen so geheim,
daß selbst Lord Mordanet nichts davon
exfuhr·
und es löunte keine dessere Losung ge⸗
ben,“ rief Genebra. „denn wir Alle werden
nun glüdlich sein“

Ja, Gott sei Dank“, entgegnete Hugo,
selbst Tante Barbara wird nun einen edlen
Zeruf erhalten, sie wird die zärtliche. Mutter
dieses hülflosen Wesens werden. und diese
Aufgabe erfüllt gewiß ihr ganzes Herz. Wir
nehmen ihn morgen mit, Genebra, und er
wird in Lyle Hall bei Kitih und Cuthbert
flets so willtommen sein, wie in Laurel
Heights, bei — darf ich so sagen ? — Wrs.
Hu o Cartright, seine liebste Heimath aber
leidt wohl amer Honeysuckle-Cottage.“
Freudenthrauen füllten Genevra's Augen,
sie schritt langsam hinaus ins Freie und
bᷣlidte hinauf, wo alles Liebe und Erdarmen
ist. Die weißhen lichten Wöltchen hatten sich
Jerstreut, und am ticfblauen Horizonte segelte
majestätisch die Königin der Nacht in strah
lender Schönheit.

Bewegt faltete das Mädchen die Hände,
das Herz überquoll in leisen Worien des
Dankes und der Anbetung.

Amen!“ sprach eine leise Stimme ernst

und feierlich.

Sie trat an Hugos Seite und schmiegte
das Haupt an seine Schulter. —

Mittikens war ihnen gefolgk und legte
seine Hand in Genevras, beruhigl von dem
bloßen Bewußtsein ihrer Nähe. Daß Mond—⸗
licht verklärte seine schönen Züge und bekrönzte
die goldenen Loden wie mit einem Glorien⸗
scheine.

Genebra küßte ihn voll Mitleid und
inniger Liebe auf die Stirne.

„Wie wunderbar sind die Wege des
Herrn“, flüsterte sie, „einst fürchtete und ver⸗
artheilte ich Lord Lyle, und nun wurde er
uns Allen zum Segen, nun erblüht all unser
Blück aus Grabes Nacht.“

—— 32
Mannigfaltigeses.
Berschiedener Zweckk..
Wodurch unterscheidet sich ein Indianer
von einer Coquette?
Antwort: Der Indianer bemalt sich, um
abzuschrecken. die Coquette um anqzusie hen.

—

Scherzräthsel.
Steh' ich vor dir: verzehre mich,
Stehst du vor mir: vertheid'ge dich!

—X

*

Scherzfrage
Welchem Kriegsgericht kann eben kein deutscher
Soldat enigehen 7—

— —

F Räthsel.
Ein Freund bin ich der meisten Leute,
Den Keiner ohne Noth entbehrt,
Weil ich, was künftig ist, euch deute
.AIs ein Prophete, bochgelehrt.

3
* *
*
3

Doch muß den Doktorhut ich lafsan,
Sobald das Jahr zu Ende geht;

Ein And'rer läuft jeßt durch die Gassen, *
Der Alles befser schon versteht.

4*

Dem hängt man an, den laßt man sprechen,
Und zahlt zum a ten Eisen mich;
Es mchte wohl das Herz mir brechen;
Wie bald, ach! Uberlebt man sich!
Auflösung der Charade n RNr. 28 des Unt erhal⸗
ĩungsblattes„Rierbengel.“
3

Hruck und Berlag von“

J. X. Derneß in St. Inabert.? —
        <pb n="129" />
        Unterhaltungsbhlatt

umnn
St. Ingberter Anzeiger.

—

Honnerstag, den 16. März
4
Das blaue Zimmer.
Eine geheimnißvolle Geschichte, erzählt von
— —

IàXààà R äæäσX
Es mag ijetzt ungefähr ein Jahrzehnt her
—X
sund ein Herr Namens Emmerling. Er war
dor undentlichen Zeiten von Rügen herüber⸗
gekommen, zuun.d Niemand wußte zu sagen,
welche dürgerliche Stellung er eigentlich ein⸗
nahm. Da die Stralsunder indeß nicht leben
Unnen ine ren Mitmenschen einen anstän⸗
digen Tiser geben, so nannten sie den Hel⸗
den unserer Geschichte, Herr Commerzienrath.“
Ich selbst hobe ihn Hundert Mal gesehen,
wenn er in seinem grauen, kaftanartigen Ue—
berzieher ne der Ressource ging. — Jeder⸗
mann kannet a, Jedermann grüßte ihn, aber
in weitlänen Gespräche ließ sich Hert
Emmerling nicht ein. Die überwiegende Ma—
jorität betractete ihn als einen Sonderling
und da es a Stralsund von derartigen Käuzen
wimmelt, so machte man weiter dein Aukhebens
davon.
Der Herr TCommer;ienrath bewohnte ein
altes Giebelhaus in der Semmlerstraße. Er
war“ seit zwanzig Jatren Wittwer. Kinder
hatte er nicht. Ein Bedienter, eine Haushäl ⸗
lerin und ein Hühnerhund, das waren außer
ihm die einzigen lebenden Wesen, die das
geräumige, wohl möblirte Logis bewohnten.

4* —*
2) Aus dem sehr empfehlensmerthen Journale:
„Das nere Blatt“ (A. H. Vayne, Leipzigh.
11 * —

Der Bediente hieß Franz, die Haushällerin
Beate und der Hühnerhund Klaprood.

Herr Emmerling hielt sich gewöhnlich in
den Zimmern des Erdgeschosses auf. Eine
Treppe hoch befand sich das Revler der alten
Beate, die Slube Franzen's und das sogenannte
Blaue Zimmer, das zu Lebzeiten der seligen
Frau Tommerzienräthin als Salon gedient
hatte, seitdem jedoch nicht mehr betreten wurde.
Die üdrigen Räume des Hauses bis unters
Dach waren' als Kornböden vermiethet, wie
dies in den pommerschen Städten seit Jahr⸗
hauderten Sitte ist.

Der Herr Commerzienraih var, wie XE
ein stiller schweigsamer Mann von streug ge⸗
regelter Lebensweise. Wenn er um halb Neun
aufgestanden war, las er zwei Stundeun die
Siralsunder Zeitung.“ Dann machte er einen
Spaziergang nach dem sogenannten Bruunen.
einer kleinen Gartenanlage vor dem Kuieper⸗
Thore. Wenn er um halb Eins nach Hause
kam, ging er jedes Mal seine ganze Vuohnung
ab, Lm ssich zu überzeugen ob Alles in der
gehdrigen Ordnung sei. Er hatte in dieser
Beziehung ganz eigene Grundfätze. der alte
Herr. „Selbst ist der Mann.“ pflegte er zu
fagen. „und wenn man seinen Leuten nicht
nuf die Finger feht, so kommt einem das
Unglück aber Nacht auf den Hals.“ Bei
dieser Rundreise besuchte er auch den donst so
derwaisten Salon, und nickie dann zufrieden,
wenn er wahrnahm, duß Beate sorgfältig den
Staub von den Msbeln gew'ischt und das
Zimmer schmuck und sauber gehalten hatte.

Eines schönen Tages kehrte nun unser
Herr Commerzienralh wieder von feinem ge⸗

IXI
        <pb n="130" />
        wöhnlichen Spoziergaüge deim und wollte nach
erfolgter Besichtiguug der übrigen Räum-
lichteisen auch dem Ealon seinen Besuch ad⸗
statten.

Zu seinem größten Erstaunen sand er die
Thüre verschlossen.

Herr Emmerling konnte es nicht leiden,
menn Jenans firh einriegelte. „Wer teine
Schelmenstreiche vorhat,.“ mrinte er, „der
draucht keine Ueberraschung zu scheueu.“

„Wier ist in dem Zimmer 1, riqq er är⸗
gerlich, indem er an der Klinge rürtelte.

steine Antwort. I

Rean! Sind Sies 7. So machen Ste
doch auf!“ I

Alles slil! 28

„Beate! Ftanz! Was soll dad heißen)
Aufgemacht. oder ich werde üUnangenehm ?
it diesen Worten stieß er so heftig wider
daz Getaͤsel, daß die Trür in allen Fugen
zitierte.

—XEV —
ZJedhzt aber riß unserm Herrh Commerzien-
rath die Geduld. 3

Es geschieht ein Unglück?“ welterte er
so laut er konnte, „wenn Ihr nicht augen⸗
dlidlich Eure unverschamten Wiße loßt?
Ausgemacht, Jage ich. oder ich trele die Thür
in1*

—EVVV—

Herr Enmerliug hielt plotzlich inne. Es
tlam ihm der Gedanke, es konne hier itgend
an Verbrechen vorliegen. Wie sollien auch
Frauz vder Beote, die kreuen Seelen quf du
Ider fallen, ihren würdigen Herrn zu häuseln
Rein, es waren viellercht Gaunert, die es aus
das Siwerzeug in dem prächtigen Eichenschrankt
abgesehhen hatie. .. Verwegene Einbcüche ge⸗
hötten imn Stratjund zu den zungewnbhnlichsten
Selteutzeiten, aber was erlebzt man nicht im
neunzehnden · Jahrbundern. Um so driu
gender Ichten es geboten,“ des Hauptpersonal
Jujauuta enzutrommeln. Waa lonnte die
chsie Minne bringen dd

BFraugel Beate!“ rief der Commerzienrath
in sichuichet Serlenangfst. „Um Gotteswillen,
wo Recit Ihr denn d Siebe! Räuber! Wenr⸗
der: Franz!. Bore! Zu Hilze!“
In riefem Wageublide eccdnte Aus dem
derslossenen Zimmer ein gedämpites Kichern.

Gleichzeitig kamnen Framz und Beate die
Treppe herauf.—

„Was ift denn passir?* rief der Diener
mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens.

„Herrjeses, was daben Sie mich erschredt,
Heir Commerzienrath!“ keuchte die Haushäl⸗
terin, die noch ganz außer Athem war. „So
hab' ich Sie ja sein dem Tode der seligen
Frau Räthin nicht wieder gejsehen! Was ist
denn los ?*“

Der alte Herr gab in abgerissenen Phrasen
die euisprechende Eitlärung.

„Unmöglich!“ sagte Franz im Tone der
vollsten Ueberzeuguxg. „Sie müssen sich irren!
Ich habe seldst dor fünf Minuten da drin
die Teppiche gelegt. ..

Mit diesen Worte ergriff er die Klinge.
Die Thür leistete nicht den geringsten Wider⸗
stand. Glatt vnd geräuschlos drehte sie sich
u den Ungein. Franz trat ein. Der Com⸗
merzientath folgte und erblaßte: Das Zimmet
war leer.

Sehen Sie wohl“ rief der Bediente,
„Sie haben sich getäuscht!“ Der Commer-⸗
zienrath fand im ersten Moment keine Silbe
der Erwiderurrg. Mit glanzlosen Blicken starrte
er vor sich hiu. Erst nach etwa einer Minutt
dam er zut Befinnung

.Bin ich bei gesunder Vernunfie?? sagte
er, indem er Kich heftig auf die Stirne
schlug, „oder träume ich? Es war Jemand
in der Stobe oder ich will nicht Emmerling
heißen!“

Er erzählte den beiden Hausgenofsen noch⸗
mais, was er erlebt Hatte. —4
. Beate börte mit offenem Munde und in
augenicheinlicher Erregtheit zu. Franz dagegen
schüttelte uaglaubig den Kapf.

„Ich weiß auf's Bestimmteste,“ sagte er,
daß Niemaud in's Haus gelommen ist.
Ueberdieß, Herr Tommerzieürath. sehen Sie
gefälligst her, Die Fenster sind sämmtliqh
verxiege
.Auch hier im Nebenzimmer 7 stammelt⸗

der alte Herr.
Frang stick eine Tapetentbür aufßf.
jJ illes in Drdnung,“ sagte er. *
Wielleicht hier im Schranke ..“, be⸗
meilte Herr Emmerling mit bebender Stanme.
Franz schrin auf den Schrank zu und bfjnete.
        <pb n="131" />
        Michtse ries er. Westehen Gie selbst,
Herr Commerzienrdrh, es ist absolut unmöglich,
daß Sie etwas gehört haben. Was die Thür
anbelangt, so begreife ich allerdings nicht.
Sie müssen fich sonderbar augeftellt baben.
nehmen Sie min'a nicht übel..“

Hert Emmerling ward sahl wie eint
deiche. Schwankeuden Schrittes eiste er ins
Eidgeschoß und warf sich in frinen Lehnsessel.
Er bededte das Gesicht mit beiden Händen
and südhnte so kläglich, daßz Klaprood unter
ven Tisch kroch. F
XXä
Wie aller Stralsunderinnen neigte sie zum
Gespensterglauben, und überdieß hegte sie von
jhrem Herrn eine so gewaltig hohe Meipung.
daß sie einen Jerthum gerade für undenkbar
dielt. Sie ttug sich mit den düstersten Vor⸗
flellungen und schüttelte ein über's andere
Mal das sorgenvolle, graue Haupt. —

Der Commerzienrath aß keinen Bissen.
Beate brachte nur zwei Loͤffel Suppe hinunter.
Nur Franz verzehrte vier Flundern und rin
albscottlet.

Nach Tische erbat sich Herr Emmerling
eine Tasse Kaff⸗e. „Recht starb!“ sagte: er zu
Beate. Haftig ichlürfte er den Labetrunk, aber
die gehoffte Wirkung blieb aus. Es ward dem
armen Herrn immer äagstlicher und dänglicher.
Sein Kinn schlotterte. Eislalt Lief ea ihm
über die Wirbelsäule.

.Der Hert Commerzienraih ist kraut,“
sprach der Bediente; „ich werde den Deltor
holen.“

„Ach ja,“ versetzte Beate, ‚auch mir wird't
gut ihun, wenn ich ein Bischen medicinire .
Ich habr Herzschlagen zum Zerspringen 5.*
Franz ging. Der Doltor Lacht erschien mach
Verlauf einer Suunde.

.Nun, wo fehlrs d9“ tragte der Jünger
Aeskulaps, indem er den Patienten durch's
Lorgnan musterte.,Eine kleine Unserdaulichkeit!
Wie? Was Werde Ihnen zum Abführen
eingeben ...“ *l

Der Comm tzienrath erst utre Bericht.

Doklor Vachs wurde ernstetc.

„Wo waren Sie heme Vormittag de

„Am Brunnen, wie gewöhnlich.“

„Was haben Sie da zu fich genummen **

Nichta. I *

WGar nichta J— Besiauen Sie sich·“·

„Gar vichta, Doclor, ich versichere Sie.

Der Arzt schüttelte den Ropf.

„Ihn Ihnen jemals ia Ihrem Leben ein
ahmlich er Fall passirt, wie der heulige

„Nie, Doltor ··..

Der Arzt überlegte dann einige Sekunden
EXXX

Er verschrieb dem Petienten ein harmloseß
Pulver uud verordnete einte gelinde Blutent⸗
XXE

Heute Abend gehea Sie hübsch zeitig
zu Beta und lassen das Bier sein. Ihre
Nerven sind etwag augegriffen; Si e bedürfen
vor aslen Dingen der Ruhe
Er wollte gehen. Beate vertrat ihm
den Weg. 4

„Hier ist noch ein Patient,“ sagte sie
mit schlecht ertüusteltem Lächeen. J

„J, Zräulein Beate!“ entgeqnete der
Doltor, „Sie, die Gesundheit selber! Was
ift Ihnen denn in die Krone gefahren Aber
wahrhaftig, Sie sind ganz blaß... Wo
fehlts denn ? Eme kleine Unverdeulichkeit
Wie? Was? Ich werde Ihnen zum Abführen
eingeben..*

Beate errothete. Sie erzüblte, wie auch
ihr der Schreden inm die Glieder gefahren
sei. Sie bat um etwas Niederschlagendes. Der
Arn willfahrte ihe und verabschiedete sich.

Es dauerie füuf, fechts Tage, bis Herr
Emmerling und seine Hausgenossen sich wieder
jo deidlich erholt hatten. Ulleißs mit ihrem
törpecichen Wohlbefinden war die alte Ge⸗
můthsruhe nicht wieder zurüdgelehrt. Der
Sonmemqien vath blieb düster und nachdenklich
Er ging nicht mehr, wie sonst, allabendlich
ia die Ressourcez er besuchte nur noch selten
den Brunnen; ja er las kaum mehr die
Stralsunder Zeuung.7. Brütend brachte er
die Rängite Jeit des Tages. auf deinem Lehn⸗
jefset zu, die Hände über einander geschlagen,
den Kapf rüdwärts gebogen, die Augen
geschoffen. Beate hatie ihre ganze frühere
Elast auu perslecen. Sie schien ihre häuslichen
Arbeiten. mure; noch mechanisch, zu be⸗
sorgen. Stundenlaug kam kein Wort über ihre
Lippen. —EDE — — — —
bor dent BRauen Zimmer vine unerklärliche
        <pb n="132" />
        Scheu. Herr Emmerling flellte seine Rund rei ·
sen ein und beauftraote Franz damit. Die
Haushaͤlterin war nach eingetreiener Dunkelheit
zicht zu bewegen, ohne die Begleitung des
Dieners an der verhängnistoollen Thüre vor⸗
beizugehen. Wenn sie bei Tat den Corridor
hassirte, so bekreuzigte sie sich.
Lächerlich!“ sagte Franz,“„Ich bin jetzt
ju jeder Tages · und Nachtzeit da drinnen
zewesen und habe nie etwas Außerge wöhnlicheß
zintdedt. Der alte Herr hat geträumt oder vus
zinen Vären aufgebunden.“

„Sagen Sie das nicht lieber Franz,
entgegnete Beate. „Beĩ Gott sind alie Dinge
moöglich, das ssteht schon in der Bibet,
ine Sie machen sich einer argen Läster⸗
ung schuldig, wenn Sie so leicht fertig daran
jweieln.“

Lasterung hin, Lästerung her: Uusinn
bleidt Unfinn und wenn ihr die Dummheiten
nicht laßt, so saauappt ihr noch über...

(Schluß. folgt
Mannigfaltiges.

Nach franzdsijchen Journalen soll man in
Amerika eine neue Art Papier entdeckt vaben.
welches sich seiner Weichheit und Festigkeit
wegen zur Anfe. tigung von Nieidungsstücken
aller Ari eignet. Der Preis solcher Kleidungs⸗
üden muß natürlich sohr niedrig sein; für
5 Fr. soll sich ein Mann von Kopf bis zu
Fuß in dieser equepiren tõöurren. Außer zu
Barderobe⸗Gegenstanden benußzt man dieses
Bapier auch zur Herstellung von Servietten.
Tisch und Taschenüchern cc. Für 10 3i..
soll man einen gauzen Woichcdorrath erhalten.
Man wird nun fragen, ob dirse sRleidungs
frücte micht durch den Retgen leiden; ind ß
hat das Papier so viel Feftinleit und ist so
p.aparitit, daß ungüustiges Wetter keinen
hachihenigen Einfluß darauß ausüdt. Die Pa⸗
pierkleidung ist desonders fur die aͤrmere Be⸗
zöllerung bestimmt. Uebrigent soll das Auge
nicht im Stande sein, diese Kleidung von
Jewohnnlicher zu unterscheiden.

Ebeschllesuug une Ehescheidung in
merika.

In den vereinigten Staaten ist es jeßt
Mode geworden, vor der öffentlich statifia-
enden Vermählung bei geschlossenen Thüren
mehrere, Proben“ in der Kirche abzuhalten.
Braut, Brautigam und Brautführer üben sich
dort feierlich im Entroe, der Verbeugung.
der Positur und der Promenade“; die Eut⸗
sernung zwischen den einzelnen, an der Crre⸗
nonie theilnehmenden Personen wird auf Fuß
ind Zoll abgemessen; und die Schleppen der
Damen werden in Pofition gebracht — kurz
Alles geschietzt, um bei der eigentlicher Trau⸗
ing dieselbe Eleganz und dieselte Exat heit
deobachten zu tönnen, wie bei einer wohlein⸗
geschulten Ouadrille. Nur schade, daß man
die Probe nur einmal verwerthen, nicht aber
den Tanz gleich der Quadrikle bei jeder Ge⸗
legenheit wiederholen kann. und man muß
daher die rechte Bahn begrüßßzen, welche der
gegenwärtig ir New PYork tagende Kongreß
für Frauenemanzipation eingeschlagen hat, oder
venigsteus eine „Fraktion“ desselben unter
deitung der dekannten Mrs. Stanton. Ge⸗
ranme Dame erklärte ihre Ansicht dahin, daß
es für die Maänner ebenso unmöglich sei— die
Sklaverei der Frauen in ihrem eigenen Haus
zalt zu verftehen, wie für die Sclavenhalter,
zie Lage ihrer schwarzen Arbeiter zu verstehen.
x3 müsse deshalb ein einförmiges nationales
Hesetz geschaffen werden, welches eine Ehe⸗
cheidung unter leichten Bedingungen ermoͤgliche.
kine der Emanzipations⸗Jeitungen, „The
Woman's Advocade,“ stellte sich bierbei tren
auf Seiten der Mra. Stanton und schlug für
die Partei zu Guusten der Frauen⸗ Emanzi⸗
pation das folgende Programm auf: „Der
Hheirathttontralt werde auf ein dis drei Jahre
se nach Wunsßa, der Kontradenten, beschräntt.“
Die Pariser haben ihre Rue d'Allomagne
u eine Rus de revanche umgetauft. Auf die
Nevanche für Sadowa,“ welche die Herren
Framosen im J. 1870/71 erhielten wird Ihnen
vehl für einige Zeit die Lust oergehen, sich
die NRepanche für 1871 an holen.

—
— — —
Dd an Verlaa von F. X. Denes in St. Inabert.
        <pb n="133" />
        Unterhaltungsblat
a

muum

— — 4
St. Ingberter Anzeiger.“
NF..V.

41 4 *

Sonntag- den 10. Mars

Das blaue Zimmer.
Eine geheimnißvolle Geschichte, erzãhlt X
Erast Edseien.

„Franz! Zu Hilse! Zu Hilfe!“rust
Herr Emmerling mit halh erstiter Stimmen
Niemand antworte. —
So vergehen drei, vier peinvolle Minulen.
Endlich kommt Beate wieder zu sich. Sie
richtet ihte Blicke mit dem Ausdruce einet
unbeschreiblichen Entsehens auf die grauen
Lugen des Commerzicnrathes. der zu ihr her⸗
anget eten ist id hre eislauie Hand er⸗
foßßt hate .
Veate. um aller Heiligen willen, wat
ist geschehen.“ Kammet der arme Hert, ich
beschwre Sie..““
O, Herr Kommer zienrath. Herr TNommer⸗
RX
ist mein Tod?“

Aber so reden Sie doch.“ siöhnte Hert
Emmerling mit dunpfer Steume.

Droben .. im Blauen Jimmer
o Gott, o Gott!. ich gehe eben voritbet
.. die Thüre steht auf sperraugelwei
und drinnen . . 6. Hert Fommerzi⸗ralh“
Gott sei uns Sündern gndig

Ein neuer Krautfanfal nabn inr des
Wort vom Munde.

„Weiter! ... Reden Sie? Neden Sie ye
lchzte der alte Hertr. als Beate Cih wieder
erholt hatte.

2 Und drinnen im Zimmer.. win⸗
selte das Frauenzimmer, „drinnen im Zimmer
..- am Schreibtische... da stehen Sie,
Herr Commerzienrath. und nicken mir zu, und
lachen und kichern, wie ein Bejessener. !

„Unsinn!“ rief Her: Emnerling mit zu⸗

cadert Lippe, wahrend ihm die Zahne kra⸗
end ausaamenschlugen ·.

* J. — Schluß.) i 3

C eEs war eiwa hecht Wochen nach
Pem eben geschilderten Vorlal.
Der Commerzienrath satß wieder. wie ge·
wöhnlich, in seinem Sorgenstuhl und athmete
tick und athmete schwer und drehte einen
Daumen um den andern...

ODräuß lachte die Oktobersonne so golden,
so herrlich, daß man hätte glauben sollen, sie
müsse auch dem düstersten Grübler den Trüb⸗
sina aus der Seele küssen. Aber Herr Emmer⸗
ling sah weder den blauen Himmel, noch die
lie en. funkelnden Strahlen, die sich demanten
gleich im glatten Spiegel es Meeres brachen.
Er hatte es längst verlernt, sich an dem
Glanze der Natur zu erquicken. Wie ein un⸗
heilvosler Schatten lagerte es auf seiner Stirn.
Er scien, der Außenwelt entrückt. auf den
Sawingen des Traumes allerlei finstere
Soreckensbilder zu verfolgen.

Wie er so da sitzt, tritt Beate in's Zim⸗

mert. Sie erblickt den Commerzienrath und
stößt einen Schrei aus, so grell, so wild, daß
der aste Mann zitternd aus seinem Sessel
emporfährt. —
Mit einem zweiten grellen Schrei sinkt
das Frauenzimmer auf das Sopha und be⸗
lommt einen Krampfanfall, daß der Commer⸗
zienrath meint, es ifl aus mu ihr
—*
        <pb n="134" />
        „So war ich srlig werden will!“ schrie
Beate; „ibe Se⸗gesehen, so⸗ndeutlich,
wie ich Sie 0 . Ericheeckt liet ich
die Treppe hinunter... Das Lachen und
Grinsen war so entsetzlich. .. Und nun
finde ich Sie hier im Lehnstuhl. .. O, Goit
der Gnade, gih' niot mit uns in's Gericht!“

Sie war auf den Teppich gesunken und
faltete jetzt varzwaifluugevoll die Hande. Eine
unsägliche wahnfinuige Secklenangst'sprach aus
ihreu nerstörten. alasigen Blickeu. Auf ihrer
Stirn' perlten die lichten Schwech ropfeun
Der Commerzienrach schlotierte an allen
Gliedern. Seine Brust keuchte wie eine Säge..
Vn Uimbzlich, Beate!“ tone s von seinen
ajchfardenen Sippen. Sie daben sich getäuscht
Beate ... Iqh will selbsa zusehen.. Ge⸗
benn Se mir meine Pistolen. . und dolgen
Eu mir. 1

„Richt fur alle⸗ Sqchäse der Weitnfr
m pSo wolon Sie wich alleün! dem Ver
derben überba ssen je stammelde Hevr Eimerlang
in geabge hohlea⸗ꝰ Toueꝭ gute ex seitsu

Erwankte zwei Schritte vorwäruü.“ 31

,Hntijn srrijchte Beate, Audemꝰ sia vom
Boden⸗ emporschnellie Weben Sirr mãr
Ihre Hand ... Ich bill. min Ihnen ster⸗
ben. 2Dott baugen die Walfen: NMehmen
Sie die gröstere . Kommen Sie, die grt⸗
here.. Kommen Sie!“ ?
VDoer Kommirztenrath ahm ehne Pistole
von der Waundeu und Fpaunte den Hahn. Dann
ergriff er dir Hand seiner. Begleiterin⸗Sein
Astiu wao ur hloa Die Augen lagen ANutun⸗
terlaufen vot ibhren ohlenen Der arue Pann
XXXEEEOO——

So ombien Jecy die Toeppee anan.! Die
thür. hum. Mnns immer stanud vffen. Beate
wimmerte ein Stoßgebet .
r Moch Noch Scherttee undsib mußten das
ganzr Grmch Aderbtickeu·.

Beaten's Herz pochte wie mit Dammer ⸗
Shblagen. Der Coumerzunrartj: hielt chre Rechte
jo tramphait. uaijparut, daß or ihr sast die
Finger zex baach ·..

Der Utoment war fürchterlich Da filand
er in der That, der evtsehliche Gast, den die
Haushalteria gesehen hatte! Er nrug den ge⸗
—AXXVE
lenztaths und dielt ine α ααα—

in der Hand. Als er dex beiden anfichtig
wurde, nichte und drüßte ie zuvor, und
dentete mit dem Zeig fint f seinen Pa⸗
hierstreifen.“

Herr Emmerling stieß ein wildes Geheul
aus. Dann ward er still als sei er versteinert.
Bate kniete am Boden und bewegte lautlos
die bebenden Lippn.

Bloͤßlich erhob der Commerzienrath die
P'ftole und richtete dieMimdung nach der
Decke. Die Gestalt in Biauen Zimmer nickte
noch wiperlicher und grauenhafter als disder.

„Wenn Du da vist, muß ich fort? schrie
der alte Herre mit furchtbarer mark und bein⸗
durchdringender Stimmec.

In demselben Augenblicke krachte ein
Schuü.Der Commerzienrath kag aufder
Diele. Er hatte sich den Kopf zerschmettert.

„Himmel und Holle!“ rief es jetzt von
der Teeppe her ...Das ist entsetzlich!
herr Conimerzienraͤch/ was machen Sie?“
Es, war Fram, der keidet zu spät kam,
um die verzweifelte That zu hindern
d Er schrae um Halffe. Die hirbeigee ilten
trugen den bplutenden⸗Greis äu's
Erdgeschoß und bettesen ihn auf den Divani
Er röchelte noch. Die Kugel war über dem
linken Auge eingedrungen. Dag Hirn hing
llaffend aus der Wunde. 35.
Als die Sonne hinter dem Horizont ge⸗
junken war, hatte er ausgelitten. .
Beate mar mehr todt als lebendig.
Sie perfiel in ein hihßigs Fieber. Acht Tage
lang schwebte sie in Lebens zefahr. Sie genas
nur laugsam. Erlt nach vielen Wochen erfuhr
man aufs ihrem Munde was fich zugetragen.
Sie starb viex Jahre später im Irrenhause.*)
Z45 2 ort des Vaters.
Erzählung von Wirshelm Müller.
*
.Mutter,“ rief der alte Stammer seiner
Frau zu, als eben sein Sohn Martin das

) Es bedarf wohl kaum der ausdtucklichen Her⸗
hebung. daß wir durch die Mittheilung dieses
Sorfalls in leiner Weise dem Aberglauoen Sorschab
uu leisten Ae Die Sache beruht auf der un⸗
er dem Ramen der Hallucingtion dekannken
—IXEEIX— *
        <pb n="135" />
        Zimmer verlassen hatte, „sage mir, was fehtz
dem Burschen, läßt er doch den Kopf hängen
bis. qauf die Schuhsohlen und macht ein Ge⸗
sicht, Rit dem man das Bier im Krugein
Esstg verwandeln koönnte... 535

„Es mag ihm wohl etwas fehlen,“em
gegnete die Mutter mit unsicherer Stimme.

„Fehlen ?“ wiederholte der Alte, „läßt
ihn die Mutter hungern nad darsten; kleidel
ihn der Vater nicht so suuber, wie es ein
junger Burfche in seinen Jadren nur imner
wünjscheu kaus cJcJcJcc.
„Das meine ich nicht. lieber: Alter.“
wandte die Mutter abermals ein, ich wollz/
nur damit sagen: unser Martia ist villeicht
trank.“

4 —Krank!“ lachte der Vater der Bunsche
seht aus, als löunte er Baume aus der Grde
xei en.“ * J F —

e —— Mutter war aufgesanden und näherie
sIch desorgt und etwas jcheu ihrem Manne;
Alter,“ flüsterte fie mit weicher Stimuu
„wenn du mich ruhig anhören und nicht gleich
nach deiner Art wild auffahren willst, so will
ich dir wohl vertrauen, was ich schon kängsi
fürchte: Es äist emit unserm Martin icht
richtig !ẽ

Nicht richtig!“ rief der Vater echchreckt
und' ließ den Bierkrug, den er eben zum
Munde führen wollte, wieder sinken, „Herr
Gott, du glaubst, Aein Junge sei nicht recht
bei Sinnen 3. —— ——

Du vexstebst mich üleder dicht.“ ziel
die Putter etwas mngedoldig.ich meine, e
hat sich vielleicht eiwas Liches ausgesucht.

„Etwas Liched,“ fuhr der Vater empor,
„er joll ja Peter Zarsae's Tochter hei⸗
ratben.“ ae

„Ehen deßhalb,“ fiel die Mutter wieder
ein, „olaub' ich, daß er so trude undein sich
gesentt ist. ein Madchen. das er nie geie⸗
hen hat eee..

„Maria ist gut und brav wie ihr Vater
und schön wie eintt ihre Mutter,“ rief der
Alte in steigender Erregung.

—AXXOOO
»aber ich snrchte, ex trögt xeine Audere in
jeinem Herze.“ »7*

.Oune des Buters Wissen und Willen
dpolierte Staumer.

AWliex, sei nicht ungerecht,“ AMehte die
Mutter, ‚dent? an deine eigene, Jugend.
Wie viele reiche Mäd hen hätlest cdu heim«
führen können nach deiner Eltern Wunsche;
ba warfst du aber die Augen auf die Aernisa
im ganzen Orte4
Der Alie war auft standen, faßle dit
Hande seiner Fras und sprach mit einer seun⸗
samen Mischung von Liebe und Unwillem:
„Alte, da lügst du mir ja gerade in's An—
gesicht. Das Biädchen. das ich freite, wax
reich. deun sie hatte ein reines Hern ein
frommes gotigefälliges Gemültz und hatemich
bis zur Stunde unaussprechlich glücklich ge—
macht. ·
Die Fras lehme daß Haupt an ihrea
Manues Brust und flaminel e aAnter muhsac
zurückgehaltenen Thränen: „Wenn das wehr
int. wenn ich areine Pflicht erfüllt haibe und
du es nicht bereust, die arsve Anna in deis
Besitzthum eingeführt zu haben. so erfülle nun
auch mejue Bitte richte. dein Kind nich
vorichuell, ei nicht zu bart wmit deines
Eohne. nuie
Dex Pllut, brcichelte de Wongen heiner
—XX Thranen und prache
„Mutter, glaubst du denn wirllich, daß ich
den Martin minder als du⸗ Sebe J. Neine
stehle mag rauh sein, meia Herz ist es aicht
der Martin ist brav, er muß es sein, den
du hast ihn mir geboren und Ko boff' ich 2
Gon, es wird sich noch alles um Gten
wenden“ —— —

Der alte Stammer ging mehrere Mal in
Zimmer Ainher 3. hlieb v sannend fleten.
saelte. augeuscheinlich, ahne es selbs u wissen
din Bierkrug und das ungenoffene Frühsiuck
in den Schraul zuruc. blieb daum aberrrn
i uiefes Siunes verjentt vor den Hetigen-
budern stehen; wandte sich hierarf X
seiner Frau und fragte: „Weißl uu.
Martin liebt 75

„Ich weiß es mücht,“ entgegnete die
Mutter. —

Stammer blidie aw⸗·felud zu seiner Frau
empor. 5

Ich weiß ee ggar Cicht,“ betheuerne diese.
VUntou, du wirst doch nnht glabeu. daß ach
dich in diefer Stunde tauschen imd n ache⸗
Getzeimnmiß dir verbergen wuͤrde. Daß ich
        <pb n="136" />
        nicht weiß, wener liebt,nicht einmal mit
Gewißheit weiß, welch' einen! Schmerz er in
seinem Busen trägt. das beunr«higt mich. Er
ist erst so sonderbar und verändert, seit ei
ber die Berge in das Tyrolerland stieg. Ich
habe es lange, weit früher als du bemerkt,
dahin ist sein Frohsinn wahimseine Lebenslust;
er ist wohl noch gut und gehorsam,“ abei
er thhut alles ohne Heiterkeit und ohne rechte
Lebensfreude, und wem er sich allein glaubt,
jo sentteer den Kopf und seufzt nef.“5

Aber Alte,“ rief Stammer ungeduldig.
„das Alles beweist ja doch nicht, daß der
Buriche verliebt ist.“

Anton,“ antwortete die Frau mit leisem
Lachein,. Idu machtest et ja eben so, als ich
meiner Armuthe wegen deinen! Vewer bungen
auswich.“ — —

„So 77 erwiederte der Alte und rieb sich

bie Stirne, “,hab' ich es auch so gemacht
Nun, dann schlägt der Bursche wenigstent
nicht aus der Art. Aber,“ feßte er wieder
ernst hinzu, ‚leicht ist die Jugend zu tanschen;
wenn es eine Unwürdige ist, in welche sich
Martin vergafft hat, wird er von seiner Lei⸗
denschaft baid genesen und sich seinet Thorheil
jchamenun *
„Aber,? wenn sie seiner werth.! wenn sie
gut und fromm ist ?“ fragte die Mutter.
. „Es wäre ein schweres Unglück,“ rief der
Alte „ich würde meinen Sohn unglücklich
sehen, ohne ihm helfen zu können.“ Hät ich
das Verjprechen einen Lebenden gegeben, ich
würde? es um meines Sohnes Glück lösen,
und wenn ich die Hälfte meines Vermögen«
dafür vpfern sollte: Ader ich gabd es einem
Sterbenden, der dadurch bernhigt, sanit zu
Goit entschluarmerte, einem sennenen Freunde,
der mir mehr als Bruder war, der — du
weißt es ja —mit seinem Blute mir das
Leben. rettete.“

5. Jahren erhielt dort eine neugebaute Straße
den Namen; Turteltaubenstraße,“ weil nicht
weniger als 15 junge Ehepaare sich auf ein⸗
mal dafelbst niedergelassen. Jetzt ist nun laut
Gemeindebeschluß der Name in „Xantippen⸗
Siraße“ umgeändert worden.
134
Nichts umsonst. p.

Ein wusgezeichneter Humorist ordnete auf
seinem Sterbrlager an, daß keiner seiner
Freunde zu feinem Begrähniß eingeladen
werden solle: — Denn, sagte er, das wäre
zine Hösflichkeit, die ich nicht zu erwidern
verniag. —

WBö

Nomm äch da heule in mein Zimmet, da
hat sich der · Kerl mein“ Kammerdiener bang
auf das Sopha gestredt. Ich glaube gar, der
Nerk bildet sich aͤn, edt ist det Fürst Rumi⸗
dofsti —O dumm gemig ist der Keri
dazu, Duichlaucht·..

.M: N. wird aufgefordert, mit im *schen
Lotkal ze frühstüden. Er letznt ab. Warum
denn nicht ? — „Erstens frühftücke ich vie;
und zweitens habe ich erst eben gefrähstüct.“

— — —

— 26
1..727

Charade. 28*
Die vier erste n Zeichen.
Wie der farbige Duft sich um die Sonne lest,
WDie den ihauenden Mond dunkles Gewölb unzieht,
dult den Schimmer ich jetzt der Schönheit,
Jetzt die Thränen der Trauer ein.
Die drei lezten und das Ganze.
Deuitest du recht, so nennen wir drei zusammen ein
Müͤdchen;
Eine ferne Provinz deutet das Ganze dir an.
Somng bich e
Mannigfaltiges

Auflösun des Räthsels in Nr. 82 des Unterhal⸗
tungsblaties: Kalender.“
Auflösung des Scherzräthselz in Nr. 82 des
Unterhalmungsblaties: G e r icht. .

Eine merkwürdige Taufe wurde kürzlich
in Peomia im Staate Illinois vollzogen. Vor
Drud an⸗. Vorbag poa F. B. Denaez in St. Ingbert. 324

Auflssung der Scherzirage in Rr. 32 des
U.terhaltangsblattes: Erbswursst.
        <pb n="137" />
        Anterhaltungsblatt

n
— St. Ingberter Anzeiger.

——

—

A

— 35.

Dieustag, den 21. März

1871.

Das Wort des Vaters.
Erzuhlung von Wilhehm Müller.“

Ich verstaud ihre Worte nicht, denn meine
Angst steigerte sich von Stunde zu Zune
‚on Augenblick zu Augeublid. Da trat Peler
n's Zimmer; er war abwesend gewesen und
bein erst zuruͤdgekehrt. Seine Kleider trieften
don Regen und Schneeschlossen, seine Haare
Jingen wild um die bleichen Wangen; au ihm
er“ nur in der Ebiene gewesen, sah ich, was
dich dedrohte. Als er vernahm, was geichehea,
var er sogleich bereit, dich aufzusuch n. Ohre
Rast, ohne Erholung in der finstern Nacht
wouite er sogleich in die Berge. Alle fuchten
ihm zurüchzuhalten; mehrere riefen im zu:
Es ist zu spaͤl, du wags vergebens dein Le⸗
den, Aulon ist doch nich: mehr zu retten. O
rinmer und nimmer werde ich diesen Ausruf,
Fer mir mehr als das schredlichste Todetur⸗
heil war, vergessen. Es wäre wohl verzeihlich
Jewesen, wenn Peter durch. solche Warnung
ich hätte abhalten lofsen von der gefahrvollen
Wanderung. Aber er that es nicht; ich steh'
Allein auf der Welt, sprach er, habe Niemand
ils diesen Freund, und will nicht, daß Jene
einst ihten Mann, bdas Kind in der Wiege
inst seinen Vater von mir fordere. Mit Gott
vill ich es wagen. Und der Biedere schütielte
nir die Hand, küße den Knaben und ging
don dannen. Niemand begleitete ihn, als sein
reuer Hund. Die Nacht verging, der Morgen
zrach an; als die Sonne höher stieg, legie
in des Swurmes Wüthen; mir oab der wie
de gelehrte Frieden der Natur keine Berudi⸗
zung. Es ist zu spät. rief es in mir, Anton
Adi nicht mehr und auch sein Freuud kehrt
zicht wieder. De Nachbarn und Freunde
zingen an die Arbeit, um das wiederhet zu⸗

cC(gyorisezung.. .
„O, wie konnte ich jemals vergessen,“* rief
die Frau eifrig, „daß Peter es war. dem ich
din Leben danke. Es war die furchtbar ste
Prüfung. welche Gott mir auferleget; —
Tancml in bösen Träumen kehrt mit jene
Angstzeit zurück und quält und foltert mich
wie damais. Es war ein kühler, freundlicher
herbstiag. der Mo gen war licht und hell, du
darst in die Berge gestiegen und hattest mir
versprochen, noch vor Abend zurückzukehren;
aber nach wenigen Minuten bewölkte sich der
dimmel und der jurchterlichste Sturm brach
de von den Bergen stäudien die Schnee⸗
nassen nieder; der Tag ward zur Nacht;
Menschen und Vich kehrten heim, denn Nie⸗
nand vermochte in dem Wetter auszudaueru.
Da kam die Angst über mich, bei jedem
Schrillen des Sturmes rief es in mir, es
ind die Todesseufzer deines Anton, die jene
daute überschreien. Ich lag vor dem Gnaden⸗
id und betete zu Gon für dein Leven.
Martin's Wimmern schreckte mich von m iner
Undacht auf; ich trat zu der Wiege, das
ind weinte schmerzliche Thränen im Schlafe,
ind wieder rief es in mir: die Waise weint
im ihren Vater, der in diesem Augenblicke
das Leben endet. Es wurde Abend, es wurde
Nacht; draußen stürmte es fort und fort wie
Wellen Untergang; die Nachdarn die Freunde
samen zu mir; sie? wollten mich troͤsten mit
Hoffnungen, an welche sie selbst nicht glaubten.

— 7744 24

—2*

* 5* *
—4 43

—4
— 4—

1
—E—
*88
        <pb n="138" />
        ttellen, wasder Sturm im Felde, vn Garten
und an der Behausung beschädigt hatte. Ich
zlieb nun allein, allein, mit meiner namenlosen
AUunst. Meine Hände waren wund gerungen,
mein Auge hatte keine Thränen, mein Muͤnd
leine, Khage, mehr. So schlich der Mittag her
ind ↄes war⸗ mir, ⸗als bätte ich schon *
Jahre in meinem Jammer verlebt. Da lärmke
2 draußen vor dem Hausenz. ich hörte Men
schenstimmen dort laut gegen einander reden;
ch wollie mich empor raffen, ich vermochte es
aicht und sank wieder an der Wiege des Kin⸗
des nieder. Es öff nete sich die Thür; Peter
wankte insZimmer und brach bewußtlos vor
meinen Füßen zusammen...

, Eistalt zuckte es durch mein Herz, der
ndeate lehte Schimmer der Hoffnung, eutschwand:
aPeter war allein,“ er hatte dich nicht retten
tönnen uDa aber tragen die Nachbarn dich
—30 serbeigedu warst bleich,aber dan Auge
biichtte doch auf mich gieder. dein Mund lä
. uchelte mich freundlich gn. Ach, Gott mag es
ꝝ unz mir vergeben, daß ich in der ersten Freude
ue xridtinas · Restors pergaß. daß ich nicht jah.“ wie
u anznerohiiflss am ‚Bohen aus. mehreren Wunden
blutete und wie, Nienan belfenhum jhn weilte

ie nls bein treuet, Hunh, hiel hat ei für
20y5 dich“gehann, wie hiel geltiten, wie viel ge—
aze wagt, Du warst in eine Bergschlucht gestürzt
α er ειαι_ Ounde fanbe deine Spur; der
ouuat grause: Todt dähnle ihm aqus dem Abgrund
Ann ne itgegenzer, achtete. dessen iiicht uund stieg
su dit mieder, Ader als er unten war, fand
u zanredich bdewicßtlos von dem furchtbaren Sturze
343 3wwar gelang es ihm bich wieder funs Leben
Hsnarn, urücksurufen, aher Du wärst zun shwach um
i “ mit ihm em hor zu ssigene; da nahm er dich
du auf seine Schultern; achtete es nicht daß er
f e nit jedem Schritte sein Leben waͤgte, achtelt
—— die. scharfen. Felsenshihen, an
n denem er sich ewporringene mußte, ihn lief
verlttzten, mit se:nem Blute erlaufte er dein
Leben. und oh, auch seine Kräfie schwanden,
e semme Kniee brachen, sein Gottperkrauen schwand
dnn u dicht, sein Mutg brachnnicht, —8— so wurde
nne et dein Retter., O welgg ein ündautbares
itin ite vde hacvpfewärtz ich. wenn ich dieete virui⸗
zgessen könnte, aber — ie mid offenind.
vahr sein, und dir alles bekennen, was mein
derz bedrücht — ich glaube doch nicht, daß

du mit jeuem' Versptechen, welches du deinem
debensretter sabst; rkecht gethan hast. Das
Glück zweier Menschen steht dabei auf dem
Spiele, bedente das wohl! Sieh, als den
braven Peter sein unruhiger Geist in die
Ienod trieb, als er in der Fremde ein Weib
adhm, ihr pr Liebe sein Vaterland opferte
und feinck Heimäth entsagter-da that es uns
beiden weh, daß den braven deutschen Mann
nichteein deutsches Weib beglücht hatte. Du
selost gestandest, —als des Freundes schwere
strankheit dich zu ihm rief und der Gute in
deinen' Armen starb, seine Frau Margaritta
sei wohl schön, aber zu fein und hochgebildet
für uns schlichte, einfältige Leute.“

„Laß uns den Todten nicht unrecht thun,“
bat Stammer, fie druhen in Frieden, denn
auch sie war ein braves Weib. und so wird
es auch ihre · Tochter werden.“

AIch glanbe es,“ —entgegnete die Frau
mit sinkender Stimme: „aber wenn sie sich
aicht heimisch fühlen follte im unserm Heuse,
wenn unseré schlichte Lebensweise, unser ein⸗
jältiger Sinn ihr nicht genügen,wenn sie sich
zar Anser schäuen sollte; ach; Aitan, das
vürde mir recht wehe thun; aber-unglücktich,
ehr Aunglücklich würde es mich machen, wenn
ich sehen müßte, daß die Schwiegertochter kein
Herz für mein Kind hätte.“

Mutter, Mutter!“ rief Stammer im
höhsten Geade beunruhigt, „was siehst du
jür schwarze Dinge!“ Ich will mit meinem
Sohne reden,“ setzte er rasch hinzu, „er soll
nir sein seltsames Benehmen erklären. Ist deine
Furcht gegründet, liebt er eine Andere, dann
vill ich ihm sagen, was Mariens Vater einst
ür mich gethan und, ich weiß es, Mutter,
)u hast mir einen guten Sohn geboren, Mar⸗
iin wird nicht anstehen, des Vaters Schuld
zu lösen,: selbst wenn das Opfer ihm schwer
werden sollte. gee

Aher,“ fiel die Mutter besorgt ein,
„wenn nun auch- Maria nichts für. Martin
fühlttz“ 23 , o
4I 3Vonihr;? rief Stammer, Idarf ich kein
Opfer fordern!: Ist s sor; nalülhlt auch sie
füt meinem Sotzn nichts. qdac meg sie mein
halbes, so mag sie mein ganzes Vermögen
nehmen, damit ich das Wort halte, dags ich
        <pb n="139" />
        253*
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dem Sterbenden gab, seins Tochter glücklich
zu machen· 5.

Er giugrasch' von dannens; die Mutter
blieb allein in bangen Sorgen zurfick
Es war wohl so wie! die Mulfter befürchtet
hatte. Mit“ leichlem Herzeu und frödlichem
Ingendmuth war; Martin in daß Tyrolerland
gewandert, aber er kehrte nicht wieder so zu⸗
rück. Die Handluingsdefchäfte waren mit den
chrlichen Throlern dald betichtign; von hier
sollte der zum zerstenen Mal- dag angrenze nde
Italien betreten. Welcher Jüngling jehnt sich
nicht, dicses Taud zu sehen Escist der hei⸗
tiae Waltfahrtort, nach dem ihn seine Träume
und seitles Herzens Wunsche rusen. So erging
es 'auch: Markin 1voch: faude x im ewels chen
Tande micht das, was er erwartet ⸗rhatte; n ie
Schöpfung Gottes erschien? ihm hier herrlicher
und jchdnet, alsin der Heimaty; aber die
Menschen waren anders geworden 332.das ein⸗
fache techtliche Worke und der rech liche Haud-
—
an die Stelle der beutschen Rrd lichkeit war
vee dreistee? Trbatgetreten.“ Uagleichschwer« r
ais da Aathbarlichene Tyrble wurder es ihm: hier
des Vater Geschafte und Aufträge zu berich⸗
igen, dean⸗ immedar wurde sein offener zund
gerader Sinn böglich getäuscht. ι

Endlich nach vielen Mühen war Alles
ꝛbgethan; Martin begann die Rückreise und
vollte. nur noch eine Forderung einziehen,
deren Abzahlung ihm der' Schuldner zu dieser
Zeit verjprochen hatte. An einem Morgen, waf
er mit einen Zuge Wallfahrer zusammen,
die vereint einem Gnadeubilde zuwandertem.
Martins Weg führte nah an demselben vorbei,
ind so schoß er sich den Andäthtigen an—
Dir Zug wurde immer größer, denn aus den
ohegelegenen Dörfern und Flecken gesellten
ich immer neue Pilger hinzu; manche der
elben schienen recht froem und andächtig,
andere dagegen lachten, lärmten und trieben
Spott und Hohn. So rief ein junger Eng⸗
länder einem andern mit wüstem Lachen zu,
in dem er mit den Fingern auf eine Pilgerin
wies,⸗Die vor einem Christusbilde am Wege
betele! „Siehe nur, da knieet das Narnwrbij⸗
schon wieder!“

. Martin wandte; seune Augen zu der Ver⸗
höhnten; eben erhos sich diese voa ihrer An⸗
dacht; es war eine schöne herrliche Gestalt
fie war nur einfach getleidet, aber das ärm—
siche Gewand verunziertz dennoch⸗ die jung⸗
fräulichen! Reize ibrR;s socpies nicht; ihr
GBesicht war: mindet ge räunt als das der
Italienerinnen niederen Standes z das Ause
war nichte so hern und glühend. wie es sonst
dort in jenem Lande das verboxgene Feuer
vilder VLerdenschaften verräth; dieses Ades,
sowie das schönt lichtbtaune Haar schien bei⸗
nahe anzuzeigen, daß sie keine gebotene Ita⸗
lienerin sei. α
nwillkührhch bati, sith Märtin ver schö⸗
nen. Jungfrau genaht; Ichüchtern versüchte er
mit ihr ain Geipraͤch anzukuüpfen. Aber da
surtte sich dacrllex iürt, Wangedas Auge
ward eine sengende Sqnne, mit den unzwei⸗
deutigsten Heichen einer tiefen Verachtaͤng, ihn
kaum einer Antwort würdigend, wändte sie sich
abt von: ihm. ;,
Berleht duͤrch dase unperbienle Gering
chätung zog ex sich von der Freuden zurüdk.
Wohlpeachlete cr ench qus ver Ferne;
sie wandele jmuger allein und Ichen jede An⸗
naäͤherung. jede Teatilnghnie mit Stolz zurtick⸗
zuweisen. „Iu dem wüsten —A welches
im das Gnadenbild hertschti. —288 sie
Martins Blicen, J

Der Squldner vout veß Versprochene
Geld noch mnriez Zichi tzesaimmign ʒer suchte
neue Ausflüchte und —X
von Linem Täge zum aͤndern.“ Der Ot war
lein, und rmlich; der Gafthof in welchem
Marlin ohnie, sohlecht. Deß alsß machte der
Jüngling, wenn et sich wischen den engen,
schmuͤß geu Räumen“ unbehaglich fühlte, oft
weite Ausstüge in die Umtebung.! Der wüste
Larm der, Reifendeite on Werthshanfentrieb ihn
eines AÄbends adernals in's Freie J draußen
in der freien Naiur war esso flill und ruhig,
als es in dem Orte selbsto geräuschvoll und
lärmend war 3 das hat ihhm wohl; der laue
ubendwind frieb ihm die ferüen Blüthendüfte
entaegen,' ung am“ hnrnel traten immer lichter
immer heller die Sterne der Nacht empor. Er
wandelles sorglos weiter, was hatte er zu
ürchten dfem treuer Gesahrn Jein Jagdrohr,
ding über serner Sthulter. Da war es ihm,
        <pb n="140" />
        ι-ö

als ob die friedliche Stille, welche um ihn

Feilie, durch Gesang unterbrochen würde. Er

lauschte; die Töue wallten nur manchwal,

wie aus weiter Ferne zu ihm empor. Abseits

bom Wege, zwischen grünenden Bäumen ver⸗

sedt und verborgen, lag- ein kleines, unschein⸗

bares Häuschen. Von dort her schienen die

Töne zu kommen; neugierig wich er von der

dandstraße ab und nahte sich jenem Hause.

Schon war er? demselben nathze und glaubte

sich geirrt zu haben, denn lein Gesang lie sz

ich mehr hören, und stille und lautlos blieb

Fum ihn her. Da blieb er pfötzlich wie ge⸗

bannt stehen; durch das Gezweige der Baãumit

und Busche erblickte er den steinernen Vorbau

eines Brunnens, der seiner Alterthumlichleit

nach wohl noch aus der hernen Vorjeit stam⸗

Zen mochte; an demselben saß eine weiblicht

Westalt, das gesenkte Haupt an das Gemãuer

gelehnt, so daß er ihr Anthß nicht sehen

nnte; jet aber wandte sie den Kopf und

er erkannte jene Pilgerin, die ihn vor einigen

Tagen so jchndde und feindselig dehandel

sane. Des Mondes goldenes Licht brach so

ben durch der Zweige Grün, und von seinen

Strahlen beleuchtet erschienen die Züge: der

Jungfrau wie verllärt; die Wange war wohl

dleich wie damals, als er sie zum ersten — —

Male erblidte, aber die schoͤre Stirn war

aicht mehr von finsterem Unwillen veschattet, Mannigsaltiges.

ja e war dem Lauscher, als ob in ihren Die dent scheu Soldaten

imbern eine Thrane mitere. n in dem Wopeee 8 i en

3 wenn man keinen Spaß hat, so macht mar

Sie vffnete Vie Lp pig und begann An sich einen, und putzten die vielen Bildsäulen

anog vur ganz leise aber, wienvon ihren Männlein und Fräulein, an, die ohnehin seh

Bcsühlen und dem Inhalte des Liedes fort · sroren. Der Venus gaben sie ein Chassepot in

zerzfsen, immer lauter zu singen. Nicht der Hie Hand, dem Jupiter zogen sie Pantoffelt
weiche, jeelen volle Gesang war es, der Martin in der Juno ein Halstüchlein an. Amor und
—* o tief ergriff. war die Sproqhe yren Psyche, die wie ein Liebespärchen immer bei
der Heimath Tone, welche er hier vernahm. Ninnnn suichen, pußten sie am schönsten aus
Die Jungfiau sang mit schmerzlicher Trauer Der Pfyche setzten sie ein Häubchen auf, ga—
jenes betannte Grablicedꝛ:;: bin ihr ein Körvchen in den Arm und um
Das Grab ist tief und. sille hüllten ihre nackten Glieder bei der damaligen
und schauderreich jein Rand, Falte mit einem züchtigen Röckchen; Herr Amo—
3 853,dedt ee Hulle bekam einen etwas nntgenommenen Cylin derhu
Ein unbelanntes Land. auf den Kopf, allerlei reputirliche Kleider a⸗
* Das Lieb der Nachtigalain den Leib, aljo daß die lieblichen Gouet au—
2 Toönt nicht in seinem Schooß;z sahen wie ein zu Markte gehendes Eb⸗paar.
r Deud ano Perlag von 4. X. Demne j in Gt. Jnabert.

Der Freundschaft Rosen fallen
Nur auf des Hügels Moosos.
        <pb n="141" />
        Unterhaltungsblatt
St. Ingberter Anzeiger..“

zum

J —64 * *

Nr. 236. Donnerstag, den 23. Mär—
Das Wort des Vaterss.
Erzählung von Winhelm Müller.

len Blumen bedeckt; hier waliete noch die
Hand der Liebe; dieser Todte war noch nicht
dem Herzen, seiner Lieben gestorben ; das
rührte den Jüngling in seiner weichen Stim-
nung mächtig; er sehte sich zu dem Grabe
aiedere; er richtete die Blüthen empor, welche
die Hize des Tages wesenkt hatte, er lichtete
das emporkeimende Unkraut und freute sich
des schönen Blumenteppichs, ber den Schläfer
dort unten deckte. „Was machfi du da?“
ftagte plöhzlich eine sanfte Stimme. Martin
wandte das Antlitz; die sonderbare Fremde
stand vor ihm; sie war ˖ so hold und schön,
hre Züge so sanft und milde; dennoch schreckte
Martin, überrascht von der Erscheinung, zu⸗
rück und vermochte nur verlegen in deutscher
Sprache zu stammeln: „Ich richtete nur die
Blumen empor, welche Sturm und Winud ge—
heugt haben und reinigte das Grab von dem
vuchernden Unkraut.“ — „Ich danke dir.“
prach die Jungfrau freundlich, indem sie
zinen Wasserkrug von ihrem Haupte hob und
die Blumen zu begietßen vegann, „es ist das
Brab meiner Mutter,“ fügte sie mit bebeuden
Ldauten hinzu, „für welche du so freundliche
Theilnahme zeigst.“ Sie blickte noch einmakß
zu Martin empor und fragte dann :. Du bist
ein Deutscher d
Maariin bejahte die Frage; sie flusterte
betroffen und verlegen: „dann dist du wohl
auch nicht derjenige, der auf dem Wege zu
dem Gnadenbilde mich und mein Gebet ver⸗
IX
„O, wie löonnte ich das,“ rick Martin
eifrig. welcher gute Mensch. vernag der
frommen Erhebung eines andern zu« spotten

—
————
EcUKortfetzung.

Die Fremde erschieaͤ dem Jüngliug wie
ein räthselhaftes Doppelwesen; als er sie auf—
der Wollfahrt ansprach, antwortete sie ihm
in dem reinsten Italienisch; nach ihrem Ge⸗
sange, der wohl mehr als das Gebet eines
dedrängten Herzens war, schien sie eine Teutsche
zu fein. Untheilnehmend, stolz und kalt er⸗
schien sie damals, so daß sie fast die Benen⸗
tung der Spötter: „das Marmorbild“ vers
diente; hier an dem einsamen Brunnen waren
ihre Züge fanft und milde. Mit ihrem Bilde
in Herzen war Martin nach dem FJlecken
zurückgekehrt; nahe wordem Thore: lag der
Friedhof. In dieser Stimmung, mochte er
soch nicht in das geräuschvolle Wirthshaus
zurückkehren, et betrat daher die Stätte der
Ruhenden. Wer weilt gern zur nächtlichen
Stunde in der Nähe der Todten? So war
der Friedhof einsam und von Lebenden ver⸗
laffen; Martin wandelte zwischen den Grä⸗—
bern umher, die zwiefach ein traurig s Bild
der Vergänglichkeit darstellten, denn die meisten
waren verfallen und eingestürzt; hier und da
caschelte wohl noch ein längst verdorrter
sKtranz an einem gefenkten Kreuz und verrieth
nur, daß die Trauer um den Todten längst
geendet hatte. Ach, so lange das Herz unoch
lebenswarm und kräftig in der Bruit schlägt,
hat der Mensch ein gar kurzes Gedächtniß
für diejenigen, die in der Eede schlummern.
Rur ein Grab fand er mit sorgfaltig gepfleg⸗
        <pb n="142" />
        Jener, der solches that, war ein Italiener,
der unfern von mir stand.ß

Vergieb mir,“ flüsterte die Jungfrau
noch immer verlegen; sie reichte nem Jüngling
beide Hände mit traulicher Selbstanklage dar:
.Ich babe dir unrecht gethan und dich schnöde
don mir gewiesen, da du dich mir nahtest,
weil ich wähete, du seist jener Spolter ge⸗
wesen, der meine Andacht störtey- als ich vor
dem Bilde-des Erlösers füt die entschlafene
Mutter betete“

Mortin hegte keinen Groll; woht aber
den Keim eines ganz andern Gefühles für
die Jungfrau in seinem Herzen. Als die
Grabesblüthen getränkt waren, saßen beide am
Fuße des kleinen Hügels beisammen; die
Jungfrau vertraute ihm, daß ihr Vater ein
Deutscher gewesen, die Mutter aber eine Ita⸗
lüenerin, und daß sie nun eine Waise, vollig
rinsam und verlassen in dem kleinen Häuschen
am Waldbrunnen lebe. Auch Martin erzählte
ihr von seinem Vaterlande, seinen Eltern,
lcinen Reisen. Wie schuldlose Kinder koseten
sie mit einander und kehrten erst heim, als
der Abendstern zum Morgenstern geworden
war. —

Der böse Schuldner zahlte noch inimer
nicht; Martin zürnte ihm deßhalb nicht mehr,
jondern gab ihm von einem Tage zum andern
Frist. Seiten war er dabeim in dem sqhmu⸗
zigen Wirthshause. Am frühen Morgen warf
er schon Reisetasche vnd Flinte über die
Schulter und wanderte dem kleinen Haͤuschen
zu. Am Brunnen- harrte seiner bereits die
Jungfrau; dort saßen beide in unbesangener
Traulichkeit zujammen wie zärlliche Geschwisier,
denn beide waren sich wohl nicht ihrer eignen
Gefühle bewußt! Sonderbar war es indessen,
daß die Jungfraubei aller Offenheit, mit
welcher ser dem Jünglinge alle ihre kleinen
Freuden und Sorgen mittheilze,, es dennoch
ängstlich vernied, von ihrer Vergangenheit,
von ihrer Zukunft zu reden. Sie lebte völlig
rinsam, ohue Umgange; Niemand; aut der
Umgegend kam zu ihrz Niemmnd im Fiecken
schien sie zu lennen, oder von ihr gekannt zu
sein. Ihr einziger Gefährte, der Hüter und
Bewahrer des Haufes, wenn fie zuweilen ent⸗
sernt war oder auf dem Grabe ihrer Mutter
delete, war ein alter, lebenamüder, sah er⸗

blindeter Hund. Ihre Unerfahrenheit mit dem
Treiben der Welt ließ fie nicht einmal ahnen,
velchen Gefahren sie bei diesem einsa nen, un⸗
beschützten Leben ausgesetzt war. —

Plötzlich, unerwartel, zahlte der lässige
Schuldner; erst jetzt, als Martin das Geld,
in der bebenden Hiand hielt, als ihn die
Pflicht heimrief, ward er sich klar seiner Ge⸗
fühle bemußt. Er eilte fogleich zu der Gelieb⸗
len, sie saß bereits am Brunnen, *das treue
Thür zu ihren Füßen gekauert, seiner harrend.
Der Wasserkrug war beinghe gefüllt, denn sie
hatten miteinander veradredet, heute das Grab
der Mutter wieder zu desuchen. Als sie Mar⸗
tin gewahrte, erschrack sie vor seirem Ausschen.
und fragte bangend: „Ist dir ein Unglück
zeschchen?“ Er gestand ihr, daß die Schuld
getilgt, und er nun heimkehren müsse in der
Eltern Haus. Schweigend horchte fie seinen
Worten, eine heiße Thräne rann über ihre
erbleichende Wange und sie flüsterte im tief⸗
en Schmerze: IIch sah sie nahen die böfe
Stunde.“

Wohl wußte Martin, daß seine Eltern
andere Absichten mit ihm hatten, aber er
lannte auch ihre zärtliche Liebe, und wie innig
sie es wünschten, ihn glücklich zu sehen. Ueber
wältigt von seinen Gefühlen, gestand er der
Jungfrau seine Liebe und bot ihr den Ning
der Treue. Die Hände in den Schooß gesenkt,
sauschte sie seinem Bekenntniß und seinen
Worien; aber endlich als er schwieg und einer
freundlichen Antwort entgegen harrte, über⸗
dog ihre Wange Todtenbläße und sie stammelte
dumpf: „Ich bin das GEigenthum eines

Andern.“
Diese Entgegnung, diesen Aufschluß hatte
Martin nicht erwartet! auch vonseinem
Autlitz floh die Lebensröthe und da er sah,
wien die Geliebte in tiefem Schmerze range
lehte er: „Gieb mir Vertrauen, wer ist der⸗
jenige, dem du angehörst ?— —

Morgen, morgen,“ entgegnete die Jung⸗
srau, mit gebrochener Stimme; mühsam rich⸗
ete sie sich empor und wankie ihrer Wohnung
zu; er wollte ihr folgen, aber sie machte ihm
mit der Hand ein abwehrendes Zeichen und
wiederholte nur dumpf und tonlos: Morgen,
morgen, zu dieser Stunde.“ 2

Dao er aber am andern Taze wie der lehr⸗
        <pb n="143" />
        fand er sie nicht am Brunnen; einige Zeit
arrle er ihrer vergebens; endlich trieb ihn
die beäugstigende Unruhe, ste in ihrer Woh⸗
nung aufzusuchen. Vor der Thüre lag der
alte Hund und kroch ihm wimmernd entgegen;
und da Martin das kleine Gemach betrat,
jand er dasselbe leer; jede Spur eines Be⸗
—Vꝰ
Fenster lag ein lleiner Zettel mit den Worten
veschrieben :

Lebe wohl, ewig wohl; wir sehen uns
nimmer wieder.““

Die ietzte schwankende Hoffnung unb mit
iht sein Lebensglück vernichtete diefer Zettel.
Betäubt von taujend widerstrebenden Gesühlen,
harrte Martin noch einige Augeublickez da
erschien endlich in Weing rmer aus dem
Fiecken, der die Hütte als fein Eigenthum in
Anspruch nahm; von dem —slörrischen Ita⸗
liener mit dem tückischen Gaunerblick kounte
Martin keine weitere Auslunft erlangen.

Da er nun von dannen schritt, schmiegte
sich der Hund an ihn uund folgle ihm we ˖
deind. Martin wußte es, daß sie das Thier
sehr lieb gehabt hatte, daß es das eiazige le⸗
bende Wesen war, welches um die Einsame
weilte, und doch hatte sie ihn zurücgelassen.
Da nahm er den Hund als ein Veruschiniß
von ihr auf, und mäßigte oft umn des alten
Thieres willen seine Schritte, wenn dieses er⸗
müdete. *7

Dies war es, was Martin's Herz be⸗
drückte, uud weßhaib seine Heiterkeit von ihm
gewichen war.

—
2. 57
— 3243 45 4441
—7.5
Stammer hatte Briefe erhalten ; die Ver⸗
lobie seines Sohnetß war schon im Vaherlaude
und mußte am folgenden Tage bei ihm ein⸗
lreffen, aber Frauund Sohn gingen umher
mit geseukten Bliden z, das beengte deß Bie ⸗
dermannes Bruft, er beschloß, wie er Ichon
früher geäußert, mit Martin offen zu sprechen,
er zog den Sohn zu fich in's Zimmer und
sprach: „Martin, deine Braut wird morgen
in unser Haus treten; du aber machst kein
Gesicht wie ein fröhlicher Bräutigum.« Die
Mutter schafft sich in ihrer Angst und Sorge
wahre Schreckgespenster; se meint, dein Her—
hangt an einer Andern.“

Des Sohnen Erbleichen war die einzige
Antwort, welche der Vater erhielt.
Der alte Stammer rieb sich die Stirn
und blickte forschend in das kummervolle Ant⸗
slitz des Sohnes, dann zog er ihn näher zu
sich und rief mit leisem Vorwurf: .Martin,
berdient dein alter Vater nicht, daß du Ver—⸗
trauen zu ihm hegst? Wohl habe ich mein
Wort zu deiner Verbindung mit Maria ge⸗
geben, aber weiß Gott, ich that es nur in
der Absicht, euer Beider Glück zu gründen.
Wenn aber dieser Bund dich unglücklich machen
sollie, wenn ku eine Andere hiebst, von der
du nicht lafssen lannst und darfst, so, so will
ich — es wird mir schwer werden und ist
das erstemal in meinem Leben — so will ich
meln Wort brechen; Maria soll durch Geld
und Gut enschädigt werden und du magst
mir' eine andere Tochter in's Haus führen.“
Martin wußte, wie heilig dem Vaster ein
gegebenes Wort war und wie schwer ihm
foiglich das dargebotene Opfer falen würde,
er entgegnete, gerührt don der Eltern Liebe:
Nein, mein guter Vater, du sodst dein Wort
nicht brechen; ich will Maria heirathen und
will mich bemühen, sie glücklich zu machen.
Diejenige, die ich liebte,“ fügte er leiser hinzu,
tann nimmet die meinige werden“
Mar sie deiner unwurdig ?“ fragie der
Vater. —7*
Martin schüttelte den Kopf. drüdte die
Thräne in das Aug⸗ zurück und flüsterté leise:
.Sie gehörte einem Andern“
Die Unterredung wurde hier unterbrochen;
es schatrie und krazte an der Thüre, und ehe
Jemand nachsehen konnte, wer. das Geräusch
verursfache, öffnete fich die Teür und der an
Hund, der wahrscheinlich Martins Stimme
gedoört hatie, kan in's Zimmer, undlegte sich,
inurrend zu seines ——— so—
Der! alte Stammervdlickte betnoffen auf
das Thier nieder; dann pötzlich von einer
ahen Erinnerung ergtiffen, rief er: , Waͤch⸗
ter, Wächter, bist du es) J
Der alte Hund spißie die Ohren, um⸗
jchnupperte Anfangs scheu den älten Stammex,
heulte dann laut auf vor Freude und mühte
sich, zu hm empor zu springen,.
nnd der in freiche liue Van Thiet. und
sein Augt füllie sich vnd hränen; hastig
        <pb n="144" />
        ries er seinem Sohne zu : Junge, iwse komunst
du zu dem Hunde ?:63

Der Sohn entgegnete betroffen: „Valer,
es ist das Einzige, was ich von dem Mäd⸗
chen erhalten habe, das ich hoffnungslos
liebe.·

Diesen Hund,“ fragte der Vater mit
steigender Bewegung, „gab dir jenes Mäd⸗
chen, welches einem Andern gehört, und welchet
du liebst ꝛ 2

„So ift es,“ erwiederte dexr, Sohn.“

Der alte Stammer riß mit der Rechten
den Sohn an sein Herz, während seine Linke
das alte Thier au sich zog, und so Sohn
und Hund an seine Brust drückend, rief er
in freudiger Rührung: „Martin geh' auf
dein Zimmer, bete dort auf den Knieen und
danke Gott für seine Vaterhuld und Güte.“ —

Er Arieb den erstaunten Sohn ohne eine
Erklärung zur Thür hinaus und kehrle dann
sogleich zu dem Hunde zurück. „Wächter,“
rief er, indem er ihm das zottige Haar strei ⸗
chelte, „wer hätte geglaubt, daß du noch
lebest! Gelt! du bist alt und morsch ge⸗
worden, jehzt würdest du mich freilich nicht
mehr in dem tiefen Abgrunde auffinden kön⸗
nen. Aber nun sollst du auch gute Tage ha—
ben; dein warmes Plätzchen hinter dem Ofen,
und säglich deine Suppe und dein Fleisch.
Warte nur, du treues Thier, das Wohlleben
soll gleich angehen.“. — Er ging zum Schranke,
nahm aus demselben die Schüssel mit dem
Sonntagsbraten, setzte sich mit derselben flach
auf den Boden zu dem Hunde nider und
degann demselben mit seinem Taschenmesser
gewichtige Stücke vorzuschueiden. Der aite
Hund ließ es sich wohl schmeden, und Stam⸗
mer wurde nicht müde, ihm die besten Stücke
vorzulegen uud ihn mit den freundlichsten
Schmeichelworten zum Essen einzuladen.
Minrten in dieser Beschäftigung trat Anna
in das Zimmer: Sie schlug die Hände über
dem Kopf zusammen, als sie ihren Mann
und den Hund in brüderlichent Verein am
Boden erblidte. „Mein Gotit!“ rief sie er—
staunt, „was soll denn das bedeuten, was
oll das häßliche Thier hier in unserem Fest⸗
ꝛimmer, und den schönen Braten, den ich zu

8222 1.* *
Mana'a Empfauq⸗ aufbewahrt habe, gibst du
dem Hunde Preis J Lieber Mann,“ sehte fie
wahrhaft besorgt hinzu, „du bist doch nicht
trank, denu solche Dinge uͤbt doch kein Mensch.
der seine gesunden Sinne hat.“ (Schluß f)
ZMannigfaltigss.
Ber der Carlsruher Friedensfeier bemerkte
man über einem Schahlager ein Transparent
mit folgender Inschrift: —
Uns Dernsche hat der Schuh gedrückt,
Der etwas knapp gesessen, —
Da kam der Nachbar angerüdt.
Um uns ihn anzumessen.
Er hätt' auch gern vom Fuß ein Stuck
Uns gutigst abgeschnitien, —
Allein wir dankten für das Glukß
Wir haben's nicht gelitien.
Ir hat's recht pfiffig ausgespaht,
Das Leder uns zu holen.
Da haben wir den Stiel gedreht,
Wir machten ihm die Sohlen.
Auf denen lief er hurtig zu,
Er hat nun seine Streiche w
Und lasse künftig uns in Runh
Im neuen deutschen Reiche. ä,
Und als wir so den schlimmen Gast J
Durch unsere Heere schlugen, F
Ward uns ein Stiefel angepaßt
Wie wir noch keinen trugen.
Es ist die Frucht der tapfern That
Bon vielen schweren Stunden.
Ein kaiserlicher Meister hat
Den rechten Leist gefunden. ——
Die Frau des Landwehrmannes.
Die Mutter kußt ihr bleiches Kind;
„Nur stille, mein Herz, nur stilll
Daß wir hungern und frieren und elend sind,
Es war so Gottes Willen!“
Und vaß uns die Noth zur fremden Thir
Hi:drängt mit zagem Schritte, —J
Und daß man hinwirft, Dir und mir, —
Almosen der stummen Bitte I
Rur flille, mein Herz, bald wird uns zurück
Der Krieg den Vater gebeennn.
Und mit ihm den Segen, die Arbeit, das Glück,
Und mit ihm die Lie be das Leben!
Mir ist, als hauchte der Fruhlingswind
Rilo her aus grünen Bämmen, —B
Und ob wir hungern und frieren, mein stind,
Vom Frieden laß uns träumen
Hermann. Kleike.
ue Druck und Verlag von FJ. X. Deneß in St. Ingbert. .
        <pb n="145" />
        Unterhaltungsblatt

um
St. Ingberter Anzeiger.
Xr. 47.

SDynentag, den 26. Mär?
1831.

Das Wort des VRalers.
Erzählung von Wirhelm Müllei.

und beten: Der Herr hat Alles wohl gethan.“
Die Frau blickte noch immer ängstlich und
besorgt bald auf ihren Mann, bald auf den
Hund, der die Knachen des Bratens hinter
den Ofen zum Verwahrsam schleppte und da⸗
bei die Diele völlig beschmutzte. „Aber er kläre
mir nur,“ rief sie—

Nichts, nichts sollst du wissen,“ entgeg⸗
nete Stammer, „nichts will ich dir erllären,
zur Strafe dafür, daß du mich einige Zeit
mit deiner Gespensterfurcht angesteckt hattest.
Ueberhaupt,“ fuhr er forl, indem er die
dände in die Seite stemmle; und sich in die
Brust warf. „soll nunmehr das Weiberre ·
giment hier im Hause ein schmähliches Eude
nehmen und ich will mich nicht mehr unter
deiner Pantoffelherrschaft beugen. Und! damit
du siehst, daß es mein Erust ist, will ich so⸗
gleich meine Gewalt beginnen. Der Martin
soll mir noch diese Stande aus dem. Hause
und nicht eher; wiederkehren,“ bis es Zeit zur
Verlobung ißl. Heda Jalob.“ rief er zur
Thüre hinaus. „spann melnem Sohne den
alten Schimmel ein, er soll sogleich zu meinen
B'enen hinausfahren, mir aber mache den
Zirchenwagen zurecht und spann vor densel ⸗
ben den muntern Braunen, auch ich will don
daunen. “8

Lieber Anton.“ tlef dien Frau eifrig,
„wo denlst du hin ? Der Marhten soll aus
dem Ha ise, letzt, wo die Braut, die er noch
nie gesethhen hat, eintrifft, das ist X
allea Recht And gegen jede Sitte—4

Stille,, lommandirte Stammer im tiefen
Basse, keine Einrede!der Eheherc besteblt
und die Frau darf dannnicht widerspuchen

Echluß.)

Laß es nur gut sein, Alte,“ entgegnete
Stammer, „es wird hier nur das Vorfest
der Hochzeit gefeiert. Ja, ja, liebe Alte,“
fuhr er vergnügt fort, indem er den ganzen
Braten dem Hunde vorschob und von der
Diele aufspraug, „es gibt eine Hochzeit, eine
fröhliche Hochzeit.“ —

„Ach,“ kiagte Anna, „Martin sieht nicht
aue, als od sie gar fröblich werden sollte.
Doch! doch!“ rief der Alle, „alle deine
Refürchtungen und Sorgeu sollen zu Schanden
werden, und mein Junge, der Martin. soll
sich, wenn der Priester die Häude vrreint und
jen Segen spricht, so dlücklich, so selig fühlen.
oie ich damals, da ich die liebe Aunag zum
Altare füßrte. — Uad das sage ich dir, die
Hochzeit soll wie die unjrige nach altbayerischer
Sitte sein: Voran Musitanten und ein Bursch
mit der brennenden Hochzeitfadel, dann Braut
uind Bräutigam in der ehrsamen Landestracht,
dann die munteren Gäste; der Joseph soll
Hochz itbitter werden, gelt, der Schalt wird
den Gästen Spaß genu, vormachen, und auch
das Einschenken nicht. pergessen. Und ich und
du, mein liebes. Mütterchen, machen anoch zu ⸗
sammen ein Tänzchen, so munter, als wenn
vir selbst die Brauileute wären. Und wenn
zann der wilde Saus und Braus endlich zu
rnde ist und wir wieder ruhig in dem stillen
dämmerchen beisammen sitzen, nehm' ich mein
äppchen ab wir falten. Veide die Haͤude
        <pb n="146" />
        Weln Sohn in den Bieneggarten, ich siner
Braut eutgegen.. pu in Die Vorgathsdammer,
um nochzusehen,* was noch Alles zur Hochzeit
herbeigeschafft werden muß. So isn jeder an
seiner Stelle!“ Er faßte die beiden Hände
seiner Fran, schwang sie wider ihren Willen
tanzend umher nud sang dau:
„Al- Großvater Großmutter nahm,
Da war Großtzoater ein Bräꝛuigam.
So in Luft und Jubel eilte er zur Thüre
dinaus. aber er Lehrie noch einmal zurück und
bat mit verändertem Tone in weicher Rührung:
„Mutter, liebe Veutter, thue mir ja, währ end
sch im Stall und Gehöft selbst nachsehe, dem
alten Hunde nicht weh; denn Anna, ich sage
dir, nach deinem Vanne, deinent Sohne
und⸗ driner Schwiegertochte r wirst du auf
Erden nichts so sehr als jenes treue Thier
lieben“
Er ging. Was ist dem Manne wider⸗
fahren,“ rief Anna, Iso lustig hab' ich ihn
noch nie gesehen. Er wird sich voch nicht
einen Scherz mit meiner Mutterangst machen;
ach nein.“ rief fie mit liebendein Verrauen,
„das thut Anton nicht, dazu ist sein Herz
pielzu gut, es muß envas anders dahnter
stechen. Uad der alte häßliche Hund, aber er
dat so seht, ihm nichts zu Veide zu thun,
so mag er denn bdleiben, wo er ist, aber die
Feitfleen dort am Boden,“ jammerte sie,
.die bekomm' ich mein Lebtage nicht wieder
heraus, und sie werden noch am Hochzeimage
meinem Haushalt Schimpf und Schaude
machen. —

Der Sohn⸗trat jett iu's Zimmre, um
pon der Mutter Absthied zu nehnmen; bald
darauf kam auch der Vater zurück, rieb den
Sohn zuv Eile an, und trug sorgfam, als
wärd er ein zartes Kind, den allen Hund,
der dur ungern den Platz hinterum Ofen und
semr Knochensammlung zu verlaßsen schien,
in Martin's Wagen hinunter; bald fuhr der
—A —
auch der Braune mit Stammer vom Hofe.
Atzna wur nun allels iin Hause. Und da sie
doch einmal nicht begreifen fonnte, was ge⸗

schehen, foigte sse dem Geheiß ihres Mannes
ging in Küch?“ und Speisekammer und über.
rechnete den Bedarf zu des Sohnes Hochzeit,
denn e that' hu doch wohl dahß ih⸗s Aeee

die Hochzeit nach der alten Sitle, wie die
ihrige gefeiert haden wollte
„Marie war eingetroffen ihr stisles, sanftes,
fast demüthiges Wesen gewänn ihr sogleich
das Herz der Mutter; nach einigen Tagen
liebte sie dieselbe schon recht innig? „Alter,“
sprach sie zu ihrem Manne, „die Marie ist
ein Kind nach dem Willen Goites, sa fromm
und zuchtig, Hund du solltest ste nur in der
Küche und in der Wirihschaft sehen. Alles
geht ihr leicht und behende von der Hand.
Dem Kinde hab' ich großes Unrecht gkhan,
ehe noch mein Auge sie erbheckt hatte. Ich
alaubte, es wäre eine arbeitsscheue Zien jung
fer; wie man die italtenischen Mädchen he⸗
schreibt; das ist sie picht, sie hat ein deulsches
Derz, der Martin müßte ganz verblendet sein,
venn ihm das brave Mädchen nicht gefiele.
Wenn du mir nur bdiesmal, lieber Alier,“
chmeichelte sie und streichekte ihrem Maunn
die Wange, „meinen Willen thun wolltest, und
den Martin hehmbhren kieß st. Ich glaube
aewiß wenm er nur einige Tage das Thun
und Waliten des braven Maͤdchens so um sich
ieht: so wird sich sein Herz wenden und Alles
zut werden ·“·
Stammer lleß sich schmeicheln' und strei⸗
heln und antwortete troden: Der' Bursche
osl das Madchen sehen, wenn fie ihm die
dand zum Verlobyngsringe entgegenstreckt.“
Unna seufzte über den störrijchen Eigen⸗
inn ihres Alten und ging schmoilend von
hin zu ihrem Liebling; adber auch hier fand
hr bekümmertes Herz keine Beruhigung und
Ermuthigung; Maria lächelte ihr zwar recht
reundlich entgegen, aber die Muster blickte
zoch in ihren Augen Thränen, die fie ver⸗
zebens zu verbergen ftrebte. — —
Erschienen ist der Verlobungstag; das
Zimmer ist wohlgeordnet und standesmäßig
zeschmückt; selbst die bösen Bratenflecke sind
oon der Diele verschwunden. Auf dem Tijche
leht das selten benußgte Schreibzeug, daneben
ine Weinflasche und Glaser, denn der Notar,
der den Cheeontrakt auffeßen soll, ist ein
Feinschmecker, und verfchmäht das vate län-
dische Beer. Unter den Heiligenbildern hängt
das Bild des Ksnigs Maximilian, oder wig
hu die Bayern zu nennen pflegen, des gute ij
Neæx. In dem House iff noch recht site
        <pb n="147" />
        auf allen Gesichtern zeigt sich eine erwartungs⸗
volle Befangenheit; Marie ist nicht zugegen;
sie betet in ihrer Kammer; dis Mutter gehi
in sorgenschwerer Unruhte umher 3 Joseph ist
schene grstern abgefahren, um den Jugendo
freunbd in«das Vaterhaus zurückzuführen, sie
lönnen jeden Augenblick zurück sein, dann muß
sich alles entscheiden.— Stammer allein bleibt
in seiner glücktichen Launen imerschüttert. Jetzt
trscheint der gelehrte Auwalt; die gewähnn⸗
chen Redenkarten werden gegeneinan der aus
getauscht und kaum hat der alte Herr ein
Glaschen geleert, die weitgespaltete Feder ge⸗
prüft und die verheibte: Dinte untersucht, da
raffelt ein Wagen in dene Hoß., Matlin de
ruft die Mutter deklomimen. nRude moe
nun Marie,“* gedietet der Eheherr;“ Anng
gehorcht. Zu gleicher Zeit kreten von der
rinen Seite Marie und die Mutter, von der
andern Joseph und Wartin ein.: Bebend mit
gefeuktem Blicke naht sich die Braut dem

alten Stammer. Marhn steht aber erstarrt,

seinen Augen nicht trauend, er will anfsgreien,

aufjauchzen, doch· der Athem fehlt seiner

Brust und des Vaters —XRXX

sger gebietet ihmz Schweigen. Der vile

Stammer faßt die Hand der bleichen, zitteru⸗
den Marie, er will lͤheln, aber das lächeln
wandelt sich in tiefe Rührung, der scherzeude
Ton mird felerlicher Ernst, fo fragt jeg:
„Marie, Kind meines Lebensretters. willst du
das Weib meines Sohues werden 9

Marie's Augen bleiben am Boden haften,
ihre Lippen geschlossen. Martin hat sich weil
vorgebeugt in banger, ängstlicher Erwartung;
da hat die Jungfrau überwunden, leise bebi
es aus ihrer Brust herror: „Ich will sein
Weib, will euch eine gute Tochter werden.“

„O mein Gott!“ ruft der glüdliche
Martin. Bei diesen Lauten hzebt Marie den
Blck empor. der Geliebte steht vor ihr. Aller
Augen weinen. und doch sind Alle glüdlich
Alle fltigt?:

Der alte Stammer drückt sein Weib an
das Herz und ruft: Sichst du Mutler, daß
du Unrecht hatiest mit deinen Befürchtungen?“

Sie kannten fiche schon früher,“ ruh
Anna, „fie ist es, die der. Matuin liebt.
Sage mir nur, lieber. Mier, wie du ersah⸗
me ck pen

Stammer zeigte hinter den Ofen und ant-
wortete lächelnd: „Der Hund mar der Ver⸗
räther ““

Der,“ fragt Ama, ohne den Zusammen⸗
aang begreifen zu fönnen, „darum hast du
das alte Thier so lied?

Nicht darum all in“ entgegnete Stammer,
„Muiter, du bist undankbar geworden! Es ist
ja der alte Wächter, ver mich aufipürte in
dem Abgrund, der, wie Marien's Vater mein
Lebensretier war.“

Da eilte Annga in die Ofenecke, streichelte
anter Freudenuhranen das arte Thiet —RX
der Hund' gehörte jezt zir dein Bunde der
ee pr beun d e 4. ..1

Uns dier Hochzeit wurde gefeiert wle
Stommer es wunschte;“ seht buc setbin wien
tattlich eud hertlich sich der Umzug nach der?
Trauunt gusnimmt, wie der junge Bursche
mit der Fackel jauchzend den Hut schwingt
und die Musikunten. fo lustig drein biasen
und dann die Vrautleute in der Landestcacht
Belt/ der glüchiche Martin dangt den opf
nicht mehr, er schreitet so siviz einhet, als
var das ganze Bayerland fein Eigenthum
In Stanmmer's Hause dronetinbefen
Anna forglich den Hochzeitstisch, und wie die

tirchenglocken ertnen und Niemand um fe
weilt. mit dem fle ihte Freude aussprechen“
lann, ftreichelte sie den alten Hund und sblnchzt“
nit gkücktichen Thränen? „Sieost —A
jet find sie Mann und Weib. —

Wachter sp gi die Ohreneb fcheint bel⸗
nahe, als hätte er die Worte derstanden;
jeine Nasse schnuppert behaglich, denn in dem
anzen Hause ist der Duft kostlicher Braten
herbreitet**
Spät nach⸗ Mitternacht ziehen die Gäste,
die mehrsten mit etwas unficheren Schritten,
rmend und lachend aus dem Hochzeits hause.

Jift, wo Stammer und sein Weib allein
sind, zieht der alte die treue Gefährtin jeines
Lebens an sein Herz und stüstert: Nan will
ich es dir wohl gestehen, auch ich fürchtete
zereits, das Wort, welches ich dem Sterbenden
Jad. würde den Kindern kin Heil dringen.
Aber Gott hat Alles wodl gefügt ee
Gott hat Aules wohl g fuͤgt“ wieberhokte
die framae Auua.
        <pb n="148" />
        Mannigsaltiges.
Niemals wohl, schreibt aus einem in der
Nähe von Orleans belegenen Dorfe ein kölner
Landw:hrmann (Artillerifst), mögen ein paar
Fimer Wasser so theuer zu stehen gekommen
sein, als hier vier Herren, die sich einen fran⸗
zösischen Spaß damit erlaubten, der ihnen
auf gut deutsch heimgegeben wurde und noch
vwird. Es war am Tage der offiziellen Be⸗
tannimachnng des Friedensschlusses. Wir hatten
die frohe Botschait mit Jubel empfangen und
die Stunden bis zum Abende in nie emp⸗
jundener Freude verbracht. Dann wurde alles
dean an Beleuchtungs-Apparaten aufzutreiben
var, herbeigeschasft und damit illuminirt. Un⸗
sere Compagni⸗ zog, mit der Musik, die den
Zapfenftreich spielte. an der Spitze. durch die
Sirahen. Da auf einmal stürzt ein Wasserguß
und dann voch einer über unsere Köpfe. Nach⸗
dem die erste Ueberraschung vorüder ist, eilen
wir auf das Haus zu, vor welchem wir uns
sben befigden und, aus dem jedenfalls das
wässerige Atlentat geschehen war⸗ Unser Haupt·
mann aber, der eben zur —* kommt, ruft;
Ruhig Kinder, laßt mich nur machen !“ Nun
vird das Haus vesetzt und acht von uns
werden zur Haussuchung commandirt. de Und
fiehe da. auf der obersten Etage fiden wir
vdier ganz nobel gekleidete Herren, dem Aeuße⸗
den nach mußten sie wenigstens für solche ge⸗
halten werden. im Zimmer aber steht auch
das Corpus delicti, zwei soeben über unsere
aopie ansgeleerte Wassereimer. Wir erfuchen
die Joves pluvii, mit uns aus ihrem hohen
Diymp sammt den Wasserurnen zu den unten
sartenden Sterblichen niederzusteigen, was sie
run, wenn auch mit einem heimlichen Fluche
jofort erfüllien. Unser Hauptmann nun läßt
fie für ihre freundlichen Spenden bis auf den
anderen Morgen einsperren, dann aber defiehlt
r Jedem, 1000 Fr. zur Stelle zu schaffen,
und als dies geschehen, macht er ihnen ferner
delannt, daß sie nun. um nicht anderen uns
nachkommenden deutschen Soldat⸗n gegenüber
in dieselde Verlegenheit zu gerathen: „Negnen
zu lossen,“ hübsch bei unzß bleiben und bis
zur Grenze hia unsere Reisegefährten sein

vürden. Eo haben wir denn das Vergnügen.
die dier liebenswürdigen Franzosen bis nach
Deutschland mit uns zu führen. Von da mö⸗
Jen fie sich por pedes, ihre Heimstätte wieder
uchen, wo fie jedenfalls von der sonderbaren
Passion, die Deutschen mit Wasser zu begießen,
gründlich curirt sein werden. *
Ein Elternpaar überlegte. was fie ihrer
Tochter zum Geburtstag schenken könnten. Wie
wär'g sagte der Mann, wenn wir sie heimlich
Französisch lernen ließe n
Zwei Bummser warfen sich ggenseitig ihre
Faulheit vor. Der Eine, des Strei tens müde,“
rief ärgerlich aus: „Id wäre gewiß een flei⸗
ziger Kerl, wenn ick nich m aüde geboren
vwärel“42* B
—— 4

„Wie kommi's denn, Frau Wirthin, dak
bei Ihnen die Butter so theuer ist ?“ —
Ja, wissen S', gnä' Herr, wir hab'n blos
ine Kuh, die andern san lauter Ochsen.“

— — —

—— — ——
Ein junger Yankee machte einem Freunde
die Eröffnung, daß er sich in' Newyork zu!
laburen gedenke. — Wie willst Du das
hun d frante der Freund.“ — Ih will eine?
Juwelierladen eröffnen. — Hast Du denn
aptal? — Diefes weniger. aber ein Vrech⸗
eisen habe ich.

3*

— — — —
Einer prahlte in Gefellschaft, er könnte in
5 Minuten 3 Meile Wegs reiten. Ein un⸗—
vesender Rittmeister wurde zum Schiedsrichter
mfgerufen, ob das möglich. Neiten, war sein
musspruch, kann ich's nicht, aber lügen kanu
ich's auch.
Räthsel.
Ich nehme Theil in Eurem Leid, an Eurer Freude.
Im schwarzen bdald und bald im rotheu Kleide,
hr aber laßt in Thränen mich zerfließen
ind meinem Schmerz zum bitiern Hohne
Zeot Ihr mir Schild und Helm,
nd, wenn ihr könnt, die Krone.
Auflösung der Charade in Ne. 84 des Unterhal⸗
uugs biattes: „Flor i da.“
rudk anß Verlag von F. X. Denues in St. Ingbert. —

*
e
        <pb n="149" />
        Anterhaltungsblatt

4
mt 23.5

*

3 0 73323

J

J

—8

Dienstag, den 28. Mérz
71.
5
Verurtheilt und gerichtet.
Wiedererzuͤhll von Hackhim Aburnucen.

bei Nacht:“ durch die Verge zu fahren, aber
—A
in Yeartsdale übet Nacht.
Frou Stephens war beftiedigl und Julie
zuch Deun es war jhrmöglich dewesen, gil
nem. e In große n Wunsch eineg
Rebenneuscheit zu erfuͤllen. Julie war glücklich!
Wvoarum sollte sie auch nicht 7 Gesundheit
Schönheit und Reichthum hatten als drei gute
Feen an ihrer Wiege gestanden und hatten sie
m Leben nie verlqgssen. .Frühzeitig verwaist,
empfand sien den Verlustemicht. tigs. welchet ,sie
zraf. Ihre Erzither; haiten ihrmie die Sorg,
falt eines Ba Ze einer g Multer
dermissen lufsen, und: das Ichönr, „liebenswür⸗
dige Kind war zu einer schönen, liebenswür⸗
digen Jengfrau geworden. Und jcht, kaum
achtzehn Jahre alt, umgeben von dem Reiz
zes Lebensfrüh ings, bejand sie sich auf dem
Weg in die Berge, um die Schwessern ihres
Verlobten zu besuchen und mit ihnen eine
Sommertour in die noͤrdliche Wildniß zu
machen. Roger Wayhne, ihr Verlobter, sollte
mit vou der Partie sein, und Julie verlprach
sich ein Stüdchen. Akadien, eine febendige
Schaferldylle auf dieser Reise.

—„Gott sei Dank. idaß wir endlich da
find!“ brummte Frau Stephens, als der
Wagen vor dem einzigen, bescheidenen Dorf⸗
wirshshaus still hielt, welches ditect an der
Landstratze lag.

„Einen Parlor und zwei Bettzimmer !“
„Gut, Madame!“ sagte die Wirihin.

— „Und zwei Tafsen Thee sogleich!“ —

Aug gut, Madame!“ XVUnd dae Abend⸗

Julie? Darleh iehnke aus dem iPosttut-
shenfeustet und genoß mit sichtvarem Ver⸗
quügen die gesunde Bergluft, welche iht
entgegenwehte.
Das ist“ schöner als der Broadwayin
New Yort.“ dachte die junge Dame, als ihr
ANuge das' hü sche Panorama' von Berg ußd
Thal und Wald und Wiese erblickte, welches
sie umgabß. 2 22
Julie Darleh war in. schönes Mädcheuͤ
von achtzehn Sommern, die etwas Fsies
Sicheres in ihrem ganzen Wesen und etwas
entschieden Aristolratisces in ihren Manieren
hatte. Lezzteres verträgt sich recht gut mit den
Begreffen eiuer freien Amerikanerin, denn man
ist jenseiis deas Djeaus gerade so stolz und
exclusd und voruehm, wie in den Aristokraten⸗
dierteln Londons.

Julie gegenüber saß eine englische Reise⸗
gesellschafterin, dick uud guthmüthig und be⸗
duem, mit fetten Armen und noch felterer
Stimme, die nicht viel don langen und be⸗
schwerlichen Reisen zu halten schien, denn sie
sagte sochen gähnend: „Ich hoffe, Fräulein
Julie, daßz wit im nächsten Dorfe übernachten
werden, dean es ist saon nach Sonnenun⸗
tergang. U

Julie lachte.

EStephens,“ antwortete sie, „für eine
Frau, die schon dreimal den atlautischen Ozean
dekreuzt hat, bist Du die schlechteste Reisende,
hie ich mir denten kann, Eg ware so schön,
        <pb n="150" />
        drod um acht Uhr 3, Wle Sit besehlen.
Madame!“ F8 7 —

Der kleine “ Parlsr mit feinem einfachen,
reinlichen Fußteppich und netten, leinenüber⸗
jogenen Vöbeln bot nach der Reise einen
sihr einladenden Raheplatz. Julie schob den
Lehnstuhl dicht zum Fenster. machte die weißen
Mousselinvorhaͤnue zurüch und blicktte hinaus
in den fillen Abeide

.Es gibt nichts Besseres in der Welt,“
beiertte die enclische Reisebegleileris, indem
e sich dequem zurechtsetzte, als reichlichste
Kost und genügende Ruhe. Ich glaube, das
Fräulein wäre die ganze lange, grausfige Nacht
gereist. wenn sie aicht Jemand an ihrer Seite
gehabt hätte, der, älter und weiser als sie,
jhr sagte, wann es Zeit sei, sich auszuruhen.
cs ist ganz hdübsch, so sorglos in die Welit
hineinzuslattern, wenn man achtzehn Jahre
alt ist, aber wenn man erst achtu:voierzig
virde nnd hat den fliegenden Rheumatismus
jn allen Knochen, dann ist die Sache sehr
anders denle ich?“ Und deßwegen — inein
Bott, was wakr denn das 5

Und Juhu sprang emnsezt auf: aus ihrem
weichen, betquemen Lehuftuhl und wak ganz
dieselde erschreate Froge ꝛ Stephens. was
war· dua e ꝛ· 7

Es war ein Schrei wilde und einschnei⸗
dend, wie? der tines armen Thieres, welchel
leidai, vielleicht wie der eines zum Tode ver⸗
wirn deteu, sterbenden“ Rosss aber troßdem
menschlitheim seinem Ausdruckenr Und im nächsten
Nugenbnt ftürzte eine jiernchk, werhgelleidete,
jodesblafse Madchengestalt durch; die offene
Thüre herein,““ ergriff in unervoser Erregung
Jutiens· Artaund sarie?Kertet mich? rettei
mich·!

Inlle Darley war! wie bereits angedeuteh
eine starke Naturꝛ Nächdem⸗ dererste Schred
vorũber war. nahm sie die eing, ziuernde,
elsenhalte Gestalt in igre Arme: 4]
0 2 Dich reiten ) Wovon denn, meitz Kind?3
sagte sie mitz weicher, sy upat aischer, Suimme,
„Komm' komm' berubige Dich, Zitt re nicht
so, Nigmand soll Du ciwas zu Vide thun !*
Dus salt wesetzlose Ding min den großen
blaueig Augen, den göldenen reichen Locken,
welche hinten ein Neß nachlässig zusammen-
hielt, und den flammend rothen, wie Todes⸗

*6246

fackeln auf jeder Wange hrermenden Flecken
hatte eine merkwürdige, fast eiserne Kraft
in ihren dünnen“ durchsichtigen Händen und
sie ließ Julie nicht los.

„Ich bin kein Kind.“ sagte sie indignirt,
Fich bin einnendzwanzig Jahre alt und werde
heiralhen. Ja,“ setzte sie lächelnd inzu, „ich
din verlobt, Du mußt mich nicht mehr, Kind“
neunen.“
.Arme Kleine,“ rief Frau Stephens,
indem sie mit einer tiesigen Flasche, Pau- de
Cologne herbeieilte, „fie ist wirilich krank.
Riechen Sie daran, Fräulein, theures Fräu⸗
leine!“ W

Aber das parfümirte Wasser wutbe mit
einer ungeduldigen Handbewegung zurüchge⸗
XX
Geh' fort, Du alte gleißnerische Kahe!“
schrie die Neuangelommene. Ich liebe dieses
Mädchen mit den guten Augen und dem feinen
Geficht. Sie wird es nicht dulden, daß sie
mich in's Irrenhaus schaffen, wenn ich nicht
wahnsinnig hin! — Was, ich verrüdct, und
in einem Monat soll die Hochzeit sein A Was
würde er dazu sagen d7
Julie ahnie jetzt die Wahrheit, als fie
zineinsaz in die irrlichterjrrenden blauen
Augen mit dem üönheimlichen“ Glanze — sie
ahnte, daß der Wahnsinnn seine nächtlichen
Fittige über dies junge Gehirn gebretinet und
se schrecklichen Krallen hineingeschlagen batte.
In diesen Auzenblicke eilte eine sehr achtbar
zugsehende Matrone in schwarzer Kleidung
us Zimmer. * J . ..

„Meta“ Meta, komm'! Du störst diese
Dame. mein liebes Kind!“ Und sieh' nur
einmal Dein Haar wie wild und ungeord⸗
net es ist; lomn', Dür mußt Dech noch schön
machen, ehe wir zum Thee gehen“—

„Mein Hagqr 7“ — Das arme, verstörte
—XX ihr Net heruntet
und li⸗ß die reichen goldenen Massen unge⸗
hemint auf ihr n Ruͤcken herunterfl etßzen. „Ja,“
sagte sie dann leiseich inuß es noch ordnen
und schön und glänzend machen, ehe er kommt.

It gehe mit Dir, Tante !“
nd wie ein wiliges Kind ließ sie sich
ortführen. Die alte Dame euitschuldigte sich,
be sie ging.

Wir gaben uns alle Mühe, ssu zu be⸗
        <pb n="151" />
        wachen,“ sagte sie mit schmerzlich bewegter
Stimme, „aber zeitweise gelingt es ihr doch,
uns zu entschlüpien. ce
Als zehn. Minuten später die Wirthin
hereinkam, um sich. zu erkaudigen,“ ob die
Damen vielleicht etwas Besonderes zum Abend
effewn wüb schten, fraate Julie noch der scönen
wahnsinnigen Ophelia. AJ CC .
Sons sont
Aanuigfattigess..
Aus Nox damxerikawird wiedet von
Graͤuelthaten berichte. wWelche“ die Imdsaner
verübt. In Montague;, Counth,n nahe dei
—X
anern, wahrend der Eigenthümer“ vom Hause
entfeint war, die Fenster und Thüren des
Hauses ein. Es war dies um 10 Udr Nachte,
und Kinder und Frauen schliefen in dem
Zimmer. Die Indianer födteten Fran Susan
Paschat. 25 Jahre alt. und richteten Billy.
ihren Sohn so zu daß er am nächsten Tage
stars. Einen 7 Jahren alten Knaben, Nu⸗
mens Johuny, schleppten' sie in“ den Hof,
sealpirten ihn, schoffen ihn und rissen ferne
Eiugeweiden aus; seine vier Jahre alte
Schwester Rarge schossen sie mit einem- Pkeil
in die Brust und verwundeten sie schwer.
Ben Paschal,“ 12 Jahre alt, wurde mit
Rnüphpeln niedergeschlagen und für todt liegen
gelassen; Beide, er und Mary erholten sich
—XEGXE
den Kopf ein und warfen es in den Hof.
Frau Anna Kenoa, die Dame der Haues,
wurde mit zwei Pfeilen in die Bruft geschoffen
mit Knüpheln geschlagen, sealpirt und für
odt zurück, elafsfen. Sie lebte fünf Tagr und
stard dann. Kraulein Anna Kenon ihre
Tochter, wurde scheußlich mißhandelt und daan
geiöotet. Ein fünf Jahte altes Kind wurde
im Bett verwundet. Das ganze Haus war
mit Blut und Haaren imd blutigen Knüppelu
bedecktt, welche die Moͤrder zu ihrem teufli⸗
jchen Werk georaht. Dieselbe Indianerdande
ging, nachdem sie obige Gräuelthaten voll
führt, aas Land hinab und stahl eine Heerde
Pferde, auf welchen sie flüchtete. Außer den
gigen find mehrerr Famitien von ihnen ex
mordet worden. de wre

Das Menschengeschlecht.

FSolgende statistische Daten sind sicher von
allgemeinem Juteresse DieZahl der auf dem
Grdball lebenden Menschens hat zur Zeit die
runde, Summe von-einer. Milliarde erreicht,
welche 3064 bekaunte Sprachen reden und
11005 bestimmten Religionen huldigen. Das
mitilere Lebensalter des Menschen ist auf
33 Jahre 6 Monate geschätzt. Ein Viertel
der Kinder hirbt vor dem 7. Jahre und,
die Hälfte der Menschen vor dem 47. Von
100 Personen, erreichen 6 das Alter von
bO Jahren und darüber; von 500 wird
eine 80 Jahre alt und von: 1000 lebt nutg
eine biq 100 Jahre. Jedes.Jahr sterben
38 Milliuen, alio 96.000 den Tag, 8, 730
die Stunde, 60 die Minnte, und jede See
eunde ein· Mensch. Diese 33 Millionen werden
abet durch 423. Millionen Geburten mehr
als erset, und es würde der jätz: liche Ueber⸗
EL
große Zunahme des Menschengeschlechts her⸗
heiführen, wenn nicht von Zeit zu Zeit Kriege
und andere, austerhhald des regelmäßigen Gane
ges der Natur liegende Ereignisse wieder eint
Abnahme der Meunfschenzabl nach sich zönen.
Man hat bemerkt; daß Geburben sowobl wie
Todessälle · am hänfi ssten, während der Nacht
statifinden Uuf 120 Personen geden Geschlechts
komnit durchschnittlich eine Heirath, und es
finden auf der Gidobersläche etwa 62.500, 000
heirathen att.
— Ein Denlmatina Barle Duec.)
Auf dem hö Hsten Pankte des sauft ansteigen⸗
den Kirchhohes don, Bar ler Duc erhedt sich
ein Denlmal zu welchemvielleicht dereinst,
wenn bdie Furien des Krieges gesylossen sein,
werden unde wenn in der wärmeren Jahres«
zeit die Höhnenzüne des Ornainthaleßzwieder
im lieblichen Schenucke des, jungen Revene
aubes prangen, manches betrübte Elternherz
aus Deutschland wallfahrten wirdz um einen
Blick auf des geliebdten Sohnes leßte Ruhe⸗
tatte zu richten. Denn war auch diese Stadt
nicht ein Schauplat des blutigen Kawpfes
den Frankreich“ Uebermuth gegen sich heraus«
geford tt hat. so, iß doch in dem ii sigen
Lazareth mancher ·denijcher · rieger · der To⸗
deswunde erlegen oder det Krankheit zum

———22———... — 3
        <pb n="152" />
        Opfer gefallem.dieihir in Dienste“ des Va-

terlandes betroffen haf. Auf mehr als zundert

Gräber, in denen Bayern, Hessen, Württem⸗

derger und Preußen den ewigen Schlaf

schlafen, blickt der Stein herab: ein Obelisk,

dessen oberer Theil ein Landwehrkreuz und

dessen Sockel die Umschrift trägt , Ihren

fern vom Vaterlande hier ruhendendeutschen

Brüdern widmen Ddieses Denkinal ihre Kam⸗

meraden and Landsleute. Die Kriegsbesatung

ond die deutschen Beamten. 2. Bat.' (Junich

5. Rhein. Landwehhr Negiment NRrg9. Bar

le Duc im Januar: 1871.2 Durch frriwillige

Sammlungen? lunter“ den in! der: Inschrift ge⸗

nannten⸗Kruppenttzeilen, den Beamten der

Prafekiur and debo Lazarrthes — nicht zu

vergessen auch der unauf efordert angebotener

Beisteuer einer Anzahl durchteisender dayeri⸗

scher Offtziere —find nicht? nur die Kosten

für die Herstellung' und Errichtung Weschafft

vorden, sondern noch ein U berschuß⸗ eder

nach einem sinnigen Vorschlage dazu verwandt

werden soll photographische Aobildungen des

Denkmals anfen tigen zu lassen? und dieselben

an die Angehbrigen der hiet B.statteten zu

versenden.“ Am 17. v. M. Morgen ist dieses

—AV

hanglichteit in erhebender Weise eingeweihi

vorden im Beisein der, soweit es die Noth⸗

wendigkeiten des Dienstes erlaubten vollständig

irschienenen Besatzung. und der deutschen Be⸗

amten. Ein protestantischer Geistlichtr eröffnete

die Feier mit Rede und Gedet; sein katackischer

Amntsbruder gab dem Denkmal den Segen der

sirche. Der Ettappen Commandant⸗ Majocive

Dellenthin, — wies in einer Schlußk Ausprache

auf die Heiligkeit des Andenkes, auf die Pfleht

der Dankbarkeit hin, welche wir den hier

Ruhenden zollen müssen, den; Kriegern, die

auch für uns ihr: Leben hingeopfert haben.

Drei Salven einer Compagnie drs Bataillons

Jülich, in den Bergen dumpf wiederhallend,

zaben der Handlung die spezisisch militärische —

Weihe. Nach deendigter Ferer marschirte dee Dieses Gedicht in Musit gesett iß in der
—* 55 nter sfretltchen öthographischen Anstalt von Buchner S Sessner in

Zug in die Stadt Jurülck-unter froblichen Rürndberg zu haben, die Partitur zu 30 kr. und für

längen der Musik.denn dat uist Soldaten Sinmen 24 ir. Der Rein ertrag ist fur die

manier, weil sie allzeit lustig, sein,“ sagk das deutsche Invalidenstiftung bestimmt.

alte Soldatenlied. Zuerst macht der Schmer⸗ 3 — ——*—

F ——— . * * — — 7 * 8 ———

t yn Druck ano, Verlag von F. X. Denaen in St. Inabert. 4

um den Dahingeschiedenen seine Rechte geltend.
dann bricht durch die das Gemüth umnebelnde
Trauer wie ein lichtes Morgenroth das hohe
und erhebende Gefühl, daß der von uns
Beklagte für eines der theuersten aller Güter,
sür das Vaterland, den Tod erlitten hat;
äegend dringt der Gedanke durch: dules et
decorum est pro patria mori.
Willkommen an die heimkehrenden
Rrieger
Willkommen deutscher Kriegersta nd
Vernimm mein herzlich daͤten 2
Dir wird der Sor deer zueriann
Ins Herz laß dich drum schließen.
Uls du verließest deine Lieben
Ist uns daheim der Troft gebliebene 7
Piiv gxulsen dich ala Sie aqecx. α
Winkommen deutsche Sieigeßschaab! 1i J
Am heimathlichen Herde
Auf Frankreichs blut'gem Krie ghalta
Erstrittst du deutsche Erde.7 ——
Bestürzt hast du den Lügenthron..
Gestrafet Frankreichs frehen Hohn, *2
Drum Hoch“ dein 3331
— — 3. 4
Wisstommen edle Helden all 357
Im Hause euret Lieben
Wo ihr nekämnpft ist überall,
Der Sieg nicht ausgebliebben. —
Bang frei bist „Rehe in“, du deutscher Strom,
De isch ist auch r ieder Straßbburgs Dom—;
Hoch deutsche Kraft und — —2
Willkommen! ruft ver Sud, der Nord
Euch zu ihr tapfern Degen; u
Jirlen furwahr ein starker Horr.
uch mußt! der Feind erlegen.
Wo Muth und Einhich sich oereint,
Soldat' und Führor sich geeint,
fFehlt's nia an grotßzen Thaten.
        <pb n="153" />
        AUnterhaltungsblatt

7
uum

—A
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 39. DonnerEtag, den 80. Märs

1831.

Das rothe Kreuz.
Das rothe Kreuz zuf weißem Grunde,
Wie hoch erhaben steht es da
Wie war es in der schweren Stunde
Den Opfern blut'gen Kampfes nah!
Treu folgt' es uusrer Heere Spuren
Fum Feldspital und in die Schlacht;
Äuf hrimischen und fränk'schen Fleren
hat es sein schönes Werk volloracht.

zu sagen. Die Leute sind heute früh gelom⸗
nen und gehen schon morgen wieder fort,
aber es scheint mir, als ob die Kleine wahn⸗
sinnig sei — armes Ding! — und ihre
Tante bringt sie nach einer Privat-Irrenauftali
in Vermont. Sie war mit einem jungen Mann
zerlobt, Fräulein, und der hat sie ganz' plötz ;
liich und ohne Grund verlassen, um eiune
Andere zu heirathen, und das hat sie wahn⸗
sinnig gemacht. O, ich wollte, er könnte dafür
zehentt werden, und wenn sich alle? Heuker
sweigerten, ich denkte ihn auf!“ Und die
Wirthen wehchte mit ihren Haubenbändern
iure Thränen aus den Augen. „Die Leute
iind nicht reich, sobiel ich von der Taute
erfahren konnte, und das Maädchen ist euie
Waise, und die Geschichte mit der Prvat ·
Irrenanstalt ist eine harte Nuß für die Fa⸗
milie, aber fie tönnen nicht sanders, denn
mit dem Mädchen wird es alle Tage 'schtim-
mer zu Hause. Sie ist gerade nicht tobsüchtig,
aber sehr eigensinnig und will immer weiß
gekleidet gehen, weil sie sihh eiabildet. daß
hr Bräutigam jeden Aagenblick kommen könne
und duß dann Hochzeit sei. Das arme Ding?
Und jeden Tag schaut sie nach dem schlecten
Menschen nus — es möchte Einem das Herz
hrechen!“

Das rothe streuz auf weißem Grunde

Be eisterte manch zarte Nand.

Die eines Kriegers tiefe Wunde
Wohl leise schauernd sanft verdand. *
Es war an manchem Arm zu jchauen,

Der sonst so schwach und kraftlos schien z
ein schön'res Alit ja für die Frauen
Als das der Samariterin.
Dem rothen. Kreuz auf weißem Grundt
XRE
Danft ihm mit eer und mit Munde
Rächst Gott die Lind'rung seiuer Qual.
Seht feines Auzes Thränenschimmer!
Die Pflegerin war sanft und meid.
Vergessen wird und kann er niumet
Fhr liebliches, ihr süßes Bild
Mit rothem Kreuzg auf weißem Grunde
O schöne Frau voll Lieb' uud Huld,
Vielleicht an mancher Herzenswunde
Trägst Du unwissertlich die Schuld.
Zog der Genesene zur Fernee
Roch immer schant er fromm hinan
7 Himmel Deiner Augensterne,
er ihm so oft sich aufgethanu.

„Sie reisen morgen?“ bemerkle jeßt
Julie, „daun werden wir wahrscheinlich ihre
Gesellschaft in der Postkutsche haben. Das
arme, liebe, kleine Ding! Wie heißt sie denn
eigentlih ẽ— *—

Um die Wahrheit zu sagen, sie heißt
Margarethe Ellsland, aber man ruft sie Veta;
das ist kürzet. Jegt muß Id gher wirklich

Verurtheilt und gerichtet.
Wiedererzählt von Hadim Aburuden.“
ve ie ESchluß.) m k J won
„Ja, Fräulein, darüber ist eigentlich wenig

——3z3
        <pb n="154" />
        geben, ja, Madame, zuud das gerbftete Brod

joll besorgt warden und auch ewas ausge⸗

zeichnetes Gelée soll auf⸗ den Tisch kommru.
Noch lange nachher, als die gesprächige

Wirthsfrau lüngst das Zimmer berlassen hatte,

aß JIntte im Nachdenken versanken da. Ein

—XRED
ihre Bliche hingen an dem feryen Parorqua
von Hügeln und Thälern, Bächen und Wiesen,
uͤber welchen dereits der purpurne Rebel der
Dämmerung hing. Sie dachte nach über die
stontraste des meuschlichen Daseins und stellte
ihr Loss neben das der unglücklichen Wehn⸗
ltigen, die eben ja gut ein Kinz Goites
mat, wie de ßiutt.

Und zwei Thränen rollten über ihre sei⸗
denen Wimpern in den Schvoß auf ihre ge⸗
jeltzen Oäude.

Nehnuenn Sic ßch's nicht so zu Herzen,
Jraule ai sagte die pflegmatische Frau Stephe
ris. obgleich es die traurigste Geschichte ist,
die ich jin miuem Leben gehört hade; Und
dahei ist sie so hübsch und jo gut — arme
Nleiue?“ J
Zulie halle in jener Nacht eine neut
Veraniassung. Gout zu danken, und sie tha
is von Herzen; mit Frieden und Menschen;
liehe in ihren Augen legte sie sich auf ihr
ileinez Kopflissen, das lieblich nach frischen
Rosenblättern duftete, während nebenan die
aeme VPleta, in raurigen Kadenzen ein krau—
riges Lied sang, ein Lied, einigh und schau⸗
rig wie ein Grabgesang.

Ais am andern. Morgen wu acht Uhr
dig atte Posttutscehe das Dof Wrließ. waren
Meia ung 3 Peisege iährtiunen. Mita
hatte sich dicht. veben Julte gesetzt und hiel
auß dem ganzen Wege ihre Haus bst.

.Theures Kind, Du ermüdest Fräulein

Daricheie sagts Frau Cuͤslaude die Zaute,
besorgt zu der Irrsiunigen.
Meia sah Julien tief. in die Augen.

.Ermuüde ich Dich wirtiich ““

.Neiu,“ eiwiderte Julie schmeidelnd,
„Du bist mix lieb, Du brauchst dus nicht zu
beurchten.“
. Mieta drücktz sich, jetzt noch zartlicher an
Julie, welche ihren Armm um die haum spenn ⸗
heue Taille der zarten Gesialt gelegt hutte.

Ich liebe Dich!“ sagie sie lunsilos., Ich

weiß zwar nicht, wer Du bist, aber ich ließe
Dich doch. Du hast so quie, freundliche Augen
und eine sa starke Hand. Ich wünschte, er
könnte Dich sehen, o, Du würdest ihm ge⸗
allen!“

„Wer ist er ?“

„Er tkommt! O. er kommt ganz gewiß!“
nictte sie, Und ihre Augen er veiterten ji h and
die vothen Flecen guf ihren Waugen flammten
purpurn auf. „Sieust Du nicht meinen weißen
Anzug? — Das ist mein Hoshzeitakleid —
Aber geh'. Du mußt nicht wemnen und mir
Thränen in meinen Brautkranz fallen lassen,“
rief sie prötzlich, „das bedeutet nichts Gutes,
und er mochte es nie leiden, wenn ich weinte,
er wird Dir's auch verbieten ·“

Frau Ellsland trodnete sich die Auen
und Jutiens Herz blutete beim Aublick
dieser schönen, armen, geknickten Menschen⸗
dlume.
Sie wird sich nicht mehr lange quälen,“
dachte de als sie dieses delikate, faft durch-
sichnge Gesicht, diese dünnen Haude und das
hbettische Roth gquf ihren Wangen hetrachtete.
„Sie wira bald in ihrer ewigen Heimath
sein. Aber welche Strase wäre hart genug
für den Mann, der de so weit gebracht hat !*

Die Sonnt ging eben unter, als wan
Milfield. ein kleines Bergdorf. erreichte, wo
Julie ihx Gesellschaft finden sollte winre von
wo Frau Ellslaud und, Meta in einer ·Pri⸗
vatkutsche nuch dem schreclichen Orte ·jhrer
Bestuumufig weder ge sen muhßten.3

Julien — Wauntzen glübten, ihre Sugen
glänzten vor⸗ Erwartung. Meta hatte sranatt
in den Wagen; zurückgelehnt · und war still
und in sich versu ken. Das Leben der Einen
jollte hier beginnen, das der Andern war hier
zu Ende.

Kaum hielt die Posttutfche an den Holz⸗
dufen bes Hoteig zum Aodurxe in Mufied,
so hatte auch Roner Wahne den sef im
Schloß sitzenden Kutscheuschlag aufger —X
lachte lustig in den Wagen hinein. Auer noch
ehe h Julie von ihrem Sug erhoben oder
tin Wort der Beg üßung sagen konnte, hatte
Meta Eillsland einen Freudenschret ausgestoßen
und war auf den Mann am Kutjchenschlag
jugespuungen. 7

„Roger, Noger!“ rieß fie freudezitternd,
        <pb n="155" />
        ich wußte eg, daß Du kommen würdest.
Sie haben mir zwar Alle gesagt, ich würde
Dich nicht wiedersehen, aber ich wußte es
besser. Sieh' hier, ich bin schon ganz bexeit,
Roger, ich habe meinen weißen Anzug an,
den Du immer so sadn. fandest! Nicht wuhr,
ch gefalle Dir F O Roger, ich habe so lange,
so lange auf Dich gewartet — aber endlich
bist Du gekommeu!“

Roger Wayne war bleicher geworden,
wie der gespe stische. Auzug Meta's; seine
Augen wanderiren unrhig, wie irre, von
Einer zur Andern; aber auf keinem Gesicht
jah er Symputhie fuür fich. Frau Ellsland
redete ihn endlich an.

Heer; Roger Wahne,“ sagte hes sehr
ruhig und sehr ernfte Sie jehen: hiendie
Ptenschenruine, welche Sie gemacht haben.
Ich weiß nicht, welches böse Fatum sie 5.ute
in unsern Weg führt, aber ich hoffte, Sie
nie wieder zu sehen, und ich buhe darum
gebetet. Gehen Sie! Ich habe keine Rache zu
nehmen, abes Ihr Thun wird sich selbsube⸗
strafen, so wahr ein Gott über uns ift. Ktomm'.
Meta, mein Engeh?“*

Aber Meta schaute verwundert in Roger's
schuldiges Gesicht.

„Nicht ohne Roger!“ jsagte Ke bestimmt.
.Wir wer en jatzt jetraut, weiht Du Tante,
und dann ußz er doch daber sein. Er ist zu
mir zurückz-kommen, wie ich Dir immer ge⸗
jagt zabe.“ Mit den Worten anf dea 8ppen
fiel sie ihn Obumacht.

„Es ist ein Glück,“ Uspelte Fraue Ells⸗
land, „jrtzm kunn ich sie wenigstens ohne Wi -
derstand hinaufschaff'u.“

—XRKDX
gestalt mit den geschlosseuen Augen und dem
aufaeloste;, laug harab vallenven Haare in's
Hhaus, und Julie stind ihrem Vieblarcher auf
der Verauda dis WierthShaus: s allein gegen⸗

über. Sie diickte ihm ftirr in's Griicht.

.Julie, theure Julie,“ jammerte er, unter
diesein starren, nichtssagenden und doch Alle⸗
enthaltendent Blick erzierud, Da wirst
mir wenigstens erlauben, mich zu «veither⸗

digen *
„Roger Wayne.“ sagle sie endlich. jede
Sylbe betonend, ernst wie ein Richter ve⸗ j
stimmt wie ein Befehlshaber, „Roger Wayne.

wie köunen Sie mir Liebesnamen geben, weun
diefes arme, wahnsinnige, sterbende Kind mit
uns unter demselben Dache ist ? Ich verstehe
jetzt Alles! Sie aben einer elenden Speku⸗
ljafion wegen dieses Kind verlafsen — Sie
bielten mich für reich arnd kanen zu mir.
Roger Wayne. Sje haben dieses Mädchen
zogweise gemordet, Sie sind ein Elender —
es wäre verzeihlicher in meinen Augen ge⸗
wesen wenn Sie ihr elnen Dolch in's Herz
gestohen hütten, als Sie das betzte Mal von
ihr gingen.“

.Ja — aber, Julie —“

Sie hahen sich nicht zu; vertheidigen,“
juhr sie fort. Sie sind werurtheilt und ge⸗
richtet. Sia haben Meta'ß Herz gebrochen, und
ich werde Ihaen keine. Gelegenheiten geben,
das meinige zu brechen ·· 8

Sie zog bastin einen glänzenden RNing
non ihrent Goldfinger und warß ihn dem
ubleichenden Roger dor die Füße.

Nehmen. Sie hier ihren Verlobungsring
urücß. Noger Wahyne! Ich will durch nichta
mehte daran armnert werden. daß ich Sie
lannte, und wenn ich Ihnen begegne. soa
werde ich belschäute niederblichen. denn es
vird mich daran mahnen, wie schlecht die
Menschen üud. Sie sollen lernen, daß ein⸗
Frau in Stande ill. eine Frau zu rachen.
der u.an Untzecht. than!“

Sie dreute üht kurz um und eutf ruie
Aq mit stoli erheb neun Haupte, nicht ahne
baut zu ihrer Valeiterin zu sagen 3, Steph«
uens, umsere Reile ill beendet, bellelle Er⸗
—XWX

So erreichte Roger Wahne die Nenesis,
und Julie Darley e tging einer Zukunst. an
die sie nus mil Schaudern. demnken konnte,
während Meta in ihrem stillen. Geabe nicht
mehr auf die Schritte Desjenigen zu bauschen
brauchte, dey uimmer lammen wollte
Mannigfaltiges. —
. Ziver Badegäste unterhalten. sich. M.
Wet hat der Totwr ben der, Kur recht vuel
aliein spazierenzuarhen veroronet. B: E miij
auth· das pistt sich apra igz dulonnen
wir immeß mit nander gehen.
        <pb n="156" />
        Am Briefschalter. Poftfecretär: Nach Pas⸗
jau, 12 Kreujzer — Magd: Na das wär
mir was Schönes! Ich habd ja franco darauf
geschtiebhenn.
Es klopft an der Hausthür. Ist da
jewand ? fragt der Hausher zum Fenster
hinaus. O nein ich bins nur, ist die be⸗
scheidene Autwort.

Aus St. Valeriee in der Normandie
meldet ein Privatschreiben folgenden Vorgang:
Zwei meclenburgische Soldaten hatten eint
Epazierkahrt auf dem Meere in einem Nachen
unternommen, defsen Ruderer zwei Brüder,
junge Franzosen von 18 bis 17 Jahren
waren. Ein ploötzlicher“ Windstoß warf den
Rachen um und die vier Personen, welche
ir trug, fanden den Tod in den Wellen. Der
kigenthüm r des Nachens klagte hierauf wegen
Schadenersatzes gegen den Valer der beiden
ungen Schiffr, der vom Gericht zu der
Zahlung von 150 Franecs verurtheilt wurde.
Als dies dem Großherzog von Medlenbur,
nach Berlin berichten wurde, defatzleer, dem
armen Franzesen die 150 Francs zurück u⸗
jzahlen, und ließ ihm außerdem, salls er dessen
bedürftig, eine namhafte Unterstützung an⸗
bieten. Die Preußen haben ũbrigens dei dem
Aunfenthalt in der Normandie so gute Erin⸗
nerungen zurückgelassen, daß sie bei dem
Rückmarsch nach dem Süden mehrfach von
ihren früheren Quartiergebern noch einen
Tag oder zwei bei ihnen zu veweilen eins
geladen wurden.
—
Bei der Friedensfeier in Frankenthal stand
auf einem Trausparente folgender hübsche Reim:
Ued' immer Treu' und Redlichkeit,
Auch in polit'schen Dingen,
Und weiche keinen Finger breit
Von Elsaß und Lothringen?
Soll ich dich nun auf der Slelle mit
einer Ohrfeige oder mit meiner sullen Ver⸗
achtung strafen ? sagt der Lehrer zum Sshü⸗
ler. — „Ach da vitte ich lieher um Ihre
stille Verachtung.“* 9

Ein ziemlich elend aujehender Mensch wird
zu lebenslänglicher Gelangenschaft verurtheilt.
„Das wird er schwerlich aushalten!“ ruft
Finer ans.

Musißlantenstreiche.
Von Willi Windeler.
Beim neunundsiebzizsten Regiment
Der Hildesheim⸗Infant'risten
Befand fich ein zar durstig Corps
Tapf'rer Hauiboisten.
Die hat man hinter die Front gestellt
Zu ihrem schweren Verdrusse,
Dieweil der tapf're Oberst meint
Weit sei gut vor'm Schuffe.
Im neunten Jänner ging's Regiment
Ben St. Bincent recoznosciren,
Und auf 'ner andern Straße muß
Die Masik marschiren.
„Pfui Te fel, sagte der Dirigen
„Das ist ein Zug ohne Ehre. J
„Wie degradirt marschirt man hie
HOhne Schießgewehre i⸗
Und rüftig vorwärts marschirt die Schaar,
Bis die Sonne untergegangen. —
And sie beim Glanz des frischen Schnee's
In ein Dorf gelangen.
Die Schenke war mit Feinden beseßt,
Es waren zwölf Franclireure.
„Na, schnunzelte der Dirigent,
„Nu vibt's ja Gewehre.“
vGewehre und Wein. rufi Schulze aus,
.Mehr kinn man doch nicht veriangen,
Con tempo farioso, mei e Herrn,
»Druf und dran gegungen 12*
Mit lautem Hurrah und dem Elan
Neunundfieugiger Infant'risten
Stürmte muthig die Schenkenthür
Das Corps der Hautboisten.
Und sauvs qui pout ist der Off'cier
—— Fenster hinausge angen.
ro ert waren die Chasse⸗ots
Und ihre Herren gefanhen.
Und schmunzelnd annectirt die Musik
Der Feinde vlanke Gewehre. 1—
Und leerte etliche Schoppen Wein
Und gab dem Herrin die Ehre. —3
Nit elf Gefangenen thäten sie d'rauß
Rach St. Vincent marschiren
Und der. Herr Ooerst hat schmunzelnd g'sagt:
„Das nenn' ich musiciren“ J

———
Druck an. Veriag von F. X. Dér⸗.in St. Jugber9t. 35
        <pb n="157" />
        Unterhaltungsblatt
—

zuum

—

*
St. Ingberter Anzeiger. —
18.

Hmelnizki, der Kosack.
Mobelle von Sach er Masoch.
(gortsehung Jc..

Am nächsten Morgen — es war Sonn⸗
zag — erschien Chaim Pintschew im schwar⸗
jen Talar, die hohe Peizmütze unter dem
Arme, im Edelhofe und fragte in den zärt⸗
sichsten Ausdrücken nach dem Befinden des
hochgeborenen Herrn und der hoqgeborenen
Frau, in Wahrheit war er aber nur gelommen,
um seinen Handel mit den Kirchenschlüsseln
zu machen. —

„Ein schöner Tag heute,“ sagte er end⸗
lich, als weder Hmelrizki noch. Lidwing An⸗
stalt machten, dieselben zu sordern, „die
znädige Frau wird einen herrlichen Kirchgang
zaben.“
Mein Lieber.“ Jogte Hwelnizti. „es sind
schwere, theure Zeiten die Groschen werden
elten, da muß wan sehen, wie man ohne
Messe mit seinem Heir Goit fertig wird.8

Aver Eurr Hochwodigeboren, —X
ger znädiger Herr,“ schrie der Jude erschreckt,
benn er war mit dem Ennchlufse gelommen,
die Taxe für die Kirchenjchlüssel zu erhöhrn,
was möchte man sagen, weiin in Hmelin
Jürde keine Messe mehr gelesen werden And
nicht gepredigt schön und laut von der Kanzel.
Guaden belieben zu scherzen.“ .4
Bogdan Hmelniztihat nie gefragt, was
Andere sagen werden.“ entgegnete det Edelherr
achelnd, er hat gehandeit. wie er es für
recht hieit und die Holge hat oezeigt, daß es
gut war.“

Der. Jude schütielte den Kopf mit den
cleinen fetiglärzenden Stiruldcichoue.
„Also was geben mir Sein Hochwohlge⸗
boren ?* begann er mit liebenswürdigem Grin⸗
sen. dabei die Schlüssel halb aus der Tasche
ziehend. “*

„Nichts gebe ich Dir, keinen Groschen,“
gab Hmeinizki zur Antwort.

Beben Sie einen. Thaler,“ sagte der
Jude.

Was faälll Dir ein ?“

Wie viel geden Sie also ?“* fragte Chaim!
Pintschew hastig.

Willst Du mit mir handeln 97 erwiderte
der Edelherr, „ich habe Dir gefagt, ich gebe
Dir Ieinen Gloschen, dabei bleibt es, Du
—X mit meinem
Wort. Du kaunst gehen.“ 4

Der Jude zucte die Achseln und ging.

Mein Vater.“ begann seht Jan⸗ welcher⸗
hisher stumm an dem Kannne gelehnt vatte,
ich will, wenn Du eß erlaubst; in den Krieg
iehen. ννα

—E 8

Gegen die Tatiaren und Türken.“. *

„Was hast Du auf einmal für Tollheilen
m Kopfe.“? rief Hmelnizki, „willst Du Dein⸗
Blut veispritzen fuͤr ein Vaterland, das Dich
m den Juden verkauft hat? “ 2

Du weißt es,“ entgegnete Jan, „ich
liebe die Poten so wenig, wie Du —

„Emen halben Thaler,“ rief der Zude
oröhlich, welcher den Kopf zur Thüre hinein⸗
zestect hatte. νσ

einen Groschen,habe ich vesagi.“ —F
viederte der Herr don Hinelun —59 dann
        <pb n="158" />
        an seinen Sohmzivendend, », wozn willft Tu
also ziehen z *7
Weil — Hstammelteg Jann, mit dinem
ver weif⸗sten Blicke auf seine Stiefmutter,
„weil ich hier vicht bleiben kann.“
„Warum nicht?“ fragte Hmelnizki ernst.
Der Jude kam in diesem Augenblid in
die Stube zurück, legte die Schlüffel auf den
Tisch und, ücf dans tavon. 4
.Wer hindert“ Dich, wer ist Dir im
Wege.“ frägte der besorgte Vater noch
einmat. e
Lidwina erhob sich und verließ leise das
Bemach. erreke
„Hast Du kein Zutrauen zu mir,“ fuhr
Hmelnizli fort. indem er sich seinem Sohne
—E—
Ich slerbe hier,“ rief dieser piötzlich in
auflammendet Leidenschaft, denn —5
Denn ?“. fragte der Vater liebevoll.
„Denn — es ist nicht, meine Schuld,“
murmelte Jan, „ich Liebe meine Multer.“
Hmelnizki schleß den Sohn an seine
Bruft und die Beiden hielten sich lange um⸗
schlungen. .3,
Tas ist ein Unglüch sagte endlich der
Vater,, „aber deßhalb ve nicht zu
sterben, nicht in den Ktrieg zu ziehen.“
Der, Sohn riß sich endlich los, eilte hin ⸗
aus. stieg zu Pferde und zitt davon.
Hmelnizli sendete hierauf, dem. Geifilichen
die Kirchenschlũffel umd kleiden sich zut. Messe
an. Bald degannen die Glocken mit feierbehem
Tlangezu derselben zu zufen und. zu laden.
Die Lanplegten stromten, pau allen Seiten
herbei und füllten die Kirche. Hmelniztu er⸗
schieu im Kontusch“). die viercclige Tatoͤren ⸗
mütze, welchnder poluische Adel damals all⸗
zeniein angenommen hatze, auf dem Koͤpfe,
pie Karavellak*), an dex Seite, er führie
seine Frau, welche in ihrem hesten Kleide von
rothem Atlas mit Marderpelzhesatz eischien,
zinter ihnen gingen die Kosacken und Diensi⸗
lente; der M,sse folgie die Predigi...
Ehe dieselde zu. Ende war, kehrie Jan
auf schaumbedecktem Pferde. todteubleich zue
.) Volnischer Roc mit geschlihen hangeuden—
iOα Ad it geschlien hangenden
2) Arumuuen Sabel

rück, mit ihm war ein berittener Bauer. Sie
hielten vor der Kirche und verlangten nach
hmelnizti·..

„Sie sollen den Gotlesdienst nicht stören,“

erwiederte dieser.
VDer Priester indeß, der die Bewegaung im
Botieshaus demerkte, deeilte sich, zu Eude zu
lommen.
Aik Hmeinizki, sein Weib am Arme, don
den Kosacken und Bauern gefolgt hinaustrat,
schrie ihm Jan; vor Wuih fiotternd ent
nesen.

„Zu Pferde! der Staroste von Tscherin
hat unser Gut Bobrowka üderfallen, unsere
Leute daraus verttieben · mit Gewalt und
davon Beñitz ergriffeu.“

Hmelnizki strich sich heftig den Schnurr⸗
bart und befahl sein Psferd vorzuführen.

In den Sattel, Bunschen, ju den Waf⸗
jen.“ rief Jan den Kosacken zu, welche mit
rinem Hurrah antwocteten.

Nicht doch,“ erwiederte Hmelnizki, ich
eite alein mut Dircc.

Was sollen wir allein ausrichten,“ sagte
Jan erstaunt.

Fin Mann allein mit feinem guten
Rechte,“ entgegnete der Herr dor Hmelin iß
nehr' als ein Heer ohne dieses. Ich denke
aicht an Gewalt. Ich will nichts als was
mein ist vor Gott und den Menschen,“ was
biauche ich da Kosocken und Waffen d

Wie lannst Du hoffen gegen Gewalt
mit Gründen aufzutonimen,“rieß der Sohn,
der Sta oste wird über uns lachen⸗“
EEr wird nicht lachen, erwiederte Hinel⸗
nizti.

—234
Indeß“ war fein feuriges Nkraünerpferd
dorgeführt worden/ er schwang sich hinauuf,
chwenkte feine Müße und sprengte davon,
der Sohn folgte ihm, sonst Keiner. —
In Bobromwka fanden sie den Starosten
mit einigen seinen aelgen Freunde im Hause
zsechend, die Lute des Usurpators im Keller
um ein Faß Ungarwein besa säftigt, Alle be⸗
rits Femlich vollgesoffen. Niemand schien die
Untunfst des Befißers zu bemerken ocer daron
ju denken, ihm Widerftand zu leisten.
z6zuten Tag. meme Herren begann
Hmelnizti, unter die Polen resiend, Lich “
        <pb n="159" />
        grüsße Sie, denn Sie sind, wenn auch unge-
dete ne Gaste, doch meine Gäste.“
„Bens dixisti.“ schrie der Staroste, gebt
ihm ein Glas Wein, In vino yeritas. Aber
jeßt ist zu bedenten, daß Du nun unser Gasi
diß, mein Gast, ja, ja, gebt ihm ein Glas
Wein, ein Gias von seinem Wein.
Der Staroste, ein noch junger Mann
mit hellblondem. kurzgeschnittenem Haar und
Schnurrbart, schlug mit der Fauste auf den
Tisch und brach in ein wüstes Gelächter aus.
„Iin vino veritas,“ erwiderte Hmeluizki.
der sich zu lächelu ben ühte, Ihr ertennt an,
daß dies miin Wein ist, mehr verlange ich
nicht, damit habt Ihr auch anerkannt, daß
dies mein · Haus und Hof und Gut ist und
somit nocheinmal, willkommen als meine
Baäste
„Ich glaube er ist betrunlen,“ wendete sich
der Starostes zu stinen Freumden.“ er bildel
sich ein,“ duß diese Gut Bobrowka, mein
Bobrswka, sein ise

Wir haben Bresiß ergriffen von Bob⸗
rowla, wie Du sichst,8 riei einer der Edel⸗
leute
4IJa — wir.⸗ schrie der Starofte⸗ich⸗
ich — alsb — wenn Du »Aerin Blus Win
willit was ww uff Du atja hier er
»Mein Recht,“ entgegnete der Herr von
Hmelin. Doe
„Da hast Du dau Recht von heme,“
rief der Staroste, an den Saͤbel jchlaͤgend.
„Ji dies Scherz oder Ernst e fragte
Hmeini.ti rubig.
„Seit wann scherzen die Starosten, wenn
fie vorn einem Gut Besiß ergreifen ?0 entgeg⸗
nete einer der Polinn..
..Dann seid Ihr alfs Raͤuber schrie
Jan. 837 —33474
ouber — wer 1 — wir ?“ ticfen bie
Polen durcheinander. 7
„Sie wollen und überkallen, zu den Waf—⸗
fen,“ schrie der Siarosse und zog seinen
Säbel zur Hälfte, aber Emelnizki stieß ihm
dendelben in die Scheide zurüd.

„Ich weiche der Gewalt,“ sagt er, aber
ich erhede hiermit Protest gegen Dein Be⸗
hinuen. als ein genhzevid iges und. verbre⸗
cherijches und ich werde lage jühren·

Bei wem?“ fragte der Starofte mi!
vetglasten Augen laͤcheind.

Ber Gericht.⸗ F è are —

„Das Gericht din ich;. mein Geliebier,“
erwiderte der Siare ste!

.Beim Könige also.“98

Dexr gadmig dinich dier meint Theurer,“
staͤmmelte der Staroste, nahm ein Gtas Wein
und verschüttet, indem' et es zum Munde
fübrte, die Hälfte auf seinen sammtenen in it
Zobelpelz verbrämten Kontusch.

Hmelnizki würdigtedieadelige“ Bande
keines Wortetz mhr, sondern setzte seine Mütze
auf und verlirßz daß Gemach.

„Ich bin das Gericht,“ schrie ihm der
Staroste nach, indem er vom Seffet fiel ich
din der Köonig,“ schnarchte er unteke dem
Tische! liegend. ich bin dert Könige“

———————“
Seit Mondten führte Hmelnizki Proceß
gegen den Starosten von Tschehrin und hatte
bedeutende Summen Geldes ousgegeben, ein
weites tieineres Besthihum verpfändet,“ ohnt
zu einent Nesultate Jun kommen. Hian gab
igm nicht Unrecht: aber auch nicht Recht.

och hoffte er auf den König, aber fein'
Welwv und sein Sobn theilnen diese Hoffnung
uncht. Ter Luzure drangter auf den Wen ver
Vewalt. Aahrend Lidwina die Abwefenheit
hres Gatten,“ welcher nach Hofe gerangen
warz bennutzte/ um auf gütlic em Wege dan
sr erreichen, was idr durch Waffen und - Ke⸗
jaden ebenso unerreihbar schien,als durch
anen Rechtsspruch. Sie vertraute anf ihr⸗
— und Sa snheit mehr, ais auf den
abel und den tapfern Arm ihres Gulten.
Der Starofte von Tichehrin stund eben
nach einet dura schlemmten Nacht im fribenen
Etddlaͤspetz auf dem Valton sernes steinernen
Palastẽ und lachte üder einen Juden?welchet
auf seinen Beßiht unter dem · Prauger srnn
und don ber gaff aden? Menge niit Sped ·
schnitten und Schintendeinen Fentckt und bee
worfen wurde, als cin mit vier Utrames
Pferden bespanrier Schlinen vorfuhr, aus
dem eine schlanke jugendliche Dame sprang,
die Baͤrenfelle abdersend und in sein Haus irat.
Ere gab, edne kach ihremm Hamen ju
jragen; den SBesehi sie vorzulassen—
        <pb n="160" />
        Sie irat ein, im dunkelroihen Atllasrock, Herzen,“ eulgegnete Lidwina ini Zorue auf-
den Kontusch von selbem Stoffe mit Mar⸗ fliammend, „und ich liebe ihn eben, weil er
derpelz besetzt. eine Marder pelzmühe. mit ein ganzer Mann ist, kein junger Fanfaron,
Gelerfedern geziert auf dem dunklen Haar und kein Geck — vergeben Sie.“ —
schiug den Schiier zurüchk. J Sie ging jur Thüre. .

Dem; Starosten entfuhr“ ein Ruf, der ¶Bleiben Sie doch.“ bat der Starofte,
Ueberraschung, das junge schöne Weid, das ich bin unter Umständen gern bereit, zu
vor ihm staud, blendete ihn so sehr, daß er unterhandeln, aber mit Ihnen, nur mit Ihnen.
eih orde und stammelnd um Vergebung Die Sache läßt fich indeß nicht so leicht ab⸗
bat, daß er sie im Negiige empfange. Etr bai wickeln, nicht mein paar Stunden oder Ta⸗
fie eudich, sich jiu szen. —V

Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen,“ ju einem erwünschten Abschlusse zu bringen,
begann er mit polnischer Galanterie. 7 iür diefe Zeit meine Gastfreundschaft nicht

Ich bin die Frau Hemelnizks, entgeg⸗ derschmahen.“
nete die Dame. Die scyöne Frau ankwortete mit einem

Die Verlegenheit des Starosten steigerle bernichtenden Blide des edelsten weiblichen
sich. „Womt lann ich etwa dienen 12. sprach Zornes und war. ehe der Staroste noch recht
er, die Augen niederschlagend. wußte was geschah, die Treppe hinabgeeilt, in

Sie haben uns rin Gut genommen, ihren Schlitten gestiegen und enflohen.

Ener Hochwohlgeboren.“ begann Lidwina. .In derselben Nacht wurde jedoch Hmelin

Nicht Ihnen, dagegen protestire ich“ von dem Starosten und seinen Leuten über⸗
rief ver Sia oste, „Ihrem Gatten allerdings sallen, das junge hülflose Weib aus dem
aber es sind da Umstande, die Sie beruck · Vette gerifsen, geknebelt, in Pelze gehüllt auf
sichtigen müssen, Verhältnifse, welche — reinen Schutten geworfen, und bann mit der
barwir werden uns doch nicht mit Ge· shönen Beute davongejagt. Eift als die ade⸗
schäften anter halten, es wäre von mir ein uigen Raubber Hmelin verlassen hatten, entdedte
Prbrechen einer jo schoͤnen Dame gegenũber, Jan, welcher seine zersprengten Kosacken sam⸗
Tlauben Sie, daß ich Wein. und Confect melte— die Ursache dez Ueberfalled, die Entsührung
bringen lasse ··34 didwina'sg. 5

Sie wollen mich cije nicht aͤnhöen Er verfolgle den Starosten, ohne ihn
sagte idwina. 63 jedoch ereilen zu knnen, und als er vor

G wiß will ich Sie hören, aber nicht in Tschehrin kam, fanð er die Thore geschlossen
dieset Sache8 *5.453. und mußte,— Verzweifelung im Herzen, ab⸗
E⸗An aber eben diese Sache, um de⸗ ziehen. J
rentwillen ich komme.“ 3385 .Er that es jedoch nur, um alles Volk

Ich weiß Alles, was Sie vorbringen in Hnelin zu bewaffnen und es zum Ueder⸗
wollen. vdorbringen können“ entgegnete der fall der Starostel zu rüsten.

Sie ofte, ‚ich bin ader zu meinem tiefsten So fand ihn Hmelnizki.
Bedauern nicht in der Lage — aber wie schön Der Sohn theũte ihm den empörenden
Tie sind —er näherte sich Lidwina, wil⸗ Vorial unter Thränen mit und forderte ihn'
Der das Blut in die Wangen schoß. aut, Rache zu nehuen. J —

„Daun habe ich hier. nichts mehr zu GFoitsetzung folgt).

en“ sagie fie stolz und kalt und er⸗ V — ————
8 sich— ur sie siotʒ eer, veywlen —— Goldkoͤrner. *7
Md wie jung Sie sind,“ fuhr der Staroste iSich im Syezel gu beschaun 9
idre Hand ergreifend sort, „viel zu jung für — eo AR3 eewerten. I
den Ülten, ich meine unsern Fr, und Bogdan.“ Kann der Menjch sich jelost bemerlen.

Ich bin Hmelnizki's Weib von gauzem — J Raucert.
Jera nnd Berlag von F. X Demen in St. Anabert. CCe
        <pb n="161" />
        Anterhaltungsblitt

“* — 4 3
2 23 72.

4730
3* —W
StIugberter Anzeiger.
ESonntaa, den 2. April
181.
Hmeluizki, der Kosack“)
Novelle von. Sach er Mafoch.“

die Luft tuhig. Tiefe Stille herrschte ringsum
im Dorfe, und auf der weiten beschneiten
Flache Nns der nur hie und da ein paar
dertrüppelte Weidendäumt und' am ßotizom⸗
einitze dunste Streifen Nadelwaldes empor⸗
cagten:! Diese Stille wurde nursetten von
dem hjeiseren Rufe eines Raben! ober dem
Gevbell einee Hundes unteibrochen?“ Gerdlusch⸗
los glitten die fraurigen Gestalten der Land⸗
leute, in Leinwand gekleidet, selten von rohen
Schaffellen umhiüillt. ausj ihren Bastschuhen
über ie schmalen Piade, walche se sich im
Dorfe aufgewühlt bauen, zur Schenke, wo
ibnen ein schmutziges Judeumädchen den gif⸗
ligen Vranntwein einschenkte, während Chaim
Pintschew, der Schaalhert, Aräge an seinem
großen Fuchspelz an dam cunden Lehmafen
lehnme und Fein Ichsnes junges Weib hinter
dem. Schonttifch sah. in baquemer mit Illisvpelz
gefütterter und besehter Jacke, ihrem Kutde
die Beust, gab und ihre scawarzen Sammtaugen
hald auf der mit Strahmatten bedeckten Diela,
dnid auf den srieren den vor Kälte ghlottererden
Housn haftou biett. Welche Riuheisnig vie Häaude⸗
—XCXX
ne Erde aiedersitchzen. . iit
Chaim Pintschew hder Jude und sein uugeß

Weib konnten jedoch nicht dioß auf die armen
fricgenden Und Hungeruden Leintustichen Bduern
sondern auch auf den Hof dee Edelhetry
mit ein igem Stolz und Behagen kl den. dod
war der Wol istand, ga das nas⸗VDasein
non einer guten Ernte abhangla⸗ ahta
er auf sicherer Gruudlage deun
hatte was aucx in Henclin under
—R ——

Did Binbe zlemt vint Weibt

Dem Manne ziedt die Rache.“

a Mirza⸗Schaufi.

Es wal im Jahre 16440 1in Deutichland

der dreitziasã· rige Krieg. im Ossen hatte das

Ningen der Polen und Russen un die Herr⸗

schaft in der jtabischen Welt begonnen. Ein

strenger Winter hatte die kleinrussischen Land⸗

fchaften heimgesucht und die spärlich gesäeten

Doörfer und Edelhöse mit Schueewällen um⸗
deben.
Auch die Bewohnek von; Hmmelin sechen
wien in ein·. n Dachsbau verraben, Die aus
Weibenrushen geflochtenen, mit Lehm bewor⸗
fenen; mit Stroh gedeckten Hütten des kleinen,
urmlichen Dorfes drängken sich um den Edch
hof. die Kirche und⸗ die Scheute musanunen.
Der erstere jeichnete sich vor bden Baurrn,
dausern dadurch aus, daß er aus Hoiz auf⸗
zeführt und mit Holz gededt, innen und
autzen nit weihßem Kolt gaAuincht und Jamnrl
den ihn ummchendon Stallugen und Wirth
schafisnebauden von eicem slamichen Zaun
cinueschcffen war. Auch die Keirche mit ryreti
diei griechischen Thürmen war von Holz, an
hr ttebie das kleine vlzerne Pferrhaus und
der Noche gegenüher lag die Scheuke,“ welche
bem Seoelhofe er Lurus bes Vouds And det
Einrichung ehenbüring zur Seite stunde
rie Wa war Abend, Der Himmeke bett und
mein nlreichen fürmeraden Siermtu dedec.

——— ,
Daus O bu⸗ um..
W ααα.
        <pb n="162" />
        Bit poltnische Regierung von damalt, der
Rönig und seine Beamten, Wojewoden, Sta⸗
rost n und Kastellane. schienen keine andere
Aufgace zu haben als ihr eigents Volk,
insbesendere, das zur griechtschen Kirche zäh⸗
lende kleinrusische zu plündern, und diese
Plünderung war in ein wohlorganisirtes System
geüract, Alles was unur besteuert werden
konnte war besteuert, und Steuern, Schant⸗
recht und selbst Gerichtsbarkeit an Juden
derbachtet. *

So war Chaim Pintschew in der That
die erste Person in Hnelin und hinter der
Demutu, mit welcher er dem Edelherren nahte,
blidie der SEpott hervor. n

Und doch war Bogdan Hmielnizki ꝛder
Derr pon Hmelin, kein Mann zum Spoite.
Man kannte ihn in der ganzen Wojewadichaft,
ja am Hofe zu Krakau als einen tapferen
Soldaten und einen Mann von damals bei⸗
Ppielosem, unerschütterlichem Rerutsgefüsl.

Der Adel, das Landvolk, die jüdischen
Pãchter, seine Leute, Alles blickte mit Achtung,
ja Scheu auf ihn. Eine nicht geringe Schaar
von Dienern und Kosacken füllte seinen Hof.
Besaß der polnische Edelmann auch felten
daares Geld, so waren doch seine Scheuern
sefüllt? sofeldte es weder an Speise und
Trank für Vtenschen und Pferde. In jener

kricg rchen Zeit stieg das Anschen ves Man⸗
nes mit der Zahl der Kosacken,“ welche er
anwerben und in seinem Dienste halten kounte.
Huelnizti hatte deren fünfug. alle gun be⸗
eitien, gut gelleidetr und gerüstet. Sie übten
sich laglich in den Waffen und“ tummelten ihrt
lleinen feurigen Pferde, und wenn der Abend
la m, lagen fie in den Ställen dei ihren Thie⸗
ren auf dem⸗ Stroh oder saßen in der Schenke
und tranken Branntwein und sangen ihre
schwermüthigen Lie der. 77
Deute h iten fie sich“ jedoch in der! weit
ufien Stube ve: fammeli, in welcher das
Hofgesinde feitie Mahlzeiten i nehmen pflgte
und vejprachen, die Anwesenheit des Herrn
—XV
Bauvfens zusammeng ˖drängt, mit den haus⸗
keuten und den Bauern aus dem Dorfe die
bask ihres Voiles, vie Unterdrücuig ihres
Bloubens des Rechtes und der Freihen durch

die Großen, die Erprefsungen der polnischen
Edelleute und der jüdischen Pächter.
„Eru eigenes Haus, wenn es auch noch
so eng ist, ist doch immer bdesser, als ein
weites, das man mit Fremden th ilen muß,
klagte ein alter Landnann mit kahlem Kopf
und langem weißen Schnurrbart, es war
desser, so lange wir nicht bei Polen waten.“
Gewiß war es besser,“ bestätigte eine
schöne Greisin in farbirem Leinwandrock und
reinlichem kurzen Schafspelz; es war Barbara;
die Amme des Herrn von Hmelic, welche
jezt die Aufsicht in der Bäckeerrei führte.
„Gott soll uns gnadig sein, wenn es so jort
geht Der Baver ist jehzt schon gleich dem
Vieh gehalten, ja weit schlimmer noch. Und
wie hält man es mit den Verträgen, mit den
—XX——
—ZJa, es ist zu erstaunen, daß sie uns
Griechen, Kleinrussen und Kosacken noch das
Wafser, das Feuer und die Luft nicht be⸗
steuert haben,“⸗ seufzte ein Kosack, müfsen
wir nicht bereits Tanfe und Trauung, Jagd
und Fischerei, ja für den Rechtsspruch des
Berichtes Abgaden zahlen 7
„Und Alles dies an die Juden verpachtet,“
schrie ein Bauer, „die in ihren warmen Poel⸗
jen stCen, während uns Bauern der Frost
jch utielt.“ Er spucte wüthend aus.
AUAud jeden, Sountag heißt es mit dem
Juden um die Schlühsel der Kirche handeln,
wenn wir eine heilige Messe hören wollen,“
hügte ein junger Kosack hinzzngg.
IXE
Stimmen laut. I
„Ah! dem feisten Schlemmer. der sich
nur um Weiber, Jagd und Wein von Tolai
betummert,“ entgegnete der Schließer, dex hei
dem Herrn in großer Gunst stand. 4
„Also jsollte man zum Starosten gehen,“
meinte ein Kosack. Der Sqließer schiug ein
delles Gelächter an. X
. .Unser Staroste von Tschehrin.“ „rief der
alte Bauer, „das ist der wildeste Gesell von
Allen, ohne Erbarmen. gewaltihärug wie ein
Tartar, ein reiner Türle.“
vEs konn nicht so bleiben.“ sprach leise
einer der Korsacen, der erst vor kurzem aus
der Utiaine gelommen war, bei uns kocht es.
und dentt wan ich Euch sagk. Ihr üerder es
i
        <pb n="163" />
        noch erleben. Wir Kosacken haben keme Pflicht
gegen Polen, als die Grenzen zu vertheid igen
gegen die Tartaren und die Türken, wir
varen immer ein freies Volk und werden es
bleiben, so Gott es nur zugibt. diese Abgaben
die man uns auferlegt wider BRles Recht, sie
machen die Sache erst reif. Gebt Acht es
stehen großze Dinge bevor. Man hat vor wenig
Tagen ein freuriges Echwert am Himmet ge⸗
sehen in der Richtung der Ukraine..

.Was Ihr sagt,“ murmelte Rarbara.

Es ist so, ich habe es auch gesehen,“
bestätigte: der alte Bauer. *

.Unser armes Bauernvolk hat so nichts
u verheren, als dieses elende Leben,“ fügte
rin andrer Landmann hinzu, ‚wenn die Ko⸗
jacken aufstehen und in das Land lommen,
wird ihnen Alles zulaufen“

Es gibt keine ülfe mehr, als Krieg gegen
die Polen,“ fügte der Schließer hinzu. 8*

Einer nur könnte helsen,“ spriach nach
cinigem Besinnen die alte Amme, „Einer.“

„Wer das ?? riefen virle zu leich.

„Unser Herr l

„Ja der,“ murmelte es von allen Seiten,
„der hat Anderes im Sinn,“ sagte der Schlie⸗
zer lächelnd, „meint ihr, er habe eine junge,
sodne Frau genommen, um nach einem Mo ⸗
nate aus ihren Armen in den Krieg zu lau⸗
jen d* „Wenn es mur gut thut mit der
herrin,“ murmelte naqh einer Puuse die alte
Amme, „der Herr ist über vierzig Jahre. ich
weiß es, ich habe ihm aufgezogen, und ein
erwachsener Sohn von der eisten Fraueim
—XVV
Jahren. kaum, und girt. seinem Sohn eine
AD
wende es zum Besseren·

Die Alte schwieg. Die Anderen setzten
das Gespräch im Flüstertone fort, denn jeden
Augendlick konnte oer Herr, Bogan Hmelunzli,
ou der Jagd zufucktehren. Indß jaß sein
junges Weib, Ledwina, in der warmen Stube
des Edelhofes und ipann.

Der Raum war, wie der Siß des Edel⸗
herrn, schlicht und kriegerisch eingerichtet, er
entbehrte nicht der Bequemlichkeit, aber jeder
Pracht, Wände und Dicke waren von Eichen⸗
hotz. genafelt, Schränke, —Stuͤhle, Tijche von
weisen Holzt, mit farbigen Blumen bemalt.

in den Wanden hingen ein paar Heiligen⸗
bildern, ein großes Cucfit. unter welchem
eine rothe Lampe brannte, Wuffen, Panier,
Drahthemden, Lanzen, Stre thämmer, lrumme
Säbel, kleine runde Schilde, ein paar P stolen
und zwei riesie Hacendüchsen. Gewrige und
Fe lle erlegter Thiere, Trinkhörner, tünkische
Trophãen.

Die Mitte der Haͤuptwand nahm ein
groter steinernet Kamin ein. Au demseiben
sjaß,“ in einem breiten 6poist rien Stuhle.
die Fütze auf einem glänzenden Bärenfelle.
die jjunge Herrin.

Die Flam ren des Kaminfeners spielten
auf ihrem edlen, reizenden Gesichte, dem die
Adlernase und der volle Mund mit duu leicht
aufgeworfenen Lippen etwas⸗Trotziges und
sein: Sinnliches gab. Ihre schlanke Gestalt
von mäßiger Größe kam mm dem sich knappy
atschmiegenden nationalen Kleide zu herrlicher
Beltung, der kurze blaue Wollenrock, nur bis
zum K.Bchel reichend, bien die zierlschen Füße
in den Stiefeln von seinem rothen Saffian
sehen, eine Art Kazabaika von hellbraunem
deder mit dem zarien Pelzwerk junger schwar⸗
ser Lämmer gefürtert und ausgeschlagen, um⸗
schlotz den Oberkörper, unter dem rothseidnen
Tuche, das den Kepf gleich einem Turban
einhüslte, hervor leute sich das re che hellnraune
Haar weich um die Schläfenund fiel in
prächtigen breiten Flechten auf den Rucken
herab.
Neben der Herrin auf der Lehne des
Stuhles lag eine große milchwerße Katze,
welche mit geschlossenen: Augen dbehaglich
IIX
. Außer dem Schnurren der Katze und
dem Prasseln des Kaminseuers war wichts zu⸗
dören. Die scöne Frau schien au mit ihrer
Spindel bes.äjtigt, ihr uraes graues Auge
geoanlenlees.

„P oßlich tönten Schritie in dem mit Lehm
zepflaterten Gange, welcher zwüchen den
Vounstuben liife..

Lidwing horchte erst einen Augenblick dann
prang fie auf und in einem zugleich wilden
und anmuthigen Saze den beiden Männern
entgegen. welche sich auf der Schwelle zeigten.
Die Katze hatte sich indessen vor den großen
Rüden, welche diesen voran in die Stube

4.
        <pb n="164" />
        liefen/ auf den hohen Simse des Naminer
gepflüchtet and betrachtese von dort aus schein⸗
var ruhig mit ihren grünen Augen die vellen⸗
den Feinde.

Dit beiden Männer waren Bogden Hmel⸗
nizke und sein Sohn Jarrr

Hmeluizti, hoch und schlank gewachsen, mib
einer eisernen Muskulatur, langgeschuittenen
wetterbrinnen Anticz, dunkiem Schnurrbart,
reichem braunen Haure und lebhzaftem blitzen⸗
den dunkten Aug⸗ konnte für den äiteren Bru⸗
der gelten, seine Bewegungen waren bei allem
uatürlichen Anstande auffallend raich und
dastijchh. Der Haubtzug seines Gesichtes war
hrlichteit. Offentheitz gepaart mit Gutinuthige
dert.! Wie zürtbich, wie niebevolltonmte sich
sein Aunge In das feines Werbes versenlen,
als et Lidwina! jgeran seiner Vrnst hiels und
AB

Zan, sein; Sohn, war ein krüftiger Jünge
ling don 20 Kahren, ganz das Bild seinet
verftorbenrne Mutler⸗ weißße ¶ mir frajchom Roth
auf den Wangen, tellen, Aachenden blauen
uugen and biouden Haarc
Wir haben Gluck gehadt,“ fprach endlich
der Herr von Hmelin. uer uinsere Bente.“

Bier Bauern brachten auf einer Stange
cacn viesigen draunen Bäden tetein,“ den sie
auf Hmelnizkig Winl zun den SFüßen der
Hertin mederlegten. —

LD duina schrad ainen Rugenblick zutück,
dann berührte sie, den Arm wie zu ihrec
Sicherhzeit um dben Racken hres Manen, das
Thiet mit dem Fußee

curchte Dich nicht, prach Hmelnizli.

Ich denke an die Gefahr, in ver Du
g vesandest, ermiderte das schone zunge
Weib, „und dat macht mith zittean, vudß
all ein. . *
4Bugenul hast Du Dich Ane Notk gen
I
dee Barjche auf ˖ mich zudan, vef ach ihzn an
mbo er staud auf die uHircketbeine uaf, Jau
IL
ae Pike in das Herz geftotzen. Es war das
Wertk eines Uugandeichs nSda haft Da je
pie dersprochene · Deche fut Demen Sichluten.“

Dunm sußsen die Ma ner qu dem jchmuch⸗
Deud ann, Herlag vou a . &amp; Desx4 in HÊ. Madecti —XC

bosen Holzische, der wit kLinem feinen Linnen
gedeckt war, und verzehrten ihr Abendmahl,
aus braungerösteten? Buchwrizengraupen und
geräuchertem Fleisch bestehend, urd tanken
dazu Ungarwein-aus deutschen Henkelgläsern,
die ein Jude von der Danziger Meisse gebtacht
hatte.

Hmelnizki Plauderte mit seinem jungen
Voeibe, der Sohn aber saß still, in sich ge⸗
kehrt, nicht einmal die Hunde beachtend, die
ihre mächtigen Körnfe freundlich an seine Kniee
legten.

Endlich erhob sich det Vater und ging
sur Ruhhe.
au Eidwina verltest das Gemoch und kehrte
xach werigen“ Augenblickene zusüch,n um, die
Lampe unter dem Geßreuzigten zu derlöschen;

Sie fand Jan, wie sie ihn verl ssen, auf
beide Hanbe geftüßt vor fich henstarrend, trat
zu ihme und legte ihme die Hand auf die
A

„Was hast Du fragte˖ sie besorgt.

Jon schünelte das Haupt:..

„Du schienst fo heiter, jo unbelümmert,
se doc vetensmuthz ais ich in das Haus
ham, Tefuhr sie fort, „und jezt —

»In, ja,“ marmelte er, „ehe Du fanst.“

.Wie ddie ange Stieimutter tat
erschruct einen Schritt zurüuck.

Es war zu watc.

Schhon Angg der Sotnn vor ihr duf den
knieen, dühte ühre Hünde, deun Equm ihres
wewandes, ihre Fiche nd weinte. LKid wnn
duze ch aiter ihn. ahre Aigpen detuhrnten
eich cinem Hauch milleidig heine Stitue und
dann Aoh sie wie ein geschruchtes Re.
AFomekung colgtid)

2414.
XX
g monfugen.
—RX bir Alles. was wir krien.

2*
Kuftbsung ver Rolhfels 1d Ry37 detz Unterhal⸗
lungsolattes SsegeA be d

——

. ·
        <pb n="165" />
        Unterhaltungsblatt

224 —
— 275
32 —
e⸗ 2 —
e —E — ——— 2
J eeetee re 7 .

—XR J. 824
SteAIngberter Anzeiger.

14 *

Hmelnizki, der Kosack
Novelle pon Saach,er Maso ch·
c(vortfetzuna .
Bmolniꝛti darg einen Augenblicksein blei⸗
ches, verstörti* Gesicht in den Handen, dann
sagte er? „Eprich nicht von Rache, von Ge⸗
walt; wollen wir Denen, die Usrecht thun,
mit den Waffen antworten, so thun wir nur
was Jene thaten. So ange es RNicht und
Geseht. Gericht und König dibt, hoffe ich aus
meine gute Sache: und nmicht auf wmeinen
Saba.“

m VDu bist am Stande Rie in seiner Gewali
zu Jassen?“ schrie Jan entsetzt. „Bedenkft Du
micht 4

— —

7 8
2uäIch chabe Mles bebacht/“ unterbrach ihn
Hmelnizti, An qchwetes Werhlurgnhz hricht
bor ainss hevein; rabor Hechhalbbe weiche ich
einen Fußßz Vreit wom Boden des Rechtes ab.
Richte Dich darnach. Es ist mein ˖letztes Wart
—RD
Der Sobn hlieb hierauf ssumm gund in

Gedanten ;versunken in der Stuhe schzen, auäh⸗
xend Hmelnizli deun Bauern die Waffen ab⸗
mahm und sie nach Haufe schdte.
Dann nahm ar Fintensaßß. Papier, Feder
und schrieb seine Klage an den Könrig.

Als ex damit zu Ende war, las er fsie
und las sie Noch einmal. ging dann in jeine
Stube aund schloß sich ein, Aud, ahs der Sohn
leise an die Thüre kam und horchte, örte er
den eifernen, muthjgen Mann wie ein Kind
weinen. —J

v

wr r
1871.
Eine wohlthätige Bewußllosigkeit zumhüllle
einige Zeit die Sinne der geraubten Frau,
abs ssie zu sich Lam, lag sie in einem präch⸗
aig· n Bemoche des Starsstenschlosses zu Tscheh⸗
rin,auf xiner dürbischen Ottomane, zwei Ne⸗
gerinnen, in werße Seide gekleidet, arwarteten
knieend, die Arme auf der Brttt, ihre Be⸗
fehler

Lidwina blicte um sich. sie astete mehr
mals an der Tapete, an den sosiharen sei⸗
denen · Decen und Fellen, Nit denen sie sselbst
bedeckt war, ehe sie vollkonmen begriff wo Rie
war, ehe sie fsich erinnerte Mas mit ihr ge⸗

Sie wmergeub hre Haͤnde in dem Aufgelosten
Haare und cbegann zu weiaen. dann fag He
einige Zeit an ainer Art dungfer Beiaͤubung.
Eine alle Frau an einfaber Kilecdung dani
herein ind ichtete Fragen aun sie, wache
sie nicht beantwortete. ja mict Anmal au
rhren schien. *

East als mie Mitlagesnue ahre Freurndlichen.
warmen Strahllen durch ie⸗: Fenster wan
wichtete sich Lidwigna auf mird roericucte mach
uhren Nleidern.

Sie sind An Hmelin gebliehen.“ exnu
Derte die Alte, „ sind indeß Andere für dich
herert, gnudige Herrin. Ebe Du Dich dedoch
antleidest, wivst Du ein Bad vehmen woslen.

Lidwina chwieg.

Auf den Wink der Alten hoben die Moch⸗
rinnen sie acf ihre Arme aird kcugen ssie in
das mit nurfischen Teppichen geschnücke Ba⸗
dezimmer,. ws csie diehelhe enttleideten und
im Bade bedienten. J

Mag dem Rie dAfselbe qerlafsen Kalte Arodt
        <pb n="166" />
        rieen die schwarzen, ftuunmen Dienerinnen
sie mit stinen Leinen, wuschen ihr Leib und
Haare mit wohlricchenden Wässern und zogen
ihr goldgestickte Pantoffeln und einen Scklaf⸗
pelz von rothem Sammt mit herrlichem Zobel,
gesüttert und ausgeschlagen an.

Dann führten sie Lidwing in das Zimmer
zureẽck, in welchem sie erwacht war und wo
sie ein köstliches Frühftück erwartete, die Moh⸗
riunnen bedienten sie mit seinem Eingemachten,
Früchten, Serbet. Wein, während eine un⸗
schtrare Vtußk ertönte, lieblich und einschmei⸗
chelnd, wie sie die junge in der Wildniß
kleintussischen Laudlebens aufgewachsene Frau
nie gehött hatte.

Alle die Pracht, welche fie das erste Mal
in ihrem Leben umgab, blendete Lidwina,
und als der Starofte fragen ließ ob sie „die
Gnade haben wolle, ihn zu empfangen, mußte
sie unwillkührlich lächeln und warf einen Blick
in den gegenüberstehenden Spiegel, und als
fie fich in der fürstlichen Toiteite das erfte
Mal in der ganzen Pracht ihrer Schönheit
jah, erröthete sie und. als ob fie jetzt das
Verbrechen des Staroften verzerhlicher fände,
bat sie ihn einzutreten.i

Der Starosse, welcher ausnahmsweise nicht
getrunken und die Nacht nicht durchwacht
hotte,! sah in seinem festlichen Sammikkeide
mit Zobelpesz besezt; dier Karadella an der
Seite, vortreiflich aus, er war ein siattlicher,
hubscher Mann/ auf dessen sonst fahle Wan⸗
ocn heute: die ganze Frische der Ingend zu⸗
rüdgezaubert war.

„Ich bedaure, gnädige Herrin,“ begann
er, „die Art und Weise, wie ich aeine geftrige
Einladung, welche Sie so schnöde zurückwiesen,
wiederholen n ußte, aber was wollen Sie mit
rinem verliebten Thoren anfangen, und ich
bin verliebt bis zum Wahnsinnn, ich wür de
gerne Alles was ich besitze, mein Blut,' mein
Leben um Sie geben, aber wie schön sind Sie
auch, ich habe so ein Weib noch nie gesehen,
weder im Londe noch amHofe des
Ronigs.“

Litwinc errdthete neuerdinge. *
— 3Glauben Sie nicht, daß Ihre Schmei⸗
Heleien —“ unterbrach sie ihn ..

Ach spreche die volle Wohrheit,“ ent⸗
gegnete der Starofie in dem ir die Hand be⸗

àag

heuernd auf die Bruft legte, „und wenn
meine Huldigungen Sie verleßen —

‚Hoeffen Sie wenigstens nicht, daß die⸗
selben den geringsten Eindruck auf mich ma⸗
chen werden,“ fuhr Litwina fort, „ich bin
rein Weib, unfähig, der Gewalt zu widerstehen,
ich kann Ihrer Rohheit nur Bitten und Thränen
entgegensetzen. aber was sind Bitten und
Thränen für Sie —“

„O! beforgen Sie keinen Zwang,“ fiel
der Sitaroste mit einem liebenswürdigen Lä⸗
cheln· ein. „Innerhalb der Mauer von
Tschehrinr, sind Sie die Hetrin und ich det
Sclave.“

Lidwing senkte den Blick vor den Feuer⸗
augen dis Starosten und strich verwirrt mit
der Hand über das weiche Pelzwerk, das sie
umhüllte.
„Sie lönnen sich vollkommen frei bewe⸗
gen,“ jfuhr der Staroste fort, „in diesem
Palaste, der Ihr Eigenthum ist, ebenso gut
vie in der Stadt, welche Ihnen gehorchen
wird.“
„TCat klingt bestechend,“ erwiderte Lid⸗
wira, „aber diese Maunern, innerhalb wielchen
ich getieten soll, halten mich gefanßen.“

„So lange-nur, bis Sie selbst dieselben
nicht mehr zu verlassen wünschen,“ sagte der
Starosi.
„Sie wollen sagen, bis mein Mann mich
befreit,“ rief Lidwina, deren Stolz. deun
behseres Wesen von Neuem auflammien.

„Herr Bogdan Hmelnizkidenkten cht daran.“
erwiderte Ler Staroste mit einem seinen Lä—
chein. —W

„Das lügen Sie!“!2—

Ereifern Sie sich nicht, schöne Hexrrin,“
antwortete der Starost, Faber Sie sollten
doch Herrn Bogdan wenigstens ebenso gut
lennen, als ich ihn kenne, als ihn die Welt
lkennt. Er ift ein ehrenwerther Mann, ein
Dann, der aber in unsferer Zeit dasteht wie
eine Vogelscheuche unter Raben, Kräden und
Dehlen. Man lucht über ihn. Er ist es nicht,
von dem Sie einen bewöffneten Umfall, oder
zar einen Krieg gegen mich erwarten dürfen,
ja Klauen, Repliken, Dupliken, kurz Tinte
und P pier, und wieder Papier, aber keine
Sabelbdiebe.“
        <pb n="167" />
        „Nein, nein, das ist unmöglich,“ rief die
arme Frau.

„Es scheint nur so,“ erwiderte der Sta⸗
rosle, „Herr Bogdan ist ein Mann der Worte,
nicht der Thaten.“

„Wenn er mich nicht befreit, wenn er
nichts thut, mich zu befreien mit Gewalt der
Waffen,“ rief Lidwina auf das höchste erregt,
.dann liebt er mich nicht.“

.Sie haben eß ausgesprochen, schöne
Herrin,“ sagte der Staroste, „er liebt se
nicht, wie kann auch ein alter Mann lieben!“

Lidwing wurde bluthrotb.

.Ich aber liebe Sie,“ schloß der Staroste
die Unterredung, zugleich ließ er sich auf ein
Knie vor Lidwina nieder und führte den
Zipfel. idres Schlafpelzes an die Lippen.
Einen Augenblick später hatnte er fie ber⸗
lassj n. ...
Der schwere Vorhang rauschte feierlich
hinter ihm zu.

.In den wachsten Tagen Jicß sich der
Staroste nicht duden, er wollte der schönen
Lidwina offenbar Zeit lassen, ihre zige Lage
und Umgebung mit ihrer früheren zu vergleichen,
und dies trat sir redlich, zum Theil gegey
ihren Wille.

Ansangs dach?e sle mit tieser Rührung an
Hmelin, bald aber übten Luyus uund Behagen
shren natürlich n Zauber aus, gegenüber den
Raumen, Viöbeln, Geräthen, welche sie in
Tschehrin umgaben, den Miablzeiten, welche
ihr servirt wurden, den Sioffen, in die man
sie hier kleidete, erschien Hmelin mit seinem
rohen Holzgetäfel, seinen groben Speifen in
der That sehr ärmlich, die schöne Frau st:ich
mit den feinen Fingern durch die goldigen
Haarspitzen des köstlichen Zobels, mit dem itr
Schlaspelz gefüttert und beschzt, war, sie dacht⸗
an die däuerischen Lammfelle, in welche fie
ihr Gatte gehüldt halte und mußte un villtührlch
laͤcheln.

Eine Woche verging und Lidwina gesiel
sich in Tschehrin. J
Eine zeite flok dahin und die „schöne
Frau hätie es nicht mehr für mönlich gehalten.
nach Hwelin zurüdzutehren.

Der Staroste befuchte sie läglich. Anfangs
bar er noch um Erlaubniß, dann lud sie ihn
ain, zu kommen.

RKoch lkurze Zeit und Lidwina saß an der
Tafet des Starosten und stimmte in die
wüsten Scherze seiner Freunde ein. Glaänzende
Feste, Schluttenfahrten, Maslkenzüge, Tänze
fanden ihr zu Ehren stitte. —

Ein einziges Mal noch fragte sie nach
ihrem Gat'en.

Er hat eden seine Duplil eingereicht,“
sagte der Siareste mit einem faunischen
Lächeln, und Lidwina — das Weib deß
besten Mannres in Polen, brach in ein lautes
schmähliches Gelächter aus.

Wieder war der Adel der Umgebuͤng in
Tschehrin an der Tafel des Starosten versam⸗
melt. Lidwina, in rosa Atlas und Hermielin
gekleidet, führte den Vorsig. Als die Ausge⸗
lassen deit den höchsten Grad erreicht hatte,
hniete der Staroste piötzlich vor“ der schönen
Frau nieder, taubte ihzr, nach polnischer Sirte,
den Schuh vom Fuße und irank daraus auf
hr Wohl. 1
Die Musit begheitete diesen Aet der Cour⸗
toiste, welcher eine boffentliche Liebeseillärung
war, mit einem Tusch. 2
Die Cavaliere schrien Virat ochajme siel
Vivan lieben wir uns deun 6

Man umarmte, man kühttsich.

Dann rangirten sich die Paare, die Mu⸗
fikanten — in Polen stets Juden,“ wie in
Ungarn Zigeuner — an der Spihe, zur
Polonaise und fort ging' es durch die lange
Reide der Säle, durch die Corridore. hin und
zurück, bis die nanze lustige Gesellschaft im
Tanzijaale Halt machte.
Nun spielten die langbärtigen, fettlockigen
Jaden die nationalen Weisen. den Mazur,
den, Kosack, Kralowiak. die Kolomijak, bid in
den hellen Tag' hinein, beim Gestampf der
Tanzer, dem Gekllirr der Sporen und dem
Jauchzen der Zechenden.

Lidwina jog sich nach Mitter nacht in ehre
Bemaͤcher zurütk. Sie lißß sich von ibren
Dieneranen entkleiden, salüpfte in ihren
Schlafpelz und machte Miene noch aufzublei⸗
ben, als sie jedoch allein war, jperrte sie
rasch die Thüre, und schobd zum Ueberflusse
noch den Riegel vor, und aihmete auf.

.Mit -einem halb schelmischen,halb hoshaften
Lächeln hieß sie dann erst den lostbaren Sqlaf⸗
        <pb n="168" />
        pelz dangsam von ihren Schultern herad ouf
den Boden gleiten. I
See war übernmüt hig geworden, die schöne
Lidwina,“ aber noch hatte sie die Pflichten
gegen ihren Gatten nicht verlezdßt.
— GSie bverlsschte jetzt rasch die Kerzen, so
daß vmur eine kleine Ampel ihr mattes rothes
Licht in das Gemach warf,“ und ging dann
zur Ruhe. Aber' sie hag nichlelange,' Jo streifie
rin Luftzug ihre Wange und der Sigroste
stand vor ihr,“ er schien aus der Wand ju
ireten. Eine geheime Thüre hatke sich geöffuet
und äaen eingelafsen.
BLinwina aIchrack zusammen, sie umerdrückte
einen Schrei, aber schon lag der Slaroste zu
ihren Füßen, und sie? — siraffnete ihw
Arme —

theils gefaugen genomeen und drangen un—
aufgehalten dis in die Mitte der Stadt vor.
Der Staroste übersah im Augenblidk die
Lage und traf ebenfv blitzschnell seine An⸗
stalten, er warf die Edelleute in geschlossener
Schaar den Stürmenden entgegen, während er
mit seinen Soldaten durch die Hinterpforie
des Palaftes in eine Seitengasse eilte und
auf Umwegen plötzlich bei dem Thore erschien,
das die Gegner uur mit wenzgen Leuten
befeht hätten, Er vertrieb diese, verrummelte
das Thor und führte in d mselben, mit der
Mündung gegen die Stroße, zwei Carthaunen
auf, welche auf dem Walle standen.
Die Nosacken ließk er zurück, mit seinen
Hajduken fiel er dem Feinde so unerwartet
und mit solchem Ungestuüm in den Rücen, daß
derselbe pugleich von vorne und von allen
Seiten durch die Edelleute und die Einwohner
von Lschetrin ungegriffen, im Nu auseinander⸗
gesprengt war. Ein Theil siel auf der Stelle,
ein Theilt, von dem Starosten verfolgt, ent⸗
kam durch Seitenftraßen dis zu dem Thore,
wo er von den ftarthaunen niedergefchmettert
urde. War hier nicht wodt oder verwundet
liegen blieb, Kab sich endlich, volllommen von
Lanzen eingeschlossen, gefaugen.
d Mnter diesen“ befund sich ? auch der“ An-
führer der Feinbe. 3
Gortsehung folgt/
Vin Miagta se in Paris flelterte bii
dem Einzuge Ver Deutschen auf die Zulisäule
Hinauf, Ariictie der Gottin der Freihen eine
vothe Fahne in die Hand Aund seßte sich auf
die Echimer Der Witiechen Tame. Die Pa⸗
riser subelten hell auf, die Deutschen riefen
lachendeESieh' da, eine von den Weiberün
bon Wemsberg

Wahrend ihm sein junges Weib, vurh
Ziriv and rieieriiche Hundigung bersuhn
pꝝecloren ging, ⸗achte Hmuimizki vergebrus dã
den polnischen Gerichten sein Recht gegen den
Eaca heer· Deuuoch gelaug es der Lei derschaft,
dem Angestüum: einrs Sohnes aoch juuner
nicht, ihn zu einer Gewaltthzat fortzureißen.
ie KDa veschlasn Hon, Sen FRie Liee. Die Angsi
um Lidwina wahnsinmig zunmachen draute
auf cigene Faul zu haudelaa.
Dexr Adel Dex Siarasteä wmar eben in
Tschehrin zu einan Mas⸗kenfest versammaelt,
als Flinteuschilsse in der Straße ertönten, air
HDaideic mu Viut bedect,. Ftürzte in den
Soul ind Icarie zmitten in den Tam, des
a und die Heit«re Musil
inein: Ueberfall? Verxath*. Der Feind in
in der Stadtttt
Der Starofte, waliher als Sutian maakixi
war, riß die VLarve herad und griff zu den
X
bie Sturmgloce IBnte, die Fanfaren wurden
gedlasen.“ von alen Seinrn Jtürzten die Ein⸗
wothner, yir Noth detleidet, mit Ptten. Stbein
hi ber Foaust, den Amgrerfein Lutgegen. Kasch — — . *e
hatte det Siaroste im Hofe des Pahcsich JAKfndari he Frrage.) ‚Da — da“
bie Edelleute, seine Kofaclen, Hajducken und sagte ein kleiner Junge, während er in Geoß⸗
Diener gesammekt und führte sie zu Fuße mm mutiers Saublade kraute und Alles tuich⸗
dre Straße. Schon danen die Feinde im einenrder warf; — „jetzt ist Großpopa in den
Sturme tjeran, die harten mit Aptjclägen Ann Himmel und hat feine Brille vergessen. Willst
Thor eingebrochen, die Wache eherls geiödtet, Du sie ihm minrehmen, Großmama 72
Denmen in St. Ingabert. . 3
        <pb n="169" />
        Unterhaltungsblatt

*7—

7
* I V 222
be“ v· 24 — — J
ze Jum
**8 — .7 4

2
222 — 4 der —8 2 J —A
St. Ingherter Anzeiger—
—BV—— Samstag, den 8. April 15 2 —
28* —M 8* 2* ———
Hmelnizki, der Kosack.
Novelle von Sa ch erx. M as o ch
847 (Foͤrtsetung.) iße r*
Der Staroste, an der Spitze des Adels
in seinen Palaft zurückgekehrt, ward von den
Damen als Sieger mit wehenden Tüchern
empfan ·en.
Lidwina ließ den gefangenen Führer vor
ich buingeü. n I
Lidwina, als Sultanin, im goldgestickten
grünen Hermelinpelz. das dunkle Haar von
den weißen Turban umwunden, stand in die⸗
sem Augenblide, die Larve in der Hand. du
seiner Seite.
See schrie auf und bededte ihr Gesicht.
„Was haben Sie ?“ fragte der Sta oste,
,wer ist der Mann? Kennen Sie ihn
Es ist Jan Hmelnizki, der Sohn meines
Batten“, flüst rte die treulnse Frau.
.Uund deßhalb entziehen Sie uns Ihr
schönes Angesicht*, sagte der Starosie lächelnd,
Wen fürchten Sie noch ? Den Gefangenen.
der gefesselt unseres Urtheilsspruchs harrt ? Ja
Sie selbit reizende Lidwina, sollen über sein
Schichsal entscheiden.“
.Das kann ich nicht“, stammelte sie.
.Sie tönnen ja Gnade üben, wenn es
Ihnen gefällt“, erwiderte der Starost; Jan
Hmelniiti“, juhr er zu dem Jünglinge gewen⸗
det fort, „wer hat Dich bestimmt, gleich einem
Raͤuber in uusere Siadt einzudringen
„Du bist hier der Räuber“, erwiderte
Fan, uud ich exgreff die Waffen, um Dir
Deinen Raub zu entreißen.“

Der Siaroste anwortete min einem ver⸗
aichtlichen Lachen. „Die Müdhe hattest Du
Dir ersparen können“, sagte er dann, „dit
Dame, welche Du befreien wolltest, verlaugt
diesen Ritierdienst nicht, sie weilt nicht als
Helangene in Aschehrin, sondern 'als Gebie—
terin. — J

„Du lügste!“ schrie Jan.

Du wirf Dich sosort überzeugen.,“ fuhr
der Starosie fort, „denn sie ist es, die Dein
Urtheu sprechen wird.“

Nein, nein, ich nicht“, ricf Lidwina und
ließ die Maske fallgeen.

Du dier!“ rief Jan entseht, „in diesen
Kleidern, an der, Seite dleses Schurken, was
bedeutet das??::
.Das bedeutet, daß Lidwing nicht im
Entferntesten daran denkt, zu der Buchweizen⸗
grüze von Hmelin zurüchzulehren, sprach der
Starost.

Alle Anwesenden brachen in ein lautes
Gelächter aus.

„Elende!“ rief Jan. „und um Deinel⸗
willen, die ich jetzt ebenso verachte und verab⸗
scheue, wie ich Dich noch vor Kurzeni ange⸗
betet habe, soll ich mein Leben verlieren, ich
Thor, ich Wahnwißiger.“

Lidwinas Wangen waren bel der Schmäh⸗—
ung, die ihr der Enpörte vor so viel Zeugen
in das G. sicht schleuderte, dunkelroth gewordeun,
zugleich vor Scham und Zoru.

Relin, das sollst Du nicht.“ sprach sle
mit eisiger Kälte, während ihre Augen rache—
lustig funkelten, „sterben sollst Du nicht, aber
ne ih eet
        <pb n="170" />
        will zusehen und die Hiede zählen bis es der Flur, das Haupt verhüllt, auf einuen
dunderi sind · 64 Steine sitzen · —
Vortrefflich“, rief der Staroste, ja er Er fragte ihn und erhielt keine Antwort.
soll ausgeperischt werden, und zwar auf der Er beschwor Jan, ihn nicht noch unglüc⸗
Stelle.“ sicher zu machen, als er ohnehin sei. „Um
Auf seinen Befehl wurden hierauf die gee vwas trauerst Du?“ sagte er endlich, „um
fangenen Kosacken Hmelnizki's, 23 an der unser Gut — um Lidwina —“
Zahl, an den Baumen, welche den Palast „Um meine Ehre“, sagte endlich der
Amngaben, aufgeknüpft, dann ließ er Jan auß Sohn
dem Platze vor demfelben an einen Pfahl Was ist geschehen de rief Hmelnizki ent⸗
biuden, bis zur Hüfte entblößen und wie einen setzt.
gemeinen Verbrecher durch den Henler peitschen Jan sftürzte schluchzend an seine Brust.
ꝝährend die Edelleute und die Einnwhner Als Hmeinizli erst die volle, furctbare
von Tschehrin den Pfahl umstanden, die Da⸗ Wahrheit kannte, war er volllommen ruhig
men alle Fenster des Palases besetzt hatten, geworden.
und Sowina an seiner Seite vom Baltkon Du mußt mich rächen Vater“, schrie der
derab zusah und die Hiebe zählte. Sohn, „Du kannst es, Du allein.“
Jan biß die Zähne zusammen, das Blut Hmelnizki schüttelte nur den Kopf. Am
rdune ihm vom Rücken herad, aber er bat Morgen ordnete er alle seine Angelegenheiten
nicht um Gnade, er stieß nicht einmal einen und reiste nach Kralau zu dem Könige.
Scqhmerzenslant aus. Bei dem vorlehten Hiebe Der arme Mann war so ehrlich und so
schwanden ihmm die Sinne. durchdrungen von seinem guten Rechte, dab
Noch einmal holte der Henker aus. er den Godanken nicht fassen konnte, Gewalt
didwina gebot ihm nicht Einhalt. und Willkür könnten gegen dasselbe das Feld
Die Execution war deendet. behaupten. Die Wadhrheit mußte siegen, die
die Hajduken banden Jan Hmelnizli loz Gerechtigkeit ihm volle Genugthuung geben,
und rugen ihn in ihre Wachtstuse. Als er das stand fest bei e h.
das Bewüßtsein zurücerlangt hatte, kam einer Er blieb eiven Monat aus, — zwei, —
bon ihnen in den Palast, um weitere Befehle drei. J
einzuholen. Als er zurück kam, war sein ehrliches Ge⸗
Nun,'was foll weiter mit Ihrem Sohn ficht tief eingefallen, sein Haar grau gewor-
und Aubeler geschehen, fragte der Staroste. ben
„Die Hajduken sollen ihn mit Hunden
aus der Sladt hehen und dann laufen lassen“
gebot Lidwina. J
Ihr Befehl wurde auf der, Stelle. voll·
ogen. Die, schöne veleidigte Frau stand am
Fenster und sah mit grausamem Vergnügen
Mu, wie die Rüden den Mann, der sie ab⸗
Zottijch geliebt hatte und noch inmer liebte,
gleich einen Wilde jagten, und sie bog sich
heraus, um den armen von Peitschanhieben
und den Zähnen der Hunde zerriffenen Mann
noch recht wert mit ihren Augen und ihrem
reuflischen Lachent verfotgen zu Vnnen.
Hmelnizti kehrte von dem Wojewoden, den
er fruchtios um Hütfe gegen die Gewalnthaten
des Starosten von Tschehrin angesprochen hatte
Dai Nachts zurüd und fand feinen Sohn in

Er sprach kein Wort, küßte den Sohn
nuf die Stirne und Thränen“ füllten seine
Augen. —

„Was hat der König gesagt “ fragte end⸗
lich der Sohn.

Er 'hat nichts gesagt, er hat sich nur
den Schnurrbart' gestrichen“, sagte Hmelnizk
mit einem herben Lächeln.

Du siebst Vater, es gibt keine Gerech⸗
igkeit auf Erden“, rief der Sohn vor Wuth
weinend.
„Es gibt eine Gerechtigkeit,e
entgegnete Hmehnizki mit furctbarem feierlichen
Ernst „und wir wollen sie dort fuhen, wo
fie ist — bei Gomnt, der richten wird zwischen
den Schuldigen und den Urschuldigen.“
,‚Was willst Du thun 7fragte der Sohn
stlaunt
        <pb n="171" />
        ,„Plein Recht suchen, Du hörft es ja“,
erwiderte der Vater.
Hmelnizli schrieb noch denselben Tag eine

Urt Fehdebrief an die polnische Repuhlik, wel ·
cher zugleich ein Manifest an die Mißhandelten
und Unterdrückten war, da er bei allen ordent ⸗
ichen und außerordeutlichen Gerichten, ja beim
Koͤnige vergebens um Gerechtigkeit gebeten
habe, so wolle er dieselbe mit dem Sabel in
der Faust bei Gott dem Herrn suchen und
hei ihm auch die Strafe für die Schuldigen,
sür den Raub seines Besiß hums, die Ent⸗
führung seiner Frau, die Mißhandlung seines
Sodnes!
Diesen Brief ließ er durch verläßliche
Lente an den Thoren aller Gerichte, Sanro
fleien, Wojewedschaften und Kirchen Polens,
sowie an den königlichen Paläasten anschlagen.
Dann züudete er Hmelin an allen vier
Eden an und befahl seiuen Leuten aufzusitzen.

Wodhin führst Tun uns 7 fragie sein
Sohn. uge p

Zu den Kosaden“, entgegnete Hmelnizki.
in de Utraine, wo der Krieg zu Haus ist
Und die Freiheit.“ 51

— 4
Hmelnizli führte seine kleine Schaar mit
aAller Vorsicht, die Verkehrsstraßen meidend,
durch menschenleere Wälder und Steppen. hie
ind da schlugen sie kür kurze Ziit ihr Laer
unter freiem Himmel auf, um ihre Pferde zu
süntern und zu tränken und sich selbst, so gut
i8. ging, zu laben; manchmal siand, eine eine
same Judenschenke an ihrem Wege, so daß sie
ohne Gefahr frischen Mundvorrath und Heu
für ihre Thiere einhaudeln tonnten. Nach
janger, mühevoller Wanderung, mehr als ein
Dich von Wolfen jn großen Rudeln verfolgt,
erreichten sie das Gras!aud der Ukraine.

Der Frühling war angebrochen. der Schnee
gesaͤ molsen, die Bäche und Flüsse brauften
dit erneuter Gewall durch die Fiäch·.
Bei dem ersten kleinen Kosackendorf machte
dmeinizti Halt. Als die Bewohner die be⸗
woffnete Schaar sahen, besorgten sie einen
Tiusall der Polen, deren über üthiger Adel
se:ne Raubzüge bis in ihr Gebiet auszudehuen
pflegite. Diee Sturmglocke wurde. geläutet,
Sangen, an denen Strohbüschel befejtigt waren/

angezündet, und dies Feuersignal pflanzte fich
bon Hügel zu Hügel, von Dorf zu Dorf fort.
Es gelang Denelnizki, sich schnell nit den
Grenzbewohnern zu verständigen, während er
huen aber noch seine Luge erklärte und s ine
Schichsale exzählte, sprenglen von allen Seiten
die Kosacken herbei, bald schien ein kleines
deer versammrlt, so gut war dieses küune,
freie Volkl, das die Treulosigkeit serner Nach⸗
daren kannte, gegen Ueberiall ge.üstet.
Humeluizki derlangte zu ihrem Hetman ge⸗
führt zu werdn.
Wir haben nur im Krieg ein Obe hauph,“
erwiderte ein alter Kosack, „im Frieden leden
wvir auf freiem Bouen als ihm Gleiche mit
GBleschen. Um Recht zu jpreqgen nach den
alten Bräuchen, wädlen wir von Jahr zu
Jar. jede Gerneinde für sich. einen Auuman
und Geschworene. Anßer dieser Ourigkeit, der
sich jeder gerne fügt, wel ar sie selbst auf⸗
gestellt hat, kennen wir Keine, als Goit im
Him:nel· .
MNun, so gel itet mich zu dem Manne,
der utzter Euch daz meiste Ausehen genießt,“
sagte Dmelniztiz..
„Dies isi Nawalejto,“ ein Ataman, der
uns vor fünfzig Jahren angeführt hat gegen
die Polen.“ antwortete der Alte, „er ist zwar
nun kin Greis, mit dem man wenig unter⸗
nehmen kann, aber sein Kopf ist noch hell und
alles Volt gibt auf sein Urihel.
Wohnt er weit von bier 78 fragte
Hmeluizti, ..
Zoel Tagereifen, in einem Orte. den
man den Fuchstezg. nennt.“, entgegnete der
alte Kosack. AV — —
Gui, ich will zu m,“ enischied Dmel·
niztt. S r — 3*
—A jeinen Vegieitern nur
turze Rast und brach noh denjelben Abend
auf. Er, der noch vor Ruczem in den Vor⸗
zimmern der Gerichtshödje ge. uldig. die Kage
iu der Hand, geharrt hatte, der vor j. deu
Schritie der Gewalt wie vor einer dä nonishen
Versuung zurüch uscht den ichien, war jezt
gaoz Kraft, ganz. That.
Ais er den Fuwsberg erreichte, nahm er
sich nicht einmal Zeit, den Staub von seinen
Kleidern zu jchüttein. sondern deeilte sich, den
greisen Ataman jofort aufzusuchen. Man führte
        <pb n="172" />
        iha in eine gediße, aus Weideuruthen gefloch
tene mit Stroh gededte Hütte, welche ein
einziges weites Gelaß bildele, in dem Men—
schen und Thiere friedlich zusammen wohnten.
In einem Naum, welcher durch ein paar
Pfühle und Stangen abgethbeilt war, stauden
die Pierde, das Vieh des Kosacken, auf den
Stangen saßen seine Hühner. er' selbst hatte
mit den Seinen um den Heerd' Platz genom ⸗
men, auf dem ein offenes Feuer drannte, und
der Greis, seine Söhne, kräftige Männer.
ibre jungen. hünschen Weiber und seine roth⸗
wangigen, weißköpftgen Entel, dlle zusantmen
berzehrten iht Abendessen, descheiden und fröhlich.
aͤchte Hirten.

Als der alte Krieger den fremden Mann

im prächtigen Waffenschmuck eintreten sah,
erhob er ach und entbtößte für einen Augene
blid sein Haupt.
„Ich suche Euere Gastfreundschaft und
Eüre Hülfe“ begann Hmelnizki, „ich habe in
Polen gegen schweres Unrecht und Gewiltthat
vergebens Gerechtigkeit gesucht, so komme ich
denn zu Dir Rund Deinem Volle und vitte
Euch mich aufzunehmen als einen Verfolgten,
einen Heinathlosen ·. —
Der Greis begrüßte den Fremden mit
Brod und Salz nach uralter stavischer Sitte
und lud ihn dan ein, Ptatz zu nehmen. Wir
nehmen dich gafstlich auf, von ganzem Herzen,
wie es unsre Pflict ist,“ fuhr er fort, „aber
sage uns nun, was Dich so schwer getröffen,
damit wir urtheilrn können, ob Dir zu bel⸗
hen ist.“

Nach und nach halte sich die Hütte Na⸗
walejko's mit anderen Kosacken gefüllt, welche
den Ataman im Halbtreis umstanden, —und
Alle lauschten jeht mit der naiven Theilnahme
urwüchsiger Naturmenschen der Erzahlung
Hmeluizkis, und wie sich das unverschuldete
Schicksal des Gaftes in derselben immer fin⸗
sterer und trauriger gestattete, wie er die
Tytannei des Adels, die Herrschaft der Ge⸗
walt, die Gesetzlosiakeit in seinem Vaterlande
mit breunenden Farben schilderte; da beglei⸗
teten die freien stolzen“ Männer seine Worte
mit Ausrufen der E pörung, mit Flächen
auf die verhaßten Polen, und als Hmelnizki

zulezt in den rützreudsten Ausdrücken um ihren
Schutz, um ihre Hülfe bat, da riefen sie
einstimmig, sie wollten ihm zu seinem Rechte
helfen, die Schuldigen bestrasen, mit ihm in
den Krieg ziehen gegen Polen.

„Bedenkt es wohl,“ unterbrach der greise
Ataman die allgemeine Wuth und Bereisterung,
„bedenkt es, ehe ihr handelt, laßt Euch nicht
hinreißen. Keiner unter Euch haßt Poten, wie
ich es haffe, war ich es nicht, der unser Volk
zum Aufstaude führte vor fünfzig Jahren?
Aber wir sind nicht stark genug, wir müssen
schlißlich unterliegen, wie wir damals unter⸗
lagen ·“·

„Erlaubt, daß ich Euch widerspreche,“
rief Hmelnizki, „damais ist nicht jeßt. die
Zeiten haben sich sehr verändert, Polen ist
heute eine wurmstichige Fruht, bereit dem in
den Schooß zu fallen, welcher den Muth
hat, zuerst die Hand nach ihr auszustrecken.
Warum sollt Ihr das nicht sein? Ich kenne
die Republik und ich kenne die Kosacken. Dort
ist die Herrschaft des Adels, hier die Gleich⸗
heit, dort die Tyrannei,“ hier die Freiheit,
dort die Geietzlosigkeit und die schlimmste,
lähmendste Parteiung, hier die Gerechtigkeit
und Einigkett. Sobald Ihr zu den Waffen
greift, werden sich die Unterdrückten, die Bauern,
die man wißhandelt, die Andersgläubigen, deuen
man ihre Riatigion, die Kleinrissen, denen
man ihre Sprache und damit ithre Seele
nehmen will. erheben und zu Eurer Fahne
schaaren. Und hat dies übermüthige Polen
nur einen Freund außerhalb jeiner Grenzen?
Ich sehe eine Schaar von Feinden, die
Schweden, die Ungarn, die Russen, die Türken
und Tartaren sind bereit, auf das erste Sig⸗
nal den Kanpf von Neuem zu b ginnen,
Wir werden Verbündete finden ohne sie zu
suchen.“

„Ihr braucht nur einen Wegweiser, der

Polens Schwächen kennt und ?*Euch dorthin
führt, wo Ihr es tödilich treffen könnt, hier
habt Ihr ihn. Ich führe Euch. Ich gebe
meinen Kopf zum Pfande für den Sieg.
Das Ende Polensist gekommen,
ssdald Iht wollt.“— — —
Gortsetzung folgt.) *

Hed and Verlag don F. X. De ac z in St. Iughert. 3
        <pb n="173" />
        1755
———
7 —
luterhaltungsblatt

—

3 *83
7 — * *
D F * 7
47
—
vel
21 zum we
St Ingberter Auzeiger.
Dienstag, den LI. Auril

151.
Hmelnizki, der Kosack.
Novelle von Sache r Masoqh.
— sWBS» *

poluischen. und russischen Stammes um die
Derrjchaft in der großen avischen Wekt det
Ostenss..
d
(dortsetzunge)“
Hmelnizki durcheilte hierauf⸗ von feinem
Sohn und einigen ˖ der driegslustigen Kofacken
—
freien Reitervolkes, in jeden: Dorfein jeder
ringeli stehendet Hütte zum Kampfe, zum Ver⸗
—— gegen Polen entflammend und
a gelang ihm' endlich? das ganze großßze Voll
mitzureißen

In einet Versammtung“ von mehr! vls
wangigtausend kreien Manuern wurde“ der
Zug degen das aristokratische, Recht und Un-
abhängigkeit mit Füßen tretende Polen be⸗
schiossen und Bagdan Hmelnizki zum Hetman,
zum Anführer dieses Krieges gewählt. *

Atler Orten wurden gerüstet, mit einer
Eile und Kraft, welche gegen die schwer⸗
fallige Wehrverfasfung des eut opäischen Westent
nicht weniger glänzend abftach, als die demo⸗
kratische socialiftische Verfassung des Kosacen⸗
volkes gegen die Adelsftaaten desselben.
Sodald die Tartaren; von dem beabfich⸗
tigten Zuge erfuhren, boten sie den Kosacken
Vündniß und Beistand an. Hmelnizki en pfing
ihre Senddoten und nahm die Hülfe nur
unter der Bedingung än, daß auch sie fich
unbedingt seinem Befehle unterordnen müßten.
—A

Im Frühjohre 1648 in demseiben dertk
würdigen Jahre, in welcem der große deutiche
Krieg sein Ende' naͤhm,“ begalin der Kampf
der Kosaden gegen, Polen, datß KRingen der

Hmelnizti kündigte im Namen der Ko⸗

sacken der * Republik den Gehorsam und
Tribut und überschrut zugleich“ mit einen
Heere von mehr als hunderttausend Mann
die Grenze.
Der ersteEindruͤck dieser Ereignifse im
soniglichen Schlosse zu Krakau,“ sowie in dee
zanzen Republik, war, wie es Hminizki vor⸗
hergesehen, ein iͤhmender, vernichtender, aber
nau raffte sg auf, der stark gesunkene krie⸗
serische Geif der Ration wurde e durch poln
uͤsche und religiöse' Mistel angesacht, ein
stattliches Heer aufgestellt und den Rebeben“
entgegen gesendet. J F

Vei Zottewody — bel den gelben Wos⸗
sern — trafen sich die Gegenet und nach
einigen unbedeurenden Plaͤndeleiczu Fellteu sich
beide Heere zur Schlcht. I

Huelnizii vergaß keinen Augenblick, daß
es den Kosacken votiändig an Geschütz fehlte:
es galt also für ihn, seine Reuerhaufen dem
Fener der Polen so wenig als möbglich aus⸗
usetzen und ich im ersten Anprall durch eine
——— der poluischen Artilletle zu
bemächtigen.
Unm dies zu erleichtern, stellte er die Tar⸗
taren, an deren Feigheit er leinen Augenblick
zweifelte, in die Mute und übertrug ihnen,
jur arößten Unzufriedenheit der Kosachn die
Fhre des ersten Augriffes. Er war gewiß,
daß sie auf die erste Decharge der feindl. chen
Kansicin dis Flucht ergreifen und die Polen
heren, Feuer r Angtm und Pranhtel dun Ge⸗
        <pb n="174" />
        dorsam ihm ebenfalls abekannt waren, in der
Hitze der Verfolgung nnreißen nud auf viese
Igrise zwischens seine 4 beiden Flün bbringen⸗
wuirden, welche von den verläklichen Kosacken
ebeldet waren.

Die Polen hatten in der Mitte ihr Ge
schütz auf einem flaben, niederen Hügel, vor
demselhen und zu beiden Seiten ihr Fußvolt,
auf den Flügeln ihre Reiterei;

In den Augenblicke, wo die Polen auf
der hanzen Linie dvorzurüden begaunin. gab
Hmelnizti, nachdew er mit entblößtem Haupte
tin lurzes Gebet gesprochen, das Zeichen zum
Angrifft.
Die Kofaden gingen in kurzem Trabe vor,
bie Tariaren im Galopp, der bald zu einem
wilden Jagen wurde, so sliesen sie auf daz
polnische Fußvolt, dasselbe zugleich mit einem
Dagel von vergifteten Pfrilen überschüttend.
Die Polen wichen zurück, theilten ihre
XX

Die Wirkung war ungeheuer.
Hunderte von Pferden uud Rertern wurden
pon den Kettenlugeln zu Boden geschmetter,
in Aeul wendeten sch, die Tartoren rahch
nand Uberstürzt wie sie angelprengt waren,
zur, Flucht, das Schlochtjeld weithin mil
Tadlen und Verwundeten ihres Polles be⸗
dedend.

—* der Verwirrung, die unter
ihnen einrißz, waren die Reitergeschwader des
p.linscherz Adelt nicht mehr zu hatten und
an —8 cher Flrͤgel. anzugreifen, warfen
e sid in reterlioen Unñͤgestüm von berden
Seyten auf. dics Tartaren und jolgten ihncn,
die Fliehenden mit ihren Lapzen niederstoßend,
in dig“ Mitte der feindlichen Aufstellung
—288 dußvolt und die Geschühe zu⸗
r 5 J F *58
. Von ein düshe nden Auprali, ber Flucht
and Verfolgung von mindestens 60,000 Rei⸗
—D der Sraub
— und hüllte das Schlachtfeld einige

ji in liefe, undurchdringliche graue Wolken.
Dies war die Wendung, die Hmelnizki
vorausgese hen hatte.
Waährend die Polen sich Sieger gläubten,
jagten die“ Kosucken, von den Staubwolten
berborgen, von Niemand aufgehalten auf beiden
Flügeln vorwäris und sclen dnerwariet mif

J

haulenn, vieltanseudssimmigemn Durrah in Flau⸗
den und Rücken der Polen Von rechts führte
VBagdan Hmelnizti von ligks sein Sohn Jan
die ersten Sotnien der Kosaclen auf die pol⸗
nischen Gesd.ütze, welche, im Rücken gefaßt,
nicht mehr seuern lonnten und im Augenblick
genommen waren.
Dami war die Ueberlegenheit der Polen
t gebrochen und, pon seiner Artilerie nicht mehr
unterstützt, wurde das polnische Fußbolk. von
allen Seiten umzingelt und angegriffen, nach
hartnäctigem Widerstande theils zusammenge-
hauen, theils gesangen genommen.

Die Tartaren hatten fich indeß außer dem
Bereiche der Geschüte? theilweise —wieder ge⸗
sammelt und den polnischen Reitern entgegen ⸗
geworfen, der Kampf war hier ein echtes
Reitergefecht, Mann gegen Mann mit der
Pite und dem frummen Sabel..

Die Polen drangen zwar vor, aber sie
waren mian im Stande, den Feind vom
Sdh lachtselde zu treiben.

Die Tartaren beschästigten die dolnische
Reiterei, bis die Geschüßze der Polen genom⸗
men und. ihr Fußvolf vernichten war. Damit
hatten sie die jhnen von Hwelnizti zugedachie
Auf · abe glaͤnzend. ersüulli. Schon damegi die
kolacen idnen zu dije. 33*

Jan Hmelniztie sprengte seinen Nentern
voran, von dem wüthendsten Durst nach Rache
jortgerissen, er hoffte dem Starosten bon
Tschehrmin im. Kampfe zu begeguen und in
einem Blute für die Schmach, die er erlitten,
Gzenugthuung zu finden. *

So gerieth er mitten unter die polnischen
Ulanen und sank, troß tapferister Geg nwehr,
don mehreren Lanzen zugleich getroffen, vom
Pferde, über ihn brauste der Sturm seiner
Reiter, die Schlacht war entschieden.
Die Tartaren vor sich, die Kosacken im
Rücken, kamen die polnischen Reiter zum
Stehen. Es folgte ein wüthendes Handge-
menge, eine nutzlose Schlächterei, welche mit
der Flucht der Polen endete. Die Reihen
es stolzen Adels löosten sich vollständig auf,
iin Jeder suchte ich, so gut es ging, zu
reilen.

Tausende flelen im Kampfe, Tausende auf

Flucht. *

Hurtlnizt derjolgke die Trümmer den pol⸗
        <pb n="175" />
        vann drehte er seinen Schnurrbart, hob die
Tafel auf und zog sich mit dem Prin as und
den Würdenträgern in? sein Cabinet, zurück.
.Die Nachricht verbreiteten sich rasch im
janzen Lande. Anfangs glaubte man sie nicht,
vie fwunten auch die Polen von den verhaßten
Rosacken. regulare Tyuppen und eine wohl⸗
zerüstete, in den Waffen geübte Ritterschaft
pon „Bauern“ geschlagen werden. Es war
nicht miðbglich. 7. 4
Ais man aber das Unmögliche endlich
zoch für wahr balten mußte, gab man der
chlechten Führung die Sculd, und endlich,
dieß es, wie jedesmal, wenn Polen ein Un⸗
zlüd traf · es war Verrath im Spiele.
Der Hof und der Adelerüsteten eifrig,
am die Scharte auszuwezen. Bald fland ein
neues Heer unter den Waffen und konnte den
Mebellen“ entgegengeschidt werhen
Jadeß hatte auch Hinelnizlir den Waffen-
rtillftaud trefflich benuzt, bedeutende · Verstar⸗
Rigen aus der Heimaih an sich gerogen und
durch ftreifende Kosackenhaufen das Land
tingsum insurgirt. Das seit Jahrhunderten
nikhandelte Landvolke erhob sich, Sensen und
Dreschflegel wurden zu Woff n, vom Duieper
vits zu denm? Karpaten toderten; die Schlöffer
and Höfe ves polnischene Adels in Flammen
auf, wurden die Unterdrücder vertrieben oder
zetödtet; nicht selieir die erduldeien Graufam⸗
eiten zurüchz geben
Das polnische Heer, auf seinem Marsche
pon den kleinrussischen Vau⸗ru deunruhigt,
lam gesch vächt und entmuthigt bei Korsun
an. wo es, von Hmelnizki angegriffen, eine
Rieederlage ertitt. Auch dies nal artete der
Xückzug bald in Flucht aus, doch gelang es den
polnischen Generalen, einen großen Theil ihrer
Truppen zu retten und wieder zu sammeln.
Der neuo Schlag wecte endtich die Re⸗
pub lit volständig aus ihrer Apathie. Für den
Nonig Wiadislaus IV, soß im Schicsse Augendlick swien. jede Partenmg,jede Un⸗
zu ralau mit den vornehmsten Magnaten einigkert d. tswunden, ter Noum. die Vas⸗
ber Republik und den ersten Scöndenten de naten, die Kirchenfürsten, der niedere Adil,
an sardn n Frauen zu allen Zeiten so reicen“ die Stadte wetteiferten Soldaten zu wer den
Polens, bei rürtischer Veusik an der üppigsten. und auszurüsten, Jung und? Alt griffzu
Tofel, als die Unglüdsbotschast don Zouchory, den Waffen. J
naj. Hmulnizl halte Bej Pilawze Ain. Lager
Der Adnig blieb einen Augenblick starr, ⸗ aufgeschlagen, und mit leichten Erdwerken
        <pb n="176" />
        berschangt; hier⸗ exwartete er ruhlg den feind⸗

lichen Angrifft 4re
Asnig Wiadislaus IV. begab sich diesmal
auch zu seinem Heere, aber nur, um dasselbe

Redbue passiren zu lassen. Als er sich von
dem ausgezeichnelen Zustande der Truppen
und der Kampfluft des Adels übetzeugt hatte.
drehte er selbst zufrieden seinen Schnurrdart
und kehrte beruhigt nach Krakau zurück. qa
er schien bald jede Gefahr vergessen zu haben,
felerte wie soͤnft seine d Feste, huldigteden
Schonen und ritt auf die Jagh

Auf der Jagd zu Merccze den 20. Mal

1848. beim Klange! der Fanfaren und
dem fröhlichen Gebell der Hunde; wurde ein Bote
gemeldet. der Nuchricht von der Armee bruchte.

Was gibt es Efragtender Ktonig, jeinen
Scdnutrbari jtreichend, Victoria d

Der Bote wurdenvorgeführten bleich, in
zerifjenen Kleidern min Staub bededt.

Nun, hahen wir gesiert N rief ihm der
Ronig zu, rede, was redest du nicht d

. AIst ein Unglück geschehen y fragten die
Hofleute änaftlich· —

c,Wir sind geschlagen,“ stammelte der Bote.

Geschlagen ?* murmelte der Könige »4
Bernichtet, in offe ner Schlucht bei Pilawze,
es gibt lein poinijes Heer mehr.) erwiderie

der Bote. 3

Der Konig erhob die Hand, um sich den

Schmurrbart zu sircichen, aber: es gelang ihm
nicht mehr —

Er sank um, Sanguschlo eilte ihm gzu
Huufe, man rief einen Arzt, aber Alles lam
vu spät.. *

Dies ist das Strafgericht Gottes,e
seufzter der König. Es waren seine legten

Worte 7 344—. (Schlußß folgt
3 —421
General Ignaz Schuhmacher.
hallberger's illustrirte Zeitung Vom
Zriesschanß aßg⸗ brachte in Nro 497 das
Porirait des Generals Ignaz Schulmacher
Gerzeit in Augsburgj und daju folgenden
läuteruden Text:? Die Bayern haben den
ruͤhmreichen Feldzug so glänzend bei Weissen⸗
burg und Worth eröffnet, daß die kühusten

Frwartungen sich sertan eaus ihre Fahne
duüpiten, und ihre Heldenthalen bei Sedan,⸗
Paris und an der Loire zeigten, daß nicht
das Glück es war, das ihnen einen momen⸗
zanen Erfolg in den Schooß warf, sondern
die Tapferleit und Tüchtigkeit des Heeres, die
alänzende Leitung ihrer Feldherren, welche
sie von Sieg zu Sieg führrte. Die Tage
por Orleans vor allen“ Der 11.. October,
wie der 2. Dezencber werden zu den herrliche
sten⸗Blättern der bayerischen Kriegsgeschichte,
wie der deutschen Geschichte gezählt werden.
Der Sieg' von Orleans am 12. Oktober,
jener furchtbare Nachtlampf, nennt uns vor⸗
züglich einen Namen; der im bayerifchen Here
und Voll einen hohen Klang gefunden hat 18
denFührer! der ˖ zweiten Division, General
Ignaz Schuhmaqcher; dem mit seinen Tyuppeu!
der erste Lorbeer ves ruhmreich n Tages ge⸗
rührt. Schuhmacher ift 1805. in Amberg als
der Sohn eines höhnren milinarischen Verwal⸗
nungsbeamten geboren und erhielt jeine militä⸗
cische Ausdildung ai C bayerischen· Cadeneno
Torps zu München, aus dem ir im Jahre
1827 ais Lieutenant in die Armee trat. Erst im
Jahre 1840 ward er Oberlieutenaut und zues
gieich Regimemt⸗Adjutant im 8. Infanterie Re⸗
giment, 1847 Hauptmann, 1885 Maior und
Bataillons Conimandant, 1859 Oberst und
Tommandant des 14. Ipnfanterie Regiments.
Beim Ausbruch det Feldzuges von 1866
vurde er zuu⸗ Geueralmajor und Coamane
dauten der Z.n Infanterie Brigade befördert,
vefehligte bei Beginn der gegenwärtigen Cam—
pagne die 2. Vivision und führte dieselbe dei
Scdan und Orleans, wie bereits gesagt, zu
—I——
Fommenthurkr uß des Militärverdienstordens
mið zeichnete.“Schon früher hatten baye rische
und qeisische Orden seine Brust geschmückt.
Der „große Kaupf sür Deutschlands Ehre“
perlangie leider eines der größten Opfer von
Schumacher. Sein einziger Sohn, der als
Dberlieutenant beim zweiten bhoyerischen Corps
stand/ fand bei der Erstürmung Weißenburgs
ben Heldentod. Bahern:hat darum doppelten
Brund, den Namen des tapferen Heerführers
für alle Zeiten hoch zu halienn
4 Deuck An Mernlag von J. X. Deme 8. is Gi. Imabert.
        <pb n="177" />
        Anterhaltungsblatt

MV
St.: Ingberter Anzeiger.
&amp;r· 48.

Donnerstag, den 18. Avril

⸗

28*
1871.

Hmelnizki, der Kosack.
Novelle von Sacher Masoch.

klerie langsamn dem Orte, während er die
edrigen weit ausschwärmen und einen rie⸗
figen Kreis um die Feste bilden ließ der fich
rasch und immer enger um dieselbe zusammen⸗
jog. Als die Kosackenvon Nord und Süd,
hon Ost und West zugleich unter den Mauern
»on Tichehrin erschienen, begrüßte sie die Be⸗
jatzung mit Geschüßkugeln,“ aber Hmelnizki
zog seine Truppen adußer Schußweite und
zegnügte sich für den Augenblick mit der
pollständigen Einschließung der Stadt. —

In der Nacht begannen die Kosaceen unter
der persönlichen Lenung ihres Hetinans auf
der Nordseite eine Batterie zu bauen, welche
durch die gemeinsamen Anstrengungen von
3000 Mann dis zum Morgen fertig war.
Ehe die Belagerten noch inne wurden, was
ꝛg galt, waren die Kanonen schon aufgestellt
und begannen ihr Feuer, welches von den
Polen lebhaft erwidert wurde. Ihre Kugeln
odteten deu Kosacken viele Leute, beschädigten
die Werle und demontirten zwei Geschütze.
aber dis zum Abende zeigte der niedere dünne
Wall von Tschehriu bereits eine weit klaffende
Lücke.

Um dem Angriff der Gegner zuvorzulom⸗
men und wonbrlich ihre Belagerungsarbeiten
zu zeistören, wiachten die Polen in der fol⸗
Jeuden Racht einen Ausfal. welcher jedoch
abgeschlagen wurde. Die Kosacken jehzten hier⸗
—IXI dle
w.nigen Gesaitze des Starosten zum Schwel⸗
gen und hatten dis zum Abend vouftaudig
Bresche geschoffen.
Unter dem Schutze der Tunlelheil befahl
Hmelnizti den Siuennn.

— —
Echluß.) I

Es gab kein polnisches Heer mehr; was
von den po nischen Truppen, den berittenen
Tavalieren übreg gebleehen war, warf sich in
die defestigten Schiösser und Siädte und fuchte
sich in denselben zu dertheidigen. Die Ko⸗
jacken draugen in Galizien, bis Zamosc vor,
weithin war Polen nur eine Vranditätte, ein
Leichenfeld. FP

Erst jetzt, wo der Sieg des freien Volkes,
das er führte, ein vollstäudiger war, dachte
Hmelnizti an seine Angelegeuhr it. Späher,
welche er nach allen Seiten a -csandte, vrach⸗
ten die verläßliche Mittheilung, daß der
Staroste von Tschehrin sich aus der blutigen
Nederlage von Pilawze gerettet und mit dem
freulosen Weibe des Hetmans nach dem festen
TiAehrin tg flüchtet hatte.

Sofortetwaf Hmetnizti seine Austalten,
nicht zur Rache, sondern zu furchtbatem
Gericht.

Während das Heer der Kosachen und
Tartaren bei Zamoec ein Lager aufschlug und
sich in demselben versauanzte, dous hier aus
feine schuellen Rester nach allen Weltgegenden
zu Ueberfall und P.ünderung aussendeud,
jog Hmein zti selist mit zehnzausend Kofaclen
und zwanz g der poluischen Gejchitzz, welche
er ero ert und seiun Leute bedicken gelehrt
hatte, auf Tschehrin. Damit die Schuldigen
din ja uicht euriunen fönnten, näherte et
Ach mit der Häljte seiner Leute und der Ar⸗

——
        <pb n="178" />
        botene Geldsunnmne und dann gab Hmelnizk
sofort der Befehl zum Abzug.

Er stieg zu Pferde, dann ließ er nach
Ro'ackensitte seine Gefangenen zusammengekop⸗
pelt an den Schweif seines Pferdes binden
und verließ den Schauplatz seiner gerechten
Rache in der Mitte seines kleinen Heeres.

Es war ein seltsamer Zug, die kleinen
seurigen Pferde der Ukraine froͤhlich wiehernd
and schnaubend, die kriegerisch gewaffneten
Zosacken, ihre herrlichen Freiheitstieder sin⸗
zend, in ihrer Mitte der strenge, kraurige
Mann im schlichten Bauernrock auf einfachem
Sattel. hinter sich din stolzen Despoten und
das schoͤne reulose Weib in sammtenen mit
dem kostbarsten Pelzwerk besezten Gewändern,
barhaupt, gefefselt, an Stricken nachschleifend.
So kehrte Hmelnizt; nach Zamosc zurück.

Sein tapferet Volk begrüßte ihn mit ju⸗
belndem Zuruf, er ritt ernst und still im
Lager ein und zog sich in sein Zelt zurück.

AUm nächften Tage wurde in der Mitte
der wandernden Kosackenstadt ein freier Raum
sür das Gericht abgesteckht, das unter fretem
hpimmel., Goit zum Zeugen,“ wic es im Koe
sackenrechte heißt, von den besten Männern
eines freien Voltes über adelige Willkür ab⸗
zehalten werden sollle.

Aus der Wahl des ganzen Heeres waren
zwölf Geschworene hervorgegangen, alte, in
ben Rechten und Branchen erfahrene Leute
Sie nahmen einen erhohten Plaßz ein. Die
Angektegten sta den zur Linken, der Kläger
Dmeltnizkt zur Rechten, den Geschworenen ge-
geuüber die Zeugen. An den Schranken
stand n die Kosacken, bei sechzigztauseuns, ge⸗
spannt den Spruch zu hören, unaufhörliches
GBemurmel ging durch diese Menfcheuwogen.
Der Hiumel war von Wolken umzogen, als
der Aolteste der Gefchworenen Hmelnizkiaul⸗
horderte, seine Sache vorzutragen.
VDer Hetman that es einfach, mit schmucke
losen Worten, aber mib der ganzen natürlichen

Beredsamkeit seines Volksstammes in Ton

Hierauf wurden der Staroste und Lidwina and Ausdauir, er ließ die Thatsachen, die
abgesuͤhrt und auf Vefehl des Heumans au Wadhrfteit für fich prechen, und dieß Sprache
die Stangen seines Zeltes angekeitt. ergriff die Herzen und Gewiffen der Zuhbrer
Am solgenden Tage zahlte die Bürgers s hestig, daß Krieger wit grauem Haare, die
schaft von Tschehrin die von ihr felbi angen, vehr als zwanzug Schlachten gefochien, umnd

Hmelnizki, der vom Pferde gestiegen war—
warf einen .ka gen, schmerzlichen Blick auf
— D jo ennig
gtlietzt datte. Lidwina warj sich vor ihm nie⸗
der unde flehte weinend um Gnade.

Hier ist nicht von Guade oder Ungvade
die Rede,“ erwiderte Hmeinizkigelaffen, „son
dern von Recht und Unrecht. Nicht ich werde
die Schuldigen richten und ftrafen, LSeind or⸗
dentliches Gericht joll“ in diesen“: Sache ge⸗
halten werden und' zweschen Euch und: mi⸗
entideidene“
        <pb n="179" />
        cbensoviel Narben trugen, laut zu weinen
degannen.

Hmelvizti schilderte sein Daheim, sein
Fam lienleben, sein Weib und seinen Sohn,
sein slles, friedliches Glück in Hmelin, dann
den Raub seines Gutes, die Entfühgrung und
Treulosigkeit Lidwina's das Auspeitschen seines
Sohnes, seine fruchtlosen Schritte bei allen
Berichtshöfen Poleus. ja beim Könige selost,
und den Heldented des Entehrten in der
Sa lacht an deu gelben Wassern. —

Um Schlusse bat er um Gerchtigleit und
ürenge Stiafe.

Der Aelteste begann hierauf die Zeugen
EX
Diener Hmelnizki's, welche ihm in die Ukraine
zefolgt waren, theils Leute von der Besazßang
don Tichehrin und dem königlich n Hofe, welche
lich in der Gefangenschalsn der Kolacen be⸗
fauden.
Alile sagten für den Kläger aus und be⸗
schworen ihre Aussageßz.

Als sich der Nelteste an den Starosten
wandte, verweigerte dieser jede Antwort oder
Rechtfert gung, da sank Lidwina in die Knie
and rieß? „Es ist Alles wahr, wir fiud
schuldig, aher lasset Gnade ergehen für
Rcht.“ .

Die Geschworenen beriethen hierauf leise.

Dann erhob sich der Aeiteste und sprach
das UrtheliiIe.

„Die Geschworenen haben das Recht zu⸗
zesprochen dem Bogdan Hwuelniali in Allen
and Jedem.“

Ein jubelnder Beifallsruß der Kosacken
begleitete diesen Spruch.

„Der Staroste von Tschehrin,“ fuhr der
Nelteste sort. „iß somit gehalten, Dir Dein
GButn und Tein Werb zurückzugehen. Für
ihhte Veibrechen sind beide Angeklagte zu
bestrasen mit hundert Veulchenhbieben nud dem
Tode.“

—X
Lidwing hob die Arne hend zu ihrem
atten, Er wendete sich ab. —

Rif dem Ploͤtze. wo das Urtheil gespro
chen uwrden war, sollte dasselbe sofort vell⸗
stredt werden.
Zwei Saant pföhle wurden aufgerichet
und zwei Galgen.

Zuerft wurde der Staroste au den Pfahl
zebunden und geprilscht und dann zum Tode
geführt.

Als er seine Seele ausgehaucht hatte, zog
sich Hmelnizti in sein Zelt zurück.
Wenige Augenblicke päter war der schöne
ceib seines Weibes von den Knuten der sto⸗
iacken zerfleischi.

Noch eine Spanne Zeit und auch sie
hatle ihre Schuld mit dem Tode gebüßt,

Gerechtigkett war geütt.

— —
Nachdem Hmelnizti sein surchtbares Recht
zeworden, hte er eine große Aufgabe, die
Zerstdrung Les polnischen Adelsreiches mit
zcueuter Kraft sort.

Uuf Wndislaus IV. war dessen frommer
Bruder Johann Kasimir gefolgt, er bot dem
iegreichen. Hetman einen günstigen Frieden,
aber dieser nahm ihn nicht an.

Im nächsten Jahre belagerte Hmelnizli
nit 200 000 Mann Zbarasch. Die Polen
hatten ein neues Heer aufgeboten. VBei Zborow
purde eine uneuntschiedene Schlacht geliehert.
Rach derselben nahm der Kosackenführer die
zolnischen Bedingungen an, er gahb die bei
Zoltewody gefangenen polnischen Feldherren
frei und wurde dagegen von Johann Kasimit
als Hetman anerkannt. Im Jahre 1650 er⸗
llärte Hmelnizti fedoch Polen von Reuem den
strieg. Er wurde ansangs von den Polen
dei Berestetschlo und Kopeischinze geschlagen,
überfiel aber kurze Jeit darnach das polnische
Herr ber Batow uad vernichtete es vollständig
Russen, Schweden, Ungarn unter Rakochg
ielen jezt ahwechselnd mit den Kosaden und
Tariaren in Polen ein, das sich allmählich in
ꝛine Wüste verwandelte.

NRach Hmeluiztis Tode sch'oß Polen den
schmag nollen Frieden oon Ol da, welchez
auu nur »iü längerer Waff nstillstand war,
Die kleiurussiichen Vauern etzten idre Auf⸗
kände, die Kosachen ihre Eensalle sort.

Hetman Toꝛoschento erlämpfee die bol
lommene Unabhängigkeit der Kosaceen.

Uunter Sobiesti nahm Polen noch
inen kurzen Aufschwung, dann ging es ung
auihal ijam seinen Eude eutgeger

Diceses Eubde trat nicht nurch die inner⸗
        <pb n="180" />
        Spaltungen, die Uneinigkeit ein, auch nicht
durch die Adelsherrschaft, die Mißhandlung
der Bauern und Dissidenten, alle diese Er⸗
scheinungen finden sich zu jener Zeit genau so
in den anderen Ländern Kuropas.

Polen ging an der Unterdrückung der
Qleinrussen in der Ukraine und in Galizien
zu Grunde, an der Gegenwehr dieses unvder⸗
wüstlichen, reich begabten Volkes, welche bald
zum Angriffe,“ zum Racentan pfe wurde. an
den Aufständen der kleinrusfischen Bauern
und dem großen hunderüjährigen Kosacken⸗
krieg⸗.

Die stärkere Race flegte über die schwächere,
die Demokratie über den Feudalismus.

Aber die Früchte der Saat, welche Bog⸗
ban Hmeluizti der Kosack, der Racher des
Unrechtes und der Freiheit ausgestreut, fielen
nicht der Republik am Don uund Daieper,
sondern Katharina II. in den Schooß.

Noch einmal erhob unter ihrer Regierung
Pugatjchew, auch ein Kosack, das Banner der
Freihei:, aber er wurde besiegt und von der
Despotin gleich einem wilden Thiere in einen
Zafig gesperriu.
Eirst in unseren Tagen ist der Geist
Hmelnizts und Pugatschew's in Reßland
Fieder erwacht und hat eine ebenso großartigt
ie friedliche Revolut ion vollzojꝛen.

4
Zu anuigsaltiges.

Aus dem Lande der Freiheit, Amerika,
kommt Kunde von einem Testamente, wie es
die Welt wohl noch nie gefehen hat. Hr. Sol.
Sanborn aus Medford im Staate Massal
czusetis hat s iven Leichnam den Professoren
Agassiz und Oliver Wendell Holmes von der
Haward Universitit verma tht, mit dem Ere
suchen, „denslben in det wissenschasilichsten
und geschicktesten Weise, die derꝰ anatomschen
Zunsi hetunnt eist.zu p äpariren uad im
Anaioischen Museum gena nater Auftalt aus
zust len. Aus serner Haut jedoch jolleu zwei
Tommeifelle gemacht und seinem „angesehenen
Freuude und patriotischen Mindür er Warran
Simpfon, Tambour aus Codasset,“ unter det

Bedingung geschenkt werden, daß er am Fuste
des Denkmales auf Bunker's Hill „bei Son⸗
nenaufgang am 17. Juni jedes Jahres auf
vesagten Trommelfellen die Nationalhymne
.Yantee Doodle“ trommelt oder Trommeln
saßt.“ Ueberdies soll auf eines der Trommel⸗
felle, „Papio Universal Prayer,“ auf das
andere „die Erklärung der Unabhängigkeit“
aufgezreichnet werden, „wie sie im Gehirusihres
glorreichen Urhebers Thomas Jeff rson entst and.
Diejenigen Körpertheile, welche zu anatomischen
Zwecken nicht zu verwenden sind, sollen —
um die eigenen Worte Herrn Sanborn's zu
gebrauchen — „als Duugmittel verwendet
werden, um das Wachsthum einer amerikani⸗
schen Ulme zu nähren, welche auf irgend
einer Landstraße gepflanzt werden soll, damit
unter dem Schatten ihrer Zweige, dessen Laub-
reichtuum fie meinem Leichname verdanken,
der müde Wandersmann ausruhe und un⸗—
schuldige Kinder sich sptelend ergößen.“ Das
Beste an dieser Geschichte ist, daß sie nicht
zu der Klasse der berühmten amerikanischen
Aneldoten gehört, sondern wahr ist; denn
wie die New⸗ York Times versichert, hat Herr
Sol. Sonborn aus Medford, Massachusetts,
seines Zeichens ein Hutmacher, dieses Testamen!
nicht nur aufgesetzt, sondern beceits amtlich
registriten lassen.
Das Jahr 1871 bietet die seltene Er—
scheinung, daß in demselben 53 Sontage
porkommen: Der erste Tag des Jahres war
bekanntlich ein Sonntag und der letzte Tag
ist ebenfalls ein Sonntag.
Mainz, 5. April. Gestern fuhr unweit
Bingen eine Vocomotwe, auf welcher sich nur
ein Heizer besand, auf den von Wainz
kommenden Personenzug. Mehrere Wagen
wurden stark mitacrnommen und eine Anzahl
von Versonen verlhetzt.
In Straßburg glimmt an zwei
Stellen in dea niedergebrin iten Stadttheile
stagen k nach länger als 6 Monaten das
Feuer in den Schutthaufen noch fort und der
Rauch steigt ununterbrochen daraus anf.
— — — — æ — — 4 * —EE——
Druck und Berlag von FJ. X. Demenß in St. Ingbert. να

a.
        <pb n="181" />
        Anterhaltungsblaft
St Jugberter Anzeigern
æ 1871

—5

*—

“— ———

Koch und Metzgerlehrling.

Zes.hichtliche Skizze von Kart Zarstero w.
—7

Junge, ma st du sagenwas du willst,
aber daß du ein tüchtiger, Gastwirth werden
solltest, wirst du, mir nun und niinmex eiunre
den, Ich habe zu tuun, um uns Alle durch⸗
zubringen. Die Zeiten sind schlecht. Aus den
Schulden lommt man nicht heraus. Wähle dir
ein Handwerk, das dich rediich ernährt. Hast
du Glück in deinem Fache,so danust du
dereinst immer eine Gast virtbschust anfangen,
heißt das. wenn du das Auneiten einstellen
und dich zut Rute jchzen willst. dir auh
geuug Ersahrung uno Weit- und Menschen⸗
enniniß angeeinnet hast, um sedem Gaste zu
Munde zu reden und jedem zu Daut zu
lcent 23 α 3 e 3 7

— · 75 72
daß zuwege; bringen, Joachim? Kannst ja
keine Fliege tod machen, Junge d“

Ein eigenthümlices/ Fener flammtein
dem farften tränmerischen Vlicke des Knaben
anf :“ Da. itrst due Vater. Ich karm⸗ ehr;
piel, wenn's d'rauf ankomnita Du, weißt est

nur nicht.“. — F

, Niöcht's wohl sehen. Joachim, möcht's
wirllich sehen?“ schmunzelte der Gasthofst
desitzer.

Ich sehne mich danach, elwas Tünhtiges

u leisten“ fuhr Joachim hort; „ich verspüre
einen ardentlichen Drang in mir zu allerhaud
ührisen verwegenen Streichen: und habe doch
jier in unsrrur Heinen Vastide keine Gelegen⸗
seit mich ans zu zeichncn. Vater!Ich mo hle?
Ftwas Fein, ohne die langweilige Siufe det
Werdens durcchzumachen. Ich bin weder bös
irtig noch tolltũhna,t aber eo ist mir, als läge
ine Kraft in mir, die ihhr en. Ausbruch were)
angt Und wos Jor auch alles danegen⸗ «iuq
wnerdem /neðgt,i as aiautn · caars daxin, neinen
Zmien: min der An wortenn Napiezuschlagenz
oder einen Huininel no ot zu stechen. Das sind
Handlungen, wenn nichts sonst auf der Welt
Handlung zu nennen iste“

Ja. Joachimldaraus werde ich nicht
klug!“ sagte der Vater, sich mil bedenklich
ruporgezogenen Augenbraunen den Kopf krat⸗—
zend; Handlungen — Handlungen J hm
hun; ich sollte meinen, alles, was man thut,
ind Haudlungen, wenn!s nur vernünftig ist.“

„Wollen nicht darüber streiten, Vater, thue
mir nur das Eine zu lieb', daß du miße dem
aAten Corbino wegen meiner⸗ Annabme alæ
Nheling ein vernünftiges Woch, sPpaiczstete

— — n vv, —D — J —28

h Lor gn ntetwtoi guhnuubiu
anssehender Mantt von uͤgefahr 409. Jahren.
welwer dresfe Wörte zu ein mfünfchnjährigen
Nuaben mit hübschen, off neu. Zügen spfach.
Der Lere hatte das von üppigen Locken
umwollie Hapt auf die Brust geseukt und
sah mit einem nachdenklichen Gesichtsausdrucke
vor sich nieder. Es war, als gäbe sich in den
kindlichen, regelmaͤßigen Zügen ein tzef.iger
ampf zu erkemen.
Ich will's dir mit wenigen Worten sa⸗
gen. wozu ich mich entschlossen habe, liebet
Vuter !“ antwortete er nach längerer Pause,
‚ich werde ein Metzzer!“

„Wie 7 rief der Alte, „ein Matzger,
Foachim⸗der Dil-ein Metzger⸗ke Wie mills du
        <pb n="182" />
        Soll geschehen, Jdachim, verlasse dich
darauf!“ nickte der Gastwirth und damit war
due Gesdräch beendet.

Der alte Corbins, ein rüstiger Scchaziger
und als Schlächtermeister in ganz Bastide
wegen seiner ausgeztichneten Würste berühmt,
gleichzeitig ein intimer Freund dis Vaters
unseres jungen Helden, dem er Überdies die
Fleischpornonen täglich in die Küche lhieferte,
verfehlte nicht, sich auf die Einladung seines
Aunden einzustellen und war augenscheinlich
sehr erfreut darüber, daß er in Joachim einen
neuen Lehrling erhalten sollte. „Es ist gar
kein Zweifel vorhanden.“ bemerkte er in zu⸗
versichtlichem Tone, daß der Junge ein Metzger
wird, wie kem Zweiter auf der Welt. Ich
feh' es ihm an den Uugen an!“

Das war bald gesagt, aber der Vater
unseres Joachim glaubte es und sah den Sohn
freudigen Herzens seinen Weg in das Schlachtt⸗
haus des Meisters Corbino nehmen.

Nachdem er hier zur Prove seines Ta⸗
lentes einem alten verlebten Zi geubock den
Garaus gemacht hatte, wurde er vom Mteister
Fotbino als der edlen Fleischerzunft würdig
erachtet und als jüngster Lehrling damit be⸗
anfträgt; den Kunden des Meisters das Fleisch
in die Haäuser: zu dragen.Diese prosansche
Beschäftinunge warf den ersten Schatten in
sein Gemüth.! Mehr aber noch verdroß es
ihm daß man ihn beim Schlachten des Viehes
unn als theilnahmlosen Zuschauer.“ fuugiren
leß uad es dedurfte der ganzen Unterredungs⸗
dunft des alten Meisters um ihn degreiflich
inden zu lassen, daß daq eigentliche Todi⸗
jchlaßen und Erstechen derGehellen zusie he,
die sich schwerlich wiß eine Breinträchtigung
ihres Rechtes einverstanden erklären würden.
Mite Sehnmsucht;: sah er dem Ablaufe seiner
Lehr zeit entgegen. Dahin sollte es jedoch nicht
kommen. Eines Tages nämlich sagte der
Beister gu uͤhm: if

„Joachim,s in der Familie des Herzogs
vdn Cambaerres gibl's überm orgen eine Hoch⸗
zeit. Ich hade die 2. di richiedenen Braten: zu
fiefern und Seiit ist jedenfalls nicht zu ver⸗
lieren. Fangen wir daher noch heue an. Rimm
diese beiden Kalbsbraten vad trage sie in das
herzogliche Palaiss.

Murtend lud Joachim den Fleischlorb auf

die Schulter und versügte sich schweigend in
die herzogliche Wohnung.

Der Koch, ein grimmiger Küchentyrann,
der Schrecken aller Küchenjungen und Lie⸗
feranten, stand, ein großes Messer wizend,
am Kochherde und warf dem eintretenden
Fleischerlehrling einen keinegwegs freundl chen
Blid zu. „Schon drei Tage lang keinen guten
Fetzen? Flisch mehr gelicfert!“? sinhr er den
Erschrockenen an⸗?,ist denn die Pest ig Eure
Küche und Kälber gefahren oder bringt Ihr
untßz etwa Hunde und Katzen in's Haus ? was
ist das nun wieder für fautes Vreh? Sagt
sfurem Mie ster, wenn er nicht weiß, was sich
für eine herzogliche Küche faicht, so soll er
nicht die Lieferung übernebmen, sondern dieselbe
solchen Leuten überlossen, die sich besser darauf
verstehin. Nun 7 was gafft ihr noch lange?
Habt Ihr mich nim verstanden ?

„O. ja! ich hab' Euch sehr gut ver⸗
enden!“ rief der Lihrlieg, „nud ich er⸗
videre Euch. daß Ihr ein unverschämter
Mensch seid, der kein anderes Veignügen
kennt, a's feine Leute zu maltrainren und
dudei Alles in feinen' cigenen Säckel hinein⸗
scharren. Das Fleifch hier uft so vortreiflich,
vie es niur von einem gesunden, frisch ge⸗
chlachteten Kalbe sein kann. Und übrigens,
venn Ihr was von mein m' Meeister wollt,
dann sagt's ihm selber. Ich bin nicht Euer
Bedientet ** 6
Hoho! bas wollen wlr einmal sehen
schrie dar Koch grimmig, ergriff ben einen
dalbsbraten und warf ihn dem Lehring mit
olcher Vehemenz an den Kopf. daß mehre
Blutstrepfen in sein⸗m Geficht anfsp angen
und baid in Thräncit' über die Wangei her⸗
—QX
Zuochens hatte ihm eine erhebliche Wunde
an der Stirn beigebracht.

Einen“ Ausenb.ick stand der Lehrling
hleich, wie in völliger Abwesenheit jedes Ge⸗
dankens, das funkelnde Auge in verzehrender
Wurh auf den brutalen Beherrscher des Herdes
gerichtet. Dann machte er eine Bewegung,
als wolle er auf den Letztern zustützen,“ aber
er sah das funkelnde! Küchenmesser in der
hand des Frechen- und wohl wissend, daß
derselde zu Allem sähig war, zog er es vor
        <pb n="183" />
        sich zurückzuziehen, wobei er jedoch mit er⸗
hobener Stimme vießf:
Geduld! Geduld! wir rechnen eines
Tages mit einander ab!“
„Gum!“ rief der Koch, „ich werde es
abwart u!“
Athentlos traf der Lehrling in det Woh
nung stines Meisters ein, wo er sich wusch
und einen Verband umn die Stirne legte.
Dauavb b'igab er sich zu Corbino, der eben
im Bgriff war, ein Geschäft mit einem Vieh⸗
händler abzufcließen, bei dem Abblick feines
erreaten Lehrlings jedoch sofort mit Geldzählen
innehielt.
„Wags ist dir, Joachim ?“ fragte er.“, Hat
dich Jemand geschlagen J Du siehst nicht
qut aus!“
Meister !“ rief der erbitterte jurge Mann,
„Ihr seht mich heute zum lezten Male. Ich
danke sür das Glück, welches mich dereinst in
Eurem Schlacthause erwartete. Wenn ich
mich soll von Euren Kunden dodtschlagen
lassen, jo kann ich das wontfeiler haben !“
Er entternte ay, ohne dem Meister ein
Lebewohl zuzuruien. Seine geringe Baarschaft
raffte er zusammen und dann schlug er den
Weg nach der Iranzbsisauen Haupisiadt ein!
Wenige. Worte irt dem Komniandeur eines
Fßgarde⸗ Regmenis waren hinreich nd.“ um
ihn sofort in demjethen Aufnahme fluden zu
—IX Gewissenhaftigleit law
er sernen di enstzrchen Oblegenheiten nach: und
erwarbe sich durch megutes Verhalten in
surzer Zeit die Achtung und Liehe seiner
Vorgesetz:en. Nach seiner frühern Beschäitgung
im Hause aes Meisters Corbino bahnte er sich
mit keinem Gedanken mehr zurüclkk!
Die Zeit verging, und es warxine wilde
ftürmische Zeit, die ihre hochgehenden Wogen«
über Könegsthrone und Völlkerglück rollen lich.
Der junge Soldat stand ir seinem 23 Le-
bdensjahre. Er hatte die Revolu jon ais den
ersten jrischen lebenslnästigen Puleschlag einer
neue Arra mit Entzücken begrüßt und wie
alle seine Kammeraden wit dem Volke gewein⸗
schaftliche Sache gemacht. Er datte die Ba-
st:kle schlefenr, das Invalidenhaus plündern
gesehen, und als die Araee auigelöst worden,
hatte er nur eine kuze Minute überlegt und
dann dem Kammaundeur der Rationalgarden,

dafayelte, seine Dienste angeboten. Er war
hrgeizig und hätte seine Träume von Ruhm
uud Glanz gern verwirklicht gesrhen, aber es
eing zu langsam. Wer sich in jenem tollen
virren Strudel, alle andern überschreiend,
nicht vordrängte, blieb u benchtet, und per⸗
zuiche Tapferkeit — militärische Begabung —
varen in jener gewaltigen Zeit der Enttesse⸗
ung aller Elemente allein nicht hinreichend,
um eine sichere und feste Stellung einzu⸗
nehmen.

Höher und höher stieg die Brandung.
Züh e enischloss ne Männer vertrauten stch
dem gäh enden“ Strome an, erreichten den
chmalen Uferpfad und wurden nach kurzer
Zeit in den tosenden Strudel zurückgerissen
uind von ihm verschlungen. Die Dantons,
die Viarats, die Rodeepierr ¶ kamen und
zingen. Sie vermochten den gewaltsam herein⸗
drechenden Ereignissen keinen Tamm enige⸗
jen zustellen. Sie wurden von der Menge der
Schatten, welche sie heraufbeschwören hatten,
erdrüdt. Salließlich verwirrte der Nabel,
vel cher ũ ber dem entsezlichen Blutmeere schwebte,
die kiarften und b sonnensten Köpfe und das
zau· rie so lange, bis die gewaltigen Flünel⸗
cdlage des korsischen Adlers den Nedel zer⸗
heitten“ und einen Stern sichtdat werden
neßen, der wenigstens eine destimmte ctung
ande niete, jene Kichtung, welche die Weltereige
nisse von jezt ab nehmen nürden

Um dieser Sitern 7es war nichts andercs
als das Genie' Nipoltons? weldes das lau⸗
nische Glück an seine Strahl n fesselte, welches
nit nnerbittlicher Jaukermacht Völler Länder⸗
und Throne in seinen Bann zog. Von Sieg
zir Sieg schreitend, übersprang der kühne!
kroberer? eine' Staffel des Glücksnach der
indern, unaufhaltiam,“ über zertrümmerte Var
aste. berwüftete Flur⸗en, eing äscherie Siadte
und Torfer, siber Blut und Leichen ohne
inen einzigen Blick nach rechts oder links.
Und sein GSenie licß beuchtende Stiablen zu⸗
ück für die verwandien Geister, die seinet
Spuren folgten, ihr eigenes Giück und Wohl
und Wehe mit dem seinen verbanden, und.
uu diehen gehörte auch der ebemalige Meßz⸗
zerlehriiing.

Mianche Schlacht hatte er dem genialen
Feld )errn jchlagen und gewinnen helsen, hat,e
        <pb n="184" />
        Wunder von Tapferkeit verrichtet uns als er
einst mit ganz besonderer Bravour einen
eldstständijchen Auftrag ausgeführt, da war
der hohe Vorgesetzte, dem nichts entging, auf
seinem Schimmel bis dicht vor ihn hinge⸗
sprengt. hatte mit einem Blig seines Aolerauges
die männlich Ichöne Gestalt des jungen Offi
ziers erfaßt und in der bekanuten kurzen und
befehlenden Weise geiragt:
Wie bheißen Sie, Lieuinaut ?
„Joa vim Murat, Site
Wie lange Soldat 93 4
Seu mernem sechszehnten Lebensiahre,
Sirele 2 96 — —
Man wird Ihnen ein Hauptmanus ·
Potent ausfertigen l“ rief der, Welterschütterer
und, fort war ez. J
VUnd der junge Murat erhielt eine Kom
dagnie und rieb mit derjelben Reginzenter auf,
Er bejehligte bald ein Batajilon und jede
gewonnene. Schlacht, war für ihn eine neue
Situfe zum Glang, und Raͤam.Zehyn Jahre
vaten vergangen. Der schöne glänzende Ge⸗
neral Ipachtm. Murat waz der stattlüchste,
wpfe stz wisg Fitterhustz. Soldat dern ganzin
v e eer Abgi enen Anuergotechn.. der
— ⏑⏑———
zor alsen gadern auszthchnett aud dit wiche
alten Aufträge jn seue Hände Ucgte.
Ein glänzendes Familicufr sesäaud in den.
praͤchtigtn, Hallen shatt, die dem weltzehletn-
den Eroberer zum zeitweisen Aufenihatie
denien,. Der Mann, welcher Glanz und Lu⸗
xus jür seine Pfrson weniger liebte, sparte
Jeivwohl nichts sobald es anderen zu ini⸗
soniren galt. Die Tafel war mit, den köst
lichsten Speisen uud Weinen besehzt. Präch ige
Degugenbã ame. Vasen und Sialaitten gierten
den au und jur sih schoͤn zir Biwunderuug,
ejuladenden Sqlonn und zuhlfeiche Küstre:
warien ihren ssrahlendesi —XVV/,III
ferusten Winkel.. ———
Und gn der. Tafel saßein sie Alle, dif
Vanupart s, mil den Auwntsaften — die
töchst. n Ehrenstellen, auf Fü. stenhüte und
Fronend Da war zuerst der ärteste der Ge⸗
schwister Joscph Bonaparte, der Staautsiath,
welcher den-Friedensabschluß —mit den ver .
—BAMTDMwæESMHG᷑qG — — ——————
Drutd uno Vertag von- F. , Dein en inSty JIugbert. 4

iuigten Staaten von Nordamerika in so
rusgezeichneter Weise bewirkt hatte, daß Na—
zoleon ihn später zum Kön'g beider Sizel en
ernannte; dann Luzian, der talenwolle Dip'o-
nat, der Mann der Wissenschaft und Künste
uind begabte Dichter, den nichts zur Annaume
iner Krone b wegen konnte; ferner Hieronymus,
der jüngste Bruder des Machthabers, späterer
Herzog,von Mogtfort und König von West-—
phalen, zu jener Ziit noch ein eiufahzer
Secoifizser. Nur einer der Brüder fehlte:
dudwig Bonaparte. der Vuter des Kaisers
Rapoieon III. Er befande sich zur Zeit in
der preuß sschen Haupistadt und dachte im
zlüclichen Traume einer ersten Liebe, aus
dem ihn bald darauf des genaleun Bruders
Machtwort behufs Ber näblung mit dir s höen
dortense Beautarnais so unsanftere ßza sodte,
mit keinem Gedanken an PUNact und Große.
Auch die S owestern fenlten ni vyt. Da war
zuerst die ält ste Sihv ster Udaria Aana. Elisa,
pãtere Füritin pon, Pom u o, mi threm
Bem ihl, dem xeichea Felice Zacç o bi; fexner
—X
an nutqgigste der drei Schw stern Napoleons;
uduch, Maxia Annonciza. welhhe vei der
dafel, ob aas Zafal oder Absicht, dem
chonen Generat Matat gegenüber saß.
Sie glleswaren in heiterer⸗ Unterhaltung
degriffen, und sprachen“ denr Speisen. und
Setiänten: wacker zu. Eur⸗Maßpoleon fiand
nit verschränfien Armen, sinuend am⸗ Feuster.
Sein“ nimmer rastender Geist webte bereits
die Fäden zum Kaisermanteh, und wie sein
ankuhiges Auge die Groppra der Tishenossen
livetslog; mochte er bereis im Stillen ede u
inzetaen Laud und Kroue zuertennen. Er
nochtes auch die feurigen“ Blicke bemerken,
vele Maria Aunsnucata und Murat mit
nander: weccselten und vielleicht stimmte dies
mir seinen Vanen üoeteinz denn ein freund⸗
ichs Länheln glitt für einen Augenolick durch
jseiue strengen ehernen Züge.“
27 Gluß soigth
731* 2* 2— tt —A
        <pb n="185" />
        Anterhaltungsblatt

um
St Ingberter Anzeiger.

W58..

Koch und Metzgerlehrling.

Geshichtliche Slizze von Kartt, Zasters w.
Schuttr ·

Der Zufall wollte es, daß Maria Annon ⸗
riata ihr weißes, mit Spitzen besetztes Taschenbuch
jallen ließ. Murat dückie sich jogleich, hob es
auf und überteichte es der schönen. kaum
acht zehnjährigen Damg mit so anmuthiger
Balanterie, wobei aus seinem feurigen Auge
ejn so mächtig zündender Strahl schoß, daß
Pa Annoreiata voll Ertörhen ihr Auge
mr Erde fentte.“

nicht gefehen hätte. daß. die schöng Maria
Annon ciata ihn uͤber Alles lieb.

Und wmier, Wochen darguf war Ingrech.·
die Gattin des hochangesehenen Generals, uind
dann bestieg Napoleon den Thron als Kaiser
von Fraukreich. Daraus ergab sich ——
lost. daß die Geschwifter des Herrsaiers
Brinzen und Prirsessinnen wurdan. und somit
var auch Purat. der ehemalige Metzgerlehrling
der Gatte der Prinzessin Maria, der Schwag
ger des Franzolenkaisers, franzöͤsischer Prinz.

Die höchsten Würdenträger des Kauerreichs
rissen sich um das Paar. Der glänzendsten
Vehellschaft fehlte die echte Weihe, wenn
Prinz Murat und Prinzessfin Maria nicht,
uiwesenn waren. Die Freude, der Ruhni.
der Glanz bafteten sich an das glüchliche Paar,,
für welches Fortung bereits die Königskrone
zjnes der schausten dander Quropa's bereit
hielt.

Eine Einladung vom Herzog von Cam⸗
bacd és 2* sagie Naria eines Tages. alg
Durat, von einer Truppen musterung heim
kehrend, in das Boudoir seiner. Gemahlin
rat.

⸗
Murad aber hadee dadurch Gelegenheil
zefunden, mit der Schwestee seneshohen
Borgesehzten ein Gespräch anzuknüpfen und
zies- Gespräch wurde. Dda die Geschwister
venig oder gar minmt auf das Paar addt ken,
anmer wärmer und inniger. Maria Anuon⸗
ata konnte ihre Bewunderung für den rit⸗
XXVVVE
dieser endlich aus einer der johlreichen
Diume wwasen eine Rose nahm und sie seirner
auf's Neue errö heuden Nachbarin gru der
Bitte überreichte, die duftige Blunde ae einen
Beweis seiner inni, sten Barhrung anzu
nehmen, erwiderte die junge Dame in liebucher
Verwirrung?

„Si soll auf meiner Brust verwellen,
General in der das Audentken an sie nie
erlöschen wird.“

Das war bezeichnend uenug für Murat,
and in der That hätte er nicht dir scharfbli⸗
dende Herzeuskegtuez. sein, müssen, wenn, ey

. Vom Herzog von Cambacöcoͤs s murs
Relte der Pring vor sich hin, wahrend ebie
Fluth von Erinnerungen durch seinen Kopf
Zürmie⸗ „vom, Herzog von Cambacdcoͤs!. —
Wir nehmen do a die Tinladung au. Madamet⸗
setzle er laut hinuu.

Wie Sie wollen Prinz!“ lantete die
Antwort der schönen Ftau, während Mural
zn den Spiegel tzat, ult der Rechten leicht
dab üppige Hiar von der Suͤrng hurlcsrih
und druft vnd, aufnertigm Agt. ieing schinat
        <pb n="186" />
        Rarbe betrachtete, die sich oberhalb der Stirn,
paras⸗l mit der Längenseite derselben hinpog
Am andern Tage saß das prinzliche Paar
in dem Fstialon des Herzogs, obtuan an
n⸗ stzto Tafß⸗l, von Huldigungen
und Aufmerksamke!:ten aller Art umflossen.

Der Wein war den Gästen bereits zu
Zopfe gesti gen. MNan nahm es mit den
Worten nicht mehr so genau wie zu‘ Anfang
des Bankettd. Die übersprudelnde französische
debhoftigleit und leichte Froͤhlichkeit siegten
über die Zwangsregeln der Etiketꝛie. Da wandte
sich Murat im leichten Kowwersationstone an
den Gastgeber:“

„Paroleu, lieber Herzog! Ihre Speiser
nd voartefflich“ zub reitet. Sie müfsen den
besten Koch der Welt haben, denn nie erinnere
ich mich, besser gespeist zu haben·“·

„Ich habe allerdiegs einen ausgezeichneten
soch,“ bemerkie der Herzog mit S Iostgefäl⸗
ligkeit, „und auch was ebenso werthvoll ist,
eine anhängliche treue Seele, denn er ist
bereits ein Vierteljahrhundert in meinen
Diensten !“
So f fragte“ der Prinz. ‚und sein
Name dẽ

Jakob Billefort! c· 7.

Murat diß die Spihe einer Havannazigarre
—ä —
Darf jch Sie pmun eine Gefaͤlligkeit er⸗
— 25
2 Sie ist zum Boraus erfüllt, Prinz?“

Nun wohl, tteten Sie mir Ihren Koch
ab. Sie finden wohl elnen andern, ebenso
muverfösstgen unb talentvollen Herdfeuerbe
herricher····

„Site! Sie belieben zu scherzen!“ ent⸗
gegnete der Herzon, in dessen Antlitz die
Schatten des Unmuths und der Verlegenhen
kämpften.

Ich fcherze nicht, Herzog! ein Kech, wie
dir Ihre, fehlt mir seit lange. Ich hoffe, Sie
verdenꝰ einer· Berbesserung der Lage Itnes
alen ·treuen · Dieners nirhts entgegen zu seen
aben. Ich bewillige Jatot Billesort einen
— von 8000 Franken, damit sind
eithehucht Nebentebenüen verbunden “
Der Herzog komnte es nicht über aich
ewinnen, dem einflußreichen? Prinzen die
Bitze ahzuschiagen, uud so ließ er nach auf⸗

9

Koch zu fich rusen und
agte ihm ungefähr Folgendes:
Mein guter Jakob! Ich kann dich, so
leid es mir thut, ferner nicht behalten. Der
allmächtige Prinz Murot, der Schwager det
sKaisers von Frankreich, will dich gegen ein
ansehnliches Jahresgehalt in feine Die sie
nehmen, und.. .. unds ich habe dich abge⸗
treten Du wirst nicht in die Lage kommen,
mit dem Tausche unzufrieden zu sein. Der
Prinz ist ein gütiger, wohlwollender Herr
und in seinem Palais verkehren die döchsten
Würdenträger des Landes! Ich möchte mich
nicht gern dem hochgestellten Manne verfeinden
und bitte dich deßhalb, nimm die Stelle an!
„Es ift gut,“ sprach Billefort nach kurzem
Bedenken, Fich nehme an und werde mich
noch heute in das Palais des Prinzen dver⸗
jügen. J

Murat hirtte bereits verschiedene Male
seinen Kammerdiener gefragt, ob der neue
Koch noch immer nicht eingetroffen sei. Ent lich
konnte dieser die willlommene Nachricht brin⸗
gen, daß der Koch des Herzogs vom Cam⸗
bacörées im Vorzimmer warte.

.Laß ihn he einkommen!“ befahl Murat
mit einiger Ungeduld. Jalob Billefort trat
ein und verneingte sich ohne Schen, àdoch mit
Ehrerbietung vor seinem neuen Herru, der
ihn aufmerlsjam und mit einem seinen Lächeln
XX * —X —
:Kenust du mich noch, Jakob Billekort 7
fragte er mit einiger Schärfr im Tone.
Sire!“ erwiderte Billefort, Fich habe
sie als General und als Prinz verschiedeue
Male zu. Pferde gesehen und im Uebrigen
keunt jedes Kind den, Schwager des Kasers.

„Und sonst hast du mich nie gesehen d713

.Ni Sire — 2*
—*8— ich kenne dich seit lauge,“ sagte
Murat, indem ve das Hear emporstrich und
mit dem Zeigefinger die, Narbe berührte,
‚meinst du, so e was vernäße sich ?“ 2
Die AMAugen, des Kochs eirweiterten sich
dlötzlich. Es wor, als fände in diesem Moment
irgend eine düstere Ahnung in seiner Bruft
die unver muthete schreckliche Bestätigdung. Er
wurde leichentlaß, taumelte einige Schritte
surück bis an die Thür, schien aber durch
den wohlwollenden Ausbdruck in Mural's Zügen
        <pb n="187" />
        pidlich zur Besinnung zu lommen. Er warf
sich vor dem Prinzen auf die Knie nieder und
bat um Gnade.

.Laß es gut sein,“ nahm der Prinm
das Wort. „Ich sagte dir. wic würden einst
mit einander abrechnen. Das soll deute ge⸗
schehen. Ich biete drer eine einträgliche Stelle
in meinem Hause an und du verpflichtest dich.
deine Kunst ausschließlich meinem Dien ste zu
widmen. Ich bin Freund einer guten Küche.
Darum kein Wort mehr von der Vergangen⸗
heit. Vergiften wirst du mich hoff nilich
nicht 78
Der Koch erschöpfte sich in Danksagungen
und Versicherungen seiner Ergebenheit? und
Piurat entlictz ihn mit dem Ausbruce det
vollkommensten Wohlwollens.

Am⸗ audern Maorgen war jedoch Jalob
Billefort derschwunden. Niemand wußte wo
hin. · Hatte er im Geheimen eine Vergitung
seines eh maligen brutalen Benehmens von
seiten jeines hohen Herrn befürchtet, oder
daite er überhaupt kein Vertraͤuen zu dem
Stern der Napoleoniden; genug, er war
verschwunden, troßz der sorgtfältigsten Nach
jorschungen nicht zu ermitteln und der Prinm,
Jörte nie wieder von ihn.

Jedernfalls hat es aihm an ta'entvoten,
sAshen in dem schönen Neapel nicht gefeblt
als der Königepuirput seine fattliwe Gesftal
uinfloß, und so ochte er den Koch des Her⸗
jogs von Cambacè. os batd' vergessen haben,
um jo mehr, als auch er den one des
Glückes her dem Stunze seines ju aͤllzuschroffer
Höge gelangten Göuners erfuhr. Er endete
b tanntlich von allen denjenigen, die dem
—XEEV
am tragiichsten. Nichts; desto) wenger bleibt er
die poetijchste: Eischeinung in diesem keruse
der q.ibst die hier erzäulte. derb realijtisce
Jugeudepifode nichts von hrem Glanze
nehmen aunn.
D 4 —
Aat · :glalliges. J *
(EEscamotage.) Anläßlich des jüng⸗
sten Klaujruburger Marktis producitte sich
auf offener Sraße ein Zigtumer als Taschen⸗
pieber erssen Ranges. Selbswerstäudlich ver⸗

sjammelle er um sich ein zahlreiches, durch⸗
wegs aus Landleuten bestegendes Publilum.
Hier Zabe ich eine Samme büchse,“ rief der
braune Schwarzkünstler, man legt Zehnkreuzer⸗
dücke hinein. ich berühre die Büchse mit
meinem Zauberstabe, sagte: Eins. Zwei,
Drei, und aus den Jehnkreuzerstücken warden
eben so viele Silberzwanziger, die natürlich
dem gehören, welcher die Zehnkreuzerstücke
rinlest.“ — Die erste Probe, welche mit
drei po, die mit dem Prestigateur
einverstanden wären, gemacht wurde, gelang
volltommen, denn die Helfersheifer ehielten
vor den Augen der Zuschauer richtig Silber⸗
zwanziger. Das gelungene Kurstsiück verfehlte
seine Wirlung nicht, denn im Ru war die
Sammelbüchse voll mit Jehnkreuzerstücken.
Nun begann der Holuspolus. Die volle
Büchse wanderte in die Tasche des Zigenners
die leere Kapsel stellte der Künstler auf den
Boden; er erhsuchte das Publilum um Geduld,
denn er müsse aus dem Wirthshause, vor
welchem die Produltion startfand, und das
zugleich ein Durchhaus war, Zauberdohnen
dolen. Lange harrten die Abgesomnenen der
Rücklehr des Zauderers, doch vergebens. denn
berschmwunden war er auf Nimmerwiedersehen.
Nun ging der Tanz erst recht los; es wurde
herumg · stritten, ob die Zauberbügse ohne
Gefahr für die Silferzwanz:ger? gröffnet
werden solle. Endlich stürzte sich Alles auf
die leere Büchse. Jeder wollte diesibe als
Ersaß jür seine eingelegten zehn Kreuzer be⸗
halteun; es entstand eine Prünelen, der endlind
durch das Einschreilen der Polizei ein Ende
gemacht wurde.0

—

—

ꝛ. I
*Rz ũß
Der fetz'ge Muister des Innern der
Pariser Commune heitzt Grellier und war
nor Kurzem noch Bisißzre einer Waschanftalt /
Jüngst machte ühm der Vorsteher eineg
Fitedhofes feine Aufwartung, um ihn in seinez
geichaftlichen Augrlegenheit zu tkonsultirem
Der nerre Minister erwiderte, daß er nicht
das Mindeste von den Pflidtten seines hohen
Amtes nerstehe und lieber wieder die Leitung
seiner Waschanstalt übernehmen mchte; aber
es sei ihm mit dem Tode gedroht worden,
falls er sich weigerte den Posten anzunuchne
        <pb n="188" />
        Sie bew⸗chen mich auf Schritt und Tritt“
— fügte „Seine Excellenz“ hinzu, — „ich
kann nicht einmal auf einen Moment aus⸗
gehen 3. ich würde risliren, daß mir ein
Bayonnet in den Leis gerannt wird. Ich
kann Ihnen nur den guten Rath ertheilen —
werden Sie nie Minister.“ Er zeigte dann
auf einen Stoß Altenstüde, deren Inhalt wie
er sagte, er. nicht im Mindesten verstehe; er
habde nur waschen gelernt. Er nehme sich auch
go ieine Mühe, die Padete 5 offnen, da
der frügere Minister ahne: Sweifel wieder
zurückkehren werde. M. Grellier befürchtete,
man würde ihn dann erschiefzen; und er kieß
sich don seinem Besuchet ein Certifikat aus⸗
stellen, daß er (Grellier) ein Miniser malgre
ui waäte. 2* — 3 B *
—00

ions· ¶ und Pionierwerlzeug · Züge, mit elner
geringen Anzahl Bedeckungsmannschaften. Luub⸗
zewinde ziehen sich von Wagen zu Wagen
entlang.“ Tannen und. Fichten sind überall
uuf gepflanzz, wo fich em Baum anbringen
ließ, und mit schwarz weiß rorhen Bändern
und RMapieistreisen behangen. Woher die vielen
teglementsmaszigen Faͤhnchen in den Riichs⸗
farben kommen, begreist man nur. wenn man
die erfinderische Geschicklichkeit unserer Krieger
dennt. Auch an Trausparenten fehlt es nicht
und noch weniger an Juschriften der gelun⸗
gensten Art. Sie belehren theils darüber,
an welchem Punkt die Kanonen ein Wort
zur deuischen Seschichte mitgeredet, theils
darũber, wie die Mitiahrenden über Frank⸗
reich, das Frauzosenvolk, Napoleon, über die
deimath denten. Hier gloht uns ein Turtos-
dopf von geübter Hand au, dort fieht man
NRapoleon aut Familie ablonterfeit. Hier wird
umd in riesigen Lettern angefündigt, mas
ür Leute im. Wagen sigen: „Das Barbaren⸗
polt des Nordentz das da ewagt hat, das
srilige Varrs zu belagern 12. duer noch besser:
„Hebeßgahen fihr beutsche Mädchen.“: Auche
der gerechte Unmuth über die langsame Bes
jBed run von Statiss« zu Station sradet! in
ben jchünen Versen sinen .Rusdauck, wie z.
B. „Eile mit Weile Jeden Tag eine Meile
In der richtigen Eckenntuuß. daß jeder tapiere
Denische auf die Eisenbahufahrt eister Klasse
Anspruch habe. haoen olt die, maneren Ge⸗
sellyn die, Bezeichnung: AII Ki.“ aus Zestrie
chen uund L Kl.* daiĩüc lingemalt. 1
L g o ar u.
Gar siark und machtig irote ach den Zellen.
Und dan det deutschen Stärlt uruark Bildi —
en Sturm und Wetttr muß ich tadfer sweilen
iar. harre muthig ausohn Schwert aas Schitn
Jetzi streich' das erste und das letzis Jeichtn.
Dann bleibt ein kleines, dir ein großes Wort:;
Du lieost's doch soll's zur Ehre dir gereichen,
So jag den Stolz mau deinem Herzen kortl —

Die in Oftasien lebenden Deutschen bringen
geqenwaͤrtig durch freiwillige Gaben eine Samme
jung chinesischer und jaßanefljchet Kurioftaten
zusammen, twoelche später zum Besten der
Indaliden des jetzigen Krieges in Perliu
misnestellt und ver laufte werden joltz An der
Spitze des pattiotiscen Unternehmens. stehen
füns ine Sthhanghat lebdende dentscher Frauen
B22 — —t
Am heftigsten Über den Einmarsch unseret
Teuppen waren die Pariserinnen empoͤrt, und
besonders haben sie ihren Haß auf⸗die Garde
geworfen. Dirse Leute, sagte, neulich ein
einer, schwarzäu ziget. Locken topf mi allen
Zeichen des Abicheus, „sind so. gron, daß
man eine Leiter anlegen muß⸗ amn fie qa
küssen.“

Ans Wei naen Ar.q. Me Marz, ichreib
die Ftantf. Zig.“r Dur Zungen Tannen
waldungen Fraukreichs miffen arg herhalten,
XIIOIC
qis Friedensschznuck zu dienen. Als läme ein
danges Wätochen dahergejauten, so laßt sim's
aufe dem Bahnhofe an, den alle paar Vinu
den eia neuer, phaunastischs generter Zug
somüct. Es sind meiftens, Geschütze, Mum

*

J

— 22 *
7

se—
— *2 *

—E

»ina, ·

—. X. Die a d.h. in St. AInabert. *
84 — 2* J
        <pb n="189" />
        Anterhaltungsblatt

42um
St Ingberter Anzeiger.
Xr. 48.

Donnerdtag,. den 20. April
—BREEA

Die Brüder
Original Novelle von Ewald August König.
Erstes Kapitel.
Die Brüder.

zeleistet, denn unter zehn Bettlern sind neun,
welche —“

Völling warf dem Herzlosen einen Blick
des Vorwurfs zu und trat, ohne dessen Aus—
einaudersetzungen anzuhören, vom Fenster zu⸗
rück.

„Die Alte dort ist nichts weniger als
eine Bettlerin“, nahm ein anderer Gast, Re⸗
ferendar Waldau das Wort. Sie ist die
Wit we Kraus, die Mutter des Handlungs
gehilfen Georg Kraus, welcher vor einem hal⸗
ben Jahre wegen Jälschung zu 8Jahren
Zuchthaus verurthelt wirde.

Ein Flacon!“ ertönte es in diesem
Augenhlick aus dem Kreise der Damen, weiche
die junge Neuvermahlte umstauden.

Die Braut' war ohznmäsbtig. Die Herren
eilten hinzu, und der Vater der Ohnmächtigen,
der Commerzienrath, Baulier Hexmanu Weber,
blieb an der Fügelthür, welche auf deu Cor⸗
ridor fünrte, stehen,

Der Ref rendar wollte den Saal verlafsen,
der alie Heir zuat zut Seite und folgte ihm.

„Meu Herr, hätte ich diese Bosheit er⸗
warten könnuen, würde ich Sie nicht zur
Hochzeit grladen haden, nahm det Commerx⸗
sienrath das Wort, während er den Referen-
dar am Arm festhieli. „Ich hielt Sie für
einen Ehrer manu.“

„Und füt was, wenn ich bitten darf.
halten Sie mich leht fragte det Referendar
hquijch. .. 43

Fül einen Elesden, einen Merschen ohne
—A

„Herex Kommerzieurath,“ fuhr der wuge

— —
Die Gaff entfernten Fich. Der Wagen,
welcher das junge Edepaͤar aus der Kuͤche
in das Haus der Brauteltern zurückgehracht
harte, fuhr, in rasch m Trabe davon.

Mur ein altes Mütterchen blieb vor dem
proßen schönen Hause st hen und schaute weh
müthig hinauf zu den hohen Soalfenstern,
hinter denen die Hochteitscäne aui- und ab—
waundelten, bals eifrig mit cinander p.audernd,
bald di ausschauend auf den Paradeplatz,
auf den der lihzte Strahl der siulenden Herbu
onne lange Schatten warf.

«Wer nur die Aue srin dag, die so un⸗
verwandt zu uus heraufstiert 9“. wandte sich
der Bäutigam zu Fejnem. Schwiegervater,
„Thun Sie mir den Geiallen und senden
Sie dieser Armen eine Gabe hinunter, an
dem schönsten Tag meines Lebentz soll Jeder
in meiner Nähe fröhlich sein. wenn ich seine
Noth oder seinen Kummer zu lindern ver—
mag.“
Da hätten Sie viel zu lindern, mein
lieber Bölling.“ schaltete der Hofrath Herzfeld
ein kleiner, alter Herr, der neben dem Bräu⸗
tigam stand, sarkast sch ein. „Man muß den
Piebs nicht verwöhnen Durch die allzug oße
Zereitwilligkeit in der“ Anstbeilvug von Ul⸗
mosen wird dem Staate ein schlimmer Dieust
u..9 Dem Frankischen Kurter entuonunen.
        <pb n="190" />
        Mann aus. dessen Waugen erdjahle Bläjss.
uüberzog.
Soll ich Ihnen die Worte wiederholen?
Imt hbin jederzeit bereit dazu. Als ich vor
einem Vierteljahr Ihnen die Hand meiner
Tochter aschlug, hatte ich dazu meine trif⸗
tigen Grüude, Sie mußten diese Gründt
achten und als Mann von Edre nicht werter
an die Sache denken., Das setzte ich voraus,
einer kleinlichen und noch dau gemeinen
Rache hielt ich Sie nicht für fähig. Wärt
Ihr Herr Vater nicht mein bester Freund
geibesen, ich würde Sie nicht zur Feier des
heutigen Tages eingeladen haben, daß ich dies
aver that, mußten Eie als einen Veweis
meiner freundichaftlichen Gefinnung hin⸗
nehmen.“ J
Ein Lächeln des Hohnes umspielte die
Lippen des Referendars.
„Wann ich nicht irre, nannten Sie mir
als den ersten bedeutendsten Geund Itter ab⸗
schlägigen Anfwort: Helene liebe mich icht,
.co nen Sie mit gutem Gewissen behaupten,
daß sie ihren jetzigen Galten liebt?““
„Nun wohl, wenn Sie's denn wissen
wollen,⸗ so⸗ hören Sie den eigentlichen Grund.
Sie sind eben nur ein Referendar, ein Mann
ohne Vermögen, ohne Einkömmen und ohne
einigernaßen hervorragende Stellung. Piein
Schwiegersohn ist dagegen der reiche Guts—
besitzer Withelm Bölling, Mitglied des Land⸗
weges, ein Maun, dessen Stimme noch etwas
vit. dessen Name Klang hat. Und damit
Punktum, Herr Referendar, mich soll's freuen,
wenn ich nach Jahr und Tag éäiumal höre,
raß Siees zum Ass sor gebracht hahen.“
. Er wandie dem jungen Manne den Rücken
und ging in den Saal zurück.
Die Lippen auf einander gepreßt, bl'ckte
der punge Mann eine Weile auf die Thüre,
hinter welcher der Bankier verschaunden
war
„Du sollst es bereuen, diese Worle ger
sprochn zu baben“, nnrrmilte er inr sun
hincin. „Du sollit noch erfahrin, was der
arme Referendar, der Mensih ohne Vermögeti,
ohne Einkommen, ohne Stellung vermagt
Er flieg die breite mit Blumen gesch:nückte
Treͤppe hinuͤnter und ftal'avf den Platz. auf

wvelchein die Alte, in iyre Gedanken dersusrken,
noch immer stand.

„Geht nach Hause, Mutter“, sagte der
junge Mann im Vorbeigehen zu ihr, „dort
oden machen sie fich nur lustig über Euch.“

Die alte Frau suhr aus ihrem Sinnen
auf, sie sah sich um nach dem, welcher zu ihr
geredet hatte, er war verspwuaden,

Ein Förster schritt in diesen Augeublick
über den Parasßeplatz, er blieb bei der Frau
stehen und reichte ihr die Hand.

„Grüß Gott, Mutter“, sagte er, „waruni
so allein, jo traurig? Komm mit nacd Hause,
ich habe mir heute Urlaub genommen, um
Dich zu besuchen. Die Varbara wollte auch
auf ein Stündchen hinkommen.“

„Du hättest keinen schlechteren Tag wählen
fönnen“, erwiderte die Alte lopischütteind,
während sie neden dem Sohne einherjehritt.
„Ich bin htute — ——

„Na, so leß doch die trüben Gedanken
in des Kukuks Namen einmal fahren“, fiel
der Forster ihr ius Wort. „Geschehene Dinge
ändern sich doch nicht.“ —,

Die Mutter schüttelte wieder den Kopf
und wanderte schweigend weiter. 1J

„Was hattest Du eigentlich vor dem
dause des Bankiers zu schaffen?“ hob der
Forster nach einer Weile wieder an. „Du⸗
Vertest ja hinauf, als hättest Du erfahren
pollen, was da drüdben hinter den Fenstern
vorging⸗

„Ich dachte an Georg, er sitzt im Ge⸗
fängü g. und die, welche er urter allen
Menschen zumrist biebt, hat heute Hochzen mit
einem Andern.“

Ein Schatten fiestern Unmuths flog
über die hübschen gebtäunten Züge des
Försters.

, Was kümmert's uns“ erwiderte er un⸗
wislig. „Mag sie Hoczeit machen, wit wem
sie Lust' iat, uns geht es weiter nichts an.“
—Und Geoig?“ flagte die Alte, der die
Thränen ins Auge schufsen. —

GWBGeora ist wot für mich“, fuhr der
Förster düster forr; „Jitdem er seine Eure
derloren hat, ist er mein Bruder nicht
mehr.“ —

Das' Gespräch ockte; der alten Frau
        <pb n="191" />
        rannen die Thräuen über die welken Wangen,
der Förster sah sinster vor sich hin.

Alz die Beiden das kleine Häuschen ers
reicht hatten, in welchem die Mutter wohnte,
jog die alte Frau einen Schlüssel aus der
Tasche ihres Kleides, öffnete und ließ den
Sohn eintreten.

„Fühlst Du denn nichts mehr in Deinem
Herzen für Deinen unglücklichen Bruder,
Huo?* fragte sie in flehendem Ton, „D eine
Matter ist auch seine Mutter, Dein Blut
rollt auch in seinen Adern. “
.Redensarten, mit denen man keinen Hund
hinterm Ofen weglockt“, unterbrach der Forster
sie barich. —X

„Ihh weß, Du hast ihn nie geliebt“,
fuhr die Mutter traurig fort. “,Du warst
zehn Jahre atfk, als *xr geboren wurde,
ich hatte Euch Beide lieb, jo decht vom Herzen
lieb.“

„Aber den Jüngeren zogst Du doch
vpor. n
„Niemals! Er bedurfte größerer Aufmerk ˖
samkeit, weil er ein sa waches, kräukliches Kind
war und Du auch schon das Alter erreicht
hattest, in welchem die Eltern ihre Kinder sich
selbst überlassen funen. Ihr spieltet nie zu
sammen — — ινννννν
„Ganz natürlich, er war ein Stuhbenhocker,
deschäitigte sich schon früh mit der' edlen
Schreibiuuft. die ihn nachher ins Zubt haus
brachte. Mich zog es hinaus in den Wald,
in die freie, herrliche Natur; so trennten
unsere Wege sich schon früh .·..

DDein Vater hat oft den Kopf dazu
zeswüttelt und mich kostete es immer bittere
Thränen, wenn, ich Euch Beide veischiedene
Wege wandern jsah, ahber ich dachte, mit der
Zut würde sich das ausleichen.“

„Der Messch denktt und Gott lenkt!“
hem ertte der Förster auseluckend. „Ich bin
jetzt ein schucker. kräftiger Mann, fünfund-⸗
dre ßig Jahre alt, habe mein Biod und in
meinem Häuschen Poetz genug für eine kleine
Familie, er dagegea üitzt im Zuut auß,, bletch
und maser wie ein Schevin. süchtiger, und
weun ihn das Thor sich noch ei mal wied er
öffenet, dann maz er nur getrost zum Bettel⸗
stus greifen und in die weite Welt hinaus⸗

vandern, wenn er nicht vorzieht, fein sauberes
Bewerbe fortzusetzen.“

„Hugo! Hugo!“ warute die Alte, ver—
ündige Dich nicht an Deinem VBruder. Weißt
Du, weßvalb er jene Fälschung beging??“

Der Förster zuckte die Achseln.

„Was geht's mich an, gennug, daß er sie
deging! — Mir ist überh wupt in dieser Sache
roch Manches räthselhaft.“ suhr er nach einer
turzen Pause fort. „Aber was kümmerts mich.
Ich verlange nicht, die Räthsel gelöst zu
sehen. Georg wurde überführt und verurtheilt,
das Urthein zerreißt das Band, weiches mich
an ihn fasf lte.“ B

Die alte Frau bathe sich neben dem Sohn
nuf die Bant gesetzt und sah ihm wehmüthig
ins Auge.

„Ich will Dir jene Räthsel lösen,“ er⸗
viderte sie, „vielleicht gelmgt es mir, Dein
herz dem Unglücklichen' wieder zuzuwenden,
der jetzt im Elend unserer Liebe doppelt
bedarf.“

Der Foͤrster zog seine Pfeife aus der
Tasche, zündete sie an und lehnte das Haupt
an die Wand. —

„Als Georg seine Lehre bei dem Ban⸗
lier bestanden hatte, erhielt er. da sein Prin⸗
zipal unbedmgtes Vertrauen in ihn setzte, den
Posten des Caisirers. Ich weiß nicht, welchem
—XXL
zatte, irre ich nicht, so war der erste Cassirer
p.ötzlich ausgetteten und der Commerzientath
jand unter seinem Personale Keinen, der so
zeschickt im Rechnen und überaupt so an
stellig und aufmerksam war wie Georg. Du
veißt, was waͤhrend dieser Zed sich zutrug
BWorg besuchte eft das Theater und die Con⸗
derte. Er hätte vesser As nicht gethan,“ aber
die junge Wit will ihr Vergnügen haben
and die Ermahnungen der Alten fcuchten
nidts. Er lerne die Toshter seines Parrz pels
ennen, villeicht auch legte er es darauf an,
ich ihr zu nähern, wer taun es wissen. Georg
leßß mich in diesem Punkte nie auf den
Hrund jeines Herzens diicken. Wie oft habe
ch iha gewarnt, wie oft geb ten, ven dem
Mädchen abzulassen, wenn er it leuchtenden
AUugen mir erzählte von ihrer Sch nheit und
hrem edlen guten Herzen. Er lachte, und
neinte, es sei manchem armen Schlucker ge⸗
        <pb n="192" />
        zuilckt, eine reiche Frau deimzufühten, warum
solle er denn nicht auch sich dieser Hoffnung
hingeben dürfen. Der Commerzienralh achte
ihn, wenn es ihm gelinge, die Liebe Helenen's
zu erwerben, so werde er nicht zu böde sein,
den Vater um die Hand des Mdchens zu
bitten, er könne nicht mehr als „Nein“ sa⸗
gen und dann erft beginne der Kampf, in
welchem er entweder siegen oder unlergehen
müsse. ··· —A
„Er war von jeher extravagant.“ schaltete
der Fürster ein, „jedes hübsche Geasicht kounte
ihn in Extase bringen. Und dader bildete er
sich viel aus seine äußere Eröcheinung ein,
obgleich er nichts weniget als schön ist.“
„Schön gerade nicht, aber er ist hübsch,
w'tzig und weiß über Alles zu sprechen, das
muß ihm der Neid lasseg. »— Eines Abeuds
lam er aufgeregter denn je nach Hause, seine
Wangen glühten, daß mir Augst und bange
um ihn ward und ich nicht anders dach.e,
als er ser einstlich krauk geworden. Da theiite
er mir denn mit, Helene exwiderte seine Liebe,
1s sei zu einer Erxktärung zwischen thnen ges
lommen und er wolle schon gleich morgen mit
jeinem Prinzihab reden. Ich bat uad be⸗
schwor jhu, von diesem Vorsatze abzustehen,
nun und nimmer werde der Commerzientath
Jeine Einwilliguug zu einer solchen Heitath
Jeiner Tochter geben, aber Georg hörte nicht,
nach langen D ängen und Biuen versprach
x mir nuc noh acht Tage mit der Brauit⸗
erwerhung warten zu wollen. In jeuen Ta en
wurde das Ileine Kapital fällig, welches Dein
Pater auf unser Hauechen ausgenoumen hatte/
es detrug hundert Thaler. Ich vesaß. das
Geld uicht, die Auestände kamen nicht ein,
und ich wußle leinen Rath. Freunde, welche
mix die Summe norstrecken koanten, besaß ich
nicht, Grorg hatte seinen Getzult verbraucht
und du perdieutest noch nicht so vel. Beorg
veriprach, mir zu helfen Uad händigte schon
am naächsten Tage mir die Summe ein. Als
die acht Tage veistrichen waren, koupte ich
ihn nicht ianger zurückhalzen, er ging zum
CLommerzienraih und Du“ weißt, was ge⸗
schuh“ J
„Freilich weiß igs,“ erwiderte der För⸗
.—U —— — — — — 2 — *
D:”cuck ans Bertag von F. X. De aeßz in St. Anghett.

ster zornig, „der reiche Gokdwolf dachte ihu
die Trappe hinuater zu werfen und entließ ihn
ohne Weiteres. Das haben die Reichen vor
ans voraus, daß sie die Menschen nach ihrem
Busto behundeln können, so ein armer Teufel
ist in ihrenꝰ Augen eben nur ein Hund, den
sie schimpfen und treten können, wie es ihnen
gefällt.“
So Gortsetzung folge.
Wer half Germania befrei'u! —
Wer half Gernania befrei'n !“

Das deutsche Lied: „Die Waht am Rhein!“ —

Wenn auch dem Heer der Dank gedbührt,

Daß es so brav das Schwert geführt:

3o war es doch die „treue Wacht,“

die uns so oft den Sieg gebracht

ind tröstete im bangen Schmerz,

530 manches tiefgebeu te Herz. —

Der Franzmann zu sich selber spricht,

Das deutsche Lied gefällt mir nicht,

Denn hoͤre ich gen stolzen Sang.

So wird es mir im Herzen ban'. —

D'rum Deutsche laßt dien, Wacht am Rhein,.“
In Ehren stets gehalten sein“

(Hamtz. Veforn.J)

Mannigfalit iges.
Nitterlichteit
scheint nicht die Tugend Gambetta's gewesen
ju sein, das ist auch Anwan⸗lung der Fru⸗
alzeit, mit der ein Voll smann der Neu ʒeit
nichts gemein haben soll. Dus deweist sem
Benehmen, gegen die Gemahlin Bajane's.
Deeselbe —B während der Einfchlicßung
ihres Gemahls in' Miehz in ein Nommentioster
duf' dem rechten Loireuset, Tonrs gigenuber,
zurückgezogen, und wollie dort ein interessautes
Eleignit abwarten, als die Cap tulation von
Udetz den Dingen eine audere Wendung gab
und fie vberanlaßie, sich mit ihrem Gemuhl
u vereintigen. Da war es Gambeita, der sie
nicht nur an der Abreise verhindern, sondern
nuch als Gefangene, gleidsam als 'eine Geißel
für den Marschall, zurückhalten wollte. Nur
iner Intervention Dritter glang es, Herrn
Bambelta von jeinem Voraben abstehen zu
lassen.

22 *3
        <pb n="193" />
        Unterhaltungsblatt

W
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 60.

VBiensstag, den 28. April

1871.

Die Brüder.
OriginalNovelle von Ewald August Köonig.

Zweck und ihn zu erreichen, ist mir jedes
Mittel recht. Glaubst Du, ich werde durch
die Umkehr gewinnen? In den Augen der
Welt bleibe ich doch stets der bestrafte Ver⸗
hrecher, Zeit meines Lebens wäre ich nur
der Handlanger derjenigen, die aus Mitleid
und Barmberzigkest mir erlauben, die Füße
inter ihren Tisch zu strecken. Ich bvin nicht
chlechter, wie mancher andere, der von Gold
und Silber speißt, man muß es nur am
zechten Ende anfassen, wenn man es zu Etwas
zringen will und die krummen Wege nicht
scheuen.

„Sind dies die Früchte der Einsamkeit,
die Deinem Herzen gute Vorsätze einprägen
sollte d

——
(Fortsetzung.)

Georg sprang auf, als die Mutter eintrat,
wehmüthig zuckte es über sein Antlitz, als er
in das abgebärmt Gesicht blickte. Ohne ein
Wort zu sprechen, nahm er das Licht, um
sich in seinem früheren Schlafgemach umzu⸗
lleiden.

Wie oft hatte ert vor diesem kleinen
Spiegel gestanden, sich zum Balle oder zum
Concert geschmückt und daber seinen Träumen
nachgehangen? Und jetzt? Er schrack unwill
—AXEV
hausuniform erblickte, als er sah, wie well
und hohl seine Wangen, wie matt seine Augen
deworden waren.
Nach Ablauf weniger“ Minuten kehrte er
zur NMutter zurüuf. *

„Wohin willst Du fliehen ?“ fragte die
alte Frau als Georg ihr die Hand zum Ab⸗
schiede bot.

„Nuch Amerika,“ entgegnete er entschlossen,
„dort werde ich bleiben, bis über meine Flucht
Gras gewachsen ist und man hier an meine
Veirfolgung nicht mehr denkt·.

«Hast Du Geld zur Ueb erfahrt 7
Ich werde es haben, sodald ich dessen
bedarf.“

„Georg. Georg,“ warnte die Mutter, „Du
wandelst auf dunkeln Wegen, kehre um —“

„Dunkel oder heli, wie man's nimmt,“
fiel der junge Mann adhselzuchende ihr ins
Wort: .Vtein Leben hat nur noch einen

„Pah, Niemand ist einsam, der sich mit
den Gebilden seiner Phantasie zu umgeben
weiß, — dajzu hatte ich in den ersten Wochen
neiner Haft gute Kameradschaft. Den Secre⸗
är eines Dorfbürgermeisters, der die Bauern
zeprellt hatke und ein halbes Jahr brummen
nußte, er ist jeht entlassen. Er chat mir man⸗
hen Fingerzeig gegeben, wie mon's anfangen
nuß. um ein angesehener, geachteter Mann
ju werden. — Behüte Dich Gott, Mutter,
sobald ich in Amerika bin, werde ich Dir
chreiben, geht es mir gut, sollst Du auch Dein
Theil haben.“

„Für Hugo hast Du keinen Grußs
fragte die Mutter dittend.

Ein Schatten des Unmuths flog äber die
Stirn des jungen Mannes.

„Für ihn ?“ erwiderte er barsch. „Er hat
nie bewiesen, daß er der Liebe eines Bruders
werth ist. Sein Haß hat mir schon die Tage
        <pb n="194" />
        kier, weuiger aus Guthetzigkeit, als um sich

den Namen eines Mäcen zu verschaffen, setzte

dem jungen Mann ein kleines Jahrgeld aus,

velches zwar zur Bestreitung der geringen

Bedürfnisse des Studenten nicht hinreichte,

aber doch immerhin einen Theil derselben

deckke. Späier, als nach bestandenem Examen

Waldau beim Gerichtshof in seiner Vaterstadt

augestellt weard, siand ihm das Haus des

Bankiers offen und Helene war der Magnet.

der ihun stets dahinzog. Bald fühlte er eine

lebhafte Neicung zu dem hübschen Mäuchen

jn seinem Herzen erwachen aus einigen An—

zeichen glaubie er auf eine Erwiderung dersel⸗

den schließen zu dürfen, um so mehr kränkte

Zweites Kapitel. es ihn, als der Commerzienrath ihm ohne

Dunkele Wege. Umschweife sagte, seine Tochter hlebe den

Der Referendar Waldau hatte während —— müsse er die Be⸗

der ganzen Nacht kein Auge geschlessen. Die . —* —5— hatte er dem Bantier

Erinnerung an ie Forte geß Donterh ulaln feindlichen Groll nachge tragen und dieser Groll

ein Herz mit einer Bitterkeit, die ihm weder i d —* ie nnen

Rast noch Ruhe lieb · Bemerkung Luft, welche die Braut, wie auch

Ein armer Referendar, ohne Einkommen, den Vater empfindlich berühren mußte. Doß

ohne Vermögen, und ein rricher Guisbefiter. der Commerzienrath diese Bemerkung nicht

ein Mitglied des Landtags, dessen Stimme schwelgend hinnahm, daß er sih dagür vn

Geltung, dessen Name Klang kaite! dem jungen Manne durch jenen stolz n Hohn

Also deßhalb hatte Weber ijm die Hand rächte, sieigerte den G.oll im Herzen Waldau's

der Tochter verweigert, weil er eben nur ein zu glühendem Haß, der um so verhängnißvoll er

Referenoar, in seinen Augen ein Nichts in für den Commerzienrath wurde, als sein Ver⸗

der bürgerllchen Gesellschaft war. nögen nicht mit dem Prunk und dem Stolz,

Auch der Commerzienrath sollte zu diesem mit welchem er aufteat, in Einklang stand.

Nichts hinuntersinken, auch er sollle noch ein Der Referendar wußte dies, er wollle ihn

mal zu dem Standpuntt. auf dem er jetzt ganz drem wien. here sß

wit so anmaßendem Stolze sich brüstete, deeAn Abend näch jenem Hochzeitstag saß

müthig hinaufblicken —Das war der jeste er in einer Weinschente, mit dem Bu chhalter

Fntschiuß des Referendars, der mit zäher des Bankiers in vertraulichem Gespräch be⸗

eeee — lte ise geneigter Leser verzeihe wenn ich
Jose aldau wa ⸗ J

wee hatte deide Eltern verloren, als er den letzteren nicht als das Muster eines ge⸗

iben das zweite Semester seiner Universitärs⸗ kreuen aufrichtigen Dieners scheldere; ich muß

fludien zurücklegte, abler mit eiserner Ausdauer hn zeibnen. wie er ist, mit allen seinen Licht

bor dem Kampf mit Mangel und Eleno minait und Schattenseten, meine Schuld ist's nicht

zurüchschredend, sein Ziel eu reicht. Sein Scharfe vwenn der Leatzteren so viele sind, daß sie die

ideeine — war ebenfalls eine

mit welchem er sich seinem Beruf widmete, erdinan

—&amp; ihm * Achtung und Liebe seiner Wa'se und als solche einem pietist schen Vor⸗

—X Beförderung munde übergeben worder, der die Frömmigkeit

gewiß sein. Sein Vater war mit dem Com⸗ gleichviel, ob — &amp; * *

nerzienrath bejrteundet gewesen und der Van⸗erste Stufe zur Glüchse ligkeit hielt und nich
        <pb n="195" />
        eher ruhte, bis in dem Herzen seines Mün⸗
dels der Glaube an die Unfehlbarkeit des
Lehrsahes Wuriel geschlagen hatte. Der
Knabe machte denn auch zur Freude seines
Vormundes in dieser Beziehung bedeutende
Fortschritte, er bestahl syst matisch die Vor⸗
rathskammer des frommen Mannes, leerte die
Flaͤschen im Keller dutzendweise. und kounte
wenn Jemand es wagte, auf ihn Verdacht zu
werfen, mit einer so frommen Miene ge⸗
fträukter Unschuld den Verleumder anblicken,
daß dieser seine Vermuthung zurücknahm und
um Entschuldigung dat. Im Hause eines got⸗
jesfürchtigen Kaufmanns bestand er seine
Lehre, und hier fand sein Talent in der
Verstellung hinreichend Gilegenheit, sich weiter
aus zudilden. Der Pfarrer versch ffte dent
feißigen Kirchengänger den Posten eines Buch⸗
haliere im Geschaäft das Commerzienrathes
und bald genoß er das volle Vertrauen seines
Prinziipals.

Waldau hatte diesen Mann schon einige

Male in der Weinstube angetroffen und gleich
am ersten Abend durchschaut. Hierauf seinen
Plan bauend, zweifelte er nicht, daß es ihm
gelingen werde, den Buchbalter für sich zu
gewinnen. Und in dieser Vermuthung hatte
er sich keineswegs getäuscht. Der Buchhallter
zuldete die Annäherung des Referendars, ja,
er kam ihr auf halbem Wege entgtgen, als
Waldaun eine Flasche des fensten Weins be⸗
stellt, und den alten Mann einlud, mitzu⸗
zrinlen. —
Ich hatte schon längst, wenn ich Sie
jeden Abend so still und einsam auf dem
gewohnten Platze sitzend sah, Interesse an
Ihnen genommen,“ hub der Referendar im
daufe des Gesprächs an, „Ich dachte mir
—
scheiden von den Znsen seines kleinen Ver⸗
mögens zehrt. Sie haben in Ihrem Auftreten,
Ihrem ganzen Wesen etwas Gediegenes, ich
möchte sagen, eiwas Würdevolles, und dies
hielt mich bie jetzt ab, eine Annäherung an
—AR

Der Buchhalter, dessen Eigenliebe sich ge⸗
IRVV
nicht unterdrücken .

„Ich könnte längst Rentner sein,“ erwi ⸗
derie er, „wenn mein Vosten in dem Bank⸗

hause, „Weber und Compagnie“ mir ein bes—
jeres Einlommen abgeworfen hätte. Sie müssen
wisen, daß ich seit zwanzig Jahren Bu vhhalter
in diesem Hausfe bin, daß ich dort gleichsam
den ersten Posten dekleide —“

„Der Ihnen gewiß ein schönes Gehalt
einbringt,“ schaltete der Referendar. ein.
Keineswegs, der Commerzienrath ist in
dieser Beziehung keineswegs freigebig,“ fuhr
der Buchhalter fort, dem der Wein bereits zu
stopie ste g.

Der Referendar füllte die Glöser wieder
und stiezz mit dem alten Manne an.

„In früherer Zeit war es Sitte. daß
man solche Leute, wenn sie ihrem Pesiten so
lunge vorgestauden hatten, als Theilhaber in
das Geschäft aufnahm,“ versetzte er lauerud,
„visleicht wird Ihr Prinzipal Sie eines Mor⸗
gens ebenfalls mit dem Geschäftsvertrag über⸗
raschen.“

„Es wäre Thorheit, Ich einer solchen
Hhoffnung auch nur im Traume himzugeben,“
erwiderte der Buchhalter mit bedeutsamen
Achselzucken. „Aber gesetzt auch, er böte mir
wirklich diesen Contract an, ich würde ihn
nicht unterzeichnen!“

„Weshalb nicht,“ fragte Waldau rasch.
„Weshalb?“ Weil ich nicht später den
Kopf in's Loch halten will, wenn — —
doch wir reden da in einer öffentlichen Wein⸗
schenke über Dinge, welche nicht für jedes
Ohr passen. Lassen Sie mich hieber schweigen,
jm Lauf⸗ der nächsten Jahre wird Ihnen der
Siun meiner Worte vielleicht klar werden.“

Der Referendar erhob sich.

„Sie siad ein Thor,“ sagte er leise,
während er sein Glas und die Flasche vom
Tische nahm, „kommen Sie mit dort, in's
sabinet. ich will Ihnen den Weg zeigen. auf
welchem Sie sich zum alleinigen Inhaber
dieses Geschäfis emporschwingen fönnen.“

Der Buchhalter sah mit einem Gemisch
von Erstaunen und Neugierde in das Antii
des jungen Mannes, der bereits im Stillen
über den glüclichen Erfolg seine Operationen
reumphirte, dann erhob auch er sich. um dem
R.f rendar in das Nebenzimmer zu folgen.

In einer Ecke des Gaftzimmers saß ein
nͤemlich großer, elegant gekleideter Herr. wel⸗
cher anscheinend nicht das geringste Juteresse
        <pb n="196" />
        an der Unterhaliun, der Beiden genommen,
sich vielmehr angelegentlichst mit der Zeitung
beschäftigt hatte. Ein scharfer Beenhachter
würde indeß bemerkt haben, daß dieser Fremde
weniger der Ze tung als jenem Gespräch seine
Aufmertsamkeit schenkte. Jetzt, als die beiden
das Zimmer nerließen. stand auch er leise
auf. Seine äußere Erscheinung tug ganz das
Gepäge eines denischen Gelehrten. Lange
blonde Locken fi⸗lea unter dem breiträndigen
Hute, den er tief ins Geficht gedrüdt hatte,
auf die Schultern nieder, und die Spitzen des
dichten blonden Bartes reichten bis auf die
Brust. Anscheinend absichtslos setzte er sich
dicht an die Thür, welche in das Nebenzim⸗
mer fübrte, und durch einige geschidte Beweg⸗
ungen wußte er diese um die Breite eines
Fingers zu öffnen, oune daß die Beiden,
welche ganz in ihre Unterhaltung vertieft waren,
dies bemerkten.

„Sie sind mil ihrem Prinzipal unzufrieden
und ich glaube den Grund dieser Unzufrieden⸗
heit in dem anmaßenden Stolz und der
Verachtung, mit welcher er auf Alle, die ihm
gleich stehen, herabsieht, fiaden zu lönnen,“ hub
der Referendar an.

„Errathen“, versetzte der Buchhalter, „ich
hasse diesen Stolz, der um so unerträglicher
ist, als der Commerzienrath eben keinen Grund
hat, sich auf einen sehr hohen Standpuntt zu
stellen. *

IJh weiß, sein Geschäft steht nicht mehr
so sest,“ fiel Waldau ihm in's Wort, „bedeu⸗
tende Veriuste haben die Fonds geschwächt,
indeß, einige glückliche Operationen lönnen jene
Veriuste dald wieder einbringen.“ 1

Gewiß!“ meinte der Buchhalter. „Auf
wessun Schultern aber ruht die Last? Wer
muß die Operatisnen ersinnen und leiten *
—Ich, der Bantier sitzt in seinem Kabinet
und liest die Zeitungen, von mir wird die
Leitung des Ge schafts verlangt.·

Die Uunterhaltung stockte eine Weile. Der
Nelkerendar füllte die Gläser und noöthigte den
alten Mann, zu trinken.

‚Wissen Sie, wos P'pin der Kleine in
einen solchen Falle thau?“ hud Waldau end⸗
lich on. „Er sragte den Papst, ob der

caiser sein solle, weicher die Krone trage,
oder d er, welcher regiere ? Darauf anwortete
der Papst, der, welcher regiere. Ppin saidte
den Kaiser in's Kloster und bestieg den
Thron.“

Der Bu chalter lächelte. „Kurz und bündig,
— so liebe id's.“ entgegnete er, „aber wie
paßt dieses Stüchchen deuischer Geschichte auf
mein Verhältniß zu dem Commerzienrath?“

‚Wir passen es ihm an, ich denke so viel
Grütze werden wir beidelhaben. Gesetzt. Sie er⸗
scheinen eines Tages als der alleinige Inhaber
der Firma. „Weber und Compagnie“ in der
Borse, würde das für Sie nicht ein großer
Triumph sein Vielleicht böte Ihr jetziger
Prinzipal Ihnen dann als Agent seine Dienste
an; stachelt das nicht Ihren Ehrgeiz?“ —

„Ich würde darin nur eine große Ver—⸗
geltung des Schichsals finden, wie aber wollen
—A

GFortsetzung folgt.)
Mannigsaltiges.

Newyork. Ein Blatt erzählt, daß
züngst in einer öffentlichen Schule zu Fall
River, in Massachusetts, ein kleines Mädchen
sich beim Schulmeister beschwerdete, daß ein
stnabe mit einem Pistol auf ihre Füße gezielt
habe. „Wer trägt Pistolen bei sich ?“ fragte
entrüstet der Schulcme ster, und auf der Stelle
meldeten sich fünf Knaben, die geladene Pi⸗
stulen aus ihren Taschen producirten.

Irn Paris starb der Vater Henry Roche⸗
foris. 81 Jahre alt; er war früher Mitarbeiter
äXR
Tayenne, hatte mehrere Vaudevilles, Volks⸗
dramen und Chansons verfertigt und war
päter Stammgaft in dem Caf des Varietös,
wo er den Spaßmacher spielte.

Räthsel.
Mir gehl's gerade wie den schechten Leuten,
Man dibt sich mit mir ab, so lang man mich nicht lennt;
Dleichgunig Jeder mir den Ruͤten wendi.
Sobald er weiß, was ich had' zu bedeuten.
Auslbjung des Logogryphs in Nr. 47 des Unferhalt⸗
—X
5 Druc anVerban goi . A. Deqdrez in St. Inabert. *
        <pb n="197" />
        Anterhaltungsblatt

amn
St. Ingberter Anzeiger.
Vn. I.

Vonnerstag, den 27. April I7.
Zie Brüder.
Driginal-Novelle von Ewald August König.

hat schon vor einigen Tagen bedentende
Einkaufe machen wollen, ich rieth ihm ab,
weil bis zum Frühjahr die Preise jedenfalls
iallen werden. Rede ich ihm Morgen zu, so
sauft er augenblidlich, so biel er nur bekom—
nen kann.“ *

Der Rrferendar erhob sich und durchschritt
einige Male das Zimmer.

„Sie haben nicht nöthig, sich Scrupel
deßhalb zu machen,“ sagte er, indem er vor
dem alten Manne stehen blieb, der schon im
Heiste sich den Augenblick vergegenwät gle,
n welchem er als Cuef des Hauses Weber
und Compagnie“. in der Börse erscheinen
würde. „Im Gischäftsleben gilt nur die
Schlauheit. wer sein Schäfchen zu öcheeren
veiß. ist zin Nart, wenn er es aus übertrie
zener Ehrliatkeit hicht tbut. Ich biu überz ugt,
der Commerzienrach verachtet deu drummeun
Weg nicht, wenn er auf dem geraden das
gewürschte Jiel nicht erreichen sann.“

Der Buchhatter schütteite den Kopf und
ein Lächeln des Hohues umspielte seine
Lppen. J

Ich könnte Ihnen Stüdchen von ihm
zriäulen, welche diesen Glauben rechtfertigen.“
erwiderte er. Höten Sie nur eins. Als der
hor einigen Monaten verurtheille Cassirer
Beorg Kraud verhaftet wurde, ließ der Cezn⸗
merztenrath den Iveiren Cunfirer in, fein
Fabinet rufen. Ich ward hinausge schicht unv
dieser Befehlereijte · mich, ai der Thüre u
horchen.“ Jeer Mensch war demg Kanbkier
XR empfohlen, er bau⸗ dia
Fälschung entdeckt. Ich üörteè deumtich, daß
der Commerzienrath zu ihm sagte, es merde

(GFortsetzung.) J

Der Referendar setzte das Glas an. die
dippen und ließ schweigend seinen Blick eine
Wene auf dem Antlitz des Buchhalters
ruhen.

„Nehmen wir den Fall an, das Bankhaus
fallirt, nachdem Sie durch geschickte Spocue
lationen sich in den Bsitz eines kleinen Ver⸗
mögens gebracht haben. Sie kennen die
Gläubiger und übcerreden diese, mich zum
Syndik zu wählen. Der Bankier bhat nicht
die Mittel, durch einen günftigen Accord die
Firma zu retten, Ihr Vermöa'n biett Ihunen
dieselben. Sie saltetze 1den Accord ah, wobei
Sie auf meinen Beistand recnen kö nen, und
doernehmen Act va und Passiba. Dem Com-
merz enrath madt maun einige Concessionen,
um ihn zur Uebertraaung der Firma zu be⸗
wegen, später erinnert man sich denselben
nicht.“
Der Buchhalier sah sinnend vor sich hin.
„Der Pliu ist aut“ sagte er. Es käne
vorläufig nur darauf an, den Bantier in die
—V

Taa dürfte Ihnen dem, Leiter des Ge⸗
scasis nicht schwer fallen. Sadließen Sie
bedeutende, Lickerungsgeschäfte in Oel und
Betreide für den Frutjahrstermin ab, wählen
Sie dazu einen Agenten, der den Gewinn mit
Ihnen theilt.“ I
„Ja,— ja, so könnte es gehen,“ fiel Helmes
lebhaft ihm in's Wort. „Der Commerzienrath
        <pb n="198" />
        ihm lieb sein, wenn mehrere Fäifchungen ent⸗
deckt würden, man folle nur die Bücher noch
einmal genau durchsehen, auf einige Hundert
Thaler Banco meht oder weniger komne es
ihem nicht an. Läg- nur diese eine Fälschung
vorn, jo würden viell icht mildernde Umslände
ungenommen und dann treffe den Verbrecher
etne gelinde Strafe. gewisse Unstände aber
muchten eß ihm wünschenswerth. daß derjselbe
jür immer veruichtet werde. — Der Cassirer,
eine stille Creatur, versprach nachzusehen, und
wirklich fanden sich am nädften Morgen noch
ein halbes Dutzend Bew ise gegen Kraus.
welche diesem drei Jahre Zuchthaus, dem
Cassirer einen hü schen Gewinn eintrugen.“ —

„Schändtich!“ murmelte der Referendar.

„Jh kann den Haß nicht eraründen, den
der Bankier diesem jungen Menschen nachtrug,
straus war allerdings etwas leichtsinnig, aber
im Grunde doch sehr gewissenhaft und thätig;
es wag wohl sein, daß er jene Hundert
Thaler nur nahm, um seine Maͤtter aus der
NRoth zu retten.“

„Ich will Ihnen den Grund nennen,“
versetzte der Referendar. „Kraus hatte die
Kühnheit, um die Tochter seines Prinzipals
u werben und Helene war dem Bewerber
durchaus' nicht abgeneigt. Man redete in den
Cn keln' der vornehmen Welt damals viel von
geheimer“ Verlobung und beabsihtigtet Ent⸗
ührung, deßhald mußte der junge Mann un ⸗
chädlich gemacht werden. Ih mag ihm wünstchen,
daß er glücklich über die Grenze kommt, man
hat seine. Zelle hute Morgen deer gefunden
und wird dein unserm langsamen Verfahren
mit' dem Steckbrief wohl' warten, bis er über
alle‘ Berge ist·· —
Er nahm nach diesen Worten jeinen Stod
und setzte den Hut afff.
MNoch eins!“ verseßte der Vicchhaler,
indem er aufstand und' sein; Glas! leerte
Weshalbetragen gerade Sie dem Vantich
dielen Groll nach, er hat Ihnen doch während
Ihrer Studienzeit —*
Ein Almosen hingeworfen 2 fiel Waldau
ihhm mit bitterm Groll in“s Wort. Glauden
Sie, daß ein solch⸗s Almosen mich zu ewiger
Dankbarkeit nerpflichten muß d“ Weßdalb hat
er es mir gegeben F Etwa aus Gutautnig;
kein F aus Blitleid 1 Oder, um sich den Nat

men eines Vdäcen zu geben, um ver der Welt
damit groß thun zu können, daß er arme Ta⸗
sente unterstitze 7 Ih glaube, daß das Letztere
der Fall ist, deshanb bin ich ihm keinen Tank
schuldig. — Die Gründe meines Hesses de⸗
halte ich für mich, jorschen Sie ihnen nicht
nach, Sie werden sie nicht erfahren.“ — Er
tichte dem Buchhalter die Hand. „Jeder ist
seines Glückes Schmied,“ jsuhr er fort, „be⸗
denken Sie, daß Sie vor dem Ambos siehen
und nur auf das dlüsende Eisen shlagen
dücsen; seien Sie thätig und verichwiegen.“

Der Buchdalter drückte die Hand Wasdaus.
„Ich werde schon mogen die ersten Schritte
thun und zweifle nicht daß der Siurz der
Firma mir geleugen wird. Das Uebrige über⸗
lasse ich dann Ihnen.“

Der jung; Gelehr e im Gastzimmer hatte
sich, als die Beiden aufstanden, wieder in
seine frühere Ecke gef tzt. Seine Züge maren
ruhig und unbewegt, nichts in ihnen verrieth,
ab und wie sehr jenes Gesprächh ihn interef⸗
sitte und welchen Eindruck es auf ihn machte.
RKurz nahdem die Beiden die Scherke
berlassen hatten, ging auh er“ hinaus. —
Mitternacht war nahe:! Der Fremde wanderte
durch mehrere Straßin und blieb endlich vor
cinem großen und schöen Haufe stehen. Die
Fenstet waren durch diche Enenstäbe vor dem
Eindringen Unberuf ner geschützt; auf der
schweren; mit Schu tzzwerk reich verzierten
Hunsthürb prangte ein Misüngschilkd mit der
Inschrift: —NRWeber und Corpagnie.“ Dicht
neben der Huu thurt vefand sich tine zweite
steine Thür,' welche auscheinend einen Durch⸗
gang schloß,“ der in den Hof führte. Der
Fremde zoge einen“ Schlüssek aus der Tasche,
zffnete diese Thür und drückte sie hinter sich
eise ins Schioß.

„Ein Glück eist's fir mich. daß der Rath
des altek Steffeus, hier inen eisrrnent Quer⸗
dalten anbringen zu lassen, bis hente noch
—X — w
te durch die Gasse auf den Hof schrine „Si
wird hier unten in süßer Ruhe neden feinem
hunde schlafen und das Haus durch seinen
schlummernden Mops hinreichend bewanht glau⸗
ben. Um so größer ist morgen früh sein Er⸗
stannen, wenn er bemerlt, daß der Mopt
seind Shuldigkeit nicht gethan hat. — Bah,
        <pb n="199" />
        der Mopt kann nichts dafür, seine Fettleibig-
frit eriaubt ihm angestrengte Wacsamkeit
nicht. — Und Sieffens? — Er ist alt und
verschlissen, sein Gehör hat abgenomenen. —
Wer damals edacht hätte, daß die Nachläs⸗
jigteit, welche ich so oft rügte, mitz noch ein⸗
mal jum reichen Mann machen würde!“ suhr
er fort, während er die Stange,“ welche den
Riegel der Schlagladen hielt, ohne Mühe
herauszog und die Laden öffnete. „Steffens,“
sagte ich fast jeden- Morgen, „Ihr muüñt
wieder einen ei sernen Zapfen in die Stauge
machen lassen, sie erfüllu sonst ihren Zwick
nicht.“ — „Basn,“ erwiderte ex dann, „wissen
die Diebe, daß der Zapfen fehlt d. Und wenu
sie es untersuchen wollen, sind wir Beide
nicht da?“ Ich mit meinem getadeaen Dop
dxlzewehr und mein Mops mit seinem, guten
Beb 3 49

Der alte Mann wird's morgen bitter
bereuen, duß er meinen Rath nicht befolgt
hat, schwerlich aber vermuthet er, daß · j ner
Nathgeber und der Dirbe eine und dieselbe
Person sind.

Der Feemde nahm jetzt aus der Tasche
seines Mantels ein zfemlich, umfangreiches
Backet, oͤssnete es und besicich eine Scherbe
dese Forsters mitr schwaxzer Seifez Dann.
brückte er diese Scheibe gejchickt mo gerquschlo
uin. Es horchte einen⸗ Angenblick Jus dem
nroßen Hanse bliab; Alses stalil.
Iun Sniäubere hate Rechtz? murmelte ar.
„Muibh ist die Ha ptsahe. Kützu⸗ und · si ter
auftieten, das führt am raschesten zum Ziel.“

Gr sstiea leise durch das Fenster unhh ve⸗
fand sich jen in einem zieimlich großen Jimmer,
in welchem mehrere Schreibpulte und Schränte
standen. Oqne sich auf zuhoiten, hifnete er eine
Thüt und trat in eine keine Suabe welche
hzurch eine Gitterwand in Häuften getheilt
war. Vor die yn Gilter standen mehre rg
Zaultische, seitwaͤris an der, Waud zwei erseraie
Schranute. Der⸗ Freude zoqg einige Schlüsßel.
aus der Tasche und nad rie sich demmerlitem
Schrankt. ·—

.Es war( ein gehrhheidter, Einfall des
Glücks. daß es mich vergessen ließ dies dritte
Eremplar Schlüssel abzugeben.“ flüsterte er,
Der Commerztenrath liess eb zu üdiordern,
als ich im Gefäugnig saßßz und ich schüßte

hor, ich wisse nicht, wo es sei. Hal er gegen
neine Vermuthung die Schlösser ändern
lassen, so war der Einbruch umsonit. Aber
derjuchen wir's, ich glaube nicht, daß er dies
für nörhig hielt.*

Er steckte den Schlüssel ins- Schloß und
ein leises freu iges „Ah!“ entfuhr seinen
Lppea. als er hemerlte, daß die Feder nach
zab. In der nächsten Minuse war die Thüe
zeöff ꝛet. Der Fremde schoh die vorhandenen
Banuknoten, in die Taf ve, ließ diesen verschie⸗
»ene. Rollen iolgon, welhe · auf der blauen
Papierhülle die Bnerkung Fünfzig Lou sd'ors
zrugen und jchloßß den Schrauk wieder zu.
Danun verlieiß ed das Haus auf demselben
Wege auf welchem er hineingekommen war.

Niemand hatte diesen Einbruch bemerkt.
Steffens der Kuecht und Hüter des: Hauses,
schlief so sest, vie sein fettleibiger Mops und
lein Nachtwächter befund sich in der Steaße,
als der · Fremde die Thür des Durchgangs
hinter sich schloß. Der Dieb hüllte sich fest.
in seinen Mautel, und bog in eine enge Gasse
ein, in der er an den, Feusterlasen eines
leinen ziemlich? verfallenen Hauses; dweimal
leise pochte, Gieich darauf, wurde dier Thür.
gebfferetz. der Fremde stand, einem. kleinen⸗
sch vã dlichen Manne gegenützer, dessen ⸗blasfee
tinurfallenen. Wang in das trüba, Lechte der
De lampen· nur. noch dleich ve erscheinen üeß

elungen 70 fragte diejer lalon sch.

—X—
ebenso kurgz, während er Hut nand Mamiel.
ablegte. „Wir reisen. morgen früh mit dem
ersten Zugs ab. Du weißt. unter welchen
Nnmnen z ich als der Profesjor. Chr an
Zeller, Du alß mein Zogling Erush von
Leuben. Damt wir aqumdiese neuen. Jitel.
uas; gewöhnen, wollen wir schan jchzt die
Vollen überneymen ·.

Vnr recht exiihderte der Angperrdete:
würtihu. n ztige zuhoh, me veel Dar ere⸗
oberq is. .*

Wlubs Du., ich lasse · mir Vorschriften
machen ?* fuhr der Meupo. Prafssor darsch
auf Vor allen Dingen; hole eine Flasche
Wein, der nächtliche Spaziergang, han meine
deult troden gemacht.“

.Du kennst unsere⸗Absprache? ehrlich
getheilt, e erinderte der Kleine, indem er den

721
        <pb n="200" />
        stechenden Blick fest und drohend auf dem
Antlitz seines Genossen ruhen ließ.

„Narreuspossen!“ Glaubst Du wenn ich
mein Versprechen nicht halten wollte, würde
ich zu Dir, zurückgekehrt sein ? Hole den Wein,
das Andere findet sich später.“

Mur end ging der Kleine hinaus, um
gleich darauf mit der verlangten Flasche zu⸗
rüctzukehren.

„So,“ nahm der Profefsor das Wort,
naͤchdem er einen tiefen Zug aus der Flasche
gethan hatte, „jetzt untersuche dort den Man⸗
jel, ich habe das Geld hineingeschoben, wie's
mir eben in die Häsde fil ·...

Zitternd vor Ungeduld kam der Kleine
dieser Weisung nach, seine Augen leuchteten,
als er die Päckchen auf den Tisch warf.

„Eins, zwei, drei, sechs. sieben, acht zu
Tausend in Einhundert⸗Thalerscheinen, zehn
zu Taufend in Fünfzig Thalerscheinen, fünf
zu Tausend in Fünfundzwanzig- Thalerscheinen,
bier zu Tausend: in Zehn⸗Thalerscheinen!
Siebenundzwanzigtausend Thaler, ich glaube,
es reicht hin zur Ueberfahrt?!“

„Und d.ese Goldrollen,““ sagte der Pro⸗
fessor ruhig, indem er die Rollen auf den
Zisch warf. „Ich nahm sie mit, weil wir
Vunze haben müssen ··.

Vier zu fünfzig,“ fuhr der Kleine sort,
wrihundert Louiso'or. elft, undert Thaber.
Ich gratulire, Du hast Dein' Piobestück gut
gzemucht und lannst es in der Welt uoch zu
miwas bringen.“

Ueber Sdie Züge des B'sobten glitt ein
bieliagendes Lächeln, er dachte an die beiden
Pack deu, welche er währeud tder »Aow⸗ senheit
des Genofsen kin die Tasche gesteckt hatte, ste
allein eithielten zwölsidusend Thaler. ————

Du kennst diso Deine Nolle,* huber
an, „ich bin Dein Mensor, der auf deu
Wunsche Deilles Birters? Dich nach Amerika
degieitet, um Dir Land uud Leuie dor zu
Jeigen, gib also wohl acht, daß Du kerne
Dummhiten begelst welche Verracht erwecken
können. Siud die Pässe fertig ?“

Der Kleine nickte. „Alles in bester Ord⸗
nung, die Koffer g packtt und die Anzüge für
uns mit den nöthigen Schmuck⸗- und Toilleite-

zgegenftänden eingekauft. Ich besaß von früher
noch einige Paß Formulare, die Unterschrift
neines ehemaligen Vorges'tzten ist so iäuschend
na bgemacht, daß er felbst sie für echt halten
vürde.“

„Sind die Pässe visirt 7*

„Natürlich“ Der amerikanische Consul
stand keinen Augenblick an, gegen Entrichtung
der üblichen Gebühten, seine Hahnen füße unter
das Pipier zu setzen. Er wünschte mir glück⸗
liche Reise und ich war so hoflich, ihm dafür
zu danken.“

„In welcher Kleidung warst Du dort ?“

„Natürlich in meiner Zözlingsmaske, der
breit umgeschlagene Hemdkragen gab meinem
bartlosen Gesicht ein recht jugendliches Aus⸗
sehen; ich mußte heimlich in mich hineinlachen,
als ich auf dem Consulat mich in einenm
Spiegel betrachtete.“

„Gut,; von dieser Seite hätten wir also
wenig oder nichts zu befürchten, haben wir
erst die Geenze hinter uns. bangt mir nicht,
daß wir glücklich hinüberkommen werden. Wo
aber lassen wir das Geld ẽ Im Gepäck ist es
nicht siher genug —“

FFreilich nicht,“ fiel der Kleine ihm in's
Wort. „Für den inmmerhm möglichen Fall
tiner Verhaftung daiß man die Baukuoien
micht bei une fiuden.“

Ueberdies wird das Gold zur Ueberfahrt
zenügen,“ jehzie der Professor dinzu. „Ich
jatage vor, wir Jegen das Gold in den Kaffer
ind nehmen uimmer nur so viel, als wit für
den' Nächsten Tage gebrauchen, zu uns, die
Baiknoten schnallen wir am bisten in einem
deibguet um den Leib, dort sind geam sicher⸗
sten aufoewaurt)

Der Rleme nickte zustimmend, eĩ wußtekernen
bessern Rath diesen Voischlage entgegen zusezen.
cEr ging hinaus und kehrte dald darauf
wieder mit einem Hemd. kinter Scheere und
Nädz ug zurück. Ehe eine Stunde verstrichen
war, hatten die beiden Rännet die Vanknoten
in zmei Binden eingenäht, wolche sie iu ihre
Schlafzimmer mitaahmen —— —
. Gaortsetzung folgt.

J 7
3 3*
3*8 99 —34t.

Druct una Verlau von F. X. Die a etz in Si. Ingdert. — D 46
        <pb n="201" />
        Unterhaltungsblatt

zum

J *
St. Ingberter Anzeiger.“
DRie Brüder.
Original-Novelle von Ewald August König.

GFortsetzung.)

Am nächsten Morgen saß der Referendar,
ganz mit seinen Racheplänen beschäftigt, in
seinem Zimmer. Er malte sich im Geiste den
Augenblick aus, in welchem er vor den ban—⸗
kerotten Bankier hintreten wolle, um ihn seine
eigenen höhnischen Worte: „Ein Mann ohne
Vermögen, ohne Einkommen, ohne Stellung“
zu erinnern. Er wollte ihn nicht schonen. Alie
Bilterkeit der Armuth und des Elends ssollte
der reiche, stolze Mann kosten, und war dies
erfüllt, dann — Der Referendar ballte zornig
die Faust, sein Haß fand nicht eher Ruhe,
bis er befriedigt war, — plötzlich ward die
Thür hastig geöffnet, ohne anzupochen stürzte
der Buchhalter athemlos ins Zimmer.

Waldau spraug bestürzt von seinem Sitz
auf, er glaubte im ersten Augenblick nicht
anders, als sein ganzer Plau sei durch irgend
ein Spiel des tücksschen Zufalls vereitell.

Helmes wischte den Schweiß ab, der in
großen Tropfen auf der Stirn stand und
holte tief Athem. „Alles verloren!“ sagte er,
„die Kasse ist um vierzigtausend Thaler be—⸗
sttohlen, wir sind schon jetzt fallit!“

Gleich dem Nebel vor der aufsteigenden
Sonne schwand die Bestürzung Waldaus vor
der Freude, welche fein Herz erfüllte.
Was kümmerten ihn die Privatangelegen⸗
heiten des Buchhalters, war nur der Bankier
gestürzt, so konnte seinetwegen das ganze Ge⸗

— :

schäftspersonal mil ins, Verderben gerissen
werden, das galt ihm gleihe. 8

„So erzählen Sie doch,“ sagte er, nach—
dem er den alten Mann nöthigte,“ sich aufs
Sopha zu jetzen. „Wann wurde die Kasse
bestohlen ? wer hat den Diebstahl ausgeführt ?“

Der Buchhalter hatte inzwischen seine
Fassung wiedergefunden.

„Unserer Absprache gemäß ging ich heute
Morgen um neun Uhrr in das Kabinet des
Bankiers, um ihm zum Asschluß des Geschäfts,
velches ihn in's: Verderben reißen sollke, zun
tathen. Er war erfreut, zu hören,“ daß vch
eine korrupte Ansicht theilte und gab mir den
Auftrag, das Geschäft zu besorgen. Ich schlug
ihm einen Agenten vor, den ich kannte und
mit welchem ich in Bezug auf die Theilung
des Gewinnes schon fertig zu werden- hoffte.
Er gab mir plein pouvoir und schon wollie
ich das Kabinet verlassen, als der Kassirer,
bleich, athemlos, mit berstörten Blicken eintrat.
Wir ahuten nichts Gutes, auch von den Lip⸗
pen des Commerzienraths verschwand das
Lächeln, als er einen Blick in das Autlitz
des Eingetretenen warf. Denken Sie sich
unsern Schreck, als der Kassirer in abgebro—
chenen Sätzen berichtete, die Kasse sei in ver—
wichener Nacht um vierzigtausend Thaler be⸗
stohlen, nur einer von unserm Personal köune
den Diebstahl verübt haben, deun weder der
eiserne Geldschrank noch ein. Schloß sei be⸗
schädigl. Wir unterstechten daß Terrain, der
Dieb war allem Auschein nach durch die Gasse
gekommen, hatte eine Scheibe in dem Fenster
des Comptoirzimmers, welches an der Gurben⸗
seite liegt, eingedrüct und das Fenster gedffnet.

— 3** —DDVVD—
        <pb n="202" />
        Er mußie die Schlüffel zum Geldschrank be—
sitzen, ebenso den zur Thür des Durchgangs,
ferner wissen, daß in der eisernen Stange,
welche die Schlagladen vor jenem Fenster
jchließt, der Zapfen fehlt und drittens den
Bestand unserer Kasse kennen, da er gerade
diese Nacht zur Ausübung seines Verdrechens
wahlte.

„Ich fiade es unbegreiflich, daß eine so
bedeutende Summe über Nacht in der Kasse
blieb,“ versetzte der Refferendagdg.
z3Wir haͤtten das Geld gestern Abend bei
der Bank geholt, weil heute Morgen Wechsel
in diesem Betrage vorgezeigt werden sollten,“
fuhr Helmes fort, „warum es der Kassirer
schon gestern und nicht erst heute Moigen
holen ließ, ist nach dem Vorgefallenen nicht
schwer zu begreifen. Mein Verdacht fiel gleich
auf ihn. Er besaß die doppelten Cassaschlüsset,
das dritte Exemplar war durch unseren frü⸗
heren Kassirer Kraus abhanden gekommen.
Faljche Schlüssel zu diesen Brahmae; und
Thubbe Schlössern konnte der geschidteste Schlosser
nicht anfertigen, wenn er nicht die Schlösser
abmacht, um ihre Construction vor Augen
zu haben, — also —“

„Nun, also?“ fragte Waldau. „Isi es
nicht ebenso gut möglich, daß Kraus, der, wie
Sie wissen, gestern aus dew Gefängnisse ent⸗
Ioh, das dritte Exemplar Schlüssel benutzte,
um sich das Reisegeld zu verschaffen ?5

Nein,“ erwiderte der Buchhalter bestimmt.
Erfiens hatte Kraus die Schlüssel verloren,
zweitens lounte er nicht wissen, daß der Zap
sen in jener Eisenstange fehlte, drittens besaß
er nicht die Verwegenheit, nach seiner Flunt
noch vierund;zwanzig Stunden hier in der
Saadt zu bleiben und viertens wußte er, daß
wir nie mehr wie einige hundert Thaler über
Nacht in der Kasse haben. Danun muß man
bedenken, daß der Kassirer damals, als der
Conmerzienrath Beweise gegen Kraus hahen
wollte, Kich jafort zur Fätschung der Bücher
bereit finden ließ, —— bezeugt dies nicht deut⸗
lich genug, daß er zu jedem Verbrechen fä⸗
dig ist 87 ..

. FEr wurde verhaftet ?“ fragie der Neferen⸗
dar nach einer Paust·.

—Oer Buchhalter nickte. „Nachdem wir
All⸗9 unterhncht und einen Polizeibeamten,

3
1

zu Rath gezogen hatten, wurde der Cassirer.
rotz seiner Unschuldsbethenerungen, ins Ge⸗
jängniß abgeführt. — Der Diebstahl kümmert
mich wenig, die Hauptsache ist die, daß er
unsern Plan vereitelt hat.“

„Weßhalb?“ fragte Waldau. „Der Com—
nerzienrath wir accordiren. Sie haben also
noch nicht eingesehen, daß der Diebstahl uns
in die Hände arbeitet Schließen Sie muthig
die Sprecculationsgeschäfte ab, lassen Sie ruhig
den Bankier accordiren und warten Sie bis
zum Frühjahr. Der zweste Verlust wird den
Commerzienrath um so sicherer stürzen und
Sie haben alsdann die Mittel, auf den
Ruinen ein neues Geschäft aufzuführen.“
Dem Buchhalter, den der erste Schrecken
derwirrt und entmuthigt hatte, leuchtete die
Richtigkeit dieser Ansicht ein, er eilte fort, um
das Geschäft abzuschließen, welches dem bereits
vankenden Hause den letzten Rest geben
ollte.

Die Abend Zeitung brachte unter ihren
Lokal ·Nachrichten folgende Mutheilung: J

Heute Morgen passirten der Sohn eines

hochgestellten Staatsmannes nebst seinem Men⸗
hor unsere Stadt. Er befindet sich auf dem
Wege nach Amerika, um dort die Culturge⸗
schichte der zreien und mächtigen Republik zu
tudiren und seine Kenntnisse in der Natur⸗
vissenschait und Völkerkunde zu erweitern.
Wir wünschen den Beiden eine glückliche Reife
and hoffen, unseren Lesern Feiner Zeit über
die Entdeckungen des Professors Keller Mit⸗
heilung machen zu können.“ —
In verwichener Nacht ward die Kasse des
Bankhauses „Weher und Compagnie“ umn
dierzigtausend Thaler bestohlen. Der That
dringend verdäch ig ist der Kassirer der Firma
derhajtet worden; — man sagt, das Haus
werde vorläufig Jeine Zahlungen einstellen
müssen.“
Orittes KapitelJ).
Die ersten Wolken.
Die Strahlen der Frühlingssonne schmolzen
den Schnee auf den Bergen und weckten die
Veilchen im Thale. Gravitätisch spazierte der
Storch einher. auf der grünenden Wiese und
zwitjchernd sonnten die Schwalben kich auf

— — — — —

4
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        dem Dache. Neues Leben regte sich in Feld und Tapezierer, Maurer, Schlosser, Schreiner
ud Wald, neues Leben regte sich auch in uind Sattler waren Monate lang beschäftigt,
der Menschenbrust, die auf den Frühling ge- Verschönerungspläne auszuführen, welche Bölling
hofft und gewartet hatte. Und welches Herz rotz dem Kepfschütteln und Abrathen seines
harrt nicht sehnsüchtig seiner, wenn seine ersten ilten Verwalters entwarf.

Voten erscheinen, wenn der erste warme Son⸗ Helene erstaunte, als ihr Gatte sie durch
nenstrahl den eisigen Hauch des Winters die Gemächer führte, sie hatte solchen Luxus
d fiegt! in der alten Burg nicht erwartet.

Die Sonne sank. Die weißen Wölkchen Das reizende Boudoir, ein kleiner Winter⸗
siber den Bergen schniammen in purpurfarbigem jarten wvoll seltener Gewächse und Blumen,
dichtmeer, im niederen Gesträuch summten die das gemüthliche, mit allem Comfort ausgestattete
äfer und in der heiligen Stille des nahen Wohnzimmer, der elegante, wahrhaft blendende
Waldes klagte eine Nachtigall um ihr vere Zalon, und die ver chiedenen anderen Schlaf⸗,
lörenes Lieb. Der Waldbach, von den Fesseln S„chrank⸗, Vorraths,und Gefindestuben er⸗
hefreit, in welchen der Winter ihn gefangen chienen ihr um so schöner, als sie sich sagen
hielt, plätscherte lustig über Gestein und Geröll purfte: „Das Alles ist nun dein, hier bist
hinuater in die Wiesen und unzählige kleine Du die Gebieterin!“ Und wie freute sie sich
Bäche, gebildet aus dem Schnee. welcher die unf Frühling und Sommer, wenn draußen
Bipfel der hohen Berge noch bedectie, hüpften Ulles grünte und blühte und der Blumengarten
ieben ihm her. in seinem Flur prangte!

Nahe dem Walde lag ein großes Land⸗ Helene liebte ihren Gatlen. Es war vicht
gut, ein breiter Fuhrweg, zu beiden Seiten sene wilde, leidenschaftliche Liebe, wie sie ex.
hurch eine hohe Hecke geschützt, führte aus zentrischen Naturen eigen ist, es war vielmehr
senem bis an das Thor der Ringmauer, ine stille tiefe Neigung, die mit jedem Tage
wesche das Gehöft umgab. Trat man durch n dem frommen guten Herzen der jungen Gattin
zas Thor ein, so stand man anf æinem gee ester Wurzel faßte. Helene hatte Bölling nicht
räumigen gepflasterten Hofe. Lints standen aus Liebe geheirathet, sie sügte sich dem
die Siallungen, Scheune und Remise, wechts Machtspruch“ ihres Vaters, weil ße den
das große massive Wohnhaus, welches mit Braͤutigam, den er ihr vorschlug, achtete und
— E in ihrem Stande Sitte war, an diesem
nähnlich jah. Und in der That war dieses Bunkte den Eltern zu gehorchen.
Gebaͤude in früheren Jahrhunderten ein statt⸗ Das guta, edle Herz, der feste Charakter
uͤcher Rittersitz gewesen, moch jetzt eriunerteu und die: Liebe des Gatten donnten auf. das
an jene Zeit der breite tiese Graben, welcher junge Müdchen nichn whne Einfluß bleiben und
au der üußeren Mauer die Gebäude amschloß o kbonnte aus der Achtung hald gene sflille
and die schwere Zugdrütke; die an eisernen Tiebe werden, welche vortrefflich gedieh: und
Zetten hing. In dem trockenen Graben wuchs eht schon reiche Blüthen kirug. 23
Bras und Unkraut, an der hintern Seite des Aber mie selten oder fast mie Lem Menschen
Zules hatte ein früherer speculativer Besitzer ein wollkommenes Glück geschenkt ift, io zogen
ihn zugeworfen und' einen Theil der Mauer ruch über⸗ die Lebenssoune?: Helene's důstere
niedergerissen, um hiet unminelbur am Wohn⸗Schatten; welche ihr jede Freude trüblen.
hause einen Blumengarten anzubegen. Duch die Sie saß au diesemAbende in ahrem
etien und Riegel'der Zugbrücken waren in⸗ Boudoie am affenen Fenster amd althmete mit
gerostet. seit Menschengedeulen hatte man sie Enutzütken die srische, duftige Waldluft ein,
icht mehr aufgezogen. Der jetzige Besitzer vekhe der Abendwind ihr herühertrug. Sie
dicses an Wätdern, Wiesen und- Aclerland war eine hübsche, imponixende Erscheinung,
——
bebor er die Tochter des Bankiers heimführte, um die vlendend weiße Stirne, Aiuter denen
uͤmfasseude Verbesserungen im Aeußern und zwel dnnkte:vtitzende · Augen gedamenvoll · n
Innern der Gebäude vorgenommen. Anstreicher den Abend hinausschauten. Die vollen rosigen
        <pb n="204" />
        Wangen, die feine griechische Nase und die
schwellenden Lippen, die ein Zug stiller Weh—
muth umspielte, verliehen diesem Antlitz jene
antike Schöuheit, welche wir an den Töchtern
Italiens und Griechenlands bewundern. Nach⸗
läfsig ruhte die feine weiße Hand, welche vor
wenig Augenblicken noch die Stricknadel ge⸗
führt hatte, im Schooße, während die Linke
das müde Köpfchen stützte. J

„So ist also keine Rettungem hr, Steffens?“
wandte sie sich nach einer langen Pause an
einen alten Mann, der mit gefalteten Hän den
seitwärts neben dem Stickrahmen stand und
traurig vor sich hinblickte.

„steine,“ entgegnete der Alte tief aufseuf
zend, „es müßte denn sein, daß Herr Bölling
die Garantie übernähme?“

„Ich begreife noch immer nicht, wie das
so rasch gekommen ist,“ fuhr Helene leise, wie
mit sich selbst redend, fort. Im vergangenen
Derbst war das Geschäft meines Vaters das
ersie und bed eutendste in der Stadt, heute ist
er ein Bettler und die Firma geht in fremde
dãäude über.“

DO, zu begreifen ist das wohl, insofern
Nan die Schlechtigkeit gewisser“ Menschen be⸗
greifer kann,“ versetzte Steffens.

„Ich habe Ihrem' Herrn Vater vierzig
Fahre'lang treu und redlich gedient, und ge⸗
wissermaßen ein Glied des Haufes, hatte ich
mein Augenmerk auf Alles, was sich in meinet
Nähe zutrug. Als ich von Ihrem Herrn
Großvater, Gott habe den lieben; guten
herrn selig, eagagirt wurde, war das Geschäft
noch klein, auch an der Börse kannte man
uns kaum. Das änderte sich aber bald, Ihr
Herr Großvater war ein thätiger Mann und
nach zehn Jahren galten wir schon etwas.
Jett war die Bahn gebrochen und mit Rie⸗
senjchritten ging's vorwärts. Ihr Herr Vater
heirathete und übernahm das Geschäft. Auch
er haite Glück, so lande, bis er auf den
sündhaften Gedanken fiel, sich durch Getreide⸗
speculationen zu bereichern. Der Mensch mag
speculiren in was er will, nur vom Brod,
Salz und Oel soll er seine Hände lassen,
denn an jedem Pfennig, denn er durch folch
cündhaftes Beginnen verdient, klebt der Flus

der Armen. Das Volk'hat sie „Kornwölfe“
getauft und den Namen werdienen sie, diese
habsüchtigen Menschen, die, mit ihrem Reich—
thum nicht zufrieden, sich von dem Schweiße
des Armen noch miehr bereichern wollten?
Bottes Zorn ruht auf jedem diejer Kainsseelen,
des Armen Fluch begleitet sie auf allen
Wegen bis ins Grab.“
Helene schloß das Fenster. War es die
tühle Abendluft, oder der stechende Blick voll
zlühenden Hasses, was sie frösteln machte *
„Du urtheilst hart und vielleicht auch
ungerecht“ unterbrach sie den alten Maun.
„Mögen, die mir verzeihen, denen ich
Unrecht thue, ihre Zahl wird gering sein!
Hhötten Sie jenes Hungerjahr erlebt, in
velchem die Armen umsonst nach Brod bet⸗
elten, — hätten Sie gesehen, wie sie in ihren
leuden Hütten saßen, ohne Feuer, ohne
Rahrung, — hätten Sie gehört, wie damvb⸗“
zdie Kinder mit dem Tode ringend, um Brod
schrieen, während die verzweifelten Eltern
daneben standen, durch den Hunger abgestumpft
zegen all's dieses Slend, — wären Ihnen
die Eltern durch den Hungertyphus hingerafft
vorden, wie mir — — — ha. Fluch und
Berderben über die ganze Rotte, die den
Armen das trockene Brod raubt, um schwelgen
ind prassen zu können! Auch damals waren
vie Kornwucberer an dem ganzen Elend schuld,
ie verkauften, ihre ungeheuren Vorräthe nur
u den höchsten Preisen, und wußten sie, daß
zis morgen der Preis nur um zwei Pfennige
tieg, dann warteten sie, unbekümmert darum,
daßwährend dieser Frist Hunderte starben, die
dielleicht noch zerettet werden konnten.“
eGaortsetzung folgt.)
däthsell.
Nie gern geseh'n — besonders nicht im Putz,
Im Feierkeid, da wünscht uns Jeder fern;
Wir gebeu vielen Menschen Obdach, Schutz
Und uns besuchen Städtier oft und gern.

16*3 52*
——
z 28

Anflösung des Räthsels ir Me. 50 des Unterhal⸗
tungsblattes: Raäathsel.“
— r ⸗ —
Druch und Verlag von F. X. Deia e 3 in St. Ingbert. 91
        <pb n="205" />
        * Anlerhaltungsblatt

Nr. 5338. Dieustag, den 2. Mal
d leBru dern
Driginal⸗Nodesle/vom Ewald August König.

mich immer wurmte. Wäre er grob und an-
maßend' gewesen, dann. hätte ich meinem
ineeh machen doͤnnen, so aber mußte
ich mich ebenfalls hücken und verbeugen,
wenu er's that, ich durfte ja nicht den Streit
vom Zaune brechen. Auch fie “habe ich in
jenen Hungerjahren kennen“ gelerut,“ diese
Herren.. die Sonntags in der Kirche und an
den Abenden der Wochentage in' den Gebets-
versammlungen sihen welche sich mit frommen,
derdrehlen Augen entrüstet gowenden, wenn
i ihrem Beisein in derbes Wort laut wird!
Sle Kud die Ketier und Stuühen der bürger⸗
sichen Geselischoft. die Wohithat der Menschheit
die. einzsg wahten Coristen, Ran denenkeln
3
anen Fia slanden danais an der Spite der
Armenbpftege Vielne Eltern waren erkrankt,
jene Herren — sede Anterstatzung.
wezl mein Vater nie — den Außeren
Sqhein gegeben,“ so schlecht und recht gelebt
hatte, ohne die Kirche regelmaͤßig zu befuchen.“
Entsehlich !* murnielte Hetene.
Seheu Sie, In ener Hrtei: zahlte auch
Helmes. Er wußte lich dei Ihrenn Herru
Vater eiuzuschmeicheln· Madcher der in un⸗
erem Geschäfte thätigen Leute hat eiue gettchte
Opposition Fegeun den Buchhulter bitteẽt bůßen
muͤssen, sie wuͤrden entlassen, seine Kreasuren
irhielten dse Aerledigten Stellen.“ Und dabei
blühte die Getreidespeculation, die uns Jahrlich
Berlus. fast nie Gewinn einbrachte. Ich merkte
haͤld, daß das Fundament nicht nehrso
solide war ? wie zu Lebeltiu Ihree Herrn
oßda ters. Der außere Firniße“mug die
hr Aind Löcher verdegen.Rhtt lange konnte

. Gethingh3
Der Alie hatle die Rechte. drohend er—
hoben, gleich dem Racheengel mit flammeiden
Blicken stand er vor der re zit⸗
ternden Frau. Er ließ die Hand sinken und
fuhr, mit der Linken über die geschlossenen
Uugin. als wolle er die Bilder verwischen,
Wwelche in grellen Farben vor jenen schwebten.
4Ihr Herr Vatet spfculittie anch,“ nahm
aer endlich nueder das Wort. Als die Koru-
wan. an Gnem gnden Fanen geit
jenen. Menschen nicht bezeichnen,. der, diese
Geschäfte vermittelte, zum ersten Mal Ins
Haus kam., als er mit seiner“ weißen' Hals
binde, dem. glatt gescheltelten Hagr und dem
füßen Vächeln', so etfen an, mir vorbeischüͤch,
da hätte ich den Kerl für mein Leben gern
am Kragen gefaßt und hinausgeworfen auf
das Pflaster, Daß ihm Axme ind Beine ge⸗
brochen wären. Aber ich war a Nur. der
Diener in Ihres Välcxzs gun Aich mußte
jedem die hürr öffnen, ved einsn afländigen
Rock trug. Und dirsen Menschen brachte uns
der Buchhaiter. Helmes ins Haus, den Ich
danals schon,“ als ich. ihn zum ersten Male
ih durhscutt rn ee*
Ich weiß. Du hast eine Ahneigung gegen
ihn,“ versetzte Helene, mich wundert, das um
so mehr, als er Dit doch ftets mit Freumd
lichkeit und Wohlwollen entgegengekommen ist.“
O frreisich ist er das !“entgegnete
Steffens ZarnigeDas war, es zben, was

3—3
*
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        es so dar 4mehr zeg. Um oe rucß prhen und Helmed sorzke daftir, daß fie ge⸗
recht voll zu wachen, mußte der Ktassirer die zihtt wurden. Jetzt haben die Gläubiger auf
stasse bestehlen, die Haussuchung führte zu Untreiben des Assefsor? Waldan nunter sich
leinem Refultate, er war ein durchteiebenes einen Vertrag abgeschlossen, dahin lautend, daß
Subj et. Ich bin überzeugt, das Geld liegt Ihr Herr Vater seinem Buchhalter das Ge⸗
irgendwo in einem sicheren Versteck, wenn der schäft mit Activen und Passiven übertragen
Dieb seine fünf Jahre Zuchthaus abgebüßt soll. Nur in diesem Falle wollen sie tinen
hat, wird er mit seinem Raube nach Amerika Uccord eingehen, weigert Ihr Herr Vater fich
fliehen.“ .. dber; so kommt Alles unter den Hammer und
.Damals gweischte memn an seiner Schuld,“ die Firma erlischt.“
chaltete Helene ein. — „Und hinter dem Allen fteckt jener Buch⸗
Ich nie,“ fuhr der Wlte fort.“Ich halter?“ fragte Helene bebend. — J
wußte gleich, daß jener Einbruch nur Schein. „Er, nur er allein! Virlleicht auch der
wejen war. Mein Pinko, das kluge, treue Assessor, der Ihnen den Korb nicht vergessen
Thier, hat sich in jener Nacht nicht gemudst, flann.“
ruhig und ftill lag es bis zum Morgen in Helene seufzte schmerzlich auf. Sie hatte
meinem Bette; glauben Sie, es würde den früher schon geahnt, daß der äußere Glarz
Fall der Glasscherben nicht gehört haben, Ihres vüterlichen Hauses manche inneren ge⸗
wenn die Fensterscheibe wirklich in jener Nacht heimen Schäden verdedte, auf ein so rasches
zerbrochen wor den wäre ) hoffnungslosez Ende aber war sie nicht ge⸗
.Der Hund ist alt ind schwach —, faßt. — Böolling konnte helfen, aber sie
„Glauden Sit das nicht. Ich kenne den vußte, er haßte den anmaßenden Stolz, den
Hund so genau, wie mich selbst, er ist ja das der Vater stets zur Schau getragen hatte;
emnzige, was ich besiße. Er mag körperlich alt waren ihm doch del der Nachricht von dem
und schwach geworden sein, geistig ist er noch ersten Fallimente die Worte entfallen: „Hoch⸗
so gesund und rüstig wie in seinen jungen muth kommt vor dem Fall, die Lection kann
Tagen, — Der Veriust betrug vierzigtausend dem Herrn Commerzienrath nichts schaden!“
Thaler, wir mußten unsere Zahlungen ein⸗ — Sie wußte auch, daß er das zur Rettung
xellen und accordiren. In jenen Tagen geschah des Bankdauses 5öthige Kapital nicht hergab.
is. daß Ihr Herr Vater einmal vertraulich wenn er hörte; daß gewagte Spekulationen
mit mir redete. Das Unglück hatte ihn vers das Falliment dverschuldeten. J
nroulich gemacht, er wuß!e, daß ich ihm treu „In welcher Gemüthsstimmung war der
argeban war. und er sein Herz vor mir aus- Vater, als Du ihn verlicßest 7? fragte sie
Ihiten durfte. Ich rieth ihm, Helmes zu nach einer Weile. „Glaubst Du, daß er
zutlaffen und sich von Specculationen fern zu lommen wird, wenn ich hinreise, um ihn zu
zdalten. Er lächelte und nidte mit dem Kapfe. holen ??“—
Er mochte wohl einsehen, daß mein Nath Der Alle schüttelte das graue Haar.
den Nagel auf den Kopf traf, aber er war „Als das Falliment ausbrach, schlich er durch
zu schwach, ihn zu besolgen. Helmes blied das Haus wie ein Irrsinniger, nachtzer raffte
und kaum wor der Accord geschlossen, so er sich noch einmal sauf, aber seine Kraft
fingen die Speculationsgeschäfte wieder an. war gebrochen, der Verrath defsen, dem er
Ich wollte Ihnen. damals Alles haarklein sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte, gab ihm
derichten, vielleicht hälte Herr Böling Ihrem ded letzten Stoß. Er sagte mir gleich, er loͤnne
derrn Vater die Augen geöffnet, aber ich mich nicht länger in seinem Dienste behalten,
dachte auch wieder, mische Dich nicht in ich möge nur gehen, aber ich blied doch, bis
Dinge, die Dich nichts angehen, Du säest er das Haus verlicß und eine äcwliche
nur Hader und Zwietracht. So kam es denn, Wohnung bezog. Ich wollte ihm auch hrerhin
daß wir vor vier Wochen wieder fallirten, folgen, aber er wies mir die Thüre, und
unser. Daus hatte, wie gewöhnlich, falsch als ich ihn bat, zu Ihnen zu reisen und hier
eeusfrt Wir mußten bedeutende Summen das Ende des Gerichlsverfahrens abpuwarsen.
        <pb n="207" />
        lachte er höhnisch und bemerkte, er werde nie
als Bettler die Schwelle seines Schwiegerfohnes
überschreiten.“ *

Das sagte er ?“ fragie Helene im Tone
des Zweifels.

„Mit denselben Worten! Wenn er auch
nicht mehr Bankier ist, Commerzienrath ist
Ihr Herr Vater geblieben“ —

„Der Titel bringt ihm leider nichts ein,“
entgegnete Bölling. der undemerlk eingetreten
war und die tetzten Worte gehört hatte.

Helene erhod sich und nahm dem Gatten
Hut und Stock ab.

Steffens wandte sich, um hinauszugehen.
Bölling rief ihn zurück. —

„Ihr habi keinen Dienst ?“ fragte er.

Der Alte schüttelte den Kopf .

„Se könnt Ihr hier bleiben und die
Aussicht über meinen Gewehrschrank und die
Jagdhunde übernehmen.“ Meldet Euch bei
meinem Verwalter.“

Sieffens daukte gerührt. Vor einer Sturde
wußte er noch nicht, wohin er sein Haupt
betien sollte, jetzt satz er sich jeder Sorge die⸗
serhalh überhoben.

Bolling: zog die Gattin an sein Herz,
als der Aite das Boudoir verlassen hatte.

Der Schlag des Schichals, der Deinen
Vater raf, ist hart, aber gerecht,“ sagte er,
füge Dich ruhig umd geduldig darin, mit
Sorgen. und Trauer änderst Du Geischehene⸗
doch nicht.“

Die liebevollen Worte gaben der zungen
Frau Muth, für den Vater Fürsprache ein⸗
zulegen.

So lange noch nicht Alles verloren ist,
wil ich ruhig bleiben,“ erwiderte sie, „wir
haben ja die Mittel, ihn zu retten, die
Schande von seinem Namen abzuwaschen.
Gib ihm das Kupital, dessen er vedarf, die
Schule, die er jüngst durchwand:rte, wird ihn
gebessert haben“

Sie hat ihn erbittert,“ naterbrach Böl⸗
ling sie ruhig, „sein Herz mit Unmuth und
Troßz erfülli.g Wonn Deinem Vater geholfen
werden soll, so ist ein großes Kapital dazu
erforderlich, wollte ich dieses vorstreden, mũßte
ich auf meine Güter eine Hypothel aufnehmen.
Dadurch stürze ich mich in vine Schuldenls st
und hade zu gewärtigen, daß ich selbst in den

Fall komme, die Hilfe Anderer für m'ich in
Änspruch nehmen zu müssen. Doch wollte ich
dierüber hinwegsehen, wenn ich nur die min⸗
deste Garantie hätte, daß mein Darlehen
wirklich und auf die Dauer hilft. Ich glanbe
nicht nur das Gegentheil, ich bin sogar davon
Aberzeugt. Dein Vater hat sich auf die ge⸗
waglesten Spekulationen eingelassen, und der
Spekulaut gleicht dem Hazardspieler, Beide
afsen nicht ab, so lange sie noch einen Pfennig
besitzen. Dein Vater würde, so dald ihm der
Accord mit seinen Glänbiger« gelungen wäre,
das Gewagteste unternehmen, um das Ver⸗
lorene wieder einzubringen, mit einem Worte
„va banque“ spielen, und einem solchen
Spieler Vertrauen scheulen, wäre Thorheit.
Dann bin ich überzengt, daß Dein Vater
schlechten Rathgebern, Menschen, welche ihn
eng umgarnt haben und nicht ablassen werden,
bis seine lezte Quelle versicgt ist, sein gunzes
Bertrauen geschenlt. Ob und wie weit sein
rüherer Buchhalter bei jenen Spelulationen,
vpersteht sich in Gemeinschaft mit denen, welche
den Gewinn zogen, betheitigt gewesen ist, konnte
ich nicht erlahren. Mau redet viel darüber
und ich glaube, dak jenes Gerede: sich auf
zute Grüude stützt. Dein Vater mag hierher
lommen, er soll hier eine neue Heimath finden
und Nichts ihn daran erinnern. daß er das
nicht mehr isl,e was er wor dem war, wir
wollen ihm alle Achtung und Ehrfurcht bes
zeigen, ihm den Rest leiner Tage so angenehm
nachen, als dies in unsern Kräften steht,
aber Du dörtest selbst aus dem Munde seines
alten Dieners, daß er zu stolz dazu ist..

„Kannst Du ihm deßhalb zürnen ? fragte
Helene, welche sich durch die Weigerung des
Satten verletzt fühlte, wenn sie auch im Stillen
jeine Gründe anerkennen mußtenn,Du sagtest
jelbit, die Schule des Schickials hude ihn
txbittert.*
„Ich zürne ihm micht,“ fur Bölling
gedankenvoll in die Dämmerung hi nausschauend
sort, „im Gegentheil, ich bedaure ihn. Er
hat sich aber die Schuld beizumessen, und der
Stolz, die vecachtende Geringschätzung. wit
welcher er früher auf die hinabsah, welche
nicht seines Gleichen waren, der Aufwand,
den er auch dann noch machte, als die Ge⸗
schaftsfonds bereits in bedenklicher Weisfe an,
        <pb n="208" />
        geariffen werden mußten, eun⸗ die-Verbuste zu
decken, und eudlich der Leichtsinn, mit welchem
er Alles auf eine: Karte fetzte, gaben der
öffentlichen Meinuug, dieser strengen⸗ Richte⸗
zin, Grüͤnde genug, das Verdammnngsurthril
über ihm zu sprechen? e
Bölling erhob sichmach. diesen; Worten,
zag die Schelle und befahl dem Diener, Licht
zu bringen.
n iThne zmir den Gefallen, und reise zu
meinem Vater,“ rede Du einmal? mit ihm,
vielleicht läßt er sich doch bewegen, hieher zu
lommen, wenn er hört, daß wir ihn mit
offenew: Arnen empfanzen werden,“ bat
Helene. ια
2. 5„Ich habe bereits daran gedacht und will
Deiner Bitte gern nachkommen, obschon ich
nicht glaube, daß dieser Schritt das gewünschte
Resfultat haben wird.“; —
Der eintretender Dienermeldete eiuen
harrenden Herru, welcher: unten im Salon
warte und mit ndem Gutsherrne zu reden
wünsche. Völling ging⸗hinunter. ⸗Als er in
den Ealon · trat. sah er: sich einem großen
schlanken Manne gegenüber? Die : elegante,
vornehm nachlässige Kleidung. die intelligenten
Gesichtszüge und: das feine gewandie Austreten
trugen das Gepräge, x eines. Aristolraten vom
ereinsten Wasser, und Böllingserstaunbe nicht,
afls der Frende cAsich ihm alz Baron! von
Westenvorftellteu deα LR
ur lomme diveot: aug Ameridaye sagie/ ex,
unh zwar; wait der Absicht, sichiherranzukaufen.
Wenn Böllingegeneigt sei, njeinn Gut abzu ·
lreten; so mögen er mur adie rBedingungon
nennen. —
Die : Hbflichkeit forderte, daß Bölling dem
Fremden nut Rath nd That zur Hand ging,
anch war, es ihm angenehm, einen Nachbar
zu erhalten, mit dem er gemeinschaftlich auf
die Jagd gehen, dessen Rath in laudwirth⸗
jchaftlichen Angelegenheiten er; eindolen. konnte.
Er licß eine Flasche Wein ibringenn und bal
den Baron, bei ihm zu übernachten.1
Wöllinglichz seiner Frau den Gast an⸗
melden und: hat diesen, ihm ius Boudoir zu
fkolgen. 4 27
Helene erbebte unwillkührlich, als sie den
e J e Drug n Verlag, von Ferk. De ae.in St. Ingherc. 3

427*

Fremden ins Auge schauie, ihr war, als habe
sie in das stechende, »lauernde Auge' einer
Schlange geblickt.
Der Baron bemerktenrdas Erblasseu der
jungen Frau nicht, er nahm in dem · Srssel
wel chen Boölling ihm; anbot, Platz und bat
wiederholt: unr Entschuldigung, daß er so spät
am Abend noch gistört habe ..
Ichen komnte direct aus den Wätldern
Amerikas,“ huber am. „Schon seit einigen
Jahren ging all mein Dichten und Trachten
dahin, mir hier in Enropa, in der Heimath
einen eigenen Heerd zu gründenn. Kaum in
der Stabt angelangt, Neilte ich hierher, um
die Besitzuugen hier 'anzusehen und, ·wenn
möglich,“ eine derselben käuflich“ zu erwerben.
Sie sind der erste, ber weichem ich anfrage,
und schon jetzt verliere ich dDen Muthe⸗
Weßhalb 7fragte Bolling lächelnd.
Glauben Sie⸗ weil ich Ihnen einen Korb
gegeben habe, keiner unserer Grundbesitzer
wardeofich zur Abtretung seiner Besißung
derstehen 37 5.
n Das eben nicht. Ich befürchie nur, keine
der Besitzungen wird mir. mehr: gefallen,
na chdem ich die Ihrige gesehen habe.“
ISo bauena Sie selbst!Der Boden ist
hier zehn Stunden- in der Runde Derselbe,
die Wal dungen und odie Wiesen geben Leinan⸗
der nichts“ nach, aljs wommt es nur darauf
an. cein hubiches Wirthichaftsgebãäuder und
Wohnhaus hnzustellen.“
Pern Baron johe nachdenklich in sein
Glas 2386 hätte dies gern vermieden, aber
es wird mir wohl nichts Auders übrig
bleiben, als mich: fo lange zu gedulden, bis
der Neubau fertig ist. Wenn Sie die Güte
haben wollen, mir: bei der Wahl des Grund⸗
stüchs und überhaupt bei der Ausführung des
Ganzen A 3,
Gewiß, amit Vergnügent!“ fiel Bölling
ihm zu vorkommend ins Work, „mich wird g8
jreuen,: wenn ich in irgend einer Beziehung
Ihnen nützlich seia kann.“ 2
2 26oꝛtjetzung folgt). 7*
43 2— — rt
ι — — ——— *3
        <pb n="209" />
        Unterhaltungsblatt
*

St. Ingberter Anzeiger.—
Vr. 44. Donnerstag, den ¶. Mai ae —
Die Brüder.
DriginalNovelle von Ewald August Konig.
(Fortsetzung.) J

„Wie lange waären Sie in Amerika?“
fragte Helene, welche ihre innere Abneigung
gegen diefen geschmeidigen Weltmann eher zu
denn abnehmen sühlte.

„Sechs Jahre, gnädige Frauß ich ging
e in armer Edelmann hin und hatte

lück“
„Wo hielten Sie sich vorzugsweise auf 7?*

„Im Süden. haupijächlich in Mexiko.“

„In Mexito?“ wiederholte Bölling halb⸗
laut. „Ich habe viel über das Land gehört
und gelesen und muß gestehen, ein halbes
Jahr möchte ich auch einmal dort sein, wärs
auch allein der Jagd wegen, die ich leidens
schaftlich liebe.“
In dem Lächeln, welches rasch über die
Ldippen des Barons glitt, spiegelte sich ein
tücischer Triumph, der Triumph) des Jägers,
wenn er das Wild im Netze fiudet.

„Ich habe mich längere Zeit an der
Büffeljagd betheiligt,“ nahm er nach einer
Pause wieder das Wort, „die Strapazen aber
wurden mic auf die Dauer zu beschwerlich,
ich zog das Jägerwamms aus und betrieb
„Sprkulationsgeschäfte.“

Helene sah von ihrer Arbeit, welche sie
jur Haund genommen hatte, auf. „Spekulations⸗
geschäfte 7* fragte sie.
ꝓAllerdings, ich laufte Land und verkaufte
wieder, wenn ich dabei einen Vortheil sand.

Ich hatte Glück dabei und war bald ein
reicher Mann.“ —WWMVBM

„Ich gratulzre,“ sagte Bölling, indem er
seinem Gaste die Hand reichte, „nicht jeder
frifft es trüsen so gut. Aber Sie thaten Recht
darxan, hierher zurückzukehren, was wollten
Sie auch dort in den Urwäldern unler den
dalbwilden und Büffeln mit Ihrew Reichlhum
beginnen? Ueber dem traufen Heerde wird
sich schon im nächsten Jahre das Dach wölben,
ein hübsches Weibchen hält ihren Einzug in
das neue Haus und während unsere Damen
hier oder dort über ihr Hauswesen sich mit⸗
einander unterhalten, gehen wir auf die Jagd
in unsere deutschen Wälder. Ich habe mich
lange nach einem Nachbarn gesehnt, mit dem
cch an den langen Winterabenden mich unter⸗
jalten kann, deshalb ist Ihre Ankunft mir
doppelt angenehm

Der Baron verdeugte sich schweigend, sein
Blick streifte flüchtig die schöne Hausfrau,
velche erust und still vor sich hinfah.

Ter Diener meldete, daß das Abendessen
angerichtet sei und der Baron vot der Haus⸗
frau sinen Arm, um sie in den Speisesaal
zu führen. Helene“ zögerte einen Augenblick,
lehnte sfie das Geleit ab, verstick sie nicht
aur gegen die Höflichkeit, fondern auch gegen
die Gastfreundschaft. Der Baron hatte alsdann
ein Recht, sich beleidigt zu fühlen uud Bölling
onnte ihr deßhalb gegründete Vorwürfe ma—⸗
hen. — Und abgesehen davon, loante die
innere Stimme, welche sie vor diesem Manne
varnte, nicht lüsen J Konnte sie nicht voreilig
üch einen Feind schaffen ? Und stand überhaupt
hredas Recht zu, in verletzeuder, zurücksto⸗
        <pb n="210" />
        zender Weise dem gegenüber aufzutreten,
welchen ihr Gatte mit zuvorkommender Freund⸗
lichkeit behandelte, der zu dem fremd, ein
—AO—
ihre Hand auf seinen Arm und schritt an
seiner Seite in das Speisezimmer.

Boͤlling tischte, seinen Gast zu ehren, die
desten Weine aus seinemn Keller auf, aber der
Baron traak wenig, und diese Enthaltsamkeit,
wie die anregende, mit Witz und Satyre
gewuͤrzte Unterhaltung, welche er führte, blieben
auf Helene nicht ohne Eindruck. Es war bereits
nahe an Mitternacht, als der Gast si h erhob.
Bölling schellte und befayl dem Diener, dem
gnädigen Herrn die Treppe Hinaufzuleuchten
und in das Gastzimmer zu führen.
BBefehlen Sie ganz üder ihn,“ wandte
et sich zu dem Baron, „wenn Sie irgend
etwas bedürfen, sagen Sie es ihm nur.
Morgen nach dem Frühstück wollen wir uns
die umliegenden Güter ansehen; Sie sind
mein Gast auf mindestens acht Tage und
während dieser Zeit können wir finden, was
wir suchen.“

Ich glaube nicht, daß ich so lange von
Ihrer Gastfreundschaft Gebrauch machen werde,“
erwiderte der Baron, sich zu Helene wendend,
„ich muß in den ersten Tage eine kleine Reise
antreten.

Wohin 7 fragte Bölling.

Nach O. Ein Auftrag meines Freundes
in Newyort zwingt mich zu diesem Abstecher.“
3, So reisen; wir gemeinschaftlich,“ uunter⸗
brach Bölling ihn. Ich war bis jetzt noch
nicht entschlossen, nun ich aber höre, daß auch
Sie diese Reise mahen wollen, kann ich die
Gelegenheit einer so angenehmen Geijellschaft
nicht qut unbenutzt lussen.“

Einderstanden,“ versetzte der Baron. „Nur
noch eine Bitte. Würden Sie vielleicht mir
xxlauben; daßtz der Dinner, den ich mitgebracht
habe, vich hier bedient. Er kenut meine Ge⸗
wohnheiten.“

„Wozu bedarf es da noch meiner Erlaub ˖
niß d Thun Sie, als ob Sie in Ihrem eige nen
Hause seien·“·

Der Baron wiinkte dem Diener, voranzu⸗
gehen uud verabschiedete sichh. 3

„Was sagst Du zu diesem Nachbar 5

fragte Böllinz, als er sich mit seiner Gattin
allein befand. 2

„Noch weiß ich nicht, ob ich ihn als
einen Freund oder Feind unser?s bisherigen
Glückes betrachten soll.“ entgegnete Helene,
„So fein und gewandt er auch auftritt, so
hödlich und zuvorkommend er sich anch beweist,
sein Blick macht auf mich den Eindruck, als
ob er eine Maske trüge.“

Bovölling lächelte. „Bedenke die Gemüths⸗
st munng, in der Du Dich gegenwärtig be⸗
findest, in Belcher wir das Glück eines unserer
Mitmenschen in Trümmer ftürzen sehen, glau⸗
hen wir in Jedem, der sich uns näpert, einen
Zerstörer unseres Glückes zu erblicken. Ich
halte den Baron für einen sehr gewandten,
wissenscha filich gebildeten Mann und hoͤffe
aus seiner Freundschaft manchen Nutzen zu
ziehen.“

Der Baron war kaum in seinem Zimmer
angelangt, als er dem Dieuer befahl, die
Kerzen hinzustellen und ihm den eigenen Kam⸗
merdiener zu schicken. Bald daxauf trat dieser
ein. Er trug eine blaue mit Gold gestickte
Liproe.

Der Baron warf sich in einen Sessel und
zefahl dem Diener, die Thüre zu verschlie⸗
zen. „Ih höre,“ sagte er, ‚was hast Du
erfahren 7

In der Gesindestube traf ich den Ver⸗
walter und einen alten Mann, der vor we⸗
nigen Tagen erst dier, in Dienst getreten
ist,“ versetzte der Diener. Der Letztere hat
früher im Dienst des Schwiegersvaters unseres
Wirths gestanden“ —

„Wie heißt er?“ fragte der Baron
rasch.

„Steffens, Sein ganzes Vermögen besteht
'n einem wohlgenährten Mops, und da dicjes
Vieh ihn nie verläßt, so führt er seine ge⸗
sammte Habe stits bei sich.“

.Ich will die Eigenheiten dieses Mannes
nicht wissen,“ unterbrach der Baron den
Redseligen ungeduldig. „Erstatte mir Bericht
über das, was Du in Bezug auf die Vere⸗
hältnisse unseres Wirtha ersahren hast, aber
beeile Dich ein weng, denn ich bin müde.“

„Ich schlug dem Verwalter eipe Partie
Piket vor. Wie ich voraussah, regte ihn. das
Spiel auf, er wrank mehr als er vertragen
        <pb n="211" />
        konnte und jetzt lockte ich ihm durch geschickte
Fragen aus. Das Gut ist schuldenfrei, bildel
aber auch das gesammte Vermögen des Herrn
Bölling. Hundertundfünfzigtausend Thaler,
neinte der Verwalter, löane man jeden Tag
dafür bekommen. Der Gutsherr lebt sehr
einfach, die Jagd ist das einzige Vergnügen,
werches er sich erlaubt. Selten reitit er in die
Stadt, fast nie empföngt er Besuch; Trunkb
und Spiel sind ihm unbekannte Leidenschaften.
Et lebt ganz für seine Frau und die Land⸗
wirthschaft.“

Ah!“ sagte der Baron, indem er ein
Notizbuch aus der Tasche zog, in welchein er
nachdenklich blätterte, „erzähle weiter.·
DDas Gut vringt jährlich fünfzehntausend
Thaler reinen Gewinn ein, das heißt, wenn
kein Miß wachs einen Strich durch die Rechnung
macht und die Ernte ziemlich gut ausfaͤlst.

Wie lebt die, Frau Bölling's —

Einfach und zurückgezogen. Sie findet in
der Liebe zu ihrem Gaiten ihr ganzes Glrüd
und sehut sich durchaus nicht nach einem
Verkeht mit der Außenwelt. Der Gutsbsizer
trägt sie auf den Händen, und wenn nie
gerade heute nicht so munter und aufgeränmt
ist, wie sonst, so liegt die Sauld einzig in
dem Falliment des Vaters, deß Commerzien ⸗
raths Weber, der vor wenigen Wochen bereits
zum zweiten Mal seit dem vorigen Herbit
fallirt hat.“
ODer Baron erhob sich und durchschritt
einige Mal das Zimmer,

„Herr Boͤlling soll seinem Schwiegervater
wieder aufhelfen.“ fuhr der Diener fort,
„aber er will nicht, er sagt, der Commerzien⸗
rath könne hierher kommen und bis zu seinem
Tode hier bleiben, aber ein Kapital gebe er
nicht her.“
Der Baron winkte. „Ich weiß genug,“
sagte er. „Breobachte die Leute geuau und
jei vorsichtig, daß Niemand Dein Thun
vdemerkt.“
Der Dieuner entfernte sich. Sein Herr
blieb noch eine geraume Weile in Gedanken
versunken am Fenfter stehen und ging dann
ebenfalls zur Ruhe.

—— X&amp;X&amp;ß

Viertes Kapitel. J
Der böse Däniton.

So sehr auch Helene gegen die durch

Nichts begründete, ihr selbst räthselhafte Ab⸗
reigung antämpfte, wilche der Baron einflößte,
gelang es ihr doch nicht, diese zu besiegen,
Zie hörte ihm gerne zu, wenn er von seinen
Reisen und Erlebnissen erzählte, ja sie konnte
aft mit wachfendem Interesse, mit einer Angst,
velche sie in fieberhafte Aufregung verjsetzte,
jeinen Mittheilungen folgen, wenn er ein ge⸗
ährliches Abenteuer schilderte. In seinen
Blicken lag ein gewaltig fesselnder Zauber,
dem sie nicht zu enttinnen vermochte, woher
dieser Zauber rührte, das wußte sie sich nicht
zu erklären. — Nur dann, wenn der Baron
mit ihrem Gatten fern ‚war, wenn sie allein
in ihrem Boudoir saß, fühlte sie, wie tief
die Abneigung in ihrem Herzen wurzelte, und
daß diese ei⸗en, wena auch jehzt noch, ihr
rätbselhaften Grund haben mußte, daran
zweifelte Helene nicht.
Bbulling dagegen fühlte sich zu dem Gaste
hingezogen. Diese tief w sseuschaftliche Bil dung
und die Erfahrungen desfelben erfüllten ihn
mit Achtung und Bewunderung und da auch
die Grundsätze und Lebensanschauungen des
Barons mit den seinigen übereinstimmten, so
schloß er sich mit jedem; Tage euger an
ihn an.

Mit dem Ankauf zögerte der Baron. Wenn
er auch über wanches Gut, welches Bölling
ihm vorschlug, seine Befriedigung aussprach,
so konnte er sich doch nicht entschließen, den
deabsichtigten Kauf ins Reine zu bringen, es
schen fast, als ob er die Ausführung seines
Vorfatzes geflissentlich in die Länge zu ziehen
suchte. Bolling redete ihm nicht zu, der Baron
hatte ja Erfahrung genug gesammelt, er
mußte selbst am Besten wissen, was er thun
olle.
So verstrichen acht Tage. Der Baron
heglitete den Gutsbesitzer stets, nur Mittags
und Abends le'istete er der jungen Frau
Gesellschaft. Ihre Brefürchtung, der Gast könne
ihr läftig fallen, sah Helene nicht gerechtfer⸗
nigt, der Baron bezeigte ihr stets eine höf⸗
liche, aber auch zurüdhhaltende Aufmerksamkrit;
er suchte sie nicht, er verfolgie sie nicht mit
        <pb n="212" />
        faden Schmeicheleien und galauten Artigkeiten.
Ernst und in den Schranken gemessener Hoͤf⸗
lichkeit blieb er stets ihr gegenüber, während
er in Gesellschaft Bölling's oft bis zur Aus—
gelassenheit lustig und mitunter frivol sein
konnte. — Er veischob endlich den Ankauf
des Gutes, auf welches er sein Augenmerk
gerichtet hielt, bis zur Rückkehr aus O, wo⸗
hin er Bölling begleiten wollte. — Das Gut
besaß einige noch gut erhaltene Wirthschafts
gebäude, das Wohnhaus dagegen mußte neu
aufgeführt werden, und da die nächste Stadt,
in welcher der Baron seinen Wohnsitz nehmen
wollte, sehr weit entfernt lag, so bot Bölling
ihm bis zur Fertigstellnug des Neubaues eine
Wohnung in seinem Hause an. u

Der Baron wies im ersten Augenblick
dieses Anerbieter zurück, als aber Bölling
jmmer und immer wieder auf dasselbe zurück⸗
kam, stellte er die Entscheidung der Hausfrau
anheim. J

Helene erschrach, als sie den Vorschlag
des Gatten erfuhr, sie rieth ab, bat, unter
irgend einem schicklichen Vorwande das An—
erbieten zurückzuxehmen und schilderte mit den
lebhastesten Farben die Unannehmlichkeiten,
welche aus einem längeren Beisammenleben
mit dem Gaste, eutspringen könnten.

Boͤlling hatte einen solchen Widerspiuch

nicht erwartet, er beharrte sest bei seinem
Willen, um so fester. als ja Helene für ihre
Abneigung gegen den Gast keine Gründe an⸗
geben konnte.
Das eheliche Glück der beiden Gatten
trübte zum ersten Male eine Wolke. So viele
Gründe auch Helene entnegensetzen mochte,
Bolling bleb fest, wideistrebend mußte die
junge Frau sich fügen. .—
Unm allen ferneren Bitten und Vorstellungen
seiner Frau aus uw ichen, bat Bölling am
UAbend, im Beisein Helenen's, seinen Gast,
sich zu entschlietßen.

Der Baron sah Helene forschend an.
‚Wie ich Ihnen dereits bemerlte, mache
ich die Annahme ihres guten Vorschlags ganz
von Ihrer Frau Gemahlin abhärigig,“ erwi
derte er, Ich weiß die Damen leeben solche
Finquartierung nicht, deßhalb ist es wohl

das beste, ich bleibe in der Stadt und koinme
dann und wann auf ein Stündchen zum Be⸗
such herüber.“

Der jungen Frau schwebte die Bemerkung
auf den Lippen, daß das wohl das Beste ist,
ein Blick Bölling's drängte sie zurück.

„Inwiefern könnte ihr Verweilen meiner
Frau lästig sein!“ fragte er zuvorkommend.

„Das Hauswesen wird von unseren Dienst⸗
boten besorzt, somit entbehrt Ihre Befürchtung
jedes Grundes. Sie wissen, wir sehen Sie
als einen Freund nuseres Hauses an und soll
ich es offen gestehen, Sie würden uns durch
Annahme meines Vorschlages um so mehr
verbinden, weil wir an Ihre Gesellschaft
dereits gewöhnt sind und dieselbe ungern ent⸗
behren mö bten.“

Wieder traf ein Blick des Barons Helene
„Und was sagen Sie dazu, gnädige Frau 7
fragte er. „Rden Sie offen, ich bn überzeugt,
—AI
nicht.“

WMeine Wünsche sind stets denen meines
Gatten untergeordnet,“ entgegnete Helene.

„Und nun, da Sie selbst die Eutscheidung
meiner Frau auheimgestellt haben, würden Sie
diese veleidigen, wenn Sie jetzt noch meinen
Vorschlag zurückweisen wollten,“ versehzte Böl⸗
lina hastia, als befürchte er, Helene könne
durch rinige unbedachte Worte ihre Ahneigung
dem Gast verrathen.

Der Baron reichte dem Gutsherrn die
Hand. „Angenommen,“ erwiderte er, „ich
werde mich später, wenn mein Haus einmal
fertig ist. zu revanchiren suchen.“

An demselben Abend hatte der Baron
eine sehr lange Unterredung mit seinem
Diener. Er zeigte ihm an, daß er morgen in
Gesellschaft des Gutsbefizers nach O. abzu⸗
reisen gedenke, bis zu seiner Rückkehr solle er
ein wachsames Auge auf Alles haben, was
sich im Hause ereigne, besonders aber die
Gelegenheinbenutzen, mit dem Verwalter Freund⸗
chaft zu schließen.
hochchung folge.h.—

8 *
Drud und Verlag von F. X. Denetz in St. Inabert.
        <pb n="213" />
        —Anterhaltungsblatt
St. Jugberter Anzeiger.

zum

Nr. G6. * 53*6* Dienstag, den B. Mai
Die Vrüder.
Original⸗Novelle von Ewald August König.

quickliches Thema, ich rede nicht gerne darüber,
weil es alte Erinnerungen in mir erwedt,
die ich lieber für immer vergessen möchte.“

Der Eintritt der Gäste, welche mit vielem
Geräusch einen Tisch bestzten und Wein ver⸗
lannten, brach das Gespräch ab.

Der Baron forderte eine zweite Flasche
und füllte die Gläser wieder. Grübeln Sie
meinen Worten nicht nach,“ hob er nach einer
lleinen Pause wieder an,“ „die Erfahrungen,
welche ich machen mußle, haben mich erbittert.
unde wenn sich mir einmal die Gelegenhert
bietet, dem Groll und Haß Lust ma hen zu
können, dann nehme ich's mit meinen Worten
eben nicht genuu.“

Boͤlling fühlte sich durch diese Entschuldi⸗
gung beruhigt und die Frende darüber ver⸗
leitele ihn, gegen seine Gewohnheit dem Glase
eißig zuzuspreche.

Die übrigen Gäste hatten inzwischen ein
Hazardĩpiel arrangirt. Sie schienen den besseren
Staänden der Gesellschaft anzugehören. ihre
feine elegante Kleidung, wie die theils intelli⸗
gerten theils blasizten Züge ließen dies ver
muthen.“

Der Baron erhob sich und sah dem
Spiele zu. Auch Bolling, dem der Wein
bereits zu Kopfe slieg, stand von sinem Tische
auf und näherte sih dem Sp.eltische.

Eine bessere. Gelegenheit, die Fest'gkeit
Ihtes Willens und Charakters zu prüfen,
finden Sie sobald nicht wieder,“ flüsterte der
Baron feinem Reisegefährten zu. „Was hält
Sie ab davon? Sollen wir's einmal wagen *7.
Der Gutsbesitzer zöͤgerte. Ein Blick des Barons
in welchem kan leiser Hohn spiegelte, ließ ihn

(Fortisetzung.)

Und doch weiß ich nicht, welche Heirath
die bessere ist,“ fuhn der Baron fort. „Liebe!
Was ist Liebe! Ich glaube nicht mehr an sie,
und die Frauen, lieber Bölling, setzen sich am
leichtesten über hohlee: Liebesphrafen himweg.
Haben Sie je gehört, daß eine Wittwe- ihrem
Manne nachgetrauert hat, bis ihr das Herz
vor Gram gebrochen ist ??

Sie müssen bittre Erfahrungen gemacht
haben.“ erwiderte Bölling, „in Ihren Worten
drüctt sich ein Haß gegen das zartere Geschlecht
aus, den ich nicht billigen kann.·

„Freilich nicht, wel Sie an Liebe und
Treue noch glauben.“ fuhr der Baron fort,
—XL
so höhnisch, daß Bölling sich in tiesster Seele
berletzt fühlte.

Iqch glaube daran und Sie werden zu⸗
geben müssen, daß ich bis Izt noch keinen
Grund habe, an Ihnen zu zweifeln —

Ein vilsagendes Achselzucken war die
einzige Antwort des Barons. Er erhob sich
und trat aus Fenster. Dies Schweigen war
dem Gutsbesitzer peinlich — besaß der Baron
wirklich Bewe.se für seine Behauprung ẽ Hatte
er Grüude, an der Treue Hrlenen's zu ihrem
Gatten zu zweifeln? Bei dem Gedauken daran,
daß dem also sein könne, zitterte Bölling.

„Brechen wir das Thema ab, dort lommen

Gäste,“ verictzte der Baron, während. er sich

wieder hiufetzte. „Es aist überhaupt ein uher⸗

————
        <pb n="214" />
        leine guten Vorsätze dergesten. Er setzte sich
din. Der Bonkdalter LscheItaz und. darlangte
rin Roulette. * Währeend der Wirlh hinane,
zing um dakß Valami Ju holan. rtlactẽ
der Baron wit wenigen Worten feinem Ge.
sährten dies Glücksspeel und rieth ihm, einige
kleine Ernsätze zu machen, um ihn in das
Spiel einzuweihen.

Bölling Jeerte hastig sein Glos, jr wollte
die innere Stimme, welche thnewarnte, be⸗
däuben. Der Wirth stellte das Rouletle vor
den Bankhalter und verschloß die Thür. Nur
der Baron bemerkte dies. Etn Lächeln teufl ijchen
Triuwmphs glitt über seine Züge.“

Die Kugelerollte. Böuing warf einen
Louisd'or auj rouge und verlor. Das reizte
ihn, er sJatzte den zweiten und verlor wieder.
Der Baron bethriligte sich jetzt auch, er warf
ein Goldstück auf die Tasel und ließ es auf
der Numero liegen, auf welche s fin Bölling
ahmte dem Beispiele nach er gewaun, während
der Baron verlor. Im Fluge vetannen die
Stunden, schon schlug es Mitternacht, noch
jmmer saß die Gesellschaft um den Spieltisch.
Die Kugel rollte eintönig die Goldstücke
llangen, und dazwischen tönte die heisere
Stimme des :Banthalters. Bleich, mit zit⸗
ternden Knieen, den Schweiß der Auftegung
auf der Stirn, erhob Bölling sich endlich, er
hatte seine ganze Baarschaft verloren.

Der Baron bot ihm seinen Mrm, und
schweigend wanderken dir beideneine geraume
Weile durch die dedn firstern Straßen.

.Das war einmal und nicht wieder!“
murmelte Bolling endlich. ‚Hätten Sie nur
manem Verlangen nachgegeben und mir Ihr
Port feuille geltiehen, ich wurde geweß meinen
Vertust zurückgewonnen haben“

„Sie hatten Unzlück, mein lieber Bölling,“
erwiderte der Baron mit kalter Gleichgültigkeit,
„ich habe Ihnen oft einen Wink gegeben, aber
Sie verstunden rihnanischte oder wollten ihn
nicht verstehen.! Als ich merkse, daß mir daß
Grüde nicht gewogen wor? hielt ich mich zurück.
Sie hätten meinem Beispiel folgen Aollen.
Daß ich Ihrem Verlangen, Ihnen! eine
Summe vorzustrecken, nicht Folgelesstete,

können Sie mir gewiß nicht übel nehmen,
Jyr Bellust würde dadurch nur noch größer
geworden sein““

„Bolling schwieg. Er fühlte, daß der Baron

bercits zeine Vaqht über ihn besaß, der er
nurz datin ,enttinnen konnte wenn er sich fern
vbn⸗ ihn hieli. Die Worte Helenens, daß sie
eine ihr selbst unerklärliche Abneigung gegen
den Gast empfinde, klangen in seine Ohren,
ir mußte ihr Recht geben, und daß er dies
vußte, daß er erst jetzt einseh, wie thöricht
er gewesen war, feinen Unbekannten zu län—
gerein Aufenthalt zu nöihigen, ärgerle ihn
zumeist.

„Soll ich Ihnen sagen, worüber Sie
jetzt finnen ?“. hobe der Varon“ nach einer
Weile wieder an. „Sie denten, ich sei der
Verführer und Sie das Opfer. Sie bereuen,
mir eine Wohnung in Ihrem Hauje angeboten
zu haben und suchen j gmeinen Vorwand
iich der lästigen Verpflichtung zu ertziehen.“

„Mein Herr, die Belerdung geht zu weit!“
—R
auf. „Vlit welchem Recht könuen; Sie an
der Aufrichtigkeit meiner Gisinnungen zwei⸗
jeln ?*

Laßhfen wir die jehonen Redensarten,“
uhr der Varon mit eisiger Kälte sott. Habe
ch den Nagel auf den Kopf getroffen, so
agen Sie's nur grade heraus, ich entbdinde
—A —
reilich, winnich mich geirti hätte —
.Und wenn ich Ihnen? sage, dak Sie dies
zaben, werden Sie nieiner Versicherung Glaus
ben schenken dcß..

Gewiß nur begreife ich nicht, weshalb
Sie sich so sehr ereifern. Sagen Sie selbst,
st meine Vermuthung nicht jehr begründet ?
Würden Sie nicht selbst auf diese Séluß-
jolgerung fallen, wenn Sie an meiner Stelle
värcu J — Wie häch beläuft sich Ihr Verlust ?*

„Auf sechshundert; Thaler,“. erwiderte
Boͤssing. J

, Bah, rine .Kleinigkeit, die sich rasch
vieder einbringen läßt! Wer nichts wagt,
gewinnt nichtst“

RiennSie dies eine Kleinigkeit nennen,
was nennen' Sie ein Etwas ?“ fragte der!
Gutsbefitzer bitter. „Ich versichere Sie, daß
ich mich nicht mehr an den grünen Tisch setzen
verde, um der Kleinigkeit dies Etwas folgen
—V— 2*

„Ich kam diesen Entschluß nur loben,“
        <pb n="215" />
        versetzte der Baron lakonisch. „Irre ich nicht,
so wollten Sie auch nur, durch Ihre Bethei⸗
ligung an dem Spiel eine Probe Ihrer Wil⸗
lenstraft gewinnen; ich hoffe, Sie werden
die: Probe bestehen.“

Bölling fühlte den Spott, der in den
letzten Worten lag. Er lag weniger in den Wor⸗
ten selbst, als in dem Tone, in welchem diese
gefprochen wu. den.

„Sie sagten vorhin, der Verlust ließe sich
wieder ei ibringen,“ erwiderte er, „wie soll
ich den Sinn dieser Worte deuten ?““

Ich dachte nun daran, daß ein Spieler,
welcher wagen und aushalten kaun, zuletzt
doch noch verlustfrei ausgeht. Ich habe manches
Beispiel erledd ccc

an „Sie haben viel erlybt,“ fiel der Gutsbe⸗
sitzer ins Wort.nn Was ithue ich mitnder
Tacorie ⁊
So verfuchen Sie's mit der Praxis,“
suhr der Baron kalt fort, indem er die Haus ·
glocke des Gasthofs zog, „mich soll's freuen,
wenn Sie Ihre Rechnung dabei sinden —“
Verstinmt otzten die Beiden am nächsten
Morgen ihre Reise fort. Bölling bereute bitter,
der Verlockung gefolgt zu sein, weniger des
Verlustes wegen, als weiler seinem Princip
unireu geworden war; daju fühlte er immer
tlarer, welche Macht der Barom bereits über
ihn gewonnen hatte. ⸗⸗

—
Fünftes Kapitel.
Eine gefallene Große.

Der einst so rriche, beucidete Commer—
zienrath Weber, hatte im entlegensten Stadt⸗
theile eine bescheidene Wohnung bezegen. Er
führte zwischen seinen vier Pfählen ei⸗ stilles,
einsames Leben, all' die Freunde, welche früher
nicht von seiner Seite wichen, hatten ihn
berlassen; mit dem Aetzten Strahl der Glücks⸗
sonne perschwanden auch sie. Den Commerzien⸗
rath erbitterte diese Falschhett, er dedachte
nicht, daß er in früheren Jahren, durch seinen
Stolz, seine Anmaßung und yerlretzende Ge⸗
ringschätzung sich mauchen Feind schuf, manche
uneigennützige Freunde für immer verlor. Jutzt
riumphirten seine Feinde, und die, welche ihm

rüher wohl wollten, zuckten die Achseln und
jagten, die Strafe sei gerecht. eranm wd

Der Commerzienrath gewöhnte sich bald
an die Einsamkeit. Wenn er durch das tode,
bde Haus schlich,/ »so dachte er beim Anblick
der glänzenden Zimmet und Säle wohl oft
an die Feste, die hier gefeiert worden iraren,
aber diese Erinnerung erfüllte ihn nicht mit
Freude und Stolz, sie wecktte nur sei nen Ab⸗
scheu vor der Gesellschaft; welche damals ihn
aer ð.terte. Und 'vfte trat det alte Mann die se
traurige Wanderung dutch die öden Räume
seines Hauses an. Skundenlang lonnie er, in
düsters Sinnen versunken. vor den“ hohen
Spiegeln sthen, und sein Ebenbild beteachten,
bis in heserein G.elächter endlich der Bann
ãch brach, der auf setuer Seele lag. 2

Er hoffte Aufangs no d immer, sich mit
seinen Giäubigern verständigen zu können, erst
als diese erllärten, daß sie nur dann einen
Accord eingehen wollten, wenn Weder die
Fuma seinem bisherigen Buchhalier übertrage,
sah: er krar in das Gervebe von Lug und
Betrug, welch's der umn ihn gesponnen hatte,
auf den er fein ganzes Verirauen sette

Einen wilden, enssetzlichen Flusd jchleiderte
er auf das Haupt des Betrügerz, der mit
geirählien: Jalbungevollen Worten ihm die,
Nothwendigkeit dieser Uebertragung tlar zu
machen versuchte dunn stürzte er hinzus, und
das högnijche Lachen des Ass ssors Woldau
llang och in sanen Ohren als erzin seanen
Hauje eisg ðbpft, ptyfiich und geistrg gebrochen,
auf den Fußbobn niecersant. 5 J

Durchsfaute er auch noch nicht den gan⸗
zen Plau sobiel war ihm doch klar geworden
daß Helmes ihm nur zu seinen Fewagten
Sp culati onen gerathen hatte, um den Aus⸗
bruch des Falliments zu deschleunigen, und
daß Waldau diese Gelegenheit ergriff, zum sich
jür den erhalltenen Korb zu rächen.

Er weigerte sich lang, in die gestellten
Bediugungen zu willigen, bot seinem Haupt⸗
Zläubiger einen Gesetlschafis-Vertrag an, legte
den Plan zu einer Actiengeseschaft vor, ver⸗
gebens. Die Gläubiger drohten Mobilien
und Immodilien unter den Hammer zu brin⸗
gen, wayrend nuf ket anderen Seite Hermes
seinem früheren Prinzipale eine ziemlich an—
        <pb n="216" />
        sehnliche Summe als Entschädiguug für die
Uebertragung anbieten ließ.

Bölliug hatte erklärt, sich an der Actien
desellsthaft betheiligen zu wollen,“ soweit seine
stapitalien dies erlaunten, zu einem Darlehen
aber, welches zur Befriedigung der Gläubiger
hinreiche, konnte er sich nicht entschließen,
weil er nicht sein ganzes Vermögen auf eine
starte setzen dücfe. Sah der Commerzienrath
auch Ras Begründete dieser Erklärung ein,
so hinderte ihn das doch nicht, der Engher⸗
zigkeit feines Schwiegersohnes allein die Schuld
an seinein Falle aufzubürden.

Dem Drängen des Asfsssors, der als
Syndik des Falliments das Tamoklesschwert
über dem Haupie des Falliten hieil, mußte er
endlich nachgeben, er nuterzichnete den Act,
welcher dem Buchhalter Hetmes die Firma
nebst den Activen und Passiven übertrug und
trhielt' dafür die Abstandesumme, welche bei
eingezogener Lebensweise zur Bestreitung seiner
Bedürfnisse nur für einige Jahre hinreichten.

Nachdem der schwere Shritt einmal ge⸗
han war, fand der Commerzienrath keine
Ruhe mehr in seiaem Hause. Helmes, der
jetzige Inhaber des Bankzeschäfts, hatte ihm
IILVR
so sange zu bewohnen, bis er ein passendes
Unterkommen gefunden habe, aber Weber
wollte diesem Menshden, den er in licefster
Secki haßte, keinen Dank schuldig sein. Er
würdigie dieses Anerbieten keiner Erwiederung
und verließ noch an dems lben Tage das
Haus, um jene bescheidene, einsame Wohnung
zu beziehen.

Helene und auch Bölling hatten ihm schon
einige Mal geschrieben und ihn gebeten, zu
ihnen zu kommen, aber der al?e Mann be⸗
harrte eigensinnig ber sriner Weigerurg. Er
wutzte daß er im Beisein srines Schwiegrr⸗
—XV
neten war und schämte sich als Bettlet wie
der vor ihm zu erscheinen. Helmes brachte
schon in den ersten Tagen mit den Gläubi⸗—
gern der Firma einen Vergleich zu Stande.
Woh er er die Mittel zur Erfüllung der Ver⸗
bindlichkteiten nahnm, welche die Kction weit
üderstie en, wußte Niemand, seldst dem Ban⸗

fier war es ein Räthsel. Zwa: verbreitete
Heilmes das Gerücht, ein bedeutender Copitalist
unterstütze ihn, aber Weber glaubte nicht an
dieses Gerücht. Er verließ die beiden Stuben,
welche er bewohnte, selten, die Menschen fuch⸗
sen ihn nicht, er wollte jede Gemeinschaft mit
hnen vermeiden.

Seine einzige Beschäftigung bestand in
Papparbeiten, zu denen er schon in frühzer
Jugend Lust und Liebe gezeigt hatse. So saß
er vom frühen Morgen bis zur Dämmerung
por seinen Schachteln und Modellen; die
Wartefrau, welche die Stuben in Ordnung
hielt, das Essen holte und die nöthigen Aus⸗
zänge besorgte, durfte nur dann in das
Wohnzimmer treten, wenn der Commerzienrath
iich noch in seiner Schlafstude befand, er wollte
lein menschlichez Antlitz mehr sehen, keine
menschliche Stimme mehr hören. Seine Auf⸗
träge schrieb er auf eine Tafel, welche im
Schlafzimmer hing, dort mußte die Wartefrau
Alles, was sie für ihren Herrn holte, nieder
legen, wo der alie Mann es später in Em⸗
pfang nahm .

„Die Leute, welche diese Einzelnheiten er⸗
fuhren, schüttelsen die Köpie und sprachen
die Vermuthung aus,. der Verstand des Com⸗
merzienraths müsse gelitten haven. Nur We—
nige erriethen den wahren Grund dieser Ab⸗
sonderung, aber unter diesen Wenigen hielt es
leiner der Mühe werth. den Misantyropen
mit der Menschheit ausz isöhnen. — — —

(Forisetung folgt.)

Die Bevölkerung Berlins hat sich in der
Woche vom 28. April bis 4. Meai durch
Biburten um 599 (319 mänpliche, 280
deitliche.) durch Zusuß um 4413 (63213
näunliche, 1200 welblicht) Personen vermehrt,
durch Todes:älle vm 526 (274 mä · niche,
252 we ibliche) durch Abzug um 1077
597 männtiche, 480 werbliche) vermindert.
Der Gesammtzuwadis beteägt daher 8409
(2661* männliche, 748 weibliche) Personen.

Mannigfalliges.

9 2

Dreud an⸗Verlag von J. X. Demeg in St. Jngvert. . 44 de—
        <pb n="217" />
        Anterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
—V—

Donnerstag, den 11. X

—

DdDie Brüder..
DriginalRovelle von Ewald August König.

Die Stirn des Commerzienraths legte sich
in Falten. „Ich habe mit Ihnen nichts zu
ichaffen,“ entgegnete er rauh, „unter allen
neinen Bekannten sind Sie derjenige, dem
ich am wenigsten etwas verdanken möchte.“

Waldau verbeugte sich, ein ironisches
dächeln spielte um seine dünnen Lippen.
„Der Stolz kleidet den Beitler schlecht,“
ders tzte er in einem Tone, der dem ehemali⸗
zeü Bankier die Galle iuns Blut trieb. Erinnern
Sie sich des Tages, an welchem Ihre Tochter
den Gutsdesitzer Böling heirathete ? Damals
agten Sie mir, ich sri ein Mensch ohne
Ramen, ohne Vermögen, und nur aus diesem
Brunde hätten Sie mir die Hand Heleuen's
verweigert. Ich frage Sie nun, was sind
Sie? Freilich, Comenerzienrauhe'e Aber ein
Fommerzienrath ohne Kapital, ohne Credit ist
irmer als ein Bettler.“ —
„Junger Measch, Respect“ vor meinen
grauen Haaren?“ fuhr der Bankier auf.
„Vergessen Sie nicht. daß Sie mir Ihre
Tarriere zu verdaulen haben, hätte ich damals
nicht Ihnen meine Börse geöffnet. säßen Sie
ztzi als Canzleischreiber bescheiden huuter Ihcem
Palter.

.Eben diese Wohlthat, obschon lich fie
lieber eine Paahlerer nennen möchte, bewegt
nich, Ihnen, so viel dies in meinen Kräften
stoht, die Last zu erle:chtern. Ich redete da⸗
rüber mit dem jehzigen Inhaber ber Firna—
er hat fich beren erklärt, Ihnen den Posten
des ersten Buchhalters in seinem Göschäfte
anzuvertrauen, Tausend Thaler Gbatt“ und
tine Grat-fication, welche sich nach dem Gewinn
bes laufenden Jahres richten, fud Ihuen zu ·

—— — *
(gportsetzung.—

An dem Tage, an welchem Bölling und
dessen Begleiter am Ziele ihrer Reise an angten,
saß dier Commetziéeurath vor dem Modell
eines Haufes, welches er mit besonderer
Sorgfatt aus zuführen gedachte. Er träumte
ich zurück in die Zeit, in der er alles no b
sein nannte, in der Helene noch indiesen
Räumen speelte, in der er ei⸗it so glüdlich
gewesen war! Ein sch verer Sufzer entrangd
ich seiner Brust. —“ was war von j nem
Blück ihm gebtiebend
Eine qultende Erln⸗erung und die Er
fadung, daß auf Gluck und Freundschaft nicht
zu bauen ist. — Aus jeinen Träumenshreckte
ihn prötztich ein leises Pochen auf. Seitdem
er hier wohnte, hatte er noch Memanden in
seiner Wohnung gesehen, er zweifelte auch
—I
wüufcht Jemand Auskuuft, oder war es am
Eide ei er seiner Bekannten, den die Neuget
hierherfüyrte?—

Der Commerzienrath erhob sich⸗ um die
Thüre zu verschlußen. ader noch ehe er di sen
Eutf salußk au⸗führen konnte, stand der Ass ssor
Waldau vor ihm. —

Sie werden entschuldigen, wenn ich Sie
so früg schan stöse,“ hub der Aff ssor an,
nacndeim er, ohne eine Nuffardernag dazu
erhatten zu haden, P'atz enommen hitte.
„Der Wunsch, Ihre Lage zu verbessern, führt
naich nur hiesher
        <pb n="218" />
        gesichert. Greifen Sie zu, eine bessere Gelegen ⸗
heit wird sich Ihnen so bald nicht wieder
bieten.“

Der Commerzienrath stand sprachlos vor
Urberraschung une Wuth vor dem jungen
Manue, der kalt und unbewegt ihm ins Auge
schaute.

„Das ist zu viel, mein Herr!“ rirf er
endlich, indem er den Assessor am Ar ne faßte
und ihn gewaltsam in die Höhe zerrte.
„Sie konnten mich verfolgen, meine Ruhe,
meine Ehre vernichten, aber zu dieser Rache
auch noch demüthigende Beleidigung zu fügen,
übersteigt alle Grenzen. — Hinaus! sage
ich, hinaus mit dem Buben, der weder“das
Unglück noch das Alter achtet!“ —

Der Asse ssor war auf einen solchen Angriff
nicht vorbereitet, es gelang ihm nach uunsäg⸗
licher Austrengung, seinen Arm pon der Faust,
die ikn hielt, zu befreien.

„Es ist wahr,“ eatgegnete er, „daß ich
alle Hebel in Beegung setzte, Sie zu einem
Manne ohne Stand, ohne Einkonmen, ohne
Vermögen zu mahen. Dues berechtigt Sie
aber nicht, mir die Thüre zu zeigen, wann
ich Jinen einen Weg angebe, auf welchem
Sie dem Man el, der Sie über kurz eder
lang betroht, porbeugen fönaen“
Done ein, Wort zu erwidern, öffacte der
alte Herr die Thüur.,
3Ich werde gehen, X es mir beliebt,“
fuühr der Assessor fort, indem er sich dem
Tische näherte, auf welchem die Pappurbeiten
sianden. „Freilich, wenn Sie in solchen Dingen
Talent hesitzen, kann ich es Ihnen nicht übl
nehmen, daß Sie meinen Vorjchlau zurück⸗
weisen. Indeß auf der anderen Seite bleibt
guch zu bedenfen, daß Sie alt und schwach
wvwerden, und Ihre Augen die Serktaft vere
lieren, Helmez werd. Ihnen den Posten auf
PLebens zeit turerlassen, pbischon er. ch, wie er
nir sante. nicht viel byn, Ihreü Kenntnissen
uͤnd Ihrer Arbeitslust verspuint⸗ die Pletät,
welche er seintm frühereu Pezucipel zu sauden
dlaubt, hat jhn zu⸗ dem Auxrbi ten hewogen.
Uebeilegen Sie gsicnß und greifen Sie gi, ehe
eß zu wät ist,“. — 3 —— B.
Waldau verbeugtf sich nach' diesen Worten
und schrut“ bünaus., Ader noch ehe er die
Treppe erreicht halte,“ noch ethe der Commer⸗

zienrath, der wie versteinert dastand, die Thür e
ins Schloß werfen konnte, stand Bolling vor
dem Assesso.

Ihn sehen, ihn am Arme fassenmund in's
Zimmer zurückschleppen, war das Werk eines
Augenblicks; der Gutsbesitzer verschloß die
Thür, legte den Schiüssel auf den Tisch und
zei gte, auf einen Stuhl. Fast willenkos nahm
Waldau, .dem dieser Zwischenfalle für einen
Angenblick die Fassung raubie, auf demselben
Plaͤß.

„Also Sie sind der saubere Bursche, der
als Syndik, statt das Juteresse seines Falliten
zu wahren. es ejnzig uund allein darauf an⸗
legt, jenen in“ das tiefste Elend zu stürzen ?“
hob Bolling, seine Aufregung gewaltsam be«
meist rnd, an. „Ich kruue das Netz. welches
Siogewebt haben, weiß, daß Haß und Rachiucht
Sie dazu antrieb.“

„Bin ich Ihnen Rechenschaft deßhalbh
schuld'g ?“ entgegnete der Assessor, der seine
Geistesgegenwart wied rgefunden batte. „Glau—
ben Sie, daß ich als Syndik gehen das Gesetz
gefehlt habe. so steht Ihnen der Weg, mich
deßhalb vor Gericht zu fordern, offen.“

„Blauben Sie, ich werde so thöricht sein,
diesen Weg zu betreten?“ veröetzte Bölling,
Jdr Juxisten habt manche Ciausel, hinter
die Ihr Euch verstecht, ich mag mit Euch
keinen Prozeß führen. Aber gesetzt auch,
ich erhielte Recht, eine kseine Geldbuße wärt
jür Ihre Schurkeren eine zu gelinde Strafe,
deshalb ziehe ich es vor. mir auf anderem
Wege Genugthuung zu verschaffen ··“

Dex Gutsbesitzer warf einen raschen Bliq
auf seinen Schwiegervpater, der den Beiden
den Rücken wandte, und ehe der Assessor es
sinn versahz, hatte die wuchtige Hand Bölliugs
mit s inen Ohren die genaueste Bekanntjchaft
acschlossen. Wie von einer Tarantel gest chen,
fuhr Wildau von seinem Sitz auf, seine
Augen glühten, die Zorn der auf seiner Stirn
schwoll drohend an und Purpurröthe übergoß
sein Anilitz.
ie haben diese Züchtigung verdient,
nehmen Sie sie ruhig hin,“ versetzte Bölling
dalt, indem er“ die Thür öffnete. „Wollen Sie
jetzt den Weg betreten, den Sie mir porhir
Jeigten, e stelzt Ihnen offen.“

Der Assessor bemühte sich vergebens, zr
        <pb n="219" />
        redein der Haß erstickte ihnn die Worte in der
Kehle. Bölling ließ ihm nicht Zeit, sich zu
sammeln, er faßte ihn am Arm, jchob ihn
auf den Gang und schloß die Thüre zu.

Die düstere Miene deg Commerzienraths
hatte sich auigehellt, er bedauerte nur, daß
Bölling es bei der Ohrfeige bewenden ließ.
Der Gutsbesczer drang jetzt in seiuen Schwie-
gervater, den Wunsch seiuner Kiuder zu er⸗
füllen, die Stadt, die ihm ja verhaßl jsein
mußte, zu verlassen und' den Rist seiner Tage
auf dem Gute zuzubringen.

Ne war der Commerzienrath geneigter
gewesen, auf diesen Vorschlag einzugehen, wie
gerade jetzt, in dem Augenblicke,“ iuwelchern
sein Stolz die empfi idliciste Niederlage erlitlen
hatte. Er erklärte, den Vorshlag in nänere
Erwägung ziehen zu⸗ wollen, ei;en festen
Entschluß kömte er jezt noch micht sassen.
Bolling sah ein, daß er nicht weiter in den
olten RNaͤnn dringen du fte, zwingen linß der
Coumer zienrath sich nie,/ und e8 war auch
besser, wenn er s.lbit zu der Einsicht g langte,
daß er nichts Besseres tqun konute, als jeues
Anerbieten anzunehmen. — Uanter dem Bore
wand, daß er noch einige Einkäufe zu besorgen
habe, verließ er seinen Schwiegervater und
veriprach, ihn in Laufe des Tages noch
einmal zu besuchen, um seinen Eutschluß zu
vernehmep.

.„Ich veise morgen Abend zurüch,“ sagte
er, indem er dem alten Herrn die Hand
reichte, „Helene sieht mit Ung:duld meiner
Rückehr entgegen und ich weiß. Leine größ re
Freude könnte ihr bereitet werden, als wenn
ich Dich mitbrächte
Das Eis war gebrochen, die liebevollen
Worte fielen auf einen fruchtbaren Boden.
Dem Commerzienraih, der bis dahin nur
Undaunk und Haß geerntet hatt,, schossen die
Thränen unwillkührlich ins Auge.

„Ich will mir's überlegen,“ erwiderte er,
‚und gestehe offen, daß mir diese Stadt ver⸗
haßt ist, die ich je eher je lieber verlussen
moöch te.

Der Gutsbesitzer schlug, nachdem er die
Wohnung seines Schwiegerbaters verlassen
hatte, ohne Zöz rn den Weg zum Geschäits⸗
lotal des Banthauses Wober und Compagnie
ein. Schon wollte er in das Haus eintreten,

als er seinen Namen rufen hörte. Er sah sich
um und erblickte einen alten Bekannten, in
dessen Gesellsshaft er in früheren Jahren manche
Flasche geleert hatte )

Grüß Gott Bölling,“ sagte dieser, indem
er den jungen Mann die Hand reichte. „Wir
haben uns lange nmicht gesehen; ich glaube, es
war vor fünf Jahren in Hamburg ·“·..

Allerdin«as,“ fiel Bölling ihm ins Wort.
„Damals war der Kaufherr Schmerling nach
Commis voyagur.“

Ja, ja, tin Musterreiter, wie es wohl
leinen Austig ren gab,“ fuhr Schmerling la⸗
chhend fort. „Ermuerst Du Dich noch der
Fahsien und Abenteuer aus jener Zeitd —
Doch komme, in der Nähe ist eine kühle
Weinsedenke, ziehen wir uns dahin zurück, um
eine Flasche anszustechen und uns in jene
vergingenen Tage zurückzuversetz n.“ 1

Boölling warf zöerno einen Blick nuf die
Thüre, auf der noch immer das Messingshild
mit ber alten wohlskannten Firma prangie,
dann folgte er rasch dem Freunde.

Du bast wohl Geschäfte mit dem Hause 7
fragte Schmerling⸗ ..**

Geschäfte “ entgegnete der Gutsbesther
„In in sofern maun mein Auliegen an jene
Firma tin Geschäft ninnen sann“

Doch nicht etwa Geldgeschäfte 9 forschie

Schmerling.
Nein, nein, dem Himmel sei Dank, ich
bin nicht in demn Falle eine Anleihe machen
zu müssen.“
Die Beiden waren inzwischen? in ader
Weinschenke angelomaen.Schmerling füllti
die Gläser und steß mit idem Freunden anl
„Nun wir uns wiedergesunden haden, werden
wir hoffentlich auch einander nahe bleiben.“
versetzte er, Jalsjs auf eine dauernde Freund
schafn!⸗ 1

Bölling leerte sein Glaßs und sah eint
Weile schweigend vor sich hin. „Weßhalb
follte ich Dir verheimlichen, was ich diüben
in dein Baukgeschäft zu besogen habe,“ nahm
er eudlich das Wert. „Ich weiß. Du wirfl
mir rathen und, wenn's zötyig ist, auch dei⸗
stezen. Der Commerzienrath Weber, welcher
früher jenes Geschüft besatz, ist kiein Shwie⸗
get vater.“ 4

Er Dein Schwiegervater d8 fiel Schmer
        <pb n="220" />
        ling überrascht ibm ins Wort. „Jeht begreife
ich, Du willst die Firma zurückkaufen und in
Gemeinschust mit dem Commerzienrath das
Geschätt übernehmen. Nimm Dich in Acht
vor dem jetzigen Chef der Firma, er ist ein
sehr geriebenen Bursche.“ — ——

,Du kennst ihn persönlich 7“9. fragte
Bölling. .

„Ich hatte die Ehre, ihn kennen zu lernen,
denn ich war einer der Hauptgläubiger. Unter
uns gesagt, wie dieser ehemalige Buchdalter
es ermoöglicht hat, das Geschäft zu übernehmen
und die Hälfte der Procente baar zu zahlen,
ist mir bis heute noch ein Räthsel.“

„Mir ebenfalls!“ schaltete Bölling ein.
„Hat man denn gar keine Vermuthung »*“

,O doch, eine sehr starke sogjar! Aber
ob und wie weit sie gegründet ist, das fest⸗
zustellen, wird schwer halten. Du weißt, Helmes
wor die rechte Hiud seines Principals, der
Bankier unternahm michts ohne den Rath
dieses Factotums. Es mußte auffallen, daß an
demselben Tage, an welchem der Kessadiebstahl
entdeckt wurne, der Commerzienrath bedeutende
Lieferungsgeschäfte in Getreide und Ol ah⸗
schloß. er schien fast, als habe er den Markt
jorciren uad die Conjuncturen zu srinen Gac⸗
sten zwingea wollen. Aber die Vorräthe waren
zu bedeutend, jener, der nur einigermaßen
liefer eindrang, mußte einseyen, daß uage⸗—
heure Vorrätze in fester Hand lagen, und zu
Markte gebracht murden, jobnld der; Preis
fiel. Dees geschah, wie man varauesah, gegen
Eude des Winters, der Preis sank mit jeoem
Tage tiefer, und als der Commerzien ath endlich
dzertaufen mußte. stellte sich ein Defictt heraus,
ww lches nahe an Hunderttausend Thaler vetruj.
Wir.Kauffleute, schütlelten die Köpfe. wir
konnien nicht begreifen, daß der Commerzieurath
so, unsinnig gauz gegen j de vössere Eiusisht
spiculirt hatte. Im Laufe der Verhaudiungen
stellte sich heraus, daß alle diese Geschäfte
duxch Vermittlung des Bachhalters mit eiuem
ubsexer Getreideagenten abpeschlossen worden
waren. Bedenke den Umsinndd Uit eiurm Manne
auf fünfzigtausend Malter Getreider und
zwanzigtausend Oym Nabsöl abzuschli ßen, der
ho jstens füufzehntausend · Thaler Vermöan

besitzt. Gewann der Tommerzienraug, so stürzte
der Agent, verlor er, so mußte er seine
Zahlungen einstellen, es war gleichsam ein
Vernichtungskampf zwischen den Beiden. Aber
der Umstand daß Hel nes der Vermittler war,
klärt Vieles auf. Er kaunte das Geschäft und
wußte, daß der Commerzienrath enorue Summen
verlieren mußte; — glaubst Du nicht, daß
er mit dem Azenten unter einer Decke lag,
daß er jenem das ganze Geschäft in die Hand
gah. um sein Schäfchen dabei zu scheeren ?“
S händlich!“ murmelte Böling. „Aber
kann man diesen Betrug nicht coustatiren 9*
„Gesetzt. Du köuntest es, was nützte es
Dir ẽ*. Helmes hat auf eigene Hund einen
geheimen Vertrag mit dem Agenten gesa lossen,
dergestalt, daßz er Gewzunund Verlust mit
ihm: theilt, das Recht kaun ihm Nemand be—
streiten. Was den Verdacht bestärkt, ist der
Umstand, daß Helmes vor der Zihlungsrin⸗
telluag die ganze Sum ne dem Azenten aus-
zahlen ließ. Uater uns gesagt, ich will Deinem
Sh piegervater nicht zu nahe treten, aber es
wäre besser gewesen, wenn er sich etzas,
mihre um sein Geschäft bekünmert und nicht
Alles seinem Factotum überlassen hätte.“
„Aber das Failineut mußte doch zurück-
datirt werden, der Agent die ennpiangenen
Summ'en h rauszahlen!“ versetzle Bbölling.
„Weßhalb geschah dies niht??“
Schm'rling zuckte die Ahsrin. „Die Gläu⸗
hi jser. haben den Antragzagest Ut. aher der
Syndik, Assessor Waldau, wußie die Sache
so zu arehen, daß vir abeoiesen wu den.
Ichh weiß nicht. soll ich zlauben. daß der
Ass ssoe aaus Iuß a gen Derren Schwiezervater
so haidelle, oßer daß er mit den Agenten
und Helmes — — doh es ist vesser, ich
schweige darü zer, wenen einer Jajurte möndte
ich nicht gerne zur Recheaschaft gezogen werden.“
(Foctsetzung folgtz.
41 —1 — —— n
Lebensphilosophie.
Ausweichen kannst da Elephanten. wehren
Dem schnellen E er“ und den Sprung des Bären,
Denm wilden Rosfe un Ie oue Stier.
Doch nimmer der Verleumdung Klapperschlange,
Der Rach sucht shau versteicktem Tinerf ine
Des Trags Hyäne und des Grolls Varn,yr.
ta. .ij

Deuck un- Verlag von F. X. Die nae h, in St. Jughert.
        <pb n="221" />
        AUnterhaltungsblatt

zunn
St. Ingberter Auzeiger.
Sonntag, den 14. RKu ISII.
Die Brüder.
Original-Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung.) n
Bölling hacie sich erhoben, er wanderte
eine geraume Weile schweigend, in seinen Ge—
danken versunken, im Zimmer auf und ab.
‚Wie heißt der Agent?“ fragte er endlich.
„Pieperling. Gib Dich indeß nicht der
Hoffnung hin, ihn zu überlisten, er ist ein
ganz schlauer Bursche.“
„Ich werde es wenigstens versuchen. Wann
tufft man ihn zu Hause.“
Schmerling sah auf die Uhr. „Wenn Du
jetzt hingehst, triffft Du ihn siche. ··
Der Gutsbesitzer nahm seinen Hut und
reichte dem Freunde die Hand. „Worgen
Mittag um diese Stunde erwarte ich Dich
hier, ich hoffe Dir einen günstigen Erfolg
meiner Schritte berichten zu können.“
Schmerling schüttelte zweifelnd das Haupt
und sah dem Davoneilenden nach, bis dieser
an der nächsten Ecke seinem Blicke entschwand.
Bald hatte Bölliung die Wohnung des
Agenten erreicht, ohne Zögein trat er in das
Comptoir. Sein erster Blick fiel auf einen
ältlichen Herrn, der, emsig beschäftigt, am
Pulte saß. Schon die äußere Erscheinung
dieses Menschen stieß ihn zurück. Das wider⸗
liche Fuchsgesicht mit der kahlen Glatze, die
stechenden Augen, die unter grauen, buschigen
Brauen tückisch hervorblitzten, die aufgeworfene
Stumpfnase und die hervorstehende Unterlippe
machten auf ihn einen Eindruck, den das
süßliche Lächeln, welches diese Züge nur

karrikirte, nicht heben konnte. — Dem ersten
Impulse folgend, wollte er barsch auftreten,
doch entsann er sich noch zur rechten Zeit der
Warnung Schmerlings. Er gab vor, ein Gr—
treidegeschäft abschließen zu wollen, und der
Agent, dessen Eigenliebe es schmeichelte, als
Bölling hinzufügte, Pi⸗perling sei ihm warm
empfohlen worden, stellte seine Dienste zur
Verfügung.

„Verstehen Sie mich recht, ich bin nur
Vermittler,“ fuhr der Gutsbesitzer fort, „wein
Prinzipal, ein durchaus beschränkter Mensch,
will unter jeder Bedingung speculiren, weil
er glaubt, auf diesem Wege ein reicher Mann
werden zu können.“

„Ich verstehe, ich verstehe,“ schmunzelte
der Agent. „Je nun, wenn man die Con⸗
juncturen zu benutzen weiß, so ist immerhin
noch etwas dabei zu gewinnen. Wie hoch be—
läuft sich das Limit?“

„Auf dreißigtausend Malter Weizen.“

Der Agent ließ die Unterlippe haͤngen,
sein Blick ruhle hier auf dem Autliztz des
jungen Mannes. „Dreißigtausend ?“ erwiderte
er endlich.

„„Sie werden, sobald ich Ihnen den Na⸗
men meines Prinzipals nenre, keinen Zweifel
in seine Zahlungsfähigkeit setzen,“ fuhr Bölling
fort, „kommen wir aber vorerst zur Hauptsache.
Ich kann den“ Auftrag jedem Agenten über⸗
geben, denii mein Prinzipal läßt mir darin
freie Hand.“ Sie werden nun begreifen, daß
ich mich an den wende, welcher —“

„Ihnen eine entsprechende Gratffication
einräumt ?“ fragte Pieperling. „Ich werde
mich dazu gerne bereit finden,““
        <pb n="222" />
        Eine Gratisication genügt mir nicht, ich
berlange die Hälfte des Gewinnes.“

„Wenn aber der Gewinn auf Seiten Ihres
Prinzipals ist ?*

„Ohne Sorge, mein Auftrag lautet auf
Verkauf, ich vin überzengt, die Preise steigen
bis zum Olktober.“

„Wenn man's zu forciren versteht.“ ent—
gegnete der Agent achselzuckend. „Ich räume
Ihnen ein Viertel des Gewinnes ein.“

Bölling nahm seinen Hut. „Ich feilsche
nicht,“ versetzte er gelassen. „Wollen Sie den
Vertrag nicht eingehen, wende ich mich an
einen Ihrer Herren Collegen. Ich dachte Sie
am erflen geneigt zu finden, weil Sie ja der⸗
gleichen Geschäfte schon oft abgeschlossen haben.“

Die Augenbraunen Pieperlings zogen sich
um einen halben Zoll in die Höhe. „Erklären
Sie Sich deutlicher. Ich entsinne mich icht —“

„Sagen Sie lieber, Sie wollen sich nicht
entsinnen. Wenn ich Ihnen erkläre, daß
Helmes mich an Sie gewirsen hat, so werden
Sie wissen, deß ich meiner Sache ziemlich
sicher sein kann.“

„Freilich, freilich,““ erwiderte Pieperling
indem er seinen Gast durch eine Handbewegung
rinlud, wieder Platz zu nehmen.'„Es ist wahr,
sch schloß mit Helmes früher einige Geschafte
ab, nun, er muß wissen, ob er nicht besser
hut, darüber zu schweigen. Et zog einen
schönen Gewinn. Achtundvierzigtausend Thaler
sechtzehn Groschen baar und blant hinge—
zählt.“ —

„Während Sie dieselbe Summe ein⸗
tasfitlen.“

Anterdings, doch kommen wir zur Sache.“

Ein ironijches Lächeln glitt über die Lippen
Böllings.

„Ich habe mich anders besonnen,“ ver⸗
setzte er. „Hätten Sie sofort zugegriffen, wäre
das Geschäft bereits abgemacht. Ihr Zogern
und Schibanken hat mein Bedenken erregt.“

Der Agent fuͤhr mit der Handfläche eini⸗
gemal über die Haare, welche die Glatze kaum
zur Hälfte bedeckten und sah den jungen Mann
mit inem Gemisch von Erstaunen und Ueber⸗
raschung an. „Sie wollen doch nicht zurück⸗
treten ?“ fragte er.

Ohne diese Frage einer Antwert zu wür⸗
digen, ging Bölling, der gewaltsam an sich

jalten mußte, hinaus. —Er wolltr im ersten
Augenblick dem ehemaligen Buchhalter seines
Z„chwiegervaters unverzüglich einen Besuch ab—
tatten, ber fühlte, daß er dazu zu aufgeregt
var uud er besser that, bis nach dem Mit—
agstisch damit zu warten. Der Baron erwartete
ihn bereits im Gasthofe. Er nahm keinen
Anstand, diesem zu erzählen, welche Entdeckung
er gemacht hatte und welche Schritte er jetzt
zu thun gedenke.

Der Baron zuckte die Achseln. „Ich möchte
ehr bezweifeln, daß es Ihnen gelingen wird,
ruuch nur einen Heller von der erschwindelten
Summe zurück zu erhalten, sei es nun durch
hüte oder Gewalt,“ sagte er lakonisch. „Leiten
Sie eine gerichtliche Klage ein, so kostet
Ihnen der Prozeß eine enormne Summe und
chließlich werden Sie mit Ihrer Klage abge—
viesen. Deshalb rathe ich Ihnen, lassen Sie
die Sache ruhen, ändern werden Sie doch
nichts daran.“

Der Gutsbesitzer war anderer Meinung.
Bleich nachdem die Tafel aufgehoben war,
berfügte er sich in das Geschäftslokal des
Bankhauses. Helmes faß im Kabinet. Seine
Züge verrieihen weder Ueberraschung noch
Verlegenheit als Bölling eintrat. Er bot mit
inem freundlichen Lächeln dem jungen Mann
einen Stuhl an und fragte, womit er dienen
önne.

Ohne Umschweife kam Bölling sofort auf
den Kardinalpunkt, die Lieferungsgeschichte
zwischen dem Commerzienrath und Pieperling.
Er erklärte, die Verhältnisse genau zu kennen
ind spruch die Hoffnung aus, Helmes werde
ich bereit finden lassen, die Firma an ihren
rüheren Eigenthümer zurückzugeben und jene
rschwindelte Summe herauszuzahlen: nur
inter dieser Bedinzung könne er von einer
gerichtlichen Klage abstehen.

Ein höhnisches Lächeln glitt über die
Züge des ehemaligen Buchhalters.

Ihre Rechtsbegriffe müssen sehr verwirrt
ein,“ erwiderte er gelassen. „Von Betrug
»der Schwindel kann hier nicht im Entfern⸗
esten die Rede jein. Gesetzt, jene Lieferungs⸗
zeschäfte wären zu Gunsten des Commerzienrath
ausgefallen, würde man mir alsdann den
Schaden vergütet haben, den ich zur Hälfte
fragen mußte ?“
        <pb n="223" />
        „Aber Sie wußten, daß das Geschäft zum
Nachtheil Ihres Prinzipals ausfiel.“

„Beweisen Sie mir das,“ fitl Helmes
ihm ruhig ins Wort. „Beweisen Sie mir,
daß ich dies wußte, daß ein Verlust überhaupt
nicht in der Möglichkeit lag, und wenn Sie
mir das bewiesen haben, sagen Sie Ihrem
Schwiegervater, er möge sich vor den Kopf
schlagen und gessehen, daß er ein Dummkopf
war. Er hat die Lieferungsscheine unterschrieben
und das Geschäft forcirt, nicht ich“

„Herr, Sie sind ein Schuft, der hinter
der Maske der Frömmigkeit sein Wolfsgesicht
berbirgt,“ brauste Bölling auf, „wir werden
uns vor den Schranken des Gerichts wieder⸗
schen“
„Ich freue mich herzlich, auf dieses Wie—
dersehen,“ entgegnete Helmes mit unerschütter⸗
licher Ruhe. „Sie werden mir aber nicht übel
nehmen, wenn ich bis dahin mein Hausrecht
wuhre.“
Er streckte die Hand nach dem Schellen—
zuge aus, der Gutsbesitzer kam ihm zuvor,
indem er die Thüre öffnete und das Kabinet
verließ.

Sechtes Kapitel.
— Ein Duel.
In einer entlegenen, nur zum Theil an
gebauten Straße stand ein großes, dreistöckiges
Haus, genannt die „Kaserne“, weil in den
Räumen desselben mehr denn zwanzig Familien
wohnten. Von außen machte dieses Haus
einen keineswegs unfreundlichen Eindruck, demm
es war von einem ziemlich großen mit vieler
Sorgfalt gepflegten Garten umgeben, auf den
Fensterbänken, standen blühende Levklojen,
Nelken und Monatröschen, und hie und da
hing inmitten dieser Blumen ein Vogelbauer,
dessen Insasse nicht müde ward, seine frische
helle Stimme zu üben. Unfreundlicher aber
sah es im Innern der Kaserne aus. Die
Treppen waren eng und steil, die Stelle des
Geländers vertrat ein glatter glänzender Strick,
in den Gängen standen Schränke, Wassereimer
und Bänke mit Küchengeschirr, die Fußböden
und Thüren hatten ein schmutziges Aussehen,
und die vielleicht vor langen Jahren zum

letzten Mal geiünchten Decken und Wände
waren durch den häufigen Rauch geschwärzt.
Der geneigte Leser würde weil neben das
Ziel schießen, wenn er vermuthete, daß dieses
daus der Sammelplatz der Bettler und Vaga⸗
punden gewesen sei, im Gegentheil, die Kaserne
tand bei dem löblichen Magistrat wie bei
der Polizeibehörde in hoher Achtung, weil
die Bewohner derselben nicht nur sehr ruhige,
thätige und geschickte, sondern auch stets heitere
— V
einzig und allein daraus, daß der Eigenthümer
des Hauses nicht an Jeden vermiethete und
unter den Bewerbern um die erledigten Woh—⸗
aungen vorzugsweise diejenigen berücksichtigte,
welche des Schutzes bedurften. Er selbst be—
wohnte die unteren Räume und konpte somit
eine gewisse Aufsicht über seine Miethleute
jühren. In den ersten Stockwerken wohnten
Handwerker, deren Geschäft kein Geräusch
verursachte, Schneider, Popparbeiter, Buch⸗
binder und Korbflechter, das dritte Stockwerk,
und die Dachzimmer waren von alten In⸗
validen, Näherinnen und Stickerinnen bewohnt.
In einem Zimmer dieses dritten Stogs
saß am Abend des ihm vorgehenden Kapitel
erwähnten Tages ein junges Mädchen, emsig
mit einer Stickerei beschäftigt, deren Feinheit
und Eleganz auf die Geschicklichkeit und den
guten Geschmack der Sticerin schließen ließ
Es war ein freundliches, gemüthliches
Zimmerchen, zwar einfach und ärmlich ansge⸗
stattet, aber doch nicht ohne:den Comfort,
der diesen einsamen Kindern aug dem Volt⸗
zu einem zufriedenen Leben so nothwend ig
ist, wie den Blumen das Licht der Sonne.
Blendend weiße Vorhänge verhüllten das kleine
niedrige Fenster, vor weichem auf einem tan⸗
nenen Tischchen einige Monatsrosen und
Nelkensträuche neben dem messingenen Vogel⸗
bauer standen. Auf dem kleinen Schränkchen
unter dem Spiegel paradirten einige Pagoden
und Blumenvasen, selbst ein Ruhesessel mil
gesticktem Kissen fehlte nicht. Außer den bereits
genannten Gegenständen befand sich noch ein
mit schneeweiser Decke behangen⸗s Bett, ein
kleiner Kochofen, zwei Stühle und ein Näh⸗
lischchen in der Kammer, während ein klein
Schrank; welcher die Koch⸗ und Eßgeschirre
enthalten mochte, dicht neben der Thuüre auf
        <pb n="224" />
        dem Gange stand. Der matte Schein der
kleinen Kugellampe fiel voll auf das Antlitz
des Mädchens, welches von seiner Arbeit nur
selten aufsah, um einen flüchtigen Blick aus
den hellgelben Kanarienvogel zu werfen, der
sich bereits zur Ruhe begeben hatte. —

Sie mochte etwa einundzwanzig Jahre
zählen, die feinen, ebenmäßigen Züge waren
gerade nicht schön zu nennen, aber es spiegelte
fich in dem Blick der dunkeln Augen eine
wunderbare Seelentiefe, eine Sanftmuth und
Herzensgüte, welche auch einem weniger schönen
Antlitz Reiz verliehen haben würden. Dazu
umfloß die blendend weiße, hohe Stirn das
glänzend schwarze Haar in üppigen Wellen,
auf den vollen Wangen blühten die Rosen der
Unschuld, und die feinen Lippen umspielte ein
heitetes, bezauberndes Lächeln. Jeder Zug'in die ⸗
sem Antlitz verrieth eine heitere zufriedene Seele.
dDie Uhr der nahen Wache hatte eben
neun geschlagen, das Mädchen erhob sich, wars
durch das Fenster einen Blick hinauf zu dem
klaren tiefblauen Himmel und räumte das
kleine Tischchen, auf welchem noch der Stick⸗
xahmen lag, ab.

Ploͤtzlich fuhr sie erschrett zusammen, ein
leises dreimaliges Pochen ließ sich vernehmen. —
Wer konnte ju so später Stunde sie noch
besuchen ? War es der, an welchen sie vorhin
dachte, als sie zu den Sternen hinaufschaute?
Er hatte sie noch nie so spät besucht, und doch
wenn er es wirklich wͤreẽ?

Sie eilte zur Thür, öffnete und trat über⸗
rascht zuxück, ein fremder Herr stand vor ihr.

HeErschrecken Sie nicht, liebes Kind,“ nahm
dieser eintretend das Wort, „ich bin der
Baron hon Westen und suche ein Fräulein
Barbara Winter. Ich habe wohl die Ehre,
diese Dame vor mir zu sehen ??:
Die höfliche gesuchte Redensart war kei⸗
neswegs geeignet, das Mädchen zu beruhigen.
Was konnte ihr der Fremde mitzutheilen
haben ? Weshalb wählte er zu seinem Besuch
eine so späte Stunde.

Sie yerzeihen, wenn ich frage, ob Ihr
Anliegen an mich nicht bis wmorgen warten
kannẽ entgegnetn sie. „Mein guter Ruf —

O, befürchten Sie nicht, daß er darunter

leiden könne,“ fiel der Varon' ihr rasch ins
Wort. „Niemand sah mich ins Haus treten.
Zu dem muß ich morgen wieder abreisen.“

Barbara zögerte noch immer. „Ist Ihr
Anliegen wirklich so dringend und wichtig, so
werde ich Sie wohl anhören müssen,“ entgeg⸗
nete sie endlich Fassen Sie sich kurz, wenn
ich bitten darffg“.

„So kurz wie möglich,“ versetzte der
Baron, indem er sich auf einen Stuhl setzte
und das Mädchen durch einen Wink bat,
ebenfalls Platz zu nehmen. „Sie kennen eine
Witiwe Kraus?“ fuhr er fort, „wie geht es ihr?
Gedenken Sie ernsthaft ihres jüngsten Sohnes?“

„Mein Herr, wie kommen Sie zu dieser
Frage?“ erwiderte Barbara befremdet.

„Ja so, ich falle mit der Thüre ins
Haus,“ sagte der Baron ruhig. Ich lernte
in Amerika einen jungen Mann, Georg Kraus,
kennen. Er führt dart ein Nomadenleben, jagt
Büffel und treibt Handel, je nachdem die
Gelegenheit zu dem Einen oder Andern sich
ihm bietet. Er war ein aufgeweckter, beherzter
Mann, vir schlossen uns an einander an und
er vertraute mir eines Tages, daß er hier
aus dem Gefängnisse entsprungen sei und des—
halb nicht nach Europa zurückkehren dürfe.
Ihm liege auch nichis an der Heimath, er
habe dort nur unangenehme, bittere Erfahrun⸗
gen gemacht, an die er nicht gerne erinnert
sein wolle, nur seiner armen Mutter wegen
möge er noch einmal zurückkehren. Ich rieth
ihm, die Mutter zu bewegen, autzuwandern,
aber er meinte, die Frau sei alt und werde
die Beschwerden der Reise nicht ertragen
können. Vielleicht auch sei jetzt ihre ganze
Liebe auf den Bruder übergegangen, der ja
kein entehrendes Verbrechen begangen habe.“

(Fortsetzung folgt.) *

2nannigfaltiges.
Pest h, 20 April. Die Stadt Berdze in
Slavonien ist heute gänzlich niedergebrannt
und dadurch sind 4000 Menschen mit einem
Schlage obdachlos geworden.
Auflösung des Räthsels in Nr. 55 des Unterhal⸗
tungsblattes: „Mai n.“
Druck un, Verlag von F. X. Deraetz in St. Ingbert.
        <pb n="225" />
        Unterhaltungsblatt
St. Ingberter Anzeiger.“
1871.

Nr. 59. J
Die Brüder.
Original ⸗Nobelle von Ewald August Konig.

Der Baron lachte hell auf, aber dieses
Lachen klang so scharf und grell, daß Bar⸗
bara entsetzt von ihrem Stuhle aufsprang.
„Bleiben Sie nur sitzen,“ sagte der junge
Mann, indem er das Mädchen bei der Hand
iaßte und aus den Stuhl zurückzog. „Ich
veiß nicht, ob nicht der finstere Hugo Sie
mit seinem Bruderhaß angesteckt hat, aber
einerlei, ich will meine Mission erfüllen. Vorab
aber sage ich Ihnen, daß entweder jener gute
Freund oder Ihr Verlobter ein nichtswürdiger
Lügner ist, denn Georg Kraus hat nie daran
gedacht, die Bahn des Verbrechens zu betreten.
Als ich vor sechs Wochen von New⸗-Pork ab⸗
reiste, war ei nicht nur ein freier, sondern
auch ein geachteter Mann. Er bat mich seine
Mutter zu besuchen, und ihr eine kleine Summe
einzuhändigen mit dem Versprechen, daß
gr:ößere Summen nachfolgen würden.“

Aufrichtige Freude spiegelte sich in den
Zügen Barbara's. „Sie verkennen mich, wenn
Sie glauben, ich theile den Haß meines
Verlobten,“ sagte sie mit heiterem Ernst. „Ich
habe für den Bruder Hugo's nur Mitleid
gefühlt. Es ist schade, wenn ein talentvoller
Jüngling die Bahn des Bösen betritt. ihn
deßwegen aber zu hassen und zu verachten
finde ich ungerecht und grausam.“ I

„Sie sind ein gutes, braves Mädchen,“
versetzte der Baron, auf den das sanfte milde
Wesen Barbura's einen tiefen Eindruck machte.
„Ich bedauere, daß Sie Ihr Herz an einen
so rohen, ungebildeten Menschen weggeworfen
haben.“
Berührte der Baron mit diesen Worten
eine verborgene Saite in der, Seele des

(gortsetzung.) ?

Der Baron machte eine Pause, Barbara
sah schweigend vor sich hinu. Es iff eine
traurige Geschichte,“ sagte das Mädchen nach
einer Weile. „Die alte Frau hängt noch
immer mit ganzer Seele an ihrem Georg, im
Wachen und Träumen denkt sie nur an ihn,
und er hat seit seiner Flucht aus dem Kerker
sie ganz vergessen .

BVergessen 9?“ fragte der Baron. Können
Sie dies auch jetzt noch behaupten ?

„Warum, schrieb er nicht, als er in
Amerika angekommen war?“ fragte Barbara
im Tone des Vorwurfs. Und wenn es ihm
dort so gut geht, daß er die alte Frau unter⸗
stützen kann, warum thut er es nicht?“

„So viel ich mich entsinne, saute er mir,
er habe gleich nach seiner Ankunft in Amerika
geschrieben,“ erwiderte der Baron,

„Sie hat keinen Brief erhalten,“ fuhr
daßk Mädchen fort. „Hogo, mein Verlobter,
wollte wissen, sein Bruder sei vor einigen
Monaten in New⸗PYork verhaftet worden, ein
Bekannter hat ihm das von dort aus ge⸗
schrieben.“

In den Augen des Barons loderte Zorn
und Haß hell auf. „Hat jener Bekannte nicht
auch das Verbrechen des angeblich Verhafteten
genannt ?“ fragte er ironisch.

„Einbruch mit bewaffneter Hand. Hugo
sprach die Ansicht aus, dieses Verbrechen werde
drüben mit dem Tode bestraft.“
        <pb n="226" />
        Mädcheas? Sie waren anscheinend absichtslos
hingeworfen, legte Barbara ihnen eine tiefere
Bedeutung unter? — Lin schwerer Seufzer
entrang sich dem Busen des Mädchens, XR
in schmerzlichem Kampf begriffen, sah es eine
Weile schweigend vor sich hin, dann ergriff
es die Hand des Barons und sah diesem
wehmüthig ernst ins Auge. „Reden Sie nicht
so von ihm,““sagte sse,“ zer hat doch ein au—
es Herz. Reißt sein leidenschaftlives Tem—
perament ihn auch oft zu unüber hegten Wor⸗
———
edel.“
„Welche Braut nimmt nicht den Verlobten
in Schuh. und wäre es auch nur, Uun den
Schein zu retten,“ erwiderte der Baron ruhig.
Die zarie Blume gedeiht nicht im harten
felsigen Boden, sie lͤßt das Köpfchen hängen
ind welkt langsam hin.“ — Es lag eine
Sympathie in der Stimme des Baront, welche
das Herz des Mädchens wunderdar berührte,
sie fühlte sich zu diesem Manne hingezogen,
sie hätte shhon jetzt vor ihm ihr garzes Herz
ausschütten können.“ F

Der Baron sah auf die Uhr und erhob
sich. „Ich will nicht länget stören,“ fagte er.
„Können Sie es ermöglichenn, daß ich die
Muller meines Freundes morgen Abend hier
bei Ihnen treffe

Ein flͤchtiges Roth überzog die Wangen
Barbara's.

Morgen Abend,“ erwiderte Sie. „Mein
Bräutigam —“

Er besucht Sie morgen Abend 79 fragte
der junge Mann, ihr ins Wort fallend. „Das
ändert freilich die Sache. Vielleicht kynnte die
Zusammenkunft stattfinden, wenn er sich ent ·
fernt hat? Wann verläßt er Sie??

Et bleibt nie länger, als bis neun Uhr,
weil'er noch eine Stunde weit gehen und
Punkt zehn Uhr auf dem Gute seines Herrn
sein muß ·

„So tomme ich um neun Uhr,“ sagte der
Baron rasch, „einstweilen nehmen Sie dies
hier zum Andenklen an mich.“—

Er zog einen Brillantring vom Finger
und legte ihn in die Hand des Mädchens.
Varbata weigerte sich, das Geschenk anzuneh ⸗
men, eine innere Stimme sagte ihr, daß sie
cz nicht dürfe, daß dies der erste Schritt zur

Uatreu? an ihrem Verlobten sei, aber noch
rhe sie einen Entschluß fassen konnte, war der
Baron verschwunden.·..

Ein triumphirendes Laͤcheln glitt über
die Lippen des jungen Mannes, als er das
Haus verließ. Er drückte den braunen Strohhut
ins Gesicht und schlug unverzüglich den Weg
zum Gasthofe ein, in welchem er und Bölling
abgeftiegen waren. *Algs er in den Speisesaal
trat, bemerkte ihm der Kellner; der Gutsbesitzer
befinde sich in einem Nebenkabinet und. ha be
ihn beauftragt, den Herrn Baron sofort dort
hin zu führen,es fei einen kleine Gefellschaft
dort versammelt.

Der Baron legte den Hut ab und trat
ein. Er, erstaunte nicht, als er Bölling am
Spieltische sitzen sah, es schien fast, als ob
er dies erwartet habe. Bölling forderte ihn
auf, sich an dem Spiele zu betheiligen, der
Baroa lehnte dies ab. Er war verstimmt,
ielbst die oft stark gewürzten Scherze eines
alten Herrn, der die Gesellschaft zu erh itern
suchte, vermochten nicht ihm ein Lächeln zu
entlocken, n

Bölling verlor auch diesmal wiedet, und
je höher sein Verlust stieg, desto leidenschaft⸗
licher und höher pointirte er.

„Ich halte es nicht luͤnger aus, überneh⸗
men Sie für einen Augenblick meine Parthie,
flüsterte der Gutsbesitzer nach einer Weile
seinem Freunde zu, der dicht hinter ihm saß,
„ich muß hinaus in's Freie, die Luft hier
im Zimmer erdrückt mich.“ —

Der Baron nahm schweigend den Sitz
des Freundes ein. Bölling blieb trotz der ihn
erdrückenden Luft hinter dem Stuhle stehen.
Aber in der Laune der Glücksgöttin änderte
dieser Wechsel nichts, der Baron verlor eben⸗
ialls, und da er hoͤher spielte als sein Vor—

zänger, so sah Bölling bald sich seiner Baar⸗
schaft beraubt. — War es Zufall oder eine
ückische Fügung des Geschicks, daß der Baron
gerade den letzten Satz gewann, um in dem
darauffolgenden Alles wieder zu verlieren?

Der Gutsbesitzer trocknete denkalten
Schweiß, der in hellen Tropfen ihm auf der
Stirne stand, ab. ·

„Sie haben kein Glück im Spiel,“ raunte
der Baron ihm zu, deßhalb rathe ich Ihnen,
sehen Sie von der Revanche ab.“ 1
        <pb n="227" />
        „Was kümmert es Sie, ob und wie viel
ich verliere?““ fuhr Bölling hastig auf, „ich
bedarf keines Vormundes. Wenu Sie mir
einen Gefallen erzeigen wollen, so strecken Sie
mir fünftausend Thaler vor.“
.Für die Sie zehn Prozent ziehen,“
spottete der alte Herr, jener Spaßmacher, der
die Unterredung gehört hatte,? „ünf für das
Darlehen und fünf für Ihren guten Rath.“
Der Baron warf einer stechenden Blick
auf den Redenden. „Wer sind Sie mein
Herr ?“ fragle er mit eisiger Kälte. „Soll
ich Ihre Worte als eine Beleidigung an⸗
nehmn??:—
Keineswegs; ist es eine Beleidigung,
wenn ich den Werth eines guten Raths ab—
schätßze ? Gehen Sie, guter Freund, Ihr
jauertöpfisches Gesicht macht mir den Wein
zu eha wsrage ich, wer sind Sie fe
Noch einmal frage ich, wer sin ie ?* 8 m—en *7
rief der Baron deIeb Gefaͤllt Ihnen mein „Sie sind verheiratzet?
Gesicht nicht, wer hindert Sie denn, das „Nein, schon feit Jahr und Tag wollte
Zimmer zu verlassen ich meine Braut heimführen, aber mein Herr
wer ich bin ?“ erwiderte der alte Herr, hält mit seiner Erlaubniß zurück. Bevor ich
über dessen Züge ein eigenthümliches Laͤchetn picht Oberförster bin, darf ich übe rhaupt nicht
flog.„Ich din der Freiherr von und zu an die Heirath denten ··.
Moͤllenhaufen, darf ich mun fragen, mit weni Der Baron durchschritt einigemale schwei⸗
ich die Ehre habe?“ gend das Zimmer. „Ich werde mit meinem
Baron von Westen,“ antwortele der jungẽ Freunde darüber sprechen,“ sagte er endlich.
Mann kurz. „Ich hoffe, Sie werden als „Bis ich ein Engagement treffen kann, wird
Edelmann mir Satisfaction geben.“ Er zog er fie wohl beschaftigen, Sie werden morgen
nach diesen Worten ein Portefeuille aus der das Nähere erfahren.“
Tasche, übergab dem Gutsbesitzer einige Bankno- Nachdem der Förster das Zimmer verlassen
ten uͤnd verließ dann das Zimmer. Ein hatte, schrieb der Baron einen Brief, den er
schallendes Gelächter folgte ihm. Der Baren versiegelte und an Barbara Winter adressirte.
diß sich auf die Lippen, in seinen Augen lo Die Sonne nöthete den Osten, als der
derte es unheimlich auf. Schon hatte er die Baron aus einem lutzen, unruhigen Schlaf
Hand ausgestreckt, um die Thüre wieder zu erwachte. Er kleidete sich rasch —9* *— schritt
öffnen, als er sich eines Bessern besann und über den Gang und tral in das Zimmer
dann davon ging. Böllings, der noch fest schlief. Nachdem er
In seinem Zimmer angekommen, schrieb er diesen geweckt und an das Duell erinnerl
auf die Rückseite seiner Karte: „Morgen hatte, übergab er dem Hausknecht, der eben
früh um sechs Uhr im Kastanienwäldchen; — (hlaftrunken die Treppe hinunterschlich, den
die Wahl der Waffen bleibt dem Gegner Brief an Barbara mit dem Auftrage, den⸗
überlassen!“ — Diese Karte sandte er in selben sofort abzugeben, wenn er, der Baron,
einem versiegelien Couvert durch den Kellner nicht um zehn— Uhr zürück sei. vDaumn
dem Gutsbesitztr mit dem Auftrage, jener verließ er in Begleitung des Gutsbesißers
wöze das Nöthige besorgen. Eine Viertelstunde den Gasthof. Er
paler erhielt er durch einen Forster die Karte Schweigend wanderten die“beiden durch
urüd, Bolling hatte mit Bleiftift unter jene die noch stillen Straßen zum Thore hinaus.

Zeilen geschrieben: „Angenommen, auf Pisto⸗
len, fünfzehn Schritte Distance.“ Der Barou
zog die Börse und gab dem Förster ein
Goldstück. „Sie stehen im Dienste des Frei—
herrn von Möllhausen?“ fragte er. J
„Seit fsechs Jahren.“ antwortete dieser
unbefangen.
„Ihr Name?“, 346
Hugo Kraus ··:: F
ESind Sie mit Ihrem Dienst zufrieden?“
fragte der Baron weiter, „Verstehen Sie mich
recht, würden Sie denselben verlassen, wenn
eine bessere Stelle sich Ihnen böte?“?!
Kraus zuckte die Achseln. „Warum nicht?“
entgegnete er. „Kana ich auch über meinen
Herrn nicht klagen, das Einkommen ist gering,
der Dienst anstrengend, und bis der Posten
des Oberfoörsters frei wird, können noch Jahre
hingehen.“
        <pb n="228" />
        zSie haben verloren?“ nahm der Baron
endlich das Wort.

„Ist der gegenwärtige Augenblick geeignet
mich an die Schuld zu mahnen?“ erwiderte
Bölling verdrießlich. „Warten Sie wenigstens
so lange damit, bis wir wieder zu Hause
find. Ich werde Ihnen dort die Summe un⸗
verzüglich einhändigen.“

Ihr sauertöpfisches Gesicht gestern Abend
gesehen, würden Sie selbst darüber gelacht
haben.“
(Fortsetzung folgt.)
Mann igfaltiges.

Eine köstliche Scene spielte kürzlich in einem
Tirkus in Lo uisville. Der Clown
Vajazzo) verkaufte einen Maulesel an einen
„Irishman.“ Pat nahm denselben am Zügel,
aim ihn mit sich zu nehmen, aber das Thür
vehrte sich hartnäckig mit ihm zu gehen; Pat
liebkoste und streichelte es, vergebens: er fing
nun an zu fluchen und zuletzt nahm er zur
Peitsche seine Zuflucht, aber weder Ueberredung
roch Gewalt vermochten das halsstarrige Thier
vom Fleck zu bringen. Da kommt Pat plötzlich
rin gescheidter Gedanke. Er fragl den Clown,
vas für ein Landsmann der Maulesel sei.
Er erhält zur Antwort, ein „Frenchman.“
Dann wollen wir ihn schon kriegen, ruft Pat,
nimmt ein Sprachrohr und ruft dem Maul⸗
esel in's Ohr; „The Prussians are coming*“
ldie Preußen kommen,) und kaum sind die
Worte gefallen, als der Maulesel Reißaus
nimmt und einen Galopp anschlänt, daß Pat
kaum zu folgen vermag. Ein unbändiges Ge⸗
ächter belohnte den guten Witz.

„Sie sind bei schlechter Laune, lieber
Bblling,“ erwiderte der Baron gelassen. „Wie
können Sie in meiner Frage eine Mahnung
finden ?
„Zu welchem anderen Zweck war sie ge⸗
stellt?“ entgegnete Bölling gereizt. „Sie denken
Ehrenschuld sei eine unsichere Forderung.“

„Bolling!“ fiel der Baron dem Gutsbe⸗
sitzet drohend ins Wort. „Bis jetzt betrachtete
ich Ihre Worte nur als Scherz, sie beginnen
verletzend zu werden, zwingen Sie mich nicht'
sie fuͤr Ernst halten zu müssen. Sie haben
sich leichtsinnig in eine Gefahr gestürzt und
hesitzen nicht die Kraft, sich auf der Höhe
Ihrer Leidenschaften zu halten, Ihren Unmuth
darüber, daß Sie immer tiefer sinken, lassen
Sie nun an mir aus.“

„Haben Sie mich nicht zum Hajardspiel
verführt ?“
.Die Ausrede eines Schwachkopfs,“ fuhr
der Baron gelassen fort.“ „Wären Sie ein
unmündiger Knabe, ließe ich sie gelten, aber
Sie sind ein Mann, Sie könnten es wenig⸗
stenz den Jahren nach sen. — Doch jetßzt
ftill, wir sind an Ort nnd Steller

Der Freiherr von Möllhausen stand, die
hände in den weiten Taschen seines grauen
Üeberrocks, neben seinem Secundanten auf dem
Kampfplatze. Er nickte als sein Gegner und
dessen Setundant erschienen, grüßend mit dem
sropfe und winkle seinem Foörster, der einige
Schritte hinker ihm stand. Kraus übergab
seinem Herrn ein Kästchen, diefer öffnete es
und ersuchte die Secundanten, die Waffen zu
prüfen.

(Um das Schimmeln der Essiggurken zu
berhüten) nähe man etwa zwei Loth schwarzen
Senf in ein leinenes Säckchen, lege dieses zu
den Essiggurken und diese werden stets frisch
und frei von jedem Schimmel bleiben.

GRaupen auf den Kohlblättern) Wenn
Raupen auf den Koblblättern sich einstellen
und diese beschädigen, so übergieße man sie
mit dünner Salzbrühe; der Kohl leidet dadurch
J miicht, dem Ungeziefer aber ist das Salz todt⸗
Wir sind im Grunde Narren, daß wir liches Gift. Das Salz wird sich zugleich als
uns einiger unbedeutender Worte wegen aufj Dungmittel erweisen.
FTod und Leben duelliren wollen,“ hob der — WB
Freiherr nach einer Weile an. Hätten Sie
— t8
Drud un⸗BVerlug von F. X. Deiaeßz in St. Ingbert.
        <pb n="229" />
        Alnterhaltungsblatt
7*7

*
St. Ingberter Anzeiger.—
Xr. 6o. J Donnenstag, den 18. Mai I 7714.
Ddie Brüder.—
Original-NRovelle von Ewald August König.

J Gortsetzung.)
Ich gebe zu, daß dem so ist, berechtigte
dies aber Sie, darüber zu spotten?“ entgeg⸗
nete der Baron schaaf.
„In gewisser Beziehung ja! Sie mußten
wissen, daß sie durch ihre saure Miene die
Gesellschaft störten und deshalb fortbleiben.
Sie thaten dies nicht, Sie griffen störend
ein, indem Sie Ihrem Freunde zuredeten, er
solle nicht weiter spielen, deshalb erlaubte ich
mir, Sie auf das Unschickliche dieses Beneh⸗
mens aufmerksam zu machen. Ich an Ihrer
Stelle würde den Vorwurf schweigend einge⸗
steckt und mich eutfernt haben, die Worte als
eine Beleidigung aufzunehmen, die nur durch
Blut abgewaschen werden kann, wäre mir
nicht in den Sinn gekommen. Ueberhaupt
finde ich nichts lächerlicher, als ein Duell um
solcher Lappalien willen; ich gebe zu, daß
das Verhängniß uns einem Menschen zuführen
kann, neben dem wir auf dem Erdenball
keinen RNRaum haben, wohnke er auch am
Nordpole, wie unten an der Südspitze Afrikas.
In einem folchen Falle lasse ich den Zwei⸗
kampf auf Leben und Tod gelten. Aber ich
frage Sie, mein Herr, könnten Sie sich nicht
überwinden, in diesem Augenblick neben mir
an einer wohlbesetzten Tafel Platz zu nehmen?
Was mich betrifft, ich würde keinen Augen⸗
blick zögern, und ich denke, wenn das Alter
die Hand zur Versohnung bietet, hat die
Jugend nicht das Recht, sie ꝓnückzuweisen.“

Der Freiherrhatls seine. Jagdmühze ab⸗
zenommeu, die ersten Strahlen der aufgehenden
Sonne fielen auf sein ergrautes Haupt und.
das ehrwürdige Antlitz.

„Sie haben Recht, ganz Recht,“ rief der
Baron, durch den Edelsinn des alten Herrn
hingerissen, indem er die Hand des Freiherrn
nit herzlicher Wärme drüchte. — „Lassen Sie
Aus Freunde sein.“

„Von Herzen gern!“ erwiderte der Frei⸗
herr. Er bedeckte sein Haupt wieder und
vinkte dem Förster, ihm das Pistolenkästchen
zu bringen. „Damit Sie nicht später in
inem nüchternen Augenblick glauben, der
Muth sei meine schwächste Seite, so will ich
Ihnen den Beweis des Gegentheils geben.
Ich als Geforderter hatte den ersten Schus.
Sehen Sie dort das welke Blatt am äußersten
Ende des Eichenzweiges, welcher über den
Weg hinüberhängt? Die Entfernung von hier
aus mag zehn Schritte betragen, ireten wir
noch fünf Schritte zurickẽ. —
Der alte Herr erhob das Pistol, zielte
ind drückte ab. Kraus, welcher unter der
Eiche stand, hob das Blatt auf, fein Herr
hatte die Spitzedes Astes dicht üder jenem
Blatte getroffen.

„Meisterschuß!“ versetzte der Baron, „ich
zestehe ehrlich, es mit Ihnen in dieser Be—
iehung nicht aufnehmen zu können.“

„Jetzt, meine Herren, kommen Sie mit,“
agte der Freiherr, nachdem er das Pistok
dem Förster zurückgegeben hakte, „mein Gut
iiegt kaum eine Viertelstunde von hier entfernt,
erzeigen Sie mir die Ehre, dort das Frübstück

inzinehmeu. J· *
        <pb n="230" />
        Aem in Arm schritten die beiden Gegner,
begleitet von den Secundanten, durch den
Wald und die grünenden Saatfelder.

Es war bereits nahe am Mittag, als die
Herren in die Stadt zurückehrten. Der Frei⸗
herr war ein jovialer, liebenswürdiger Wirth,
der Wein feurig uund rein, die Unterhaltung
witzig und geistreich, — Gruud genug, deu
Augzenblick des Aufbru hs von Stunde zu
Stunde zu verschieben.

Siebentes Kapitel.
Das Erwachen zum Leben.
Barbara versank, nachdem der Baron sie
derlassen hatte, in Nachdenken. Die Worte:
„Die zarte Blume gedeiht nicht in hartem,
jelgem Boden, fie läßt das Köpfchen hängen
und welkt langsam hin,“ klangen immer und
mmer wieder in ihren Ohren. Ihr war, als
habe plötzlich die Hand eine? Freundes den
Schleier forigezogen, der vor ihren Augen
hing, als sehe sie erst jetzt einen Abgrund zu
—
stürzen mußte.

Das feine, höfliche Wesen des Barons,
der sympathische Klang seiner Stimme, der
seelenbolle Blick seiner großen, herrlichen Augen
der sanfte Druck seiner Hand, die Theilnahme,
welche er bezeigte, als er zart und schonend
indeutete, daß sie sich an der Seite eines
sähzornigen Mannes nie glücklich fühlen wer⸗
den, das Alles hatte auf das Herz des
Mädchens einen tiefen, nnaus löschlichen Ein⸗
druck gemacht. Stellte sie jenen Mann neben
ihren Verlobten, wie sehr verlor der Letztere
bei diesem Vergleich! Ungebildet, ohne Sinn
für das Schöne und Edle, dabei ein Sklave
jeiner Leidenschaften, eigensinnig und jähzornig
ohne Gefühl für fremdes Leben, Barbara
tonnte nicht begreifen, daß sie all' diese Fehler
aicht früher entdeckt hatte. Und, die Hand
auf's Herz gelegt, liebte sie ihn wirklich so
innig, so treu, wie sie bisher geglaubt hatte?
Wer vermag zu sagen, was in der
Seele des Mädchens in den Stunden dieser
Racht vorging ? Nur eins trat aus dem
Thaos ihrer Gedanken klar hervor; — sie
war derlobt, sie mußte kesthalten an dem

—„chwur, den sie freiwillig, damals mit freud⸗
gem Herzen, vor Gott und dem Verlobten
abgelegt hatte, sie mußkte sich schweigend und
geduldig fügen in das Joch, welches dieser
Schwur ihr auferlegte.

„Ich bedaure, daß Sie Ihr Herz an
einen so rohen, ungebildeten Menschen wegge⸗
wörfen haben.“ Was hatte der Baron mit
diesen Worten gewollt? Lag ihnen ein tiefe—
rer Sinn zu Grunde, als wohlwollende Theil⸗
nahme ? Barbara wußte es nicht, sie entsann
sich des Blickegßz, der aus den Augen des
Barons bei jenen Worten sie traf, und ein
schmerzlicher Seufzer entrang sich ihrer be⸗
klommenen Brust.

Am Morgen nach dieser Nacht, gleich nach
dem Frühstück, ging Barbara zur Wittwe Kraus,
im ihr die freudige Botschaft des Barons
nitzutheilen. Die alte Frau war einer Ohn⸗
nacht nahe. Der plötzliche Uebergang aus
»er dunklen Nacht des Grams in den hellen
ounigen Tag der Freude kam ihr zu rasch,
zu unerwartet.

Barbara bat sie, sich gegen Abend in ihrer
Wohnung einzufinden, Hugo werde auch
dommen, doch wünsche sie, daß er nichts von
dem Besuch des Barons erfahre. Die alte
Frau fragte nicht nach dem Grunde dieses
Wunsches, sie versprach, demselben nachzu⸗
vommen.

Als Barbara in ihre Wohnung zurück⸗
kehrte, übergab ihr der Hauseigenthümer einen
Brief, der, wie jener sagte, vor einer Viertel⸗
stunde für sie angekommen war.

Das Mädchen kaunnte die Handschrift
nicht, neugierig erbrach es das Siegel, und
sein Erstaunen wuchs, als es folgende Zeilen
las:

„Meine theure Barbara! Gestatten Sie
mir, daß ich Sie so nenne, denn wenn Sie
diesen Brief empfangen, habe ich für immer
Abschied von Ihnen genommen. Wie kam es
doch, daß mein Herz Ihnen gehörte, vom
ersten Augenblicke an, in welchem ich Sie
sah? — Lassen Sie mich schweigen von der
unnennbaren Sehnsucht, welche mich zu Ihnen
hinzieht, von dem Kampfe, der in meiner
Setle tobt. Sie sind ja die Braut eines
Andern, und ich — ich muß dem Paradiese
rentsagen, nachdem ich kaum einen Blick hinein⸗
        <pb n="231" />
        zeworfen habe! — — Mich ruft beleidigte
Ehre zum Kampf auf Leben und Tod. Er—⸗
jalten Sie diese Zeilen, so hat mein Herz
im Tode Ruhe gefunden, oder ich bin auf
der Flucht und nie wird mein Auge Sie
wiedersehen. Ich gehe dem düstern Verhäng⸗
niß mit ruhigem, fast freudigem Herzen ent⸗
gjegen, was soll ich auch noch in der Welt,
nachdem ich den Frieden der Seele verloren
habe! — Nur eine heilige Pflicht bleibt mir
noch zu erfüllen, und Sie habe ich zur
Bermittlerin ausersehen. Eilen Sie, wenn
ich zu der verabredeten Zusammenkunft morgen
Abend nicht erscheine, in den Gasthof zur
Stadt Paris, zeigen Sie dem Wirth den
Schein, welcher diesen Zeilen beiliegt und
nehmen Sie mein Portefeuille, welches Sie
in meiner Reisetasche finden werden; es ent⸗
hält die Summe, welche Georg mir für seine
Mutter übergab. Leben Sie wohl und ver«
sagen Sie ein stilles Andenken nicht dem
unglüdlichen Baron von Westen.“

Barbara ließ bestürzt die Hände in den
Schooß finken. Welches Verhängniß hatte diesen
Mann so plötzlich gerade in diesem Augenblick
ereilt, in welchem sie ihn kennen lernte, in
welchem sie durch eine ihr unerklärliche Sym⸗
pathie zu ihm sich hingezogen fühlte? —
Sie erschrack jetzt nicht mehr vor der Liebes⸗
gluth, welche in jedem Worte dieses Briefes
vderte, die Liebe des Todien durfte sie ja
erwidern, ohne deßhalb dem Lebenden untren
werden zu müssen.

Es ist ein wunderbares Walten der Ra⸗
wur, daß oft ein kurzer Augenblick genügt,
zwei Herzen, die vor dem sich fern standen,
jür ewig mit einander zu verbinden!

Barbara las den Beief noch einmal, und
oerstohlen drängten die Thränen sich in ihre
Augen. Wie glücklich' hätte sie an der Seite
dieses Mannes werden können, der so plötzlich
zor sie hintrat, um ihre Liebe warb und in
dem nächsten Augenblick schon wieder für immer
Abschied nahm!

Und jetz? — „Die Blume gedeiht nicht
im felsigen Boden.“ Barbara erhob sich, sie
mußte Gewißheit haben, wie das Duell aus⸗
zefallen war. Sie eilte in den Gasthof und
bernahm durch den Hausknecht, daß der Baron
oon Westen bei Sonneuaufgang das Haus

erlassen habe und bis jetzt noch nicht zurück⸗
zekehrt sei.

So war denn jeder Zweifel gehoben, das

eingetroffen, was der Varon befürchtet hatte!

Die letzte Hoffnung des Mädchens klam⸗
nerte sich an die Möglichkeit, daß der Baron
den Gegner getödtet habe und geflüchtet sei;
dielleicht kam er dann nach Jahren noch ein⸗
nal zurück, vielleicht sah Barbara ihn dann
soch noch wieder. Nichts ist geeigneter, im
Herzen des Weibes die Liebesgluth anzufachen,
als der Gedanke, den Geliebten in Unglück
and Elend zu wissen.

Barbara verbrachte einen qualvollen Tag.
ie konnnte noch immer nicht glauben, daß
das Duell einen so unglücklichen Ausgang
zenommen habe, sie wollte abwarten bis zum
nächsten Morgen, vielleicht erfuhr sie bis da⸗
hin etwas Näheres. Deshals verschwieg sie
rnuch der Mutter Georgs den Empfang des
Briefes, sie wollte die Hoffnungen der alten
Frau, welche sich auf den Baron stützten.
richt eher vernichten, bis sie selbst die unum⸗
tößliche Gewißheit besaß, daß jener nie wieder
lehrte.

Hugo fand sich am Abend ein. Er war
heiter, in seinen Zügen stand's geschrieben,
daß er eine fröhliche Botschaft brachte. J

„Was würdest Du da zu sagen, wenn ich
nach Amerika ginge?“ fragte er seine Braut,
nachdem er sich neben diese in den Sessel
zesetzt hatte. „Versteht sich, nicht für immer,
nur für eine bestimmte Zeit, für ein halbes
Jahr etwa,“ setzte er hinzu, als er das Er⸗
taunen des Mädchens bemerkt hatete.

„Bevor ich auf die Frage antworten kann,
erlläre Dich deutlicher,“ war die Antwort, in
welcher die Verlobte über den Gedanken an
rine Trennung hinweg ging.

„So höre denn; der Baron von Westen
hat mich heute in Dienst genommen.“

„Wann?“ fiel Barbara heftig ihm in's
Wort. —

Die Reihe des Erstaunens traf jetzt den
Förster. Die Ungeduld, die gespannte Erwar⸗
ung, welche sich deutlich in den Blicken seiner
Braut spiegelten, ihr Erbleichen und der selt⸗
am bewegte Ton ihrer Stimme mußten ihm
ruffallen.
        <pb n="232" />
        „Wann ?“. fuhr- er gedehnt fort. „Sagie

ich nicht heute?“

pFreilich heute, aber wann ? Heute Morgen,
Mittag oder Abend?“

Der Baron scheint Dich sehr zu interes⸗
siren,“ entgegnete Hugo rauh, den lauernden
Blick fest auf das Antlitz des Mädchens ge⸗
richtet.“ „Kennst Du ihn ——

Barbara faßte sich. Die barsche Frage,
der auflodernde Jähzorn des Verlobten ver⸗
letzten sie in diesem Augenblick mehr denn je
uvor.“„Ich kenne ihn nicht, ärgert's Dich,
venn ich so großen Antheil an Dir nehme?“

Es befremdet mich,“ versetzte der Forster

gelassen. Wenn es denn Dich so sehr interessirt,
den Gang der Sache auf das Genaueste zu
enfahren, so vernimm, daß der Baron von
Westen, nachdem er schon gestern Abend mich
zefragt hatte, ob ich geneigt sei, meinen
digherigen Dienst zu verlafsen, mich heute
Nachmittag nach der Tafel, es mochte etwa
fünf Minuten nach drei sein, zu sich beschei⸗
den ließ.“
„Wie kam's, daß Du Dich zu jener
Zeit im Gasthof befandest?“ forschte Barbara—
„Ich begleitete den Freiherrn von Moͤll⸗
hausen. Die Herren hatten heute Morgen ein
nblutiges Duell im Kastanienwäldchen, früh⸗
fückten darauf in unserer Burg und gingen
gegen Mittag allefammt in die Stadt zurück,
im Gasihof zur Siadt Paris zu speisen.“
„Das Duell war unblutig ?“ Wie verstehe
ich das,“ fragte die Putter.

Als die beiden Hitzköpfe. sich die Sache
veschlafen hatten, und die tühle Morgenluft
hnen um die Nasen wehte, sahen sie ihre
Thorheiten ein, sie versöhnten sich. — Jetzt
cber laßt mich einmal zu Wort lommen. Der
VBaron von Wesien fragte mich, ob ich in seine
Dienste treten wolle, er hube mit weinem
derrn bereits gesprochen, und diesem sei es
änerlei, ob ich heute oder Morgen austrete,
Der undankdare Filz kann lange fuchen, ehe
——— red⸗
lich den Obliegenheiten seines Amtes —XC
wie ich dies gethan habe. Er wird seine
Erfahnmgen machen —und es geschieht ihm
echt. Ich fagte natürlich zu,“ unter der Be⸗

ingung, daß ich mich durch diesen Tausch
erbessere. „Darauf nahm der Baron mich in
Dienst.“

„Und hast Du Dich wirklich durch den
Tausch verbessert ?“ sragte die Mutter.

Allerdings. Ich erhalle hundert Thalber
dohn mehr; wie früher, werde im nächsten
Frühlahr, sobald der Baron das Gut gekauft
ind bezogen hat, Oberförster, und meiner
Zeirath sieht dann nichts mehr im Wege.“

„Ich gratulire,“ sagte die Mutter, indem
ie dem Sohne die Hand reichte, „Du hast
ange genug auf dieses Glück gewartet.“
Barbara schwieg, sie saß, das Köpfchen
über die Stickerei geteugt, ruhig arbeitend am
Fenster. J

„Du gratulirst nicht?“ fragte Hugo, indem
er sich der Verlobten näherte.

„Du weißt, daß ich Dir daßselbe wünsche/
vas ich mir wünschen mag,“ erwiderte
Barbara aufschauend, „was bedarf es da der
Worte ?

„Mir scheint, Du bist heute wieder bei
wusnehmend guter Laum,“ versetzte der Förster
nürrisch, „nach der Hochzeit werde ich solche
Launen nicht mehr dulden.“

(Fortsetzung folgt /
Mannigfaltiges.

Die „A. A. Z.“ enthält folgendes Inserat:
Reminiscenz. Die „Negensburger Chronik“
erzählt von einem Turnier 929 unter Heinrich J.,
nif dem ein gewaltiger Riese Deutschland Hohn
zesprochen und dessen Ritter Deutschland zum
stampf gerufen.

Da hat der Kaiser gernfen zorniglich:
„Wie steht mein Hof so lästerlich
hab' ich keinen Maun der stechen kann
im Leib und Seel', um Gott und Ehr'!
And daß unserm Herrn die Stele wär' 2!“

Da spraug der Dollinger hersür:
Wodhl um! wohl um! Ich muß herfür!

An den leidigen Mann der so frevlich reden kann.

Und ab der Dollinger den Riesen stach

Daß er auf seinem Rücken lag.
Gott allein die Ehr!

Fin Senior des Eisernen Kreuzes in Ostpreußen.
—VTWDE —
Druck in⸗ Verlag vou . X. De are ß, in St. Ingbert. FL
        <pb n="233" />
        Unterhaltungsblatt

7
St. Ingberter Anzeiger.
N. GI. Sonntag, den 21. Mai

——

DZRie Brüder.
Driginal-Rovelle von Ewald August König.

„Wer Dir das gesagt hat, lügt,oder ist
ebenfalls getäuscht worden,“ entgegnete die
alte Frau ruhig. „Ich weiß aus besserer
Quelle, das Georg drüben ein reicher, geach⸗
eter Mann ist.“

Der Förster warf sich mit rohem Lachen
in den Sessel. „Die Quelle möchte ich kennen,“
'agte er. „Wahrscheinlich hat die Base, welche
Dich ja oft auf ein Klatschstündchen heimsucht,
zon Jemandem gehört, daß ein gewisser Je⸗
nand von drüben geschrieben habe, er kenne
Jemand, der wieder mit Jemand bekannt sei,
velch' letzterer Jenand den Geörg Kraus vor
einiger Zeit gesehen habe und nicht genug
das gute Aussehen und die elegante Kleidung
besagten Georgs rühmen könne. Die Quellen,
velche vom Höorensagen gespeist werden, kenne
ich, was ich Dir vor einiger Zeit über den
entsprungenen Sträfling mittheilte, stammt aus
einer besseren Quelle“

Die Wittwe und Barbara sahen entsetzt
ꝛinander an, sie hätten nie geglaubt, daß der
daß so tief im Herzen dieses Mannes
vurzelte.

„Wenn er wirklich, wie Du behauptest,
ein reicher, geachteter Mann ist, warum schreibt
er nicht ?“ fuhr Hugo fort. „An Dir hing
er doch stets mit wahrer Affenliebe er würde
Dich über sein Schicksal nicht m Ungewißheit
sassen, wenn er nur irgend etwas Erfreuliches
herichten könnte.“

„Ist es nicht möglich, daß ein Brief von
hm unterschlagen wurde?“ fragte Barbara.
Das letzte Wort war ihren Lippen noch nicht
entflohen, als sie auch bereits die Frage
bereute.

— — —
(Fortsetzung.)

„Was iss's mit der Reise nach Amerika?“
fragte die alte Frau, welche, das Temperament
ihres Sohnes kennend, einen Ausbruch seines
Jähzorns befürchtete. „Gehst Du im Auftrage
Deines Herrn dahin?“

„Natürlich! Glaubst Du, ich hege reine
so große Vorliebe für dieses Land, daß ich
mich durch die Reugier zur Reise dahin be—
wegen lassen könnte? Der Baron sagte mir,
ich müsse morgen schon aufbrechen, er habe
drüben dringende Geschäfte zu besorgen und
bedürfe dazu eines Mannes, dem er vertrauen
önne. Nun, er soll erfahren, daß ich sein
Vertrauen zu schätzen weiß. Ich mache es
nicht, wie andere Leute, welche vor ihrem Herrn
ein Gesicht schneiden, als ob sie nicht bis
drei zählen können und hinter seinem Rücken
ihn betrügen.“ — „Wann wird dieser unselige
Haß einmal ein Ende nehmen?“ versetzte die
alte Mutter, wehmüthig den Kopf schüttelnd.

„Wann!“ hödhnte der Förster, indem er
gleichgültig die Achseln zuckte. „Ich trage kein
Verlangen nach einer Aussöhnung, denn ich
finde, daß ich freier athmen kann, wenn ich
jenen Menschen nicht sehe.“

„Der Himmel gebe, daß das Schicksal
Fuch drüben zusammenführe, daß diese Reise
eine Fügung der Vorsehnng sei.“

„Sprich keinen Unsinn,“ fiel Hugo der
Mutter barsch ins Wort, „er sitzt drüben im
Gefängniß oder hängt vielleicht schon am Galgen.
        <pb n="234" />
        Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr
der Förster von seinem Sessel auf, sein glü—
hender Blick war fest und unverwandt auf
das erschreckt zusammenfahrende Mädchen ges
richtet. „Unterschlagen? — sagst Du?“ rief
er auffahrend. „Wie kommst Du zu diefem
Verdacht? Glaubst Du, daß hier Jemand so
großes Interesse an dem Vagabunden nehme?
Was kümmert's mich, ob et ihm gut geht,
oder ob er im Gefängniß sitzt!“ —

„So berubige Dich doch!“ fiel Barbara
ihm in die Rede. „Weßhalb regt jene Frage
Dich so sehr auf ? Gehört es zu den Selten⸗
heiten, daß ein Brief verloren geht, oder
anterschlagen wird? Kann dies nicht gerade
hier sehr wohl der Fall sein, da der Brief
cine so weite Reise machen muß?“

Barbara hat Recht,“ begütigte die Mutter.
„Ich finde nichts in ihren Worten, was An⸗
stoß erregen könnte. Du läßt Dich durch jedes
Wort in Harnisch jagen. — Hugo, Hugo,
Dein Jähzorn stürzt Dich noch einmal in's
Verderben.“

„Besser zornig aufgefahren, als hinter dem
Berge gehalten!“ brummte der Förster, „ich
sage meine Meinung stets frei und offen
heraus, wem das nicht paßt, der läßt besser
mich ruhig meines Weges gehen.“ Er wars
nen Blick auf seine Taschenuhr, setzte die
Mütze auf und trat vor den Spiegel. „Ich
habe schon längst bemerlt, daß man mir lie⸗
hber auf den Rüceen, als ins Gesicht sieht,“
fuhr er fort. „Warum hat man nicht den
Muth, mir das zu sagen? Ich bin ein Mann,
—VD geraden
Wege ebenso rasch vorwärts kommt, wie
mancher Andere auf krummen Wegen. Ich kaun
nein Glück noch immer anderwärts versuchen,
es ist gerade nicht gefagt, daß ich an die
Scholle gefesselt bin, auf der ich stehe. Gehabt
Euch wohl; bevor ich abreife, komme ich noch
einmal hierher.“

Er ging nach diesen Worten trotig fort,
und die beiden Frauen hörten ihn ein lustiges
Jügerlied pfeisen, während er die Treppe
hinunterstieg.

„O Gott, Du hast mir eine harte, bittere
Prüfung auferlegt!“ seufzte die Mutter, über
deren welke Wange langsam eine Thräne
rann. „Tilge diesen Haß, laß mich die Brü

der versöhnt sehen, ehe ich diese müden Augen
für immer schließe l“

„Muth, Mutter, Muth!“ versetzte Bar⸗
zara. „Es ist vielleicht gut, daß Hugo.einmal
zinaus muß über's Meer, wenn er unter
remden Leuten allein steht, wird er vielleicht
in sich gehen, eine edle Regung bewegt ihn,
den Brnuder aufzusuchen, und das Widersehen
dort in der Fremde läßt ihn den Haß ver—
gessen.“

Die Alte schüttelte traurig den Kopf.
„Der Himmel gebe es, aber ich kann an die
Möglichkeit einer Versöhnung nicht glauben,“
erwiderte sie.

Der Eintritt des Barons brach die Un—⸗
lerhaltung ab.

Barbara stand auf. Sich ganz der Freude
hingebend, den wiederzusehen, der ihrem Her⸗
jen so theuer geworden war, ging sie dem
ungen Mann entgegen, der lächelnd dem
rröthenden Mädchen die Hand reichte und an
dem leisen Gegendruck fühlte, daß seine Liebe
erwidert wurde. Der Blick der alten Frau
hing unverwandt an dem Baron. Diese tief⸗
zunklen Augen, die gebogene Nase, die hohe,
reie Stirne, glichen sie nicht ganz denen ihres
Heorg? Auch der Ton seiner Stimme, als er
sie anredete, klang ihr so bekannt, war er
virklich Georg, der vor ihr stand? — Sie
zrhob sich ihre Kniee wankten, ihr Blich war
noch immer stier auf das Antlitz des jungen
Mannes gerichtet, sie breitete die Arme aus,
uim den Wiedergefundenen an das lautpochende
Mutterherz zu drücken, aber kalt und unbewegt
dlieb jener stehen.

„Er ist es nicht,“ seuszte die Mutter ent⸗
ãuscht, indem sie die Arme fallen ließ und
in den Sessel zurücksank. „Und doch hätte ich
darauf geschworen, daß er es sei!“

Ich gleiche Ihrem Sohne,“ hob der
Barsn an, „meine Freunde haben's mir oft
Jesagt. Aber wandern muß es mich doch, daß
das Auge der Mutter sich täuschen läßt, Georg
ist blaß, er trägt keinen Bart —“

‚Ja, damals, als er von hier fortging,“
fiel die alte Frau kopfschüttelnd ihm ins Wort,
„seit jenem Tage ist ein halbes Jahr verstri⸗
hen. Erzählen Sie mir, wie hat's meinem
Sohne drüben ergangen ?“

In den ersten Tagen nach seiner Ankunft
        <pb n="235" />
        wenn Du ihn nicht beweisen kannst,“ Hwarnte
die Mutter.

„Ich finde diesen Verdacht sehr gerecht⸗
fertigt,“ versetzte der junge Mann. „Haß ist
die Mutter der abscheulichsten Verbrechen, und
wie mir Georg sagte, haßt sein Bruder ihn
mit einer Unversöhnlichkeit und Bitterkeit,
welche keine Schranken kennt.“

Mutter. Der alten Frau standen die Thränen in
„Ich traf ihn auf der Büffeljagd,“ fnhr den Augen. Sie erhob sich. „Es ist schon
der Baron foet. „Wir lernten einander kennen pät,“ sagte sie, „erlauben Sie, daß ich den
und wurden Freunde. Als er hörte, daß ich Brief zu Hause lese; wenn Sie vor Ihrer
im Begriffe stand, nach Europa zurückzukehren, Abreise mich noch einmal besuchen und meine
* — n Irren seinen Gruß und dieses Antngnt 38 ben —
ortefeuille zu bringen.“ „Gewiß,“ erwiderte der Daron zuvor⸗
Die Alte öffnete mit zitternden Händen lommend, „ich werde morgen Abend um diese
Fentüct 7 Si * auf 8 Fane I hier wer ü Er
anknoten und einen Brief. „So ist also ergriff den Hut und reichte dem Mädchen die
jenes Gerücht, welches ihn schwerer Verbrechen Hand. „In einer Viertelstunde bin ich wieder
zeiht, erfunden?“ fragte sie erfreut, indem bei Ihnen,“ flüsterte er, „werde ich Ihre
Vortesenille in die Tasche ihres Klei⸗ Line aen 2 hend die A
es schob. arbara schlug erröthend die Augen nie⸗
„Mag der, welcher Ihnen dasselbe hinter· der. Auch fie hatte dem geliebten Manne so
bracht hat, seine Quelle nennen, damit der vieles anzuvertrauen, aber derfte sie, die Braut
Schuft, der es erfand, zur Rechenschaft ge- eines Andern, in diese Zusammenkunft willigen?
zogen wird!“ sagte der Baron zornig. Warum nicht? Hatte doch Hugo selbst das
Die alte Frau sah eine Weile schweigend Band zerrissen, welches sie * fesselte
vor sich hin, in ihrem Antlitz spiegelte eine hatte er doch selbst in stolzem Eigendünke
hitre punn eeee oft seg e Glüch —8R* dem Besizz diese,
utter arum schrieb er nicht ?“ nahm sie inen nicht ab, er wisse es auch noch bei
endlich wieder das Wort. Anderen zu finden! Was hinderte sie, das
„Er sprach täglich von ihr, sein einziger Verhältniß mit einem Manne zu lösen, den
Kummer war, ihr so fern sein zu müssen. sie nicht liebte, wohl nie geliebt hatte, und
Wie er mir fagte, hat er Ihnen zu Anfang dem anzugehören, an dessen Seite sie ihr
dieses Jahres einen Brief gesandt, aber keine Liebesglück sand d
Antwort erhalten, er äußerle die Befürchtung, „Sie hatte auf die Frage des Barons
sein Bruder werde Ihnen zugeredet haben, nicht „jat gesagt. aber er war doch freudis
jene Zeilen mit Stillschweigen zu übergehen.“ degangen, im Schweigen findet ja jeder die
Die Mutier schüttelte den Kopf. „Ich Antwort, welche er am liebsten hört.
habe keinen Brief erhalten; wissen Sie genau— b 8* ne nicht, als A Mann
wann derselbe hier eintreffen mußte ? d w e r vpr ab stan sie fragte
Der Baron sann nuch. „Nach der Angabe nut, ob Rierian! sein ommen emerki hate
* und als er sie hierüber beruhigt hatte, rückte
meines Freundes mußte die Ankunft dieses sie den Sessel ans Fenster und bar den B
Briefes in die erste Hälfte des Monats Feb ⸗ en Vaton
ruar fallen.“ dort —— nehmen. F
ie haben an i ?
War es nicht im Febrxar, als Hugo das 3 man mich geschrieben hob
einer starken Erlaltung wegen einige Wochen „Und ich danke dem Zufall, der diesen
bei Dir wohnte ?“ fragte Barbara. Brief Ihnen in die Hände geführt hat,“ fiel
Kind, Kind, sprich keine: Verdacht aus, der Baron, froh, daß das peinliche Schweigen

gelang es ihm, einen Posten in einem Bank⸗
hause zu erhalten, aber die angestrengte Arbeit
und das Sklavenjoch behagten ihm nicht. Er
quittirte die Stelle und reiste nach Californien.
Dort gesellte er fich den Goldgräbern bei.
Eine ergibige Goldader, welche er entdeckte,
machte ihn zun reichen Mann.“

„Befindet er sich noch dort?“ fragte die
        <pb n="236" />
        zebrochen war, ihr in's Wort. „Ich hatte
den Knecht beauftragt, den Brief abzugeben,
venn ich bis 12 Uhr nicht zurück sei, er kam
diesem Auftrag pünktlich nach, während ich
im Hause meines versöhnten Gegners zurückge⸗
halten wurde. Ich will den Inhalt jener
Zeilen nicht wiederholen, Barbara, nur sagen
vill ich Ihneu, daß ich meine Liebe als mein
heiligstes Geheimniß in mein Herz verschlossen
zalten würde, wenn nicht jenes Duell mich
n die Nothwendigkeit versetzt hatte, an Sie
zu schreiben. Den Lippen konnte ich gebieten.
das Geheimnik zu bewahren, nicht der
Feder.“

„Und Sie bedachten nicht, daß Sie den
Frieden derjenigen, welche Sie liebten, durch
senes Geständniß zerstörten ?? versetzte Bar—⸗
bara vorwurfsvoll. „Ich bin die Braut eines
Andern, meine Liebe, mein Hera gehört
jenem ?*

„Nichts, nichts gehört ihm!“ erwiderte
der junge Mann stürmisch. „Sie lieben ihn
nicht, noch sind Sie nicht an ihn gebunden!
Wollen Sie ein ganzes Leben verscherzen,
allem Glück, aller Freude entsagen, nur um
cin Versprechen zu halten, welches Sie vielleicht
nicht einmal freiwillig gaben ? Barbara, stoßen
Sie nicht das Herz zurück, welches Sie glü⸗—
hend liebt, welches Sie glücklich machen wird!“

Barbata zog ihre Hand, welche der Baron
ergriffen hatte, zurück. Wie gerne hätte sie
das Wort gesprochen, welches auf ihren Lip⸗
pen schwebte! Sie drängte es zurück, noch
jampfte in ihrem Herzen die Liebe mit der
Furcht vor dem Meineide.

Sie sind reich und von Adel,“ sagte sie
nach einer Weile, „unter welchem Namen soll
eine arme Stickerin Ihnen folgen? Die
Herren ·Ihres Standes geben den Töchtern
Jus der niedern Volksklasse den Namen , Freun⸗
din,“ und dem kurzen Augenblick des Glanzes
folgt eine lange traurige Nacht? von Reue und
Schande.“

Der Baron sah dem Mädchen feierlich
ins Auge. „Bei der Liebe, welche mein Herz
erfüllt und beglückt, schwöre ich Dir, daß Du
neine Gattin vwirst,“ sagte er, „„der Fluch des
ewigen Richters dort oben über den Sternen

aöge mich vernichten, wenn ich diesen Schwur
reche!“

Barbara glaubte an die Aufrichtigkeit
zieser Worte, sie hätte ohne Bedenken fich
in die Brust dieses Mannes geworfen, wäre
nichi der Gedanke an Hugo und den Schwur,
er sie an jenen kettete, vor ihre Seele ge⸗
reten.

Sei mein,“ fuhr der Baron fort, „sage
nir, daß Du mir folgen willst und wir ver⸗
assen diese Stadt morgen schon.“

„Ich kann nicht,“ erwiderte das Mädchen
leise, ihm habe ich mein Wort gegeben, ich
nuß es halten.“

(Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.
(GDie Walduhr.) Ein Jäger, wenn
er auch noch so früh in den Wald zieht, hat
zicht nöthig, eine Uhr mit sich zu nehmen,
orausgesetzt, daß er die Stimmen seiner be⸗
jederten Freunde genau kennt. Nach der Nach⸗
igall, welche fast die ganze Nacht hindurch
ingt, gibt der Fink das erste Signal, und
war vor Tagesanbruch, 19/3 bis 2 Uhr; der
Hhesang der schwarzköpfigen Grasmücke folgt
zann von 2 bis 214 Uhr, dann singt bis
J Uhr die Wachtel, von 83 bis 314 Uhr läßt
„ie rothbauchige Grasmücke ihren melodischen
Trisler hören, von 312 bis 4 Uhr singt die
5„chwarzamsel, von 414 bis 5 Uhr die Meise
on 5 bis 5313 Uhr zirpt der Sperling, der
hariser Gamin, wie man ihn sehr treffend
ezeichnet. Die oben genannte Schwarzamsel,
velche sehr leicht jede Melodie nachsingen
ernt, wird in der Loire⸗Gegend der Spott⸗
vogel genannt; ein Franzose brachte es dahin,
aß alle Amseln eines Canton die Marseillaife
angen, nachdem er einer, die in der Gefan—
jangenschaft diese Melodie erlernt hatte. die
Freiheit gab. (7)

Lebensphilosophie. *

Der Werth der Menschen ist nicht nach den
Fehlern zu schätzen, von denen sie frei sind,
sondern nach der Größe der Tugenden, die sie
besitzen.
Druck und Veclag von F. X. Demetz in St. Ingbert.
        <pb n="237" />
        Anterhaltungsblatt

uin
St. Ingberter Anzeiger.
Vr. Gæ. Dienstag, den 23. Mai

171.

DZDie Brüder.
Original-Novelle von Ewald August König.

„Bah, solche Charaktere trösten sich rasch!
Glauben Sie, in seinem Herzen hat die Liebe
so tiefe feste Wurzeln geschlaßen? Er wird
aufbrausen, feinem Zorne in heftigen Drohungen
Luft mach⸗en und sich in seiner Weise 'rächen,
das heißt, für seinen Verlust Ersatz sechen.
Solche Naturen finden sich rasch.in das Un—
vermeidliche“

Das Mödchen rang mit einem Entschlusse,
hätte es der Stimme seines Herzens folgen
dürfen, welche die Warnungen der Pflicht und
des Gewissens zu betäuben suchte, es würde
nicht geschwautt haben in seiner Wahl, freudig
wäre es dem Manne gefolgt, der so stürmisch
um es warb.

„Herr des Himmels, wirf Du einen
Lichtstrahl in das Dunkel meiner Seele,“ seufzte
sie leise. Ihre Bitte ward erhört, der Kampf
in ihrer Seele schwieg, eine wunderbare Ruhe
überkam sie. Sie erhob sich, „Lassen Sie mir
bis morgen Abend Zeit,“ bat sie, „das Alles
ist ja so plötzlich, so unerwartet gekommen,
daß ich unmöglich schon in den ersten Minu-
ten einen Entschluß fassen kann, der für mein
ganzes Leben maßgebend sein muß.“

„Es sei,“ versetzte der Baron ruhig, möge
Ihre Antwort ausfallen, wie sie wolle, ich
werde Ihnen keinen Groll nachtragen. Rein
und ungetrübt soll ihr Bild meinem Herzen
bleiben, wenn ich allein, meiner schönsten Hoff⸗
nungen beraubt, hinaus wandern muß in die
Ferne.“

Erschöpft, einer Ohnmacht nahe, sank das
Mädchen in den Sessel, als der junge Mann
das Zimmer verlassen hatte. Ihr war, als
sei dies Alles nur ein wirrcx Traum, aus

(Fortsetzung.)

„Thörichter Eigensinn, bindet ein solches
Wort für ewig? Hat er Ihnen nicht oft genug
Anlaß gegeben, jenes Wort zu bereuen? Wol⸗
len Sie trotzdem warten, bis es zur Reue
zu spät ist? — Hören Sie mich an, Barbara
— wenden Sie Ihr schönes, liebes Gesicht
nicht weg, sehen Sie mir in'e Auge, — so
und nun hören Sie meinen Plan. Ich habe
Ihren Verlobten in Dienst genommen, er ifl
ein wüster, jähzorniger Meusch, ein Sklave
seiner Leidenschaften und nach der Hochzeit
müßsen auch Sie diesen Leidenschaften sich un⸗
jerordnen. Er wird Sie mißhandeln, Ihnen
keine ruhige Stunde, keine Freude gönnen,
wollen Sie einem solchen Tyrannen zurn Altat
folgen? Ich schicke ihn morgen nach Amerika,
mein Auftrag hält ihn dort bis spät in den
Herbst zurück und kehrt er dann wieder, so
sind Sie meine Gattin, seine Gebieterin. Dann
sorge ich dafür, daß er einen andern Dienst
findet. Das ist mein erster Plan, mein zweiter
gefällt Ihnen vielleicht besser. Ist der Förster
einmal drüben, so stelle ich ihm die Wahl,
ob er Sie mir freiwillig abtreten will, ich
biete ihm eine kleine Farm ols Entschädigung
und bin überzeugt, er wird den Tausch ein⸗
gehen. — Und jetzt entschließen Sie sich,
Barbara, bedenken Sie, Ihr und mein Glück
hängen von Ihrem Entschlusse ab.“

„Und das Glück Hugo's,“ fügte das
Mädchen hinzu.
        <pb n="238" />
        dem sie mit der aussteigenden Morgenrölhe zu
einem neuen schöneren Leben erwachen werde.
Wohl war es ein Traun, wohl folgte ihm
ein Erwachen! Ais der Förster am nächsten
Tage von seiner Braut Abschied nahm, ahute
er dicht, daß das Band zwischen ihm und
Barbara dereits zerrissen war, sein taltes,
abstoßendes Benehmen machte den Bruch un
Jeubar. In dem Augenblick, in welchem er
sriner Braut Vebewohl sagte, um eine Reise
aüber das Meer anzutreten, von der er vielleicht
nie wieder zurückkehrte, warf er ihr in rauhen
barschen Worten den Verdacht vor, den sie
am Tage vorher gegenüber seiner Mutter
ausgesprochen hatte. Er drohte, ihr den Ver—
obungring vor die Füße werfen zu wollen,
wenn sie noch einmal einen solchen Verdacht
auszusprechen wage. Selbst wenn er den Brief
jiues Bruders unterschlagen hätte, komme es
ihr doch nicht zu, darüber nur ein Wort der
Mihbisligung fallen zuzlassen.

Barbara suchte ihn zu beschwichtigen, nur
um den Ausbruch seines Jähzorns zu ver⸗
hüten, aber dieser Augendlick befestigte sie auch
ihrem Entlchluß, und als der Baron am
Abend kam, stellte sie ihr Geschick vertrauens
voll ihm anheim.

Achtes Kapitel.
Va banque.

Helene erwartete die Rückkehr ihres Gatten
bergebens. Er hatte versprochen, am fünften
Tage nach seiner Abreise wieder einzutreffen,
aud nun kam er doch nicht. Aber statt seiner
hrachte der Kutscher einen Brief aus der
Stadt mit, den ihm ein Eisenbahnschaffner
übergeben hatte. Bölling schrieb darin, der
Commerzieurath habe sich entschlosen, den
Wünschen seiner Kinder nachzugeben, dies sei
die Ursache, daß die Rückkohr einen Tag spaͤter
erfolgen werde. Ob der Baron ebenfalls mit⸗
ommen, oder noch einige Tage in der Stadt
Ferweilen werde, wisse er nicht, er habe sich
in den letzten Tagen nicht mehr um ihn be—
zümmert. „Du haͤttest Recht, er ist ein Dämon,
ein Teufel in Menschengestalt,“ schrieb Bölling
am Schlusse des Briefes, „aber wir müssen
uns jetzt geduldig in das Zusammenleben mit

hmefügen, ich hoffe, er wird meine Gast⸗
freundschaft nicht länger in Anspruch nehmen,
ils er dies unbedingt muß. Von dem Ankauf
des Gutes ist jetzt keine Rede mehr, vielleicht,
ind ich wünsche von Herzen, daßk dem so
sein möge, hat er vor, sich in der Stadt an—⸗
zukaufen.“

Helene war bestürzt. Was wollte ihr Gatte
mit di sen Worten sogen? Hatte er den Baron
durchschaut und die bisher nur noch dunkle
Ahnung Helenen's bestätigt gesurnden? Irgend
twas mußte zwischen den beiden vorg fallen
ein, denn Bölling, der früher von dem Lobe
»es feinen Weltmanns und liebenswürdigen
Besellschafters übersprudelte, wünschte jetzt selbst
icht mehr in nähere Verührung mit ihm zu
ommen. Warum hatte er nicht gleich in
anem Bricfe jenen Vorfall erzählt ? Warum
sielt er damit hinter denm Berge? — Helene
vpußte auf alle diese Fragen keine Antwort zu
inden, mit banger Unruhe sah sie der Rück—
uunft ihres Gatten entgegen. Aber zw schen
letzt und jrnem Augenblick lag noch eine lange
Nacht und ein ganzer Tag. Bis dahin warten
zu sollen, düuchte dem beklemmenen, geängsteten
Herzen der jungen Frau eine Ewigkeit. Da
entsann sie sich, daß der Diener des Barons
urückgeblieben war, vielleicht gelang es ihr,
zurch diesen über die Vergangenheit jenes
Mannes etwas Näheres zu erfragen. Diener
ind stets die Spione und Verräther ihrer
Zerren, wenigstens in den meisten Fällen.
dierauf bauend, ließ Helene den alten Steffens
zu fich bescheiden. Sie sprach ohne Rückhalt
nit dem alten treuen Diener ihres Vaters,
hm, das wußte sie, durfte fie vertrauen, seines
Beistandes konnte sie gewiß sein.

Der Mann schüttelte bedenklich das kahle
daupt und meinte, auch ihm seien Bedenklich⸗
ichkeiten aufgestoßen, als er dem Baron zum
ersten Male in's Gesicht geblickt habe, er wolle
richt sagen, daß jener ein Schurke sei, aber
jesehen habe er dieses Gesicht schon einmal,
iur wisse er nicht, wo und wann. In dem
Benehmen des Barons sei ihm nichts aufge—
allen, dagegen habe der Diener desselben
einen Argwohn erregt. Daß dieser ein durch⸗
riebener Hallunke sei, darauf wolle er seinen
Zopf zum Pfande setzen, und wie der Knecht
so der Herr!
        <pb n="239" />
        Helene äußerte den Wunsch, mit jenem
einige Worte unter vier Augen zu reden,
Steffens rieth davon ab. Er sei überzeugt,
jener Mensch werde reden, wie man's gern
höre, den Judaslohn einstecken und später
seinem Herrn Allez berichten, dann sei man
us dem Regen unter die Traufe gekommen.
Wenn die guädige Frau glaube, daß der
Kammerdiener die Vergangenheit seines Herrn
lenne, so wolle er ihm schon die Zunge lösen,
er begreife nicht, daß ihm dies nicht schon
früher eingefallen sei.

Helene gab ihre Zustimmung, der Ver⸗
walter erklärte sich zur Vermittlung bereit,
und der Diener des Barons ging ohne Zö⸗
gern auf den Vorschlag der beiden, eine
Flasche mit ihnen zu leeren, ein. Der Plan
gelang, aber der Zwed ward nicht erreicht.
Der feurige Wein loͤste bald die Zunge des
Dieners, aber so oft die Rede auf den Ba⸗
ron kam, brach er ab. Er sei erst kurz vor
der Abreise des Barons nach Eurapa in Dienst

zetreten, sagte er endlich; daß sein Herr ein
normes Vermögen besitze, —X
Zweifel, ebensowenig, daß er sich hier anzu⸗
taufen gedenke.

Am nächsten Morgen berichtete Steffens
niedergeschlagen das Resultat des Zechgelages,
Helene tröstete fich mit dem Gedanken an die
in wenigen Stunden bevorstehende Rückkehr
ihres Gatten.

Aber Bölling, als er in Begleitung des
Barous und seines Schwiegervaters auf dem
Gute eintraf, war verstimmt, er schloß die
Gattin flüchtig in seine Arme, drückte kalt
einen Kuß auf ihre Stirne und ging dann,
ohne sich weiter um seine Familie zu kümmern,
zum Verwalter, mit welchem er sich fast eine
ganze Stunde unterhielt. Der Baton dagegen
war wie immer Rebenswürdig und witzig,
heiter bis zur Ausgelassenheit. Hätte er sich
nicht der Unterhaltung während dem Abend⸗
essen bemächtigt, der Commerzienrath würde
einen traurigen Begriff von der gluͤcklichen
Ehe seines Kindes erhalten haben.

Wie gern auch Helene schon jetzt den
Gatten um nähere Aufkflärung gebeten hätte,
mußte sie sich doch gedulden, bis ihr Vater
und der Baron das Familienzimmer verließen,
um sich zur Ruhe zu begeben. Jeßtt aber

hielt sie die Frage, welche schon so lange auf
ihren Lippen schwebte, und ihre Bestürzung
war nicht gering, als Bölling in barschem
Tone erwiderte, er habe leine Lust, näher auf
den Einn jener Worte einzugehen. Eine solche
Antwort konnte nur den Befürchtungen He⸗
cnens neue Nahrung geben, sie hatte den
Gatten noch nie in einer solchen Gemüths
stimmung gefehen, und es schmerzte sie tief,
daß er ihr nicht das Vertrauen schenlte, wel⸗
welches sie fordern zu dürfen glaubte. Aber
so sehr sie darum bitten mochte, erreichte sie
hren Zweck doch nicht, Bölling beharrte bei
iner verdrossenen Einsilbigkeit; er sah die
während seiner Abwesenheit eingelaufenen
Briefe und Rechnungen durch und verließ
dann mit einem kalten „gute Nacht“ das
Zimmer.

Der Baron halte eben durch seinen Diener
sich Bericht erstatten lassen, als der Gutsbe⸗
itzer eintrat. Er schien jenen erwartet zu
haͤben, denn er winkte sofort seinem Diener.
hinauszugehen und schloß hinter diesem die
Thüre ab.

ESie haben diese Unterredung gewünscht“,
nahm er das Wort, „ich bin bereit, Sie
anzuhören.“

Boͤlling ging einige Minuten schweigend
auf und ab, während der Baron, in seinen
Sessel zurückgelehnt, träumerisch den Rauch⸗
wöllchen seiner Cigarre nachschaute. „Ich
schulde Ihnen jetzt dreißigtausend Thaler,“
zoͤb Bölling an, indem er vor dem Baron
tehen blieb. „Fünftausend haben Sie mir
zeliehen, Fünfundzwanzigtausend verlor ich im
Spiele an Sie. Wann wünschen Sie „diese
Summe zu erhalten ?“

Hats damit so große Eile 7 erwiderte
der Baron gelassen. „Bei Gott, wenn dies
das Thema Ihrer vertraulichen Unterredung
ist, so bedaure ich, wegen einer solchen Ba⸗
gatelle meinem Körber die Stunde Schlas
entzogen zu haben. Sie wissen doch, daß der
Schlaf vor Mitternacht —“

Das nennen Sie eine Bagotelle ?“ fiel
Bolling erbittert ihm in die Rede. Erxlau⸗
ben Sie mein Hert, für Sie mag diese Summe
eine Bagatelle sein, für mich ist fie ein
Gegenstand, der ein Sechstel meines Vermö⸗
gens repräsenlirt.“
        <pb n="240" />
        Der Baron zuckte geringschätzeuddie Achseln.
„Wenn Ihnen der Verlust so große Sorge
macht, hätten Sie das früher bedenken sollen,“
versetzte er, „Sie werden mir das Zeugniß
geben müssen, daß ich Sie nicht zum Spiel
aufgemuntert habe.“

Ein Lächeln bittern Hohnes glitt über die
Züge des Gutsbesitzers. „Gewiß nicht,“ ent⸗
gegnete er, „nachdem Sie mich in die Falle
gelockt haben, riefen Sie mir zu, ich solle
mich befreien, wenn ich den Muth und die
Kraft dazu besäße; Sie wußten sehr wohl,
daß mir dies unmöglich war.“

„Ich finde diesen Vorwurf albern,“ ent⸗
gegnete der Baron kalt, „er beweist mir, daß
Sie kein Edelmann, nur ein bürgerlicher
Gutsbesitzer sind. Doch kommen wir zur Sache
Sie fragen mich, wann ich die Summe zü
erhalten wünschte? Nun wodl, spielen wir so
lange bis Sie das Geld von mir zurückge—
wonnen haben.“

„Oder bis ich, vollständig ruinirt, ein
Bettler bin!“ fuhr Bölling wild auf. „Aber
sei es darum — quitte ou double!“

In der Seele des Gutsbesitzers hattte der
Vorschlag des Barons die schlum mernden Lei-
denschaften wieder geweckt, er dachte nicht mehr
an seine guten Vorfätze.

Der Baron nahm aus seiner Reisetasche
ein Kästchen und öffnete es. „Hier siund Kar⸗
ten,“ sagte er, „spielen wir König Salomo.“

Bölling setzte sich. „Ich kenne das Spiel
nicht,“ erwiderte er.

Ich gebe Ihnen die sechs ersten Karten,
mir die sechs folgenden, die dreizehnte ist
Trumpf. Trumpfkönig ist die höchste Karte,
nach Ihr rangiren die übrigen drei Koönige,
dann folgt die Farbe des Trumpfs von Aß
bis zur Sieben. Die übrigen Karten rangiren,
wie in jedem andern Spiel. Wer vier Stiche
macht, hat das Spiel gewonnnen, bei dreien
schwebt die Partie. — Er hatte, während
er diese Worte sprach, die Karten gemischt
und dem Pariner sechs Blätter hingeworfen.
„Wie hoch spielen wir?“ fragte er.

Bölling nahm die Karten auf, ein Lächeln
erheiterte seine Züge. „Fünftausend Thaler
jede Partie,“ entgegnete er.

Der Baron nickte. „Noch Eins. Wir wer—
den voraussichtlich bis Mitternacht hier sitzen,
und uns wenig um Auszahlen und Einkassiren
kümmern. Damit keiner zu kurz komme, geben
win uns gegenseitig einen Revers, daß jeder
die Forderung, welche der Andere am Schlusse
des Spiels gegen ihn haben könnte, stili⸗
schweigend anerkennt. Ist das Spiel beendet,
so schreibt derjenige, welcher verloren hat, die
betreffende Summe unter den Revers und
händigt diesen seinem Gläubiger ein.

Ohne Widerrede griff Böͤlling zur Feder,
in der nächsten Minute waren die beiden
Scheine geschrieben.

Bölling gewann die drei ersten Partieen,
schon triumphirte er im Stillen. Verdoppeln
wir den Einsatz,“ wandte er sich zu dem
Baron, der eine unerschütterliche Ruhe be—
wahrte.

Der Varon nickte. „Zehntausend also,“
sagte er gelassen.

Jetzt wandte sich das Blatt, Bolling ver⸗
lor. Das heitere Lächeln verschwand von seinen
Lippen, erdfahle Blässe überzog seine Wangen,
sein Blick war stier, und in heilen Tropfen
berlte der kalte Schweiß auf seiner Stirne.

Der Baron dagegen blieb ruhig, fast gleich—
giltig, nur manchmal, wenn sein Blickauf die
bebenden Hände und das verzerrte Antlitz
jeines Partners fiel, blitzte ein teuflischer
Triumpf in seinen Augen auf. „Sie sind zu
leidenschaftlich sagte er nach einer Weile, lassen
wir die Karten ruhen bis morgen“

„Revanche ?“ war die einzige Antwort,
welche er auf diese Bemerkung erhielt.

„Beherzigen Sie meinen Rath,“ fuhr er,
ohne sich durch diese Antwort abschrecken zu
laffen, fort, das „Glück ist Ihnen untreu ge⸗
worden, Sie verlieren Haus und Hof,
wenn Sie —“

„Kümmert Sie das?“ fiel Bölling ihm
barsch ins Wort. Ich kann über mein Ver—
mögen verfügen, wie ich will, eines Vormundes
bedarf ich nicht. —

Der Baron zuckte die Achseln und mischte
die Karten. —

GFortsetzung folgt.)
Druch an⸗ Verlag von F. X. Denez in St. Ingbert.
        <pb n="241" />
        Unterhaltungshlatt
zum
St. Ingberter An zeiger.—
Nr. 63.

Dienstag, den 80. Wrai

Die Brüder.
Original⸗Nodelle von Ewald August König.

Am nächsten Morgen fuhren die beiden
Berbündeten mit dem ersten Eisendahnzuge
‚on Havre ab und schon am Abend des
weiten Tages trafen fie in der Heimath des
Foörsters ein. Nichts ist geeigneter, den Geisft
u schärfen, die Gedanken auf einen Punkt zu
encentriren, als der Durst nach Rache. Kraus
jatte wührend der beiden Tage der Reise an
uichts Anderes gedacht; die Gelegenheit, den
daß, den er seit frühester Kindheit im Herzen
rug, zu befriedigen, war gekommen, er wollte
ie benutzen. Als der Bruder geboren wurde,
Jubie er ihm die Liebe der Eltern, jener
sieb der Liebling, et der Sündenbock. Der
iusgelassene Uebermuth der Jugend zeigte sich
veiden Söhnen, der ältere wurde für
eden tollen, unschuldigen Streich, den er be⸗
zing, gezüchtigt, und man nannte das dem
üngeren ein warnendes Beispiel geben; Georg
dagegen durfte sich Alles erlauben, seine Un⸗
zezogenheit fand man reizend, die Mutter ent⸗
schuldigte sie, und der Vater dachte nicht
daran, den Liebling zu bestrafen. Der Haß
ichlug seine Wurzeln tiefer und tiefer, er
xiumphirte, als Georg Ehre und Freiheit
oerlor. Jetzt hatte Hugo Grund, der Mutter
zu sagen: „Sieh, ich bin doch besser als
ener, den Ihr mir stets. vorgezogen habt,
setzt kommt die Reue zu spät, meine Liebe hast

Du von dir gestoßen, weil sie in Deinem
Herzen nicht mehr Raum fand.“ Vielleicht
dürde der Haß sich befriedigt haben, Georg
dar ein Ensehrter, ein Paria, konnte er noch
iefer sinken 7 Aber die Flucht, die gluctichẽ
Ankunft in Amerika stachelten den Haß wiedet
f Druden tannte man den Vekbͤrecher nicht,

(Fortsetzung.)

Der Matrose strich das Geldstüch, welches
Zraus auf den Tisch warf, ein, und las
ziemlich geläufig dieselben Worte, welche der—
Förster schon einmal gehort hatte.

Dhne ein Wort zu sprechen, stand Kraus
auf, er nahm dem Matrosen den Brief aus
der Hand, steckte ihn in die Tasche und ging
hinaus. Als er nach Ablauf einer halben
Stunde zurückkehrte, lag noch immer dieselbe
Ruhe auf seinem Antlitz, aber das Zittern
—E Blick seiner Augen
und der heisere Ton seiner Stimme bewiesen
deutlich, daß diese Ruhe eine erkünstelte war.

„Ich habe mich mit dem Schiffsmakler
oerständigt,“ sagte er, „morgen früh reise ich
zurück. Liegt Euch daran, meinen Bruder zu
inden, so rathe ich Euch, mich zu begleiten;
ch begreife nicht, wo ich meine Sinne halte,

daß ich ihn nicht erkannte n..

„Ihr glaubt?

IIch weiß,- daß der Baron von Westen

und der enllaufene Zuchthäusler ein und die⸗
selbe Person sind, besser wäre es gewesen, ich
hätte das schon früher entdeckt.“

„Was wollt Ihr beginnen ?* ftagte der

Ameritaner, dem die Ruhe und der funkelnde
Buck des Forsters Entsetzen einflötzten. —

Der Verbrecher gehört ins Zuchthaus,“
entgegnete Kraus gelassen, „es ift Pflicht eines

Jeden, darauf zu achten, daß die Wölfe von
den Schafen abgesondert werden!“ *8
        <pb n="242" />
        er begann ein neues Leben, brach mit der
Vergangenheit und sah eine Zukunft vor sich,
in der er, vermöge seines Talenis und seiner
senntnifse, sein Glück finden konnte. *

Der Brief, welchen Hugo unterschlug, be⸗
ftätigte diese Vermuthung. Aber der Haß er⸗
reichte sene Spitze durch die Mittheilungen
des Amerikaners. Hätte der Zufall ihm nicht
diesen zugeführt, wäre er das Opfer eines
Schurkenstreiches geworden. So glaubte er,
und während er den Zufall segnete, fluchte er
dem Bruder. — —

Als er in seiner Heimath ankam, schlug
er ohne Zögern den Weg nach dem Gasthofe
ein, in welchem der Baron von Westen logirt
hatte. Der Baron war abgereist, wohin wußte
der Kellner nicht.

Es war schon spät, die Sonne bereits
untergegangen; der Förster verzichtete für heute
auf weitere Nachforschungen. Er bezeichnete dem
Amerikaner eine Herberge, ersuchte ihn, dort
auf seine Rücktehr zu warten und ging dann
zur Kaserne. Barbara hatte mit so großer
Zuversicht behauptet, ein Brief Georgs sei
unterschlagen wor den, daß Hugo fas nicht
mehr daran zweifeln konnte, der Baron von
Westen habe darüber mit dem Mädchen ge—
sprochen. Ebensowenig bezweifelte er, daß es
ihm gelingen werde, dies und vielleicht noch
Räheres über den Baron durch seine Braut
zu erfahren, er kannte ja die Gewalt, welche
er über das furchtsame, leicht eingeschüchterte
Mädchen besaß.

Es befremdete ihn, als er die Thür des
Zimmers, welches Barbara bewohnte, ver⸗
schlossen fand. Er klopfte einige Mal leise an,
ohne Erfolg. Ohne daß er's wollte und be⸗
merkte, ward sein Pochen stärker, so daß end⸗
lich der Bewohner des Nebenzimmers, ein
alter invalider Husarenwachtmeister, auf den
Gang trat, um die Ursache dieses anhattenden
ungeduldigen Pochens zu ermiiteln.

Als dieser den Förster erblickte, glitt ein
höhnisches Lächeln über seine Züge. „Ei, ei,
schon zurüch aus Amerika!“ hob er an, „So
rasch hat wohl noch keiner die Reise gemacht.
Die schöne Braut ist inzwischen fluͤgge ge⸗
worden, man sagt, sie sei Ihnen nachgeieist,
aber ich glaube es nicht, ich habe auch meine

Augen im Kopfe und verlasse mich lieber aue
die, als auf leeres Gerede.“

„Barbara ist ausgezogen?“ fragte der
Förster, der, weit entfernt, eine Untreue se iner
Braut zu ahnen, die Worte des alten Mannes
iür boshafte, unbegründete Vermuthungen
jielt.

Ausgezogen, jawohl!“ erwiderte der In⸗
alide spottend. Wohin sie aber gezogen,
verden Sie eben so wenig erfahren, ale ich
oder einer hier im Hause es weiß. Am Tage
nach Ihrer Abreise zog sie Abends mit Sack
ind Pack ab. Das Bett, die Wäsche und die
MNöbel wurden schon am Mittag auf einen
Zarren geladen und davon gefahren. Die
etzten Habseligkeiten, der Messingkäfig mit dem
danarienvogel und die Hutschachtel, trug
das Mädchen in der Hand, als sie das Haus
oerließ.“

„Mensch, Du lügst!“ rief der Förster
vild auffahrend, „kannst Du für die Wahrheit
Deiner Behauptungen Beweise geben ?“

„Vollgiltige,“ erwiderte der Invalide er—
schreckt. „Fast jeder Einwohner dieses Hauses
wird Ihuen dasselbe sagen.“

„So sei Gott ihr und ihm gnädig,“
nurmelte der Förster dumpf. „Wer war bei
neiner Braut? Wem ist sie gefolgt, wohin
jat sie sich gewandt?“

„Ihr thut da drei Fragen, von denen ich
seine einzige zu beantworten weiß. Ein junger
Mann war an drei Abenden nach einander
hei ihr, am ersten Abend kam er gegen neun
und blieb bis halb elf, am zweilen Abend
and er sich ein, gleich nachdem Ihr hinaus-
gegangen wart, er ging mit Eurer Mutter
'ort, kam aber eine Viertelstunde später zurück,
um noch eine ganze Stunde bei Eurer Braut
zuzubringen. Am dritten Abend sah ich ihn
irüh eintreten aber erst gegen elf Uhr das
Haus verlassen.“

„Wie war er gekleidet? Beschreibt mir
seine Figur, seinen Gang, seine Haitung.“

„Nach seiner Kleidung zu urtheilen, muß
er ein feiner Herr sein, er war ziemlich groß,
trug einen vollen blonden Bart und blondes,
lockiges Haar.“

Der Förster biß sich auf die Lippe, daß
sie blutete. „Ich kenne ihn,“ sagle er mil
dumpfer, heiserer Stiumme. Er wandte dem
        <pb n="243" />
        Alten den Rücken und stieg rasch die Treppe
hinunter.

Es schlug neun Uhr, als er die Kaserne
derließ, eine Viertelstunde spuͤter trat er in
das Wohnzimmer seiner Mutter. — Die alte
Frau saß in ihrem mit Leder überzogenen
Sessel und las, die Hände in den Schooß
gefaltet, in der Bibel. Sie erschrack, als sie
so plötzlich in das bleiche, von Wuth und
Haß enistellte Antlitz des Sohnes blickte.

Wo ist Barbara ?“ war die erste Frage,
welche Hugo an die Mutter richtete.

Ich weiß es nicht,“ erwiderte die alte

Frau, der diese Frage, verbunden mit dem
ünh il vertündenden Blicke, Enisetzen einfloͤßte,
„Seit Deiner Abreise habe ich sie nicht wie⸗
dergeschen“

Der Förster lachte laut und höhuisch auf;
es war das Lachen der Verzweiflung. Er
warf sich auf einen Stuhl, daß der morsche
Sitz krachee. —

Du weißt es nicht ? — Leere Ausreden!

Wo ist Georg?“

„Herr des Himmels — meine Ahnung!“
rief die alte Frau, sich erhebend. „Er war

e8, und erst jetzt, nachdem ich ihn hier ver⸗
loren hatte, muß ich das entdecken!“

„Mich täuscht man nicht so leicht, Mut⸗
ser,“ versetzte der Förster mit erzwungener
Ruhe. Du wußtest, daß jener Baron von
Westen Georg war, wußtest, daß er, um an
nir Rache zu nehmen, meine Braut entführen
—W

In dem Blick der alten Frau leuchtete
eine Hoheit, welche dem ungerecht und vorur⸗
heilsvoll anklagenden Sohne Schweigen gebot.
Wenn Barbara entführt ist, wenn jener
Baron von Westen sie entführt hat, so höre
—D aus Deinem
Munde,“ sagte sie ruhig. „Es ist wahr, daß
der Baron mit mir über Georg gesprochen,
daß diese Zusammenkunft in der Wohnung
Barbara's stattgefunden hat, aber mehr weiß
cch nicht. Du klagst mich und Deine Braut
. Erinnere Dich jenes Abends vor Deiner
Abreise. War Dein jähzorniges Wesen, Dein
rohes Betragen geeignet, Liebe für Dich zu
Awecken? Wenn Barbara Dir untreu ge⸗
worden ist, dann magst Du die Schuld Dir
allein zuschreiben.“

Der Förster hatte sich erhoben, cinen Wand⸗
schrank geöffnet und aus diesem ein Pistol
genommen. Ohne ein Wort zu erwidern, lud
er die Waffe. W

Ich weiß nicht, wer Dir ins Ohr ge⸗
raun hat, Grorg habe Deine Braut entführt,“
fuhr die Mutter nach einer Pause fort, rathe
Dir aber, zuvor der Sache auf den Grund
zu gehen, und nicht Deinem Jähzorn zu folgen,
der Dich zu einem gräßlichen Verbrechen hin⸗
reißen lönnte.“

Der Förster ließ den Hahn herunter und
sud das Pistol mit einer Kugel. „Ich werde
nit meiner Untersuchung rasch fertig sein.“
entgegnete er, ohne aufzublicken.

Willst Du Dir das Kainszeichen auf die
Stirne drücken? Hugo, Hugo, bedenke die
grauen Haare Deiner Mutter.“

Hat Georg sie bedacht, als er den Dieb⸗
tahl beging?“ fuhr der junge Mann wild
auf. „Er blieb Dein Liebling auch dann noch,
als der Assisenhof ihn zu drei Jahre Zucht⸗
jaus verurtheilte. Ich dagegen war von jeher
in Fremdling im Elternhause.“ — J

Trotig bückten die glühenden Augen Hu⸗
zo's der Mutter in's Antlitz, die alte Frau
allete die Hände, eint Thräne rann über ihre
Wangen. Sie erschrack nicht vor diesem Hasse,
sie kannte ihn ja seit Jahren; sie vertraute
zuf Gott, der das Geschick der Menschen
lenkt.

Der Förster stectte das Pistol in die
Tasche und schnallte den Gurt, an welchem
der Hirschfänger hing, fest um seine Hüfte.

DHugo, eins gelobe mir, bevor Du diese
Schwelle überschreitest,“ nahm die Mutter
noch einmal das Wort. Versündige Dich
nicht an Deinem Bruder, denl', es war Deine
Munter, die ihn unterm Herzen trug.“

FIch weiß, wie weit ich gehen darf,“

hraufte der Förster auf, seinetwegen wird

nan mich nicht auf das Schaffot schleppen.“

Laß das Pistol hier !“ bat die Mutter.
Ich lese einen schrecklichen Gedanken auf
Deiner Stirne · I
Der Fvörster schob die alte Frau bei Seite
ind ging schweigend hinaus. 9

Einige Bekannte, welche ihm begegneten,
zrüßten, er dankte nicht; den Blick slier vor
ich hingerichtet, durchschritt er eilig dieStra—
        <pb n="244" />
        zen, bis er vor dem Gafflhofe stand, in wel⸗
chem damals Bolling und der Baron von
Westen abgestiegen waren.

Auch diesmal zuckte der Kellner auf die
Frage, wohin der Baron gereist sei, die Ach—
jeln; ein Goldstück löste ihm die Zunge. Er
erklärte, daß der Baron in Gemeinschast mit
dem Gutsbesitzer abgereist und wahrscheinlich
auf der Vesitzung des Letzteren zu finden sei. —

Am Tage darauf fuhr Hugo ia Begleitung
des Anerilaners ab.

Zehntes Kapitel.
Geständnisse.

Am Morgen nach jener Nacht, in welcher
Bölling sein ganzes Vermögen an den Baron
oerloren hatte, saß Helene traurig und ver⸗
stimmt in ihrem Boudoir. Das seltsame Wesen
des Gatten erregte in hohem Grade ihre Un—⸗
ruhe. Warum wollte er ihr nicht vertrauen,
was er mit dem Varon gehabt hatte? Sie
wußte, daß er an jenem Abend ihm ins
Schlafzimmer gefolgt und bis spät in die
Nacht bei ihm geblieben war. Weshalb ver⸗
schwieg er den Grund dieser Zufammenkunft?
— Daß Bölling sehr spät zur Ruhe gegan—
gen war, konnte sie daraus entnehmen, daß
er jetzt noch schlief. Wie langsam schlichen ihr
die Stunden hin! Sie hatte sich fest vorge⸗
nommen, den Gatten zu fragen, sobald er ins
Zimmer trat, fie wollte, sie mußte Gewißheit
haben.“— Aber als Bölling kam, als sie in
sein bleiches verstörtes Antlitz sah, entfiel ihr
der Muth. Zwar versuchte sie es, auf jenen
Brief anzuspelen, in der Hoffnung, dadurch

dem Gatten Veranlassung zu naäheren Er—
orterungen zu geben. Aber Völling brach kurz
ab, ja, es schien, als wolle er absichtlich zu
verstehen geben, daß solche, Erörterungen ihm
unangenehm seien. — Draußen im Garten
keimte und grünte es, der Hauch des Früh—
lings belebte die schlummernde Landschaft,
die Primeln und Aurikeln blühten, und die
Lerchen trillerten ihr lustiges Morgenliedchen.
Mit welcher Sehnsucht hatte Helene dem Früh—
ling entgegengesehen, wie manches reizende

Lufischloß hatte sie gebant, als die Tage län⸗

ger nurden und der Schnee schmolz, als nun

der Frühling kam? Jetzt gedachte sie mit

Wehmuth der Winterzeit und der innigen ver⸗

trauenden Liebe, welche damals der Gatte ihr

entgegentrug. — Das Menschenherz hofft und
zlaubt, und die Hoffnung bricht eine leuch
ende Bahn in die dunkle Nacht der Zukunft.

Aber das Gestirn trügt, die Wolken des

Schicksals verdunkeln es, wenn der Mensch

jene Bahn betreten will. Das Herz wird aicht
nüde zu hoffen, das Leben ist ja nur eine
dette von Hoffnungen und Wünschen!
Wehmüthig sinnend schaute Helene hinaus
in den Frühling,' — wenn sie schon jetzt die
diebe und das Vertrauen des Gaiten verloren
jatte, was sollte es dann später werden!
Sie blickte sich um, Bdolling hatte das Zim⸗
ner verlassen. Sie stand auf. Vielleicht konnte
der Vater ihr Aufklärung geben, vielleicht
zatte Bölling vor ihm sein Herz ausgeschüttet.
And konnte er es nicht, so mußte er ins
Hittel treten, er war ja ihr Vater, ihm
zurfte der Schwiegersohn eine Erklärung nicht
zerweigern.

Im Begriff, den Vater aufzusuchen, sah
iie den alten Steffens eintreten. Er war bleich,
derwirrt, in seinen Zügen las Helene deutlich,
daß er eine unangenehme Botschaft brachte.
— Eine dunkle Ahnung sagte ihr, daß sie
zor einem Wendepunkt ihres Leben stehe, daß
er nächste Augenblick über ihr Glück, ihren
Frieden entscheiden werde.

(GFortsetzung folgt.)

Charade.
Das Erste möcht' gern Jeder sein,
Die Letzte feste Mauern hat,
.. Das Ganze, Leser, nennet dir
In Baden eine schöne Stadt.
Auflösung des Sylbenräthsels in Nr. 62 des Un⸗
terhaltungsblattes: Wahnwiße
Drud und Verlag von F. X. Deiaeß in St. Ingbet. —
        <pb n="245" />
        AUnterhaltungsblaltl

4
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 64. Donnerstag, den 1. Juni

71.

Die Rrüder.
Original⸗Novelle von Ewald August König.

mir nicht übel, ist der leibhaftige Goitseibei⸗
uns. Ich habe das Gesicht schon oft gesehen,
wüßte ich nur, wann und wo.“

„Helene athmete, auf. „Wenn's weiter
nichts ist, den Verlust kann man verschmerzen.

„Ja, wenn's weiter nichts wäre,“ fuhr
der aile Mann fort. „Aber da konnte der
znädige Herr! gestern Abend nicht am Zimmer
des Varons vorbeigehen, ohne hineinzublicken,
und —“

„Und ?“ fragte Helene bebend.

„Er trat ein, und die beiden haben bis
spät in die Nacht hinein gespielt. Der gnädige
Herr hat Alles, Haus und Hof, verloren,
richts ist ihm geblieben. — — So, nun ist's
heraus, ich hoffe, Sie tragen mir keinen Groll
deßhalb nach.“

„Bleich, mit bebenden Lippen stand He—
lene vor dem alten Mann, dem die Thränen
üher die Wangen raunen, sie hielt sich krampf
haft an der Lehne des Sessels, um nicht um⸗
zusinken. War's nur ein Traum? Wollte
Boͤlling ihre Liebe prüfen? Aber nein, der
alte Mann sagte die Wahrheit, sie las es in
dem feuchten Blick, der dem ihrigen begegnete.
„Hat Dich mein Mann beauftragt, mir diese
Naͤchricht zu bringen ?“ fragte sie nach einer
Pause.

Der gnädige Herr hatte den Verwalter
darum ersucht, aber der Verwalter glaubte,
ich könne das besser besorgen, deßhalb mußte
ich gehen.“

Es war also Wahrheit! Helene fühlte,
daß sie sich gewaltsam fassen, daß-sie ihre
ganze Kraft aufbieten mußte, um den harten
Schlag des Schicksals ruhig zu ertragen. Sie

(Fortsetzung.)

„Nehmen Sie es mir nicht übel, gnädige
Frau, wenn ich Ihnen eine Hiobspost bringe,“
hob der alte Mann an, indem er verlegen
die Mütze in seinen Händen drehte und dabei
anverwandt vor sich hinschaute. „Der Herr
Verwalter hat mich mit der Mission beauf⸗
tragt, weil er glaubt, ich sei mit der gnädigen
Frau schon länger bekannt und werde besser
wissen, wie —“

Komm zur Sache,“ fiel Helene ihm in's
Wori. „Die Einleitung ängstigt mich mehr
als dies Deine Botschaft vielleicht thun
würde.“

„Verzeihung, gnädige Frau, aber so mit
der Thür in's Haus hineinfallen ist nicht
meine Sache.“

Helene holte einen Stuhl und bat den
Alten, sich zu setzen.

Steffens schüttelte den Kopi. „Lassen Sie
nur, es wird schon gehen. Der Baron von
Westen, Gott möge es ihm vergelten, hat
den gnädigen Herrn zum Hazardspiel verleitet.
Als der gnädige Herr gestern von der Reise
zurückkehrte, hatte er dreißigtausend Thaler
derloren, er wollte ein Kapital auf sein Gut
aufnehmen, dem Baron die Summe zahlen
und dann keine Karte mehr anrühren. Hätte
er nur die Kraft gehabt, diesem Vorsatz treu
zu bleiben! Aber wen der Satan einmal in
feinen Krallen hat, den läßt er sobald nicht
wieder Jos, und dieser Baron, nehmen Sie's
        <pb n="246" />
        hatte geschworen, dem Gatten in Lust und
Leid treu zu bleiben, sie wollte diesen Schwur
halten. JIctzt kam die Zeit der Prüfung, die
Zeit, in der ihre Liebe sich bewähren sollte. —

Bölling trat gleich, nachdem Steffens das
Zimmer verlassen hatte, ein. Helene ging ihm
entgegen, sie machte ihm keinen Vorwurf.
„Und bleibt uns nichts,“ flüsterte sie, „so
bleibt uns doch unsere Liebe. So lange der
gütige Vater dort oben uns beisammen läßt,
wollen wir nicht gegen seinen Willen murren!“

Ein heller Sonnenstrahl des Glücks fiel
in die Nacht der Verzweiflung, welche über
der Seele Bblling's lagerte. Noch nie hatte
er zuvor so tief in das Herz seines Weibes
geblickt, in welchem das Unglück auf ihn ein—
stürmte, sollte er den Schatz, den reichen un⸗
erschöpflichen Schatz kennen lernen, den er
besaß, den Niemand ihm rauben konnte, Er
schloß sie gerührt an seine Brust, Muth und
Selbstvertrauen kehrten wieder.

„Dank, tausend Dant für diese Worte!“
sagte er, indem er Stirne nund Lippen Hele⸗
nens mit glühenden Küssen bedeckte. „Dank
aber auch dem Himmel, der Dich mir gege⸗
hen hat!“
Helene entwandt sich sanft den Armen
des Gatten. „So bleibt uns Nichts?“ fragte
sie sanft und ohne Vorwurf.

.Nichts!“ erwiderte Bölling düster. „Ich
habe den Baron gebeten, er möge mir nur
soviel lassen, daß ich ein anderes Gut pachten
ftönne —“
„Bitte nicht, er ist der Bitte nicht werth,“
siel Helene ihm in's Wort, „ich werde meinen
Schmuck, meine Garderobe, Alles was ich
entbehren kann, verkaufen, Du pachtest ein
kleines Gut, wir arbeiten sobiel wir vermögen,
bis das Gut unser ist, und begnügen uns
mit dem, was wir haben. Man kann ja auch
mit Wenigem zufrieden und glücklich sein.“

„Man kann es, aber wirst Du auch den
Muth haben, den Spott der Welt zu ertragen,
die unserm Stand eher ein Verbrechen, denn
Verarmung verzeiht! Wirst Du bei dem Ge⸗
danken an die Vergangenheit nicht muthlos
werden und mit dem Geschick hadern?“

„Ich werde stark sein,“ erwiderte Helene
ruhig, stark in Deiner Liebe, fest an dem

Blauben halten, daß ich glücklich bin und ver⸗
gessen, daß ich einst reich war.“

„So sei es denn, wandern wir die schwere
Bahn des Entsagens,“ entgegnete Bölling,
indem er die Gattin umarmte und einen
duß auf ihre Stirn drückte. „Ich muß für
ꝛinige Tage scheiden,“ fuhr er nach einer
Pause fort, „es gilt einen letzzen Gang, doch
Jabe ich nur geringe Hoffnung, daß ich meinen
Zweck erreichen werde. Der Baron hat uns
eine Frist von acht Tagen gelassen, er wird
zeute noch abreisen und erst nach dieser Frist
zurückkehren. Bereite Dich also darauf vor,
daß wir alsdann das Gut verlassen köunen.“

Er ging, er nahm den Weg durch den
Garten, ein Diener wartete mit dem gesat⸗
telten Reitpferde, Bölling schwang sich hinauf,
zrüßte noch einmal hinüber nach dem Fenster,
mn welchem Helene stand und ritt dann in
charfem Trabe davon — — —

In derselben Stunde saß Barbara in dem
reizenden Stübchen eines kleinen Landhäuschens,
velches nase bei dem Gute lag, vor dem
Stickrahmen. Sie war erst am Tage vorher
in diese kleine trauliche Wohnung eingezogen,
velches der Baron für die Dauer eines
Monates von dem Eigenthümer gemiethet
hatte. Trotz der eleganten Einrichtung, konnte
das Mädchen sich hier nicht so recht heimisch
fühlen, es wußte ja, daß der Aufenthalt hier
aur ein vorübergehender war. Nichts macht
dem Menschen die fremde Stätte rascher
Jeimisch, als wenn seine Augen auf bekannien
Begenständen rnhen, wenn er auch hier alten
iebgewonnenen Gewohnheiten und Verricht⸗
ingen sich hingeben kann. — So nahm deun
Barbara gleich am nächsten Morgen den
Stickrahmen zur Hand, öfter denn je ruhte
ihr Blick auf dem Kanarienvogel und bald
gewöhnte sie sich an die fremde Umgebung.
Setzt den Armen in ein Haus voll Pracht
und Luxus er wird sich nie so heimisch darin
ühlen, wie er es in seiner Hütie war, aber

gebt ihm seinen Webstuhl mit, daß er arbeiten
lann, daß er einen Zeugen seiner Vergangen⸗
heit um sich hat, dann wird er sich rasch in
die neue Umgebung finden.

Seltsam, aber wahr! Wer allmählig sich
zum Wohlstande, zum Reichthum emporarbeitet
den wird inmitten seines Reichthums nie ein
        <pb n="247" />
        Gefühl der Eiusauieit beschleichen, jeder Ge⸗
genstand, auf den sein Auge fallt, ist ja ein
Aler Bekannter, fast an jeden knüpft sich die
Erinnerung an ein gutes Geschäft, an eine
Ecsparniß. Aber der, welcher plötzlich seine
Armuth in Reichthum verwandelt sieht, kommt
sich vor wie ein Dieb im fremden Obstgarten.
Fr sieht die herrlichsten Früchte, er darf nur
zugreifen, sie sind sein Eigenthum, aber hat
er sie im Schweiße seines Angesichts erwor—
ben? Hat er ein Recht auf sie — —

Baͤrbara sang mit leiser Stimme ein
Liedchen vor sich hin. Auch das war ein
Bekaunter, ein guter, alter Freund, der Zeuge
mancher frohen und mancher; trüben Stunde.
Der Kanarienvogel mochte auch diesen Freund
kennen, er grüßte ihn mit jeinen schönsten
Weisen und mischte sein Zwitschern und Schmet⸗
lern in die helle, liebliche Stimme des singen⸗
den Mädchens.

Plötzlich ward die Thüre geöffnet, leise,
ein Lächeln auf den Leppen, tral der Baron
ein. Barbara stand auf und eilte in seine
Arme.

„So halte ich Dich! So bist Du mein,
auf ewig mein, und keine Macht soll Dich
mir entreißen!“ sagte der junge Mann, in⸗
dem er das erglühende Mädchen fest an üch
drückte.

„Auf ewig!“ flüsterte Barbara, „keine
Macht soll Dich von mir reißen J

Der Barou setzte sich in einen Sessel,
Barbara nahm zu seinen Füßen auf einem
Tabouret Platz.

„Ich habe Dich so früh nicht erwartet.“
sagte sie, „Du verfsprachst erst gegen Mittag
zu kommen und ich glaubte deßhalb, meine
Sehnsucht nach Dir belämpfen zu müssen.“

Der junge Mann legte leise seine Hand
auf das seidene gelockte Haar der Geliebten.
„Würdest Du mich auch dann noch lieben,
venn ich nicht das wäre, was ich scheine ?*
fragte er, und seine Stimme zitterte. als er
diese Frage stellte.

„Wie Du nur fragen magst! Habe ich
Dich nicht geliebt vom ersten Augenblicke an,
in welchem ich Dich sah? Frage nicht so
mein Geliebter, Dein bin ich, Dein will ich
bleiben, und nur der Tod soll Dich von
mir scheiden!“

„Und wenn ich nun nicht der Baron
bon Westen wäre?“

„So bleibst Du doch mein Geliebter!“

Und wenn ich ein Verbrecher wäre, der
keine Stätte findet, wo er sein verfehmtes
haupt betten darf ?“

„So ziehe ich mit Dir hinaus in das
Elend, in die Verbannung, denn nur da,
wo ich in Dein Auge schaue, in Deinen Ar⸗
men ruhe, ist meine Heimath.“ —

Namenlose Seligkeit leuchtete in den
Augen des jungen Mannes. Er drückte einen
duß auf die weichen Locken und blickte lange
ind tief in die seelenvollen Augen des Mäd—
hens. „So hoöre denn,“ versetzte er, „und
entscheide. Du weißt, daß der Bruder Deines
rüheren Verlobten, Georg Kraus, wegen Un—
lerschlagung zu drei Jahren Zuchthaus ver⸗
urtheilt wurde. Er entfloh aus dem Gefäng-
nisse, ging nach Amerika und kehrte von dort
uinter dem Namen eines Baron von Westen
zurück, um an denen, die sein Leben vergiftet,
die ihn seiner Ehre beraubt hatten, Rache zu
nehmen. Er sah Dich — —“

Den Schluß kenns ich,“ sagte Barbara,
ihn unterbrechedn.

„Nun weißt Du, wer ich bin, ein ent⸗
sprungener Verbrecher, der nichts sein nennt, als
das nackte Leben und den Haß eines Bruders —“

„Daneben aber auch die Liebe eines
Mädchens!“ nahm Barbara das Wort.
„Glaubst Du, Dein Geständniß könne mich
hankend machen ? — Ich weiß, weßhalb Du
ein Verbrecher wurdest, Deine Mutter hat es
mir ja oft gesagt. Ich folge Dir, wohin Du
auch gehen magst. Das ist meine Entscheidung!“

Georg drückte schweigend das liebeglühende
Mädchen an sein Herz. Es war einer jener
feierlichen erhabenen Augenblicke, wie sie nur
felten im Menschenleben vorlommen, in welchen
das Herz für die Seligkeit, die es durch⸗
strömt, keine Worte findet. — „Wärst Du
mir früher begegnet,“ murmelte er leise, „ich
hätte den Glauben an Liebe und Menschheit
aiemals verloren!“

Barbara war ebenfalls in tiefes Sinnen
versunken. Plötzlich fuhr sie zusammen.

„Was ist ?“ fragte Georg erschreckt.

„Ich dachte daran, wenn Hugo zurück⸗
kehrte und Dich bei mir fände,“ entgegnete
        <pb n="248" />
        das Madchen vebend. „Er wurde uns vbeĩde
morden.“

Ein düsterer Schatten flog über das Ant⸗
litz des jungen Mannes. „Sei unbesorgt,“
erwiderte er, „Hugo ist auf der See, er
wird nicht eher zurückkommen, bis ich es
will und dann dürfte es ihm schwer fallen,
unsere Spur zu finden.“

„So steht es fest bei Dir, daß wir nach
Amerika reisen ?“

„Ja, wenn nicht — — doch reden wir
jetzt nicht weiter darüber, die nächsten Tage
werden über unsere Zukunst entscheiden. Liegt
es doch in der Möglichkeit, daß ich ergriffen und
in's Gefängniß zurückgebracht werde, dann —“

„Sprich nicht so,“ bat das Mädchen, „der
Gedanke an eine Trennung hat für mich eiwas
Schreckliches.“

„Aber der Spruch des Schicksals muß er⸗
füllt werden.“

„Er muß, und ich werde mich ihm fügen,“
fuhr Barbara entschlossen fort. „Ich bleibe Dir
treu, geduldig will ich Deiner Rückkunft harren.“

Eine Weile sah Georg schweigend vor sich
hin. „Wie mag es wohl kommen, daß unsere
Herzen so rasch und so eng mitleinander ver⸗
bunden sind?“ sagte er. „Nie habe ich bei
einem Weibe eine so glühende, Alles opfernde
Liebe gefunden, wie Du sie mir entgegenbringst.“

„Weiß ich's doch selbst nicht!“ entgegnete
Barbara heiter lächelnd. „In meinen Adern
rollt das Blut meiner Mutter, auch sie liebte
meinen Bater so glühend, so leidenschaftlich,
daß die Trennung von ihm ihr das Herz brach.
— Auch in meiner Vergangenheit ist ein
dunkler Flecken,“ fuhr sie nach einer Pause
fort, „auch ich habe Dir zu berichten. —
Meine Mutter war eine Stickerin, wie ich. Sie
soll schön, tugendhaft und sehr witzig gewesen
sein, so sagte mir meine Pflegemutter, welche sie
von frühester Kindheit an kannte. Sie war
fleißig und geschickt, ihr Verdienst reichte hin,
die geringen Bedürfnisse zu bestreiten und eine
weise Sparsamkeit ermöglichte es ihr, einen

Nothpfennig zurückzulegen. Sie sang vom frühen
Morgen bis an den späten Abend, ihre Be⸗
kannten und Nachbarn nannten sie nur: „Die
Lerche.“ Nichts konnte ihr diese Heiterkeit rau⸗

ben, sie war gitichsam ihre zweite Natur, der
Sonnenschein ihres Lebens. Aber eines Tages
ang sie nicht mehr, und die Nachbarn sag⸗
en: „Die Lerche ist entweder krank, oder sie
hat Kummer.“ Und doch täuschten die guten
Leute sich. Meine Mutter war nie so froh, so
NAücklich gewesen, wie gerade an jenem Tage.
Huß man singen, wenn man froh und glücklich
st? Gibt es nicht ein unnennbares, süßes
Hlück, welches man tief in seine Brust ver⸗
chließt, welches man keinem Auge zeigen mag,
weil man befürchtet, dann desselben beraubt zu
verden? Gibt es nicht ein solches Glück? O,
ich glaube doch, und wir beide, Georg, können
die Existenz desselben gewiß nicht bestreiten.
Meine Mutter liebte, und ihre Liebe wurde
erwidert. Er war reich, sie arm, er war der Sohn
eines Bankiers, se eine arme Waise, welche durch
ihrer Hände Arbeit das tägliche Brod verdienen
nußte. Aber fragt die Liebe nach diesen Neben⸗
dingen? Und wenn man jung und geliebt ist,
zlaubt man nicht an jeden rosigen Traum, den
die erregte Phantasie uns vorgaukelt? Die beiden
liebten einander verstohlen und heimlich, die
Menschen durften ja nicht wissen, daß der Sohn
des Bankiers sich zu der Stickerin erniedrigie,
sie durften nicht wissen, daß die Tochter aus
dem Volke das Verbrechen begehen wollte, sich
zu einem höheren Stande emporzuschwingen.
— Ihre Liebe war in den Augen der Welt
tin Verbrechen, meine Mutter ahnte es nicht.
Sie vertraute darauf, daß der Geliebte sie zum
Altar führen werde, er hatte es ihr ja gelobt.
Sie dachte nicht daran, daß die Geldsäcke des
Bankiers ein unübersteigbares Hinderniß waren
wischen ihr und dem Geliebten, sie dachte
iberhanpt nicht an das Geld, noch an jene
yornehme Welt, in welche sie eingebürgert werden
ollte, sie dachte nur an ihn, von dem sie
aimmer lassen konnte. Und er war so lieb, so
uut, stets heiter und liebevoll. Es müssen
A
»ie Beiden in dem kleinen Zimmer meiner
Mutter verbrachten, aber die Stunden ver—
trichen, der Traum verrann. Das Glück hatte
aum begonnen, so näherte es sich auch schon mit
jseden Tage mehr und mehr seinem Ende.
(Ggortsetzung folgt.)

Druck uad Verlag von F. X. Demet in St. Ingbert.
        <pb n="249" />
        IAnterhaltungsblalt

33 23

StJugberter Aunzeiger.
Fꝛ

α ι.

zum ——A—

xæ. .
D2ie Brüder.
Original· Novelle pou Ewald Au gust König.

Braul reißtt und die Töchter aus dem Volke
in die Schande und das Elend stürzt. Der
Vaterfluch das Ueberbleibsel des barbarischen
Mittelalters, ist das Schreckbild, welches tief
in die Verhaltnisse der bürgerlichen Gesellschaft
eingreift, welches“ tausend und abertausend
Dpfer verschlirgt.“ Auch jener Bankier hatte
seinem Sohue gedroht, ihn zu enterben, ihm
zu fluchen, weun er es wage, die Bettlerin zu
heirathen. Ihin war, Dauk den Bemühungen
feiner Eltern, bereits eine andere Braut be⸗
timmt, die Tochter eines reichen Kaufmannes,
ind er mußte sich dem Willen des Vaters
ügen, wollte ex nicht dessen Fluch auf sein
daupt laden. — Er hatte es nicht über sich
ringen können, dies meiner Mutter mitzu⸗
heilen, er wollte schreiben, aber auch dazu
Dnnie er sich nicht entschließen. Jetzt als die
Beliebte ihn aufsuchte, als sie ihm gegenüber
land, entdeckte er ihr Alles. Meine Mutter
brach ohnmächtig zusammen. Als sie zur Be⸗
innung zurückkehrte, verließ sie, ohne den
harocterlosen Geliebten eines Wortes, eines
Vlickes zu würdigen, das Haus, und Tags
darauf auch die Stadt. Nie erfuhr mein
Vater, wo sie geblieben ist. Vier Monate dar—
auf ward ich geboren, meiner Mutter kostete
meine Geburt das Leben. Die Freundin, zu
velcher sie sich geflüchtet hatte, nahm si
meiner an, erstin späteren Jahren erfuhr
Zie Geschichte meiner unglücklichen Mutter.
Ddaß gegen meinen Vater erfüllte mein Herz,
wollte seinen Namen, die Stadt, in der
er wohnte, wissen, meine Pflegemutter; ver⸗
schwieg mir beides, sie mochte befürchten, ich würde
mich zu unbesonnenen Thorheiten hinreißer lassen.

— ——
W Gortsetzung.
Ein Jahr mochte sejt dem Tote der Ver⸗
lobung verflossen sein, als meine Mutter eines
Abends vergeblich auf den Geliebten wartett.
Er kam nicht, er kam auch am zweiten und
druten Abend nicht. Meine Mutter, in Angst
and Sorgen um ihn, »tilte in das Haus
seines Vaters. Sie erwartete ihn dort krank
zu sinden, und wer konnte hesser ihn pflegen,
als sie Unter dem Vorwande, sie sei von
dem jungen Herrn beauftragt, eine Stickerei
anzufertigen, für welche sie das Muster holen
wolle, eriangte sie Eintritt in das Haus. Er
war nicht krank, der Diener führte sie in fein
Zimmer. Aber wie hatte er sich verändert in
den drei Tagen! Seine Wangen waren hohl
und bleich, seine Augen trüb und erloschen,
er glich in seinem Gang, seinen Bewegungen,
seinem ganrzen Wesen einem Irisinnigen, den
moan um sein Glück betrogen hat. Als er meine
Mutter sah, stürzte er ihr zu Füßen, er be⸗
dectte ihre Hände mit Küssen und bat sie, ihm
zu verzeihen, ihn zu vergessen.
Einen Augenblick schwieg das Mädchen,
Georg war erschüttert.
„Es ist das alte Lied,“ hob sie endlich
wieder an, „der Fluch der Mutter entbindet
den Sohn des Versprechentzz, welches er dem
armen vertrauendan Mädchen gegeben hat. Der
Vaterfluch ist das moderne Gespenst, welches
hohläugig, mit geschmungener Geißel den
Brautigam aus den Armen der verzweifelnden
        <pb n="250" />
        „Und das Geheimniß blieb Dir bis heute
verhüllt ?“ fragte Georg, als Barbara schwieg.
„Hinterließ Deine Mutler nichts, was Dich
auf eine Spur hätte führen können 7“

„Nur dieses Medaillon,“ entgegnete das
Mädchen, indem es eine goldene Kapsel aus
dem Busen zog und sie dem jungen Manne
überreichte. „Es enthält einige Haare meiner
Mutter, eine Locke meines Valers und ein
kleines zierliches Billet, welches mein Vater
vdielleicht in den ersten Tagen seiner Liebe ge⸗
schrieben hat.“
Georg öffnete die Kapsel und entfaltete
das Billet. Es enthielt die wenigen Worte:
„Treue bis übers Grab hinaus! Erstaunen
und Ueberraschuug spiegelten sich in dem Blid
des jungen Mannes, dann glitt ein zufriedenes
Lächeln über sein Antlitz. „Laß mir diese
Reliquie,“ sagte er, „ich werde sie Dir wieder
geben. sobald ich von einer kleinen Reise zu⸗
rücktehre.“

„Du willst verreisen ?“ fragte Barbara
erbleichend.

Georg nickte. „Noch heute. Es ist eine
Reise, von der Manches abhängt, ich darf sie
nicht verschieben. Aengstige Dich während
meiner Abwesenheit nicht, spätestens in drei
Tagen bin ich zurüd.“

Es war nicht Mangel an Vertrauen, was
das Herz Barbara's so hörbar pochen ließ,
es war die Furcht, der Geliebte könne ge—
fangen und ins Gefängniß zurückgebracht wer-
den. Was sollte sie dann beginuen ?“

Georg las diesen Gedanken in den Augen
der Geliebten. „Bin ich nach jenen drei Tagen
nicht zurück, so warte den füuften und sechsten
noch ab, donn aber weißt Du, wo ich bin,“
sagte er. „Ich werde dann in der dunklen
Kerkerzelle Dein gedenken und die Tage zählen,

bis ich wieder in Deinen Armen ruhen, in
Deine Augen schauen darf. Damit Du aber
waͤhrend dieser Zeit nicht Mangel leidest, nimm
diese Banknoten, sie werden Dich jeder Sorge
in d'eser Beziehung überheben. — Er öffneie
seine Brieftasche und gab dem Mädchen einige
Banknoten. — „Und nun Gott befohlen
fuhr er fort, indem er die Geliebte ftürmisch
an sich zog. „Der Himmel wird über unsre
Liebe wachen!“

Schluchzend hing Barbara an seinem Halse,
wue war für fie das Leben ohne ihn!

Die Liebe gebieret den Haß und tödtet ihn.
„ Helene hatte gleich nach der Abreise ihres
Gatten sich in ihr Schlafgemach begeben. Ihr
Enlschluß stand fest, sie entsagte dem Reichthum
willig, und eine Freudigleit, an welche fie
nielleicht früher bei dem Gedanken an di⸗
Moͤglichkeit einer solchen Entsagung nicht
zeglaubt hätte, erfüllte ihre Seele. Sie fühlte
jetzt, daß ihre Liebe dem Galten Alles fein,
daß ihre Liebe ihm Alles ersetzen mußte, dafür
aber gehörte jetzt auch der Gatte ihr, ihr
zanz allein. Odgleich sie die Besorgung des
Hauswesens erlernt hatie und auch so ziemlich
verstand, war sie doch bis jetzt noch nie in
den Fall gekommen, ihre tüeoretischen Kennt
nisse practisch prüfen zu können. Bei den—
Vater mußte sie die Honneurs machen, Bol
ling wollte seine Fiau nicht in der Küche
wissen. — Nichts ist jungen Mädchen interej⸗
santer, als einen Blick in das Hauswesen
ihrer vermählten Freundinnen werfen zu
können, nichts fessell sie mehr, als wenn fie
das Schalten und Walten der Hausfrau am
eigenen Heerde beobachten können. Helene hatte
oft ihre Freundinnen beneidet und sich danach
gesehnt, in der Küche und in den Vorraths
'ammern wirthschaften zu können, jetzt sah
sie diesen Wunsch erfüllt, und die Freude dar⸗
iber ließ sie die Bitterkeit des Entsagens ver⸗
zeffen. Wie alle junge Frauen, die das zwan⸗
zigste Jahr noch nicht überschritten haben, also
goch im letzten Stadium der Mädchen⸗ Periode
tehen, sah sie leicht und oberflächlich über
ernste Verhältnisse hinweg, ihrem flüchtigen
Blick entgingen die schwarzen Gestalten, welche
inten in der Tiefe lauerten, bereit, sich auf
hr Opfer zu stürzen, sobald der Augenblick
dazu kam. Sie kannte diese schwarzen Gestal
ten. die Sorgen mit ihrem finstern Gefolge
noch nicht, und wußte noch nicht, wie rasch
die Blumen des Lebens unter ihrem eisigen
Hauche welken und sterben! — — B
Sie war in ihr Schlafgemach gegangen,
dort ihren Schmuck. ihre Garderobe zu

Elftes Kapitel.

um
        <pb n="251" />
        mustern und zu berechnen, wie viel der Erlbs
aus diesen ihr jetzt entbehrlichen Gegenständen
betragen werde. Sie glaubte, der Betrag werde
hinreichen, die Pacht für das erste Jahr zu
zahlen, Bölling war ein tküchtiger Landwirth,
sie wollte eine fleißige, sorgsame Hausfrau
sein, es mußte mit besonderen Dinge zugehen,
wenn sie es nicht mit der Zeit dazu brachten,
das kleine Gütchen kaufen zu föhnen —
Armes Kind! Sie bedachte nicht, daß nin
der Reiz: der Neuheit sie Gefallen“ an der
Arbeit finden ließ, daß die Zukunft ihr nur
als ein Joyll mit Glacéhandschuhen, als ein
Schäferspiel aus dem Zeitalter Ludwig des
Vierzehnten vor Augen schwebte, daß, wenn
jener Reiz geschwunden war, die nackte Wirk ⸗
lichkeit mit ihren strengen, ernsten Forderungen
sie in die Vergangenheit zurückblicken lassen
würde! Der Gedanke an den unverantwort⸗
lichen Leichtsinn des Gatten, der in einer
Racht sein ganzes Vermögen den Launen des
Glücks oder der Verwegenheit eines raffinirten
Spielers preisgab, kam ihr jetzt nicht in den
Sinn; wäre er in ihrer Seele aufgetaucht,
sie würde ihn zurückgedrängt, den Gatten ent⸗
ichuldigt und die ganze Schuld dem Baron
zugeschoben haben. Wie aber dann, wenn in
späteren Tagen sie unmuthig und unzufrieden
auf die Katastrophe zurückschaute, welche sie
so plötzlich in den Strudel des Alltagslebens
gestürzt hatte ? Ob sie wohl auch dann noch
den Gatten entschuldigte? War es nicht
wahrscheinlich, daß dann bittere Vorwürfe den
leichtfinnigen Verschwender trafen? An die
Möglichkeit einer solchen Sinnesänderung dachte
Helene nicht, sie war ja noch ein Kind, ein
heitres sorgloses Kind. — Sie hatte eben
die Schränke und Schatullen wieder geschlossen,
als Steffens eintrat und ihr meldete, der
Baron von Westen wünsche ihr seine Auf—⸗
wartung zu machen. — Helene erschrack. Hattte
Bölling ihr nicht gesagt, der Baron, der ihr
in tiefster Seele verhaßt war, werde das Gut
verlassen und erst nach acht Tagen zurück⸗
kehren? Ras wollte er noch hier? Weshalb
verlangte er diese Unterredung? Hatte er
vielleicht ihre Abneigung gegen ihn bemerkt
und er kam jetzt, sich an ihrer Verlegenheit,
an ihrem Gram zu weiden? Dezr letzte Ge—
danke bewog sie, seinen Besuch anzunehmen.

Er sollte sehen, daß fie gefaßt war, daßk sie
dem Schicksalsschlage eine feste heitre Stirne
bot. —

Als Geoeg eintrat, mußte er die Ruhe,
die wenn auch erzwungene Heiterkeit der jungen
Frau bewundern. Sie lud ihn ein, Platz zu
nehmen und setzte sich dann in ihren Fauteuil.
„Sie haben eine Unterredung gewünscht,“
sagte fie ruhig, „reden Sie, ich höre, nur
möchte ich Sie bitten, sich kurz zu fassen.“
Ich weiß nicht, ob Ihnen beklannt ist,
welchen Verlust Ihr Herr Gemahl im Spiele
gehabt hat,“ hob Georg zögernd an.

.Allerdings,“ entgegnete Helene rasch.
„Wenn dieser Verlust das Thema unserer
Unterredung bilden soll, so bedauere ich, darauf
nicht eingehen zu können, mein Gatte
wird —*
„Entschuldigen Sie,“ fiel der junge Mann
ihr ins Wort, „dieser Verlust, oder viel—
mnehr die Ursache dieses Verlustes geht Sie
nehr an, als Sie vielleicht ahnen. Erlauben
Sie, daß ich um einige Jahre zurückgreife und
Ihnen jene Zeit in's Gedächtniß rufe, in der
Sie noch nicht die Gutsbesitzerin Bölling waren.
Sie hießen damals Helene Weber, und ein
junger Mann, Georg Kraus, pries sich glück—
lich im Besiß ihrer Liebe. Hören Sie mich
cuhig an,“ fuhr er fort, als er bemerlte, daß
Helene entrüstet aufspringen wollte, „ich werde
mich kurz fassen. Georg Kraus liebte sie mit
leidenschaftlicher Gluth, vielleicht war es nur
ein Reflex dieser Gluth, was ihm aus Ihren
Augen widerstrahlte. Dann täuschte er sich
felbst, vordem glaubte ich, daß Sie ihn
räuschen ““

„Mein Herr!“
.. «Verzeihen Sie, wenn ich fcharf und
bitter bin, die Sonde des Wundarzies schmerzt,
aber sie hat auch ihr Gutes. Eines Tages
wurde Georg verhaftet, er hatte die Bücher
gefälscht. Man fand nur eine Fälschung und
— der Wahrheit die Ehre — Kraus war
schuldig. Kurz vorher hatte er bei ihrem
Vater um Ihre Hand angehalten, er glaubte,
Sie erwiderten seine Liebe, Sie hatten es
ihm ja zugeschworen. Kraus beging den Be—
trug, um seiner Mutter aqus der Noth zu
helfen. Man sagt, der Zweck heilige die Mit-⸗
sel, fern sei es von mir, diesen Lehrsatz der
        <pb n="252" />
        Jesuiten adoptiren zu wollen. Aber dle Ursache
des Betrugs, der redliche Vorsatz des Fül⸗
schers, die Sumwe zu ersethzen, sobald er die
Mittel dazu besaß, konnten als Entschuldi⸗
gungsgründe gelteu. Ein Anderes war es,
wenn mehrere Fälschungen vorkagen.“ Man
fand sie nicht, aber es koste te nur geringe
Mübze, sie durch Aenderung einiger Zahlen zu
schaffen, Kraus mußte ja für einige Zeit un—
schadlich gemacht werden.“ Er wurde ju drei⸗
jähriger Zuchthausstrafe verurtheilt und ent⸗
iprang. Wissen Sie, weßhalb er floh? Er
hatte in seinem Kerker vernommen, daß sie
hm die Treue brachen, daß Sie im Begriff
slanden, einem Andern die Hand zu geben,
uͤber welche Sie nicht mahr verfügen konnten.
Sie werden Sich damit entschuldigen,“ durch
die Verhaftung und Verurtheilung des jungen
Mannes seien Sie Ihres Wortes entbunden
worden. Ich gebe Ihnen Recht. Kraus aber
zlaubte an wahre Liebe, die Alles opfert und
die an dem Geliebten zweifelt. Er sah sich
getäuscht, das erbitterte ihn. Er entsprang mit
dem festen Entschluß. fich zu rächen. Er hatte
den Glauben- an die Menschheit' verloren.
Der Flüchtling entkam glücklich nach Amerila,
hon dort kehrte er, nachdem man ihn hier
bergessen hatte, zurück. Sie waren reich, glück⸗
lich; und von Ihrem Gatten angebetet. Er
wollte ihr Gllck vernichten, Ihnen die Liebe
des Gaiten rauben. Aber au dem ECdelsinn
Boͤlling's scheiterten seine Einflüsterungen,
die Licbe des Gatten zu Ihnen konnte er nicht
untergraben.“

„Deshalb verführte er ihn zum ESpiele,“
nahm jetzt Helene das Wort, welche schon
längst die Maske des Barons durschaut und
den früheren Gelicbten erkannt hatte. „Mein
Herr, es wird mir jezzt in den Ereignissen
der letzten Tagen Manches klar, was mir bis—
her dunkel und räthselhaft erschien. Ich gestehe
Ihnen ohne Scheu, daß ich diese Rache eines
gebildeten Mannes unwürdig finde, daß ich
e hur dann begreifen kann, wenn ich bedenke,
welchem Orte dieser Rächer entflohen ist. War
Kraus überhaupt berechtigt, sich an dem Kinde
zu rächen, welches, in solchen Dingen uner⸗
ahren, üch willenlos dem Zauber hingab,

nit welchem der junge Mann es umstrickte 7*
An wem war es, tiefer zu blicken, die Ver⸗
zältnisse zu erwägen“ und zu prüfen, od die
diebelei zu einem glücklichen Ende führen
onne ?“ 58
Georg war auf diesen gerechten Vor⸗
vurf nicht vorbereitet, er fühlte sich getroffen.
Gehen Sie mein Herr,“ fuhr Helene fort.
„Sie sehen, ich bim auf Alles gefaßt; so
ange mir die Liebe meines Gatten bleibt,
hin sich glücklich und zufrieden, und diese
diebe können Sie mir nicht rauben. — Ich
vill Ihnen nicht Böses mit Bösem vergelten,
— was hindert mich, meine Diener zu rufen,
Sie ergreifen und in's Gefängniß zurückführen
—00
„Nichts!“ eutgegnete Georg verwirrt.
„Ich würde mich dem Willen des Schicksals
ügen. Sie haben das Urtheil über mich ge⸗
prochen, es ist gerecht. Gleich einen Schul⸗
baben stehe ich voor Ihnen, während ich
lanbte, den Beleidigten, den Getränkten
pielen zu dürfen. Ich bekenne das unverhoh⸗
en, wenn ich auch weiß, daß ich Ihre Ach—
ung mir dadurch nicht wieder gewinnen
werde.“
6ortsetzung folgt.)

Mäthsel.
—AI .
Bracht er auf dieser Welt hervor;

Es ist ein Zwerg, den ungeachtet

Der ärmste Bettler oft verlor;
Es ist ein Balsam für die Wunden,
Ein Gist, das oft getödtet schon;
Es dient zur Züchtigung dem Bösen,

Es ist dem Treuen süßer Lohn.
Es ist ein Bild, mit Kunst gemälet,
Eg iit ein wunderbar Gewand,
Es ist 'ne Waffe. fein geschmiedet,
Es ist ein heilig' Unterpfand;
Es ist ein Pfeil, der nur sehr selte.
Das, was er treffen will, verfehlt;
Es ist ein Ding, das mit dem Köreper
Den Geist auf's Innigste vermählt.
Auflösung der Charade in Nr. 63 des Unterhalt-
uugsblattes: Freiburg.“

—
Druch aa Verlag von F. X. Deimet in St. Ingbert.
        <pb n="253" />
        Unterhaltungsblatt

‚Am
St. Ingberter Anzeiger.
NMr. 66.

SDienstag, den 6. Juni
18 1.

DZDie Brüder.
Driginal-Novelle von Ewald August König.

konnte ihr den Eintritt nicht wehren. In dem
Grade, wie die Liebe in meinem Herzen wuchs,
in dem Grade welkte der Haß hier; entweder
das Unkraut überwuchert die Blume, oder die
Blume erstickt das Unkraut. In meinem Her—
zen hatten beide Fälle stattgefunden. Der Haß
datte die Liebe getödtet, jetzt erstickte die Liebe
vieder den Haß. Deshalb betrat ich diese
Schwelle mit dem festen Vorsatz, Ihnen das
Glück zurückzugeben, welches ich Ihnen geraubt
hatte.“.
Helene war verwirrt, sie konnte diesen
Charakter nicht ergründen. Er lag vor ihr,
ein dunkles Räthsel, vergebens bemühte fie
sich, dieses Räthsel zu lösen.
„Ich habe eine Braut,“ nahm nach einer
turzen Pause Georg wieder das Wort, „sie
veiß, wer ich bin, sie weiß, daß jede Minute
nich in's Gefängniß zurückführen kann, aber
sie schreckt vor dem Dunkel, welches vor mir
liegt, nicht zurück. Ihr frommes, reines Herz
weifelt nicht an mir, ihre Liebe wird mir
hleiben. Sie weiß, weshalb ich ein Verbre—
her ward, sie weiß, daß ihre Liebe mir mein
Selbstvertrauen zurückgeben, mich auf die Bahn
des Guten zurücksühren wird. — Eine Bitte
habe ich an Sie, nehmen Sie sich dieses
Mädchens an, wenn ich in den Kerker zurück⸗
kehren muß.“
Das will ich,“ entgegnete Helene rasch,
,sie soll in mir eine Freundin finden. Aber
nun flüchten Sie, Niemand kennt sie —
Georg machte eine abwehrende Bewegung.
„Des Menschen Geschick hävgt nicht von
seinem eigenen Willen ab,“ versetzte ex düster,
„ich muß der innern Stimme folgen, welche

(GFortsetzung.)

Er nahm sein Portefeuille aus der Tasche
und legte den Schuldschein auf das Tischchen,
welches vor dem Fauteuil staud. „Sie haben
Recht, nichts berechtigt mich zu einer Rache,“
fuhr er fort, „ich sehe mein Unrecht ein, und
es betrübt mich tief, daß ich, meiner Leiden⸗
schaft folgend, zu einer so niedrigen Handlung
mich hinreißen ließ. Geben Sie jenen Scheia
Ihrem Gatten zurück, sagen Sie ihm, daß ich
ihn um Verzeihung bäte.“

Ueberrascht sah Helene dem jurgen Mann
ins Antlitz.

„Wenige Worte werden Ihnen meine
Sinnesänderung klar machen,“ fuhr Georg
fort. „Ich war erbittert, ich haßte die Mensch⸗
heit, als ich wegen Fälschungen, die ich nicht
begangen hatte, zu entehrender Zuchthausstrafe
verurtheilt wurde. Mein Haß wuchs, als ich
erfuhr, daß die, welche ich von ganzer Seele
liebte, welche mein ganzer Trost in dieser
finstern Nacht blieb, den Schwur der Treue
gebrochen hatte. Ich glaubte nicht mehr an
Liebe. Ich entsprang, um mich an der bür—
gerlichen Gesellschaft zu rächen, welche mich
um mein Glück betrogen hatte. Ich sagte mir,
diese Menschen haben Dich ausgestoßen, sie
find alle nicht besser wie Du, Du hast ein
Recht, Dich an Ihnen zu rächen. Die Rache
gelang mir, aber ich freute mich ihrer nicht
mehr. Ich suchte die Liebe nicht, denn ich
häßte sie, aber sie suchte mich, und mein Herz
        <pb n="254" />
        mir diese Flucht verbietet. — Ich bin schwach
geworden, schwach wie ein Kind,“ sitzte er
leise hinzu.

Helene erhob sich. Wäre die Schuld ihres
GBatten eine andere als eine Spielschuld ge⸗
wesen, hätte nicht Georg selbst den Gutsbesi⸗
tzer zum Spiel verführt, sie würde den Schuld⸗
schein zurückgewiesen haben; jetzt aber wollte
sie die Entscheidung darüber dem Gatten über⸗
lassen. Sie trat an's Fenster, Georg nahm
das als ein Zeichen der Verabschiedung.
„Leben Sie wohl,“ sagte er, „wenn in dem
Sonnenschein der künftigen Jahre das Anden—
ken an mich gleich einem schwarzen Schatten
ihrer Seele vorübergleitet, dann lassen Sie
mir Gerechtigkeit widerfahren.“

Er ging hinaus, noch ehe Helene, welche
sich in der Nähe dieses Mannes beengt fühlte,
sich auf eine Antwort besonnen hatte. Ohne
sich aufzuhalten, begab er sich in die Gesinde—⸗
stube. Der Kammerdiener befand sich allein
dort. „Du bist von heute an aus meinem
Dienste entlassen,“ sagte Georg zu dem er—
staunt aufschauenden Diener. „Unser Contract
lautet auf vierwöchentliche Kündigung, hier ist
Dein Lohn für die nächsten vier Wochen.
Wohin willst Du Dich wenden?“

Der Diener nahm die Banknoten und bat
um nähere Aufklärung über den Grund diesen
so plötzlichen Entlasfsung. „Die Verkhältnisse
zwingen mich dazu,“ entgegnete Georg ruhig,
„Du wirst Dein Zeugniß oben im Zimmer
finden und darin lesen, daß ich mit Dir zu—⸗
frieden war. Alsso wohin willst Du Dich
wenden ?

Nach Amerika,“ versetzte der Diener nach
kurzem Nachdenken, entschlossen, „ich kann mich
in die europäischen Verhältnisse nicht finden,
drüben gefällt es mir besser.“

„Ich sah diesen Entschluß voraus, hier
nimm das Reisegeld und sorge, daß Du
glücklich hinüber kommst. Jetzt bitte den Herrn
Commerzienrath Weber in meinem Namen
um eine kurze Unterredung, packe mein Gar⸗
derobe in die Reisetasche und sage dem Kut⸗
scher, er solle anspannen, die gnädige Frau
habe es befohlen. Hast Du dies Alles besorgt,
dann magst Du gehen, ich halte Dich nicht
länger.“ —

Ein halbe Siunde später fuhren Georg

und der Commerziexrath in derselben Richtung
2b, in welcher am Morgen Bolling fortge—
ritten war.

Zwölftes Kapitel.
Die Vergeltung.
Bölling hatte sein Pferd nicht geschont.
Er erreichte die Eisenbahnstation kurz vor
Mittag und koante also den Zug, der gleich
nach zwölf Uhr abfuhr, noch benutzen. —
Am nächsten Morgen befand er sich in der
Vaterstadt Helene's. Nachdem er im Gasthofe
zefrühstückt und seinen Anzug geordnet hatte,
zing er zu seinem Freunde Schmerling, der
zeim Eintrit des Guisbesitzers eben im Be⸗
zriff stand, auszzugehen. Der verstörte Blick,
die bleichen Wangen und die sorgenvoll gefurchte
Stirne des jungen Mannes machten der
daufmann stutzig, er ahnte, daß der eisig
dauch des Schicksals plötzlich die Lebensblüthen
)dieses jugendlichen Herzens berührt hatte. Wenr
dem Frühling die ersten Blüthen sich erschlos⸗
en haben, dann kehrt oft in stiller Nacht
der neidische Winter zurück. Er haßt die
Blumen, leise schreitet er über die Fluren,
uind der Morgen findet die zarten Kinder
des Frühlings todt unter dem weißen Leichen⸗
uche! —
Bölling hatte auf den Beistand Schmer⸗
ling's gerechnet: er sagte sich, Schmerling
sei, wenn auch nicht reich, doch vermögend,
dazu sein Jugendfreund und werde deshalb
ereitwillig eine kleine Summe vorstrecken. Er
var zum ersten Mal in die Nothwendigkeit
zersetzt, die Freundschaft um eine Gabe an⸗
prechen zu müssen, er wußte noch nicht, daß
in den meisten Fällen die Freundschaft hier
ein Ende hat. —Ich sage in den meisten
Fällen, weil ich Ausnahme gelten lassen will.
Aber der Himmel weiß es, wie dünn diese
Ausnahmen gesäet sind. — Schmerling zählte
nicht zu ihnen. Er zuckte bedauernd die Ach—
seln, zog die Augenbrauen fragend in die
höhe und äußerte, daß es ihm sehr leid thue,
die Bitte des Freundes nicht erfüllen zu
fönnen, er habe vor einigen Tagen bedeutende
Geschäfte abgeschlossen uad die flüssigen Fonds
zur Deckung der Facturen benutzt. Wäre
        <pb n="255" />
        Bölling nur um acht Tage früher gekommen,
dann hätte er gerne auf ein Geschäft verzich⸗
tet, um dem Freunde zu helfen.

Bölling glaubte nicht an die Aufrichtigkeit
dieser Entschuldigung. Kannte er auch diese
zeschmeidige, gesuchte Höflichkeit, dieses Ueber⸗
maß von Bedauern noch nicht aus Erfahrung,
er fühlte doch, daß jenes Bedauern nicht aus
dem Herzen kam, Den schlagendsten Beweis
dafür gab ihm die Eile, welche Schmerling
plötllich an den Tag legte, die kalte Einladung
zum Mittauessen, in der jedes Wort verrieth.
daß auf eine ablehnende Antwort gehofft
wurde.

Bölling kehrte niedergeschlagen in den
Gasthof zurück. Die Noth ist erfinderisch, sie
glaubt aus jedem Strohhalme einen Baum
voll Blüthen und Früchte schaffen zu können.
— Bölling entsann sich des Fallimeuts seines
Schwiegervaters, seiner Unterredung mit dem
Agenten und dem jetzigen Inhaber des Bank⸗
geschäfts. Vielleicht gelang es ihm, durch Ver—⸗
mitilung des Assessors von denm ehemaligen
Buchhalter des Commerzientalhs einen Theil
der erschwindelten Summe zurückzuerhalten.
Er begab sich unverzüglich auf den Weg zur
Wohnung des Assessors. Waldau hatte dieselbe
bereits verlassen, er befand sich in der Gerichts⸗
tzung, und seine Hauswirthin glaubte, daß
er vor Abend nicht zurückkehren werde. Für
den Verzweifelten ist jedes schwache Reis eine
Stütze, an die er so lange glaubt, bis sie
unter ihm zusammenbricht.

Bölling beschloß zu warten. Ob er einen
Tag früher oder später zurückkehrte, was
machte es ihm aus, er kam immer noch früh
genug, der Armuth die Thüre zu seinem häus-
lichen Heerde zu öffnen. Zudem wollte er ja
auch hier den Untergangsact anfertigen lassen,
er mußte also ohnehin seine Rückreise auf den
aächsten Tag verschieben, da es heute schon
zu spät war, den Notar aufzusuchen. Gegen
Abend ging Bölling wieder in die Wohnung
des Assessors, er war noch nicht zurückgekehrt.
Er ersuchte die Hauswirthin, ihm den Juristen
zuzuschicken, gab ihr die Adresse des Gastho—
fes und ging dann wieder in diesen zurück.

Als er in den Speisesaal trat, siel sein
erster Blick auf seinen Schwitigervater und den
Baron von Westen, welche während seiner

Abwesenheit eingetroffen waren. Er blieb auf
der Schwelle des Saales stehen. Was wollten
die beiden hier? Hatte der Baron den Com⸗
nerzienrath in die Sachlage eingeweiht? Oder
var er gekommen, um bei der Uebertragung
des Gutes zugegen zu sein?

Der Commerzienrath erhob sich und nä—
herte sich seinem Schwiegersohn.

„Was will jener Mensch hier ?“ war die
erste Frage Böllings. „Setzt er in mich so
zeringes Vertrauen, daß er glaubt, ich wäre
nur abgereist, um geinen Verpflichtungen ge—
gen ihn mich zu entziehen ?*

„Ich weiß es nicht,“ flüsterte der Com—
nerzienrath, dem von jenen Verpflichtungen
ioch nichts ahnte und deshalb den Sinn der
Worte Bölling's ebensowenig verstand, wie
er sich das verstörte Wesen desselben erklären
onnte. „Der Baron ersuchte mich, ihn hier⸗
jer zu begleiten, es liege in Deinem und
neinem Juteresse, und ich kam seiner Bitte,
venn auch ungern, nach.“

Georg war ruhig sitzen geblieben. Er
hatte beim Eintritt des Gutsbesitzers nur
düchtig aufgeschaut und dann Schreibmateria-
lien gefordert. Er schrieb, während die Beiden
an der Thür des Saales miteinander
sprachen.

Als Bölling und dessen Schwiegervater sich
dem Tische näherten, hatte Georg zwei Briefe
zesiegelt und adressirt; der erste trug die
Adresse: „Herrn Helmes, Chef des Haufes
Weber und Comp.“ Er übergab die veiden
Briefe dem Oberkellner, trug ihm auf, die⸗
elben schleunig besorgen zu lassen und winkte,
nuchdem er mit dem Besitzer des Gasthofes
leise einige Worte gewechselt und von diesem
einen Schlüfsel erhalten hatte, den Beiden.
ihm zu folgen.

Mechanisch gehorchten sie. Sie vermutheten,
daß der Baron ihnen ein Geheimniß mitthei—
len wolle, ohne sich darüber Rechenschaft ab⸗
legen zu koͤnnen, welcher Art dieses sein
werde.
Georg führte seine Begleiter in ein Zim⸗
mer des ersten Stockes, welches, nach der
eleganten Einrichtung zu schließen, der Salon
für die vornehmsten Gäste war. Es stand durch
eine Flügelthüre mit einem kleinen Kabinet in
        <pb n="256" />
        Verbindung, in welchem sich zwei Betten be⸗
fanden.

Georg zündete die beiden Kerzen an,
welche auf dem Konsoltische standen und er⸗
suchte seine Begleiter, sich zu setzen.

„Sie werden eine Erklärung von mir
verlangen,“ nahm er das Wort, ohne den
finstern Blick Bölling's zu beachten, ich bitte
Sie, sich einige Minuten zu gedulden, bis die
beiden Herren, welche ich hierher bestellte,
eingetroffen sind.“

„Ich glaube einer näheren Erklärung
nicht zu bedürfen,“ entgegnete Bölling mit
bitterem Hohn. „Sie erwarten nur den Notar
und die Zeugen, um Ihre Ausprüche auf
mein Gut sicher zu stellen.“

Georg richtete sich stolz auf. „Ihr Ver—⸗
dacht ist beleidigend,“ entgegnete er ruhig,
hätten Sie ihn nicht ausgesprochen, würde
ich Ihnen schon jetzt gesagt haben, daß —
— doch warten wir damit, bis die Angele⸗
genheit mit dem jetzigen Chef der Firma
„Weber und Compagnie“ geordnet ist.“

Der Commerzienrath sah überrascht auf.
Erlauben Sie, daß ich mich so lange ent⸗
ferne,“ sagte er, „meinem ehemaligen Buch—
halter möchte ich nicht wieder in's Gesicht
sehen.“

„Ich muß sogar darauf dringen, daß Sie
sich, sobald die Herren kommen, in jenes
Cabinet verfügen und dort den Augenblich
abwarten, in welchem Sie selbst eine Dazwi⸗
schenkunft nöthig erachten,“ erwiderte Georg.
auf die Flügelthür zeigend.

Der Bankier erhob sich.

„Gilt diese Weisung auch mir?“ fragte
Bölling, den das entschiedene Auftreten, das
kurz angebundene Wesen des Barons ver⸗
wirrle.

„Allerdings,“ fuhr Georg fort. „Lassen
—AV
Wort vernehmen können, welches hier ge⸗
sprochen wird, verrathen Sie aber Ihre An⸗
wesenheit nicht·“·

Die Veiden entfernten sich, Georg ging
mit großen Schritten im Zimmer auf und
ab. Er stand einem Augenblick nahe, der über
seine nächste Zukunft entschied. Vielleicht saße

er beim anbrechenden Morgen bereits wieder im
Gefängnisse, aber wenn auch dieses „Vielleicht“
nicht gewesen wäre, wenn er auch gewußt
hätte, daß dieser Fall eintraf, er würde darum
doch nicht in seinem Entschlusse gewankt haben.
Barbara war sein, einen größeren Reichthum
verlangte er nicht. Um auch ihr ganz angehören
zu können, mußte er mit der Vergangenheit
gebrochen haben. Ein leises Pochen weckte ihn
aus seinem Sinnen. Er öffnete, Helmes trat
ein. „Nehmen Sie Platz,“ sagte er kurz, „ich
erwarte noch einen Herrn, sobald derselbe
kommt, werden wir über das Geschäft, welches
ich mit Ihnen abzuschließen gedenke, reden.“

Der Bankier bezweifelte nicht, daß er
einen Aristokraten vom reinsten Wasser vor
sich hatte. Schon der Umstand, daß er die
elegantesten Zimmer des Gasthofes bemohnte,
lieferte dafür einen untrüglichen Beweis. Das
allerdings etwas unhöfliche Benehmen des
Barons frappirte ihn, aber er stieß sich nicht
weiter daran, es war ja die Gewohnheit der
Adeligen, mit den Kaufleuten in dieser Weise
zu verhandeln. Er setzte sich inss Sopha und
versuchte, eine Unterhaltung anzuknüpfen. Georg
gab kurze Antworten, das Gespräch stockte
und verstummte. — Nach Ablauf einer Vier⸗
telstunde trat der Assessor ein, er war über⸗
rascht, als sein Blick auf Helmes fiel: auch
der Bankier konnte seine Bestürzung nicht
verbergen.

(Fortsetzung folgt.)

Mannigfaltiges.
Die New⸗Norker Jesuiten und die
Friedensfeier.

In der Jesuitenkirche der dritten Straße
zu New York wurde am Ossersonntag Abend
bon der Kanzel herab den Gläubigen bei
Strafe der Excommunication verboten, an der
deutschen Friedensfeier Theil zu nehmen, die
Häuser zu dekoriren oder überhaupt etwas zu
thun, was der Freude am Siege oder Frieden
Ausdruck geben könne. Von Frankreich allein
habe die Kirche ihr Heil zu erwarten u. s. w.

Druck und Verlag von F. X. Dewmetßz in St. Ingbert.
        <pb n="257" />
        Unterhaltungsblatt

Aum
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 67. Donnorstag, den 8. Jun—

1831.
Die Brüder.
OriginalNovelle von Ewald August Koͤnig.

schäfte abschließen und zwar mit einem Agenten,
welcher den Gewinn mit ihm theile. Wenn
alsdann das Falliment ausbreche, solle der
Buchhalter dafür Sorge tragen, daß sie als
Syndik gewählt würden, Sie wollten die
Gläubiger bestimmen, nur dann einen Accord
einzugehen, wenn der Commerzienrath seinem
Buchhalter die Firma übertracge. Die Hälfte
jenes Gewinnes, welchen der Buchhalter aus
den für Rechnung seines Principals abgeschlos⸗
senen Geschäften beziehe, werde hinreichen, die
Ansprüche der Gläubiger zu befriedigen. Sie,
derr Helmes, gingen um so bereitwilliger auf
diesen Vorschlag ein, als Sie ebenfalls Ihrem
Prinzipal Haß nachtiugen. Sie beschwerten
sich, der Commerzienrath sei stolz und anma⸗
zend, er zahle Ihnen einen so geringen Ge—
halt und fordere demungeachtet die ganze
Leitung des Geschäfts. Der Plan gelang,
das Falliment brach aus, Sie, Herr Assessor,
wurden Syndik, der Commerzienrath mußte
die Firma übertragen und Herr Helmes sitz!
jetzt im Kabinet seines früheren Prinzipals.“

(Fortsetzung.) J

Georg empfing den Assessor in derselben

kurz angebundenen Weise, wie er den Bankier
empfangen hatte, er bot ihm einen Sessel an
und schloß, während Waldau Platz nahm, die
Thüre zu.
Wir sind unter uns, meine Herren,“ hob er
an, nachdem er ebenfalls sich gesetzt hatte,
„ganz unter uns. Bevor ich auf mein eigent⸗
liches Anliegen an Sie komme, erlauben Sie
mir, Ihnen eine Unterredung ins Gedächtniß
zurückzurufen, welche im vorigen Herbst in der
Weinschenke zum sielbernen Mond statifand.
Es war, wenn ich nicht irre, am Tage der
Hochzeit des Fräulein Weber mit dem Guts—
besitzer Bölling. Sie beide saßen in jenem
Weinhause und zwar in dem Kabinet, welches
an die Gaststube stößt, in vertraulichem Ge⸗
spräch beisammen. Erinnern Sie sich jenes
Gesprächs noch?“

Helmes erbleichte, der Assessor hielt seinen
Blick fest und ruhig auf den Redenden
gerichte.

„Ich kann Ihnen dasselbe fast Wort für
Wort wiederholen,“ fuhr Georg fort. „Sie,
Herr Assessor, waren damals noch Referendar
und haßten den Commerzienrath Weber, —
aus welchem Grunde, ist mir bis heute noch
ein Räihsel. Um diesen Haß zu befriedigen,
redeten Sie dem Buchhalter des Commerzien⸗
rathes ein, er solle seinen Prinzipal zu ge⸗
wagten Geschäften verleiten, Spekulationsge⸗

„Bevor Sie fortfahren, frage ich Sie, mit
welchem Rechte Sie hierüber eine Erklärung
von uns fordern,“ fragte der Assessor ge—
lassen.
„Sie werden dies später erfahren, mein
derr. Weigern Sie sich aber jetzt, mein
Recht schweigend anzuerkennen, so werden Sie
vor den Schranken des Gerichts diese Weige—
rung vielleicht bereuen.“

„Vor den Schranken des Gerichts ?“
fragte der Assessor spöttisch. „Das Gerücht
würde mir Recht geben, mein Verfahren in
        <pb n="258" />
        jener Fallitsache billigen und Sie als Ver—
läumder belangen.“

„Vielleicht“, entgegnete Georg. „Sie könnten
eugnen, an dem Complot Theil genommen
zu haben, für Ihre Carriere über würde dieser
Prozeß keineswegs von Nutzen sein, abgesehen
davon, daß in ihrem Verfahren an jeuer Sache
alsdann Manches klar wird, was jeßt noch
den Gläubigern sehr räthsejhaft erscheint. Ich
erwähne nur Eins. Das Falliment brach
wenige Tage nach der Zahlung jener Verluste
aus. Warum wurden diese Summen nicht
in die Masse zurückgeworfen ? Die Gläubiger
wissens nicht, das Gericht trat Ihrer Ansicht
bei. Nach dem Prozesse aber würde man
nicht mehr bezweifeln, daß es nur deshalb
nicht geschah, um den Commerzienrath von
allen Mitteln zu entbloͤßen und dem Herrn
Helmes die Mittel zur Uebernahme der Firma
qu lassen.“

Der Assessor schwieg. Helmes verließ sich
auf den Juristen.

„Was nun Sie betrifft,“ nahm Georg
nach einer Pause wieder das Wort, indem er
sich an den Bankier wandte, „so werden Sie
wohl einsehen, daß das Gericht ihren Gefsell⸗
—V
bares Uebereinkommen halten würde. Sie
waren Buchhalter, als solcher durften Sie auf
eigene Hand spekuliren, nicht aber mit dem
Gelde Ihres Prinzipals.“

„Seien Sie ohne Sorgen, das Gefetz
dann Sie nicht bestrafen,“ versetzte der Assessor
gelassen. „Lassen Sie sich durch diesen Herrn
nicht einschuchtern. Wenn er, oder der, welchen
er vertritt, glaubt, uns was anhaben zu kön⸗
nen, so mag er seine Klage einreichen, wir
sehen ihr ruhig entgegen.“

Georg erhob sich. „Ich verzichte darauf,
bei dem Gerichte Schutz gegen Sie zu suchen,“
versetzte er ebeuso ruhig und gelassen, „ich
werde an die öffentliche Meinung appelliren.
Also entweder hören Sie meine Forderungen
an und bewilligen dieselben, oder die Zeitung
bringt- morgen einen ausführlichen Bericht über
jene Unterhandlung in der Weinschenke, sowie
uͤber ihr Verfahren in der Fallimentsache, und
zwar mit Angabe aller Namen.“

„Das werden Sie nicht thun!“ rief der
Assessor aufbrausend.

„Ich werde es thun!“ fuhr Georg mit
anerschütterlicher Ruhe fort. „Damit aber
auch die Leser der Zeitung wissen, was zu
dieser Machination gegen den Commerzienrath
autrieb, werde ich die Ursache Ihres Hasses
beufalls mittheilen und dabei bemerken, daß
Sie derselbe Waldau sind, welchem der Bankier
die Mittel zur Fortsetzung seiner Studien
gab. Die Folge dieses Berichtes wird sich bald
zeigen.“

Der Commerzienrath und Bölling waren
inzwischen eingetreten.

„Ich werde eine Verläumdungsklage gegen
Sie einreichen,“ drohte der Assessor. .

„So stelle ich dem Gerichle meine Zeugen
vor“, erwiderte Georg.

Der Assessor war aufgestanden und aus
Fenster getreten. Das feste, sichere Auftreten
Beorg ließ ihn nicht daran zweifeln, daß jener
seine Drohung wahr machen werde, geschah
dies, dann war er genöthigt, seine Entlassung
aus dem Staatsdienst zu fordern. Er stand
nuf dem Punkte, befördert zu werden, seine
daufbahn war geschlossen, wenn die Zeitung
enen interessanten Bericht in ihren Spalten
drachte. — Helmes wußte nicht, wie er sich
jerhalten sollte. Auch für ihn war jene Droh⸗
uing eine Lebensfrage, der Kredit würde ihm
entzogen, seine Geschäftsfrennde brächen die
Verbindung mit ihm ab,mit Schimpf und
Schande müßte er von dem Schauplatze ab⸗
reten. — Die menschliche Natur ist ein
stälhsel. Statt dem zu zürnen, der ihn von
ziesem hohen Standpunkte hinunter zu stoßen
drohte, traf sein ganzer Zorn den Assessor.
Er hatte ihn verleitet, den Prinzipal zu stürzen
and selbst den Gipfel zu erklettern, jetzt sollte
er ihn auch stützen, ihm beistehen, dak er jenen
Standpunkt behaupten konnte. Aber der
Assessor kümmerte sich nicht um ihn, und dies
var es, was den ehemaligen Buchhalter er⸗
zitterte. Er stand auf und näherte sich dem
Juristen, um dessen Rath zu hören.

„Wenn eine Position unhaltbar ist, so
rettet ein umsichtiger Feldherr so viel er kann,“
antwortete der Assessor, der wohl einsah, daß
von der Bereitwilligkeit des Bankiers, auf die
porzuschlagenden Bedingungen einzugehen, auch
sür ihn Alles abhing. „Wenn jener Mensch
seine Drohung wahr macht. dann ist für uns
        <pb n="259" />
        beide das Feld hier verloren und es fragt
sich sehr, ob wir je wieder in einer anderen
Stadt festen Fuß fassen. Hören Sie seine

Bedingungen und schlagen Sie zu, wenn Ihnen
noch ein kleiner Vortheil bleibt.“

hdelmes wandte sich um, er erschrack, als
er den Commerzienrath und dessen Schwieger⸗
sohn erblickte, welche sich dem Tische genähert
hatten. „Nennen Sie ihre Bedingungen,“
wandte er fich, ohne die Beiden zu beachten,
an Georg.

Die Bedingungen liegen auf der Hand;
Zurückgabe der Firma und der Summe, welche
Sie aus jenem Spelulationsgeschäft gezogen
haben.“

„Nimmermehr!“ rief Helmes, der sich nur
auf den Verlust einer kleinen Summe gefaßt
gemacht hatte.

Georg öffnete seine Brieftasche und über⸗
reichte dem Com nerzienrath einige Papiere.

„Ich lege die Angelegenheit in Ihre
hände,“ sagte er ruhig. „schicken Sie diesen
Bericht in die Zeitungserpedition und berufen
Sie sich auf mich, wenn Jemand es wagen
sollte, die Richtigkeit dieser Thatsachen zu
bestreiten.“

„Bieten Sie die Firma und die Hälfte
jener Summe,“ flüsterte der Assessor dem
ehemaligen Buchhalter zu, „Sie behalten im—⸗
merhin noch genug.“

Helmes konnte sich schwer dazu entschließen,
diesem Rathe zu folgen, aber nach kurzem
Nachdenken sah er ein, daß er besser that,
sich mit diesem Rest zu begnügen, als sich
der Gefahr auszusetzen, Alles zu verlieren.
Er machte Georg den Vorschlag, dieser wies
ihn an den Commerzienrath mit dem Be⸗
nerken, daß jener allein zu entscheiden habe.“
Der Commerzienrath erklärte sich mit dem
Vorschlag zufrieden und es wurde die Ver—
abredung getroffen, daß Helmes am nächsten
Morgen Haus und Geschäft an den früheren
Besitzer zurückzugeben habe, wogegen ihm die
Hälfte jenes Gewinnes baar ausgezahll wer⸗
den solle.
.An einen solchen Umschwung haben Sie
wohl nicht gedacht,“ sagte der Commerzienrath,
als der Assessor an ihm vorbeischritt, um das
Zimmer zu verlassen.

„Hätte ich ihn geahnt, ich würde meine

Maßregeln besser getroffen haben,“ erwiderte
Waldau, der sich zwang, ruhig zu bleiben.

In dem Maße, in welchem derẽCommer-
ienrath über das so unerwartete Glück erfreut
var, nahm die Erbitterung Böllings gegen
den Baron zu. Er vermuthete, der Baron
habe dies nur gethan, um sein Gewissen zu
»eruhigen, um dem, den er ins Elend ge⸗
türzt hatte, die Mittel zur Existenz zu ver⸗
chaffen.

Georg mochte diesen Gedanken auf der
Stirn des Gutsbesitzers lesen. Nachdem Helmes
ind der Assessor das Zimmer verlassen hatten,
ersuchte er Bölling, ihn mit dem Commer—
iienrath allein zu lassen. „Sie werden am
desten thun, sogleich auf Ihr Gut zurückzu—
reisen, sagte er, indem er einen Blick auf
eine Uhr warf, „der Nachtzug fährt in einer
jalben Stunde ab, benutzen Sie ihn, so sind
Zie morgen Mittag zu Hause.“

„Ich lasse mir von JIhnen keine Vorschriften
nachen,“ entgegnete Bölling barsch, „ich reise
zurück, wenn's mir gefällt.“

Ueber die Lippen Georgs glitt ein viel⸗
agendes Lächeln.

„Wenn aber Ihre Gattin Ihre Rückkehr
wünscht ?“ fragte er. „Reisen Sie, hier hält
Sie nichts mehr zurück.“

„Was haben Sie mit meiner Frau ge⸗
prochen ?* wallte Bolling zornig auf.

„Glauben Sie, ich werde so ungezogen
ein, Ihr Haus zu verlassen, ohne der Haus⸗
frau für die bewiesene Gastfreundschaft zu
danken ? Ich bitte Sie nochmals, reisen Sie
und hüten Sie sich in Zukunft vor dem Ha⸗
ardspiel. Die fünftausend Thaler, welche 'ich
Ihnen vor einigen Tagen in diesem —X
zeliehen habe, werde ich gelegentlich bei Ihnen
in Empfang nehmen. Kehre ich nicht zurück,
o weiß Ihre Gemahlin, wer zum Euipfang
dersellben berechtigt ist.“

Ein Blitz aus heitern Himmel hätte den
Gutsbesitzer nicht so überrascht, als diefe Worte
es thaten. „Erklären Sie sich deutlicher,“

jagte er verwirrt, „ich kann den Sinn Ihrer
Worte nicht —“

„Sie werden ihn in Ihrem Hause finden,“
fuhr Georg fort —

„Nein, nein, erklären Sie mir jetzt —-

„Nunwohl, wenn Sie darauf bestehen,
        <pb n="260" />
        werde ich wohl nachgeben müssen. Erinnern
Sie sich unseres Gesprächs während unserer
ersten Reise? Sie behaupteten, stark genug zu
sein, um gegen die entfesselte Leidenschaft mit
Erfolg antämpfen zu können, ich wollte Ihnen
nur zeigen, daß Sie Ihrer Willenskraft zu
viel zutrauen. Glauben Sie, daß ich nur
deßhalb mit Ihnen gespielt habe, um Sie
Ihres Vermögens zu berauben? In jener
stacht waren Sie zu aufgeregt. Sie spielten
unbesonnen und mit den besten Karten in der
Hand, weil sie einem ruhigen, kaltblütigen
Spieler gegenüber saßen. Der Gedanke, dies
zu meinen Gunsten auszubeuten, lag mir
fern, ich wollte Ihnen nur beweisen, wie sehr
man ein Opfer seiner Leidenschaft werden
kann! — Reisen Sie, Bölling, Ihr Schuld⸗
schein ist in den Händen Ihrer Gemahlin.“

Der Uebergang von der Verzweiflung zum
Blück war zu plötzlich, Bölling fühlte, daß
die Kniee unter ihm schwankten. Er drückte
dem jungen Manne stumm die Hand und ging
hinaus.

Der Commerzienrath war in hohem Grade
überrascht. Er bat um Aufklärung, aber Georg
lehnte die Erfüllung dieses Wunsches ab,—er
wollte es dem Gutsbesitzer überlassen, die
Neugierde des alten Mannes zu befriedigen.

Er rückte zwei Sessel an den Tifch und
hat den Commerzienrath, Platz zu nehmen.

Georg nahm plötzlich die Kerze, hielt sie
iahe an sein Gesicht und heftete“den Blick
jest und ruhig auf den alten Herrn.

„Kennan Sie mich?“ fragte er. „Blättern
Sie einmal in dem Buche Ihrer Erinnerun⸗
zen, vielleicht finden Sie das Blatt, welches
Ihnen diese Züge zeigt.“

Der Bankier schüttelte den Kopf. Ich will
uicht leugnen, daß Ihre Züge mir bekannt
cheinen, aber —“

„Erinnern Sie sich Ihres früheren
dassirers Georg Kraus?“ siel Georg ihm
ns Wort.

Der Commerzienrath sprang von seinem
Sessel auf. „etzt allerdings kenne ich Sie
vieder. Wie konnten Sie wagen, diese Stadt
bieder zu betreten, sich in meine Familie ein⸗
udrängen ?“

„Ich wußte es wohl, jede gute That ist

verthlos, sobald sie von einem Verbrecher
iusgeht,“ versetzte Georg bitter. „Bleiben Sie
ruhig sitzen, ich werde Ihnen kein Leid au—
hun. Hören Sie mich an und dann richten
Sie. Ich beging die Thorheit, un die Hand
Ihrer Tochter zu werben, Sie entließen mich
ind drohten mir, mich vor die Thüre werfen
u lassen, wenn ich je Ihre Schwelle zu
iberschreiten wage. Das war in der Ordnung,
Niemand konnte Ihnen wegen dieser Hand⸗
ungsweise einen Vorwurf machen. Ich hatte
nich einer Falschung schuldig gemacht, das
jeißt, ich hatte aus Ihrer Kassa hundert
Thaler genommen und das Kassabuch gefälscht,
imn das Deficit so lange zu verdecken, bis ich
ie Mittel besaß, die Summe zu ersetzen. Sie
vissen, was mich bewog, das Verbrechen zu
„egehen. Das Gericht würde mildernde Um⸗
ände angenommen und mich zu einer Ge⸗
angnißstrafe von höchstens drei bis vier Mo⸗
iaten verurtheilt haben. Sie wußten dies und
rafen Ihre Maßregein. Auf Ihren Befehl
alschte Ihr Kassirer die Bücher, und diese
Faälschungen wurden mir zugeschoben. Ich
eugnete, der Beweis war gegen mich.“

Der Commerzienrath schlug die Augen
nieder, er vermochte den Blick des jungen
Mannes nicht zu ertragen.

(Fortsetzung folgt.)
Druck und Verlag don F. X. Deneztz in St. Ingbert.

Dreizehntes Kapitl..
Weitere Enthüllungen. ⸗

Eine geraume Zeit sah Georg schweigend
bor sich hin. Noch konnte er das Geständniß,
welches ihm auf den Lippen schwebte, zurück—
zrängen. Niemand zwang ihn, es auszuspre⸗
hen, Niemand hinderte ihn, fofort die Stadt
zu verlassen und nach Amerika zurückzukehren,
wo das Gesetz ihn gegen den Arm der euro⸗
päischen Polizei schüßte. — Aber wag hatte
r dadurch gewonnen? Der Makel blieb auf
seiner Ehre haften, er blieb der entflohene
Zuchthäusler.
Dem Commerzienrath entging es nicht,
daß der junge Mann mit einem Entschlusse
kämpfte, er wartete geduldig auf die Anrede.
        <pb n="261" />
        Anterhaltungsblaft

St. Ingberter Anzeiger.
Vr. 68. Sonntag, den A. Inn

— t —
— — 8V—

A

**

Zie Brüder.
Driginal-Novelle von Ewald August König.

kornien, um dort mein Glück zu versuchen.
Fs war mir hold. Ich erwarb mir soviel,
daß ich den an Ihrem Eigenthum fehlenden
Rest ersetzen konnte und daneben noch eine
leine Summe eerübrigte. — Hier, Herr
Fommerzienrath, ist Ihr Geld, und nun ziehen
Sie die Schelle und lassen Sie die Polizei
tufen.“ —

Er warf ein Packet Banknoten auf den
Tisch und lehnte sich in seinen Sessel
zurück. —

Die Ueberraschung des Bankiers erreichte
hren Höhepunkt. Mechanisch griff er nach
dem Päckchen, mechanisch zählte er die Scheine,
ex bedurfte Zeit, um sich zu fassen. Vor einer
Minute noch war er fest entschlossen, den
Dieb der Polizei zu überliefern, die Ehrlich—
eit des Diebes hatte seinen Zorn entwaffnet.
And wenn er aufrichtig sein sollte, stand er
diesen Manne rein gegeuüber? Durfte er
hm frei und offen ins Auge sehen? — Er
ämpfte jetzt nicht mehr mit dem Entschlusse,
b er den jangen Mann ins Gefängniß zu⸗
zuckliefern solle, er würde die Achtung vor
ich selbst verloren haben, wenn er diesen
Bubenstreich begangen hätte.

„Fliehen Sie, verlassen Sie die Stadt.
zhe es zu spät ist.“

„Ich werde bleiben,“ entgegnete Georg
ruhig. „Glauben Sie, der Assessor, oder Ihr
rüherer Buchhalter habe mich nicht erkannt?
Seien Sie überzeugt, daß die Polizei bereits
unterrichtet ist. Wenn Sie glauben, Ihr
Unrecht gut machen zu müssen, so geben Sie
mir die Ehre zurück, deren Verlust ich in der
Hauptsache Ihnen zu verdanken habe. Schreiben

(Fortsetzung.)

„Als ich dem Gefängnisse entsprungen
war, sagte Georg, mußte ich mir das Reise⸗
geld zur Ueberfahrt nach Amerikg zu ver⸗
schaffen suchen. Ich besaß jene Schlüssel zu
Ihrer Kassa noch, welche ich selbst damals
berlsren zu haben glaubte. Ich brach ein,
in der Absicht, mir soviel aus Ihrer Kassa
zu nehmen, als ich zur Reise bedafrte. Der
Zufall wollte, daß an jenem Abend bedeutende
Summen in Ihrer Kassa lagen; ich wußte
es nicht, ich entdeckte es erst, als ich den Raub
in Sicherheit gebracht hatte.“

„Also Sie waren den Dieb?“ rief der
Commerzienrath überrascht. — „Sie? Auf
Ihrem Gewissen ruht eine großke Verantwort—
lichkeit, ein Unschuldiger wurde verurtheilt.“

„Mag er an diesem Verbrechen unschuldig
sein, er hat Strafe verdient,“ entgegnete Georg
tuhig. „Als es galt, die Ehre eines Menschen
zu vernichten, bot er bereitwillig seine Hand
dazu, er mag jetzt einmal kosten, wie sehr der
Berlust der Ehre und Freiheit schmerzt.“

Der Commezienrath hielt den Blick un—
perwandt auf den jungen Mann gerichtet, es
war der Blick eines Tiegers, der sein Opfer
beobachtet.

„Ich sagte Ihnen bereits, daß ich Sie
dieser Summe nicht berauben wollte,“ fuhr
Georg nach einer Pause fort. „Als ich in
Amerika ankam, deponirte ich den größten
Theil bei einem Bankier und ging nach Cali—
        <pb n="262" />
        Sie einige Zeilen an den Staatsprokurator,
theilen Sie ihm mit, daß die Anklage gegen
mich auf einem Irrthume beruht habe, lassen
Sie ferner eine Ehrenerklärung in die Zeitung
einrücken.“

Der Stolz des Bankiers sträubte sich gegen
diese Zumuthung. Ein Bankier ist in Geschäfis-
ag legenheiten unfe hlUbar, er darf sich nicht
irren. — — Zum Chef eines der bedeuten⸗
sten Bankhäuser Europas kam eines Tages
ein Kaufmann, welcher kurz vorher in der
Kassa dieses Bankhauses eine beteudende Summe
erhoben hatte. „Mein Herr, Ihr Kassier
hat sich um füuftaufend Thaler zu Ihrem Nach⸗
theil geirrt,“ sagte er, „hier bringe ich Ihnen
das Geld zurück.“ — „In meinem Geschäft
irrt man sich nie,“ erwiderte der Bankier
ruhig. — „Aber hier sind die Beweise.“
— Z„ZIch wiederhole Ihnen nochmals, daß
nian sich in meinem Hause nie irrt!“ —
Der Kaufmann entfernte sich. Er dachte:
„Oeffrie die Augen oder den Beutel, ich habe
meine Schuldigkeit gethan!“ — ‚Belasten
Sie das Gewinn⸗e und Verlust-Conto mit
fünftausend Thaler,“ sagte der Bankier eine
Stunde später zu dem Kassier, der sich erbot,
die Summe zu ersetzen, „in Zukunft seien Sie
vorsichtiger!“ — —

Es sind freilich schon einige Jahre her,
als diese Geschichte sich zurug, heute würde
vielleicht kein Bankier mehr für die Unfehl⸗
barkeit seines Kassirers eine solche Samme
opfern.

„Bedenken Sie, wessen Vemühungen ich
die dreijährige Zuchthausstrafe zu verdanken
habe,“ nahm Georg das Wort, als er das
Zögern des Bankiers bemerkte.

„Bedenken Sie dagegen auch, wie sehr
mich diese Erklärung blosstellen würde,“ ent⸗
gegnete der Commerjienrath.

„Sind Sie nicht Ihrem Kassirer eine
Ehrenerklärung schuldig ?“

„Allerdings! Sie haben aber die Fälsch⸗
ung eingestanden.“

Ein bitteres Lächeln glitt über die Züge
Georgs. „Ich hätte nicht gedacht, daß Sie
so großes Bedenken tragen würden,“ versetzte
er kalt, indem er sich erhob. „Ich werde mich
jelbst der Polizei überliefern und eine neue

Untersuchuag beantragen. Die Gerichtsverhand⸗
uag wird sehr interessant sein.

Der Bankioer schellte. „Schreibzeug!“ befahl
er dem eintretenden Kellner.

Georg war ans Fenster getreten. Er
»lieb dort so lange stehen, bis der alte Herr

Brief und Anze ge geschrieben hatte.

„Nehmen Sie,“ sagte der Letztere, „ich
denke, diese Zeilen werden genügen.“

„Vollkommen!“ erwiderte der junge Mann,
nachdem er die beiden Schriftstücke gelesen
hatte. „Ich danke Ihnen.“

„Was werden Sie jetzt beginnen ?“ fragte
der Commerzienrath nach einer Pause.
‚Vermuthlich kehren Sie nach Ammerika
urück?“

Georg schüttelte den Kopf. „Ich sagte
Ihnen bereits, daß ich mir drüben eine kleine
Summe erworben habe, sie mag etwa acht⸗
zausend Thaler betragen. Miit diesem Gelde
zedenke ich ein kleines Gut zu pachten oder
zu kaufen und dort ander Seite meines
Weibes ein stilles zufriedenes Leben zu
ühren.“

„Sie sind verheirathet ?“

„Nein, aber ich werde binnen Kurzem
heirathen,“

„So wünsche ich Ihnen Glück“, sagte der
Commerzienrath, indem er dem jungen Manne
die Hand bot.

„Mich soll es freuen, wenn Glück und
Zufriedenheit an Ihrem Herde eine bleibende
Stätte finden.“

Georg zog das Medaillon, welches er von
seiner Braut erhalten hatte, aus der Tasche,
oͤffnete es und entfaltete den Zettel, der in
der Kapsel lag.

Der Commerzienrath schenkte diesem Thun
keine Aufmerksamkeit. „Ihre Braut ist wohl
eine Amerikanerin ?“ fragte er. „Hat sie
Vermögen. ?“

„Dieser Zettel ist ihre ganze Mitgift,“
entgegnete Georg, indem er das Papier dem
Fragenden überreichte.

Kaum hatte der Bankier einen Blick auf
dasselbe geworfen, als das Lächeln von seine m
Antlitz verschwand, seine Wangen wurden
bleich, seine Augen blickten stier auf die
Schriftzüge, und die Hand, welche das Papier
hielt, zitterte fieberhafi.
        <pb n="263" />
        Georg hatte sich wieder in den Sessel ge⸗
setzt, sein Blick ruhte fest und unverwandt auf
dem alten Herrn.

„Dank dir, gütiger Himmel, daß du meine
Bitte erhört hast!“ murmelte der Bankier;
„ich soll sie wiedersehen, sie, die ich nie ver⸗
gessen konnte! — Woder haben Sie diesen
Zettel?“ fragte er hastig.

„Von meiner Braut.“

„Wie heißt das Mädchen?“

.Barbara Winter.“

„Barbara Winter,“ wiederholte der Ban⸗—
fier leise. „Wo wohnt sie? Heißt ihre Mut⸗
ser nicht Marie?“

„Wie ihre Mutter hieß, weiß ich nicht,
sie siarb gleich nach der Geburt ihres Kin⸗
des, der Treubruch ihrers Verführers hat ihr
das Herz gebrochen.“ —

Der Commerzieprath ließ das graue Haupt
tief auf die Brust sinken. „Kein Mensch weiß
es, wie lieb ich sie gehabt habe,“ sagte er,
den Blick träumerisch auf das Medaillon ge⸗
heftet, an welches sich für ihn gewiß manche
süße Erinnerung knüpfte. „Sie war der einzige
Stern, der auf meinen Lebenspfad sein mildes
dicht ergoß; als ich ihr entsagen mußte, er⸗
losch dieser Stern, er hat seitdem mir nie
wieder gestrahlt. Ich wußte, daß sie das
Pfand unserer Liebe unter dem Herzen trug,
aber all' meine Nachforschungen nach ihr und
dem Kinde blieben ohne Refultat. Als meine
Gattin mir im zweiten Jahre unserer Ehe eine
Tochter schenkte, konnte ich mich des Kindes
aicht so recht freuen, ich mußte stets an das
arme verlassene Geschöpf denken, welches ver⸗
geblich die Aermchen nach dem Vater aus—
streckte und nur in die thränenfenchten Augen
der freud; und trostlosen Mutter blicken durfte.
Jetzt aber, mein Herr, nachdem der Himmel
mir dieses Kind zurückgegeben hat, will ich
mit verdoppelter Liebe ihm die Tage des
Grams und des Elends vergelten —“

„Zu spät!“ fiel Georg dem bebenden
Manne in's Wort.

„Barbara ist meine Braut, sie bedarf der
Liebe des Vaters nicht mehr!“

Der Commerzienrath schreckte aus seinen
Träumen auf. „Ihre Braut?“ erwiderte er.
„Glauben Sie, ich lasse mir mein Kind so
ohne Weiteres wieder entreißen? Entsagen Sie

nur der Hoffnung auf diese Verbindung, einem
zestraften Verbrecher werde ich die Hand
meiner Tochter niemals geben!“

Georg richtete sich stolz auf. Ich erinnere
nich, daß der Mann, welcher mir dieß sagt,
ein Verbrechen beging, um die Ehre eines
Menschen zu vernichten, weil dieser die Frech⸗
heit gehabt hatte, die Augen zu seiner Toch—
er zu erheben,“ entgegnete er mit eisiger
Zälte. „Leben Sie wohl, Herr Commerzienrach,
wischen Ihnen und mir liegt eine Kluft,
velche Ihr Stolz unübersteigbar macht.“

Er wandte dem Bantier stolz den Rücken
und ging zur Thür hinaus. In dem Augen⸗
blicke, in welchem er diese öffnete, sah er sich
seinem Bruder gegenüber.

Vierzehntes Kapitel.
Die Begegnung .

Der Förster war in Begleitung des Ame—
rikaners un verzüglich auf das Gut Bölling's
zeeilt, wo er seinen Bruder zu finden hoffte,
Er traf erst am Abend des Tages ein, an
velchem Georg das Gut verlassen hatte. Die
Erkundigungen, welche er bei der Dienerschaft
unstellte, blieben ohne Erfolg, Steffens, der,
vie Hugo sofort bemerkte, dem Baron nichts
veniger als geneigt war, konnte seine Auskunft
gjeben, welche irgend einen Anhaltspunkt bot.
Von einem Mädchen, welches der Baron mit⸗
zebracht haben sollte, wußte er ebensowenig
twas. Unverzüglich tral der Förster seinen
Rückweg an. Sein Instinkt sagte ihm, daß
Beorg in seine Vaterstadt zurückgekehrt war,
sei es, um die Mutter zur Mitreise nach
Amerika zu überreden, oder um die Angele⸗
zenheiten Barbara's zuvor in Ordnnng zu
zringen. Daß Barbara nicht mitgekommen
var, mußte ihn in dieser Vermuthung bestär—⸗
ken, jedenfalls weilte das Mädchen noch in
ener Stadt, es hatte nur die Wohnung ge⸗
vechselt für den Fall, daß der frühere Bräutigam
zurückkehre.

Der Wagen, welcher die Beiden zum Gute
gebracht hatte, wartete noch, der Kuischer
ränkte das Pferd. Hugo stieg ein, winkte
dem Amerikaner schweigend, ihm zu folgen, und
befahl dem Kutscher, augenblicklich abzufahren.
        <pb n="264" />
        Am Abend des nächsten Tages kamen sie
an ihrem Ziele an. Der Försier ging sogleich
zu seiner Mutter, weil er glaubte, er werde
dort am sichersten Auskunft erhalten, ob sein
Bruder sich in der Stadt befand. Er tras
die alte Frau nicht zu Hause; sie war am
Nachmittag ausgegangen und noch nicht zu⸗
rückgekehrt, wie die Nachbarn sagten.

Hugo beschloß zu warten. Eine Stunde
verstrich. Noch nie war dem Förster eine
Stunde so lang geworden. Endlich kam die
Mutier. Als sie in das finster glühende Auge
des Sohnes blickte, überlief es sie eiskali.

„Wenn an Deinen Händen das Blut
Deines Bruders klebt, daun gehe und betrete
die Schwelle nie wieder!“ sagte sie streng,
mühsam nach Fassung ringend. „Ich will
vergessen, daß Du mein Sohn warst, und den
allgütigen Vater dort oben bitten, daß er Dir
die Schuld verzeihe.“

Der Blick des Försters ward noch fin⸗
sterer. „Ich bin ihm noch nicht begegnet,“
ermiderte er mit dumpfer, tonloser Stimme,
„aber er mag sich hüten! Ich finde ihn, er
entflieht mir nicht.“

Der alten Frau fiel eine Last vom Her⸗
zen, sie warf die Thüre in's Schloß und zog
den Schlüssel ab. „Bleib' hier,“ bat sie,
warte, bis Dein erhitztes Blut sich abgekühlt
hat. Es thut niemals gut, wenn man sich
von seinen Leidenschaften beherrschen läßt. Laß
Dir rathen, Hugo, noch weißt Du ja nicht,
ob Barbara wirklich Deinem Bruder ge⸗
folgt ist.“

„Ich werde es erfahren, sobald ich ihm
gegenüberstehe,“ fiel der Förster ihr mit eis
ger Ruhe in's Wort. „Mich wundert nicht,
daß Du ihn in Schutz nimmst. Du hast viel⸗
leicht meiner Braut noch zugeredet, ihm zu
folgen, er war ja stets Dein Herzblättchen.
Hast Du ihm gesagt, daß ich hier war? Ja
gewiß, Du wirst es ihm gesagt haben, Du
hast ihm gerathen, zu fliehen, und versperrst
mir nun den Weg, um ihm Zeit zur Flucht
zu geben.“

„Ich weiß nicht, wo er ist; wüßte ich's,
ich würde unverzüglich zu ihm eilen, um das
schreckliche Verbrechen zu verhüten, welches

auf Deiner Stirne mit flammender Schrift
geschrieben steht.“

Der Förster zuckte die Achseln. Er las
in den Zügen der Mutter, daß sie die Wahr⸗
heit sprach, ließ aber drum die Hoffnung,
den VBruder hier zu finden, nicht sinken.

Noch einmal versuchte die Mutter, das
Herz des Sohnes zu erweichen, Hugo öffnete,
ohne ein Wort zu erwidern, das Fenster und
stieg hinaus. Unverzüglich eilte er zum Gast⸗
hofe. Als er dort auf seine Frage, ob der
Baron von Westen eingetroffen sei, die kurze
Antwort erhielt: „Zimmer Nr. 1“, blieb er
einen Augenblick stehen. In seinem Entschluß
vankte er nicht, er wollte nur Athem schöp⸗
fen, sich auf diesen langersehnten Augenblich
'ammeln. Sein Gang war fest und ruhig,
als er die Treppe hinaufstieg, nur der düstere
Blick verrieth den entfesselten Dämon, der
triumphirend die Krallen nach dem gefangenen
Opfer ausstreckte.

In dem Augenblick, in welchem Hugo
die Hand auf die Schloßkrücke legen wollte,
wurde die Thür geöffnet und Georg trat auf
den Corridor. Der Förster blieb ruhig, den
Blick fest auf sein Opfer gerichtet, stehen.
„So habe ich Dich endlich,“ sagte er mit
dumpfer, heiserer Stimme, „jetzt entrinnst Du
mir nicht wieder!“

„Was soll dieser Auftritt?“ fragte Georg
bestürzt.

Der Förster öffnete die Thür wieder,
welche sein Bruder hinter sich geschlossen hatte,
„Tritt ein!“ herrschte er rauh.

Georg gehorchte willenlos. Er vermuthete,
sein Bruder werde das Billet erbrochen und
dessen Inhalt erfahren haben, dies aber der
einzige Punkt sein, über welchen jener ihn zur
Rechenschaft ziehen wolle. Voraussehend, daß
es zu einer heftigen Scene kommen werde, bat
er den Bankier, das Zimmer zu verlassen.

„Wo ist Barbara?“ war die erste Frage

Försters.

Georg erbleichte. Auf diese Frage war er
nicht vorbereitet.

(Fortsetzung folgt.)

Druck and Verlag von F. X. Demet in St. Ingbert.
        <pb n="265" />
        Anterhaltungsblatt

um
St. Ingberter Anzeiger.
NI. 69. Dienstag, den 183. Juni

835
4344
ν

Zie Brüder.
Original⸗Novelle von Ewald August König:

entgegnete Georg ruhig. „Meine Unschuld ist
in den Tag gekommen, morgen wird die Zei—
ung uäher darüber berichten. Laß uns auf⸗
richtig mit einander reden. Woher Dein Haß
zegen mich rührt, vermag ich nicht zu ergründen?
in zu versöhnen, habe ich die Hoffnung ver⸗
oren. Unsere Mutter leidet darunter. Dir
cheint dies gleichgiltig zu sein, und doch
sönnte ein Wort von Dir ihr den Frieden
urückgeben.“

„Warst Du es nicht, der mir die Liebe
neiner Eltern raubte?“ versetzte Hugo verächt-
ich. „Warst Du nicht der Liebling. ich der
Fremdling im Hause unserer Eltern? Wenn
Dir der Grund nicht einleuchtet, dann ver⸗
ichte ich darauf, Dir andere zu nennen.
leberhaupt kümmert di ser Punkt mich wenig,
he kann Deine Liebe sehr gut entbehren. Ich
rage Dich noch einmal, willst Du mir sagen,
vo Barbara ist ?“

And ich wiederhole, forsche nicht danach,
ie hat Dich nie geliebt. Du selbst hast das
Band gelöst, durch welches sie sich an Dich
Jefesselt glaubte. Sei vernünftig, Hugo. Ich
ehe den Fall, Du zwingst sie, Dir zum Altar
zu folgen, glaubst Du, daß Du an ihrer
Seite Dein Glück finden wirst? Niemals, Eure
Tharaktere harmoniren nicht miteinander, Du
aift jähzornig, sie ist sanft, Du bist roh,
zartherzig, sie hat ein weiches Gemüth, ein
nildthätiges Herz.“

Die Augen des Försters sprühten Blitze,
inwillkührlich griff er in die Brufttasche,
seine Rechte umllammerte krampfhaft den Schaft
des Pistols.

„Ich mache Dir einen Vorschlag. Forsche

(Fortsetzung.)

„Glaube nicht, daß Du mir noch einmal
entrinnen oder mich mit einem Uriasbriefe
fortschicken kannst,“ fuhr Hugo fort, „Du sollst
mir Rede stehen, ich werde Dich dazu zwingen.
Du hattest wohl nicht erwartet, daß ich so
bald zurückkehren würde? Danke es Deinem
Genossen, den Du im Zuchthause kennen
lerntest, hätte nicht der Zufall ihm mir in
den Weg geführt, ich wäre das Opfer Deines
Bubenstreichs geworden.“

Georg hatte sich rasch gefaßt, er bot dem
„Bruder die Hand. „Laß diesen unseligen Haß,
der seit unserer Kindheit in Deinem Herzen
wurzelt und durch nichts gerechtfertigt ist, fah⸗
ren,“ sagte er, „und höre mich ruhig an.“

Ein rohes, höhnisches Lachen war die
Antwort des Försters. „Ich bin nicht in der
Stimmung, auf sentimentale Phrasen einzu—
gehen,“ versetzte er, „nur die eine Frage be—
antworte mir: Wo ist Barbara? Willst Du
etwa leugnen, daß Du sie verführt hast?“

„Du wirst nie erfahren, wo sie weilt, sie
liebt Dich nicht, hat Dich nie geliebt, das
mag Dir genügen!“

„So rasch glaubst Du das abzumachen ?“
rief der Förster wild auffahrend. „Vildest Du
Dir etwa ein, sie sei in Dich verliebt? In's
Zuchthaus sollst Du zurück, wohin Du ge⸗
hörft, ich werde schon erfahren, wo das Mäd—
chen ist.“

„Du wirst Dir vergebliche Mühe machen,“
        <pb n="266" />
        dem Mädchen nicht nach, gelobe mir, unserm
Blück niemals in den Weg treten zu wollen,
and ich zahle Dir am Tage unserer Hochzeit
tausend Thaler.“

„Wo ist das Mädchen?“ fragte der För⸗
ster mir eisiger Ruhe, ohne auf den Vorschlag
ein Wort zu erwidern. „Wirst Du mirs sagen
oder nicht ?“

„Sie ist meine Braut ?“

Hugo trat einen Schritt zurück, der Hahn
knackte, der Finger lag bereits am Drücder.

Georg vernahm das Geräusch, welches
das Aufziehen des Hahns verursachte, er trat
ruhig vor den Bruder hiu.

„Dürstet Dein Haß nach meinem Blute,
—V
das Herz nicht sehlen.“

Die Ruhe Georgs reizte den Haß und
die Wuth des Försters nur och mehr. Er
sprang zurück. „Du, Du hast das Mädchen
bethört!“ schrie er. „Du hast ihr zugeredet,
sie solle den armen Schlucker laufen lassen
und sich dafür dem Baron in die Arme
werfen. Aber noch bin ich da, der entsprungene
Zuchthäusler“ —-

„Halt!“ siel Georg mit erhöhter Stimme
ihm ins Wort. „Du bist im Irrthum, wenn
Du glaubest, ich habe mich solcher Mittel be—
dient, um die Liebe Barbara's zu gewinnen.
Aber wenn ich dies auch gethan hätte, es
würde Dich nicht berechtigen zu jenen Worten,
welche Du vorhin gegen mich ausstießest, Du
magst mit mir reden, in welchem Tone Du
willst, jener Worte bediene Dich nicht mehr,
oder ich ersuche den Wirth, daß er mich in
—
ungen sicher stellt!“ Er griff bei den letzten
Worten zur Schelle. In demselben Augenblick
zoz Hugo, auf's Aeußerste gereizt, die Hand
aus der Tasche. Ein Blitz, ein Knall —
Georg sank, die Hand aufs Herz gepreßt,
auf den Teppich nieder.

Der Blick des Försters blieb ei e Weile
stier auf das blutende Opfer gerichtet. Ent⸗
setzen, Angst und Reue spiegelten sich in dem⸗
selben. — Da wurde es laut unten im
Hause, man stürmte die Treppe hinauf, nur
noch einige Sekunden und das gräßliche Ver—
brechen war entdeckt. Den Förster weckte die⸗
ser Lärm aus der Betäubung, er schleuderte

das Pistol weit von sich, öffnete die Thüre
uind eilte hinaus. Zwur versuchten einige Arme,
hn auf der Treppe aufzuhalten, aber mit
yerkulischer Kraft schob Hugo die Kellner und
Bäste bei Seite. Man hatte nicht daran ge—
»acht, die Hausthüre zu verschließen, der
Mörder war entflohen, noch ehe die, welchen
ꝛr auf seiner Flucht begegnete, von ihrer
Bestüczung sich erholten. Der Commerzienrath
befand sich unter den Ersten, welche den
Schauplatz des Verbrechens betreten. Er ord⸗
nete unverzüglich das Nöthige zur Rettung
des schwer Verwundeten und zur Verfolgung
des Mörders an.

Fünfzehntes Kapitel.
Vater und Tochter.
Kurz nach der Abreise Georgs hatt—
Barbara durch den Diener ihres Geliebten
ein Billet erhalten, welches nur die wenigen
Zeilen enthielt: „Sollte ich innerhalb sechs
Tagen nicht zurück sein, so wirst Du an Frau
Bölling eine Freundin finden.“

Diese Frist war nun verstrichen und Georg
noch immer nicht zurückgekehrt. Weshalb er
abgereist war, was er zu besorgen gehabt
hatte, das Mädchen wußte es nicht, und diese
Angewißheit, welche ihren Befürchtungen weiten
Spielraum ließ, erregte ihre Angst. Sie ar—
beitete und sang nicht mehr.

Vom Morgengrauen bis in die sinkende
Nacht saß sie an dem Fenster, von dem aus
ie den Weg übersehen konnte, den Georg
eingeschlagen hatte. In jeder Gestalt, welche
in der Ferne sich auf dem Wege zeigte, glaubte
fie den Geliebten zu erkennen. Bei jedem
eisen Geräusch hoffte sie, die Thür werde sich
zffnen und Georg in ihre Arme eilen. Dann
und wann krachte das Holz der theilweisen
nieuen Möbel, erschreckt fuhr das Mädchen
usammen, und auch der Kanarienvogel brach

jann plötzlich in seinem Gesang ab. Die—
Schweben in peinlicher Ungewißheit, dieses
Hoffen und Fürchten, dieses Sehnen und
Warten mit seinen Täuschungen ist eine qual⸗
volle Folter für das Menschenherz.

In der Nacht vom sechsten auf den sie⸗
henten Tag fuhr Varbara plötzlich aus dem
        <pb n="267" />
        Halbschlummer auf, in den sie gesunken war,
weil die Seele nicht länger gegen den ermat—
teten, erschöpften Körper ankämpfen konnte.
Sie glaubte ein leises Pochen vernommen zu
haben, rasch stand sie auf, um das Fenster
zu öffnen und hinaus zu blicken. Sie sah sich
in ihrer Erwartung getäuscht, Niemand stand,
Einlaß begehrend, draußen. Und doch, je
läuger sie nachdachte, desto deutlicher entsann
sie sich, dreimal hatte es leise an ihr Fenster
gepocht!

Vielleicht halte ihr das nur geträumt,
vielleicht auch der Wind an dem Fensterladen
gerüttest. In solchen Augenblicken physischer
und geistiger Ermattung gewinnt auch für die
stärksten Naturen, welche ein Hineinragen der
Geisterwelt in das arme Leben leugnen, das
leinste Bedeutung. Liegt eines unserer Lieben
in der Ferne hoffnungslos erkrankt, sehen
mir mit jeder Stunde dem Boter entgegen,
der uns die Trauerbotschaft überbringt, dann
beobachten wir ängstlich Alles, was um uns
porgeht, wir glauben in jedem welken Blatt,
welches plötzlich vom Baume vor uns nieder⸗
fälli, einen Abschiedsgruß des Heimgegangenen
zu entdecken.

Wir prägen unsern-Gedächtnisse all' diese
leinen an und für sich unbedeutenden Vor—
fälle ein, und trifft es sich dann, daß gerade
in der Stunde, in welcher der Tod die
Augen unseres Freundes schloß, ein Luftzug
unsere Wangen berührte, ein welkes Blatt
dor uns hinfiel, ein banger Traum uns im
Schlafe emporschreckte, so ist für uns ein
Rapport mit der Geisterwelt erwiesen. Die
Geschichte vererbt sich auf Kind und Kindes—
kind und Niemand zeifelt an ihrer Richtigkeit.

In der Seele Barbara's stand ein Ent—
schluß fest. Sie wollte am nächsten Morgen
zur Frau Bölling eilen, sie mußte Georg
kennen, das ging aus jenen Zeilen hervor.
Konnte sie ihr auch einen genügenden Aufschluß
nicht geben, so wußte sie doch jedenfalls, wo⸗
hin Georg gereist war.

Der Commerzienrath war noch nicht zu—⸗
rückgekehrt, er hatte nur einige Zeilen an
Bölling geschrieben und ihn benachrichtigt,
daß er, sobald die nöthigen Arrangements
mit Helmes getroffen seien, seine Kinder auf
zinige Tage besuchen werde.

Helene hatte ihrem Gatten gleich nach
dessen Zurückkunft den Inhalt ihrer« Unter—
redung mit Georg mitgetheilt und Bölling,
wenn es ihn auch im Stillen ärgerte, von
einem solchen Abenteurer dupirt worden zu
sein, konate dem jungen Manne Mitleid und
Achtung nicht versagen.

Am Morgen jenes Tages saßen die bei—
den Gatten im Boudoir Helene's beim
Frühstück.

Helene sah träumend in den heiteren
Frühlingsmorgen hinaus, Bölling blätterte in
den Zeitungen, welche die Post gebracht hatte,
olötzlich fiel sein Blick auf eine Anzeige,
welche seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch
nahm. Er glaubte, seinen Augen nicht trauen
zu dürfen, aber so sehr er auch hinsehen
mochte, der Wortlaut jener Anzeige blieb
mmer derselbe. Er überreichte endlich das
Blatt seiner Gattin und bat sie, jene Änzeige
zu lesen. — Auch Helene war erstaunt. „Das
ist ja merkwürdig!“ sagte sie. „Mein Vater
erklärt öffentlich, er habe sowohl seinem Kas⸗
sierer Georg Kraus, wie dem Kassierer Peter—
sen Unrecht gethan, Beide seien an den ihnen
zur Last gelegten Verbrechen unschuldig.“

Der Gutsbesitzer schüttelte bedenklich den
Zdopf. Ich weiß nicht, was ich davon halten
oll,“ versetzte er. „Es ist freilich wahr, daß
draus durch die Entlarvung der beiden
Schufte Deinem Vater einen großen Dienst
zeleistet hat, aber —“

Das Rollen eines Wagens auf dem Stein⸗
flaster des Hofes ließ ihn seinen Satz nicht
ollenden. Er erhob sich, um nachzusehen,
ver schon so früh am Morgen ihn besuchen
vollte, aber noch ehe er die Thür des Bou⸗
»oirs erreicht hatte, wurde diese geöffnet und
der Commerzienrath trat ein. In dem Auf⸗
reten des alten Herrn, in seiner Haltung,
einem ganzen Wesen lag wieder die imponi⸗
rend stolze Haltung des reichen Bankiers,
iber Dank den Schlägen des Schicksals und
den bitteren Erfahrungen der letzten Tage,
var die Anmaßung, die verletzende Gering-
chätzung einer leutseligen Gutmüthigkeit ge⸗
vichen. — Er mußte Hut und Rock ablegen
ind an dem kleinen Tische Platz nehmen. Die
bdeiden jungen Leute ließen ihm kaum Zeit,

eine Tasse Kaffee zu leeren, sie bestürmten ihn
        <pb n="268" />
        mit Fragen und ließen nicht ab, bis der
Commetzienrath ihre Neugierde befriedigt hatse.
Rur eins überging er mit Stillschweigen, die
Mtcheilungen, welche Georg ihm über seine
Jugendgeliebte gemacht hatte.

„Glaubt der Arzt, den Verwundeten
retten zu können?“ fragte Bölling, als der
Bankier zu Ende war.

Der alte Herr zuckte die Achseln. „Die
Kugel hat keine edlen Theile verletzt,“ er⸗
piderte er, „aber bevor das Wundfieber nach⸗
läßt, kann der Arzt nichts Bestimmtes sagen.
Ich konnte mich nur sehr wenig um ihn
Fümmern, denn am Tage nach jenem
Vorfalle hatte ich mit der Uebernahme meines
dauses und Geschäfts genug zu thun, dazu
egte mir der Assessor Waldau noch alle
möglichen Schwierigkeiten in den Weg und
dut' mit Mühe gelang es mir, endlich mit dem
Schurken, der mir mein Eigenthum Zoll für Zoll
streitig machte, ins Reine zu kommen. Die
Beiden hofften auf den Tod des jungen
Mannes, starb dieser, dann Lonnte ich ihnen
nichts mehr anhaben.“

„Jetzt also bist Du wieder Chef des
Bankhauses „Weber und Compagnie“? fragte
Helene lächelnd.

Der Commerzienrath sah eine Weile
schweigend vor sich hin, er erinnerte sich viel⸗
leicht der Zeit, in welcher sein Name als
Stern erster Größe an dem Firmament der
deutschen Handelsbörse glänzte. Wie rasch war
dieser Stern erlofchen! — Gewissermaßen
ja,“ entgegnete er, „aber ich werde liqui—
diren!“

„Liquidiren ?“ fragte Bolling erstaunt.

Bei Licht betrachtet, kann ich nichts
Besseres thun“, fuhr der alte Herr fort. „Das
Doppelfalliment und die unglückliche Speku⸗
lation haben das Vertrauen zu meiner Firma
erschüttert, und ich mag operiren, wie ich
wili, es kehrt nie zurück. Ich habe dem Ge⸗
chaftspersonal meinen Entschluß bereits kund
zethan und den Auftrag zum Druck des Cir⸗
rularschreibens gegeben; in längstens vier
Wochen wird die ganze Geschichte abgewickelt
sein.“

„Und dann kommst Du hierher zu uns.

— —
Druch und Verlag von F. X. Demesb in St. Ingbert.

Bater,“ bat Helene, „hier auf dem Lande,
im Kreise Deiner Kindern, wirst Du Dich
wohl fühlen.“
Nein, nein,“ unterbrach der Commerzien⸗
cath entschieden, „ich bleibe in der Stadt.
Finestheils bin ich zu sehr an das geräusch—
olle Leben gewöhut, Theater und Konzerte
vürde ich nicht gut entbehren können, andern⸗
heils sollen meine Bekannten nicht die Nase
ümpfen und sagen, ich habe aus dem Schiff ·
zruch nur das nackte Leben gerettet und müsse
deßhalb mich in eine Einsiedelei verkriechen.
Ich'will nicht sagen, daß nach zwei oder
zrei Jahren ich auf Dein Anerbieten nicht
urückkommen werde, ich weiß, wenn ·˖ ich
omme, empfangt ihr mich mit offenen Armen.“ —.

Ein Diener trat in diesem Augenblick ein
uind meldete, ein junges Mädchen wünsche
mit der gnädigen Frau zu reden.

„Sie mag eintreten,“ versetzte Bölling,
„oder erwartest Du sie ? Hast Du etwa kleine
Toilettegeschäfite mit ihr zu verhandeln ?*

Helene verneinte lächelnd.

Als Barbara eintrat, blickte der Commer⸗
ienrath, * welcher der Thüre den Rücken ge⸗
vandt hatte, sich um. Das bleiche, Antlitz
zes Mädchens, in welchem Sorge und
Seelenangst sich spiegelten, machten auf iha
inen tiesen Eindruck. Noch in späteren Jahren
rinnerte er sich oft des Augenblicks, in
velchem er seiner Tochter, ohne sie zu kennen,
uum erstenmal begegnet war.

Helene bat das Mädchen, sich zu setzen;
Barbara schüttelte traurig den Kopf, „Ich
veiß nicht, ob mein Bräutigam Ihnen meinen
Ktamen genannt hat,“ sagte sie, „ich heiße
Barbara Winter.“

Der Commerzienrath sprang von seinem
Sitze auf, seine Knie bebten und Leiche nblässe
iberzog seine Wangen. „Barbara, mein Kind,“
rief er, die Arme ausbreitend, „komm an
das Herz deines Vaters!“

Fortsetzung folgt.)

——— —
        <pb n="269" />
        Anterhaltungsblatt

zum
St. Ingberter Anzeiger.
— 70. Donnerstag, den 15. Juni

F —*

— —
—— ———— —⏑’ ——

Die Brüder.
Original⸗Novelle von Ewald August König.

mir all die Entsagungen und Entbehrungen,
denen du dich meinetwegen unterwerfen muß—
test. Höre mich an und auch ihr beide
hört zu.“

Barbara nahm zögernd auf dem Siuhle
neben dem alten Herrn Platz, und als dieser
ihre Hand ergriff, entzog sie ihm dieselbe
nicht.

Der Commerzienrath erzählte jetzt die Ge—
schichte seiner ersten Liebe, er schilderte die
Mutter Barbara's mit beredten, glühenden
Worten, in denen sich auch jetzt noch eine un⸗
jägliche Liebe zu der Hingeschiedenen spiegelte.
Er schilderte in eingehender Weise den bittern
Kampf in seiner Seele, als er der, welche
allein ihn glücklich machen konnte, entsagen
mußte. Nachdem die Gaͤttin gestorben war
und er nun mit seinem Kinde wieder allein
in der Welt stand, da hatte er weder Geld
noch Mühe gespart, um den Aufenthaltsort
seiner Geliebten zu erforschen, aber vergebens,
sie war verschollen, keine Nachforschung führte
zu einer Spur, welche einen Anhaltspunkt ge—
boten hätte. Wie jubelte sein Herz, als ihm
Georg jenes Billet vorhielt und plötzlich einen
Lichtstrahl in die dunkle Nacht fallen ließ,
welche die Verschollene umhüllte. Wohl schmerzte
ihn die Nachricht, daß die Geliebte schon
längst unter dem Rasen ruhe, aber sie habe
eine Tochter hinterlassen und diese Tochter
war auch sein Kind. Auf sie wollte er jetzt
die Liebe übertragen, welche bei der Erinner⸗
ung an die Geliebte in seinem Herzen neu
erwacht war.

Barbara schüttelte das Köpfchen, als der
Commerzienrath schwieg, für die Freude und

(Fortsetzung.)

Sprachlos vor Erstaunen blickten die jungen
Leute dem alten Herrn in's Antlitz. Seine
Augen hingen unverwandt an dem Mädchen,
und doch konnte dieses sich nicht entschließen,
in die ausgebreiteten Arme zu eilen.

„Er hatte Recht — zu fspät!“ murmelte
der Bankier wehmüthig, indem er die Arme
sinken ließ, „das Herz der liebenden Braut
hat keinen Raum mehr für den Vater.“

„Wenn Sie wirklich mein Vater sind,“
hob Barbara nach einer Pause schüchtern an,
„dann werden Sie mir auch beistehen, den
wiederzusinden, der mein Glück, mein Leben,
mein Alles ist, ohne den ich —“

„Du zweifelst daran ?“ fiel der Commer⸗
zienrath ihr ins Wort. „Spricht denn in
deinem Herzen nichts für mich ? Hat dir deine
Mutter nie erzählt von dem Manne, den sie
mehr als ihr Leben liebte? Doch ich vergaß,
sie starb ja kurz nach deiner Geburt, der
Gram hat ihr das Herz gebrochen.“

Sinnend starrte der alte Mann vor sich
hin, die Erinnerung an jene Zeit mußte seine
Seele mächtig ergreifen. Wohl bemerkie Bar⸗
bara, wie schmerzlich ihm jene Erinnerung
war, wohl las sie in seinen Zügen, wie sehr
er litt, aber der eigene Gram überwog den
fremden, all ihr Denken, ihr ganzes Sein weilte
nur bei dem Geliebten.

„Nenne mich Vater,“ hob der Bankier
nach einer Weile wieder an, „und vergieb
        <pb n="270" />
        das Glück, welche der Baukier ihr in reizen—
den Farben schilderte, hatte ihr Herz keinen
Raum.

Boͤlling und Helene enlfernten sich schwei⸗
gend, sie fühlten, daß es dem Vater ein Be⸗
zdürfniß war, mit der Tochter allein zu sein.

Noch einmal breitete der alte Mann die
Arme aus und jitzt sank das Mädchen wei—
nend an das Vaterherz. Der Bankier konnte
sich mit dem Gedanken nicht vertraut machen,
daß er sich von dem kaum gefundenen Kinde
wieder trennen sollte, noch weniger aber be—
hagte ihm die Verbindung mit dem Verbre⸗
chei, Denn ein Verbrecher blieb Georg in
den Augen des streng richtenden Manues!

Das erste Wort, welches Barbara an den
Vater richtete war die Bitte, er möge ihr
heistehen, den Geliebten zu suchen, erst dann,
wenn sie ihn gefunden habe, wenn sie wieder
an seinem Herzen ruhen könne, dürfe sie sich
ganz der Freude hingeben.

Der Bankier theille ihr schonend und be⸗
hutsam die Ereignisse jenes Abends mit, er
suchte sie zu bernhigen durch die Versicherung,
daß der junge Mann zwar gefährlich ver⸗
wundet sei, aber doch nicht hoffnungslos
niederliege. Die Mutter wache an seinem Lager,
in beruhmter Arzt besuche ihn täglich zweimal,
uind der Wirth habe den gemessenen Auftrag,
für die aufmerksamste Pflege Sorge zu tragen.

Barbara ließ das Köpfchen sinken, als sie
die schreckliche Nachricht vernahm. Aber bald
kehrten Muth und Hoffnung in ihr Herz zurück.
E leble noch, er bedurfte ihrer Pflege!
Vielleicht gelang es ihr, ihn zu retten! An
seinem Lager war ihr Platz, sie mußie sein
erster Blick treffen, wenn sein Geist zum Be⸗—
wußtsein zurückkehrte.

Sie erhob sich. „Ich danke Ihnen, mein
Vater,“ sagte sie ruhig. „Wenn er genesen
ist, dann will ich Sie oft, recht oft besuchen
uid Sie werden mir dann von meiner Mut⸗
ter erzählen.“

Ver Commerzienrath bat sie, noch einen
Augenblick zu verweilen. Laß ab von ihm,“
sagte er, indem er ihre Hand ergriff, „du
dennst nicht die Vergangenheit dieses Mannes,
er ist deiner nicht werth! Bedenke, du bist
die Tochter des Commerzienraths Weber,
und er —

„Er ist mein Bräutigam!“ fiel Barbara
uit jenem Stolz der Liebe, welcher auf die
reine Stirne der Jungfran den Stempel
vürdevoller Weiblichteit drückt, ihm in's
Wort. „Viel lieber will ich die arme Stickerin
leiben, als mich den Convenienzen Ihres
Standes fügen! Denken Sie an meine Mut⸗
ser, die ein Opfer dieser Convenienzen ge⸗
vorden ist, bedenken Sie, daß Ihre Worte
Ihnen das Herz des Kindes entfremden
müssen.“

Der Bankier war einen Schritt unwill⸗
tührlich zurückgetreten, in den Blicken des
Mädchens leuchtete eine wunderbare Hohheit,
vor der die Seele des alten Mannes sich
»eugen mußte.

Er sah im Geiste die Mutter dieses Mäd⸗
hens zu seinen Füßen liegen, durchlebte noch
inmal jene schrecklichen Augenblicke, in welchen
hm das Herz var namenlosen Leid zu zer
pringen drohte. — Er ergriff die Hand seine.
Tochter und zog die Schelle.

„Anspannen!“ rief er dem eintretenden
Diener entgegen.

Barbara entzog dem alten Manne hastig
hre Hand.

„Glanben Sie nicht, daß Sie mich zwingen
dönnen —“

„Sei ruhig, mein Kind,“ erwiderte der
Tommerzienrath sachte, „ich selbst werde dich
mn das Lager deines Bräutigams begleiten.“

Der Entschluß war ihm schwer geworden,
aber er sah sich reich belohnt, umschlungen
hon den Armen seines Kindes, fühlte er einen
hzeißen Kuß auf seinen Lippen brennen.

Sechszehntes Kapitel.
Der Einzug in's Vaterhaus.

Frühling und Sommer waren verstrichen,
die Blumen verblüht und die Bäume schon
heilweise ihres Blätterschmuckes beraubt. Nur
elten blickte die Sonne noch einmal durch das
zraue Gewölk, und dann war es nur ein
surzer Scheidegruß, dem Sturm und Regen
wieder folgten. — Nach langem Regenwetter
endlich wieder einmal ein heiterer Oktobertag.
Auf den Dächern im Sonnenschein zwitscherten
lustig die Spatzen, auf den Straßen tummelte
die Jugend in auszelassener Fröhlichkeit sich
        <pb n="271" />
        herum und aus den Werkstuben der Hand⸗
werker und den Arbeitssälen der Fabriken
grüßte munterer Gesang die milden Strahlen
der Herbstsonne.

Das Haus des Commerzienraths Weber
war heute festlich geschmückt. Lorbeer⸗ und
Drangenbäume standen in der Vorhalle, Guir⸗
sanden schmückten das Geländer der Treppe
und über der Flügelthüre, welche in den
Salon führt, hing ein riesiger Blumenkranz.
Der Salon selbst war mit Guirlanden und
tränzen verziert, im Kamine loderte ein lu⸗
stiges Feuer und auf der gedeckten Tafel
prangte das massive Silbergeschirr. Es waren
dieselben Vorkehrungen, welche man bei der
Hochzeit Helenen's, vordem und nachdem aber
niemals, getroffen hatte und die auf eine
Festlichkeit schließen ließen, welche an Wich—
ligkeit jener Hochzeit zum Mindesten gleich
stehen mußte.

Das vermuthete auch der Diener, welcher
erst vor vierzehn Tagen seinen Dienst im
Hause des Commerzienraths angetreten hatte,
auud der jetzt in dem blauen Galafrack mit
ächt silbernen Knöpfen, den schwarzen Knie—
hosen, den schwarzseidenen Strümpfen und
Schnallenschuhen ab und zuging, um hie und
da noch einige kleine Anordnungen zu treffen.
So oft er an der Tafel vorbeischritt, ließ er
seinen Blick mit einem unverkennbaren Aus—
druck des Erstaunens auf derselben ruhen,
irgend etwas mußte ihm räthselhaft erscheinen,
denn mar las in seinen Zügen, wie sehr er
sich bemühte, dieses Räthsel zu lösen. Er
schüttelte mehrmals den Kopf, und die Art
uid Weise, wie er dies that, ließ deutlich
eine wohlbegründete Mißbilligung erkennen.

Endlich schien es, als ob er diese Miß—
billigung nicht länger hinter geduldigem
Schweigen verbergen konnte, er zog seine
weißen, baumwollenen Handschuhe aus der
Tasche und trat, während er diese anzog, vor
den Kamin, um einen Blick auf die Pendule
zu werfen, welche auf dem Simse dieses Ka⸗
mins stand. — „Zwei Uhr,“ murmelte er,
„also noch eine halbe Stunde! Mich soll ver⸗
langen — aber Geduld, wir werden ja sehen.
Vier Gedecke und dazu diese Mühe und Ar—⸗
beit! Das nennt dieser bürgerliche Aristokrat
ein großes Haus machen!“

Er verließ nach diesen Worten das Zim—
ner, nicht ohne seinem Zorne, als er an der
Tafel vorbeischritt, durch ein Achselzucken ver—
ichtlicher Geringschäzung Ausdruck zu verleihen,
chritt die Treppe hinunter und trat in das
Zimmer des Portiers, welches dicht neben der
Ddausthüre lag.

Der alte Steffens hatte, ohne die Erlaub⸗
niß des Bankiers abzuwarten, seinen früheren
Dienfst sofort wieder angetreten und der Com⸗—
nerzienrath war keineswegs überrascht, als er
ines Abends die Glocke zog und Steffens
hm die Hausthüre öffnete. Er reichte dem
reuen Diener die Hand und bot ihm lächelnd
zuten Abend; weitere Worte wurden zwischen
hnen auch am nächsten Tage nicht gewechselt.

Steffens hatte heute ebenfalls seine Uni⸗
form angelegt, ein Beweis, daß der Commer⸗
ienrath die Gäste, die er erwartete, ehren
vollte. Er saß die Brille auf der Nase, an
einem Tisch und las mit andächtiger Ruhe
nn der Hauspostille, die von Urgroßvaters
Zeiten her ein Erbstück seiner Familie war.
Diese Beschäftigung hinderte ihn nicht, den
Mops, der auf seinen Knieen lag, zu liebkosen.

Als der Diener eintrat, sah der alte
Mann von seinem Buche auf, und auch der
Mops erhob seinen unförmlichen Kopf, um
hn nach einigen Sekunden wieder träge fallen
uu lassen.

„Störe ich?“ fragte der Diener.

Der Alte schüttelte den Kopf, legte die
Brille auf das Buch nnd winkte seinem Ka⸗
meraden, Platz zu nehmen.

„Ich bin nun vierzehn' Tage hier und

fann mich im Allgemeinen nicht beklagen,“
job der Diener an, nachdem er der Einladung
gefolgt war, „aber Eins muß ich Euch doh
zestehen: zum Sterben langweilig ists in
dem großen Hause.“
Ein pfiffiges Lächeln glitt über die Züge
des alten Manncs. „Wird anders werden,“
erwiderte er gelassen, „geduldet Euch nur
noch einige Tage, Ihr sollt sehen, die junge
Herrschaft bringt uns mehr Abwechslung, wie
uns angenehm ist.“

„Die junge Herrschaft ?“ fragte der Diener
erstaunt.

„Ei freilich, Monsieur Jean!“ Wart ihr
denn blind, daß Ihr das nicht bemerktet ?
        <pb n="272" />
        „Also dafür ist das ganze Haus geschmückt
und bekränzt worden?“

„Natürlich! Glaubt Ihr, der Commer-
nienrath lasse das ohne irgend eine ganz be⸗
sondere Ursache thun ?* J

„So zieht Herr Bölling in die Stadt ?“

Steffens sah den Fragenden so überrascht
an, als ob er sehr geneigt sei, an dem ge—
sunden Menschenverstande desselben zu zweifeln.

„Ist Euch denn in den letzten Tagen gar
nichts in dem Benehmen Eures Herrn auf—
gefallen?“ fragte er nach einer Pause. —

„Nun, erfahren müßt Ihr's doch einmal,
weshalb also soll ich länger ein Geheimniß
daraus machen ?“

Jean rückte unwillkührlich näher. Der
Alte fuhr einige Male mit der Hand über
den Rücken seines Hundes und klappte die
Postille zu.

„Bevor unser Herr heirathete, hatte et
eine Liebschaft mit einem armen, aber grund⸗
braven Mädchen,“ fuhr er leise sort. „Wäre
es seinem Willen nachgegangen, so haͤtte dieses
Mädchen noch einmal den Titel „Frau Com⸗
merzienraͤthin“ geführt, aber der alle Herr
ließ einen solchen Willen nicht gelten. Der
Sohn mußie sich fügen und seinem Liebchen
abschreiben. Sie zog von hier fort und niemals
hoi man seitdem etwas von ihr gehört. Im
dergangenen Frühjahr erfuhr unser Herr, daß
jenes Mädchen eine Tochter hinterlassen habe,
iurz nach der Geburt dieses Kindes aber ge⸗
slorben sei. Diese Tochter num' hat er gefunden,
ihrem Einzuge in das Haus des Vaters gelten
die Kränze und das Gastmahl·

„Aber woher kommt es, daß nur vier
Gedecke aufliegen ?“ fragis Jean. „Ich denle
bei einer solchen Feier dürften die guten
Bekannten und Freunde nicht sehlen“

„Das thut die Sippschaft, welche das —
Fräulein mit ins Haus bringt,“ entgegnete Rwelinsvige Fharade.
Steffens lakonisch. „Denlt Euch also, der .4.893 ⸗
Water hat endlich seine Tochter gefunden, . — &amp; e
das Madchen ist ichbn, gebildet, geistreich; 2. Sylbe.
kurz: ganz so erzogen, daß sie dem Stande Was Dein ist, das gehört mein,
ihres Vaters nur zur Zierde gereichen kann. Sollt cw aus wn ee Wille sein.
Der alie Herr ist erfreut, er will sein Kind
zifentlich anerkennen, er baut im Geiste die ö Wneddewect

zerrlichsten Lufischlösser sür die Zukunft, da

rklärt aber die Tochter, sie werde nie sein

daus betreten, wenn sie nicht ihren Bräutigam

nitbringen dürfe. Natürlich, bei dem Bräutigam

leibt's nicht, die Schwiegermutter darf auch

nicht zurückbleiben. Der Vater bittet, droht

Alles umsonst, die Tochter beharrt eigensinnig

xi ihrem Willen. Was bleibt dem alten

derrn endlich übrig? Er muß nachgeben,

denn er nicht auf sein Kind verzichten will“.
GFortsetzung folgt.)

A

Artillerie!

So hieß in jenen Tagen,

Das Losungswort in jeglichem Gefecht,

Mit dieser Waffe darf man dreist es wagen,

Den Feind zu treffen wie es Fug und Recht.

————— ——

Und Schreck und Graus ergreift des Feindes Reihen
Er weicht zurück, es hilft kein Widerstand.

Wir sind verrathen schallt's und müssen weichen,
Amsonsi das Leben für das Frankenland.

Mög' Artillerie nun mehr und mehr gedeihen,
und wachsen wie die Eich' im deutschen Land,
Wir wollen, nach wie vor, dem Vaterland uns weihen,
Und niemals herrscht der Feind auf deutscheu Strand.

Druck and Verlag von F. X. Demeg in St. Ingbert.
        <pb n="273" />
        Anlerhaltungsblalt

zum
St. Ingberter Anzeiger.“
Nr. 71. Sounntag, den 18. Juni

1871

Die Brüder.
Original⸗Nobvelle von Ewald August König.

Alten hatten seine Neugierde mächtig ge—
stachelt. n

Der Commerzienrath stieg aus, ihm folgte
Barbara, deren rosige Wangen ein Lächeln
der Glückfeligkeit umspielte, dann Georg und
zuletzt dessen Mutter. Das Anttitz Georgs
war bleich und hager, der Glanz seiner dun—
keln Augen erloschen. Er stützte sih mit der
Linken auf einen Stock, mit der Rechten auf
die Schulter des Mädchens, wie ein Kind,
dessen unsicherer, schwanker der Gang noch der
Stütze der Mutter bedarf. Als sein Blick aus
die Guirlanden und Blumen fiel, belebte ein
freudiges Lächeln seine todten Züge. — Stef
fens schüttelte bedenklich das Haupt, als er
dem jungen Maunne nachschaute, der mübsam
die Treppe erstieg.

Der sieht einem KWTodeskandidaten ähn⸗
licher, venn ?einem'glücktichen Bräutigam,“
sagtt er eise, Ddann'satnrr in »nstin Zunmer
urück, dessen Thüre er leise hinler: sich schloß.

Barbara konnte sich micht salt sehen an
der Pracht, die im Hause ihres Vaters herrschte
Sie war in dieser Beziehung noch ein Kind
jede Nippfigur erregte ihre Bewunderung.
„Das Alles gehört dir,“ sagte der Com—
merzienrath, der feine Freude nicht zu zügeln
vermochte; „du bist nun die Gebieterin in
meinem Hause, und ich werde der Erste sein,
der sich deinen Anordnungen unterwirft.“

Das Möädchen wanderte durch den Salon,
sich ganz der Freude überlassend, welche der
Anblick dieser Kostbarkeiten ihm beceitete.
Endlich kehrte sie zur Tafel zurück. ,
—„eins fehlt,“ sagte, sie, traurig das

* —
(Fortsetzung.. 5*

„So, so, da liegt also der Hase im
Pfeffer,“ sagte Jean, indem er die Knie über
einander legte und die Arme kreuzte. „Kenut
man den Bräutigam ?“

„Erinnert Ihr Euch noch des Mordver—⸗
suchs in einem hiesisen Gasthofe? Es war im
vergancenen Frühjahr.“

„War's nicht der frühere Förster des
Fre herru von Möllhaufen, der dort auf seinen
Bruderx schoß? Hiah
. „Ganz richlig, diesen Bruder ist der
Glückliche. Gerade an jenem. Tage fand der
Commerzienrath seine Tochter; sie sollte schon
damals im Hause des Vaters ihre Wohnung
aufsfchlagen, weigerte sich aber entschieden, den
Wunsch des alten Herrn zu erfüllen. Sie
wich nicht vou dem Bette des Verwundeten
und der Arzt hat oft gesagt. nur ihrer Pflege
hube der junge Mann seine Genesung zu
verdanken. Jetzt ist ex so weit hergestellt, daß
er wieder ausgehen kann, und —“

Der alte Mann brach ab, Jean erhob
sich. Ein Wagen fuhr langsam an dem Fenster,
des Partererzimmers vorbei, er hielt in der
nächsten Sekunde vor dem Thare.

Steffens setzte seinen Mops behutsam in
den Sessel, und öffnete dann die Thüre.
Jean riß den Wagenschlag auf, und zugleich
mit diesem auch die Augen, so weit die Lider
es ihm gestätteten; die Mittheilungen des

— VD —— — 8
        <pb n="274" />
        sbpfchen schüttelnd, „für dieses Eine gäbe ich
au' diese Herrlichkeiten gerne hin.“

Von den Lippen des alten Herrn ver—⸗
schwand das Lächeln.

„Das Portrait meiner Mutter,“ fuhr
Barbara fort. „Ich finde hier nichts, was
mich an sie erinnert.“

Der Commirzienrath faßte die Hand des
Maädchens, und führte es vor den Spiegel.
„Was du suchst, hier ist es,“ erwiderte er—
„der Zeschickteste Maler hätte das Bild nicht
ähnlicher walen können. — Und jetzt zu Tische,“
setzte er hinzu, „wenn wir abgespeist haben,
jühre ich euch in die Zimmer, welche Georg
und dessen Mutter bewohnen sollen.“ — *

Steffens hatte die Wahrheit gesagt. Es
war dem Bankier schwer gefallen, auf die
Forderung seiner Tochter einzugehen, aber die
Vaterliebe überwog alle kleinlichen Bedenken,
er hatte sich bereits an den Gedanten gewöhnt,
daß Georg sein Schwiegersohn wurde; als er
diesen näher kennen und achten lernte, fand
er keinen vernünfligen Grund mehr, mit der
Wahl seiner Tochter unzufrieden zu scin. —
Georg hatte ihm seine ganze Vergangenheit
offen gelegt, er hatte zu ihm gesprochen, wie
ver Sohn zu seinem Vater sprechen soll und.
ohne sein Vergehen zu beschönigen oder zu
entschuldigen, ihm anheimgestellt, zu beurthei⸗
len, ob er wirklich so strafbar sei, wie der
zffenliche Meinung nach dem Urtheilsspruch
des Gexrichts ihn hingestellt zabe. Diese Frage
hatte der Commerzeenrath mit „Ntin“ beant⸗
wortet. Wenn er auch nicht in Abrede slellte,
daß jene Fälschung ein strafbares Vergehen
gewresen sei, so könne man doch auf der an⸗
deren Seite die Jugend Georg's, die Ursache
dieses Vergehens und den festen Willen, die
Summe zu ersetzen, als Entschutdigungsgründe
gelen lassen. Ueber das zweite Verbrechen, die
Beraubung der Kasse, schwieg der Commercien⸗
rath, weunn er ehrlich sein wollte, mußte er
sich selbst anklagen, er fand es natürlich, daß
das Opfer seiner verbrecherischen Machinationen
sich zu rächen versucht hatte. Das entehrende
uͤrtheil des Gerichtshofes, der einzige Schand⸗
flech, welcher auf der Vergangenheit Georgs
haftete, war durch die Ehrenerklärung cassirt,
Ladurch, daß der Verurtheilte die Tochter
des Commerzienxaths heirathete, wurde je⸗

der Zweifel, der noch auftauchen konnte, im
Keime erstickt.

Georg hatte sich lange geweigert, im Hause
des Commerzienraths seine Wohnung zu neh⸗
men. Aber als er sah, mit welcher Liebe der
alte Herr an seiner Tochter hing, als Bar⸗
bara in seinem Beisein dem Vater erklärte,
sie werde nicht von der Seite ihres Bräuti—
zgans weichen, gab er den Bitlen des Ban—⸗
kiers nach, unter der Bedingung, daß ihm
und seiner Mutter das oberste Stockwerk ein⸗
geräumt würde. Diese Bedingung nun war
der Commerzienrath ohne Zögern eingegangen,
er hätte sich zu jedem Opfer entischlossen,
wenn er nur Barbara um sich haben konnte.

Georg hatte erklärt, daß er nach der
Hochzeit sich mit seiner Gattin und feiner
VYutter auf ein kleines Laudgut zurückziehen
werde, das Leben in der Stadt sage ihm
nicht zu, er müsse Beschäftigung haben und
die finde er am Besten in Gottes sreier Natur.
Barbara war mit diesem Plaue umsomehr
einverstanden, als auch sie das Landleben
jedem anderen vorzog, auch wollte sie den
Batten ganz für sich haben, er sollte Nie—
mandem, als nur ihr allein angehören. und
diesen Wunsch hoffte sie auf dem Lande eher
zu erreichen, als in der Stadt, wo Georg
vielleicht bald einen Kreis von Freunden fand,
der ihn fesselte und dem eignen Familienkreis
allmählig entfremdete.

Der Commerzienrath war, nachdem er
diese Erklärung vernommen hatte, rasch mil
seinem Entfchluß in's Reine gekommen, er
wollte Barbara nicht verlassen. — Es ist nicht
schwer, zu begreifen, woher diese Alles besie⸗
gende, Alles opferade Liebe rührte, welche in
das Herz des alten Mannes so plötzlich einzog
und es so ganz erfüllte. Bardara war das
Ebenbild ihrer Mutter, der Einzigen, welche
der Commerzienrath geliebt hatte. Sah er in
das frische, rosige Antlitz des Mädchens, hörte
er ihre helle, liebliche Slimme, dann tauchten
alte Erinnerungen in seiner Seele auf, die
vergangenen, ach die schönsten Tage seines
Lebens zogen seinem geistigen Auge vorüber,
seine Jugend, sein Frühling kehrte noch ein—
mal zurück. Wohl liebte er auch Helene, aber
diese Liebe glich nicht der, welche er zu Bar—
bara in seinem Herzen irug. Er hätte sfür
        <pb n="275" />
        Helene willig seine Schätze, für Barbara da⸗
gegen sein Lreben geopfert. Stundenlang konnte
er vor dem Mädchen sitzen, in das höitere
Antl'tz schauen, in welchem die Seligkeit einer
glückich liebenden Seele sich spiegelte, und
ftill kür sich hinträumen. Und diesen kaum
gefundenen Schatz, der ihn im spaäten Alter
wieder verjüugte, der ihm jeden Tag, jede
Stunde neue Freuden bereitete, follie er wie⸗
der von sich werfen? — Nimmermehr! Lieber
hätte er Allem entsagt, lieber wäre er am
Bettelstabe in die Welt hinausgewandert, wenn
ihm nur dieser Schatz blieb!

Während Georg unter der Pflege seiner
Mutter und Barbara's von Tag zu Tag sich
erholte, so daß er schon nach einigen Wochen
im Treibhause des zukünftigen Schwiegervaters
sich ergehen konnte, ohne der Stütze zu be—
dürfen, führte der Commerzienrath im Stillen
den längst beschlossenen Plan aus. Er ver—
kaufte sein Haus unter der Bedingung, daß
er bis zum Frühjahr es noch bewohnen durfte,
theilte sein Vermögen in zwei gleichen Hälf—⸗
den und benutzte eine derselben zum Antaus
eines Landguts, welches ganz in der Nähe der
Besitzung Böllings lag.
Bolling war in den Plan eingeweiht, und
wenn er auch Anfangs gegen den neuen
Schwager Bedenklichkeiten zu äußern wagle,
der feste, entschiedene Wille seines Schwieger⸗
daters beseitigte diese Bedenklichkeit bald. Sein
erstes Zusammentreffen mit Georg war kalt,
ceremoniell, aber die Herzlichkeit des jungen
Mannxs, seine lebendige, fesselnde Unterhaltung
und vor Allem das liebenswürdige, herzge⸗
winnende Entgegenkommen Bardara's ließ ihn
rasch vergessen, mit welchen Vorsätzen er sich
zu diesem durch die Convenienz gebotenen
Besuch bequemt hatte. — Auch Helene fühlte
sich bald zu ihrer Stiefschwester hingezogen,
und mit stiller Freude sah der Commerzien⸗
rath, wie herrlich Liebe und Eintracht in sei⸗
nem Familienkreise sich euntfglteten.

Geourg war bald wieder genesen. Als er
eines Morgens die Bemerkung fallen ließ, es
werde Zeit sein, daß er sich nach seinem
Gütchen umsehe, bat der alte Herr ihn, die
Ordrung dieser Angeleg nheit ihm zu über—
assen. Georg wollte dieses Anerbieten zurück⸗

weisen mit der Bemerkung, der Commerzien⸗
rath habe bereits genug für ihn gethan⸗

„Glauben Sie, so leicht meiner sich ent⸗
sedigin zu können?“ fragte der Bankier.
‚Wer die Tochter nimmt, muß den Vater
mit in den Kauf nehmen und damit Sie
nicht lange über den Sinn dieser Worte im
Intlaren sind, erkläre ich Ihnen, daß ich
Barbara nicht verlassen werde, bis eine höhere
Macht mich dazu zwingt.“

Weder Georg noch Barbara fanden gegen
diese Erklärung eiwas einzuwenden, sie hatten
den alten Mann, der jeden ihrer Wünsche
erfüllte, der mit der Aengstlichteit eines be⸗
sorgten Vaters über ihre Schritte wochte,
ieb gewonnen, sie waren überzeugt, daß er
hr Glück nicht stören, daß seine Anwesenheit
bdielmehr dasfelbe nur erhöhen werde.

Die Mutter Georg's nahm an dem Glücke
hres Sohnes innigen Antheil, aber eine
Wolke trübte ihre Freude, wenn sie an Hugo
zachte, der seit seiner Flucht verschollen
war.
Die Hochzeit wurde in den ersten Tagen
des Monats Mai gefeiert. Noch vor diesem
Festtage erlebte der Commerzienraih die Ge⸗
rugthuung, dak der Assessor, verschiedener
Unterschleife überführt, aus dem Staatsdienste
ntlassen wurde. Helmes hatte die Stadt ver⸗
assen vnd im Norden Deutschlands eine neue
deimath gesucht. Ei stand dort an der Spitze
eines pietistishen Vereins und suchte sich durch
mausgesetzte Verkehrungsversuche der Mensch-
jeit nützlich zu machen. Seine Verdienste
vurden nicht anerkannt, nur ein kleines Häuf⸗
ein jener Auserlesenen stand treu zu ihm,
uind auch diese verließen ihn, als sie durch
dist und Räuke ihm den letzten Pfennig zu
nildthätigen Zwecken aus der Tasche geleckt
hatten. Er sah sich genöth'igi, seine Füße wieder
uinter fremder Leute T sch zu strecken; diesmal
aber nidet in der Eigenschaft des ersten Buch-
halters eines bedeutenden Banthausis, sondern
in der bescheidenen Stellung des Ausläufers
eines Speditionsgeschäfts. — —

Die Hochzeit wurde im Hause des Com⸗
merzienrathes mit seltener Pracht gefeiert,
der alte Herr hatte dabei einen doppelten Zweck
im Auge, einmal die Hochzeit seines Kindes,
        <pb n="276" />
        dann eine Abschiedsfeier für all' seine Freunde
und Bekannte.

Als das junge Ehepaar in den Wagen
stieg, welcher sie zum Bahnhof bringen sollte,
übergab Steffens dem jungen Manne ein
Portefeuille. Es war mit Banknoten gesüllt;
as Georg es am nächsten Morgen näher
untersuchte, fand er außer diesen den Kaufakt
über jenes Gut, auf den Namen Georg Kraus
ausgefertigt.

Dem Glübklichen schlägt keine Stunde!
Im Flugeé verrinnt ihm die Zeit, die Jahre
schwinden, er zählt sie nicht. Nur dann, wenn
plötzlich über die Sonne seines Glückes eine
schwurze Wolke hinzieht, wenn das Schicksal
ein unerbittliches „Halt!“ ruft und er sich
umschaut, wenn er dann sieht, daß sein Haar
zrau und der Blick jeines Anges matt ge—
worden ist, oder wenn, der Tod, der den
Glücklichen so wenig verschont wie den Elen⸗
den, der keinen Unterschied macht im Stand,
Rang und Alter, ihm die abgelaufcne Uhr
porhaͤlt, daun blickt er, aus dem Traume,
n welchen das Glück ihn gewiegt hatte, em⸗
porschreckend, zurück in die Vergangenheit und
fragt sich zweifelnd, ob es ein“ Traum“ oder
Wirtlichkeit gewesen, was hinter ihm liegt.
Aber wußte er denn nicht, daß sein Haar er⸗
graute, daß der Glanz seiner Augen erlosch?
O freilich wußte er's, aber er achtete nicht
darauf, —- wenn das Herz jung bleibt, wenn
in der Brust ein ewiger Frühlingsgarten grünt
und blüht, was thut's, ob dann die Hütte
morsch und baufätlig wird! Sie ist vom
Staube, zum Staube muß sie zurückkehren!

Glück! Wie rasch ist das Wörtchen gesagt
und ach, wie schwer wiegt es! — Aber gibt
es denn ein' vollkommenes Glück? Gewiß, fo
—
oollktommen und rein kann auch das Erden⸗
glück in das Menschenherz einzehen. Wenn
das Herz nur veisteht, sein Gück zu erfassen,
und den Tämon, der es anfeindet, zu besie—
gen, Glücklich der, welcher das vermag. Jener
Dänion, der Neid, dessen Hauch den Duft
der Blumen verpestet, unter dessen eisiger Hand
das warme Leben erstirbt, dessen Blick die
Engel des Friedens und der Freude ver—

heucht, er ist der Erbfeind und der Urquell
iller Laster und Verbrechen. — — O haͤlte
'est, was Du Dein wennst, sei zufrieden mit
vem, was die Gunst des Schicksals Dir gab,
volle nicht höher, wie Du siehst, dann bist
Du glücklich! — Ist das Leben' nicht ein
wiges Wünschen und Hoffen? Und schweigen
Deine Wünsche, wenn sie erreicht sind?
Wenn Deinem Herde Mangel und Krankheit
tern bleiben, dann überlaß die Wünsche und
hoffnungen den Armen und Elenden, die
zer goldenen Luftschlösser bedürfen, um die
nackte Wirklichkeit zu vergessen.
— C(Ehuuß folt)

Mannuigfaltiges.
(Poetisches.) Eine Nummer des in
Berlin von eem Abgeordneten Parisius heraus⸗
segebenen „Volksfreund“ euthält den ersten
Theil eines Aufsatzes unter der Ueberschrift:
„Des Herrn Referendarius Heinrich v. Ui ü h⸗
er Gedichte öder ein preußischer Caltusmi—
zisier, der seinen Beruf verfehit hat.“ Die
darin mitgetheilten Proben Mühnler'scher Ge⸗
ichte sind überraschend. Besonders erfeulich
LAmgt der Vers:.
Wollt'man zum Minister wählen
Mich beim Wein,—
Ha, dann könnt' es mir nicht fehlen
Bei dem Wein;
Welche Reden wollt' ich halten,
Wie würd' ich das Veben verwalten,
Trunken müßten Alle sein —
Boll von Wein!

Mittel gegen das Gerinnen
der Milch. Irm südlichen Rußland, wo
vährend des Sommers die Temperatur durch-
chuittlich 250 R. erreicht, schützen sich die
Landleute gegen das Gerinnen und Sauer—
verden der frisszen Milch dadurch, daß sie
in dieselbe einiee Tropfen frischg preßten Meer⸗
cettigsaft tröpfeln und unterrühren.

Auflösung des Räthsels in Nr. 65 des Unterhalt⸗
ungsblattes: „Da s Wort.“
Druch and Verlag von F. X. Dereß in St. Jugbert.
        <pb n="277" />
        Anterhaltungsblatt

J 2 *

um

— *
—A
24
St. Ingberter Anzeiger.

D. Dienstag, den 20. Juni

1871.

Die Brüder.
Driginal-Novelle von Ewald August König.

beiden Frauen waren beschästigt, die jüngere
zähte, die ältere strickte, während der Greis
till für sich hinträumte. Wohl mochte er im
Beiste die Tage seiner eigenen Kindheit noch
einmal durchwandern, jene Tage, die so rasch
utschwinden und oft so heiß zurückersehnt
verden. Es war eine reizende Idylle. Früh—
ing, Sommer und Winter des Menschenle⸗
dens waren in dieser Gruppe vereint und
den Rahmen bildete eine blühende, lachende
dandschaft.

Ein Reiter ritt langsam den Weg entlang,
)er über die Wiesen zum Gute führte, jubelnd
ilten die Kinder ihm entgegen. Er stieg ab,
zab das Pferd einem Knechte und trat auf
den Rasen. Wer hätte in ihm, dem kräftigen
hönen Manne, mit den gebräunten Wangen
enen siechen Jüngling wieder erkannt, der
damals, wie der alte Steffens treffend be—
nerkte, eher einem Todeskandidaten, denn
einem glücklichen Bräutigam glich! Georg hob
die Kinder eines nach dem andern zu sich
mpor, küßte sie und zog dann die junge Frau
an seine Brust.

„Da bin ich wieder,“ sagte er, „wir ha⸗
hen unsern Zweck vollständig erreicht.“

Der Greis stand auf und näherte sich
„Unter welchen Bedingungen?“ fragte er.

„Unter Bedingungen, wie wir sie nicht
zesser wünschen können, Vater,“ fuhr Georg
iort, „die Schule wird auf Kosten des Staates
gebaut, wir müssen die Besoldung des Schul⸗
ehrers übernehmen.“

„Bölling und Du?“ fragte Barbara.

Nein, wir, die Grundbesttzer der ganzen
Umgegend. Wir zählen sechs⸗ his achtunddreißig

Schluß.)

Zehn Jahre waren seit der Hochzelt Georg's
verstrichen. Zehn Jahre! Fürwahr, eine qual⸗
volle Ewigkeit für den, der täglich, ja stünd⸗
sich der Armuth in's Auge schaut, der in
sedem Winkel seiner armseligen Hütte die Sorge
lauern sieht; eine Ewigkeit für den Gefan—
genen, in dessen Zelle kein Sonnenstrahl fällt,
der nur durch den mürrischen Schließer er—
fährt, ob draußen Frühling oder Winter ist.
Aber ein Augenblick nur sind sie dem Glück⸗
licher, ein kurzer, flüchtiger Augenblick, ein
Traum voll Sonnenschein und Blüthenduft.
Ungefähr eine Viertelstunde von dem Gute
Bölling's entfernt lag die reizende Besitzung
Georg's. Sie lag inmilten blühender Gärten
und üppiger Wiesen, begrenzt bon wogenden
Saatfeldern und dichten Wäldern. Der letzte
Strahl der Sonne ruhte auf den Gipfeln
der Berge, er ergoß ein Lichtmeer über die
Wipfel des Waldes, ein glühendes, purpur—
farbenes Lichtmeer, in welchem der Reiher mit
stolzer Majestät seine Kreise zog. — Vor der
Thüre des zierlichen, geschmackvoll gebauten
Wohnhauses, an dessen Wand ein Weinstock
hinaufrankte, saß ein Greis, dessen Blick
mit Wohlgefallen auf den beiden Kindern
ruhte, welche in lustiger Ausgelassenheit sich
auf dem Rasen tummelten. Eine junge, hübsche
Frau, welche das dreißigste Jahr kaum über⸗
schritten hatte, saß an der anderen Seite der
Thüre, ihr zur Seite eine Matroöne. Die
        <pb n="278" />
        schulpflichtige Kinder, welche jetzt eine auch
zwei Stunden weit von der Schule entfernt
wohnen, steht aber im nächsten Jahre das
neue Gehbäude fertig, so beträgt die Entfernung
kaum noch die Hälfte.“

„Ja, meinte der Commerzienrath, eine
schöne Summe wird's doch kosten, Du hättest
dafür einen Privatlehrer halten können.“

„Und die Armen, welche dazu nicht die
Mittel haben?“ fragte Georg im Tone leisen
Vorwurfs. „Ist es nicht ein gutes Werk,
wenn wir unser Scherflein dazu beitragen,
daß —“
Er konnte den Sazß nicht beenden, ein
Bettler hatte sich unbemerkt der kleinen Gruppe
genähert; die Kinder, welche sich vor dem
fremden Manne fürchteten, schmiegten sich fest
an den Vater. — Georg wandte sich um und
zog die Börse.

Aber entsetzt ließ er sie fallen, als er in
das Antlitz des Mannes blickte. Auch Georgs
Mutter hatte sich von ihrem Sitze erhoben,
auch ihr Blick hing stier und unverwandt an
den Zügen des Bettlers, der das Erstaunen
und Entsetzen, welches er einflößte, nicht zu
bemerken schien.

„Mein Herr, gebt einem armen Manne
ein Almosen,“ bat der Unglückliche, der, auf
seinen Stock gestützt, das Haupt auf die Brust
geneigt und den Blick zur Erde gerichtet, als
ein stummes Bild des Elends dastand. „Gebt,
gebt und wäre Euer Scherflein auch noch so
klein, Gott möge Euch dafür segnen.“

Georg winkte seiner Mutter und bedeutete
sie, zu schweigen. „Woher des Weges?“ fragte
er. „Ihr scheint einen weiten Marsch gemacht
zu haben.“

Der Bettler erhob rasch sein Haupt. Auch
in seinen Zügen spiegelten sich Ueberraschung
und Bestürzung. Aber Georg hatte ihm den
Rücken gewandt, er schien sein Antlitz den
Blicken dieses Mannes verbergen zu wollen.

„Freilich habe ich einen weiten Weg ge⸗
macht,“ erwiderte er nach einer kurzen Pause,
indem er das Haupt gedankenvoll schüttelte,
„ich komme von Amerika.“

„Zieht Euch die Heimath an, daß Ihr
jenes Land verließet ?

Die Heimath?“ entgegnete der Bettler
hitter. „Kann der, den die Furien eines bö⸗

sen Gewissens verfolgen, sagen, daß er eine
Heimath hat? Herr, gebt mir ein Almosen
und flieht meine Nähe, seht Ihr nicht das
Kainszeichen auf meiner Stirne? Ich erschlug
den Bruder und tödtete die Mutter. Gebt,
gebt, der Abend dammert, noch vor Nacht
muß ich in der nächsten Stadt sein.“

„Was wollt Ihr dort beginnen, Unglück-
licher?“
„Ich finde nirgend Ruhe noch Rast.
Mir selbst den Tod zu geben, dazu bin ich
zu feige, über meinem Haupte hängt das Beil
der Gerechtigkeit, ich will den Faden zer—
schneiden, der es hält, damit das follternde
Herz endlich zur Ruhe kommt.“

Die Sonne war gesunken, die Schatten
des Abends hüllten die Fluren in dämmerndes
Dunkel. „Bringe die Kinder in's Haus,“ bat
Beorg seine Frau, „die Geschichte dieses
Mannes taugt nicht für ihre Ohren. Nehmt
Platz,“ wandte er sich nach diesen Worten zu
ju dem Bettler, indem er auf die Bank vor
dem Hause zeigte, „seid Ihr auch ein Verbre⸗
cher, so tragt Ihr doch Reue um Eure Sün⸗
den, deßhalb kann man Euch wohl vertrauen.
Weßhalb erschlugt Ihr Euren Bruder?

„Weil ich ihn haßte, unsäglich haßte,“
erwiderte der Bettleꝛ, ohne von dem Fleck zu
weichen, auf welchem er stand. „Als ich die
That begangen hatte, dachte ich nur daran,
mich zu retten, dem Arm der Gerechtigkeit zu
entrinnen, und es gelang mir. Aber es erging
nir schlecht drüben und ich war nicht an den
Hunger gewöhnt. Ich stand einsam dort, Nie⸗
nand schloß sich an mich an, mir war oft,
als lese jeder auf meiner Stirne, welches
Juchwürdige Verbrechen ich begangen hatte.
Da warf endlich eine Krankheit mich auf das
Lager, ich hieß sie willkommen, ich wollte
terben, um den Furien zu entrinnen, die
nich verfolgen. Man brachte mich ins Ho⸗
spital und ich genas. Ha, was ich auf dem
Krankenbett gelitten habe, mit Worten vermag
ichs nicht zu beschreiben. Mein ganzes ver⸗
gangenes Leben zog an meinem Geiste vor⸗
über und — Herr, laßt mich gehen, ich
bin —“*
„Halt,“ fiel Georg ihm in's Wort. „Wenn
nun jener Bruder wieder vor Euch hinträte,
        <pb n="279" />
        wenn Euch die Gewißheit würde, daß die
Kugel ihn nicht tödtete. —

„Ich wollte ihn auf den Kaieen um Ver—⸗
zeihung bitten“ —

„Ihr würdet den alten ungerechten Haß
tilgen, auch dann, wenn Ihr Eure Braut als
seine Gattin wiederfändet ?“

Der Beitler schwieg; hier haftete sein Blick

auf dem Redenden.
„Hugo,“ rief jetzt Georg, die Arme aus⸗
breitend, „sieh hier Deinen Bruder, sieh dort
Deine Mutter! Wir haben Dir veigeben,
willst Du unser Glück mit uns theilen, sollst
Du willkommen sein.“

Der Bettler hatte das Haupt erhoben;
die Augen weit geöffnet starrte er seinen
Bruder an, als ob ein Gespenst vor ihm aus
dem Boden aufgetaucht sei, dann sank er mit
einem Schrei auf den Rasen nieder. Die
Mutter eilte hinzu, Georg beugte sich über
den Unglücklichen, ein Schlagfluß hatte ihn
getroffen. Noch war das Leben nicht gewichen,
Georg ließ den Bruder ins Haus bringen
und befahl einem Knecht unverzüglich in die
Stadt zu reiten und einen Arzt zu holen. —
Zu spät, der Schlaganfall wiederholte sich;
noch einmal drückte Hugo dem Bruder und
der weinenden Mutter die Hand, mit den
Worten: „Es ist vorbei, Gott segne Euch!“
hauchte er seinen Geist aus.

„Ich wußte es,“ sagte die Mutter leise,
indem sie die Augen des Todten schloß, „Du
mußtest vor Deinem Tode doch einmal zurück⸗
kehren und mir die Gewißheit geben, daß
der Haß in Deinem Herzen getilgt war. Eine
innere Stimme sagte es mir, ich habe nur
auf Dich gewartet, nun weiß ich, daß auch
meine Stunde bald schlagen wird.“

Niemand hörte diese Worte, nur der
Todesengel, der zu Haupten der Leiche saß,
vernahm sie.

Und als der Herbst die Blumen tödtete
und die Bäume ihres Schmuckes entkleidete,
trug man auch die alte Frau hinaus zum
Friedhofe, ihr Leben war eine lange, bittere
Schule des Leidens.

Der Commerzienrath hielt sich tapfer, wie
Steffens, der auf dem Gute Georgs das
Gnadenbrod aß und dafür den Enkeln seines
früheren Herrn tagtäglich ein Stück Biographie

seines zu den Vätern versammelten Hundes
zum Besten gab, zu sagen pflegte. Der alte
Herr wandert noch jetzt täglich hinüber zu
dem Nachbargute, um bei den Kindern Böl⸗
lings einige Stunden zu weilen.

Seine Festtage aber sind die Sonntage,
wenn die Enkelschaar aufzder Besitzung Georgs
dereint ist und er an der Spitze der jubeln⸗
den Kinder hinauszieht in den Wald, wo er
hald Laub und Blumen herbeischleppt, aus
denen die Mädchen Kränze winden, bald in
den lärmenden Spielen der Knaben sich als
„Räuberhauptmann“ oder „Hase“ benutzen
läßt. Es ist etwas Köstliches, diese Kinder⸗
spiele, niemals entschwindet das Andenken an
sie dem Gedächtnisse. Liebliche Genrebilder
auchen sie oft in späteren Tagen vor unferem
zeistigen Auge auf und eine bezaubernde
Poesie umschwebt sie, wenn das silberweiße
Haupt des Großvaiers die blond⸗ und
schwarzlockigen Enkel überragt!

Mannigfaltiges.
Französische Blätter machen auf folgen—
den Brief Heinrich Heine's aufmerksam, der
sich in den sämmtlichen Werken Band X.,
Lutetia (Franzöfsische Zustände,) 2. Theil
XXXVI. findet: „Paris, den 19. Dezem⸗
ber 1841. Der eigentliche Rival des Obe—⸗
lisken von Luxor ist noch immer die Colonne
Vendome. Stehdt fie sicher? Ich weiß nicht,
aber sie steht auf ihrem rechten Platze, in
Harmonie mit ihrer Umgebung. Sie wurzelt
frei in nationalem Boden, und wer sich da⸗
ran hält, hat eine feste Stütze. Eine ganz
feste? Nein, hier in Frankreich steht nichts
ganz fest. Schon einmal hat der Sturm das
Capital, den eisernen Capitalsmann, von der
Spitze der Vendömesäule herabgerissen, und
im Falle die Communisten ans Regiment
lämen, dürfte wohl zum zweiten Male das⸗
selbe sich ereizgnen, wenn nicht gar die radi—
cale Gleichheitsraserei die Säule selbst zu Bo—
den reißt, damit auch dieses Denkmal und
Sinnbild der Ruhmsucht von der Erde schwinde;
dein Mensch und kein Menschenwerk soll über
ein bestimmtes Communalmaß hervorragen,
und der Baukunst eben so gut wie der epischen
Poesie droht der Untergang. „Wozu noch ei
        <pb n="280" />
        Monument für ehrgeizige Vöolkermörder?“ hörte
ich jüngst ausrufen bei Gelegenheit des Mo—
dellconcurses für das Mausoleum des Kaisers,
„das kostet das Geld des darbenden Volkes
und wir werden es ja doch zerschlagen, wenn
der Tag kommt!“ Ja, der lodte Held hätte
in Sanct Helena bleiben sollen, und ich will
ihm nicht dafür stehen, daß ihm einst sein
Grabmal zertrümmert und seine Leiche in den
schönen Fluß geschmissen wird, an dessen Ufer
er so sentimal ruhen sollte, nämlich in die
Seine! Thiers hat ihm als Minister keinen
großen Dienst geleistet“.
Dem Valtimorer „Wecker“ theilt ein
Schwab nachstehende, einem Briefe aus
der Heimath entnommene Kriegs⸗-Episode (oder
auch nur Anekdote) mit? Robert Scheufele
aus Ulm, ein robuster Landwehrmann, wurde
in der heißen ruhmvollen Schwabenschlacht
bei Villiers vor Paris in der Wade leicht
verwundet. Da es ihm im Lazareth zu lang⸗
weilig war, so theilte man ihn dem Sanitäts⸗
corps zu, wobei ihm seine Körperkraft sehr
zu Statten kam, indem er stets einen Ver⸗
wundeten allein trug. Einen ächzend dalie⸗
genden Preußen frug er, ehe er ihn auf seine
dreiten Schultern packte: „Wo fehlt Dir's d“
— ,‚Eine Kugel im Fuß!“ — war die Ant⸗
wort. — Scheufele eilte mit ihm dem sicher
gelegenen Verbandplatze zu. Unterwegs sauste
eine Granate an ihm vorüber. Sich ein wenig
bückend, setzte er seinen Lauf fort. Als er
beim Verbandplatz ankommt, ruft ihm der
Arzt zu: „Aber um's Himmels willen, Sie
hringen ja da einen Mann ohne Kopf!“ —
Scheufele legt seine Buͤrde ab, betrachtet sie
und sagt verduzt: „Des haun i aber net
venkt, daß dia Breißa so lüget; sait mer der
Kerle vo selber, daß er in Fuß g'schossa sei.“ —
Eine schreckliche Scene spielte sich kürzlich im
Pester Thiergarten ab, wo eine Gymnastiker⸗
Gesellschaft sich producirte. Die letzle Programm⸗
nummer war eine Velocipedefahrt, auf einem
b0 Fuß hoch zwischen zwei Holzstangen aus⸗
gespannten Drahtseile. Das Rad des bei dieser
Production angewandten Velocipedes hat eine

Rinnẽ, in die sich das Drahtseil legt; die
durch die Nabe laufende Achse verlängert sich
rechts und links und bildet die obere fchmale
Seite eines langen Rechtecks, an dessen unterer
Querstange ein Gymnastiker Trapezkünste zum
Besten gibt. während ein zweiter auf dem
Belocipede sitzt. Das Seil ist durch diese Vor⸗
ichtung wie durch einen großen Rahmen gezo⸗
zen und das Velocipede kann wohl umkippen,
iber nicht herunterfallen. Im strömenden Re⸗
zen erkletterten die Gymnastiker die hohe Stange,
der Eine setzte ich auf's Velocipede, der an⸗
dere hängte sich an die Querstange des Tra⸗
pezes, um auf diese Weise den Gefährten zu
rontrebalanciren und den Fall zu erschweren,
In raschem Laufe ging es einmal über das
Drahziseil, dann rücklings wieder zurück. Das
pärliche Publikum klatschte Beifall und hatte
zenug, nicht so die Gymnastiker. Noch einmal
zingen sie vor; allein als sie die Milte der Bahn
erreicht hatten, begann das Velocipede sich auf
die Seite zu legen, der darauf sitzende warf
ich mit dem Oberleib auf die andere Seite —
⸗s war zu spät, das Fahrzeug fiel und der
janze Rahmen hing umgekehrt am Seile, das
Belocipede unten und die untere Trapezquer⸗
tange oben. Das Publikum brach in einen
Schrei des Entsetzens aus, allein die Gymna⸗—
tiker verloren die Kaltblütigkeit nicht. Der
Helocipedist hatte im Sturze sein Fahrzeug eben
o wenig losgelassen, als sein Genosse das
Trapez. Nun hingen sie dort in der schwin⸗
delnden Höhe, anfangs mit dem Kopfe nach
ibwärts, arbeiteten sich mühsam in sitzend-hän-
gende Stelle empor und begannen sich ruhig mit
zinander zu berathen was nun zu thun sei. Das
Ergebniß war, daß der Tapezkünstler das Seil
erfaßte und sich an demselben bis zur Stange
entlang zog, an der er dann natürlich hinabstieg.
Der Andere hatte ruhig ausgeharrt, bis das
Seil frei war, und erst als dieses nicht schwankte,
machte er das in den Speichen des Velocipedes
derwickelte Bein los, kletterte gleichfalls bis zum
Seile empor und brachte sich auf demselben
Wege wie sein muthiger Gefährte nach der
inderen Seite in Sicherheit. Das ganze
mochte wohl an die fünf Miuuten gewährt
haben.
Druck und Verlag von F. X. Demetz in St. Ingbert.
        <pb n="281" />
        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
Mr. 73. Donucastag, den 22. Juni

II.

Ein dunkles Geheimniß.*)
Novelle von
Ewald August König.

er auf dem Arme trug, mit einer graziösen
Bewegung über die Schulter und trat in sein
Kabinet, um einen Blick in das Fremdenbuch
zu werfen.

Er hat mich, bevor er zu Bett ging, be—⸗
auftragt, ihm die Stiefeln vor fünf Uhr zu
hringen, sagte der Hausknecht, um so auffal⸗
lender ist es daß — „Ich finde darin nichts
Auffallendes,“ unterbrach ihn der Wirth.
„Man faßt oft am Abend einen Entschluß,
den man am nächsten Morgenwieder fallen läßt.“

Die Herren Baron von Reden und Frei⸗—
herr von Braß kamen gestern Abend mit der
etzten Post um acht Uhr an, meldete der zu⸗
rückkehrende Oberkellner. Der Herr Baron
logirt in Nummer Siebenzehn, der Freiherr
in Nummer Sechszehn. „Baron von Reden?“
viederholte der Wirth. „Sagte man nicht vor
einigen Wochen, die Comtesse von Strahlen
sei mit einem Baron von Reden verlobt? —
„Ganz recht, ich erinnere mich dessen, der
alte Verwalter der Strahlen'schen Güter hat
das Gerücht ausgesprengt, bervor er nach
Amerika auswanderte. Na, Peter, zum Ueber—
fluß könntest Du einmal anklopfen, wenn der
Herr Baron die Störung übel nimmt, mußt
Du seinen Zorn über Dich ergehen lassen.
Hat der Freiherr sein Zimmer schon ver⸗
assen ?

Er frühstückte um fünf Uhr, und ging
dann aus, erwiderte der Oberkellner, — Ich
nüßte sehr irren, wenn die beiden Herren nicht
einen Ehrenhandel hätten, den sie hier aus⸗
fechten wollen, Ffuhr er, nachdem der Haus-
necht sich entfernt hatte, mit gedämpfter
Stimme fort. Sie sprachen gestern Abend kein

Erstes Kapitel.

Der Herr in Nummer Siebenzehn hat
das Frühstück noch immer nicht verlangt, auch
stehen seine Stiefel noch vor der Thür, sagte
der Hausknecht im Gasthofe „zur Sonne“ mit
bedenklichem Kopfschütteln. Der große, corpu⸗
lente Wirth, der an der Thür seines Gast⸗
hofes stand und mit behaglicher Ruhe dem
buntbewegten Leben und Treiben auf dem
Marktplatze zuschaute, zuckte mit kaltem Gleich⸗
muth die Achseln und meinte: „Kümm're Dich
nicht darum, Peter, noble Herren, noble Pas⸗
sionen, der Herr in Nummer Siebenzehn wird
gewohnt sein, unserm Herrgott ein Loch in
den Tag zu schlafen.“

Aber es ist bereits 11 Uhr und man
bernimmt nicht das geringste Geräusch in dem
Zimmer, fuhr der Hausknecht fort. Möglich,
daß der Herr gewohnt ist, so lange zu schla—
fen, möglich aber auch, daß ihm irgend etwas
zugestoßen ist, oder daß er — „zSich aus
dem Staube çemacht hat!“ fiel der Wirth
ihm gelassen in's Wort. „Eines Nachtlagers
wegen läßt man seine Stiefeln nicht im Stich.
Friedrich, sehen Sie einmal nach, wer in
Nummer Siebenzehn logirt; so viel ich mich
errinnere, ist der Herr gestern Abend ange—
kommen.“

Der Oberkellner legte die Serviette, die

2) Nachdruck ist ohne Verständigung mit dem
Verfasser nicht erlaubt.
        <pb n="282" />
        Wort mitsammen, der Freiherr fragte mich
heute Morgen, bevor er den Gasthof verlies,
welchen Weg er einschlagen müsse, um das
Wäldchen hinter dem Garten der Comtesse
von Stahlen rasch und sicher zu erreichen,
und als ich ihm den Weg genau bezeichnet
hatte, gab er mir ein kleines Packeichen, mit
dem Auftrage, dasselbe der Comtesse persönlich
zu überreichen, für den Fall er bis heute
Abend nicht zurückgekehrt sei. „Das ist in der
That auffallend und räthselhaft,“ sagte der
Wirth überrascht. „Aber die Herren können
sich doch nicht ohne Zeugen und ohne Arzt
duelliren.“

Der Oberkellner zuckte, bedeutsam lächelnd
die Achseln. Um jedes Aufsehen zu vermeiden,
sind die Zeugen höchst wahrscheinlich in der
„goldenen Gans“ abgestiegen, ich bemerkte
heute Morgen zwei elegant gekleidete Herren,
welche in derselben Richtung das Städtchen
oerließen. „Ich habe dreimal argeklopft, aber
keine Antwort erhalten,“ brach der in fieber⸗
hafter Aufregung herbeieilende Hausktnecht die
Vermuthung des Oberkellners ab.

Dann allerdings ist es meine Pflicht, die
Ursache dieses Schweigens zu erforschen, er⸗
widerte der Wirth, der sich bereits der Treppe
naherte. Kommen Sie, Friedrich, ich hoffe,
wir werden der Sache rasch auf den Grund
dringen. In dieser Hoffnung sollte der Gast⸗
wirth sich getäuscht sehen, auch er exhielt auf
mehrmaliges Pochen keine Antwort und die
Thür war fest verschlossen.

Das ist wirklich sehr verdächtig, sagte
der Oberkellner, entweder den Herrn Baron
hat der Schlag gerührt, oder — „Du lieber
Gott, wenn er in meinem Hause ermordet
worden wäre! jammerte der Wirth. „Das
brächte meinem Gasthofe den Ruin und ich
tönnt zum Wanderstab greifen —“

Vorläufig liegen für diese Vermuthung
noch keine Gründe vor, fuhr der Oberkellner
ruhig fort, die Thüre ist von innen verschlose
sen und durch das Fenster kann nicht wohl
Jemand eingestiegen sein. Lassen Sie den
Bürgermeister und den Kreisphysilkus rufen,
wir dürfen jetzt keinen Augenblick länger
zögern. Der Wirth legte sein Ohr an die
Thürspalte und erlaubte sich, nochmals anzu⸗
pochen, aber nicht das leiseste Geräusch im

Zimmer verricth. daß der Gast dieses Pochen
Jehört habe. „Es bleibt uns nichts Andres
ibrig,“ sagte er nach einer geraumen Weile,
„jchicken Sie den Hausknecht zum Bürger⸗
neister. Gewißheit muͤssen wir haben.“

Nach Ablauf einer halben Stunde fand
der Bürgermeifter, dem der Hausknecht schon
die nöthigsten Mittheilungen gemacht hatte,
äich in Begleitung des Arztes, des Kreisrich-
ers, zweier Gensdarmen und eines Schlossers
»in. Es konnte nicht fehlen, daß die Begleit⸗
ing des gestrengen Herrn in den Straßen,
velche er passiren mußte, Aufsehen erregte, und
der müßigen Gaffer, wie der wißbegierigen
dlatschbasen gab es in diesem Städtchen nicht
veniger wie in jedem andern Orte. Die na⸗—
ürliche Folge war, daß der kleinen Gesell⸗
chaft ein ziemlich zahlreiches Publikum folgte,
velches vor dem Gasthofe mit Ungeduld nä—
jere Mittheilungen über die jedenfalls interes⸗
anten Ereignisse in „der Sonne erwartete.

Machen wir kurzen Proceß, sagte der
Bürgermeister, nachdem der Wirth unter Assi⸗
tenz seines Obertellners und des Hausknechts
gericht erstattet hatte. Hier sind nur zwei
Fälle denkbar, entweder der Herr Baron hat sich,
hne Abschied zu nehmen, entfernt, oder wir
inden eine Leiche. „Das Letztere ist das
Wahrscheinlichste, erwiderte der Schlosser,
zer inzwischen seine Dietriche in Thätigkeit
zesetzt hatte, der zinnere Riegel ist vorgeschoben
ind es wäre gut, wenn Herr Schmidt, oder
iner seiner Leute mir genau die Stelle be⸗
eichnen könnte, wo der Riegel angebracht ist,
damil wir nicht zu viele Zeit verlieren.“

—AD—
Freund, sagte der Wirth, dessen Aufregung
nit jeder Minute wuchs, alle Schlösser sind
nit einem solchen Nachtrigel versehen. „Dann
zenügen einige kräftige Fußtritte,“ erlaubte
der Hausknecht sich zu bemerken, während
er Anstalten traf, seine Kraft an der Thür
zu erproben.

Der Schlosser würdigte diesen Rath keiner
Untwort, er schob einen dünnen, stark gekrümm⸗
en Drath in das Schlüsselloch und öffnete
m nächsten Augenblick die Thür. Die Män⸗
ner des Gesetzes und der Wissenschaft traten
uerst ein, und der Wirth hatte die Schwelle
ioch nicht überschritten, als ein Ruf des Ent⸗
        <pb n="283" />
        setzens, der den Lippen des Bürgermeisters
unwillkührlich entfuhr, ihn bereits ahnen ließ,
daß seine Befürchtungen nicht unbegründet
waren. Es war 'ein ziemlich geräumiges, mit
allem Comfort ausgestattetes Zimmer; ein
dicker weicher Teppich bedeckte den Fußboden,
elegante Möbel, rothe Damast⸗Vorhänge, ein
hoher Spiegel in breiten Goldrahmen, meh—
rere Oelgemälde, einige kostbare chinesische
Vasen, eine Pendeluhr, veschiedene Nippsachen
und ein mit rothen Gardinen behangenes
Bett bildeten die Einrichtung, die auf vor⸗
nehme Gäste berechnet zu sein schien. Die
Vorhänge des Bettes waren zurückgeschlagen,
der erste Blick des Eintretenden fiel auf das
bleiche Gesicht einer Leiche. Der Arzt war
rasch näher getreten. Er schlug die Bettdecke
zurück und legte seine Hand auf die Brust des
Todten.

Selbstmord! sagte er mit erschütterndem
Ernst, Gott sei der Seele dieses Todten gnädig.
„Und lasse sie eingehen zum ewigen Frieden,
Amen,“ fügte der Hausknecht leise hizu,
der mit gefalteten Händen am Fußende des
Bettes stand.

„Glauben Sie, Herr Doctor, sind Sie
wirklich überzeugt, daß hier ein Selbstmord
ßorliegt!“ fragte der Richter. „Ich bin es,“
erwiderte der Arzt ruhig. „Sehen Sie, hier
liegt der Dolch, den er sich in's Herz gestoßen
hat; der Stoß ist mit Kraft und Sicherheit
zeführt worden, der Tod mußte augenblicklich
erfolgen.“

Gut, gut, aber ich bemerke auch auf jener
Seite der Leiche Blutflecken, fuhr der Richter
fort. Sie behaupten, der Tod sei augenblicklich
erfolgt; die Leiche liegt auf der linken Seite
und es läßt sich genau feststellen, welchen
Weg das abgelaufene Blut genommen hat.
Nun aber mache ich Sie auf jene Blutspuren
aufmerksam, die vereinzelt hinter der Leiche
sich vorfinden, ich glaube nicht, daß Sie —
„Nichts einfacher als dies,“ fiel der Arzt ihm
in's Wort. „Ein plötzlicher Tod hat nie oder

nur sehr selten die sofortige Lähmung des
ganzen Organismus zur Folge, die Thäligkeit
der Nerven währt, immerhin noch eine kurze
Weile, wie Sie dies an dem Körper eines
auf dem Schaffot Gerichteten beobachten kön—
nen. Demzufolge ist es nicht unmöglich, daß

die Hand des Selbstmörders, welche den Stoß
führte, zuerst auf jeue Seiten gefallen ist.“

Ah, und wie erklären Sie es, daß die
Leiche bis an das Kinn zugedeckt war, wäh—
rend doch naturgemäß der Körper nach dem
Stoße zurücksinken mußte? „Kann der Stoß
nicht unter der Decke geführt worden sein ?
erwiderte der Arzt.

Das ist allerdings möglich, aber nicht
zlaublich, sagte der Richter. In der That,
es scheint, wir stehen hier vor einem Räihsel,
dessen Lösung in tiefes Dunkel gehüllt ist,“
tügte der Bürgermeister hinzu.

Der gute Ruf meines Hotels ist für alle
Zeiten dahin, jammerte der Wirth. Niemand
vird ferner in einem Gasthofe logiren wollen,
in welchem ein Selbstmörder geendet hat.
„Guter Freund, das kann in jedem Hotel,
in jedem Privathause vorfallen,“ erwiderie der
Arzt, „nach einigen Monaten ist bereits Gras
iber die Geschichte gewachsen.“

Ich bitte die Herren, mir bei Aufnahme
des Protokolls behülflich zu sein, nahm der
Richter das Wort, der sich inzwischen gesetzt
hatte. Zuerst, wer war der Fremde? „Baron
Theodor von Reden,“ erwiderte der Ober—
ellner, „so schrieb er selbst in's Fremden⸗
duch.“

Baron Theodor von Reden? fragte der
Bürgermeister betroffen. Man sagt, er würde
unsere Comtesse von Strahlen binnen urzem
heirathen. „So sagt das Gerücht, und es be—
zauptet die Wahrheit,“ versetzte der Arzt, „ich
and vor einigen Tagen Gelegenheit, mit hier⸗
iber Gewißheit zu schaffen.“

Der Baron von Reden besitzt bedeutende
Güter und die Comtesse Eleonore von Strahlen
ist ebenfalls sehr reich, sagte der Richter —
ein Grund mehr für die Richtigkeit meiner
Vermuthung, daß hier kein Selbstmord vor⸗
iegt. Wann traf der Herr Baron ein? Ge⸗
stern Abend.“

Allein ? „Der Freiherr von Braß beglei⸗
tete ihn.“

Bemerlten Sie, daß der Baron einsilbig,
derstimmt,“ oder gar nicht ganz bei klarem
Verstaude war? „Der Herr Baron zog sich
ofort in sein Zimmer zurück,“ erwiderie der
Oberkellner, „ich fragle ihn, ob er irgend
        <pb n="284" />
        eine Erfrischung, oder ein Nachtessen wünsche,
er verneinte es.“

Und der Freiherr von Braß, der mit
ihm gekommen war? ‚Blieb ebenfalls in
seinem Zimmer. Er aß vorher im Speisesaale
zu Nacht und ließ eine Flasche Wein auf sein
Zimmer bringen.“

Friedrich glaubte vermuthen zu dürfen,
daß die beiden Herren eines Duells wegen
hierher gekommen seien, nahm der Wirth das
Wort. Thatsache ist es, daß der Freiherr
heute Morgen vor fünf Uhr das Hotel
berließ, und erst vor einer Stunde zurückge⸗
kehrt ijst.

Der Richter warf dem Bürgermeister einen
bedeutsamen Blick znu. In welchem Zimmer
logirt der Freiherr? fragte er noch einer kur⸗
zen Paufe.

Nebenan in Nummer Sechszehn,“

Führt diese Thür in jenes Zimmer?

„Ja.“

Der Richter erhob sich und versuchte die
Thür zu öffnen, sie war verschlossen, eine
nähere Untersuchung ergab, daß auch an die⸗
ser Thür der Rachtriegel vorgeschoben war.

Hat der Freiherr von Braß sich nach seiner
Rückkehr in den Gasthof nicht nach dem
Baron erlundigt? „So viel ich weiß, nein.“
erwiderte der Kellner.

Aber Sie vermuthen ja, daß die beiden
Herren sich duelliren wollten ? In diesem Falle
würde doch der Freiherr nachgeforscht haben,
weshalb sein Gegner auf dem Dprellplatze ge⸗
fehlt habe. Zeigen Sie mir den Dolch, mit
welchem der Stoß egeführt worden ist. Es
war ein kleines, zierlich gearbeitetes Stilet
mit gelfenbeinernem Griff, welches der Arzt
dem Richter überreichte, eine silberne Platte
auf dem Griff trug den Namenszug des
Barons.

Der Richter schüttelte den Kopf. Unter⸗
suchen Sie die Fenster, wandte er sich zu dem
Wirth. Es wäre ja möglich, daß der Mörder
seinen Weg durch — „Die Fenster sind sogar
vorsichtig geschlossen,.“ unterbrach der Gast⸗
wirth ihn.

Außzer diesen beiden Thüren gibt es ke inen
Eingang zu diesem Zimmer ? ‚Nein.“

Ich begreife- wirklich nicht, Herr Richter,
veshalb Sie alle diese Fragen stellen? fragte
der Arzt. Sie dürfen sich darauf verlassen,
daß der Baron selbst sich das Leben genom⸗
men hat; die Beweise, welche dafür vorliegen
stellen die Thaisache zur Evidenz fest, wenn
nuch die Gründe, welche den Baron zu diesem
Schritt bewogen haben, uns unbekannt, ja
räthselhaft find. Dagegen stützt Ihr Versacht
äch nur auf Vermuthung, für deren Richtigkeit
»der Wahrscheinlichkeit jeder Beweis fehlt.
„Dennsch kann ich noch immer nicht Ihrer
Ansicht beipflichten“ erwiderte der Richter
ruhig; „und selbst wenn meine Ansicht mit
der Ihrigen vollständig übereinstimmte, müßte
ich doch die mir obliegende Pflicht erfüllen.
Herr Bürgermeister, haben Sie die Güte, das
Gepäck und die Kleider des Todten zu durch⸗
juchen, ich wünsche einen Blick in das Porte⸗
jeuille des Barons zu werfen. Bielleicht fin⸗
den wir in demselben über das Duell nähere
Aufschlüsse.“

Fortsetzung folgt.)

— — — — — — —J
Mannigfaltiges.
Ein Fremder fragte am Einzugstage einen
Berliner, was denn die vielen Bären auf
den Triumphsäulen am Brandenburger Thor
zu bedeuten hätten. Der Berliner antwortete:
Das sind die Bären, die der Magistrat
angebunden hat und welche die St eu e r⸗
zahler loslösen müssen.
Ein Börsenbesucher fragte dieser Tage einen
uindern, wer denn wohl am Meisten von dem
schlechten Wetter des verflossenen Frühjahrs
hetroffen worden sei. Die Antwort lautete:
„Der Kaiser, denn dieser ist der Schi r m⸗
herr Deutschlands.
Während des Kampfes in Paris fiel
den Insurgenten ein Commandant des 26.
Bataillons Jäger zu Fuß, Herr v. Segoyer,
in die Hände, den dieselben nach dem Ba⸗
rillenplatz schleppten, mit Petroleum bestrichen
und dann lebendig verbrannten.

—— ———

Druch und Verlag von F. X. Deietz in St. Ingbert.
        <pb n="285" />
        AUnterhaltungsblatt

5
St. Ingberter Anzeiger.
Sonntag, den

25.
F
—
Ein dunkles Geheimniß.
Novelle von
Ewald August König .
(Fortsetzung.)
Der Bürgermeister hatte das —X
dald gefunden. Es enthielt einige Briefe— einige
Visitenkarten und zwei Banknoten im Ge⸗
sammtbetrage von hundert Thalern, ein Blatt
des Notizbuches trug die kurze Bemerkung:
„Am 4. September Morgens fünf ein halb
Uhr in D. Rencontre mit F. v. B.“

Daraus erjscheint mir hervorzugehen, daß
die beiden Herren wirklich gekommen waren,
um eine Ehrensage auszufechten, sagte der
Richter; um so auffallender ist es, daß der
Barton von Reden sich durch einen Selbstmord
dem Duell entzogen haben soll. Auch pflegt
ein Selbstmörder in der Regel vor seinem
Tode die Gründe seines Vorsatzes niederzu⸗
schreiben und von seinen Verwandten schrift⸗
lich Abschied zu nehmen, und unter hundert
derartigen Fällen findet man neunundneunzig
Mal den Brief neben der Leiche, etwas Thea⸗
tralisches ist mit dem Selbstmorde fast immer
verknüpft. Hier aber — „Der Herr Baron
mag seine Gründe gehabt haben, die Ursache
seines Todes geheim zu halten und dieses
Geheimniß in's Grab mitzunehmen,“ unterbrach
der Arzt ihn. „Thatsache ist es, daß ihrer
tein Criminalverbrechen vorliegt.

Der Richter schüttelle zweifelnd sein er—
grautes Haupt, es schien fast, als ob er hart
näckig darauf versessen sei, trotz allen vorliegen—

den und gewiß überzeugenden Beweisen seiner
Ansicht Geltung zu verschaffen. Friedrich, bit⸗
en Sie ˖den Freiherrn von Braß, sich hierher
u bemühen, wandte er sich zu dem Ober⸗
ellner, wir müssen Alles versuchen, dieses
dunkele Räthsel zu lösen. Jung, reich, Bräu ·
igam einer schönen, liebenswürdigen und
wbenfalls reichen Dame — was könnte ihn
hewogen haben, freiwillig einem Leben voll
Sonnenschein zu entsagen. „Der Fall, daß
ein junger, reicher, glücklicher Mann frei⸗
villig dem Leben entsagt hat, steht nicht ver—
inzelt,“ war die trockene Antwort des Arztes:
Uebersättigung.“

Ah, lieber Doetor, ich traue der Comtesse
Jon Strahlen mehr Geist und Charakter zu,
als daß ich glauben kann, sie werde einem
virklich übersättigten Wüstling ihr Herz und
hre Hand schenken, fuhr der Mann des Ge⸗
etzes fort. „Eleonore von Strahlen ist eine
ehr gebildete, feinfühlende und edeldenkende
Dame, liebenswürdig mit Jedem, auch dem
Heringsten ihrer Pächtet: außordem beobachtet
ie sehr scharf, ihr würde es nicht entgangen
jein, daß der Baron von Reden ——

Darin pflichte ich Ihnen vollkommen bei,
jagte der Bürgermeister im Tone herzlicher
Waͤrme. Unsere Comtesse weiß die Spreu von
dem Weizen zu sondern, trotzdem sie kaum
bierundzwanzig Frühlinge gesehen hat. Der
Arzt zucktte die Achseln und nahm seinen
hut. „Meine Augenblicke sind gezählt. meine
Herren, follten Sie in dieser Angelegenheit
—
wissen zu lassen.“

Ich möchte wissen, was der Herr Kreis⸗
        <pb n="286" />
        physikus gegen. unsere Comtesse hat, sagte der
Richter, als der Arzt sich entfernt hatte, fast
scheint es mir, als ob er ihr feindlich gegen—
über stehe. „Der blasse Brodneid, lieber Freund,
erwiderte der Bürgermeister. „Die Comtesse
giebt dem jungen Arzte, der sich vor einem
Jahre hier niedergelassen hat, den Vorzug,
seitdem ist der Kreisphysikus ihr Freund
nicht mehr.“

In diesem Augenblick kehrte der Ober—⸗
kellner zurück. Der Freiherr von Braß sei
bereit, dem Herrn Kreisrichter jede Auskunft
über den Todten zu geben, sagte er, indeß
wünsche er, daß diese Unterredung in einem
andern Zimmer stattfinde. In einem andern
Zimmer ? fragte der Richter befremdet. So
sagte er.“

Gut, gehen wir in sein eigenes Zimmer,
fuhr der Mann des Gesezzes rasch entschlos⸗
sen fort, sagen Sie ihm, daß ich ihn dort
erwarte.

Der Freiherr kam jetzt der Aufforderung
des Richters ohne Zögern nach. Die äußere
Erscheinung dieses noch ziemlich jungen Edel—⸗
manns machtie keinen sehr angenehmen Eindruck.
Sein Auftreten seine Haltung und sein ganzes
Venehmen ließen allerdings den gewandten
feingebildeten Weltmann erkennen; aber die
unheimliche Gluth, die in seinen tiefschwarzen
Augen loderte, und die Verschlagenheit und
Tücke, die in dem unstäten Blick dieser Augen
ch spiegelte, verriethen, daß dieser Mann
der Sclave feiner Leidenschaften war und daß
er vor keinem Mittel zur Erreichung seines
Zweckes zurückbebte.

Sie wünschen, daß die Unterredung nicht
in dem Zimmer Ihres todten Freundes statt⸗
finde? begann der Richter, dessen Olick prü⸗
fend auf den Zügen des Edelmannes ruhte.
„Der Baron von Reden ist niemals mein
Freund gewesen,“ erwiderte der Freiherr kurz
angebunden.

Der Tod sühnt Alles. „Das ist eine
Redensart, deren Wahrheit ich nicht anerken⸗
nen kann. Der Baron hat mich mit seinem
unversöhnlichen Hasse verfolgt, Sie werden
wohl begreifen, daß der Anblick seiner Leiche
mich in hohem Grade aufregen würde.“

Dennoch sind Sie gestern Abend mit ihm
gemeinschaftlich angekommen ? „Allerdings. Der

Zufall fügte es, daß wir die Reise hierhe
in einem und demselben Wagen machten.“

Was führte Sie hierher ? „Mein Herr,
ich glaube nicht, daß ich verpflichtet bin,
Ihnen darüber Rechenschaft zu geben,“ erwi⸗—
derte der Freiherr mit kalter Gemessenheit,
vährend er aus seinem Portefeuille ein Pa⸗
pier nahm, welches er auf den Tisch warf.
„Hier ist mein Paß, Sie werden denselben
in Ordnung finden.“

Herr Baron, Sie werden die Güte haben,
nir diejenigen Fragen zu beantworten, die
ich in meiner Eigenschaft als Beamter an Sie
zu richten für gut befinde, sagte der Richter
ruhig. Sie wissen, was den Baron von Reden
hierher führte, ich muß Sie ersuchen, mir die
nöthigen Mittheilungen über den Zweck dieser
Reise zu machen. Der Freiherr biß sich auf
die Lippen und schleuderte dem Richter einen
Blick zu, in welchem Haß und Wuth sich
spiegelten. „Fragen Sie, ich werde ant—⸗
worten.“

Sie hatten mit dem Baron von Reden
ein Rencontre verabredet, das Duell sollte
heute Morgen zwischen fünf und sechs Uhr
in der Nähe dieses Städtchens stattfiaden.
„So ist es.“

Ich wünsche die Ursache dieses Duells zu
erfahren. „Ich hatte die Ehre einer Dame
beleidigt, die dem Baron nahe stand.“

Wurden auf der Reise hierher zwischen
Ihnen und dem Baron Worte gewechselt?“
„Nein.“

Wann sahen Sie den Baron zum letzten
Mal? „Gestern Abend, bevor er sich in sein
Zimmer zurückzog.“

Der Richter mußte jetzt die Ueberzeugung
zgewonnen haben, daß sein Verdacht unbegrün⸗
det und die Ansicht des Arztes allein richtig
war; er erhob sich und traf die Anstalten,
den Gasthof zu verlassen.

Apropos! wandte er sich noch einmal an
den Freiherrn, der inzwischen an das Fenster
zetreten war, Sie haben vielleicht eine Ahn—
ung von den Gründen, welche den Baron zu
diesem verzweifelten Schritt trieben? Der
Freiherr zuckte mit einer Geberde kalter Ge—
ringschätzung die Achseln. „Ich hatte den ersten
Schuß und darf mich rühmen, ein sehr ge⸗
übter Schütze zu sein; vielleicht konnte er den
        <pb n="287" />
        Gedanken, daß er durch meine Hand fallen
werde, mit seinem unversöhnlichen Hasse nicht
in Einklang bringen.“

Der Grund will mir nicht einleuchten,
erwiderte der Richter kopfschüttelnd. Darf ich
die Ursache jenes unversöhnlichen Hasses er—
fahren? „Ich glaube nicht, daß ich dazu ver—
pflichtet bin, noch daß sie geeignet wäre, die
Motive zu diesem Selbstmord festzustellen,“
sagte der Freiherr, über dessen Lippen ein
Lächeln beißenden Hohns glitt. „Daß hier
ein Selbstmord vorliegt, werden Sie hoffent⸗
lich nicht bezweifeln.“

Der Richter schüttelte bedenklich das Haupt,
als er in Begleitung des Bürgermeisters den
Heimweg antrat. Der Fall ist klar, sagte er,
alle Beweise sprechen dafür, daß der Baron
von Reden selbst Hand an sich gelegt hat,
dennoch hege ich die Ueberzeugung, daß hier
ein Verbrechen vorliegt. „Aber auf welchem
Wege sollte der Mörder in das Zimmer ge—
langt sein?“ fragte der Bürgermeister.

Das eben ist der Punkt, dessen Lösung
ich vergeblich suche. „Und wenn Sie dieselben
gefunden hätten, würden Sie den Frei—⸗
herrn —“

Lieber Feund, fragen Sie nicht weiter,
ich müßte Ihnen die Antwort schuldig bleiben,
fiel der Richter seinem Begleiter ins Wort.
Ich habe meine besonderen Vermuthungen, ob
sie falsch oder richtig And, wird die Zeit wohl
lehren. Einstweilen müssen wir uns damit
begnügen, den Selbstmord zu constatiren und
das Protokoll vorsichtig aufzubewahren. Ich
werde nach der Beerdigung die Comtesse be—
suchen, um zu erforschen, wer zur Empfang
nahne der Hinterlassenschaft des Verstorbenen
berechtigt ist.“

Die hohe Obrigkeit des Landstädtchens
hatte kaum das Zimmer des Freiherrn ver⸗

lassen, als der Letztere stürmisch die Glocke
zog. „Tragen Sie Sorge, daß die Leiche so
rasch wie möglich fortgeschaft wird,“ herrschie
er den herbeieilenden Wirth an. „Ich werde
je nach Umständen noch einige Tage hier
verweilen; wünschen Sie, daß ich für die
Dauer meines Aufenthaltes in Ihrem Hause
bleibe, so verlange ich, daß die Leiche des
Selbstmörders bis spätestens heute Abend aus
demselben entfernt wird.“

Der Wirth verbeugte sich. Wenn der Herr
Baron vielleicht ein anderes Zimmer wünschen
— »Nein, dieses Zimmer gefällt mir.“

Gut, so werde ich mit dem Herrn Kreis⸗
physikus reden, daß — „Wie Sie es ermög—
lichen wollen, meine Bedingung zu erfüllen,
ttelle ich Ihrem Ermessen anheim,“ unterbrach
der Freiherr in gemessenem Tone den bienst-
fertigen Gastwirth, „ich hoffe, es wird Ihnen
zelingen“ — —
Zweites Kapitel.

Das »lezante Wohnhaus der Comtesse
Eleonore von Strahlen lag kaum einen Büch—
enschuß von dem Städtchen entfernt, an das⸗
selbe stießen die Oekonomiegebäude, deren
Räume theils zu Stallungen und Remise,
theils zu Wohnungen für den Verwalter der
Strahlen'schen Güter und das Dienstpersonal
henutzt wurden. Der Vater Eleonore's hatte
durz vor seiner Heirath diese Gebäude an
Stelle des alten baufälligen und geschmacklosen
Schlosses aufführen lassen und zu Lebzeiten
mit besonderer Vorliebe die Garten⸗ und
Parkanlagen, welche dieselben umgaben, ge⸗
pflegt. Die Mutter Eleonore's starb bald nach
der Geburl ihres Kindes und all' die Liebe,
velche der Graf von Strahlen zu seiner
schönen tugen dhaften Gemahlin gehegt hatte,
trug er auf ihr Ebenbild über. Aber auch ihm
hatte das Schicksal nur eine kurze Laufbahn
zesetzt, er starb, als Eleonore kaum zwanzig
Sommer zählte. Es war ihm nicht vergönnt,
die Früchte seiner vortrefflichen Erziehungs⸗
methode zu genießen, und wenn er auch über⸗
zeugt sein durfte, daß Eleonore den Weg der
Ehre und der Tugend wandeln werde, so er⸗
schwerte ihm doch die Ungewißheit über diese
Zukunft seines Kindes das Scheiden sehr.
Er hatte oft das schöne mit allen Reizen ge⸗
schmückte Mädchen gebeten, unter den Jüng⸗
ingen, die um ihre Gunst buhlten, die Wahl
zu treffen, er hatte sie oft auf diesen oder
jenen Edelmann aufmerksam gemacht, aber nie
var Eleonore auf seine Ansichten über diesen
Punkt eingangen. Seinen Bitten und Vor—
tellungen hielt sie die Erklärung entgegen,
daß fie nur dem Manne zum Ältar soigen
verde, den das Schicksal ihr zum Gefährien
bestimmt habe; sie vertraue darauf, daß das
        <pb n="288" />
        Herz ihr den Rechten bezeichne; bis derselbe
eintreffe, wolle sie sich gedulden. Mit dieser
Erklärung mußte der Vater sich begnügen,
dessen edler Charakter sich niemals zu einer
Zwangsheirath verstanden haben würde, und
wenn auch oft die Gleichgültigkeit und Kälte
seines Kindes gegenüber den jungen Kavalieren,
die das schöne Mädchen umschwirrten, in sei⸗
ner Seele ernstes Bedenken wachrief. so ver⸗
traute er doch darauf, daß mit der Zeit der
Rechte sich einstellen und dann Eleonore seinen
Wunsch erfüllen werde.

Nach dem Tode des Grafen von Strahlen
dlaubten die jungen Herren leichtes Spiel zu
haben. Nach ihrer Ansicht war Eleonore ein
hülf⸗ und nutzloses Mädchen, eine verzärtelte
unerfahrene Dame, die weder ihren Reichthum
verwalten, noch eine unabhängige Selbststän—
digkeit behaupten konnte und deßhalb so rasch
wie möglich einen Gatten wählen mußte, in
dessen Hände sie alle ihre Interessen niederle—
gen durfte. Aber Eleonore bewies ihnen sehr
rasch, daß diese Ansicht jede Stütze entbehrte.
Sie fühtte die Zügel, welche der Tod des
Vaters in ihre Hände niedergelegt hatte, mit
einer Energie und Kraft, welche Erstaunen
und Bewunderung erregen mußten, und die
ihr unbequemen Freier wußte sie durch die
Erklärung, daß sie es für ihre Pflicht erachte,
fie auf das Nutzlose ihrer Hoffnungen und
Werbungen aufmerksam zu machen, sich fern
zu halten. Sie bewieß ferner ihren theilneh⸗
menden Freunden und Bekannten, daß sie
auch in der Verwaltung der Güter Erfahrung
besaß und daß sie keineswegs so hülf⸗ und
schußlos war, wie jene behaupten wollten.
Der alte Verwalter hatte unler der strengen
Controlle des Grafen keine Gelegenheit gefun⸗
den, sein Schäfchen zu scheeren; kaum ruhte
der alte Herr in der Familiengruft, als der
Verwalter darauf Bedacht nahm, das Ver⸗
säumte einzuholen. Er rechnete auf die Uner—
fahrenheit und Leichtgläubigkeit des gnädigen
Fräuleins; er sollte hereits nach einem halben
Jahre die unangenehme Entdeckung machen,
daß er sich verrechnet hatte.

Eleonore prüfte die Rechnungsablage sehr
charf, und so schlau der Verwalter die Un⸗

lerschleife verdeckt zu haben glaubte, das gnä—
dige Fräulein fand sie und machte, wie man
zu sagen pflegt, kurzen Prozeß. Der Verwal⸗
ter wurde sofort entlassen, Eleonore zahlte
hm eine nicht unbedeutende Summe in Aner⸗
kennung seiner früheren treuen Dienste und
zab ihm den Rath, nach Amerika auszuwandern.
Diese plötzliche Entlassung eines Mannes
der dem Grafen zwanzig Jahre hindurch treu
gedient hatte, erbitterte im ersten Augenblick
die Pächter Eleonore's gegen die neue Herrin;
aber diese Erbitterung wich dem Lobe und
der aufrichtigen Bewunderung, als die Päch⸗
ser den wahren Grund jener Entlassung er⸗
fuhren. Die Mildthätigkeit und Menschen⸗
reundlichkeit Eleonore's, die Herzensgüte und
die strenge Gerechtigkeit, die sie auch dem
Beringsten unter ihren Dienern zu Theil
werden ließ, und der warme Antheil, den sie
an dem Wohl und Wehe eines Jeden nahm,
gewannen ihr rasch die Herzen Derjenigen,
die mit ihr in Berührung kamen.
(Fortsetzung folgt.)
Logogryph.
So ist der Mensch! Zwei kleine Sylben gelten
Für's höchste Gut in allen beiden Welten.
Und sind es dennoch nicht.
Denn wehe, wem nicht dreimal theurer wäre,
Als dieses Wörtchen, seines Namens Ehre
Und seine Pflicht.
In jedem Wesen sluhten seine Kräfte,
Es treibt im Kreis die nahrungsvollen Säfte,
Und es bewegt den Geist.
Im Glanze siehst du es auf hohen Thronen,
Bei denen glücklich, die in Hütten wohnen.
Wie Hölty vreis't.
Kehr' seine Zeugen, und mit grauen Wogen
hält es ein Feenland oft überzogen,
Doch lange, Leser, nicht.
Hat Helios sein Goldgespann bestiegen,
Siehst du die dunkeln Fluthen schnell besiegen,
Und es wird Licht.
Vor deinem Blicke blühen Paradiese,
Es steigt der Berg, es öffnet sich die Wiese,
Es wallt der Ströme Silberband;
Und tausend bunter Sänger helle Lieder,
Sie schallen durch die weiten Lufte wieder
Durch's frohe Land.
Auflösung der zweifilbigen Charade in Nr. 70 des
Unterhaltunasblattes: Tagdieb.“
Druck und Verlag von F. X. Demesß in St. Ingbert.
        <pb n="289" />
        Anterhaltungsblatt

Am
St. Ingberter Anzeiger.
Xr. 75. Dienstag, den 27. Juni

1871.
Ein dunkles Geheimniß.*)
Novelle von
Ewald August König.

Die Waffen, welche der Freiherr wählte,
waren nicht immer eines Edelmannes würdig.
Unter der Maske aufrichtiger Freundschaft
näherte er sich seinem Nebenbuhler und es
gelang ihm, sich das Vertrauen des Barons
iowohl wie auch das der Comtesse zu erwerben.
Und diese Freundschaft schob er als Grund
einer Warnung vor, als er die Comtesse auf
die Untreue, den Leichtsinn und die Charak—-
erlosigkeit ihres Verlobten aufmerksam machte.
Die Verleumdung findet stets ein offenes Ohrz
venn auch Eleonore dem Freiherrn gegenüber
hren Verlobten in Schutz nahm, so dachte
sie doch im Stillen über die Worte desselben
nach und dem Baron konnte es nicht verbor⸗
zen bleiben, daß die Comtesse zurückhaltender
gegen ihn wurde. Er bat sie, ihm den Grund die⸗
er Zurückhaltung zu nennen, und Eleonore
theilte ihm denselben ohne Rückhalt mit. Das
Resultat dieser geheimen und ziemlich stürmi—
schen Unterredung war die Herausforderung
des Barons, welche der Freiherr ohne Wider⸗
rede annahm.

Das Duell sollte im Parke der Comtesse
stattfinden, in der Nacht vor dem festgesetzten
Taçe entleibte ber Baron fich. Der Freiherr
fand sich pünktlich auf dem Duellplatze ein,
er verließ denselben erst, nachdem er seinen
Begner drei Stunden vergeblich erwartet und
der Secundant des Barons erklärt hatte, der
Freiherr habe seine Verpflichtungen als Esren—
mann vollständig erfüllt. —

Eleonore ahnte von diesen Ereignissen
nichts, die Herausforderung war ihr g heim
zehalten worden, sie erwartete an diesemn Tage
den Besuch ihres Verlobten, der ihr briench

(Fortsetzung.

Der Baron von Reden hatte die Comtesse
in der Residenz kennen gelernt; der sittliche
Ernst, die Charakterfestigkeit und das ritterliche
Benehmen dieses Edelmannes machten einen
günstigen Eindruck auf Eleonore, sie erkannte
in ihm gewissermaßen das Ebenbild ihres
Vaters und als der Baron sich ihr zu nähern
versuchte, ließ sie es geschehen, ohne indeß
durch Gunstbezeugungen dazu aufzumuntern.
Im Laufe der Zeit bildete sich ein freund⸗
schaftliches Verhältniß zwischen den jungen
Leuten, welches sehr bald zur Verlobung und
Hochzeit geführt haben würde, wenn nicht der
Freiherr von Braß der Comtesse über die
Lebensweise des Barons plötzlich die Augen
geöffnet hätte. Der Freiherr bewarb sich schon
seit einem Jahre vergeblich um die Gunst der
r ichen Comtesse, deren Herz und Hand er
im Sturme erobern zu können gehofft hatte.
Er stand bereits auf dem Punkte, sich zurück⸗
zuziehen, und dem Gedanken an die Heirath
mit Eleonore zu entsagen, als der Varon
von Reden auf dem Schauplatze erschien. Der
glänzende Erfolg, den alle Bemühungen des
Barons fanden, weckte und nährte in der
Seele des Freiherrn den Neid, und er glaubte
es jetzt seiner Ehre schuldig zu sein, den
Kampf mit dem begünstigten Rebenbuhler an⸗
zunehmen.
        <pb n="290" />
        mitgetheilt hatte, er werde bei diesem Besuch
äch wegen der über seinen Lebenswandel und
Tharakter in Umlauf gesetzten Gerüchte vor
ihe rechtfertigen.

Sie erwartete ungeduldig die Ankunft
des Rarons; es drängte sie, ihm zu erklären,
daß sie in die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung
und die Festigkeit seines Charakters niemals
Zweifel gesetzt habe, daß sie alle jene Gerüchte
nur für Erfindung eines böswilligen Verleum—
ders halte, und daß sie bereit sei, ihre ganze
Zukunft vertrauensvoll in die Hände des Ver⸗
lobten niederzulegen.

Da trat an Stelle des sehnlich erwarteten
Barons kurz nach Tisch der Freiherr in das
Boudoir der Comtesse und Eleouore las augen⸗
blicklich in den Zügen des Eintretenden, daß
er der Ueberbringer einer Hiobspost war.

Eine entsetzliche Ahnung tauchte in ihrer
Seele auf, sie erinnerte sich, daß sie vor we⸗
nigen Tagen dem Baron den Namen seines
Verläumders genannt hatte, und an diese
Erinnerung knuͤpfte die begründete Befürchtung
sich, doß der Verläumdete Genugthuung ge⸗
fordert habe und im Zweikampf mit seinem
Gegner geblieben sei.

Sagen Sie mir offen und ohne Um⸗
schweife die Wahrheit, rief sie in fieberhafter
Aufregung dem Freiherrn entgegen. Sie ha⸗
ben ein Rencontre mit dem Baron gehabt
und Ihr Gegner — „Gnädiges Fräulein,
der Baron von Reden ist weder Ihrer Theil⸗
nahme noch Ihrer Achtung werth,“ unterbrach
der Freiherr sie ruhig, „die Ereignisse der
vderflossenen Nacht haben bewiesen, daß er
niweder ein Feigling war, oder daß eine
schwere Schuld auf seinem Gewissen lastete.
Der Baron von Reden steht vor einem höheren
Richter, wir wollen über seine Vergangenheit
den Manftel der Liebe werfen.“ Stier, mit
dem Ausdruck namenlosen Entsetzens, ruhte
der Blick Eleonore's auf den Zügen des Edel⸗
mannes, der nach jenen mit erschütterndem
Ernst gesprochenen Worten sich in einen Sessel
zesetzt hatte und jetzt mit seinem feinen Bat—
—

Der Baron von Reden steht vor einem
höheren Richter? Uns Sie — „Ich habe
leine Schuld an seinem Tode, aber ich ver⸗
sichere Sie, es wäre mir lieber gewesen, wenn

in ehrlichen Zweikampfe meine Hand in nie—
zergestreckt hätte. Was ihn bewogen hat, selbst
Hand an sein Leben zu legen, und zwar in
der Nacht, die einem Tage vorherging, an
velchem er mit bewaffnetem Arm seine Ehre
vertheidigen sollte, ist mir ein Räthsel.“

Die Comtesse hatte sich rasch erhoben, fie
legte ihre feine weiße Hand auf die Schulter
des Freiherrn und blickte ihm so scharf und
unverwandt ins Auge, als ob sie die Hoffnung
hege, auf den Grund seiner Seele dringen zu
önnen.

Das kann nicht wahr sein, Herr Baron,
'agte sie mit dumpfer, tonloser Stimme, hören
Sie, es kann nicht wahr sein. Was Sie mir
nuch über die Vergangenheit meines Verlobten
nittheilen mögen, so tief kann er nicht ge—
unken sein, daß er sich selbst entleibt haben
oll. Freiherr von Braß, wenn mein Ver—⸗
obter todt ist, so klebt sein Blut an Ihren
dänden, Sie — Sie haben ihn gemordet.

Glühender Haß loderte plötzlich in den
dunklen Augen des Freiherrn auf, aber in
der nächsten Sekunde nahmen seine Züge
wieder den Ausdruck der herzlichen Theilnahme
an. „Ich vergebe Ihnen diese Worte, Eleo⸗
nore,“ erwiderte er, „die Aufregung des
Augenblicks entschuldigt sie. Sie sagen, der
Baron von Reden könne nicht so tief gesun—
len sein, und ich finde dareuf keine andere
Erwiderung, als daß ich das Räthsel nicht
zu lösen vermag, welches er uns hinterlassen
jat. Der Baron von Reden war mein Freund
zis zu dem Augenblick, in welchem ich über
eine Vergangenhet Kenntniß erhielt; ich
varnte Sie, weil ich es für meine Pflicht
zjielt, Ihnen den Abgrund zu zeigen, vor
velchem Sie standen. Der Baron forderte
Benugthuung, ich erklärte mich bereit, sie ihm
zu geben, das Duell sollte heute Morgen in
Ihrem Parke stattfinden. Der Zufall wollte,
daß wir die Reise hierher gemeinschaftlich
nachten, wir nahmen Beide in D. im Gast⸗
hofe „jum weißen Roß“ Quartier. Heute
Morgen erwartete ich auf dem Duellplatze
bergeblich meinen Gegner, man fand ihn spaͤ—
ter todt in seiinem- Zimmer und der Kreis⸗
ohysikus hat im Protokoll den Selbstmord
onstatirt.“

Schweigend hatte Eleonore den Bericht
        <pb n="291" />
        angehört, noch immer ruhte ihr Blick forschend
auf dem Freiherrn. Ich wünsche das gericht⸗
liche Protokoll einzusehen und Sie werden die
Güte haben, mich zum Richter zu begleiten,
sagte sie nach einer geraumen Weile. „Ich stehe
ganz zu Ihrer Verfügung, Eleonore,“ entgeg—
nete der Freiherr ruhig. „Wünschen Sie, daß
die Leiche in geweihter Erde ruhe, so bin
ich bereit, die nöthigen Schritte zur Erfüllung
dieses Wunsches zu thun.“

Eleonore schwieg, sie zog die Glocke und
befahl dem Kutscher, unverzüglich anzuspannen.
Befindet die Leiche sich noch im Gasthofe?
fragte sie nach einer Pause. Der Freiherr
zuckte die Achseln. „Es liegt im Inleresse des
Gastwirths, sie so rasch wie möglich fortschaf⸗
fen zu lassen, ich möchte sehr bezweifeln —“

Gut, wir werden vorfahren und den Gast⸗
wirth darüber befragen. Ich will den Todten
sehen. „Von dieser Begleitung möchte ich Sie
bitten mich zu entbinden,“— sagte der Freiherr
rasch. „Die lalten, verzerrten Züge eines
Todten haben —“

Herr Baron, ich wünschte Ihre Begleitung
fiel Eleonore ihm mit scharfer Betonung in's
Wort. „Ich habe bisher noch keinen Mann
gefunden, der sich vor einem Todten fürch—
lete; ich hoffe, Sie werden mir zu Liebe
diese Furcht überwinden können. „Aber, wozu
diese Aufregung, Elconore?“ fuhr der Frei—
herr fort. „Begnügen Sie sich mit der Durch⸗
sicht des gerichtlichen Protokolls, so wird
das Bild Ihres Verlobten Ihnen bewahrt
bleiben, wie es —“

Verlieren wir weiter keine Worte dar⸗
über. Kommen Sie, der Wagen steht bereit.
Während der Fahrt versuchte der Freiherr zu
verschiedenen Malen, die Unterhaltung wieder
anzuknüpfen, aber seine Versuche scheiterten an
der Einsilbigkeit der jungen Gräfin, die, in
Sinnen versunken, unverwandt in die Land⸗
schaft hinausblickte. Was in diesem Augenblick
in der Seele des Mädchens vorging, konnte
der Freiherr nicht ergründen, aber es entging
ihm nicht, daß ein gewaltiger Sturm dieselbe
durchtobte.

Der Richter legte der jungen Dame das
Protokoll vor; nachdem Eleonore dasselbe
aufmerksam gelesen hatte, beauftragte sie den
Kutscher, zum Gosthofe zu fahren. Die Leiche

des Barons lag noch immer in Nummer Sie—
henzehn, sie sollte am Abend in das städtische
srankenhaus gebracht werden und dort bis
zur Beerdigung bleiben.

Folgen Sie min, besahl die Comtesse
hren Begleiter in einem Tone, der keinen
Widerspruch duldete. „Ihnen zu Liebe, Eleo⸗
nore,“ erwiderte der Freiherr leise, während
er an ihrer Seite die Treppe hinaufstieg.

Der Wirth öffnete die Thür des Zim—
mere und zog sich, dem Wink der jungen
Dame gehorchend, zurück.

Der erste Blick Eleonore's prüfte die in⸗
aere Einrichtung des Zimmers, er ruhte eine
zeraume Weile auf den beiden Thüren und
den Fenstern. Dann näherte sie sich langsam
dem Lager des Todten. Der Wirth hatte
über die Leiche ein Tuch gebreitet.

„Schlagen Sie die Decke zurück,“ wandte
Elesnore sich zu den Freiherrn, der ohne
Widerrede diesem Vefehle Folge leistete. Lange
betrachtete das junge Mädchen die bleichen
Züge des Verlobten, über die der Engel des
Todes ein Lächeln des Friedens gebreitet
jatte, dann traf plötzlich mit der Schnelligkeit
des Blitzstrahls ihr Blick den Freiherrn, der
nit kaltem Gleichmuth in das Gesicht des
Todten schaute. Glauben Sie, daß der Baron
in ungeweitzter Erde begraben wird? fragte sie.
„Wenn keine Schritte geschehen, dies zu ver⸗
hüten, Ja,“ erwiderte der Freiherr gelassen.

Gut, so werde ich die Leiche zur Refidenz
bringen und sie dort in unserer Familiengruft
beisctzen lassen, fuhr Eleonore entschlossen fori.
Sie wissen nicht, wo augenblicklich der Bru⸗
der des Barons weilt? Der Freiherr zuckte
die Achseln. „Baron Oscar von Reden ist
mir nur dem Namen nach bekannt; wenn ich
nicht irre, trat er vor einigen Jahren eine
lsängere Reise nach Afrika an, von der er
wahrscheinlich noch nicht zurückgekehrt ist.“

So werde ich im Namen des Baron
Oscar die Hinterlassenschaft meines Verlobten
in Empfang nehmen und sie später den be—
rechtigten Erben überliefern. Haben Sie die
Büte, dem Gastwirth und dem Bürgermeister
zu erklären, daß ich die Sorge für die Beer—⸗
igung übernehmen werde. Der Freiherr
chüitelte bedenklich den Kopf. — „So fehr
cch auch die Gründe ehren muß, welche Sie
        <pb n="292" />
        zu diesem Vorhaben bewegen, kann ich doch
nicht unterlassen, Sie darauf aufmerksam zu
machen, daß Ihre Familiengruft nicht der
geeignete Ort zur Ruhestätle eines Selbstmör⸗
ders sein dürfte; ich hege die Ueber⸗
zeugung —“

Daß die Comtesse Eleonore v. Strahlen
sich in der Ausführung ihres Entschlusses we⸗
der durch die Ansichten eines Einzelnen, noch
durch das Urtheil der öffentlichen Meinung
heirren lassen wird, unterbrach Eleonore ihn
mit gemessenem Ernst. Wenn Sie diese Ueber⸗
zeugung degen, so werden Sie sich in dersel⸗
den getäuscht finden. Gehen Sie, Herr Baron,
und theilen Sie dem Bürgermeister meinen
Entschluß mit, ich werde die Ausführung des⸗
selben schon heute Abend beginnen. Wollen
Sie mich nach drei Tagen wieder mit Ihrem
Besuch beehren, so sollen Sie mir willkommen
sein. Der Freiherr verbeugte sich schweigend
und verließ das Zimmer.

Hier kann kein Verbrechen vorliegen, mur⸗
melte Eleonore, als sie sich allein befand,
und doch ist es mir unmöglich zu glauben,
vaßß Theodor am Vorabend einer schönen,
Rücklichen Zukunft sich mit eigener Hand den
Dolch in's Herz gestoßen haben soll! Wer
mir das Räthsel lösen könnte! Wie kalt und
ruhig der Freiherr mir die Hiobspost brachte!
Weshalb weigerte er sich, mich hierher zu be—
zleiten? Und doch — als ich ihm befahl,
das Antlitz des Todten zu enthüllen, zuckte
keine Fiber in seinem Gesicht.

Noch einen letzten Blick warf die Comtesse
auf die Züge ihres Verlobten, dann verließ
sie langsam das Zimmer und den Gast⸗
hof. In ihre Wohnung zurückgekehrt, befahl
le einem Diener, in das Städichen zu eilen
und den Doctor Sand zu bitten, sie unver⸗
‚züglich zu besuchen. Der Arzt kam dieser
Bitte sofort nach, kaum eine halbe Stunde
var seit der Heimkehr der Comtesse verstrichen,
als der junge Doctor schon bei iht eintrat.

„Sie werden bereits gehört haben, daß
wein Verlobter, Baron Theodor von Reden,
iich in verwichenee Nacht in dem Gasthofe
‚zur Sonne“ entleibt hat,“ sagte Eleonore,
nachdem der Arzt Hut und Stock abgelegt

jatte. „Daß Gesetz bestimmt, daß die Leiche
ines Selbstmörders nicht in geweihter Erde
uhen soll, deßhalb habe ich mich entschlossen,
neinem Verlobten in der Gruft meiner Ahnen
zie Ruhestätte anzuweisen. Mein Kutscher
vird die entseelte Hülle in der nächsten Racht
ur Residenz bringen, ich wünsche, daß die—
elbe vor ihrer Beiseßung einbalsamirt werde;
iesen Wunsch zu erfüllen, habe ich Sie er—
oren, ich bin überzeugt, Sie werden sich dem
duftrage gern unterziehen.“ „Wenn Sie es
vünschen, zewiß,“ erwiderte der Arzt, „dann
iber möchte ich Sie bitten, die Leiche
erst nach der Einbalsamirung von hier ab⸗
ühren zu lassen.“
(Fortsetzung folgt.)

Mannigfalliges.
Sorüche.
Den Berliner Rathhauskeller zieren fol—
ende, nach Beginn des Krieges dort angebrachte
Sprüche:
Wollt' mir der Himmel an Geld und Gut
ZFin wenig mehr als ich brauche, bescheeren,
Dann will ich recht gerne mit frohem Muth
Die größten Strapazen des Lebens entbehren.
Daß Bayrisch Bier auch Helden nährt,
Das haben die Bavern in Frankreich gelehrt.
Ein fein Plätzchen, ein fein Schätzchen,
Ein fein Späßchen, ein fein Gläschen,
Ein fein Weinchen oder Bierchen,
Dieses ist so mein Pläsirchen.
Des Durstes Gluth verschließt kein Trank noch
Zauberwort.
Je mehr man sie begießt, je toller brennt sie fort.
Bayrisch Bier aus Bayerns Malz,

Wein und Mädel aus Bayerns Pfalz,

Sind drei schöne Dinge, dächt' ich,

Schon wer eins hat, — schmeckst du prächtig!
Alt werden — steht in Himmels Gunst,
Jung bleiben — das ist Lebenskunst.

Sinnspruch.
Jeder nach seinem Sinn wählt seiner Freude Ort,
Der Rosenkäfer hier, und der Mistkäfer dort.
(Rüscckert.)
Druck und Verlag von F. X. Dewment in St. Ingbert.
        <pb n="293" />
        AUnterhaltungsblatt

F i

4
—St. Ingberter Anzeiger.
r. 76. Donnerstag, den 29. Juni

*
1871.
Ein dunkles Geheimniß.*

„der Richter hat mich mit dem Ergebniß der
Todenschau und dem Inhalt des Protokolls
bekannt gemacht und ich muß gestehen, daß
neine Ansicht mit der meines Collegen voll—
tändig übereinftiamt. Sie wollen die Leiche
anbalsamiren lassen, für den Fall, daß Sie
päter vielleicht Ihre Ahnungen und Vermuth—
ingen begründet finden ? Und eben deßhalb
pünschen Sie, daß dies Jedem außer Ihnen
ind mir ein Geheimniß bleiben möge?“

So ist eßs. „Dann würde ich Ihnen
athen, diese Operation hier vornehmen zu
assen. Sie müssen in der Residenz die poli—
eiliche Genehmigung einholen, Ihre Diener
n das Geheimniß einweihen und außerdem
Vorkchrungen zum Schutze gegen Späheraugen
reffen. In Ihrem Parke steht ziemlich ver—
tectt eine kleine Einsiedelei; ich glaube, daß
elten einer Ihrer Diener oder Ihrer Gaste
ich dorthin verirrt; würden Sie sich enlschlie—
zen können, dieses Häuschen zur Ruhestätte
ür den Todten herzugeben?“

Gewiß, wenn Sie glauben, daß dasselbe
diesem Zweck entspricht. „Gut, so lassen Sie
die Leiche durch Ihren Kutscher abholen und
nuf einem Umwege dorthin bringen, ich werde
ie in Empfang nehmen und für die nö—
higen Spezereien noch im Laufe des Abends
Zorge tragen.“

Die Comtesse erhob sich. Ich werde meinen
dutscher aneisen, den Weg zur Resideunz
inzuschlagen, damit kein Verdacht erregt wird,
agte sie; da wir ihn in das Geheimniß ein—
veihen müssen, so kann er Ihnen auch fpäter
züllfreiche Hand leisten. Was Sie bedürfen,
asser Sie mich durch ihn missen, ich stelle

* MNovelle voon.
Ewald August Konig.
Worhehung.)

Eleonore schüttelte ungeduldig das Köpf⸗
hen. Ich habe trüftige Gründe, mein Vor—
haben geheim zu halten, Herr Doctor, und
ich vertraue dabei auf Ihre Verschwiegenheit.
Reisen Sie morgen ab, ein Vorwand ist ja
bald gefunden. der Ihre Abwesenheit für
einige Tage entischuldigt. „Sie dürsen auf
meine Verschwiegenheit rechnen, gnädiges Fräu⸗
lein, wenn ich auch nicht begreife, welche Gründe
Sie bewegen können —“

Sie haben Recht, fuhr die Comtesse fort.
Halbes Vertrauen, wohlan, ich will Ihnen
diese Gründe nennen, selbst auf die Gefahr
hin, daß Sie dieselben ungerechtfertigt oder
dar thöricht fiuden. Ihr College, der Herr
Kreisphysikus, hat zu Protokoll erklärt, daß
mein Verlobter selbst sich entleibt habe, und
wenn ich auch zugeben muß, daß durchaus
lein Beweis vorliegt, der die Möglichkeit
eines Criminalverbrechens zulüßt, so kaun ich
mich doch des Gedankens nicht erwähren, daß
hier ein solches Verbrechen stattgefunden hat.
Dieser Verdacht stützt sich freilich nur auf eine
Ahnung, nichts desto weniger gereicht es
meinem Schmerze über den Verlust des Ge—
liebten zum Troste, daß ich an diese Ahnung
mich anklammern kann. Der Arzt zuckte zwei⸗
felnd die Achseln. „Ich sinde diese Ahnung
aatürlich aber unbegründet,“ entgegnete er,

1254

—*
        <pb n="294" />
        ihnen alles zur Verfügung. Für den Sarg
bitte ich Sie ebenfalls Sorge zu tragen.
„Vertrauen Sie mir diese ganze Angelegenheit
an und halten Sie sich der Einsiedelei fern,
bis ich Sie benachrichtige, daß Ihr Befehl
oollständig ausgeführt ist,“ erwiderte der Arzt,
während er sich der Thür näherte. „Ich hoffe,
Ihnen binnen acht Tagen diese Nachricht brin⸗
gen zu können.““
Driktes Kapitel ..

Ungefähr vierzehn Tage waren seit jenem
Ereigniß, welches den Bewohnern des Städt⸗
chens so reichen Stoff zur Unterhaltung ge⸗
liefert hatte, Iwerstrichen, und noch immer weilte
der Freiherr von Braß im Gasthofe zum
weißen Roß. Er besuchte fast täglich die Com⸗
sesse, und das Gerücht wollte bereits behaup⸗
ten, Eleondre von Strahlen habe nicht allein
den Verlust verschmerzt, sondern auch schon
an dem Freiherrn Ersatz gefunden.

Dies Gerücht war indeß vollständig aus
der Luft gegriffen. Allerdings gab der Frei—
herr sich alle erdenkliche Mühet, Herz und
Hand der Comtesse zu erobern und es schien
Zuch fast, daß er seinen Zwech erreichen werde,
aber bisher hatte Eleonore ihm noch keinen
Beweis ihrer Gunst gegeben. Sie empfing ihn
stets freundschaftlich, sie forderte ihn oft auf,
fie auf einem Ausflug zu Pferd oder im
Wagen zu dbegleiten, sie duldete sogar, daß er
hie und da in der Verwaltung ihrer Güter
nit Rath und That ihr zur Seite ging;
er bei all dieser Freundschaft und Hoflich⸗
teit blieb sie stets in den Schranken einer
zalten Gemessenheit und dem Freiherrn wollte
es nicht gelingen, jene Schranken zu stürzen.
Das verstimmte und erbitterte ihn, und er
var so unklug, eines Abends der Comtesse
den Grund seiner Verstimmung unverholen
mitzutheilen.

Eleonore hörte ihn ruhig an und zuckte
mit einer Geberde verletzender Geringschätzung
die Achseln. Weßhalb Sie auf die Freude in
der Residenz verzichten, um hier in einem
obscuren Landstädtchen den schönen Herbst zu
berbringen, weiß ich sehr genan, erwiderte sie
ruhig. Aber od und waunn Sie ihren Zweck
erreichen werden, ist eine Frage, deren Beant⸗
wortung der Zutunft üverlassen bleiben muß.

Bedulden Sie sich, Herr Baron, je schöner
und glänzender das Ziel, desto mühsamer und
steiniger ist der Weg, der zu ihm führt.

Diefse Erklärung, mit welcher der Freiherr
sich begnügen mußte, war ziemlich zweideutig.
Der Freiherr aber glaubte in ihr den Beweis
einer wachsenden Gunst zu entdecken. Zu An⸗
fang des Monats October kehrte im Gasthofe
zum weißen Roß ein junger Mann ein, der
iich gleich nach seiner Ankunft sehr angelegent⸗
lich nach der Wohnung, den Verhältnifssen
und den Gütern der Comtesse von Strahlen
erkundigte und im Laufe der Unterhaltung
mit dem Gastwirth vie Bemerkung fallen ließ,
er sei geneigt, die erledigte Verwalterstelle zu
ibernehmen, wenn die damit verknüpften Be⸗
dingungen seinen Wünschen und Anforderungen
ntsprächen. Der Gastwirthebeeilte sich, dies
dem Freiherrn von Braß mitzutheilen, und
der letztere sah sich durch diese Mittheilungen
beranlaßt, den jungen Mann sich vorstellen zu
lassen.

Comlesse von Strahlen hat mich beauf⸗
kragt, den Verwalter zu engagiren, sagte er
nachdem er den hübschen elegant gekleideten
derrn vom Scheitel bis zur Sohle gemustert
hatte; wenn Sie die Güte dab'n wollen, mir
nn mein Zimmer zu folgen, so werde ich Ihnen
dort die nähern Bedingungen mittheilen.

Der junge Mann verbeugte sich, und
jolgle schweigend dem Edelmanne, der sich in
einem Zimmer mit varnehmer Nonchalance in
einen Sessel warf und durch eine herablassende
Handbewegung seinen Begleiter aufforderte,
ebenfalls Platz zu nehmen.

„Ihr werther Name?“ „Oito Stern.“

Sie haben die Oekonomie studirt? „Nicht
allein theoretisch, sondern auch praktisch, wie
dieß meine Zeug nisse bestätigen.“

Der Freiherr entfaltete die Zeugnisse,
welche der Oekonom ihm überreichte und sah
sie flüchtig durch. Sie waren in Schlesien?
‚Ja und es wird Ihnen nicht unbekannt sein,
daß die schlesischen Gutsbesizer —“

Sehr tüchtige Oekonomen sind, ich weiß
es. Sie werden finden daß die Comtesse von
Strahlen sich bedeutende Kenntnisse in der
Detonomie angeeigget hat. „Das wird mir
tieb sein,“ entgegnete der junge Mann
ruhig.
        <pb n="295" />
        Das Gehalt beträgt bei freier Wohnung
tausend Thaler jährlich, wenn Sie aber vor⸗
siehen, in der herrschaftlichen Küche zu spei⸗
sen, so — Ich verzichte auf diesen Vortheil
und erkläre mich mit dem Gehalte zufrieden.“

Sie werden halbjährlich Rechnung able⸗
gen, die ich prüfe; auch erwarte ich, daß
Sie sich in allen auf die Verwaltung der
Güter bezüglichen Angelegesheiten zuerst an
mich wenden. Ueber die Lippen des jungen
Mannes glitt ein Lächeln des Hohns. „Ich
unterwerfe mich diesen Bedingungen,“ erwiderte
er, „obschon diese Vermittlung zwischen der
Gutsherrschaft und dem Verwalter —“

Diese Vermittlung findet darin, daß die
Butsherrschaft eine junge Dame ist, ihre
Berechtigung, unterbrach der Freiherr ihn ge⸗
messen, ich ersuche sie, sich jeder Bemerkung
darüber zu enthalten. Sie kennen nun die
Bedingungen und ich erwarte von Ihnen die
einfache Erklärung, ob Sie dieselben anerkennen
wollen. In diesem Falle stelle ich Sie morçen
der Comtesse vor. „Ich nehme das Engage⸗
ment unter den gestellten Bedingungen an,“
sagte der Otkonom nach einer kurzen Pause.

Gut, so finden Sie sich morgen früh
zwischen zehn und elf Uhr in der Wohnung
der Gräfin ein, Sie werden mich dort treffen.
Nach diesen Worten erhob der Freiherr sich,
zum Zeichen, daß er die Unterredung als
beendet beirachte, und der Verwalter schien
mit dem Resultat ganz zufrieden zu sein. Er
verwendete den Rest des Tages zu einem Be⸗
such bei dem Bürgermeister und zu einem
Spaziergange an und kehrte erst am Abend
in den Gasthof zurück. Er fand im Speise—⸗
saale eine kleine Gesellschaft die aus den No—
tabeln des Städtchens bestand, und er nahm
keinen Anstand, der Aufforderung des Bür-
germeisters, der ihn einlud, sich an ihrer
Unterhaltung zu betheiligen, Folge zu leisten.

Das Thema dieser Unterhaltung betraf
wiederum die Ereignisse jener Septembernacht,
die zu Zeiten noch immer die Stadtgespräche
bildeten. Die Meinungen und Ansichten waren
getheilt, der Bürgermeister und der Kreisrich⸗
ter hielten noch immer an dem Verdacht fest,
daß der Baron ermordet worden sei, während
der Kreisphysikus, der Doktor Sand und
der Gastwirth bei der Behauptung beharrten,

daß der Selbstmord nicht bezweifelt werden
könne.
Der Dekonom wurde aufgefordert, chenfalls
seine Ansicht zu äußern, und der Kreisphy⸗
sikus übernahm es, dem jungen Manne je—
nes Ereigniß mitzutheilen.

Während dieser Mittheilung war der
Freiherr eingetreten, er stand dem Oekonom
zegenüber und sein Blick ruhie lauernd mit
dem Ausdruck gespannter Erwartung auf den
Zügen des Verwalters.

Ich begreife in der That nicht, daß man
hier noch Zweifel hegen kann, erwiderte Stern
als der Arzt schwieg, nach meiner Ansicht ist
der Fall so klar wie die Sonne. Auf welchem
Wege sollte der Moörder das Zimmer verlassen
haben, wenn man Fenster und Thüren ver⸗
chloffen fand? Mögen die Beweggründe ge⸗—
wesen sein welche sie wollen, so viel steht fest,
daß hier von einem Criminalverbrechen keine
Rede sein kann. Der Freiherr gab durch ein
Topfnicken zu erkennen, daß er dieser Ansicht
beipflichtete. „Es ist eine bekannte Thatsache,
daß man in einem kleinen Landstädtchen jedes
außergewöhnliche Ereißniß von verschiedenen
Seiten so lange zu beleuchten pflegt, bis man
dinter demselben irgend ein dunkles Geheimniß
entdedtt hat, welches dann für eine lange
Zeit zu Vermuthungen und interessanten Wori⸗
gekechten reichen Stoff bietet, sagte er.

In jeder großen Stadt würde man sich
damit begnügt haben, die Thatsache zu con—
tatiren, nach acht Tagen wäre sie vergessen
zewesen. „Hier wird man noch nach fuͤnf
Jahren darauf zurückkommen,“ nahm der
Wirth das Wort, „und mein College in der
Joldenen Traube reibt ob dem Spektakel ver⸗
znügt sich die Hände.“

Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß
jenes Ereigniß dem guten Rufe Ihres Gast⸗
hofes Abbruch gethan hat ? fragte der Ver ⸗
valter. „Dem guten Rufe 7“ fuhr der Gaft⸗
virth achselzuckend fort. „Gott sei Dank,“ der
teht fest. aber was thue ich mit dem guten
Rufe meines Gasthofes, wenn die Gäste aus—
zleiben? In Nummer Siebenzehn will Niemand
ogiren, sogar mein Hausknecht hat sich ge—
veigert, nur eine Nacht in dem Zimmer zu
schlafen. Ich habe den Herrn Baron von
        <pb n="296" />
        Braß gebeten, daß Zimmer acht Tage hindurch
zu bewohnen —“

Es mag ein thörichtes Vorurtheil sein,
ich gebe es zu, unterbrach der Freiherr ihn,
aber die Vorurtheile, die man mit der Mut⸗
termilch eingesogen hat, kann man so rasch
nicht überwinden. Ich bin weit entfernt, au
alberne Spukgeschichten zu glauben, aber auch
die stärksten Geister haben schwache Augenblicke
in denen die Phantasie ihren Vernunftgründen
ein Schnippchen schlägt. „Bah, auf einen
olchen schwachen Augenblick wollte ich es ruhig
ankommen lassen,“ sagte der Verwalter. „Ich
werde in Nummer Siebenzehn schlafen, Hert
Wirth, haben Sie die Güte, das Zimmer in
Ordnung bringen lassen.“

Sie können es augenblicklich beziehen, er⸗
wiederte der Wirth, über dessen Züge ein
freudiges Lächeln-glitt. Der junge Mann er—
hob sich. „Gut, so werde ich auch nicht länger
zögern.“

Sollte Ihnen etwas begegnen, ich schlafe
nebenan, rief der Freiherr mit unverkennbarem
Hohn dem Verwalter nach, der diese Bemerk-
ung keiner Erwiederung würdigte.

Der Wirth führte seinen Gast in das,
Zimmer und bat ihn, sich bdurch die Sar⸗
asmen des Herrn Barons nicht beirren zu
lassen, er sei uüberzeugt, der junge Herr werde
in dem Himmelsbett ganz vortrefflich schlafeu.
Darauf erwiederte Stern, daß er diese Ueber⸗
eugung theile umspmehr. als er sich sehr
ermüdet fühle.

Aber trotz dieser Ermüdung ging der junge
Mann erst spät nach Mitternacht zur Ruhe.
Er unterwarf vorher das Zimmer einer seht
orgfältigen Prüfung und schrieh darauf einige
Briefe, die er, nachdem er sie gesiegelt und
adressirt hatte, unter sein Kopftissen legte.
Als er am nächsten Morgen in den Speise⸗
saal trat, sah er sofort den Blick des Frei⸗
herrn lauernd mit dem Ausdruck gespannter
Erwartung auf sich gerichtet. 7*5274

Nun dð höhnte der Freiherr, ist Ihnen das
zroße Kunststück gelungen ? „Wie Sie schen,“
erwiderte der Verwalter gelassen.

Sie scheinen übrigens für den Fall ein s
Beisterbesuches sehr umfassende Vorsichtsmaß⸗

regeln getroffen zu haben. „Woraus glauben
Zie das zu schließen ?“

Daraus, daß Sie daß Licht bis Mitter⸗
nacht brennen ließen. „Ich schrieb einige Briefe,
die sehr eilig waren.“

Der Freiherr hatte sich inzwischen erhoben.
Ich stehe im Vegriff, die Comtesse von Strah⸗
en zu besuchen, sagte er, indem er seinen
Zut nahm, wollen Sie mich begleiten, so
önnen Sie schon nach einer halben Stunde
das Engagement abgeschlossen haben. Der
VBerwalter erklärte sich dazu bereit und die
heiden Herren verlicßen jetzt unverweilt den
Basthof. F

Gortsetzung folgt.)

Bei dem Pfingst⸗ und Friedensfest der
Deutschen in Albany, (Staat New York war
u. a. folgende Inschrift zu lesen:

Wilhelm sprach, ich möcht' die Deutschen

Doch mal groß und ei nig schau'—l/

Banz gelassen sprach der Moltke:

Ich versteh' mich nur auf's Hau'n!/

Mannigfaltigs.

Nun, so hau' doch! sprach der Bismarch,
Daß der Geist sich einmal rührt,

Dann besorg' ich schon die Einheit,
Und — er hat's auch ausgeführt!
Eine besondere Lieblingsneigung, welche
vas Ausland den Deutschen zuschreibt, näm—
ich der Wursteultus, wurde in folgender
Strophe gefeiert, die auf einem Festwagen des
Metzgerwerkes prangte:

Friedlich in des Fleischers Streben,

Mit zermalmender Gewalt

Geht er Ochsen an das Leben,

Macht er Schöpt und Schweine kalt.

Was er schafft, verzehrt man wieder,

Nimmer ruht der Wurstgenuß,

Daß er, bis die Sonne nieder,

Ewig Därme füllen muß.

Druck und Verlag von F. X. QA Ingbert. J
        <pb n="297" />
        Anterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 77. Sonntag, den 2. Juli

1821.

Ein dunkles Geheimniß.*
Novelle von
Ewald August König.

zlaubt? Sie sind zu ehrlich, lieber Mann, wer
Jeutzutage etwas gelten will, muß nicht immer
den schnurceraden Weg wandern. Na, ich
yoffe, wenn wir einander näher kennen lernen,
verden wir uns bald verstehen; manus ma-
mum lavat; wenn Sie den Verhältnissen, in
velche Sie heute eintreten, einige Aufmerksam—
eit schenken, werden Sie schon finden, wo der
dase im Pfeffer liegt. Der Verwalter schüttelte
weifelnd den Kopf. „Das verstehe ich nicht,
derr Baron, ich denke, Jeder muß seine Pflicht
rfüllen und wenn er ehrlich und rechtschaffen
—XV
in Sclave-Derjenigen, die aus seiner Ehr⸗
ichkeit allein Gewinn ziehen, fuhr der Frei—
jerr, ihn unterbrechend, fort; man kann seine
Vortheile wahrnehmen, ohne deßhalb von der
Bahn eines Ehrenmannes abzuweichen. Hier
ind wir an Ort und Stelle, ich werde Sie
inmelden, warten Sie hier, bis ich Sie rufen
asse. Der junge Mann wanderte in dem ihm
ingewiesenen Zimmer eine geraume Weile auf
ind ab, eine Wolke des Unmuths trübte seine
yohe, glatte Stirn, offenbar hatten die Worte
yes Freiherrn feine Entrüstung geweckt. „Sagte
et mir nicht geradezu, ich müsse seine Vortheile
vahrnehmen und vor dem Betruge nicht zu⸗
ückzuschrecken 7?** murmelte er „Manus ma⸗
num lavat,“ das will bedeuten: „Halb
Part, dann drücke ich bei Revision Deiner
stechnungen ein Auge zu.“ Möglich auch, daß
ch dem Freiherrn bereits unbequem bin, daß
er mir nur eine Falle stellen will, um das
Damoklesschwert über mein Haupt halten zu
önnen. Aber es liegt ja in; seiner Macht,
vie er sagt, mir die Verwalterstelle zu ver—⸗

(Fortsetzung.)
Sie werden gestern Abend vernommen
haben, daß Comtesse von Strahlen mit dem
Baron von Reden verlobt war, nahm der
Freiherr nach einer Weile wieder das Wort.
Ich mache Sie darauf zaufmerksam, daß die
—
resse jenen Selbstmord nicht zu erwähnen, noch
durch irgend eine Bemerkung denselben anzu⸗
pielen. Die junge Dame ist sehr reizbar, sie
kann sich noch immer nicht mit dem Gedanken
befreunden, daß ihr Verlobter so feige und
harakterlos gewesen sein soll, und wenn sie
auch jetzt eine geduldige Ergebung zur Schau
trägt, so glaube ich doch die Vermuthung he⸗
gen zu dürfen, daß sie im Stillen noch oft
jenem erschütternden Ereignisse nachgrübelt.
Sie werden deßhalb wohl thun, Ihre Helden⸗
hat geheim zu halten und es fortan dem
Gastwirth in der Sonne zu überlassen, auf
welchem Wege und durch welche Mittel er
seinen Gästen die Furcht vor dem Zimmer
Nummer Siebenzehn benehmen will. „Ich
derstehe,“ erwiderte Stern mit einem prüfen⸗
den Seitenblick auf die gleichmüthigen Züge
seines Begleiters, „das also war der Grund,
der Sie abhielt, den Wunsch des Wirthes zu
erfüllen ?“

Allerdings, oder halten Sie mich für
einen Einfaltspinsel, der an Ammenmährchen
        <pb n="298" />
        schaffen, oder mein Engagement zu verhindern,
und triftige Gründe zu einer plötzlichen Enk⸗
lassung sind ja nie sehr schwer zu finden.
Man sagte mir gestern, er sei bereits mit der
Comtesse im Stillen verlobt; wenn das Ge—
rücht' wahr ist, weshalb fordert er ihren Ver⸗
walter auf, sie zu betrügen und gemeinschaft⸗
liche Sache mit ihm zu machen ?“ J

Der Eintritt eines alten Dieners, der den
Verwaller benachrichtigte, daß die Comtesse ihn
empfangen wolle, brach das Selbstgespräch ab.
Kurz darauf stand der Oekonom der jungen
Dame gegenüber.

Sie haben Ihre praktischen Erfahrungen
in der Landwirthschaft in Schlesien gesammelt?
fragte die Comtesse, während sie mit herzge⸗
winnendem Lächeln den jungen Mann einlud,
Platz zu nehmen. Schlesien ist für den Oeko—
nom eine vorzüglich gute Schule. „Ich be⸗
zweifle nicht, daß Herr Stern meiner Emp⸗
sehlung Ehre machen wird,“ sagte der Frei—
herr, der mit verschränkten Armen am Fenster
stand. und unverwandt seinen Blick auf die
Züge des Verwalters gerichtet hielt. „Er be⸗
sitzt ausgezeichnete Zeugnisse —“

Auf Zeugnisse lege ich nicht das mindeste
Gewicht, „unterbrach Eleonore ihn ruhig, ich
berlasse mich auf den Eindruck der ersten Be⸗
gegnung und mmeinen Scharfblick. Der Herr
Baron hat Ihnen meine Bedingungen bereits
genannt ? „Ich kenne sie, gnädiges Fräulein,“
erwiderte der junge Mann mit unbefangener
Ruhe.

Und Sie sind geneigt, unter denselben
die Verwaltung zu übernehmen? „Mit Ver—⸗
gnügen.“

So heiße ich Sie herzlich willkommen,
sagte Eleonore, während sie dem Verwalter
die Hand bot. Ich hoffe, wir werden gute
Freunde bleiben. „Der Contract soll ausge⸗
fertigt und Ihuen morgen zur Unterschrift
vorgelegt werden,“ fügte der Baron hinzu.

Das ist überflüssig, fuhr die Comliesse
fort, ich glaube nicht, daß es zwischen uns
beiden eines schriftlichen Versprechens bedarf.
Der Ton, in welchem Eleonore diese Worte
prach, ließ den Verwalter sofort erkennen,
daß in allen Angelegenheiten, welche die Com⸗
lesse betrafen, der Freiherr keine Stimme
besaß. „Ich pflichte Ihrer Ansicht bei, gnäü—

ziges Fräulein,“ erwiderte er, ohne zu be—
venken, daß er durch diese Antwort die Gunst
des Freiherrn verlieren kannte. „Das Wort
reines Ehrenmannes muß genügen und es ge—
reicht mir zur Genugthuung, daß Sie —“

Verlieren wir darüber keine Worte, sagte
die Comtesse lächelnd, während Sie sich von
dem Fautenil erhob. Kommen Sie, Herr
Stern, ich will Sie in Ihre Wohnung führen
und Ihnen dort die Verwaltungsbücher über⸗
zeben. Seil der Entlafsung Ihres Vorgängers
Jabe ich selbst die Bücher geführt, ich fürchte
Sie werden ein Chaos finden, in welches Sie
sjuerst Ordnung und Klarheit bringen müssen.
„Sie scherzen, Eleonore, Sie selbst gluuben
aicht an die Wahrheit dieser Behauptung,“
zersetzte der Freiherr, der, ohne dazu aufge⸗
'ordert zu sein, den Veiden gefolgt war.
„Sie besitzen in der Verwaltung so viel
denntnisse und Erfahrungen, vaß von einem
Thaos, welches Sie geschaffen haben wollen,
vohl nicht die Rede sein kann.

„Ich muß es Herrn Stern überlassen,
zu entscheiden, wessen Behauptung richtig ist,
juhr Eleonore forl, während sie in dem Sei⸗
tengebäude, welches mit dem Wohnhaufe in
Verbindung stand, eine Thür öffnete. Diese
Räume Herr Stern, bilden Ihre Wohnung,
richten Sie sich ganz nach Ihrem Gefallen
in derselben ein, die gegenwärtige Einrichtung
rührt von ihrem Vorgänger her. Und hier
liegen die Bücher, sowie alle auf die Verwalt⸗
ing bezüglichen Schriftstücke. Gehen Sie die—
selben durch und theilen Sie mir dann mit,
ob und welche Aenderungen Sie in der bis⸗
jerigen Verwaltung zu treffen wünschen. „So
sabe ich sie mir vorgestellt,“ sagte der junge
Mann, als die Comtesse sich nach jenen
Worten entfernt hatte, „rasch entschlossen, fest
und entschieden in Allem, was sie unternimmt,
und herzgewinnend in ihrem Auftreten. Die
Stellung des Friiherrn in diesem Hause ist
mir schon ziemlich klar; ich glaube nicht,
daß es ihm gelingen wird, Herz und Hand
dieser schönen jungen Dame zu erobern.“

Die Räume, welche dem Verwalter zur
Wohnung angewiesen waren, lagen an der
Gartenseite, aus den Fenstern seiner Wohn⸗
tube hatte der junge Mann die Aussicht auf
den Park und einen großen Theil des Gartens.
        <pb n="299" />
        Die Einrichtung derselben ließ in Bezug auf
den Comfort kaum etwas zu wünschen, man
tonnte sie fogar elegant nennen. Auch fand
der neue Verwalter sich angenehm überrtascht
zurch die Entdeckung, daß die Verwaltungs⸗
zücher sich in der besten Ordnung befanden
ind der Freiherr mit seiner Behauptung, daß,
Dank den Kenninissen und Erfahrungen der
Tomteffe, von einem Chaos nicht die Rede
jein könne, Recht behielt.

Stern haite dies bei der ersten flüchtigen
Durchsicht der Rechnungsbücher bereits entdeckt,
eine genauere Prüfung behielt er sich für die
nächsten Tage vor, da er vorher die einzelnen
Pachtgüter besichtigen wollte. Er Lehrte im
daufe des Vormittags in den Gafthof „zur
Sonne“ zurück, ließ seine Habseligkeiten in
seine neue Wohnung schaffen und trat gleich
nach Tisch seine Wanderung an, von der er
erst am Abend heimkehrte. Er hatte heute
aut den herrschaftlichen Forft befichtigt und
das Resultat dieser Bestchtigung ihn nicht
befriedigt. Es war ihm aufgefallen, daß man
in der jüngsten Zeit im Forst bedeutende
Massen Holz geschlaßgen und vorzüglich die
schönsten Stämme gefällt hatte und er fonnte
ich der Vermuthung nicht erwehren, daß dies
ohne Vorwissen der Comtesse geschehen sei.
Darüber wollte er sich Gewißheit verschaffen,
und er hoffte durch den Förster die gewünschte
Auskunft' zu erhalten. Aus diesem Grunde
berfügte er sich am nächsten Tage abermals
in den Forst und der Zufall fügte es, daß
er schon am Waldessaum dem Förster begeg⸗
nete.

Er redete ihn an, stekllte sich ihm als
Verwalter der Strahlen'schen Güter vor und
fragte ihn ohne Umschweife, wann und in
welchem Auftrage der Wald so sehr gelichtet
worden sei. Der Blick des Forsters ruhte eine
geranme Weile forschend auf den Zügen des
sungen Mannes, der diesem Blick mit ehrlicher
Offenheit begegnete.

Glauden Sie, daß ich die schönsten Eichen
mir vor die Füße legen ließ, wenn nicht das
gnädige Fräulein dazu den Bejfehl gegeben
hätte F erwiderte der Förster im Tone der
Entrüstung. Vor vier Wochen hat der Frei⸗
herr von Braß die Holzhauer hierher geschickt
and selbst die Siämme bezeichnet, die gefällt

verden sollten. Es sind ihrer schon viele fort⸗
Jeschaft worden, — na, mich lümmert's nicht,
Iber wenn ich nächstens kein Wild mehr in
die herrschaftliche Küche liefern kann — „Der
Freiherr also hat den Befehl gegeben?“ fragte
—Stern unwillig. „Weshalb stellten Sie der
TFomtesse nicht vor, daß dieser Befehl den
Wald ruiniren werde?“

Weshalb? entgegnete der Förster achsel⸗
suckend. Seit der Freiherr von Braß drüben
m Schlosse ist, wird Niemand voigelassen,
der nicht zuvor sein Anliegen dem Herrn
Baron genannt hat. Dir Leute behaupten,
der Baron werde demnächst die ganze Herr⸗
schast in die Tasche stecken: ob's wahr ist,
veiß ich nicht, aber fast möchte ich's glauben.
Ich hab's versucht, dem gnädigen Fräulein
ibec diesen Holzfrevel Rapport zu erstatten,
aber im Schloß wurde ich durch den Kam⸗
nerdiener an den Baron verwiesen und hier⸗
her kommt die Gräfin nur selten.

Der Verwalter schüttelte bedenklich den
cdopf. „Ich kann mir nicht denken, daß es so
chwer sein soll, eine Audienz bei der Gräfin
zu erhalten; wenn der Kammerdiener mich
nicht aumelden will, gehe ich unangemeldet:“

Das ist rascher gesagt, denn gethan. Und
selbst wenn es Ihnen gelänge, würden Sie
doch neben der Comtesse den Freiherrn finden.
Aber bis jetzt ist es noch Niemandem gelun⸗
zen, seitdem der Baron im Schlosse logitt.
Wenn Sie ein ehrlicher Mann sind, werden
Sie es auch noch erfahren. „Wenn ich ein
ehrlicher Maan bin?“ fragte Stern befremdet.
„Halten Sie mich —“

Lieber Herr, nehmen Sie nur die Worte
nicht übel, ich bin ein alter Mann und habe
nanche bittre Erfahrung machen müssen. Mei—
netwegen mag es hüben und drüben zugehen,
wie es will, ich künmeke mich nicht mehr
darum, aber wenn der rechte Mann kommt
ind zu mir sagt: Schuster, wir wollen dem
Dinge ein Ende machen, so kann er auf meine
kräftige Hülfe rechnen. „Und wenn. ich nun
kuch sagte, ich durchschaute das Netz, welches
man um die Comtesse gesponnen hat, und es
ist meine redliche Absicht, ihr die Augen zu
ziffnen, würdet Ihr mir Euren Beistand zu—
agen ?

Von Herzen gern, erwiderte der Föester,
        <pb n="300" />
        während er dem jungen Manne die Hand
reichte, wie aber wollen Sie es ermöglichen?
Sie stehen im Dienste der Comtesse, so gut
wie ich: der Freiherr ist ihr Verlobter und
gegen einen solchen Herrn richten wir Beide
nichts aus. „Ueber die Mittel und Wege nach⸗
zusinnen, überlaßt mir,“ fuhr der Verwalter
fort, „wir bedürfen dazu vielleicht einige Wo⸗
chen, ja Monate, aber ich hoffe, wir werden
zum Ziele kommen: Sind die Holzhauer noch
mit dem Fällen der Bäume beschäftigt ?“

Ja. „Gut, führt mich zu ihnen; ich
werde Befehl geben, daß die Arbeit sofort
eingestellt wird.“

Das wollten Sie wagen? fragte der
Förster erstaunt. „Gewiß, glauben Sie, ich
werde ruhig zusehen, daß der Wald ruinirt
wird?“

Der alte Waidmann schüttelte bedentlich
sein Haupt. Ich glaube nicht, daß dies der
richtige Weg ist, er wird zu einem sehr un⸗
angenehmen Auftritt mit dem Freiherrn führen
und die Möglichkeit liegt seyr nahe — „Daß
er mich entläßt?“ unterbrach Stern ihn ru⸗
hig. „Er wird es nicht wagen und den unan⸗
genehmen Auftritt mit ihm fürchte ich nicht.“

Die Holzhauer weigerten sich im ersten
Augenblick, dem Befehle des jungen Mannes
zu gehorchen, und es bedurfte von Seiten des
Försters der energischen Drohung, daß er die
Hunde auf sie hetzen werde, um sie zur Ein⸗
stellung der Arbeit zu veranlassen.

Der Verwalter war kaum in seine Woh⸗
nung zurückgekehrt, als der Freiherr ihn be—
suchte. Der Haß, der in seinem Blick loderte,
und die Aufregung, die in seinem ganzen Wesen
sich kundgdab, mußten dem jungen Manne
verrathen, daß die Holzhauer bereits Rapport
erstattet hatten.

Sie haben sich erkühnt, einen Befehl der
Comtesse zurückzunehmen, ohne dazu beauftragi
zu sein ? rief er in einem Tone, der dem
Verwalter das Blut in die Wangen trieb.
Sie waren sogar so frech, den Leuten, die auf
Befehl der Gräfin Holz fällten, mit den
Hunden des Försters zu drohen? Diese Un—⸗
verschämtheit geht zu weil — „Ich werde bei
dem gnädigen Fräulein diesen Schritt recht⸗

—OD
dem Edelmanne in's Wort, „Sie aber sind
nicht berechtigt, mich deßhalb zur Verantwortung
zu ziehen. Dagegen glaube ich berechtigt zu
sein, Sie zu fragen, wo und zu welchem
Preise die gefällten Stämme verkauft worden
sind, und in welche Kasse das Geld geflos⸗
sen ist ?“

Unverschämter! brauste der Baron auf.
Sie vergessen, daß Sie von meiner Gnade
abhängen, daß ein Wort von mir genügt,
Ihnen den Stuhl vor die Thür zu fetzen.
„Wenn Sie solche Macht zu besitzen glauden,
so machen Sie Gebrauch von ihr,“ erwiderte der
Verwalter, „ich glaube nicht, daß die Comtesse
von Strahlen, deren strenge Gerechtigkeit be—
kannt ist, so ungerecht sein wird, das Urtheil
zu fällen, bevor sie beide Parteien gehört hat.

Bah! die Comtesse wird Sie nicht vor⸗
lassen. „Weil ihr Kammerdiener in Ihrem
Solde steht!“ Die Wangen des Freiherrn
vurden erdfahl, mit dem Ausdruck ködtlichen
dasses ruhte sein stechender Blick auf dem
zungen Mame, der trotzig ihm gegenüber
tand. „Respectiren Sie meine Ehrlichkeit und
ischen Sie anderswo im Trüben,“ fuhr Stern
nach einer kurzen Pause fort, „ich werde nie
ind nimmer mich zu Ihrem Gehülfen hergeben
ind der Comtesse sofort einen genauen Bericht
iber die Anordnungen, welche Sie getroffen
haben, überreichen, wenn Sie es wagen, mir
in den Weg zu treten.“

Eine solche Sprache schien der Freiherr
noch nicht gehört zu haben; dem jungen Manne
'onnte es nicht entgehen, daß sie ihren beab⸗—
ächtigten Eindruck nicht verfehlte, zugleich aber
auch den Haß in der Seele des Edelmannes
schürte und befestigte. (Forts. folgt.)

Viersylbige Charade.

Der Ersten gold'ne Zeiten

Entschwinden wie ein Pfeil;

Die Letzten, von den Ersten

Sind sie das Gegentheil,

Vom Ganzen auch, das immerfort

So viel gilt als das erste Wort.
Auflösung des Logogryph in Nr. 74 des Unterhal⸗
tungsblattes: Leben — Nebel.

Druck und Verlag von F. X. Deme in St. Ingbert.
        <pb n="301" />
        Anterhaltungsblatt

m
St. Ingberter Anzeiger.
r. 78.

Dienstag, den A. Zuli
187I.

Ein dunkles Geheimniß.*

nach seinem Belieben schalten und walken, sie
verschaffte seinen Anordnungen und Befehlen,
insofern diese bei seinen Untergebenen auf
Widerstand stießen, volle Geltung. In der
ersten Woche war sie ihm fremd geblieben,
und es schien fast, als ob dieses Verhältniß
ich nicht besser gestalten sollte, so lange der
Freiherr im Schlosse weilte, denn alle seine
Bersuche, sich der Comtesse zu nähern, scheiter⸗
en an der Wachsamkeit, der Schlauheit und
dartnäckigkeit des Kammerdieners, der stets
inen triftigen Grund fand, die erbetene
Uudienz zu verweigern. Nun hätte der Ver⸗
valter allerdings eine Begegnung mit der
TFomtesse im Patk, im Garten oder an einem
indern Ort herbeiführen können, aber der
Freiherr von Braß wich ihr nie von der
Seite und aufdrängen mochte er sich ihr nicht.
Da ließ am Tage vor Weihnachten die Com⸗
esse ihn zum Abendessen und zur Bescheerung
»inladen, und der junge Mann versäumte
nicht, dieser Einladung Folge zu leisten.

Es war ein heiteres schönes Fest, welches
Eleonore ihrem Personal gab. Auch der Ver⸗
valter fand ein hübsches, sinniges Geschenk
and er genoß nach der Bescheerung die seltene
Ehre, an der Tafel der Comtesse speisen zu
dürfen. Er würde diese Ehre gern abgelehnt
haben, wenn er nur einen triftigen Grund
dazu gefunden hätte, denn die stolze, gering⸗
chätzende Herablassung, mit welcher der Frei—
zerr sich bei der Bescheerung ihm gegenüber
»enahm, empörte ihn so sehr, daß er seine
Erbitterung gewaltsam bekämpfen mußte; um
aicht eine Wiederholung jenes-Auftrittes im
Salon der Gräfin herbeizuführen. Es war

V Novelle
von Ewald August Konig.

(Fortsetzung.)

Mochte der Freiherr einsehen, daß es ihm
nicht gelingen werde, den Verwalter von dem
Wege des Rechts abzubringen, und daß er
unter den augenblicklich obwaltenden Verhält-
nissen im Kampfe mit diesem entschlossenen
Manue den Kürzeren ziehen müsse, doch hoffte
er, binnen Kurzem als Besitzer der Strahlen'⸗
schen Güter eine eclatante Rache nehmen zu
können; genug, er verließ das Zimmer, ohne
die Warnung und Drohung seines Gegners
einer Erwiderung zu würdigen.

Der Verwalter aber verzichtete einstweilen
darauf, der Comtesse Bericht zu erstatten; er
fürchtele auf der einen Seite, daburch den
Freiherrn zum offenen Kampfe herauszufordern,
auf der anderen Seite wußte er auch nicht,
ob er es wagen durfte, diesen Mann des
Betruges anzuklagen.
Viertes Kapitel.

Herbst und Winter waren verstrichen, der
linde Hauch des Frühlings wehte belebend
über die Fluren.

Trotz jenem Auftritt mit dem Freiherrn
und trotzdem er überzeugt sein mußte, daß
der letztere nur auf den günstigen Augenbleck
warte, um seinen Rachedurst zu befriedigen,
schien der Verwaller sich in seiner Stellung
ganz wohl zu befinden. Die Comtesse ließ ihn
        <pb n="302" />
        ihm peinlich, diesem Manne, den er in tiefster
Seele verachtele, gegenüber zu sitzen, und die
flache Unterhaltung desselben auhören zu müssen.
Aber schon nach dem ersten Gange lankte
Eleonore mit feinem Takt die Unterhaltung
auf ein Feld, auf welchem der Verwalter ihr
folgen konnte, trotzdem sie wissen mußte, daß
sie dadurch den Freiherrn beleidigte, der für
die O konomie kein Verständniß besaäß.
Die Kenntuisse des Verwalters, die Frei⸗
müthigkeit, mit der er feine Ansichten äußerte,
die Erfahrungen, auf die er sich stützte, und
die Vorschläge, die er im Laufe des Gesprächs
zu machen sich erlaubte, schienen die junge
Dame eben so sehr zu überraschen, wie seine
gediegene Bildung, die ihr nicht entgehen
konnte. Man sprang von der Oekonomie zur
Literatur, zur Musik und zur Kunst und von
dieser wieder auf andere Felder über, und
nie zeigte der Verwalter eine Verlegenheit und
Unsicherheit. Das schien sogar den Freiherrn
zu frappiren und ihn zu veranlassen, den jun⸗
gen Mann, der so kühn vund sicher das Wort
führte, in Verlegenheit zu bringen oder gar
in den Augen der Comtesse lächerlich zu ma⸗
chen. Ec wählte ein Theua, für welches der
Verwalter nach seiner Ansicht kein Verständniß
haben konnte; das Leben am Hofe und in
den feinsten Cirkeln der Residenz. Er kritisirte
die Verhältnisse, in denen der Hof und der
höchste Adel sich bewegte, und wartete nur
darauf, daß auch hierüber der schlesische
Oekonom sich ein Urtheil anmaßen möge, um
dieses Urtheil als Waffe gegen ihn zu be⸗
nutzen. Aber merkwürdigerweise war das Ur⸗
theil, welches der Verwalter mit wenigen, aber
scharfen Worten fällte, so bezeichnend und so
fein zugespitzt, daß der Freiherr nicht wagte,
gegen dasselbe in die Schranken zu treten,
trotzdem es auch über ihn den Stab brach.
Er sah ein, daß er auf diesem Wege dem
jungen Manne nichts anhaben konnte, und
daß er Gefahr lief, die Lächerlichkeit auf seine
eigenen Schultern zu laden, wenn er sich“ mit
Jenem in einen Wortwechsel einließ.
Der Blick, welchen Eleonore ihrem Ver—⸗
walter zuwarf, drückte Erstaunen und Bewun⸗
derung aus und von diesem Abende an durfte
der Verwalter sich ihr nähern ohne sich vor—
her anmelden zu lassen. Sie hatte in Gegen⸗

wart des jungen Mannes ihrem Kammerdiener
befohlen, den Verwalter unangemeldet vorzu—
assen, und dabei den Wunsch geäußert, Herr
Stern möge von dieser Erlaubniß oft Gebrauch
machen. Der Verwalier that dies nicht, nur
venn er die Genehmigung der Comtesse zu
rgend einer Anordnung in der Verwaltung
einholen mußte, ging er zu ihr. Dann aber
durfte er auch jedesmal darauf rechnen, daß
Eleonore ihn nicht sobald wieder entließ, er
mußte ihr über alle möglichen Dinge Rede
tehen, die der Verwaltung ihrer Güter
and der Landwirthschaft überhaupt ganz fremd
agen.

Zu Beginn des Frühlings traf es sich
einmal, daß bei einer solchen Unterredung der
Feiherr nicht zugegen war, und Eleonore
chien auf einen solchen Augenblick gewartet
zu haben, um sich Gewißheit zu verschaffen
iber die Zweifel, die am Weihnachtsabend in
einer Seele aufgetaucht waren.

Sie sind nicht der, welcher Sie scheinen
vollen, Herr Stern, sagte sie, als der junge
Mann sich erhoben hatte, um Abschied zu
aehmen. Ich will mich nicht in Ihre Ge—
zeimnisse eindrängen, aber ich vermuthe, daß
rine stürmische Vergangenheit hinter Ihnen
liegt. Hüten Sie sich vor dem Freiherrne ich
weiß nicht, was er gegen Sie hat, aber daß
er Sie haßt, glaube ich schon oft entdeckt zu
haben. Was er auch gegen Sie unternehmen
mag, vertrauen Sie auf mich, ich werde nicht
dulden, daß Ihnen Unrecht geschieht. Der
Verwalter Slickte der jungen Dame offen und
dertrauensvosll ia's Auge. Welchen Vermuth⸗
ungen Sie sich auch über meine Vergangenheit
hingeben mögen, gnädiges Fräulein,“ erwiderte
er ruhig, „Sie dürfen sich darauf verlassen,
daß ein Freund in Ihrer Nähe weilt, das
sein Leben für Sie einsetzen würde, wenn
das Schicksal es gebietet. Forschen Sie nicht
veiter, und überlassen Sie es der Zeit, die
stäthsel zu lösen, die Sie heute noch nicht er⸗
forschen können.

Hatte der junge Mann mit dieser Antwort
ju viel gewagt, oder ahnte der Freiherr den
Inhalt jener Unterredung, die in seiner Ab—
wesenheit geführt worren war, er achtete es
etzt für nöthig, die Beiden schärfer zu

heobachten; genug, der Verwalter wurde unter
        <pb n="303" />
        dem Vorwande, die Comtesse sei wmin ihrer
Toilette beschältigt, zurückgewiesen, als er kurz
nach jenem Tage sie besuchen wollte.

HSer Freiherr war nun im Laufe des
Winters seinem Ziele nicht näher gekommen.
Die Comtesse blieb sich ihm gegenüber stets
gleich; es gelang ihm nicht, ihren Lippen ein
Wort, oder ihren schönen Augen einen Blick
zu entlocken, worin er eine Aufmunterung
oder gar die nahe Erfüllung seiner Wünsche
finden konnte.

Er glaubte nun, eine genügende Probe
seiner Geduld und Ausdauer abgelegt zu ha—
ben und zu einer entscheidenden Frage berech⸗
tigt zu sein und diese Frage brannte ihm so
lange auf der Zunge, daß er sie endlich nicht
länger zurückhalten konnte.

Es war an einem heitern, lauen Nach⸗
mittage, die Comtesse saß in ihrem Boudoir
am geöffneten Fenster, als der Freiherr sich
erlaubte, ihr sein Herz und seine Hand anzu⸗
dieten.

Sie werden sich erinnern, daß Sie im
vorigen Herbste mir erklärten, Sie wüßten sehr
wohl, welchen Zweck ich verfolge, und daß sie
gleichzeitig mich aufforderten, Geduld zu üben,
sagte er, während er mit verschränkten Armen
ljangsam auf- und abwanderte. Nun wohl,
ich glaube Ihnen die Beweise meiner innigen
treuen Liebe geliefert zu haben, Elesnore, Sie
werden mir zugeben müssen, daß Ihre dama—
lige Erkläruung mich berechtigte, Sie heute um
die Eutscheidung über unsere Zukunft zu bitten.
„Um die Entscheidung über unsere Zukunft,
Herr Baron?“ erwiderte Eleonore, in dem—
selben kalten, gleichmüthigen Tone, in welche
sie stets über minder wichtige Angelegenheiten
zu ihm redete. „Der Wille der Vorsehung
alllein entscheidet über die Zulunft eines Sterb⸗
lichen; Hich bedaure, Ihnen heute nicht mehr
noch weniger sagen zu können, wie damals.“

Sie sind heute spröde, Eleonore, Sie ge⸗
fallen sich darin, mich an Ihren Triumpf—
wagen zu fesseln. „Erlauben Sie, Herr Baron,
Sie selbst haben diese Fessel sich ang legt.“

Aber Sie duldeten es — „Konnte ich Sie
daran hindern ? Meine Hand gehört dem allein
der mein Herz gewinnt, und wenn es Ihnen nicht
gelungen ist, dieses Herz zu gewinnen, so trifft
die Schuld nicht mich, sondern Sie allein;

Sie haben Zeit und Gelegenheit genug gehabt,
den Weg zu suchen, der zu meinem Herzen
führt.“ Der Freiherr war stehen geblieben,
sein Blick ruhte stechend auf dem schönen
Antlitz des jungen Mädchers, welches unbe⸗
vegt in den Garten hinausblickte. Dieses
Herz ist mir ein Räthsel, Eleonore, rief er
aufgeregt. „So suchen Sie es zu ergründen,
Herr Baron“
Ich vermag die Eiskruste nicht zu durch⸗
dringen, mit der es sich umzogen. „Weil
Ihr Vlick dieses Eis nicht schmelzen kann.“

Der Freiherr zuckte ungeduldig die Ach⸗
seln und trat näher. Soll ich Jhnen sagen,
wer zwischen mir und Ihrem Herzen steht?
flüsterte er im Tone unversöhnlichen Hasses.
Soll ich Ihnen den Mann nennen, mit dem
Ihre Seele sich beschäftigt? Der schlesische
Bauer! „Herr Baron, ich mache Sie darauf
aufmerksam, daß Sie einer Dame gegenüber
stehen !“ fiel Eleonore ihm mit gemessenem
Ernst in's Wort. —

Dem Freiherrn war es nicht entgangen,
daß bei seinem Hohn die Wangen der Com⸗—
lesse sich entfärbt hatten, er fand darin einen
Beweis für die Richtigkeit seiner Vermuthung.
Comtesse Eleonore von Strahlen und ein
bürgerlicher Oekonom! Der letzte Zweig des
Stammbaums der Grafen von Strahlen!
„Sie werfen die Maske ab und zeigen sich
in Ihrer wahren Gestalt, Herr Baron von
Braß,“ sagte die Comiesse mit eisiger Kälte,
„hätte mein Verwalter kein besseres Verdienst
wie dieses, ich würde mich dennoch ihm zu
Dank verpflichtet fühlen. Was Sie beröchtigt,
meine Gastfreundschaft in dieser Weise zu iniß⸗
brauchen, weiß ich nicht; ebensowenig vermag
ich zu eiforschen, woraus Sie den Schluß ge⸗
zogen haben wollen, daß mein Verwalter
zwischen Ihnen und mir stehe. Ich denke aber,
nach dieser Unterredung muß es Ihnen klar
geworden sein, daß es von Ihrer Seite Thor⸗
heit wäre —“

Bah, Thorheit ist es nur, das aufzugeben,
was man noch nicht unrettbar veirloren hat,
unterbrach der Freiherr sie, der mühsam
seine fieberhafte Aufregung bekämpfte. Leben
Sie wohl, Eleonore, ich werde in Ihrer
Nähe bleiben und kein Mittel unversucht
lassen, um das reine Wappenschild der
        <pb n="304" />
        Grafen von Strahlen vor einem Schandfleck
zu bewahren.

Als der Freiherr das Boudoir verlassen
hatte, gab Eleonore, die bis zu diesem Augen-
dlick ihre Fassung mühsam behauptete, sich
rückhaltslos ihrem Zorne hin. Sie hatte nie
ein tieferes Gefühl für diesen Mann empfun⸗
den, ja nicht einmal so sehr ihn geachtet, daß
sie ihm ihre Zukunft anvertraut haben würde,
jetzt aber verachtete sie ihn. Hatte er, als
er behauptete, der Verwalter stehe zwischen
ihm und ihrem Herzen, den wunden Fleck ge⸗
troffen ? Hatte seine Aeußerung, diese Liebe
werde ein Schandfleck sein auf dem reinen
Wappen der Grafen von Strahlen ihren
Adelstolz aufgerüttelt? Oder war es nur die
Entrüstang über das rohe Benehmen und die
Drohungen des Freiherrn, was sie so sehr
aufregte und den Kampf der Leidenschaften in
ihrer Seele entfesselte? Ihre Wangen glühten,
ihre sonst so sanften Augen schleuderten Blitze
und stürmisch wogte der Busen unter dem eng
anliegenden Mieder.

Eleonore zog die Glocke. „Der Braune
soll augenblicklich gesattelt werden ?“ rief sie
dem eintretenden Diener entgegen. Glaubte
sie draußen Ruhe zu finden, den tobenden
Kampf beschwichtigen zu können? Vielleicht,
draußen im Walde herrschte feierliche Stille,
der Frieden der Natur mußte ja beruhigend
auf das Gemüth wirken.

So hatte Eleonore nie vorher ihren Ren—
ner ausgreifen lassen, wie sie es an diesem
Nachmittag that. Der alte ehrliche Kutscher
dlickte ihr mit bedenklichem Kopfschütteln nach;
er ahnte, daß dieser wilde Ritt die Gemüths⸗
stimmung seiner Herrin bezeichnete, und gerade
deßhalb befürchtete er ein Unglück.
Aber Eleonare war eine geübte Reiterin
und das Pferd kannte seine Herrin. Als die
Comtesse den Wald erreicht hatte, überließ sie
es dem klugen Thiere, den Weg zu wählen;
in düsterem Sinnen verloren, ritt sie langsam
unter den Bäumen dahin. Jer Weg führte
sie an der Wohnung des Förfters vorbei;
sie stutzte, als sie vor der Thür des kleinen,
freundlichen Hauses eins ihrer eigenen Pferde
bemerkte. Im ersten Augenblick vermuthete sie

der Freiherr habe dasselbe Mittel zur Be—
ämpfung seiner Leidenschaft gewählt und eben⸗
alls diese Richtung eingeschlagen, und schon
vollte sie umkehren, nur um Jenem nicht zu
zegegnen, als sie ihren Verwalter in Begleit
uing des Forsters hexaustreten sah. Er grüßte,
ie dankte kühl; was ihn bewogen hatte, den
Förster zu besuchen, glaubte sie zu errathen.
Der alte Waidmann hatte eine Tochter und
zie achtzehnjährige Marie war das schönste
Mädchen in einem Umkreise von zehn Meilen.
— Aber konnte nicht eben so gut irçend eine
Angelegenheit in der Forstverwaltung den
ungen Mann tzum Förster geführt haben?
Und wenn wirklich sein Besuch nur der schö—
aen Försterstochter gelt, war Elesnore be⸗
rechtigt, ihm deshalb einen Vorwurf zu
nachen?
(Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.
Was man nicht Alles seinen Lesern bieten
zarf! Ein fonst trefflich geschriebener „Times?“—
Artikel über die gegenwärtige Lage Frantreichs
ieht schon voraus, wie für den Fall einer
zranzösischen Intervention in Italien die preu⸗
zischen Bataillone zur Unterstützung Italiens
nit der Gotthardbahn befördert werden. Nun
st die Gotthardbahn noch nicht einmal ange⸗
'angen, geschweige denn vollendet und selbst
dann würde niemals eine bewaffnete Macht
Deutschlands oder Italiens dieselbe benutzen
XD

Der Bierserbrauch beträgt per Kopf in
hayern 80 Maß, in England 74 Maß,
Belgien 531 Maß, Württemberg 40 Maß,
Desterreich 10 Maß, Frankreich 13Maß,
Schweiz 12 Maß, Preußen 10 Maß. Die
Biersteuer liefert in England 133 Millionen
Franten oder 7,8 Procent aller Staatsein—
ünfte, in Oesterreich 40 Milliouen oder 2,0
Procent, in Bayern 18 Millionen oder 15,8
Procent, in Frankreich 16 Millionen oder 1,8
Procent, in Preußen 62 Millionen Franken
oder 1,3 Procent aller Staatseinkünfte.
Druck und Verlag vone F. X. Deiaetz in St. Ingbert.
        <pb n="305" />
        Anterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
Vr. 79. Donnerstag, den 6. Juli

1831.
Ein dunkles Geheimniß.“*
Novelle
von Ewald August König.

jungen Mannes. Ich weiß es nicht, aber
nach meiner Ansicht muß innere Schönheit
sich mit der äußeren vereinen, wenn sie fesseln
joll, und darüber kann nur das Herz ein Ur⸗
theil fällen.“

Die Comtesse schwieg, sie mußte jetzt
überzeugt sein, daß der Besuch ihres Verwal⸗
valters nicht der Förstertochter gegolten hatte.
Was führte sie zu dem Förster? fragte sie
zach einer geraumen Weile. „Der Wunsch,
urch bessere Pflege und kräftigeren Schuß den
eldstand zu heben.“ Glauben Sie das er⸗
reichen zu können ? „Gewiß, wenn der Hert
Baron von Braß die Rüchsicht nehmen will,
einer Jagdwuth für einige Monate Einhalt
u gebieten.“ Der Freiherr von Braß wird
n meinem Forst kein Reh mehr schießen, er⸗
viderte die Comtesse ruhig. „Sie kennen den
ẽTharakter dieses Herrn-nicht, gnädiges Fräu—
ein.“ Ich habe ihn heute keunen gelernt und
zalte mich verpflichte, Sie vor ihm zu
varnen. Er hat mein Haus im Zorn ver⸗
afsen und gedroht, in der Nähe bleiben zu
vollen; wenn Sie ihm begegnen, gehen Sie
hm aus dem Wege, meht kann und darf ich
Ihnen jetzt nicht sagen. Nach diesen in auf—
allender Hast gesprochenen Worten zog die
Fomtesse die Zügel an; ehe der Verwalter
ich von seiner Ueberraschung erholt hatte; war
kleonore schon seinen Blicken entschwunden.
‚Der Würfel ist gefallen, der' entscheidende
Augenblick naht,“ murmelle der junge Manu.
Hätte ich nur gefunden, was ich suche, ich
vürde jetzt nichl mehr zögern, die Maske ab⸗
sureißen. Was sie mit ihm gehabt hat? Es
ist nicht schwer zu errathen, die Herrschaft der

(Fortsetzung.)
Es schien fast, als ob dem Verwalter viel
daran liege, die Zweifel der Comtesse zu he⸗
ben und ihren Verdacht im Keime zu ersticken,
denn er wählte dieselbe Richtung, welche sie
eingeschlagen hatte, und als er die junge
Dame erreichte, redete er sie an, ohne abzu—
warten, ob sie sich geneigt zeigte, ein Gespräch
mit ihm anzuknüpfen.

Er sprach von den Anordnungen, die er
getroffen hatte, um den Wildstand zu ver⸗
bessern, nund lobte bii dieset Gelegenheit den
Foͤrster als einen schlichten Biedermann, auf
dessen Treue und Rechtlichteit man in allen
Fällen bauen dürfe. Die Comtesse hörte ihn
schweigend an, ein Lächeln bitterer Ironie
zlitt über ihre Lippen. Der Föister soll eine
sehr schöne Tochter baben, warf sie in einem
Tone hin, der den jungen Mann befremdete.
„Man sagt es, gnädiges Fräulein, ob dieses Ge⸗
rücht wahr ist, vermag ich nicht zu beurtheilen.“
Ah, hütet der Förster sein Kind so sehr, daß
er den Anblick desselben seinen Gästen entzieht?
„Keineswegs, aber ich finde kein Interesse
daran, einem hübschen Mädchen tiefer in's
Auge zu blicken, wie ich es vor meinem Ge—⸗
wissen verantworten kann.“ Und ist dies
nöthig, um die Schbnheit des Mädchens be—⸗
urtheilen zu können ? fragte Eleonore mit einem
forschenden Seitenblick auf die Züge des
        <pb n="306" />
        Grafen von Strahlen war der Goldfisch, nach
welchem dieser verarmte Landjunker die Angel
auswarf! Ob ich ihr folge und erkläre —
Geduld, die Zeit ist noch nicht gekommen.“

Der junge Mann warf plötzlich sein
Pferd herum und kehrte im scharsen Trabe
zum Forsthause zurück. Laßt durch einen
Eurer Burschen das Pferd zurückbringen und
kommt mit mir, sagte er zu dem Förster, der
über die ugrwartete Rückkehr des Verwal⸗
ters erstaunt, herausgetreten war. Nehmt
Eure Büchse mit und gürtet den Hirschfänger
um, man kann nicht wissen, wozu es gut ist,
in gewissen Augenblicken bewaffnet zu sein.

Der Förster schien offenbar sich den Zweck
dieser Aufforderung nicht enträthseln zu können,
dennoch tam er ihr ohne Widerstand nach.
Er beauftragte einen Jägerburschen, das Pferd
heimzubringen, und folgte dem jungen Manne,
der einen Fußpfad einschlug.

Der Freiherr hat das Schloß verlassen,
der Zweck also, zu welchem wir uns verbün⸗
det haben, ist ohne unser Zuthun bereits er⸗
reicht, nahm der Verwalter nach einer geraumen
Weile das Wort. Aber der Freiherr ist im
Zorune geschieden, und wir kennen den Cha⸗
ralter dieses Mannes genugsam, um zu wissen,
daß er die Comtesse beobachten und mit
jeinem glühenden Haß verfolgen wird. Schon
aus diesem Grunde müssen wir scharfe Wacht
halten und dies wird uns schwer fallen, weil
auch auf uns ein Theil seines Hasses sich
erstrect. „Der Freiherr hat sich mit der
Comtesse entzweit ?“ fraͤgte der Förster
freudig überrascht. „Aus welchem Grunde 7

Sie werden begreifen, daß mir das gnä⸗
dige Fräulein die Ursache nicht genannt hat,
erwiderte Stern achselzuckend, dennoch glaube
ich sie zu errathen. Des Freiherrn einziges
Streben war darauf gerichtet, sich in den
alleinigen Besitz der Strahleu'schen Güter zu
setzen, und dazu gab es nur einen Weg, den
der Heirath mit dem gnädigen Fräulein.
„Sie glauben also, daß er sich einen Korb
geholt hat?“

Und zwar einen sehr derb geflochtenen.
„Dann glaube ich, haben wir nicht noͤthig,
uns weiteren Besorgnissen hinzugeben, der Frei⸗
herr wird es nicht wagen, die Schwelle des
Schlofses wieder zu Überschreiten.“

Und wenn er es thulte, glauben Sie, die
Tomtesse besitze die Macht, es ihm zu wehren?
Unter ihrem ganzen Dienstpersonal ist der
ceutscher der Einzige, den ich für zuverlässig
und treu halte. — „So sorgen Sie dafür,
daß die Andern entlafsen und durch befsere
Dienstboten ersetzt werden,“ bemerkte der
Föester ruhig. „Sie haben ja jetzt die Gewalt
in den Händen.“

Der Verwalter schüttelte aber den Kopf.
Das ist rasch gesagt, leider nicht sobald ge⸗
than. Wollte ich jetzt der Comtesse das Ge⸗
webe zeigen, in welches der Baron sie verstrickt
hat, so würde sie meinen Enthüllungen andere
Bründe unterschieben, als diejenigen, welche
in Wirklichkeit mich leiten, sagte er, sie würde
dermuthen, daß ich durch meinen Haß mich
hinreißen lasse, Verleumdungen zu ersinnen,
die zu beweisen mir jeder Anhaltspunkt fehlt.
Dann aber auch möchte ich nicht gern offen
gegen den Freiherrn auftreten, meine Gründe
werden Ihnen vielleicht im Laufe der Zeit
klar werden. Der Freiherr logirt in der
„Sonne“, ich bin überzeugt, er wird D.
obald noch nicht verlassen und durch seine
Spione die genauesten Erkundigungen über
Alles, was im Schlosse vorfällt, einziehen.
„Mag er es thun, was will er dem gnädigen
Fräulein anhaben ?“ fragte der Förster ge⸗
lassen. „Die Comtesse ist geachtet und de⸗
liebt.“ —

Lieber Freund, ein einziges Wort kann
der Achtung und Liebe den Todesstoß geben
und ich halte den Freiherr fähg, dieses Wort
ju sprechen. Aber noch ein anderer Grund
bewegt mich, den Freiherrn nicht aus den
Außen zu verlieren und — — können Sie
ichweigen? Der Förster blieb stehen, er blickte
den jungen Mann mit dem Ausdruck treuher⸗
iger Ehrlichkeit an. „Wenn Sie daran zwei⸗
elten, ob ich es fönne, würden Sie mir ihr
Vertruuen geschenckt haben?“ fragte er.

Sie haben Recht, fuhr der Verwalter fort.
Ich halte Sie für einen treuen Diener, für
einen Ehreumann, in des Wortes vollster
Bedeutung; thäte ich es nicht, würde ich
Ihnen meine Pläne nicht mitgetheilt haben,
enn auch ohne Ihre Hilfe koͤnnte ich die⸗
elben ausführen. Erinnern Sie sich noch des
Tages, an welchem der Baron von Reden,
        <pb n="307" />
        der Verlobte unserer Comtesse, im Gasthofe
zur Sonne“ ermordet gefunden wurde?
Sebr genau, er hat selbst sich das Leben
genommen.“

So sagt man, aber ich glaube es nicht!
„Es lagen Beweise dafür vor.“

Sagen Sie besser, es lagen keine Beweife
für einen Selbstmord vor. „Der Kreisphysikus
hat den Selbstmord constatirt.“

Allerdings weil er sich nicht die Mühe
nahm, die Lesche genauer zu untersuchen.
Setzen Sie sich dorthin auf jenen Baumstumpf
und bören Sie mich ruhig an, nachher will
ich noch einmal Sie fragen ob Sie meiner
Anficht beipflichten, oder nicht. Baron Theodor
von Reden war mit mir befreundet; als ich
bor drei Jahren von ihm schied, um eine
weite Reise auzutreten, hatte er sich bereits
der Comtesse von Strahlen mit solch enischie⸗
denem Glück genähert, daß ich mit der
Ueberzeugung Abschied nahm, er werde binnen
Jahresfrist der glückliche Gatte dieser schönen
und reichen Dame sein. Je näher die Beiden
einander kennen lernten, desto inniger ward
ihre Freundschaft, und in der That, Baron
von Reden verdiente es, geliebt zu werden.
Er war ein schöner Mann, männliche Cha—
rakterfestigkeit, Gemüthstiese und Edelmuth,
zierten ihn und die Comtesse hatte keine schlechte
Wahl getroffen, als sie ihm ihr Herz und
ihre Hand zusagte. So geheim auch die Beiden
diese Verlobung hielten dem scharfen Blick
des Freiherrn entging sie nicht und da sie
seine Wünsche und Hoffnungen durchkreuzte,
so erfüllte sie ihn mit unveisöhnlichem Haß
gegen den begünstigten Nebenbuhler. Auf dem
geraden Wege gegen den Rivalen in die
Schranken zu reten, ihm eine tödtliche Be—
leidigung ins Gesicht zu werfen und daraus
der Spitze seines Degens sein Glück anzuver⸗
trauen, dafür war er zu feige, er wählte eine
andere, eines Edelmannes unwürdige Waffe.
Aeußerlich eine uneigennützige Freundschaft
heuchelnd, näherte er sich dem glücklichen
Brautpaare und es gelang ihm, sein Gift
in die arglose vertrauende Seele der Comresse
auszu ießen. Durch Briefe, die das Brand⸗
mal der Fälschung an der Stirn trugen, be⸗
wies er der Comtesse, daß ihr Verlobter ein
junges Mädchen aus bürgerlichem Stande ver⸗

sührt und entehrt hatte, er bewies ihr ferner,
daß der Varon von Reden dem Hazardspiele
opferte, und daß er ein Sclave seiner Lei⸗
denschaften war. Das reine Herz der jungen
Gräfin schreckte vor diesen Beweisen niedriger
Gesiunung zurück, und dem Baron konnte
hre kalte Zurückhaltung, ihr tiefer Seelen⸗
schmerz nicht verborgen bleiben. Es kam zwi⸗
schen den Beiden zu einer Erklärung und der
Freiherr hatte nicht darann gedacht, daß die
Fomtesse so aufrichtig sein werde, ihrem
Berlobten den Namen seines Verleumders zu
nennen.

Der Baron züchtigte den Freiherrn dafür
öffentlich mit der Reitpeitsche, fuhr der Ver⸗
walter fort, der Verleumder mußte daher
Genugthuung für diesen Schimpf fordern.
dier sollte das Duell stattfinden, in der Nacht
dor · dem zum Zweilampf bestimmten Tage
lozirten die beiden Gegner in einem und
demselben Gasthofe. Man hat am nächsten
Porgen den Baron todt in seinem Bette ge⸗
funden und das Gerücht das sich vielseitig
verbreitet hat, will behaupten, er selbst habe
ich das Leben genommen. Ich erfuhr das
Allee, als ich kurz nach jenem Vorfall von
meiner Reise zurücktehrte, und sofort erwachte
in meiner Seele der Verdacht, daß hier kein
Selbstmord vorliegen könne. Der Baron hatte,
als der Geforderte, den ersten Schuß, er war
ein Schütze. der die Schwalben aus den
Wolken herunt rholte, und seiner eigenen durch
die Hand eines Schurken besudelien Ehre
zalt das Duell. Nun frage ich Sie, war es
nicht mit Gewißheit anzunthmen, daß der
Baron in einer Distanz von nur zehn Schrit—
ten seinen Gegner niederstrecken würde ? konnte
irgend ein Zweifel darüber obwalten, daß er
dem Ausgaage dieses Duells mit Ruhe ent⸗
gegen gehen durfte, umsomehr, als sein Geg⸗
ner in den Waffen wenig geübt und dazu
eine feige Memme war? Aber noch eins kam
dazu, was den Verdacht nährte und befestigte.
Es war erwiesen, daß der Baron vor der
Abreise aus der Residenz bei seinem Bankier
fünftausend Thaler erhoben und die Bank—
aoten im Beiscin einiger Freunde in seine
Brieftasche gelegt hatte. Diese Summe fand
ich nach seinem Tode nicht mehr vor, das
Portefeunille enthielt einen sehr geringen Betrag
        <pb n="308" />
        und Niemand weiß, wo das Geld geblieben
ist. Nachdem ich dem Verdacht und den
Bründen, auf die er sich stützte, einige Tage
hindurch nachgegrübelt hatte, beschloß ich mir
Gewißheit zu verschassen, ich reiste hierher und
bot mich zur Uebernahme der erlebigten Ver⸗
walterstelle an: „So halten Sie den Freiherrn
für den Mörder ?“ fragte der Förster
entsetzt.

Das sage ich nicht; so lange ich keine
hinreichenden Beweise gefunden habe, wage
ich nicht irgend eine Behauptung zu äußern.

Der alte Mann schüttelte bede klich das
Haupt. Mein Gott, daß ist ein entsetzliches
GBGeheimniß, flüsterte er. „Aber ich hoffe es
—DD
cuhig.

Lieber Herr, wo wollen Sie Beweise
suchen? Die Thüren waren von innen ver⸗
schlossen, es ist ja unicht möglich, daß der
Mörder — „Haben Sie noch nie gehört,
daß man einen inneren Riegel auch von außen
por⸗ und zurüchschieben kann ?“ unterbrach der
Verwalter ihn rasch. „Ich will Sie davon
überzeugen, kommen Sie übermorgen Abend
in den Gasthof, Sie werden mich im Zimmer
Nummer siebenzehn finden.“

Dieser Beweis genügt nicht — „Aber er
bietet meigem Verdacht eine Stütze.“

Ich würde mich an den Kreisrichter wen⸗

den, sagte det Förster, nachdem er lange den
Rauchwölkchen seiner Pfeife sinnend nachgeblickt
hat, ohne den Beistaud des Grrichts können
Sie nichts ausrichten. Der Verwalter hatte
—XE
Berdacht an die große Glocke hängen,“ er⸗
widerte er, „nur durch geueimes Nachforschen
darf ich meinen Zweck zu erreichen hoffen.
Wenn ich aber des Beistandes eines Mannes
bedarf, der Kopf und Herz auf dem rechten
Fleck hat, wende ich mich an Sie, ich ver
raäue darauf, daß Sie mir Ihren Beistand
nicht versagen.“

Gewiß nicht, Herr Baron, müßte ich auch Aphorismen.
— „Still, still, Alter, sür Sie bin ich der Der Erfolg
Verwalter, bis ich es für nöthig erachte, die Ist nur der That Gepräge, nicht ihr Wert h.
Maste abzuwerfen.“ Wo das Vertrauen fehlt dem Nalt dir Liebe

Die Unterhandlung stockte; mit ihren Ge⸗ seine schönste Blume. Goethe.

danken beschäftigt, durchschritten die beiden
Männer den Forst, aus welchem sie in den
jerrschafttichen Park gelangten.

Fortsetzung folgt.)

Mannigfaltiges.

Bei dem feierlichen Truppen⸗Einzuge in
Berlin waren die an der Akademie der
zünste angebrachten Portraits sämmtlicher
deutschen Heerführer u. A. mit folgenden
Distischen versehen:

Fürst Bismarck?
Eisengejschmückt erwuchs, mit Blut gekitict, die
Einheit,“
Trotzend den Stürmen der Zeit! Meister, Du hiel⸗
test dein Wort.

Großherzog von Mecklenburg˖ Schwerin:

derrschend durch eigenes Recht, gehorchend aus ei⸗
genem Willen,

Fürst und Feldherr zugleich, zogst Du das tapfere
Schwert.

sKronprinz des deutschen Reiches und von

Preußen:

Erbe des Purpurs, geschmückt mit erblicher Tugend
der Ahnen,

Bürgst Du, Sieger im Kampf, Siege des Friedens
dem Reich.

WVrinz Friedrich Kail:

Feldherr, markig in Kraft, von vorwärts stürmen⸗
der Kühnheit,

Dir folgt treu bis zum Tod fre dig zum Siege
die Schaar.

Kronprinz von Sachsen:

Männer aus jeglichem Gau Germaniens kämpften
verbrüdert,

Helden dem Throne zunächst führten die Starken
zum Sieg.

Graf v. Moltke:

Dir vertraute das Volk der Deutschen in Waffen,

Lenker des schneidigen Schwerts, Denker der sie⸗
genden Schlacht.

Druckt und Verlag von F. X. Demnes in St. Inabert.
        <pb n="309" />
        Anterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
VF. 30. Sonntag, den 9. Inli

877.
Ein dunkles Geheimniß.“*
Novelle
von Ewald August König.

Flaschen Rheinwein lagen immer hier in der
Finsiedelei, dann hatte der Graf stets seine
Freude daran, wenn er mich mit einem kleinen
Spitz heimschicken konnte. „Weshalb mag das
mädige Fräulein niemals hierherkommen ?“
ragte der Verwalter. „Ich werde es in den
rächsten Tagen einmal öffnen und einen
sübschen Pavillon für den Sommer daraus
chaffen. Jetzt will ich Sie nicht länger auf—
jalten leben Sie wohl und vergessen Sie
richt, daß nur die strengste Verschwiegenheit
die Lösung jenes dunklen Räthsels ermög—
ichen kann,. Was ich Ihnen heute anvertraut
zabe —“

Ich bin verschwiegen wie das Grab, Herr
— — — Verwalter bauen Sie darauf, er—
viderte der Waidmann, indem er dem jungen
Hanne die Hand bot, und nun gute Nacht!
der Verwalter blickte dem alten Manne nach,
is derselbe seinen Blicken entschwunden war,
hann kehrte er zur Einsiedelei zurück. „Das
däuschen interessirt mich,“ sagte er leise, „bei
einem Anblick ist in meiner Seele plötzlich
die Ahnung erwacht, als ob es ein Geheim—
niß berge, — bah, was wird es enthalten?
Schutt und Stiaub, Moder und Spinngewebe!
— Und doch möchte ich einen Blick hinein—
verfen, denn diese Ahnung wird mich nicht
derlassen, bis ich mich von ihrer Thorbeit
üͤberzeugt habe.“

Aber vergeblich versuchte der junge Mann
diesen Wunsch zu erfüllen, die beiden Fenster
waren von innen verhangen und die Thür
zab seinem Druck nicht nach. Auch war be⸗
ceits die Abenddämmerung so weit vorgeschrilten
daß die Dunkelheit ihm die Erfüllung seines

(Fortsetzung.)
Je länger ich über Ihren Verdacht nach—
denke, desto stärker drängt die Ueberzeugung
sich mir auf, dak dieser Verdacht nicht unbe—
gründet ist, nahm der Förster nach einer
geraumen Weile wieder das Wort. Aber daß
Sie trotzdem nicht darauf hinarbeiten wollen,
den rothhaarigen Kammerdiener und die an⸗
deren Creaturen des Freiherrn aus dem
Schlosse zu entfernen, begreife ich nicht. Glauben
Sie vielleicht, der Freiherr ließe Sie nicht
durch seire Spione beobachten? „Ich bin sogar
überzeugt davon,“ erwiderte der junge Mann
cuhig, „und eben deßhalb mag ich nicht offen
gegen ihn in die Schranken treten. — In
diesem Theil des Parkes bin ich nur einmal
und zwar kurz nach der Uebernahme der Ver—
waltung gewesen,“ fuhr er fort, indem er
oor einem kleinen aus Baumstämmen aufge—
richteten und mit Moos bewachsenen Häuschen
ttehen blieb. „Wissen Sie vielleicht, zu welchem
Zweck diese Einsiedelei benutzt wird ?“

Unser seliger Graf liebte es, an heißen
Sommertagen hier zu sitzen, entgegnete der
Waidmann. Oft hat er hier mit seinen Freun—
den bis in die Nacht hinein pokulirt. War
ein gar leutseliger lustiger Herr, ich hatte
meine Freude an ihm, wenn wir mitsammen
auf die Jagd gingen. Wenn wir zurückkamen,
machten wir in der Regel hier Halt; einige
        <pb n="310" />
        Wunsches nicht ermöglicht haben winde, selbst
venn er in dem Flechtwerk oder der Thür
eiuen Spalt gefunden hätte. Sonderbar, mur⸗
melte er, weßhalb mögen diese Fenster so
dicht verhangen sein ? Ich erinnere mich nicht,
unter den mir übergebenen Schlüsseln den
zur Einsiedelci gefunden zu haben, — besser
also, ich rede vorher mit der Comtesse dar⸗
über.

Im Begriff, seinen Weg fortzusetzen,
Jlaubte der Verwalter plötlich Schritte zu
bernehrwen. Er trat rasch hinter den Stamm
einer alten schlanken Eiche; die Vermuthung,
daß der Näherkommende der Freiherr sei,
und der Vorsatz, zu erfahren, was Jenen zu
dieser Stunde in den Park sührte, bewog ihn
zu lauschen. Er fah sich zwar in seiner Ver⸗
muthung getäuscht, als er den Kutscher der
Comtesse erkannte, dennoch trat er nicht binter
dem Baumstamm hervor, die ängstliche Vor—
sicht, mit welcher der Kutscher sich der Ein⸗
iedelei näherte, erregte seine Neugier in ho⸗
hem Grade. Sein Erstaunen wuchs, als er
hemerkte, daß der Kutscher eine Blendlaterne
aus der Tasche seines Rockes zog und darauf
die Thür öffnete.

Er würde nun hierin nichts Verdächtiges
—X
sedelei werde zur Aufbewahrung der Fourage
henutzt, wenn nicht der Kutscher fich zu wie⸗
derholten Malen so scheu umgeblickt hätte.
Daraus mußte der Werwalter den Beweis
siehen, daß seine erste Ahnung begründet
war, daß die Einsiedelei in der That ein
Geheimniß barg und zugleich erregte diescs
geheimnißvolle Gebahren in seiner Seele den
Verdacht, daß auch der Kutscher nicht treu
sei, daß auch er im Solde des Freiherrn
von Braß siehe. Darüber konnte er sich rasch
und sicher Gewißheil verschaffen, wenn er den
untreuen Diener auf verbotenem Wege ertappte
und eine solche Gelegenheit durfte er nicht
unbenutzt lassen. Mit den Worten: Halt!
Was habt Ihr hier zu suchen? trat er in
demselben Augenblick, in welchem der alte
Mann die Thür öffnete, hinter dem Baume
hervor.

Der Kuischer blickte sich erschreckt um, er
wollte die Thur wieder schließen, aber der
zunge Mann kam ihm zuvor. Laßt offen,

zuter Freund, sagte er, mich verlangt zu wis⸗
en, was in diefem Kasten so streng verborgen
zehalten wird. „Verborgen?“ erwiderte der
dutscher, der sich vergeblich bemühte, Unbe⸗
angenheit zu heucheln. „Was führt Sie zu
ieser Vermuthung? Ich bin im Auftrage
)es gnädigen Fräuleins hier und wenn Sie
zlauben —“

Nur nicht so viele Worte, fiel der Ver⸗
valter ihm ungeduldig in's Wort. Wärt Ihr
m Auftrage der Comtesse gekommen, würdet
Ihr nicht so scheu und heimlich herangeschlichen
ein, — also vorwärts. „Wie aber, wenn
dieses Häuschen wirklich ein Geheimniß birgt
ind ich von dem guädigen Fräulein auserfehen
»in, dieses Geheimniß zu bewahren und zu
hützen ?

Redensart! Die Gräfin von Strahlen
vird nicht so unklug sein, ihren Dienern
Beheimnisse anzuvertrauen. Gebt Raum, und
aßt mich hinein, oder ich mache kurzen Pro—
eß. Der alte Mann mochte einsehen, daß er
in Körperkraft dem Verwalter nicht gewachsen
var, dennoch blieb er auf der Schwelle der
Finsiedelei stehen. „Ich habe strengen Befehl,
Nieinand einzulassen,“ sagte er, „respectiren
Sie diesen Befehl und setzen Sie sich nicht
vem Zorne des gnädigen Fräuleins aus.
Ich wuͤrde es bedauernd für die Gräfin und
ür Sie.“

Weshalb? fragte Stern rasch, dessen Blick
mverwandt auf den ehrlichen Zügen des
dutschers ruhte. „Weil ich Sie für einen
hrlichen Mann und für einen Freund des
mmädigen Fräuleins halte.“

Eben deßnalb will ich wissen, warum Ihr
'o spät und so heimlich Euch hierherschleicht.
Ich vermuthe stark, daß Ihr in den Schuhen
kures Kameraden, des Kammersdieners, steckt,
m Schlosse wimmelt es ja von Spionen und
äuflichen Creaturen. Sie glauben, daß auch
ch ein Spion sei?“ fragte der Kutscher, in
» ssen Augen es zornig aufblitzte. „Ach, mö⸗
zjen Sie's glauben, das gnädige Fiäulein
ennt mich besser, und ich hoffe, die Stunde
vird konmen, die Ihnen beweist, daß Sie
mir Unrecht gethaun haben.“

— So beweist es mir jetzt, eine günsti—
zere Gelegenheit könnt Iyr nicht finden. Birgt
dieser Pavillon wirllich ein Geheimniß des
        <pb n="311" />
        gnädigen Fräuleins, so dürft Ihr nür die
Kenntnß desselben ruhig anvertrauen, ich bin
ein Ehrenmann und wünsche nichts sehulicher
als die Entfernung gewisser Leute, die hier
auf den Raub ausgehen zu könuen glauben.

Der Kutscher blickte dem junge Mann eine
geraume Weile in's Auge. Wenn ich mich
weigere, Ihrer Aufforderung nachzukommen,
werden Sie dann den Eintritt gewaltsam er⸗
zwingen ? „So wahr ich vor Euch stehe.“

Wenn ich aber freiwillig Sie in dieses
Geheimniß einweihe und nur die Bedingung
stelle, daß Sie die Kenutniß desselben mit
feiner Silbe verrathen dürfen, werden Sie
die Bedingung als ein Mann von Wort und
Ehre erfüllen? „Gewiß.“

Gut, dann ziehe ich das Letztere vor, denn
ich bin überzeugt, daß Sie den Freiherrn
vsn Braß ebenso sehr hassen wie ich. Kom⸗
men Sie. J

Der Kutscher schloß, nachdem der Ver—
walter eingetreten war, sorgfältig die Thür
und stellte seine Laterne auf den Fußboden.
Der junge Mann blickte neugierig sich um.
So viel er bei dem schwachen Schein der
Laterne erkennen konnte, war der Pavillon
hübsch und sogar elegant eingerichtet, aber
seit vielen Jahren nicht mehr benutzt worden.

Haben Sie starke Nerven? fragte der
Qutscher, während er eine Fallthür öffnete,
die der junge Mann noch nicht bemerkt hatte.
„Weshalb stellt Ihr diese Frage ?“

Weil ich Ihnen rathen würde, sich den
Anblick zu ersparen, wenn Sie — „Geht
nur voran,“ unterbrach der Verwalter ihn
ruhig, „ich werde solgen.“

Die beiden stiegen eine kleine Treppe hin⸗
unter, die in einen mäßig großen gewölbten
Raum mündete.

Hier wurde in früheren Jahren, als der
selige Herr Graf noch lebte, das geschossene
Wild aufbewahrt, sagte der alte Mann, waͤh⸗
rend er die Laterne emporhob, so daß sein
Begleiter den Raum übersehen konnte. Jetzt
dient er einer Leiche zur Ruhestätte. „Einer
Leiche7“ fragte der Verwalter überrascht.

Ah, sehen Sie, ich sagte Ihnen ja, das
Geheimniß erfordere starke Nerven. Forschen
Sie lieber nicht weiter, es ist vielleicht besser
ür Sie und für das gnädige Fräulein. „Führt

mich zu dem Sarge,“ befahl der Verwalter
ruhig. „Ich bin nicht gesonnen auf halbem
Wege stehen zu bleiben, auch ahne ich, wessen
Leiche ich hier finden werde.“

Der Kutscher schüttelte den Kopf. Ich
zlaube nicht, daß Sie es ahnen können, er—
widerte er, — Hier ist der Sarg, venn Sie
hingehen wollen, so ziehen Sie den Schieber
dort zurück.

Das letzte Wort war den Lippen des
alten Mannes noch nicht entflohen, als Stern
auch schon den ziemlich großen Schieber, der
äch in dem flachen Deckel des bleiernen Sar⸗
ges befand, zurückgezogen hatte. Der Schein
der Laterne fiel auf das eingesunkene Autlitz
und die eutblößte Brust des Todten.

Der Verwalter sank vor dem Sarge auf
die Kniee, er blickte lange auf die entseelte
Hülle des Barons, der ihm einst gewiß sehr
cheuer gewesen war, denn als er sich wieder
erhob, glänzte eine Thräne in seinen Augen.

Sehen Sie, dort ist der Stich, sagte der
—D
habe das Herz getroffen, und der Tod sei
augenblicklich erfolgt. Es war ein kleiner,
aber sehr seiner Dolch, mit welchem der Herr
Baron, Gott habe ihn selig, seinem Leben
ein Ende gemacht hat. „Habt Ihr diesen
Dolch gesehen und wißt Ihr, wo er gegen⸗
wärtig sich befindet?“ fragte Stern hastig.

Gesehen habe ich ihn, als der Herr Doc⸗
tor Sand die Leiche hier einbalsamirte. Da—
mals schüttelte der Doctor den Kopfegleichsan,
als ob er nicht begreifen könne, daß diese
kleine schmale Klinge, so tief eingedrungen
sei. Jetzt liegt der Dolch wieder bei dem
Protokosll, ich mußte ihn dem Herrn Kreis⸗
cichter zurückbringen. „Doctor Sand hat
die Leiche einbalsamirt?“ sagte der Verwalter
der inzwischen in den oberen Raum zurückge⸗
tehrt war und jetzt in Sinnen versunken auf
inem Stuhle saß. „Zu welchem Zweck
zeschah dies? Weshalb wurde die Leiche nicht
beerdigt ?“

Der alte Mann zuckte die Achseln. „Dartauf
»ermag ich Ihnen keine Antwort zu geben.,
Ich weiß nur, daß das gnädige Fräulein mir
hefahl, die Leiche auf Umwegen hierher zu
hringen und dem Herrn Doctor hülfreiche
        <pb n="312" />
        Hand zu leisten, außerdem aber die strengste
Verschwiegenheit zu beobachten.“

„Kannte der Freiherr auch dieses Geheim—
niß ? „Nein.“

Aber er hätte es sehr leicht durch seine
Spione erfahren können. „Glauben Sie?“
fragte der Kutscher bedeutsam lächelnd.

Gewiß. Lag es nicht in der Möglichkeit,
daß einer dieser Spione Euch folgte, wenn
Ihr hierher gingt? „Allerdings. Aber sehen
Sie dort die Säcke, sie enthalten Hafer und
ich ging nie hierher, ohne einen solchen Sack
mit zurück zu bringen. Im Schlosse weiß
jeder Diener, daß ich hier eine Fourage—
Niederlage habe, Niemanden kann es also
auffallen, wenn ich dann und wann hierher⸗
gehe.“
„Wenn nun aber der Freiherr eigenmäch—
tig den Pavillon geöffnet hätte, um ihn seiner
früheren Bestimmung zurückzugeben? „Se
würde er trotzem das Geheimniß nicht ent«
deckt haben: Die Fallthür ist so genau in
den getäfelten Fußboden eingefügt, daß sie
sobald nicht bemerkt werden kann, selbst der
Ring, an welchem sie emporgehoben wird
ruht in einer Vertiefung, die ein Holzplätt—
chen bedeckt. Zum Ueberfluß habe ich diesen
Teppich über die betreffende Stelle gelegt,
und es steht nicht zu erwarten, daß Jemand
denselben aufhe ben wird, um unter ihm ein
Geheimniß zu suchen.“

Der Verwalter erhob sich. Die Comtesse
kommt wohl nie hierher ẽ fragte er. „Sie war
nur einmal, kurz nach der Einbalsamirung
der Leiche hier.“

Ich begreife nicht, daß sie in ihrem Park,
in der Nähe ihres Schlosses — Ah, Herr
Verwalter, das gnädige Fräulein kennt keine
Gespensterfurcht. Als der selige Herr Graf
gestorben war, hat die Comtesse zwei Nächte
hindurch an seinem Sarge gesessen —-“

Habt Ihr keine Ahnung davon, was die
Comtesse mit der Aufbewahrung der Leiche an
diesem Orte bezweckt? „Nicht die geringste.“

Seid so gut und öffnet die Thür, ver—⸗
rathet Niemanden, auch nicht dem gnädigen
Fräulein, daß ich das Geheimniß kenne, —
hört Ihr? „Es liegt in meinem eigenen In⸗

teresse, dies zu verschweigen. Die Gräfin
würde mich vielleicht sofort entlassen, wenn sie
es erführe.“

Seid deßhalb unbesorgt, mein Wort gilt
hoffentlich auch noch etwas. Richtet Euer
Angenmerk auf den Kammerdiener; sobald
Ihr ihn auf irgend einem schlechten Streich
ertappt, sagt es mir, der Spion muß aus
dem Hause. Dem Stubenmädchen und der
seöchin traue ich ebensalls nicht, seid wachsam
der Freiherr hat das Schloß verlassen, um
nicht wiederzukehren, arer er wird in der
Nähe bleiben und deßhalb inüssen wir die
Augen offen halten. Gute Nacht.

Der Kutscher schloß sorgfältig die Thür,
spähte nach allen Richtungen in die Dunkel—
heit hinaus und kehrte darauf zum Schlosse
zurück.
(Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.
Am Sonnabend Nachmittag hat abermals
auf der Berlin-AnhaltischenEisen—
bahm in der Gegend von Zahna durch den
Zusammenstoß eines Güterzuges mit einem
Personenzuge ein kleiner Eisenbahnunfall stait⸗
gefunden. Es sind drei Wagen zertrümmert
worden und haben sieben Persouen leichte
Contusionen erlitten.
Dreisylbige Charade.

Wir Menschen sollen durch das ganze Leben,
Durch unser Thun und Lassen darnach streben
Daß man den ersten Zwei uns beigesellt.
Doch Keinem wird dies Prädicat zu eigen,

Will er die letzte Sylb' nicht übersteigen,
Die sich ihm, bildlich, oft en tgegen stellt.

Zum Vorbild diene uns hierbei das Ganze:—
Nicht strahlte es nunmehr im heh'ren Glanze,
Ward es durch Schwierigkeiten abgeschredt,
Die sich ihm zeigten bei dem edlen Streben,
Der Welt ein Mittel an die Hand zu geben,
Wie's wicht'ger Keiner vor ihm hat endeckt.

Auflösung der viersilbigen Charade in Nr. 77 des
Unterhaltungsblattes: Ju gen dalter.

Druck and Beclag von F. X. Denes in St. Ingbert.
        <pb n="313" />
        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
Nr. J. Dienstag, den 1I. Juli

1871.

Der Deutschen Kaiserlied.
Melodie: Heil Dir im Siegerkranz.
Heil Dir im Lorbeerkranz,
Kaiser des deutschen Land's,
Des Volkes Zier!
Ertöne Jubelklang,
Der große Krieg gelang,
Wir bringen Gott den Dank,
Gott ist mit Dir!

Wilhelm dem Großen weih't
Sein Ruhm Unsterblichkeit,
Ihm huldigt jede Zeit

Im Jubelton!

Ein dunkles Geheimniß.*
Novelle
von Ewald August König.

Schirmherr! Europa's Hort!

Ein Weltbefreiungs Ort
Ward Gravelotte;

Nach Sedan's Völkerschlacht

Ist dann aus Grabesnacht

Das deusche Reich erwacht,
Mit uns ist Gott!

(Fortsetzung.)
Fünftes Kapitel.

Der Doctor Sand stand im Begriff aus⸗
zugegen, um seine Patienten zu besuchen, als
die Magd den Verwalter der Comtesse von
Strahlen anmeldete.

Dem Arzt schien dieser Besuch unange—
nehm zu sein, aber er fand keine Zeit, ihn
zurückzuweisen, denn der junge Mann folgte
der Magd auf dem Fuße,

Sie werden verzeihen, wenn ich störe,
sagte er, aber die Angelegenheit, welche mich
hierherführt, ist von zu großer Wichtigkeit,
als daß ich sie hinausschieben dürfte. „So
reden Sie,“ erwiderte der Doctor, während
er Hut und Stock ablegte und durch eine
Handbewegung den Verwalter aufforderte,
Platz zu nehmen. „Lieb aber wäre es mir,
wenn Sie sich möglichst kurz fafsen wollten,
denn meine Patieuten erwarten mich bereits,
ãe wifsen, daß ich pünktlich bin. Betrifft
diese Angelegenheit vielleicht vas gnädige
Fräulein ?“

Ja und nein, in erster Reihe betrifft sie

Wir schlagen jeden Feind,

Kämpft Deutschland treu⸗vereint
Im Reichs⸗Panier.

Eintracht hat uns geschirmt,

Als sich die Noth gethürmt

Ward Weissenburg erstürmt,
Heil Kronprinz Dir!
Uns gab das deutsche Schwert

Am Spichernberg, bei Wörth
Und Mars⸗la⸗Tour,

Bei Orleans, Quentin, “

Le Mans bis Belfert hin,

Rings auf Pariser Flur,
Triumphe nur.
Triumph! ruft jeder Mund,
Ein edler Fürstenbund
Krönt Deutschlands Herrn;
Deutschland, nicht mehr verwais't
Den König Ludwig preis't,
Es fand sein deutscher Geist
Den neuen Stern.
Der deutsche Kaiserheld
Gab siegend aller Welt
Des Friedens Lohn;
        <pb n="314" />
        den Baron von Reden, dessen Leiche Sie
einbalsamirten. Betroffen blichte der Arzt den
jungen Mann an. „Wer hat Ihnen gefagt —“
Still, nur jetzt keine Fragen, hier ist meine
Karte. Der Doctor sah bald die Karte, bald
den Verwalter an. „Ah ich begreife,“ sagte
er nach einer geraumen Weile in bedeutend
freundlicheren Tone. „Die Auskunft, welche
Sie wünschen, soll Ihnen werden, aber nicht
jetzt, ich muß Sie bitten, sich zu gedulden,
dis ich meine Patienten besucht habe. Sie
werden begreifen, daß diese Angelegenheit
aicht binnen zehn Minuten erschöpfend be—
sprochen sein lann und daß meine Pflicht
gebietet. —“

Gewiß, würden Sie mir erlauben, Sie
hier zu erwarten? „Herzlich gern, ich werde
mich beeilen, damit Ihnen die Zeit nicht zu
lang fällt.“

Noch eins, dürfte ich Sie bitten, auf
dem Rückwege den Herrn Kreisrichter von
unserer Unterredung in Kenntniß zu setzen—
Vielleicht ist dieser Herr so freundlich, Sie
hierher zu begleiten und das Protokoll nebst
dem Dolche, den man bei dem Ermordeten
gefunden hat, mitzubringen. „Ich würde
Ihnen rathen, ihn während meiner Abwesen⸗
heit zu besuchen.“

Das geht nicht gut, sagte der Verwalter
ruhig. Der Freiherr von Braß hat sich ge—
stern mit der Comtefse entzweit; nach Allem,
was ich gehört habe, glaube ich annehmen zu
bürfen, daß der Bruch unheilbar ist. Nun
aber liegt das Gerichtsgebäude und die Woh—
nung des Richters dem Gasthofe zur Sonne,
in welchem der Freiherr logirt, gegenüber
und ich bin überzeugt, daß — IIch ver⸗
stehe,“ unterbrach der Arzt ihn, der sich in⸗
zwischen der Thür genähert hatte, „bleiben
Sie ruhig hier; ich werde sorgen, daß der
Richter mitkommt, ihn interessirt diese Ange-
legenheit ebenso wie uns Beide.“

Der Verwalter ging eine geraume Weile
in der Studirstube des Doctors auf und ab;
er verhehlte sich nicht, daß er sich eine Auf⸗
gabe gestellt hatte, deren Lösung ebenso viel
Muth und Ausdauer, wie List und Geschick—
lichkeit erforderte, und daß gegenwärtig noch
sehr wenige Aussichten zur Erreichung des
vorgestreckten Zieles vorhanden waren. Selbst

wenn der Arzt und der RNichter seinen An⸗
sichten vollständig beipflichteten, selbst wenn es
ihren Bemühungen gelang, festzustellen, .daß
kein Selbstmord vorlag, so war dadurch das
Dunkel noch nicht gelichtet, welches die Person
des Mörders umhüllie. Das aber zu voll⸗
bringen, hatte der zunge Mann den Manen
seines Freundes zugeschworen und der Er⸗
reichung dieses Zweckes würde er sein Leben
geopfert haben. — Sein Leben? So hatte
er gesagt, als er vor einem halben Jahr die
Residenz verließ, um die Rolle eines Verwal⸗
ters zu übernehmen. Und jetzt? Hatte das
Leben für ihn nicht inzwischen höhern Werth
gewonnen? Gewiß, Comtesse Eleonore war
plötzlich als leuchtender Stern am Firmament
tmporgestiegen, und das Strahlenlicht dieses
Sternes erhellte den Pfad, auf welchem der
junge Mann wandelte. Als er zum ersten
Male ihr ins Auge blickte, als er zum ersten
Mal den sympathischen Klang ihrer Stimme
vbernahm, fühlte er schon, daß sein Herz gegen
diese Blicke und diese Stimme nicht gewappnet
war, und seit jenem Augenblick bewahrte seine
Seele das Bild Elesnores in ihrem tiefinner⸗
sten Schrein. Weshalb entsagte er nicht da⸗
mals einer Rolle, die ihm nicht erlaubte,
den Blick zu seiner Herrin zu erheben, weshalb
gab er sich ihr nicht zu erkennen, um Hand
in Hand seinen Zweck zu verfolgen.

Er hatte lange darüber nachgedacht und
war dabei zu dem Resultate gekommen,
daß er aus verschiedenen Grüuden seiner
Rolle treu bleiben mußte. Gesetzt auch, die
Comtesse bewahrte streng das Geheimniß,
welches er ihr anvertraute, der Scharfblick des
Freiherrn würde es bald errathen haben, so
sehr konnte Eleonore sich nicht beherrschen,
und jedes ihrer Worte, jeden Blick, ja den
Klang ihrer Stimme und das Lächeln, welches
oft unwillkührlich aus den Tiefen der Seele
auf die Lippen steigt, überwachen, daß nicht
der Freiherr Veranlassung gefunden hätte,
einem Verdachte Raum zu geben. Auch wußte
der junge Mann nicht, welche Ansicht Eleonore
in Bezug auf den Tod ihres Verlobten hegte;
theilte sie seinen Verdacht nicht, so lief er
Gefahr, durch sie in seinen Nachforschungen
zehemmt zu werden. Als die Comtesse ihm
sagte, er sei nicht der, welcher er scheinen
        <pb n="315" />
        wolle, sie hege die Ueberzeugung, daß er, zu
welchem Zwedke wisse sie freilich nicht, sich
unter fremder Maske ihr genähert habe, stand
er auf dem Punkte, sie in seine Geheimnisse
einzuweihen.

Schon schwebten ihm die Worte auf der
Zunge, aber er drängte sie zurück und be—
gnügte sich damit, ihr nur eine verstohlene
Andeutung zu geben. Seine Liebe wuchs mit
jedem Tage, sie faßte tiefe Wurzel in seinem
Herzen, und je inniger sie mit seinem Denken
und Fühlen sich verband, desto fester war in
seiner Seele der Entschluß, sich der Comtesse
nicht eher zu entdecken, bis er der Erwiderung
seiner Liebe gewiß war. Stand er auch in
den äußern Verhältnissen mit der Gräfin auf
einer Stufe, er wollte nicht zur Kategorie
derjenigen Freier zählen, die nur des enormen
Vermögens der Gräfin wegen um die Gunsi
der jungen Dame warben; nur dann, wenn
es ihm gelang, ihr Herz zu gewinnen, wenn
er seine und ihre Zukunft auf das Funda—
ment einer reinen, innigen Liebe stützen
könnte, wollte er offen ihr gegenüber auf⸗
treten.

Darüber aber fehlte ihm bisher noch die
Gewißheit, es war ihm bisher nicht gestattet
gewesen, in das Herz Eleonores einen Blick
zu werfen, sie hatte mit keinem Worte, kei⸗
nem Blicke verrathen, daß er ihr mehr sei,
als der Verwalter ihrer Güter. Der Freiherr
stand ihm im Wege; so lange jener im
Schlosse weilte, fand der junge Mann keine
Gelegenheit, sich der Comtesse vertraulich zu
nähern. Stets war der Freiherr ihr zur
Seite, stets sah der Verwalter den Blick die⸗
ses verhaßten Mannes unverwandt auf sich
gerichtet, wenn er über irgend eine Angele⸗
genheit mit der Comtesse redete. Sein Sin⸗
nen und Trachten konnte einstweilen nur dar⸗
auf gerichtet sein, diesen lästigen und ge⸗
fährlichen Nebenbuhler zu entfernen, und daß
ihm das nicht gelingen wollte, daß die Ein⸗
reichung seines Zwecks sich so sehr in die
Länge zog, bereitete ihm manche bittere
Stunde, manche schlaflose Nacht. Nun sah er
plötzlich ohne sein Zulhun, seinen Wunsch er—
füllt, aber ganz beseitigt war der Gegner
noch nicht, seine Spione hatte er im Schlosse
zurückgelassen. Jetzt galt es doppelt wachsam

zu sein, und dem jungen Mann gereichte es
zu besonderer Freude, daß er gerade jetzt
Verbündete gefunden hatte, auf dessen Treue
und Diensteifer er vertrauen durfte.

Nach einer ungefähr zweistündigen Abwe—⸗
senheit kehrte der Arzt in Begleitung des
Zreisrichters zurück. Der Richter hatte den
Dolch und das Protokoll mitgebracht, er
iberreichte die Akten dem jungen Manne, der
le rasch, aber mit eingehender Genauigkeit,
durchsah.

Sie glauben also auch, daß der Baron
von Reden ermordet worden ist? fragte der
Arzt, der inzwischen seine Magd beauftragt
hatte, eine Flasche Bordeaux zu bringen. „Ich
weifle nicht daran,“ erwiderte der junge
Mann ruhig, „ich habe es bereits geglaubt
in dem Augenblick, in welchem mir die To⸗
desnachricht mit den verschiedenen Einzelnhei—
ten mitgetheilt wurde. Daß man damals kein
größeres Gewicht auf die Möglichkeit des
Criminal-Verbrechens gelegt hat, begreife ich
nicht, der Baron von Reden starb unter so
glücklichen Verhältnissen, daß der Selbstmord
nur eine That des Irrsinns —“

Wer kann behaupten, daß er das nicht
gewesen sei? unterbrach der Richter ihn. Wer
kann beweisen, daß der Baron überhaupt kei⸗
nen Grund gehabt habe, sich zu entleiben!
Damals fehlten dem Gericht alle Auhaltspunkte,
der Beweis wurde sogar überzeugend geliefert,
daß ein Criminal-Verbrechen nicht vorlag.
„Weil die Thüren von innen verschlossen
waren ?*

Allerdings. „Ich will Ihnen beweisen,
daß ich in die Stube Nummer Siebenzehn
zelangen und sie wieder verlassen kann, kotz
dem sie von innen, durch Vorschiebung des
Nachtriegels geschlossen ist. Ich habe im Laufe
des Winters in jenem Zimmer Studien ge⸗
macht und dabei manches entdeckt, was meinen
Verdacht bestärkte“ —

Und wen halten Sie kür den Mörder?
fragte der Arzt. Der junge Mann zuckte
die Achseln. „Als den Urheber des Verbre⸗
chens möchte ich Denjenigen bezeichnen, der
allein einen Vortheil aus demselben zu ziehen
Jlaubte, zur Ausführung desselben halte ich
aber diesen Mann zu feige.

Reden wir offen miteinander, sagte der
        <pb n="316" />
        Richter, es liegt ja im Interesse der Sache
selbst, daß wir unsere Ansichten ohne Rück—
halt austauschen. Sie denken an den Freiherrn
von Braß? „Ja, der Baron von Reden war
sein begünstigter Nebenbuhler, der Baron
von Reden hatte im Zweikampf den ersten
Schuß, und der Freiherr wußte sehr genau,
daß sein Gegner die Schwalbe im FJluge
nicht fehlte. Er wußte ferner, daß Haß und
tiefgekränkte Ehre die Triebfedern waren,
die den Baron bewogen hatten, seinen feigen
Gegner zum Duell zu zwingen; was also
lag dem Freiherrn näher, lals die Gewißheit,
daß die Kugel seines Gegners ihn tödten
oder schwer verwurden werde? In beiden
Fällen durfte er sich auf die Erfüllung seiner
Wünsche keinen Hoffnungen mehr hingeben
und nur der Tod des Barons lonnte die
Durchkreuzung seiner Pläne verhüten.“

Sie glauben also, er habe den Moͤrder
gefunden ? fragte der Richter. „Ganz gewiß
und ich habe einigen Freunden in der Re—
sidenz Auftrag gegeben, nöthigenfalls mit
Hdülfe der Polizei zu erforschen, miit welchen
Subjecten der Freiherr kurz vor seiner Abreise
berkehrte.“

Nund? fragte der Arzt. „Ich habe bis heute
noch keine näheren Nachrichten darüber erhalten.“

So glaube ich auch nicht, daß Sie auf
diesem Wege ein Resultat erzi len werden,
sagte der Richter. Nach meiner Ansicht wäre
es das beste, den Freiherrn in jenen Pavillon
zu locken und ihm dort plötzlich die Leiche zu
zeigen. „Was hä, ten wir dadurch gewonnen?
erwiderte der Verwalter ruh ig. Im günstigften
Falle lieferten sein Erschrecken und der Aus—
druck seiner Züge uns den Beweis, daß unser
Verdacht begründet ist, aber können wir uns
auf einen solchen Beweis stützen ? Derartige
Ueberraschungen, welche die Untersuchungsrich⸗
ter so außerordentlich lieben, koönnen wir hier
nicht in Anwendung bringen, wir müssen bessere
Beweise haben.“

Und wo wollen Sie diese finden ? fragte
der Richter. Ich weiß es nicht, aber ich
halte an der Hoffnung fest, daß es mir ge⸗
kinven wird — — apropos, haben Sie den
Dolch, den man bei der Leiche fand?“

Hier ist er, Sie werden bemerlen, daß
er das Wappen und den Namenszug des
Verstorbenen trägt. Der Namensgzug ist täu⸗
schend ähnlich, aber das Wappen ist falsch,“
sagte der junge Mann, nachdem er die Waffe
hetrachtel hatt. „Das Wappen der Barone
von Reden ist in zwei Felder eingetheilt, das
erste enthält den Löwen im weißean Felde,
das zweite drei Sterne im schwarzen Felde.
Auf diesem Wappen dagegen finde ich den
Löwen im schwarzen und die Sterne im silbernen
Felde, das ist jedenfalls ein Zeichen, daß
ein in der Genealogie bewanderter Graveur
das Wappen nicht gestochen hat.“

Desto sicherer wird der Betreffende sich
erinnern können, wann und in wessen Auf⸗
trage er es gestochen hat, erwiderte der
Richter rasch, sehen Sie einmal genauer zu,
oielleicht war der Mann so stolz auf seine
Arbeit, daß er sie mit seinem Ramen bersah.

Der Dolch wanderte aus einer Hand in
die andere, der Arzt betrachtete ihn lange
durch das Mikroskop, nirgend war der Name
oder ein Zeichen des Graveurs zu entdecken.

(Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.
Neue Uebersetzung des Wortes Toilette.

„Jean!“ — ‚'r Gnaden gnäd'ge Fräul'n
Gräfin! was befehlen's?“ — „Laß Er mir
ja vor elf Uhr keinen Besuch vor, denn ich
muß erst Toilette machen.“ — „Sehr wohl,
'r Gnaden gnäd'ge Fräul'n Gräfin.“ —
„Jean! melde Er mich bei der Fräulein
Bräfin zum Besuche an.“ — ‚„Müssen 'r
Bnaden schon ein wenig gedulden, Herr
Baron! denn die gnädige Fräul'n thut grad'
— — — ist mir das deixels französische
Wort ausgefall'n / 54 — nu! auf Deutsch
wird's ungefähr heiß'n sollen: sie thut grad'
ihre zwei frischen Zähne einsetzen und ihre
Backen roth anstreichen.“

Sinnspruch.
Deutsche Freiheit, deutscher Gott,
Deutscher Glaube ohne Spott,
Deutsches Herz und deutscher Stahl
Sind vier Helden allzumall Arndt
Druck und Verlag von F. X. Demnez in St. Ingbert.
        <pb n="317" />
        AUnkerhaltungsblatt

MN
St. Ingberter Anzeiger.

* 2

—
*

—
Dor

Arstag, den 18. Juli

Ein dunkles Geheimniß.*
Novelle
von Ewald August König.

alsdann dafür sorgen, daß wir morgen Abend
in Nummer Siebenzehn speisen.“

Gut, ich werde inzwischen auf einen Vor⸗
wand sinnen. Der Verwolter verabschiedete
sich jetzt und kehrte in seine Wohnung zurück.
Er prüfte im Laufe des Tages seine Schuß⸗
vaffen und steckte, bevor er am Abend ius
Städtchen ging, einen Revolver in die Brust-
asche. Zu welchem Zweck, wußte er zwar felbst
uicht; aber er sagte sich, unter den obwal⸗
enden Verhältnissen sei es rathsam, wenn er
ine Waffe bei sich führe, so lange er den
Freiherrn in der Nähe wisse. Er traf im
Basthofe „zur Sonne“ die kleine Gesellschaft
hereits versammelt. Der Bürgermeister, der
Freiherr, der Richter, der Gastwirth und der
Doctor Sand saßen an dem Tische, an dem
nur die Stammgäste Platz zu nehmen pflegten,
und ihre Unterhaltung schien in dem Augenblick,
in welchem der junge Mann eintrat, eine sehr
ebhafte zu sein.

Ah, gut, daß Sie kommen, rief der
Richter dem Eintretenden entgegen, Sie wer⸗
den die Güte haben, Ihre Ansicht über eine
Behauptung zu äußern, die hier energische
Opposition findet. Ich habe vorhin behauptet,
die schöne junge Gräfin von Strahlen traure
noch immer um ihren Verlobten, sie werde
die Liebe zu ihm mit in's Grab nehmen.
„Und wer tritt dieser Ansicht entgegen, wenn
ich fragen darf?“ erwiderte der Verwalter.

Der Herr Baron von Braß, fuhr der
Kichter fort. Er will behaupten, das gnädige
Fräulein habe seitdem bereits eine Linison
mit einem jungen Manne unter ihrem Stande
angeknüpft. Der Verwalter mußte gewaltsam

(Fortsetzung.)

Ich theile Ihren Verdacht und bin über⸗
zeugt, daß er begründet ist, nahm der Richter
aach einer Pause wieder das Wort, aber ich
glaube auch, daß wir dieses Geheimniß nicht
enthüllen werden. „Selbst dadurch nicht, wenn
ich den Beweis liefern wollte, daß jener Dolch-
stoß nur von fremder Hand geführt worden
sein kann,“ fügte der Arzt hinzu.

Das können Sie beweisen? fragte der
Verwalter rasch. „Vielleicht.“

Dadurch wäre möglicherweise ein Halte—
punkt gewonnen, sagte der Richter. „Halten
wir auch dies im Auge,“ fuhr der junge
Mann fort, „ich werde Ihnen Morgen Abend
den Beweis liefern, daß die mit einem Nacht—
ciegel geschlossene Thür von außen geöffnet
und wieder geschlossen werden kann. Ich wünsche,
daß der Freiherr dabei zugegen ist, und dies
kann nur dadurch ermöglicht werden, daß
einer von Ihnen, meine Herren ihn einladet.
Ich will dies übernehmen, erwiderte der
Arzt. Wird es aber nicht sein Auffallen er—
regen, wenn ich ihm sage — „Daß wir in
Nummer Siebenzehn speisen werden ? Gewiß,
aber wir können seinem Verdacht vorbeugen.
stommen Sie heute Abend in den Gasthof
und laden Sie mich im Beisein des Freiherrn
unter irgend einen Vorwand ein, ich werde
        <pb n="318" />
        an sich halten; der stechende Blick voll bos⸗
hafter Tücke und das Lächeln triumphirenden
Hohns auf den Lippen des' Freiherrn schürten
in seiner Seele die Gluth des Hasses, daß
sie hoch aufloderte. Er gedachte seines Vor⸗
habens und bezwang sich.

Wenn der Herr Baron das behauptet, so
wird er wohl Gründe dazu haben, erwiderte
er, den Blick fest auf die Züge des Edel—
mannes gerichtet, wer die Comtesse kennt,
wird wissen, daß ihre reine Seele vor Allem
zurückbebt, was qian im gewöhnlichen Leben
niedrig und gemein zu nennen pflegt. Ich
könnte Ihnen ein Beleg zu ihrer Charakter⸗
festigkeit liefern und einen ihr im Range eben⸗
bürtigen Mann nennen, der sich durch seine
niedrigen Gesinnungen ihre Verachtungen zu—⸗
gezogen hat, aber wozu? Mag Jeder sich
seine Anficht über sie bilden, ich hoffe, wir
Alle wissen — „Ah, Sie weichen aus,“
unterbrach der Freiherr ihn mit kaltem Hohn.

Ich weiche aus, weil ich es für überflüssig
halte, die Gräfin an diesem Orte und in
diesem Kreise zu vertheidigen, an einem an—
deren Orte dagegen siehe ich gern zu Dien⸗
sten, fuhr der Verwalter mit scharfer Betonung
fort. Die Ehre einer Dame ist zu hart, als
daß man im Wirthshause sie abwägen dürfte,
ich sehe sie lieber auf der Degenspitze. Diese
Worte verfehlten den beabsichtigten Eindruck
nicht. Der Verwalter hatte absfichtlich so offen
mit einer Herausforderung gedroht, um der
Gesellschaft zu beweisen, daß der Freiherr in
der That eine feige Memme war. Dieser
Beneis gelang ihm vollständig, der Edelmann
begnügte sich damit, die Drohung durch einen
zlühenden Blick des Hasses zu erwidern.

Ich denke, wir streiten uns um des Kai—
sers Bart, nahm der Arzt das Wort. Sto⸗
ßen wir an auf das Wohl der Gräfin von
Strahlen, die wir Alle lieben und ehren.
„Da haben Sie Recht,“ sagte der Bürger⸗
meister, „und in diesem Punkte wird die ganze
Stadt mit Ihnen übercinstimmen.“

Lieben? Die ganze Stadt? warf der
Freiherr ein. Bah, es lohnt sich nicht der
Mühe, daß man wegen einer solchen Bagatelle
sich erhitzt, aber die Stunde kommt, in der
man sagen wird, ich habe Recht gehabt. „Ich
glaubte, Sie seien schon gestern abgereist,“

wvandte Stern sich zu dem Edelmann, der
nach jener Bemerkung sein Glas hastig geleert
hatte. „Für den Fall Sie in den nächsten
Tagen zur Residenz zurückktehren, möchie ich
A

Ich reise ab, wann es mir gefällt, fiel
der Freiherr ihm barsch in's Wort, vorläufig
gedenke ich noch einige Wochen hier zu bleiben.
„Dann werden Sie mir wohl die Ehre er—
zelgen, meine Einladung auf morgen Abend
anzunehmen,“ sagte der Arzt, „ich feiere
morgen mein Geburtsfest und gedenke den
Abend dieses hochwichtigen Tages im Kieise
meiner Freunde festlich zu begehen; auch Sie
meine Herren sind freundlichst dazu einge⸗
laden.“

Sie feiern morgen Ihren Geburtstag?
fragte der Wirth erstaunt. „Ja, und zwar in
Ihrem Hause, wenn Sie die Bewirthung
übernehmen und mir für den Abend ein Zim—
mer einränmen wollen.“

Apropos, wie steht es mit Nummer Sie—
benzehn?“ fragte der Verwalter. „Nicht besser
wie früher,“ erwiderte der Wirth seufzend.
„Ich darf's keinem Gust anbieten, ohne ihm
vorher den traurigen Vorfall mitzutheilen,
und nach diesen Mittheilungen will Niemand
dort schlafen.“

So wollen wir in diesem Zimmer morgen
Abend speisen und die Nacht in demselben
verbringen, sagte der Arzt ruhig; ich hoffe,
den Herren wird's recht sein. „Der Einzige
unter uns, der dagegen vielleicht etwas einzu—
wenden findet, ist der Herr Baron,“ erwi⸗
derte der Verwalter mit einem lauernden
Seitenblick auf den Freiherrn, der gleichgültig
die Achseln zuckte und mit demselben Gleich—
muth den Rauchwölkchen seiner Cigarre nach—
schaute.

Nicht im Geringsten, versetzte der Frei⸗
herr, obschon ich nicht leugnen will, daß ein
anderes Zimmer mir lieber wäre. „So bleibt's
dabei,“ sagte der Arzt, „wir feiern unser
kleines Fest in Nummer Siebenzehn.“

Der Freiherr erhob sich und verließ den
Saal, eine halbe Stunde später trennte die
Gesellschaft sich.

Es schlug zehn Uhr, als der Verwalter
seinen Heimweg antrat. Die Nacht war ziem⸗
lich stürmisch und finster, kein Stern lenchtete.
        <pb n="319" />
        Der junge Mann mußte ein kleines, aber
ziemlich dichtes Gebüsch passiren, ahnungslos
verfolgte er seinen Weg, als plötzlich in näch-
ster Nähe ein Schuß fiel. Wem dieser Schuß
galt, war nicht schwer zu begreifen, die Ku⸗—
gel streifte den Hut des Verwalters. Im
nächsten Augenblick hatte Stern den Hahn
seines Revolvers gespannt, er feuerte aufs Ge⸗
rathewohl in das Gebüsch hinein, aber auch
seine Kugel schien das Ziel verfehlt zu haben,
das Rascheln des dürren Laubes verrieth dem
jungen Manne, daß der Meuchelmörder sich
eilig entfernte. Daß ein Meuchelmord beab
beabsicht war, konnte der Verwalter nicht be—
zweifeln und er glaubte auch über die Person
des Mörders wie über die Beweggründe des-
selben keinen Zweifel hegen zu dürfen. Nur
Einer haßte ihn und diesen einen hatte er
kurz vorher seine Uebermacht fühlen lassen.
Vielleicht auch ahnte jener Mann, welche Pläne
sein Gegner verfolgte, vielleicht hatte er die
Maske durchschaut, die Jener trug.

Der Wirth „zur Sonne“ erntete unge—
theiltes Lob. Die Speisen waren vortrefflich,
die Getränke ließen nichts zu wünschen und
auch die Ausschmückung des Zimmers ver—
diente alle Anerkennung. Der Verwalter hatte
den Forster mitgebracht und der Festgeber
fand gegen den ungeladenen Gast nichts ein
zuwenden, als er erfuhr, daß derselbe eben⸗
falls ein Verbündeter gegen den Freiherrn
war. Die Unterhaltung bewegte sich in der
ersten Stunde auf dem Felde, der alltäglichen
Conversation, über das Wetter und die Stadt⸗
neuigkeiten; nachdem man aber zu verschiedenen
Malen auf das Wohl des Festgebers ange—
stoßen und auch die Verdienste des Gastwirths
gebührend anerlannt hatte, nahm sie einen
ernsteren Charakter an.
Der Richter berührte das zunächst liegende
Thema, den Vorfall, der vor mehreren Mo—
naten in diesem Zimmer stattgefunden hatte,
und so unangenehm auch dieses Thema dem
Freiherrn zu sein schien, ging man doch auf
dasselbe ein. Wie damals waren auch heute
wieder die Ansichten getheilt, der Verwalter
und der Doctor Sand beharrten dabei, daß
ein Criminal⸗Verbrechen nicht vorliegen könne
Der Freiherr pflichtete dieser Ansicht bei. wäh⸗

tend der Förster und der Wirth sich jedes
Urtheils enthielten.

— Der Richter schüttelts den Kopf.
Meine Ansicht steht unerschütterlich fest, sagte
er, ich bedauere nur, daß ich derzeit so leicht
über den Vorfall hinwegging. Hätte ich da—
nals gewußt, was ich heute weiß — „Und
vas wissen Sie heute?“ fragte der Freiherr
in einem Tone, der seine Aufregung verrieth.

Daß der Baron von Reden in den glück⸗
lichsten Verhältnissen lebte und daß es eine
That des Irrsinns gewesen wäre, wenn er

elbst sich entleibt hätte, da doch eine überaus
Nückliche Zukunft vor ihm lag, fuhr der
Richter rnhig fort. Das war mir damals
inbekannt, ich erfuhr es erst später. „Bah,
zar Mancher lebt anscheinend in den glück—
ichsten Verhältnissen, der das Elend und die
Verzweiflung im Herzen trägt,“ erwiderte der
Freiherr mit einem Achselzucken der Gering⸗
chätzung. „Der Baron von Reden mag eine
Schuld auf dem Gewissen gehabt haben, vor
der er nur im Grabe Ruhe finden konnte.
Wie dem aber auch sein möge, es wäre lä⸗
Herliche Thorheit, jenem Vorfalle andere Ur⸗
achen unterzuschieben, als die, welche durch un⸗
umstößliche Beweise festgestellt sind. Daran
erkenne ich wieder den Charakter eines kleinen
dandstädtchens, der Floh muß gleich zum
Elephanten gemacht werden, damit er Stoff
zu interessanter Unterhaltung bietet. Dieses
alte Weibergewäsch über einen Vorfall, der
in der Residenz fast täglich stattfindet und
dort schon nach vierundzwanzig Stunden ver⸗
zessen ist, widert mich an. Lassen wir die
Todten ruhen, was kümmert es uns, welche
Motive den Baron zu diesem kraurigen
Schritt veranlaßt haben! Doe mortiis nit
nese benGo.““

Der Blick des Verwalters ruhte unver⸗
wvandt auf den Zügen des Freiherrn, ihm
entging die leidenschaftliche Aufregung dieses
Mannes nicht, trotzdem derselbe sie sehr ge—
chickt hinter der Maske gleichmüthiger Ruͤbe
zu verbergen suchte.

Ich sage auch, alle diese Vermuthungen
ind thöricht und unnütz, nahm der Försier
das Wort. Die Thüren waren ja von innen
verschlossen, die Fenster ebenfaͤlls. „Haben
Sie noch nie gehört, daß man eine verschlossene
        <pb n="320" />
        Thür von außen öffnen und wieder schließen
kann?“ unterbrach der Richter ihn.

„Auch wenn ein Riegel vorgeschoben ist ?*
fragte der Freiherr mit kaltem Hohn. „Er—
lauben Sie, den Beweis will ich Ihnen
lieiern,“ sagte der Verwatter, indem er sich
erhob.“
Seben Sie sich keine Mühe! rief der
Freiherr barsch. Wozu soll dieser Beweis
dienen? Er wird den Spießbürgern und den
Klatschbasen nur Veranlassung geben, ihr
fades Geschwätz noch breiter zu treten. Der
Verwalter haͤtte sich bereits der Thür ge⸗
nähert. „Gleichviel,“ erwiderte er. „Die
Herren wird es wenigstens interessiren, zu er⸗
fahren, daß ein Nachtriegel nicht den minde—
sten Schutz gewährt. Haben Sie die Güte,
den Riegel vorzuschieben, Herr Doctor.“

Der Arzt kam dieser Aussorderung, nach—
dem der junge Mann das Zimmer verlassen
hatte, ohne Zögern nach, im nächsten Augen-
bblick kam der Verwalter wieder in die Stube,
er hatte die Thür geräuschlos geöffnet. Hier
ist das Instrument, sagte er, indem er dem
Richter einen feinen, aber sehr starken und an
der Spitze mehrfach gekrümmten Draht über⸗
reichte, mit diesem Passepartout kann ein ge⸗
wandter Dieb jedes besonders complicirte Schloß
öffnen.“
Sie haben diese Wissenschaft wohl gründ⸗
lich studirt ? höhnte der Freiherr. „Es inte⸗
ressirte mich zu erforschen, welchen Schutz
ein Nachtriegel gewährt,“ erwiderte der Ver⸗
walter gelassen.

„Ich werde meine Schlbsser ändern lassen,“
sagte der Wirth; „wenn die Kunde von
dieser Erfindung sich in die Stadt verbreitet,
erregt sie gewiß ungewöhnliches Aufsehen.“
„Moglicherweise bringt sie dem Herrn Stern
die goldene Verdienstmedaille ein,“ fügte der
Freiherr spottend hinzu. „Was gibt's Neues
im Schlosse ?“

Wenn Sie es zu erfahren wünschen,
müssen Sie persönlich sich hinbemühen, erwi
derte der Verwalter. Ich bekümmere mich nicht
um das, was im Schlosse vorfällt. „Wirklich?
Sie hätten doch triftige Gründe dazu.“

Weshalb? „Sie werden es ebenso gut
wissen wie ich.“

Wuüßte ich's, würde ich Sie nicht fragen.

„Bah, ich fühle mich nicht verpflichtet,
Ihnen weitere Rede zu stehen,“ sagte der
Freiherr in einen Tone, der dem jungen
Manne die Galle in's Blut trieb. „Sie werden
ich wohl erinnern, über welches Thema wir
gestern Abend redeten.“

Freilich, Sie waren gestern Abend so
freundlich, Ihre Ansichten über den Charakter
der Comtesse von Strahlen zu äußern. „Und
ich behauptete bei dieser Gelegenheit, daß
die Gräsin ihren Verlobten schon längst ver—
gessen habe.“

Aber inwiefern steht das im Zusammen⸗
hange mit Ihrer heutigen — „Mein Herr,
Sie haben gestern Abend gesagt, hier sei nicht
der Ort, uͤber die Ehre einer Dame zu
richten.“

Allerdings, das aber hindert Sie nicht,
nir zu erklääͤren, welche triftige Gründe mich
zewegen müssen, mich um jeden Vorfall im
Schlosse zu bekümmern! fuhr der Verwalter
zereizt auf. Behauptungen kann Jeder aufwerfen,
aber der Ehrenmann liefert auch die Beweise
dazu. „Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß
ich mich nicht verpflichtet fühle, Ihnen über
diese Punkte Rede zu stehen, und daß Sie
ebenso gengu wie ich, jene Gründe kennen
würden,“ erwiderte der Freiherr; „wünschen
Sie dennoch nähere Erörterungen, so stehe ich
später zu Diensten.“
Nach dieser mit gemessener Kälte gegebenen
Erklärung entfernte der Freiherr sich und
weder der Doctor noch einer der Festgäste
machte einen Versuch, ihn zu längerem Bleiben
zu bewegen.

Jetzt wissen wir wieder nicht mehr noch
weniger wie gestern, sagte der Richter un—
muthig. „Still, er logirt immer noch nebenan,“
flüsterte Stern, „er könnte uns belauschen.

(Forisetzung folgt.)

— — ——

Druck und Verlag von J. X. Demez in St. Ingbert.
        <pb n="321" />
        Anterhaltungsblatt

M
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 8.3.

—— Sonntag, den 16. Juli

1831.
Ein dunkles Geheimniß.“*

tigkeit sei. Er habe den gefundenen Gegenstand
nicht näher besichtigt. um nicht die Aufmerk—
samkeit des Gastwirths auf denselben zu len—
ken, denn der Verschwiegenheit dieses Mannes
schenke er kein besonderes Vertrauen.

Darauf schlug der Arzt vor, die kleine
Gesellschaft möge in seiner Wohnung noch ein
Glas Punsch trinken, den er ganz vorzüglich
zu bereiten verstehe, man könne bei dieser
Belegenheit den Werth der gemachten Ent⸗
deckung prüfen. Dieser Vorschlag wurde ein⸗
timmig angenommen, und man entdeckte in
dem gefundenen Gegenstande ein goldenes
demdknöpfchen. Dieses war sehr fein gear⸗
deitet und mit einem kleinen Diamant ge⸗
ichmückt; es schien aus der Werkstätte eines
ehr geschickten Juweliers hervorgegangen zu
ein. An einer Stelle dicht neben dem Edel⸗
tein bemerkte man einen kleinen rothen Fleck.

Das ist Blut, sagte der Richter, als
Stern ihn auf diesen Fleck aufmerksam machte,
hevor wir aber diesen Knopf als Beweismittel
benutzen können, müssen wir das Gegenstück
zu demselben gefunden haben. „Und wer
sann behaupten, daß dieser Knopf das Eigen⸗
hum des Mörders ist ?“ erwiderte der Bür⸗
zermeister. „Vielleicht hat der Baron von
Reden derartige Knöpfe getragen. —“

Dann müßte man das Gegenstück in seinem
Nachlaß gefunden haben, und darüber kann
uns Comtesse von Strahlen Ausschluß geben.
Sie nkahm damals die Hinterlassenschaft ihres
Verlobten in Empfang und hat, wenn ich
nicht irre, im Beisein des Gastwirths und
des Freiherrn von Braß ein Verzeichniß auf⸗
nehmen lassen, fuhr der Richter fort. Da ha⸗

bvon Ewald Aug ust König.

Novelle

— —— —
(Fortsetzung.)

Die Unterhaitung stockte eine geraume
Weile, aber der vortreffliche Wein des Gast—
wirths ließ eine Mißstimmung nicht aufkommen.
Man wählte die Politik zum Thema und
verbrachte bei diesem durch scharfe Opposition
gewürzten Gespräche noch einige heitere Stun—
deu. Kurz nach Mitternacht brach die Gesell⸗
schaft auf. Der Verwalter hatte bei seinem
Eintritt Hut und Stock auf das Bett gel⸗gt;
im Begriff dieselben zu nehmen, entdeckte er,
daß der Stock verschwunden war. Man suchte
denselben in allen Ecken, aber vergeblich, und
schon wollte Stern sich ohne denselben ent⸗
fernen, als der Förster die Vermuthung
äußerte, der Stock sei vielleicht hinter das
Bett gefallen.

Das werden wir bald wissen, sagte der
Wirth, wir rücken die Bettstelle von der Wand
ab und der Herr Verwalter würft einen Blick
dahinter. J

Der Stock fand sich in der That hinter
der Bettstelle; als der junge Mann sich bückte,
um ihn aufzuheben, bemerkte er neben ihm
einen kleinen, lebhaft blitzenden Gegenstand,
den er rasch und ohne daß es seine Umgebung
bemerkte, einsteckte. Kaum aber hatte er den
Gasthof verlassen, als er seinen Begleitern
mitheilte, daß er hinter dem Bett einen Fund
gemacht habe, der vielleicht von hoher Wich—
        <pb n="322" />
        ben Sie abermals den Beweis, daß wir der⸗
zeit die Sache zu leicht nahmen, damals hätten
wir den Eigenthümer dieses Knopfes sehr
hald entdecken können, jetzt wird das ungemein
schwer fallen. Möglicherweise kann auch ein
anderer Gast ihn verloren haben,“ warf der
Förster ein.

„Das glaube ich nicht, sagte der Arzt,
der Knopf ist werthvoll, wer ihn detragen
hat und ihn sogar verlieren konnte, ohne
Recherchen anzustellen, muß für derartige
Spielereien Geld übrig gehabt daben. „Viel⸗
leicht dönnte eine sofortige Haussuchung in der
„Sonne“ —

Dazu bin ich jetzt nicht mehr berechtigt,
anterbrach der Richter den Verwalter, auch
hege ich die Ueberzeugung, daß, wenn der
Mörder wirklich noch in jenem Gasthofe weilt,
er seinen Verlust bemerkt und der wöglichen
Entdeckung vorgebeugt haben wird. Der Bür—⸗
germeister zuckte die Achseln. „Nachdem wir
damals die Karten aus der Hand gegeben
haben, müssen wir jetzt warten, bis ein glück—
licher Zufall uns berechtigt, sie wieder auf⸗
zunehmen,“ sagte er. „Dieser Knopf würde
damals ein vortreffliches Beweismittel gewesen.
sein, heute gilt er keinen Heller mehr.“

Die Gläser waren inzwischen geleert und
die Gesellschaft trennte sich jetzt, nach dem vor⸗
her jeder Einzelne die Zusage gegeben hatte,
dieser Angelegenheit eine unausgesetzte Auf⸗
merksamkeit zu widmen.

Am nächsten Morgen verfügte Stern sich
in den Gasthof zum Freiherrn. Er hielt es
für überflüssig, sich vorher anmelden zu lassen,
obgleich er wußte, daß der Freiherr strenge
Beobachtung der Etiquette verlangte. Sie
werden wissen, weshalb ich komme, sagle er,
ohne die Ueberraschung und den auflodernden
Zorn des Edelmannes zu beachten, die deut⸗
lich genug in den Zügen desselben sich spie—
gelten. „Weshalb Sie kommen?“ erwiderte
der Freiherr, eine Ruhe heuchelnd, die seiner
Seele fremd war. Ich erinnere mich nicht,
Sie eingeladen zu haben, mir die Ehre Ihres
Besuches zu schenken.“

Sie haben, wie mir scheint, ein sehr
kurzes Gedächtniß, Herr Baron! „Für Ba—⸗
gatellgeschichten, ja! Mich beschäftigen stets so
piele ernste, wichtige Angelegenheiten, daß es

n der That zu viel verlangt wäre, mir auch
ür Kleinigkeiten ein scharfes Gedächtniß zuzu⸗
nuthen.“

Ah, Sie zählen es also zu diesen soge⸗
iannten Kleinigkeiten, wenn Sie die Ehre
einer Dame beleidigen? „Hm — je nachdem,
uhr der Freiherr achselzuckend fort. „Ich bin
iberzeugt, wenn ich einer Dame zu nahe trat,
o konnte von Beleidigung ihrer Ehre füglich
nicht mehr die Rede sein.“

Damit wollen Sie sagen, daß Sie auch
der Ehre der Gräfin von Strahlen nicht zu
jahe getreten sind ? fragte der Verwalter mit
vachsender Entrüstung. „Ah, Sie kommen
als Ritter der Comtesse von Strahlen? Ich
»edaure, diese Ritterschaft nicht anerkennen zu
önnen.“

Ich komme Sie zu ersuchen, mir wegen
der Ehrenkränkung der Comtesse Genugthuung
u geben, fuhr der junge Mann erbittert auf.
„Diese Genugthuung werde ich einem Edel⸗
nanne geben, Ihnen verweigere ich sie,“
ꝛrwiderte der Freiherr mit verletzendem Hohne.
„Auch bezweifle ich sehr, daß unter den ob⸗
valtenden Verhälinissen ein Edelmann sich zum
Kitter. der Comtesse aufwerfen würde.“

Mit diesen alltäglichen Phrasen werden
Sie mir nicht entwischen, fuhr der Verwalter
zewaltsam an sich haltend, fort. Hatten Sie
den Muth, öffentlich in einem Wirthshause
die fleckenlose Reinheit der Gräfin mit ihrem
Beifer zu besudeln, so werden Sie wohl auch
den Muth haben, für Ihre Behauptungen mit
den Waffen einzustehen.

Der Freiherr wanderte langsam auf und
ib, dann und wann traf sein unstäter Blick
das hochrothe Antlitz des jungen Mannes und
eder dieser Blicke verrieth, daß auch in seiner
Seele der gewaltige Kampf der Leidenschaften
obte. Sie reden von fleckenloser Reinheit und
nüssen doch selbst wissen, daß die Comtesse
zon Strahlen ihre Gunst einem Menschen
zeschenkt hat, der — — bah, was kümmert
es mich! Gehen Sie heim und genießen Sie
die Augenblicke, so lange die süße Geliebte
Ihrer noch nicht überdrüssig ist.“

Herr Baron! „Ereifern Sie sich nicht,
mein Bester; wenn Sie sich nicht mäßigen,
ehe ich mich genöthigt, den Hausknecht zu
rufen.“
        <pb n="323" />
        Und das bieten Sie mir? fragte der
Verwalter in einem Tone, der den Edelmann
veranlaßte, einige Schritte zurückzuweichen. Sie,
der mich verleiten wollte, Ihre Betrügereien
dutzuheißen und in Gemeinschaft mit Ihnen
die Comtesse zu bestehlen ? Sie, dem die Com⸗
lesse die Thür gezeigt hat? Sie, auf dem
der Verdacht lastet, daß er seine Hände mit
dem Blut —

„Herr, wenn Sie nicht augenblicklich sich
zum Teufel scheeren, schieße ich Sie nieder,
wie einen tollen Hund!“ rief der Freiherr
bebend vor Wuth.

(Fortsetzung folgt.)

Zwischen Erde und Ewigkeit.

„Um fünf Uhr pünktlich,“ sagte der
Professor.

„Ja, wenn es nicht regnet.“

Der Professor war ein Fremder in un—
serer Stadt. Er war recht eigentlich aus den
Wolken niedergefallen und konnte deßhalb nicht
polizeilich angemeldet werden. Unser sonst sehr
gestrenger Buͤrgermeister, es mit dem Wahl⸗
spruch haltend, daß Ausnahmen die Regel
fixiren, nahm den Professor und seinen Assi⸗—
stenten, als beide zum größten Erstaunen der
Bürgerschaft in einem Luftballon auf einem
Kartoffelacker unweit des Marktplatzes landeten,
mit ehrender Auszeichnung auf. Der Ballon
wurde erst getrocknet — denn, auf der Reise
derschlagen, hatten die seltenen Gäste einen
Wolkenbruch überstehen müssen — und dann
auf einige Tage zusammengeklappt, während
welcher Zeit einige Reparaturen an der Ma⸗—
schinerie vorgenommen wurden. Aus Dank—
barkeit für die gefundene freundliche Aufnahme
erbot sich der Professor eine kleine auserlesene
Gesellschaft beiderlei Geschlechts auf einige
Stunden „in den höheren Regionen“ spazieren
zu fahren. Und es waren ihrer drei Münn⸗
lein und zween Fräulein, die sich zu dem
Risiko meldeten. Unter den Ersteren war
ich selbst.

Es regnete nicht. Lange vor der bezeich⸗
neten Stunde, an einem sonnigen Sonntags
Nachmittage, standen wir Passagiere mit Ge—
päck, in Maniel und Seelenwärmer bestehend,
bor unserem Schiff und beobachteten die Füllung

des Ballons, der, wenn voll, ungefähr 45,000
seubikfuß Gas halten mochte. Die doppelfar⸗
zige Seide war reichlich geöblt und mit Gut⸗
apercha überzogen, und das Ganze hing in
einem Netzwerk von Hanfstricken und glich
einer colossalen Melone in diesem Aufputz.
dangsam schwankte das Gebäude hin und
her und riß und zerrte zuweilen ungedul dig
an den festhaltenden Seilen oder beschrieb
einen eigenthümlichen Bogen als wolle es
kopfüber sich auf die Zuschauer werfen.

Unsere beiden Fräulein wurden etwas blaß,
als der Professor sie einlud, zuerst in den
Korb zu steigen, der Raum genug für fünf⸗
zehn Personen hatte. Wir vom starken Ge⸗
schlecht — sah auch einer davon so aus, als
habe er soeben sein Testament unterschrieben
— folgten. Unser Publikum bestand aus
einigen hundert Zuschauern; Viele lachten —
aber es gab auch Thränen. Einer der Reise⸗
ustigen, Gatte und Vater, wurde von Frau
und Kindern an den Rockschößen festgehalten,
und sie flehten so kläglich darum, er möge
die Fahrt aufgeben, daß, wöäre ich an seiner
Seele gewesen, ich mich lieber von allen Bier—
philistern des Städtchens hätte 14 Tage lang
derhöhnen lassen, als solchen Herzen eine ein-
zige bange Stunde zu bereiten. Aber es ge⸗
jang seinem Humor, sie endlich unter Thränen
achen zu machen.

Alles fertig!

„Grüßen Sie den Mann im Monde!“
rief es im letzten Momente aus der Schaar
der Umstehenden.

Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie keinen
Stern umsegeln!“ spottete lachend eine andere
Slimme.

„Bringen Sie uns ein paar Donnerkeile
zurück!“ scholl es aus den Reihen der Schul⸗
naben.

„Und wenn Sie wieder herabfallen, machen
Sie kein Loch in der Erde!“ ergänzte ein an⸗
derer Spötter.

„Whupp! Whupp!“ Das Tau war los⸗
gelöst, und aufwärts ging es, anfänglich in
erschütternden Stößen. Binnen einer Minute
tanden wir so hoch über der Stadt, daß
uns die Häuser wie die Holzhäuser eines
Nürnberger Baukastens erschienen. Zwei Mi—
auten später waren wir, mit Ausnahme des
        <pb n="324" />
        Profefsors unb seines Amanuensis, sämmtlich
— seekrank! Ich hatte irgend einmal gelesen,
daß die Seekrankheit nicht aus einem Paro⸗
rismus des Magens, sondern aus dem Gehirn
sich entwickle und das Eis in den Nacken
gelegt, die bedenklichste Symptome zur Ruhe
bringe. Ich erlaubte mir, dieses Mittel vor⸗
zuschlagen, und im Nu hatte der dicke Hu—⸗
morist einen Klumpen Vanille⸗Eis aus dem
mitgenommenen Bleikübel voll Gefrornen ge⸗
hoben und sich auf den Halswirbel gellappt.
Die Damen röchelten unmelodisch auf dem
Boden des Korbes, der noch immer einen
ruckweisen Mazurek tanzte. Es hätte wenig ge⸗
fehlt, so hätten wir schnellstens eine Sturm⸗
petition an den Professor gerichtet, uns sofort
wieder zu unseren Penaten zurückzuführen,
aber plötzlich begann der Ballon in anmuthiger
Gelassenheit weiter zu steigen, so daß wir
kaum wußten, ob wir uns bewegten oder,
einem von Windstille überraschten Schiffe
gleich, regungslos stillständen. Sehr bald hatten
wir die Nachwehen der Seekrankheit überwunden
und standen in den Augenblick des Wellpa⸗
noramas zu unseren Füßen versunken. Die
Flüsse erschienen wie silberne Zwirnfäden,
die Brücken wie Weinreben, die Kirchen waren
für das Auge nicht größer als Schnupftabaks-
dosen, und selbst durchs Fernrohr nahmen
die Zuschauer im Garten des Bürgermeisters
sich nicht größer aus als ein Haufen erfrorener
Ameisen und nicht als Herren der Schöpfung
die in hoher und niederer Politik machen
und schwere Staatssteuern zu entrichten
haben.

Hinauf! Hinauf! Wie ein ruhig schwe⸗
bender Adler stieg unser Gefährt in den
stillen Aether. Es wurde kalt, und wir wickelten
uns in Shawls und Mäntel bis zur Nasen⸗
spitze ein, während ein peinlicher Druck sich
auf die Schläfen fühlbar machte und uns die
Ohren zu sausen begannen, als habe sich ein
halbes Dutzend Brummfliegen in ihrem Laby⸗
rinthe verirrt. Dazu schnob das Gas aus
dem Boden des in pfirsichblüthrothem Glanze
leuchtenden Vallons und zwang uns, den
Kopf nach Außen zu wenden, wo unseren
Blicken nichts als die tiefblaue Oede be—

gegnete. Da lenkte ein Schrei unsere Augen
nach oben.

Der Ballon war schwarz!

Jeder von uns war in dem Augenblicke
„Gänsehaut“ vom Scheitel bis zur Zehe.
Allgemeines Zähneklappern! Wir meinten jeden
Augenblick, daß der Globus in Flammen
uufgehen werde. Der Professor lächelte mit
ohilosophischer Ruhe und versicherte, Alles sei
n Ordnung, zog jedoch an dem Stricke,
velcher zur Gasklappe führte, und wir sanken
s'angsam um einige hundert Ellen. Das Athmen
vurde uns leichter. Wir glitten, von einer
charfen Luftströmmung getragen, mit großer
Schnelligkeit nach Westen, gerade auf ein
Bebirge von Wolken los, das in silbernem
Glanze mit riesiger Schnelle uns entgegenkam.
Es schien, als sollten wir daran wie an einer
Felsklippe zerschmettert werden. Aber noch ehe
ich den Gedanken ausdenken konnte, waren
wir mitten darin, in einem Nebel so dicht,
daß man nicht sechs Schritte' weit um sich
olicken konnte. Kein Lüftchen wehte, und unser
Ballon schien still zu stehen und nur von der
Wolke getragen zu werden. Wir hatten den
Luftstrom gekreuzt, wie ein Schiff, das in
»as stille Centrum eines Cyklone gerathen.
Der Professor, welcher recht eigentlich unser
Leben in seiner Hand trug, richtete die Frage
ain uns, ob wir die Wolke uns „von oben“
»der „von unten“ ansehen wollten. Wir vom
tarken Geschlecht waren mit unseren stillen
Erwägungen noch nicht im Reinen, als Von
oben!“ die beiden Damen wie aus einem Munde
antworteten. Unser Lenker bemerkte uns zu
uinserer Verwunderung, daß in diesem Mo⸗
nente unsere Bewegung, die uns als eine auf⸗
teigende erschien, eine absteigende sei. Er warf
um Beweise eine Papierkugel in die Luft,
ind diese blieb fast in gerader Linie an un—
erer Seite, ein Beweis, daß wir rapid sanken.
Jetzt wurden einige Sandsäcke geleert, wobei
dem Famulus des Professors die Ungeschick—
ichkeit passirte, daß ein ganzer Sack über
Bord fiel und abwärts in der Dämmerung
berschwand. Gnade dem lebenden Wesen, dem
diese Botschaft von oben auf den Schädel
gefallen! (Schluß f.)
Druck und Verlag von F. X. Demetz in St. Ingbert.
        <pb n="325" />
        Unterhaltungsblatt

um
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 44. Dienstag, den 18. Juli

1871.

Ein dunkles Geheimniß.“*
Novelle
von Ewald August König .

fünf Schritt Avance; das Loos entscheidet,
wer den ersten Schuß hat.“

Ich nehme diese Bedingungen an. Ver—⸗
gessen Sie nicht, Punkt sechs Uhr an der
Finsiedelei. — Lange ruhte der Blick des
Freiherr stier mit dem Ausdruck födtlichen
dasses auf der Thür, hinter welcher der
sunge Mann verschwunden war. „Alberner
Bursche, glaubst Du, Deinetwegen werde ich
neinen Plänen entsagen?“ murmellte er.
„Wohlan, der Würfel ist gefallen, Du selbst
hast die Katastrophe beschleunigt. — Mann
Jjegen Mann, wir wollen sehen, wer die Braut
gewinnt.“

(Fortsetzung.)

Versuchen Sie's, fuhr der Verwalter fort,
ein Mord mehr oder weniger. Ihr Gewissen
wird er nicht sonderlich belasten. Noch einmal
fordere ich Genugthuung; beharren Sie bei
Ihrer Weigerung, so werde ich öffentlich mit
der Hetzpeitsche Sie züchtigen, ich werde Sie
verfoigen, hier und in der Residenz, bis alle
Welt es erfahren hat, daß Sie eine feige
Memme sind. Es mag Ihnen doppelt unan⸗—
genehm sein, daß Ihre Kugel vorgestern Abend
mich fehlte, mich aber freut es, daß die
Dunkelheit mir nicht erlaubte, den Meuchel⸗
mörder auf's Korn zu nehmen; denn ich
möchte unsere Rechnung geordnet sehen, bevor
Sie dieser Welt Lebewohl sagen. „Das ist
auch mein Wunsch,“ erwiderte der Freiherr,
der seine Fassung wieder gefunden hane, und
diesem Wunsche zu Gefallen will ich diesmal
von dem Grundsätze, meinen Degen nur mit
der Waffe eines Ebenbürtigen zu kreuzen,
abgehen. Schicken Sie mir Ihren Secun⸗
danten.“

Siehentes Kapitel.

Wenn auch der Verwalter keineswegs über⸗
‚eugt war, daß sein Gegner sich zur festge⸗
etzten Stunde auf dem Duellplatze einfinden
verde, so hatte er doch für jeden möglichen
Fall seine Vorkehrungen getroffen. Er datte
den Doctor Sand gebeten, ihm zu sekundiren,
ind für den Fall seines Todes der Comtesse
zicht allein die Mittheilungen gemacht, die er
br schuldig zu sein glaubte, sondern auch
ihr die innersten Tiefen seines Herzens er⸗
chlossen.

Es stand fest bei ihm: erschien der Frei—
herr, so galt es eigen Kampf auf Leben und
Tod, denn sein Haß gab dem seines Gegners
nicht nach and nur der Tod lkonnte diesen
Jühenden Haß befriedigen. Erschien der Frei—
herr nicht, wie der Verwalter fast vermuthete,
jo bewies er dadurch, daß er ein Feigling
und nicht würdig des Adels war. Dadurch
wurde er unmöglich in den Kreisen, in welchen

So vieler Umstände bedarf es nicht. Ich
werde Sie morgen früh Punkt sechs Uhr im
Parke an der Einsiedelei erwarten und mei—
nen Sekundanten mitbringen. „Gut, ich komme.
Welche Waffen wählen Sie?“

Ich überlasse es Ihnen, dies zu bestimmen.
„Pistolen. Fünfzehn Schritte Barriere mit
        <pb n="326" />
        sein Gegner verkehrte, und es blieb ihm in
diesem Falle kaum etwas Anderes übrig, als
Europa zu verlassen.

Am Nachmittage ritt der Verwalter aus,
um den Förster zu besuchen, welchem er den
Brief an die Comtesse zur Besorgung anver⸗
trauen wollte.

Der alte Waidmann errieth augenblicklich
das Vordaben des jungen Mannes. Er bat
ihn, sein Leben höher zu achten, und stellte
ihm vor, daß der Freiherr nicht werth sei,
von einem ehrenhaften Manne vor die Klinge
gefordert zu werden; er erinnerte ihn daran,
daß die Comtesse schutzloz und der Gnade
ihres erbitterten Feindes preisgegeben sei, wenn
ihr treuester Freund ihr geraubt werde; aber
alle seine Bitten prallten an dem Eigensinn
des Verwalters ab. Eigensinn nannte es der
Förster, daß der junge Mann sich unter allen
Umständen mit einem Menschen duelliren
wollte, der nach der Ansicht des Waidmanns
nur Verachtung verdiente. Da er es aber
nicht ändern konnte, so gelobte er sich, am
nächsten Morgen in der Nähe des Duellplatzes
sein zu wollen, um dort zu beobachten und
nöthigenfalls dem Verwalter seine Hülfe an⸗
zubieten.

In der Dämmerstunde kehrte der junge
Mann wieder heim und die erste Nachricht,
die er erhielt, war, daß die Comtesse bereits
dreimal in seine Wohnung geschickt hatte, um
sich zu erkundigen, ob er noch nicht zurückge⸗
lehrt sei. Es war ihm unangenehm, daß sie
gerade jetzt ihn zu —sehen verlangte, er haite
in Gedanken Abschied von ihr genommen,
und fürchtete von dieser Begegnung nur neue
Aufregungen. Aber seine Stellung gebot ihm,
ihrem Wunsche zu willfahren; er eilte zu ihr,
um ihre Befehle zu hören. Eleonore trat ihm

mit allen Zeichen einer fieberhaften Aufregung
entgegen.

Gott sei Dank, daß Sie gekommen sind,
sagte sie, ich stand schon im Begriff, mein
Pferd sattels zu lassen, um Sie zu suchen.
„Aber mein Gott, was ist den vorgefallen?“
fragte der junge Mann bestürzt. „Ich hoffe
nicht, daß der Freiherr von Braß —“

Sie fragen noch? fuhr die Comtesse un⸗
geduldig fort. Haben Sie nicht den Baron
herausgefordert? Betroffen blickte der Ver⸗

walter dem schönen Mädchen in's Auge.
„Das wissen Sie bereits, gnädiges Fräulein?
Darf ich fragen, wer es Ihnen mitge—
cheilt hat ?“

Mein Kammerdiener will das Gerücht
im Gasthofe zur Sonne vernommen haben.
„Ah, dann hat der Freiherr es ihm mitgetheilt,
in der Absicht, ein Stückchen Vorsehung zu
pielen, um das Duell durch Ihre Vermittlung
zu verhindern,“ sagte der Verwalter im Tone
alter Verachtung. „Dieser Mensch ist ebenso
jeige wie charakterlos, ich glaube ihn mit der
Reitpeitsche züchtigen zu müssen, wenn ich ihn
auf die Measur bringen will.“

Sagen Sie mir die Wahrheit, drängte
Eleonore, weshalb haben Sie ihn gefordert?
„Weil er Ihre Ehre beleidigte.“

Der Freiherr von Braß kann meine Ehre
nicht beleidigen, Sie kennen ihn genugsam,
um das wissen zu müssen. „Wohl, aber meine
Ehre gebot mir, für den Makel, den er öffent⸗
'ich auf Sie zu werfen suchte, Genugthuung
ju fordern. Es ist mir schwer gefallen, ihm
das Blut in die Wangen zu treiben, und
daß er noch setßzt gern auf »die Vertheidigung
seiner gekränkten Ehre verzichten möchte, hat
ja die Mittheilung Sres Kammerdieners
Ihnen bewiesen.“ J

(Fortsetzung folgt.)

Zwischen Erde und Ewigkeit.
Schluß.)

Aufwärts! Aufwärts ging es wieder! Wir
passirten verschiedene Temperaturen im Fluge
and wurden plötzlich von einer starken Strö—
nung nach Osten geführt und glitten aus der
Silberwolke in eine Ewigkeit von Abendhimmel.
Die Sonne ging unter. Man sah einen Schat⸗
sen nach dem andern über das Autlitz der
alten Gäa kriechen, die dämmeriger und dunkler
ich verhüllte, wie in ein Schlafgewand und
zuletzt sah das Auge nur in ein schwarzes
Loch — in einen wesenlosen Tartarus.

Eine Stunde verging. Wir soupirten und
plauderten. Unser warmer Athem kräuselte sich
in kleinen Dampfwirbeln durch die klare,
dünne und kalte Atmosphäre. Das fröhliche Ge—
ächter stockte indessen, als der Famulus unsere
Aufmerktsamkeit auf ein rasch heraufschwebendes
        <pb n="327" />
        Gewitter lenkte, auf Wolkenschichten, von der
grünbleichen Farbe des Serpentin. Ohne
namentliche Abstimmung nöthig zu machen, gab
sich der allgemeine Wunsch nach der Rückkehr
zur Heimath kund, die so alpentief unter uns
schlummern mochte. Es wehte bereits nächtlich.

Der Professor zog an der Klappenschnur,
um das Gas herauszulassen. Er zog und zog
stärker — vergebens! Die Klappe rührt sich
nicht! Zuerst bemerkten wir den Unfall nicht,
aber als er heftiger und heftiger zu zerren
fortfuhr und sein Antlitz Unruhe auszudrücken
begann, fragte ich ihn mit erheuchelter Fassung:

„Etwas in Unordnung?“

„Ich besorge, ja!“

Wenn ein gelehrter Luftschiffer „Besorg⸗
niß“ ausspricht, so macht es auf die Passa⸗
giere ,‚denselben Eindruck, als gäbe ein
Schiffscapitän das Commando zum Aussetzen
der Boote. Sauvo quo peut! Mitten im
Aether der Ewigkeit! Fallschirme befanden sich
im Korbe — und fast Jeder griff unwill⸗
kührlich danach. Doch was hätte bei einem
Sturze aus solcher Himmelshöhe ein solcher
miferabler Regenschirm genützt. Schon auf
halbem Wege wäre der letzte Athemzug aus
den Lungen herausgepreßt gewesen!

„Die Klappe bewegt sich nicht! Aber ich
werde die Sache sogleich in Ordnung bringen!“
rief unser Professor. Die Adern traten ihm
auf der Stirn hervor, und dicke Perlen hin⸗
gen ihm an den Augenbrauen.

Er brachte es nicht ,sogleich in Ordnung.“
Er zupfte und zog und zerrte; wir stiegen
schneller und schneller, immer näher der
grünren Brandung der Gewitterwolken, die
schon ihre Blitze nach allen Richtungen zu⸗
ckenden Feuervipern gleich, zu schütteln be—
gannen. Und ohrenbetäubend und herzerschüt⸗
ternd brüllte der Donner!

A— Gerade drauf los in die — Flammen!
nd wir hatten obendrein ein Dutzend eiserne
Fanghacken im Korbe, dazu bestimmt, um,
wenn der Erde nahe, in Baumkronen ge⸗
schlagen zu werden. Hier aber hätten sie zum
gefährlichen Electricitäts Leiter dienen können.

Entsehliche fünf Minuten! Man sagt,
daß einem im letzten Lebensaugenblicke, ehe
der dünne Schleier zerreißt, der uns von der
Ewigkeit trennt, das ganze vergange Leben

in aller Vollständigkeit vor dem Auge erscheine
und sein Panorama von Leid und Freude
äch gleichsam in der letzten Thräne wie in
einem Thautropfen widerspiegelt. Das war
eine solche unbeschreibliche Minute! Wir
senkien die Köpfe und verhüllten unsere Augen,
gewärtig jeden Augenblick, aus den Pforten
des Himmels das Donnerwort: „Staub zum
Staube“ zu vernehmen. Ob in so furchtbarem
Momente ein Kobold seine Spässe mit uns
treiben mag? Ich für meinen Theil sah und
hörte nichts als Donner, aber ich hatte in
jenem Momente nichts Anderes als Heine's
unfterbliche Zeilen im Kopfe:

Und um die rothe Weltgeistnase

Dreht sich die ganze betrunkene Welt!

Eine fratzenhafte Gedanken⸗Caricatur in
solcher Lage; aber ich hätie im Paroxismus
die Worte in die Welt hinausschreien mögen.

Noch immer zerrte der arme Professor an
seinem Stricke!

Regungslos blieb die Gasklappe!

Ich hatte den Kopf aus dem Mantel ge⸗
steckt und sah zu meiner Beschämung, daß
unsere beiden Reisegefährtinnen uns Männern
in diesem muthigen Beispiele vorangegangen
waren und nur bleich und lautlos, wie unter
einem Zauberbann, in die zuckenden Blitze
ttarrten, ihre vier Hände schwesterlich in einan⸗
der verschränkt.

Wir waren mitten in der Gewitterwolke.
sKeiner sprach ein Wort. Der Professor wars
seinen Mantel ab uund deckte ihn über die
eisernen Fanghacken; dann begann er wieder,
ich an den Strick und Tauen schaffen zu
nachen. Wir fühlten einen Druck in Augen,
Ohten und Nasen, als follte das Blut aus
allen Poren spritzen.

Da stand ringsum das Universum in
Flammen. Ein Blitz, zwei, drei. Und sie
züngelten durch die Nacht, uns so nahe, als
wollten uns ihre spitzen Feuerzungen in jedem
Augenblicke durchbohren und unseren Ballon
explodiren machen, und der Donner raste und
heulte. Unsere Knie bebten, unsere Zungen
lallten — was, weiß ich nicht! Der Ballon
riß an den Seilen und erschien in tiefstem
Purpur gefärbt.

Selbst der Professor stieß einen Schre⸗
densschrei aus.
        <pb n="328" />
        Hoher! Hoͤher! Ohne Aufenthalt dem
wesenlofen Nichts entgegen.

Und wieder züngelien Flammen um uns
und wieder stöhnte der Donner — Licht und
Nacht in unablässiger Abwechslung. Und unter
uns schien ein Sturm zu sausen und zu
brausen, und zu Häupten glitzerte es wie
Millionen Sternschnuppen in rasendem Wirr⸗
warr.
stein Laut! Wir waren starr wie Bild-
säulen!
—X
Augen. Wir schossen empor in wundervoller
Nlarheit. Wir hatten die Gewitterwolke passirt
und gondelten im milden Strahle des Mond⸗
lichtes und unter dem Lächeln der ewigen
Sterne. Tief unter uns blitzte es noch und
rollte noch dumpf der Donner.

Aber wir hatten keinen Grund, freier zu
athmen. Die Gasklappe war noch immer ge—
schlossen und wir hatten kein Mittel, zur
Erde zurückzukehren. Das Gas drang aus
dem Ballon, und wir fühlten uns von Be⸗
täubung und Schwindel angewandelt, und das
Gehirn begann zu kreisen.

Höher! Höher! Unsere Reise konnte nur
in Tod enden. Tief unten mußte man wenige
Minuten später unsere zermalmten Gebeine
auflesen, denn jede Falte des Ballons war
verschwunden, und er sah prall und stramm
aus und gaukelte wie toll hin und her. Fünf
Minuten später und der Ballon mußte bersten.
Die Damen beteten — die Männer seufzten.

Plötzlich warf der Professor Rock und
Weste ab und entledigte sich in Hast seiner
Stiefel. Ohne eine Sylbe zu äußern, sprang
er in das Tauwerk und klomm mit der Ge⸗
schwindigkeit des Eichhorns an den Netzen in
die Höhe, ohne anderen Halt, als seine beiden
Menfchenhände — nichts weiter, das ihn
por dem Fall in das Universum schützte. Wie
mbrünstig wir seinen Bewegungen mit unseren
Stoßgebeten solgten, als er höher und höher
Uomm und schließlich hinter der ungeheuren
Wolbung des Globus verschwand! Und dann
ergriffen wir unwillkührlich Einer des An—
deren Hand und warteten und warteten und

sahen einander lautlos in das todtbleiche An⸗
gesicht.

Schreckliche Minuten! Sie erschienen uns
wie Jahrzehnte! — —

Edler Mann! Da ist er! Der Himmel
segne ihn! Er hat uns gerettet! Wir sahen
seine Gestalt langsam wieder an den Tauen
niedergleiten, und wir standen unwillkührlich
auf den Zehenspitzen, als wollten wir ihn
mit unseren Händen auffangen.

Langsam — langsam — stieg er hernie⸗
der — und dann mit einem unbeschreiblichen
Freudenschrei hatten ihn zehn Menschenarme
wonneselig umschlungen. Jeder weinte.

Der Ballon sank langsam und sicher —
tiefer und tiefer — durch Nebel und Wolken,
durch die letzten linden Flocken des zerstobenen
Gewitters; ein sanfter Westwind nahm uns
auf und führte uns fächelnd durch den Luft⸗
raum, durch mondbeglänzte Fernen, näher
und näher derselben Mutter Erde, die deut⸗
licher und deutlicher heraufdämmerte, bis wir
kleine Lichtlein und wiegende Baumkrone unter⸗
scheiden konnten. Wir landeten endlich unweit
einer Eisenbahn⸗Station und übernachteten auf
berra firma und hatten einen tiefen Schlaf.

Wir hatten dem ,‚Mann im Monde“ keine
Grüße bestellt, wir hatten „keinen Stern um⸗
gesegelt“ und „machten kein Loch in der Erde“
dei unserem Niedergange. Aber wir hätten
den Erdboden küssen mögen, und ehe wir als
geflügelte Seelen nicht die große geheimnißvolle
Reise in die Ewigkeit wieder cinmal antreten,
versuchen wir die Götter nicht wieder.“

Charade.
Die erste wird vom Frager
Gar häusig angewandt;
Die Zweite liebt der König
Und auch der Bauernstand.
Den Musenliebling, Deutschlands Zier,
IhnInennen vereinigt die Beiden dir.
Auflösung der dreisylbigen Charade in Rr. 80 des
Unterhaltungsblattes: Gutenberg.“

Druck und Verlag von F. X. Demetz in St. Ingbert.
        <pb n="329" />
        AUnterhaltungsblalt

n
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 84. Donnerstag, den 20. Juli

1871.

Ein dunkles Geheimniß.*
Novelle
von Ewald August König.

hatte, dann gab sie es zurück. Er ist Eigen⸗
shum des Freiherrn von Braß, sagte sie.
Erinnern Sie sich dessen genau?“

Sehr genau: er trug ihn im vorigen
Herbst und äußerte oft sein Bedauern, daß er
das Gegenstück verloren habe. Die feine ge—
chmackvolle Arbeit prägte ihn meinem Gedächt ⸗
nisse ein.

Eine so klare und bestimmte Antwort
hatte der junge Mann nicht erwartet, sie
überraschte ihn.

Sie legen Werih auf diesen Knopf?
fragte die Comtesse nach einer kurzen Paufe.
„Ich kann es nicht leugnen. Der Ort, an
velchem ich ihn fand, verleiht ihm eine Wich—
igkeit, deren Tragweite noch nicht zu ermes—
sen ist. Dringen Sie nicht weiter in mich,
znädiges Fräulein, ich hoffe, Ihnen morgen
Aufklärung geben zu können.“

Der Verwalter wollte sich nach diesen
Worten entfernen; Eleonore bat ihn, zu
bleiben.

(Fortsetzung.)

Eben deshalb begreife ich nicht, daß Sie
Ihr Leben gegen das eines charakterlosen
Feiglings setzen wollen, entgegnete die Com—
tesse, weit eher würde ich es begriffen haben,
wenn Sie ihm mit der Hetzpeitsche die Ant-
wort auf seine Verleumdung gegeben hätten.
Wann und wo soll das Duell stattfinden?
„Morgen früh an der Einsiedelei im Parke,“
sagte der junge Mann mit eruster. Ruhe.

An der Einsiedelei? Weshalb wählen Sie
gerade diesen Ort?

Der Blick des Verwalters ruhte forschend
auf den bleichen Zügen Eleonore's, es ent⸗
ging ihm nicht, daß ein gewaltiger Kampf
in ihrer Seele tobte. „Sie vermuthen, daß ich
ihn absichtlich gewählt habe d Sie haben recht,
aber ich bitte Sie, mir die Gründe, die mich
bei dieser Wahl leiteten, zu erlassen.“

Und wenn ich dennoch darauf bestehe, sie
zu erfahren ? „Gnädiges Fränlein, Sie wer—
den sie errathen, wenn ich Ihnen sage, daß
der Zufall mich in das Geheimniß jenes Pa⸗
villons eingeweiht hat,“ erwiderte der Ver⸗
walter ruhig. „Nun aber bitte ich Sie, mir
eine Frage zu erlauben. Kennen Sie diesen
Knopf? Wissen Sie, wessen Eigenthum
er ist ?“

Eleonore betrachtete flüchtig das Knöpf—
chen, welches der junge Mann ihr überreicht

Sind Sie entschlossen, auch jetzt noch mi
dem Freiherrn den Degen zu kreuzen ? sagte
sie. „Ich bin es, gnädiges Fräulein, und
nichts wird mich bewegen, diesen Entschluß
zu ändern.“

Auch dann nicht, wenn ich Sie bitte, die
Herausforderung zurückzunehmen? Verzeihen
Sie,“ sagte der junge Mann mit gepreßler
Stimme, „dem Manne muß die Ehre höher
gelten, denn die —“

Denn die Bitte einer Dame? Sie sind
galant, Herr Verwalter. „Gnädiges Fräulein,
Ihr Vorwurf trifft mich nicht, Sie selbst
        <pb n="330" />
        werden zugeben, daß ich jetzt nicht mehr zu⸗
rücktreten darf.“

Sie dürfen es nicht alleiu, Sie müssen
es! rief die Comtesse leidenschaftlich erregt.
Sie dürfen es, weil der Freiherr von Braß
ein Verbrecher ist, mit dem kein Ehrenmann
ein Rencontre haben kann: Sie müssen es,
weil Sie jetzt wissen, daß Ihr Leben mir
theuer ist! Vor dieser leidenschaftlichen Gluth
nußte die letzte Schranke fallen, mit dem
Ruf: „Eleonore!“ sank der junge Mann an
den Busen der Geliebten. — —

Zu derselben Stunde hatte der Freiherr
von Braß eine sehr wichtige geheime Unter⸗
redung mit dem rothhaarigen Kammerdiener
der Comtesse von Strahlen. Es handelte sich
um nichts Geringeres, als um die Entführung
Eleonore's die im Lauf der nächsten Nacht
dewerkstelligt werden sollte.

Jetzt also kennst Du den ganzen Plan,
sagte der Freiherr, der langsam in seinem
Zimmer auf⸗- und abwanderte; um ihn Dei—
nem Gedächtnisse einzuprägen, werde ich ihn
Dir mit wenigen Worten wiederholen. Du
giebst dieses Pulser der Köchin mit der Be⸗
merkung, daß der Augenblick gekommen sei,
und sagst ihr ferner, sie solle sorgen, daß
das Fräulein erst gegen zeyn Uhr zu Nacht
speise; ich hoffe, sie wird dies ermöglichen
können, ohne besonderen Verdacht zu erregen.
Zu derselben Zeit soll das Küchenmädchen
dem Verwalter diese Flasche Champagner im
Auftrage der Comtesse bringen, beauftragt er
sie, die Flasche wieder mitzunehmen, um sie
einstweilen für ihn aufzubewahren, so wird
sie erwidern, die Gräfin wünsche daß er diese
Flasche auf ihr Wohl leere. Wird mein
Auftrag pünktlich vollzogen, so dürfen wir
darauf rechnen, daß die Beiden um Mitter⸗
nacht in tiefem Schlaf liegen. Punkt zwölf
Uhr komme ich, Du packst inzwischen die
Garderobe und die Schmuchkschateille der Com⸗

tesse ein. Wenn der Verwalter morgen im
Laufe des Tages erwacht, wird er erfahren,
daß die Comtesse plötlich zur Residenz abge⸗
reist sei; ehe er daran denkt, fie dort auf⸗
zusuchen, sind wir bereits auf dem Schiff.
Die Liebenden verplauderten einige Stun
den und verabredeten, daß der Verwalter schon
am nächsten Tage seiner bisherigen Rolle ent⸗

agen und unter seinem wahren Namen auf⸗
reten solle. Auch wünschte Eleonore die
NRachforschungen wegen der Ermordung des
Baron von Reden nicht weiter zu verfolgen,
dielnehr möge es der Zeit und dem Zufall
iberlassen bleiben, den Schleier zu lüften, der
enes Geheimnißß verhüllt. Denn, sagte sie,
nach allen vorliegenden Beweisen, muß der
Freiherr von Braß bei diesem Verbrechen be⸗
heiligt sein, und es wäre mir peinlich, diesen
Mann, der unter der Maske der Freundschaft
ein halbes Jahr unter meinem Dache weilte,
auf dem Schaffot zu sehen. Er wird seiner
—A
Urme der irdischen Gerechtigkeit sich zu ent⸗
ziehen weiß.

Dieser Ansicht konnte der junge Mann
aicht beipflichten, aber er gab zu, daß die
Beweije noch nicht genügend seien, um die
Anklage gegen den Freiherrn zu erheben, und
daß man deshalb einstweilen noch sich gedul—
den müsse.

Er verabschiedete sich nach diesen Worten
und es fiel ihm einigermaßen auf, daß die
Fomtesse so ruhig blieb, daß sie nicht ihre
Bitten bezüglich des bevorstehenden Duells
viederholte. Daraus glaubte er den Schluß
iehen zu müssen, daß sie einen anderen Weg
zesucht und gefunden habe, um das Duell zu
erhindern, und diese Vermuthung ward zur
Bewißheit, als er bei der Rückkehr in seine
Wohnung den Richter in derselben fand. Je—
zenfalls hatte die Comtesse zu ihm hingeschickt
ind ihn gebeten, entweder gütlich oder auf
dem Wege des Gesetzes zu interveniren.

Dem war indeß nicht so, der Richter kam
aus anderen Gründen; von dem beabsichtigten
Quell hatte er keine Kenntniß erhalten. Sie
werden entschuldigen, wenn ich noch so spät
zu Ihnen komme, sagte er, ehe der junge
Mann zu einer Frage Zeit fand aber ich
ürchte, die Angelegenheit, die mich hierher
reibt, duldet keinen Aufschub. „Ich errathe,“
erwiderte der Verwalter kühl, „aber Sie be—
nühen sich vergebsich. Nur eins wünsche ich
ju wissen, ob Sie im Auflrage der Comtesse
'ommen, oder ob auch Ihnen das Gerücht
ie Nachricht in's Ohr geflüstert hat.“

Welche Nachricht? fragte der Richtor
        <pb n="331" />
        sichtbar befremdet. „Daß ich die Herausfor—
derung des Freiherrn angenommen habe —“

Ein Duell? Davon ist mir nichts bekannt.
Wann soll dasselbe stattfinden? „Ah, wenn
Sie darüber nicht unterrichtet sind, was führt
Sie denn zu mir?“ erwiderte der junge Mann
überrascht.

Die Vermuthung, daß ein neues Verbre—
chen sich vorbereitet; ich müßte mich sehr
täuschen, wenn mein Verdacht unbegründet
wäre. Der Kammerdiener der Comtesse hat
heute den Freiherrn von Broß dreimal be—
sucht. — „Still, — nehmen Sie Platz und
berhalten Sie sich ruhig,“ unterbrach der
Verwalter ihn rasch, „in diesem Hause haben
die Wände Ohren, ich will mich vorher über—
zeugen, ob wir unbelauscht sind. Er verließ
nach diesen Worten rasch die Wohnstube, und
kehrte erst nach einer geraumen Weile wiedec
zurück. „Die Leute sind alle in der Küche,“
sagte er, „reden Sie.“

Zum ersten Male kam der Kammerdiener
kurz nach Tisch, er ging bald darauf wieder
fort, kehrte gegen vier Uhr zurück, und be—
juchte gegen sechs Uhr den Freiherrn zum
dritten Male. Was die Beiden mit einander
verhandelt haben, weiß außer ihnen Niemand,
es war eine çgeheime Unterredung hinter ver⸗
jchlossenen Thüren. Der Wirth theilte es mir
heute Abend mit und sprach dabei die Ver—
muthung aus, der Freiherr werde wahrschein—
lich abreisen wollen und vorher dem Kammer⸗
diener einige Instructionen in Bezug auf die
Vorfälle im Schlosse gegeben haben. „Dieselbe
Vermuthung hege ich auch,“ erwiderte der
junge Mann ruhig, „möglich auch, daß er
den Kammerdiener angewiesen hat, durch
Vermittlung der Comitesse mich zur Zurück⸗
nahme meiner beleidigenden Worte zu be—
wegen.“

Hören Sie weiter. Der Freiherr hat im
Laufe des Nachmittags seine Rechnmg ge—
jfordert und sie berichtigt, und dem Wirth
Anweisung gegeben, sein sämmtliches Gepäck
morgen frühß nach C. zu dirigiren. Er hat
sich sehr angelegentlich erkundigt, welchen Weg
man wählen müsse, um binnen kürzester Frifl
die nächste Eisenbahnstation zu erreichen, wie
viele Stunden man zu dieser Fahrt gebrauche
und ob der Weg dorthin so gut sei, daß man

—X
önne. „Diese Fragen sind allerdings auffal⸗
lend, aber“ —

Jedenfalls ist hieraus zu entnehmen, daß
der Freiherr noch im Laufe dieser Nacht ab—
reisen will und zwar nicht mit der Post. son⸗
dern mit einem Privatwagen. Ferner beweist
die letzte Frage, daß er selbst die Zügel füh—
ren will, und das eben ist es, was zuerst
einen Verdacht in meiner Seele wedte. Ich
plauderte darüber noch mit dem Wirth und
unserm Doctor Sand, als der Kutscher der
Comtesse erschien, der sich ebenfalls in das
Zimmer des Freiherrn verfügte. Die Unter⸗
redung dieser Beiden dauerte über eine
Stunde, und daß der Kutscher sich entfernt
hat, will Niemand gesehen haben. Später
bam der Freiherr in den Saal, er setzte sich
zu uns, und ich beobachtete ihn verstohlen,
aber scharf. Er war aufgeregt, unruhig und
zerstreut, man sah ihm an, daß irgend ein
vichtiges Vorhaben ihn beschäftigte. „Sie ver⸗
nuthen, daß er den Knutscher bei Seite ge⸗
schafft hat?“ fragte der Verwalter entsetzt.

Das will ich eben nicht behaupten, fuhr
der Richter achselzuckend fort, auffallend war
es mir nur, daß der Kutscher hineingegangen,
aber nicht wieder herausgekommen sein soll.
Mit dem Doctör Sand hat der Freiherr vor
mehreren Wochen über die Wirkung des
Opiums gesprochen, er gab vor, daß er selbst
oft eines Schlaftrunks bedürfe, und wünschte
ju wissen, ob man die Dauer der Wirkung
genau berechnen und demgemäß die Dosis
eintheilen könne. Die Gründlichkeit, mit wel⸗
cher der Freiherr dieses Thema behandelte,
und die Fragen, die er stellte, befremdeten
den Doctor, der nichtsdestoweniger ihn so gut
wie möglich über das, was er zu wissen
wünschte, unterrichtete. Der Doctor Sand ist
ein gar gescheidter Kopf, es interessirte ihn,
zu eifahren, ob der Freiherr die Richtigkeit
des erhaltenen Unterrichts practisch prufen
werde.

Er brachte richtig heraus, daß der Frei⸗
herr sich eine Quantität Opium zu verschaffen
gewußt hat, die hinreicht, 50 Personen in
Schlaf zu bringen. Außerdem hat der Wirth
„jur Sonne“ oder vielmehr; dessen Kellner
entdeckt, daß der Freiherr in den jüngsten
        <pb n="332" />
        Tagen zwei Flaschen Wein und eine Flasche
Champagner forderte und empfing, die er
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht getrunken
hat. „Die er nicht getrunken hat?“ fragte
der Verwalter, der jetzt den Argwohn des
Richters zu theilen schien.
So sage ich, er gab die leeren Flaschen
nicht zutück und die Vermuthung liegt nahe,
daß er sie zu einem Schlaftrunk verwendel
hat, dessen Bestimmung uns kaum noch zwei⸗
felhaft sein kann. J

In diesem Augenblick wurde leise an den
üußeren Laden des Fensters angepocht, der
Verwalter ging hinaus uud kehrte bald darauf
in Begleitung des Arztes zurück.

Unser Verdacht hat sich bestätigt, sagte
der letztere. Gleich nach Ihrer Entfernung
bewog ich den Wirth, die Thür des Zimmers
zu öffnen, welches der Freiherr von Braß
bewohnt. Es kostete mir Mühe, die Bedenken
des alten Mannes zu beseitigen, aber endlich
gelang es mir, er holte den Hauptschlüssel
und wir schlichen uns leise hinauf, nachdem
wir vorher die Ueberzeugung gewonnen hatten,
daß der Freiherr im Saale hinter der Flasche
jaß. Wir hatten eine Blendlaterne milgenom—
men und den Hausknecht als Posten an der
Treppe zurückgelassen, so daß wir vor einem
plötzlichen Ueberfall ziemlich sicher waren. Wir
janden das Zimmer leer und der Wirth
wollte sich schon wieder entfernen, aber ich
bertrat ihm den Weg und bestand auf genauer

Durchsuchung. Da fanden wir denn den
Kutscher unter dem Sopha im tiefsten Schlaf
und wie wir ihn auch rüttelten und schüt⸗
lelten, er erwachte nicht. Ein Zweifel kann
nicht obwalten, dem Manne ist eine sehr starke
Dosis Opium gereicht worden, er wird vor
morgen Abend nicht zu klarem Bewußisein
zurückkehren. Auf dem Tische fanden wir ein
scharf geladenes Doppelpistol, Pulverhorn und
Kugelbeutel lagen daneben, ich war so frei,
die Kugeln aus den Läufen herauszuholen
und statt ihrer einen starken Papierpfropfen
hineinzuladen. Was nun auch kommen maqg,
mit dieser Ladung wird er keinen Schaden
anrichten. „Was er nur vorhaben mag?“

fragte der Verwalter überrascht und bestürzt
zugleich.

Das ahnen Sie nicht ? erwiderte der Rich—
ter. Durchschauen Sie auch jetzt noch nicht
seinen sauberen Plan? Er wiil das gnäd ige
Fräulein entführen. „Ah, — Sie scherzen ?

Durchaus nicht. Ich bin sogar fest über⸗
jeugt, daß ich mit dieser Vermuthung den
Ragel auf den Kopf treffe. Der Arzt nickle
gedankenvoll. „Ich theile diese Ueberzeugung,“
sagte er, „obschon ich nicht begreife, wie die
Entführung bewerkstelligt werden soll. Die
Comtesse wird ihm gutwillig nicht folgen und
die Dienerschaft —“

Ist sammt und sonders verkauft, unter—
brach der Verwalter ihn. Der Kuischer war
der Einzige, auf dessen Treue man bauen
durfte, der Freiherr hat ihn unschädlich zu
machen gewußt. Und daraus geht hervor,
daß der saubere Plan dieses lehrenwerthen
Edelmannes noch im Laufe dieser Nacht aus—

geführt werden soll.“ Hier unterbrach aber⸗
mals ein ziemlich vernehmbares Pochen die
Unterhaltung.
(Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.
Von dem General v. d. Tann erzählt
man sich folgendes bon mot: Als der Gene—
ral bei seinem Einzuge in Tann (unweit
Fulda) die ihn mit Blumen begrüßenden
jungen Damen bat, ihm voranzugehen und
diese bescheiden zögerten, sagte er lächelnd:
„Meine Damen, wollen Sie gleich voran!
Bin ich doch mit der Jungfrau von Orleans
fertig geworden, so werde ich auch mit Ihnen
fertig werden.“
Kutschke's Epilog.
Die Berliner Börsenzeitung bringt Fol⸗
gendes:
„Des Kriejers That wird anerkannt,
Un niemals bitter is sein Lohn:
Süß ist der Dot for's Vaterland
Un ooch sehr süß die Dotation!

Drud and Verlag von F. X. Dewetz in St. Ingbert
        <pb n="333" />
        Unterhaltungsblallt

4 46
St. Ingberter Anzeiger.
—XR Sonntag, den 23. Juli

181.

Ein dunkles Geheimniß.“
Novelle
oon Ewald August König.

Halt, sagte er, Sie bleibt und sofern Sie
sich nur durch einen Laut verräth, lasse ich
Sie augenblicklich verhaften. „Aber, mein
Gott, wozu das?“ fragte der Verwalter
überrascht.

Der Richter gab auf diese Frage keine
XDD—
üchtbar erschreckten Mädchen, sich zu setzen.
Von wem hat Sie diese Flasche erhalten?
ragte er und sein Blick ruhte so fest und
zurchdringend auf ihr, . daß sie nicht wagte,
diesem Blicke zu begegnen. Hat das gnädige
Fräulein Sie beauftragt, die Flasche dem
derrn Verwalter zu bringen ? Reden Sie die
Wahrheit, nach diesem Verhör wird ein zwei⸗
ses folgen, alsdann wird Sie Ihre Aussagen
beschwören müssen. Also, wie ist's ? Hat das
znädige Fräulein Sie beauftragt? „Nein.“

Wer gab Ihr die Flasche? „Jakob.“

Zu welchem Zweck? fragte der Verwalter,
dem jetzt, wie man zu sagen pflegt, ein Licht
rufgegangen war. „Das werden wir bald wis⸗
en,“ erwiderte der Doctor, während er den
Draht löste und die Flasche entkorkte.

Verzeihung, jammerte das Mädchen, man
zat mir so lange zugesetzt, bis ich Ja sagte,
in meinem Herzen habe ich die Pläne dieser
lenden Menschen nie gebilligt. „Die Flasche
enthält eine starke Dosis Opium,“ fuhr der
Arzt fort, „der Zweck, dem sie als Mittel
ziente, ist also klar.“

Hat man auch dem gnädigen Fräulein
eine solche Flasche zugedacht? fragte der Ver—
wvalter in fieberhafter Aufregung. Das Mäd⸗
hen nickte. J

Dann dürfen wir keine Secunde ver⸗

Gortsetzung.)

Still, flüsterte der Verwalter, der sofort
errieth, daß dieses Pochen mit den sauberen
Plänen seines Nebenbuhlers in Verbindung
stand, ich glaube, es ist besser, wenn die
Dienerschaft vermuthet, daß ich allein sei.
Treten Sie leise in jenes Zimmer, meine
Herren, und verhalten Sie sich ruhig, wir
werden ja bald wissen, wer noch so spät zu
mir will, und was den Betreffenden herbei⸗
führt. Der junge Mann warf nach diesen
Worten rasch Rock und Weste ab und öffnete
dann behutsam die Thür. Das Stubenmäd⸗
chen trat mit einem Lächeln auf den Lippen
ein. Sie trug auf einem silbernen Teller
eine Flasche Champagner und ein hobhes
—X

Diese Flasche schickke Ihnen das gnädige
Fräulein mit dem Wunsche, daß Sie dieselbe
auf ihr Wohl leeren mögen, sagte sie, wäh—⸗
cend sie näher trat. Jakob mrint, es sei ein
alter, schöner Wein, der schon seit fünfzig
Jahren im Keller liege, und er zweisle nicht,
daß Sie denselben ausgezeichnet finden wür—
den. Der junge Mann, weit entfernt, diese
Sendung mit den Plänen des Freiherrn in
Verbindung zu bringen, dankte und schon
wollte das Mädchen sich wieder entfernen,
als aus dem Nebenzimmer der Richter rasch
eintrat.
        <pb n="334" />
        lieren — „Halt, halt!“ fiel der Richter dem
erregten Jüngling ins Wort: „Eile mit
Weile.“

Aber die Comtesse wird ahnungslos dieses
Gebräu trinken und — „Es ist keine Gefahr
dabei,“ sagte der Arzt ruhig. Und im Noth ˖
falle sind wir zu ihrem Schutze hier, fügte
der Richter hinzu. Sie kennt also die Pläne
des Freiherrn) Wana soll die Entführung
vor sich gehen? „Punkl zwölf Uhr,“ erwiderte
das Mädchen mit wachsender Angst.

Der Freiherr hofft, daß bis dahin die
Comtesse und der Verwalter im tiefen Schlafe
liegen werden? Wer ist außer Ihr mit ihm
im Bunde? „Der Kammerdiener und die
Köchin.“

Hat man Ihr ebenfalls eine Flasche Wein
gebracht ? „Nein, die Köchin hat das Pulver
in das Wasser geschüttet, welches das gnädige
Fräusein jeden Abend zu trinken pflegi. Die
Speisen sind stark gepfeffert —“

Ah, — ich verstehe. Wer wird die Beiden
fahren ? „Der Herr Baron fährt selbst.“

So, so, wohl mit den Pferden der Com⸗
kesse und ihrem eigenen Wagen? Desdalb also
ward der Kutscher beseitigt? „Das wissen Sie
auch schon ?“ fragte das Mädchen bestürzt.

Kind, die Obrigkeit weiß Alles. Wer be—
gleitet die Comtesse ? Jakob.“

Weiß Sie, welchen Weg man ein einschlagen
wird? „Ja.“

Führt dieser Weg derch den Park? „Nur
durch eineͤn Theil desselben. Wissen Sie, wo
die Einsiedelei ist?

Hm, das ist der nächste Weg nicht, der
nach C. führt. „Nach C. wollen sie auch
nicht·“·

Aber der Freiherr hat Auftrag gegeben,
daß sein Gepäck nach C. spedirt wird. „Um
diese Leute auf eine falsche Fährte zu führen,
für den Fall die Entführung entdeckt wird.“

Das habe ich sofort geahnt, sagte der
Arzt. „Ich begreife nicht, daß Sie dabei so
ruhig bleiben,“ nahm der Verwalter das Wort.
„Weshalb warnen wir die Comtesse nicht,
weshalb treffen wir nicht unsere Vorkehrungen
um diese Entführung zu verhindern ?“

Weil ich wünsche, daß sie in's Werk ge⸗
setzt wird, erwiderte der Richter mit gemesse
nem Ernst. Nur dann, wenn wir den Frei⸗

herrn auf der That ertappen, habe ich das
Recht, ihn und seinen Spießgesellen zu ver⸗
haften, begreifen Sie meine Handlungsweise
jetzt? „Allerdings, aber ich fürchte —

Bah, wir sind drei muthige entschlossene

Männer gegen zwei feige Memmen und zum
Neberfluß werde ich zwei Gensd'armen requi⸗
riren. — Sie hat jetzt die Wahl, fuhr er,
ich zu dem Mädchen wendend, fort, entweder
pielt Sie die Flasche und die Entführung
zelingt, dann wird Sie augenblicklich verhaftet,
und einige Jahre Zuchthaus sind Ihr so sicher,
wie das Amen in der Kirche: oder Sie kehrt
auf dem betretenen Wege um und hält zu
uns, alsdann darf Sie überzeugt sein, daß
das gnädige Fräulein Ihr verzeihen wird.
Also entschließe Sie sich. — „Ich bin ent—
schlossen,“ erwiderte das Stubenmädchen, dem
eine Last vom Herzrn fiel. Sie will uns also
beistehen: Ja, so viel es in meinen Kräften
liegt.“

Der Richter wanderte eine geraume Weile
nachdenklich auf und ab. So wird es am
besten sein, sagte er endlich, wir fassen ihn
bei der Einfiedelei ab, dort ist der Weg ziem⸗
lich shmal und die Bäume gewähren uns
hinreichenden Schutz. Haben Sie den Schlüssel
zu diesem Pavillon? „Ich führe ihn bei
mit,“ erwiderte der Arzt, „ich vergaß damals
hn abzugeben, seitdem hängt er noch an meinem
Schlüsselringe.

Desto besser, so warten wir in dem Pa⸗
billon, fuhr der Richter fort. Sie hatte uns
also vorhin die lautere Wahrheit gesagt?
Erinnere Sie sich, ob Sie nicht irgend etwas
vergessen, oder einen an sich vielleicht gering⸗
fügigen Umstand entstellt hat, denn auch das
Kleinste kann hier Bedeutung haben. „Ich
sagte Ihnen die Wahrheit und wußte meinen
Aussagen nichts mehr hinzuzusetzen, es sei
denn, daß —“

Daß dem Herrn Verwalter morgen früh
gesagt werden sollte, das gnädige Fräulein
habe in der Nacht eine Depesche erhalten und
sei darauf unverzüglich zur Residenz abgereist.
„Der Plan war in der That vortrefflich er⸗
sonnen,“ sagte der Verwalter, dem es noch
mmer nicht gelingen wollte, seiner Aufregung
Herr zu werden.

Vortrefflich ersonnen, aber die Ausführung
        <pb n="335" />
        verrieth dennoch den Stümper, erwiderte der
Richter. Wir haben jetzt halb Elf; kann Sie,
ohne Auffallen oder gar Verdacht zu erregen,
das Schloß für eine kurze Zeit verlassen?
Das Mädchen dachte einen Augenblick nach.
„Dann müßte ich in der Küche erklären, daß
ich zu Bett gehen wolle, und mich heimlich
entfernen. Ich fürchte, sie werden das nicht
zugeben.“

Das fürchte ich auch, unterbrach der
Verwalter sie, der Kammerdiener ist ein ge⸗
riebener Fuchs, er würde sofort Verdacht
schöpfen, zumal Sie so lange sich hier auf⸗
gehalten hat. Aber Sie kann erklären, ich
habe Sie gezwungen, ein Glas dieses edlen
Weines zu trinken und Sie fühle bereits die
Wirkung des Schlaftrunks, weshalb Sie vor⸗
zieht, zu Bett zu gehen. Darin kann Niemand
was finden, im Gegentheil —

Ja, ja, so wird's gehen, sagte der Rich⸗
ser ungeduldig. Ich überlasse es ihr, wie Sie
es ermöglichen will, sich heimlich aus dem
Schlosse zu entfernen, vertraue aber darguf,
daß Sie spätestens binnen einer halben Stunde
veim Bürgermeister ist. Sage Sie dem Herrn
ich lasse ihn bitten, augenblicklich zwei Gensd'⸗
armen mir zur Verfügung zu stellen. Die
beiden Leuten sollen einzeln und auf Umwegen
u den Park kommen und uns an der Ein⸗
fedelei erwarten. Sollten wir schon dort sein,
so finden Sie uns im Pavillon. Sie wird
üch ebenfalls dort einfinden, für den Fall
wir Sie nöthig haben. — Und nun, meine
Herren, Geduld, Ruhe und Vorsicht, wenn ich
hitten darf, fuhr er fort, nachdem das Mäd—⸗
hen sich entfernt hatte. Besitzen Sie Waffen?
„Zwei Doppelpistolen und eine Büchse,“ er—
widerte der Verwalter; „aber ich glaube kaum,
daß wir in die Nothwendigkeit kommen, fie
zu benutzen, zumal der Herr Doctor die Pi⸗
stolen des Freiherrn unschädlich gemacht
ut.“

rontre vorbereitet, sagte der Richter so lustig,
ils ob er im Begriff stehe, sich zu einem
röhlichen Fest zu begeben. „Ich hatte aller⸗
zings mich auf ein nächtliches Rencontre
porbereitet,“ versetzte der junge Mann mit ge⸗
nessenem Ernst, „und zwar auf ein Rencontre
des Freiherrn mit der Leiche seines ermordeten
NRebenbuhlers, vielleicht finden wir dazu in
dieser Nacht eine passende Gelegenheit.“

Ah, die Idee ist gut, warf der Arzt
ein. „Wenn sie sich ausführen läßt!“ fuhr
der Richter achselzuckend fort. „Ich fürchte
aber, daß dieses Recontre uns keine Beweise
iefern wird, auf welche wir eine Anklage
tützen können.“

Auch dann nicht, wenn der Beweis ge—
iührt wird, daß das im Zimmer des Ermor⸗
deten gefundene Knöpfchen Eigenthum des
Freiherrn ist?“ fragte der Verwalter. Ueber⸗
rascht blickte der Mann des Gesetzes den
Füngling an. „Glauben Sie, diesen Beweis
ühren zu können ?“

Comtesse von Strahlen hat das Knöpf-
hen augenblicklich erkannt. „Das könnte ge⸗
arügen, indeß warten wir jetzt die Ereignisse
dieser Nacht ab. Holen Sie die Waffen und
Fackeln und — aber noch eins. Können wir
das Schloß unbemerkt verlassen?“

Ich hoffe es, erwiderte der Verwalter,
rotzdem ich überzeugt bin, daß der rothhaa⸗
rige Schurke seine Augen überall haben wird.
Neuntes Kapitel.

Das lange Verweilen des Stubenmädchens
in der Wohnung des Verwalters hatte aller«
zings den Berdacht des Kammerdieners ge⸗
vedt aber ihre Erklärung, daß der junge Herr
ie genöthigt habe, ein Glas Champagner mit⸗
zutrinken und sie keinen Vorwand gefunden
habe, jene Aufforderung zurückzuweisen, beru⸗
jigte den Rothkopf, dem es nur unangenehm
var, daß das Mädchen sich so früh schon zur

Einerlei, wir müssen uns für jeden Fall Ruhe begeben wollte. Aber was er auch da⸗
oorsehen, die Erfahrung lehrt, daß der Feig- gegen vorbringen mochte, das Mädchen wußte
ling im Augenblicke der Verzweiflung dem be⸗ eeine Rolle so vortrefflich zu spielen, daß selbst
jonnenen Mann an Muth. und Verwegenheit die Köchin, so ungern sie auch mit dem Kam⸗
nichts nachgiebt. Hätten wir nur einige gute merdiener allein blieb, ihm rieth, sich in seine
Fackeln. „Auch damit kann ich aufwarten.“ Stube zurückzuziehen.

Sapperment, man sollte fast glauben, Das Mädchen taumelte schlaftrunken hin⸗
Sie hätten sich auf dieses nächtliche Ren- aus, öffnete und schloß die Thür seiner Kam⸗
        <pb n="336" />
        mer so geräuschvoll, daß der Schall das Ohr
des an der Küchenthür horchenden Kammer⸗
dieners erre ichen mußte, und schlich sich nach
einer ziemlich geraumen Weile vorsichtig und
leise hinaus.

Es geht ganz vortrefflich, sagte der Kam⸗
merdiener, vergnügt die Hände reibend; „Sie
haben gesehen, welche Wirkung das Glas
Champagner auf unsere Lina machte, und
dürfen somit auch überzeugt sein, daß jetz!
auch die Comtesse und der Verwalter im tie⸗
fen Schlafe ruhen werden. Wie ich diesen
Menschen hasse! Seitdem er in's Haus ge⸗
kommen ist, haben wir keine frohe Stunde
mehr gehabt, dieser Ueberall und Nirgendẽ
sah und hörte Alles und benahm sich, als ob
er allein hier zu commandiren habe. Ma,
das Alles hat ja jetzt ein Ende,“ erwiderte
die Köchin achselzuckend.

Gott sei Dank, daß es endlich einmal
ein Ende hat, fuhr der Rothkopf fort, er
wird uns nicht mehr behelligen, in allen Fällen
betommen wir unsere Pension und wie es
nachher hier wird, kann uns nicht weiter
kümmern. Aber einen Dentzettel hätte ich
diesem arroganten Verwalter vor dem Schei⸗
den gern gegeben, wenn ich nur wüßte, wie
Müßte ich nicht den Baron begleiten, wollte
ich ihm schon in den nächsten Tagen das
Leben sauer machen. — „Das dürfen wir
nicht,* unterbrach die Köchin ihn ruhig. „Der
Herr Baron hat streng befohlen, nichts gegen
den Verwalter zu unternehmen, damit der
Letztere keine Veranlassung finde die Comtesse
aufzusuchen.“

Na, ewig kann er doch nicht hier bleiben!
Freilich nicht; nach acht Tagen, wenn ich
den Baron mit seiner Braut in Sicherheit
weiß, werde ich diesem Herrn Verwalter schon
zeigen, wo der Zimmermann das Loch ge⸗
lafsen hat. Wissen Sie, Jakob, was ich glaube?
daß dieser studirte Herr von Habenichts hier
sich in's gemachte Bett legen will.“

Oho; Sie wollen damit doch nicht sagen,
daß er vor hat, die Comtesse zu heirathen?
„Freilich, und Sie dürfen sich darauf ver⸗
lassen, daß ich mich nicht täuschte.“

Ah, dann ist es schade, daß der Baron

nicht so lange wartet, bis dieser unberschämte
Dummkopf sein Wort angebracht hat. Es
wäre für uns eine famose Genugthuung, wenn
er vor die Thür geworfen würde. „Ich fürchte
nur, daß wir auf diese Genugthuung ver—⸗
geblich gewartet hätten.“

Der Kammerdiener blickte betroffen auf.
Sie glauben doch nicht — „Daß die Com⸗
tesse seine Werbung angenommen hätte ? Wenn
auch gerade nicht das, aber ich bin überzeugt,
daß er ihr nicht gleichgültig ist.“

Na, gegen seine Verwaltung kann man
freilich nichts einwenden, und die Conmitesse
wird froh sein, einen so gewissenhaften und
strengen Verwalter gefunden zu haben, aber
— „vLieber Freund, ich habe scharf beobachtet
und Manches gesehen und gehört, was —“

Still, hörten Sie nichts? unterbrach der
Rothkopf die redselige Köchin. War's doch,
als ob man die Thüte zum Park geöffnet
hätte! „So gehen Sie und sehen Sie nach,“
sagte die Köchin, indem sie sich erhob, „ich
merde inzwischen mich überzeugen, ob die
Comtesse schläft.“

Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.

(Classisch.) Aus dem Aufenthalte
des Königs von Griechenland in Wien erzählt
die „Presse“: Als er während seiner Anwe—
senheit in Wien ein Schriftstück nach Athen
adressiren wollte und eben die ersten Zeilen
begonnen hatte, unterbrach er sich plötzlich, um
den Fürst Ypsilanti zu fragen: „Apropos,
mein lieber Fürst, wie heißt den jetzt unser
Minister des Auswärtigen?“ Und der Dip—
lomat, ohne eine Miene zu verziehen, anl⸗
wortete ganz ehrerbietig: „Conguriotis, Ew.
Maj.“
In Wien circulirt folgendes Scherzwort:
„Die sämmtlichen Fehler des Feldmarschakl
Benedek von 1866 sind jetzt durch Ga b—
lenz glänzend gut gemacht, da Letzterer am
16. Juni mit der siegreichen Armee in Berlin
eingezogen ist.“
— — — —
Druck und Verlag von F. X. De u e in St. Ingbert.
        <pb n="337" />
        Anterhaltungsblatt

um
St. Ingberter Anzeiger.

—————

— —
ræ. 0 87. J

Dienstag, den 25

3—

V.

Ein dunkles Geheimniß.“*
Novelle
von Ewald August König.

os berauscht gewesen sei, darf er nicht
vagen. —P

Das letzte Wort war den Lippen des
sammerdieners kaum entflohen, als ein Ge⸗
räusch sich vernehmen ließ, ähnlich, wie weun
inige leichte, kleine Steinchen mit einer Fen⸗
terscheibe in Berührung kommen.

Der Baron, sagte der Kammerdiener, der
ich rasch erhoben hatte. Er ist pünktlich, die
Schloßuhr wird sogleich zwölf schlagen. Er
erließ die Küche und kehrte kurz darauf in
Begleitung des Freiherrn zurück.

Alles in Ordnung ð fragte der Edelmann
chlafen Beide? „Beide, Hert Baron.“ erwi⸗
derle der Kammerdiener.

Gut, schirre die Pferde an und laß den
Wagen in der Remise stehen, wir werden das
znädige Fräulein dorthin bringen. Ist die
Harderobe gepackt? „Alles besorgt, das gnä-
zige Fräulein wird nichts entbehren.“

Und die Schmuchschatulle? „Werde ich
Ihnen nachher übergeben.“

Bon, jetzt sorge, deß wir sortkommen.
Ind Sie, fuhr der Freiherr, nachdem der
sothtopf hinausgeeilt war, sich zu der Köchin
vendend, fort, Sie geht hinauf und sorgt da⸗
uür, daß das gnädige Fräulein reisefertig ist,
venn wir einsteigen wollen. Wo ist das Stu⸗
ꝛenmädchen ? „Schon vor einer Stunde zu
Bett gegangen. Der Verwalter zwang sie, ein
Blas Champagner zu trinken.“

Hm, das ist unangenehm, wir koöͤnnen
nicht wissen, sb wir ihre Dienste noch be⸗
dürfen. Na, gehe sie nur, ich hoffe, wir wer⸗
den allein sertig.

Die Roͤchin entfernte sich, der Freiherr

Gortsetzung.)

Der Kammerdiener nahm das Pistol,
welches vor ihm auf dem Tische lag, und ging
zinaus; gleich darauf verließ auch die Köchin
das Küchenzimmer. Sie stieg langsam die
Treppe hinauf und öffnete die Thür zum
Boudoir der Comtesse, nachdem sie auf ihr
wiederholtes Pochen keine Antwort erhalten
hatte. Die Comtesse saß in ihrem Sessel vor
dem noch gedeckten Tische und schlief; als die
Köchin sich von der Festigkeit dieses Schlafs
durch lautes Rufen und ziemlich unsanftes
Rütteln überzeugt hatte, verließ sie beruhigt
das Gemach, um in die Küche zurückzu-⸗
kehren.

Es war nichts, ich muß mich getäuscht
haben, sagte der Kammerdiener, der fast
zleichzeitig mit ihr eintrat, die Thür ist fest
zeschlossen und draußen sieht und hört man
nichts. Der Beiwalter schläft wie ein Dachs,
sich habe einigemal an seine Thür geklopft,
aber nichts regte sich drinnen. „Die Comtesse
schläft ebenfalls,“ erwiderte die Köchin, „der
herr Varon kann kommen.

Ich dachte soeben an unseren Kutscher,
fuhr der Rothlopf fort, wenn er morgen heim⸗
lehrt und dem Verwalter das Vorgefallene
berichtet — aber ich denke, er wird seinem
Schlaf eine andere Ursache unterschieben, und
seiner Herrschaft offen erllären, daß er? sinn⸗
        <pb n="338" />
        wanderte in fieberhafter Ungeduld auf und ab.
Ich weiß nicht, woher es kommt, daß gerade
heute diese bangen Ahnungen mich verfolgen!
murmelte er. Habe ich doch manche schwierigere
und gefahrvollere Sache unternommen und
glücklich zu Ende geführt, weshalb sollte mir
dieses Unternehmen nicht gelingen? Das Feld
ist rein, ein besonderes Hinderniß habe ich
nicht zu befürchten, und doch will diefe Ahn—
ung behanpten, die Entführung werde nicht
gelingen. Bah! bin ich denn ein Mann, oder
bin ich ein Kind, daß ich mich von Ahnnungen
leiten lassen soll? Vorwärts! vorwärts! das
„Zurück“ habe ich mir selbst unmöglich ge⸗
macht. Und wenn es wahr ist, daß ich heute
die letzte Karte ausspiele, daß diese Karte mir
eine glückliche Zukunft sichert, oder mich in's
Verderben bringen wird, ist damit auch ge⸗
jagt, daß ich das Spiel verlieren muß? Bah,
— sie hatten vortrefflich calculirt, der Herr
Verwalter, das gnädige Fräulein, der Doctor
und der weise Kreisrichter, aber meine Cal-
rulation dreht ihnen Allen eine Nase. Sie
glaubten, den Vogel schon in der Hand zu
haben, und müssen nun erfahren, daß er ihnen
bei Nacht und Nebel entwischt ist. Möchte
dabei sein, wenn sie abermals den Vorfall in
Nummer Siebenzehn breit treten und alle
möglichen Gründe hervorsuchen, mit denen sie
ihren Verdacht beweisen zu können glauben.
Wenn diese albernen Spießbürger weniger
zgeschwatzt und dafür gehandelt hätten — —
aber sie durften nicht handeln, weil ihnen
Beweise fehlten. — Und wenn nun doch meine
Ahnung richtig wäre ? Gejetzt, mein Plan sei
verrathen, oder ein tückijcher Zufall lasse ihn
scheitern! gesetzt ferner, die fehlenden Beweise
seien plötzlich gefunden und dadurch mein
Schicksal entschieden ? was dann? Ah, dann
giebt's für mich nur noch einen Weg, und
meine Ehre gebietet mir, ihn zu gehen.
Herr Baron, der Wagen siehm bereit, mel⸗
dete der eintretende Kammerdiener. Ich habe
die besten Pferde angeschirrt — „Gui, gut,
nur nicht so viele überflüssige Worte! Schaff
jetzt das Gepäck in den Wagen und sieh' zu,
ob die Köchin mit der Toilette der Comtesse
ferlig ist. Sie soll die junge Dame vorsichtig
herunter tragen, vorher aber einige Kissen in
den Wagen legen, damit das Rüueln des

Wagens sie nicht weckt. Da ich die Zügel
jühre, so wirst Du Dich zur Comtesse setz n;
halt Dein Pistol bereit, follten wir angehal⸗
en werden, so giebst Qu augenblicklich Feuer.
Für den Fall, daß das gnädige Fräulein zur
unrechten Zeit erwacht, müssen wir mit Chlo⸗
roform nachhelfen; ich hoffe, daß es nicht
uöthig ist. In D. wirst Du für eine krante
Dame ein besonderes Coupe allein lassen;
sind wir einmal in Hamburg, werde ich sie
schon meinen Wünschen geneigt zu machen
wissen, denn dort besitze ich Localkenntnisse
and gute Freunde. Ullons, die Augenblicke
sind kostbar.“

Nach einer Viertelstunde meldete der Kam⸗
merdiener, daß die Befehle pünktlich vollzogen
seien; nachdem der Freiherr das Schmuckkäst⸗
chen an sich genommen hatte, welches aus den
Pretiosen Eleonoren's eine nahmhafte Summe
in Werthpapieren enthielt, schwang er sich auf
den Bock. Hier ist meine Ädresse, rief er der
Köchin zu, die neben dem Wagen stand, Sie
wird übermorgen mir nach Hamburg schreiben,
wie es hier steht. *—

Die Pferde zogen an; nach wenigen Se—⸗
kunden war der Wagen im Parke den Blicken
der Köchin entschwunden.

Als die Gensd'armen, welche der Bürger⸗

meister sofort nach den Mittheilungen des
Stubenmädchens abgeschickt haltte, bdei der
Einsiedelei anlangten, fanden sie die Thüre
des Pavillons offen. Sie traten, der erhalte⸗
nen Weisung folgend, ohne Zogern ein und
wurden hier von dem Richter empfangen, der
ihnen mit wenigen Worten den Zweck ihres
Kommens mittheilte. „Sie stellen sich hinter
diesen, Sie hinter jenen Baum,“ schloß der
Richter seine Mittheilungen, „verhalten Sie
sich fo ruhig wie möglich and warten Sie,
bis der Wagen dicht vor Ihnen ist, dann
springen Sie vor und fallen auf beiden Sei—
len den Pferden in die Zügel, um das Wei⸗
tere kümmern Sie sich nicht, ich werde im
entscheidenden Augenblick die nöthigen Befehle
ertheilen.“

Glauben Sie, daß es diesen Beiden ge⸗
lingen wird, die Pferde im schärfsten Trabe
plötzlich zum Stehen zu bringen ? fragte der
Arzt. „Sorgen Sie nicht,“ erwiderte einer
der Gensd'armen, wir sind darin geübt;
        <pb n="339" />
        sollten aber die Pferde zu wild sein, so hauen
wir mit dem Säbel die Stränge durch und
lassen die Rosse laufen, wohin sie wollen.“

Bleibt noch zu berücksichtigen, daß der
Freiherr und sein Spießgeselle Schutzwaffen
führen und keinen Anstand nehmen werden,
bon denselben Gebrauch zu machen, sagte der
Verwalter. „Sie bergessen, daß das Pistol des
Freiherrn blind geladen ist,“ entgegnete der
Richter. „Uebrigens glaube ich nicht, daß die
Beiden so tollkühn sein werden, der hohen
Obrigkeit eine Kugel auf den Pelz zu bren—⸗
nen, zumal sie einsehen müssen, daß sie gegen
die Uebermacht nichts ausrichten können. Auch
kann es uns nicht darauf ankommen, einen
dieser Hallunken niederzuschießen, wenn sie sich
ernstlich zut Wehre setzen — werda? — Ah
unsere kleine Freundin. Na, Sie hat ihre
Sache gut gemacht, werde nicht ermangeln,
Sie bei dem gnädigen Fräulein in Schutz zu
nehmen.

Wir haben jetzt halb zwölf, nahm der
Verwalter das Wort, beautzen wir die Mi—
nuten, die uns noch bleiben. Wohnte der
Förster näher, so könnten wir ihn — „Na,
ich denke doch, wir sind unser genug,“ un⸗
terbrach der Richter ihn, „fünf gegen zwei,
zudem wird der Förster unaufgefordert herbei⸗
eilen, sobald ein Schuß hier fällt.

Die Gensd'armen traten jetzt auf ihre
Posten. Der Richter lehnte die Thür des Pa⸗
pislons an und setzte eine der mitgebrachten
Fackeln in Brand.

Wo ist die Fallthür? fragte er. Wir
wollen sie für alle Fälle öffnen. Der Ver—⸗
walter kam dem Wunsche nach, die drei Her⸗
ren stiegen in das Gewölbe hinunter.

Ah, es ist ein bleierner Sarg, sagte der
Richter enttäuscht, das erschwert die Ausführ⸗
ung meines Planes. „Weßhalb ?“ fragte der
Arzt. „Wünschen Sie, daß der Sarg hinauf⸗
geschafft wird ?

Nein aber ich rechnete darauf, daß man
den Deckel abnehmen könne. „Wenn wir herz⸗
haft anfassen, wird uns das nicht schwer fal⸗
len, so sehr massiv ist der Sarg nicht.“

Es ging besser, als man vermuthet hatte,
der Richter steckte in jede Ecke des Sarges
eine Fackel und befahl dem Mädchen, ohne
die Angst und das Entsetzen desselben zu be⸗

achten, sie anzuzünden, sobald der Angriff auf
den Wagen erfolge.

Ich halte die ganze Comödie für überflüs⸗
sig, sagte der Verwalter, der jetzt den Plan
des Richters errieth, wir haben ja Beweise
gegen ihn — „Lieber Herr, Sie kennen die
Schlauheit und Verstocktheit, den Eigensinn
und die Frechheit der Verbrecher nicht,“ fiel
der Richter ihm ruhig in's Wort, „in den
dänden eines geschickten Vertheidigers sind
Ihre Beweise nur ein schwacher Strohhalm,
der beim ersten Stoß geknickt wird.“

„Und was wollen Sie durch diese Ko—
nödie, denn auch ich möchte es eine Komödie
nennen, erzielen?“ fragte der Arzt. Der
Richter zuckte die Achseln. „Die nächste Stunde
wird es Ihnen beweisen, ich bin entschlossen,
sofort in Ihrem Beisein ein Protokoll aufzu⸗
nehmen, und hoffe, ein interessantes Actenstüch
zu erhalten. Gehen wir jetzt wieder hinauf,
meine Uhr zeigt zwölf.“ —

Wohl nie vorher waren den Wartenden
die Minuten so langsam verstrichen wie jetzt,
als sie schweigend in fieberhafter Ungeduld
der Ankunft des Wagens harrten, und schon
hatte der Verwalter die Befürchtung geäußert,
entweder habe das Mädchen sie hinter's Licht
geführt, oder der Freiherr eine andere Rich⸗
sung gewählt, als plötzlich in der Ferne
das Geräusch rollender Räder sich verneh⸗
men ließ.

Ruhig — abwarten, flüsterte der Richter,
vährend er seine Hand auf den Arm des
jungen Mannes legte, eine Sekunde zu früh
und die Comtesse ist verloren. „Halt!“ don—⸗
nerten jetzt die Gensd'armen. Die Pferde
wichen zurück, bäumten sich und standen.

„Zurück! rief der Freiherr. Geht aus
dem Wege und laßt die Zügel les, oder ich
jage Euch eine Kugel durch das Gehirn!
„Oho!“ erwiderte der Richter ruhig. „Der
Gensd'armerie werden Sie das wohl nicht
bieten ?

In der nächsten Sekunde fielen zwei
Schüsse; man hörte deutlich, daß eine Kugel
einen Ast zersplitterte. Aber die Schüsse wa⸗
ren noch nicht verhallt, als auch schon der
Freiherr sich auf ebener Erde befand. Sobald
die Pferde standen, hatten die Gensd'armen
dem Richter die Zügel übergeben und sich
        <pb n="340" />
        dem Wagen genähert. Sie risfen den Freiherrn
vom Bock herunter, während der Verwalter
die Wagenthür öffnete, um sich des Spießge—
sellen zu bemächtigen. Der Kammerdiener aber
hatte vorcezogen, diesen Augenblick nicht ab⸗
zuwarten; fobald er dernahm, daß die hohe
Obriskeit vor dem Wagen stand, hielt er ei
für rathsam, sein Pistol auf's Geradewohl
abzufeuern und daranf die Flucht zu er—
greifen.

Der Freiherr wehrte sich mit dem Muthe
der Verzweiflung, aber die beiden Gensd'armen
hatten ihn rasch überwältigt, sie legten ihm
auf Befehl des Richters Handschellen an und
führten ihn in den Pavillon.

Der Richter befahl dem Mädchen, sich zu
ihrer Herrin in den Wagen zu setzen, und
beauftragte die Gensd'armen, den Gefangenen
in das Gewöolbe zu bringen, nachdem er
selbst vorher hinunter gestiegen war.

Die Blicke Aller ruhten mit dem Ausdruck
gespannter Erwartung auf den Zügen des
Freiherrn, der, nicht ahnend, welche Ueber⸗
raschung seiner harrte, mit allen Zeichen der
Eutrüstung und der Wuth in das Gewölbe
trat.

Der Eindruck, den? der plötzliche Anblick
der vom rothen Schein der Fackeln beleuchteten
Leiche auf den Freiherrn machte, war ein ge⸗
waltiger. Entsetzt, die Hände unwillkührlich
ausstreckend, als wolle er das Gespenst von
sich abwehren, fuhr der Edelmann zurück.

Freiherr von Braß, Sie sind eines dop⸗
pelten Verbrechens angeklagt, der Ermordung
des Baron Theodor von Reden und der ge⸗
waltsamen Entführung der Comlesse Eleonore
von Strahlen, sagte der Richter mit feierli⸗
chem Ernst. „Und diese Anklagen stützen sich
qzuf Beweise, die der geschicktesfte Advokat
nicht widerlegen wird,“ fügte der Verwalter
hinzu.

Beweise? hoͤhnte der Freiherr, von dem
der Bann gewichen war, sobald er sich der
Situation bewußt ward. Wer sagt mir das?
Wer giebt Ihnen überhaupt das Recht —
„Ich bin der Baron Oscar vor Reden, der
zruder Ihres Ermordeten Nebenbuhlers,“
juhr der junge Mann ihn unterbrechend fort,

„die Gewißheit, daß mein Bruder nur durch

die Hand eines Mörders gefallen fein könne,

führte mich hierher und ich danke Gott, daß

er mich mein Rachewerk erfüllen ließ.“
(Schluß folgt).
Mannigfaltigsse.
Als Curiosum verdient es Erwähnung,
daß die in der Kölner Handelsbörse angehef-
tete Sammelbüchse für den Fortbau des Do—
mes, welche dieser Tage nach einem Zeitraume
von acht Jahren geleert wurde, die Summe
von zehn Silbergroschen in Scheidemünze
enthielt. Sollte man es für möglich halten,
daß unsere Kölner Handelsherren, von welchen
doch gewiß in den letzten acht Jahren so
mancher ein prositables Geschäftchen an der
Börfe gemacht, sich bei solchen Gelegenheiten
in ihrem stillen Vergnügtsein nicht öfter an—
getrieben gefühlt haben, der leere Büchse zu
gedenken?
Wer über die Wahl seines Lebensberufes
in Zweifel ist, mag in die Sitzungen gehen,
wo die Pariser Juries über die Miethen
Bergleiche zwischen den Hausbesitzern und Mie⸗
thern abschließen sollen. Dort kann man täg—⸗
lich für und gegen die einzelnen Geschäste
plaidiren hören. „Was betreiben Sie ?“ fragte
im 17. Arrondissement der Friedensrichter
einen Miether. „Ich bin Parfumeur,“ ant⸗
wortete dieser, „sehr schlechtes Geschäft.“ Slech—
tes Geschäft?“ fiel sofort der Hauseigen—
thümer ein, „schlechtes Geschäft? Seine Sei—
fen kosten ihm 2 Sous und er verkauft sie
ür 15. Er kann Alles bezahlen!“ „Das ist
nicht wahr!“ vertheidigte sich der aufgebrachte
Miether, „und überdies geht der Handel
schlecht. Wer dachte denn während der Be—
lagerung daran, sich das Gesicht zu waschen ?“
Frankreich wird wieder die Leuchte der
Welt sein!“ sagte Gambetta.
Nur ohne Petroleum, wenn wir bitten dürfen.

Druck und Verlag von F. X. Deme ßz in St. Ingbert.
        <pb n="341" />
        Unterhaltungsblatt

u

M
St. Ingberter Anzeiger.
NX. 88.

Donnerstag, den 27. Juli
77.

Ein dunkles Geheimniß.*
Novelle
von Ewald August König.

Portefeuilles? Woher nahmen Sie die Mittel
zur Bestreitung. — „Genug der Worte?“
sagte der Richter. „Ueber diesen Punkt wird
die gerichtlliche Verhandlung genügenden Auf—
schluß geben.“

In diesem Augenblick ließ draußen die
polternde Stimme des Försters sich vernehmen.
Der Arzt wechselte mit dem Richter einige
Worte und ging hinaus. Er stieg in den
Wagen und beauftragte den Förster, denselben
sum Schloß zurückzubringen.

Davon, daß Sie dem Herrn Baron per—⸗
õonliche Genugthunng geben wollen, kann jetzt
nicht mehr die Rede sein, wandte der Richter
ich zu dem Freiherrn; denn abgesehen davon,
haß das Gesetz den Zweikampf verbietet, sind
Zie auch als überführter Raubmörder dem
Besetz verfallen. Ich rathe Ihnen, den Gens—
d'armen gutwillig zu folgen. — ,Mein Herr,
ch protestire entschieden gegen diese Behand⸗
ung,“ fiel der Freiherr ihm zornig in's Wort,
„was auch gegen mich vorliegen mag. Sie
haben nicht das Recht, mich mit dem gemei⸗
ien Verbrecher in eine Kategorie zu bringen.
Nehmen Sie mir die Fesseln ab und ich folge
Ihnen, wohin Sie wollen.“

Wollen Sie Ihr Ehrenwort zum Pfande
jetzen, daß Sie keinen Fluchtversuch machen
verden d fragte der Baron. „Ich verpfände es,
nögen die Geasd'armen mich bei der ersten
verdächtigen Bewegung niederschießen.“

Der Richter schüttelte bedenklich das Haupt,
aber er gab doch der Bitte des Barons nach.
daum waren die Handschellen gefallen, als
zer Freiherr eine kleine Phiole aus dem Bu⸗
jsen zog; ehe einer der Anwesenden ihn darin

— —
(Schluß.)
Sie zweifeln, ob unsere Beweise überzeu—
gend seien? fragte der Richter. Das Wappen
auf dem Stilet, welches Sie anfertigen ließen,
und der goldene Hemdknopf, den der Zufall
ans hinter dem Lager des Ermordeten ent⸗
deckte, genügen, Ihre Schuld festzustellen. Be⸗
türzung, Haß. Wuth und Verzweiflung spie⸗
gelten sich in den Zügen des Freiherrn, der
sich abgewandt hatte, um dem Anblick der
Leichs zu entgehen. „Wenn Sie diese Beweise
haben, wozus bedurfte es denn noch dieser
Komödie ?“ murmetlte er. Ich bin bereit, jede
Genugthuung zu geben, aher nehmen Sie
diese Fesseln mir ab, vergessen Sie nicht, was
Sie meinem Stande schuldig sind. Baron
von Reden, ich appelire an Ihre Ehre, sie
lann diese eniwürdigende Behandlung eines
Standesgenossen nicht dulden. Befehlen Sie,
daß man mir die Rücksichten nicht verweigert,
die man jedem Edelmanne erzeigen muß, und
lassen Sie mich im ehrlichen Zweikampfe mit
Ihnen —“ V

Zu spät; sagte der Baron kalt und ge—
messen. Mit einem Raubmörder kreuze ich den
Degen nicht. „Ah, es ist ein Leichtes, einen
Wehrlosen zu beschimpfen, aber —“

Zu beschimpfen? fuhr der Baron fort.
War die Ermordung meines Bruders vielleicht
nicht verbunden mit der Beraubung seines
        <pb n="342" />
        hindern kounte, hatte er sie geleert. In der
nächsten Minule lag er entseeltz auf dem
Boden.

* Er hatte sich für alle Fälle vorgesehen,
sagte der Baron erschüttert. Wer konnte ahnen,
daß diese feige Menme den Muth haben
würde, sich das Leben zu nehmen. „Der
Selbstmord ist nur eine Frucht der Feigheit.“
erwiderte der Richter, nicht minder bestürzt.
„Wäre nur der Arzt hier, vielleicht —“

Zu?spät, unterbrach der Baron ihn. Er
hat Blausäure genommen, schon die Hälfte
der Dosis würde hingereicht haben, ihn augen⸗
blicklich zu tödten. — — — — — —

Sechs Wochen waren nach dieser Kata⸗
strophe verstrichen, als die Trauung der Com⸗
tesse Eleonore von Strahlen mit dem Baron
Oscar von Reden stattfand. Die Entdeckung,
daß der Verwalter der Bruder jenes Barons
von Reden, des ersten Verlobten der Comtesse,
war, erregte in dem Landstädtchen kein gerin⸗
ges Aufsehen, sie bot den Spießbürgern aber⸗
mals Veranlassung, auf jenen Selbstmord
zurückzukommen.

Aber so sehr die ehrsamen Bürger und
Bürgerinnen sich auch in Vermuthungen er⸗
gingen, gelang es ihnen doch nicht, den Schleier
zu lüflen, der für sie noch immer jenes Ge⸗
heimniß umhüllte, denn sobald die Comtesse
die Ereignisse erfuhr, lud sie alle daran Be⸗
theiligten ein und nahm ihnen das Verspre⸗
chen ab, die Asche des Freiherrn in Frieden
zuhen zu lassen. Nur die Zeitungen in der
Residenz brachten die Nachricht, daß der Baron
Theodor von Reden ermordet worden sei und
der Moͤrder desselben sich dem Arme der irdi⸗
schen Gerechtigkeit entzogen habe. Die Leiche
des Barons wurde in der Familiengruft der
Grafen von Strahlen beigesetzt und die Ein⸗
siedelei niedergelegt.

Das junge Ehepaar kehrte erst nach einer
zweijährigen Abwesenheit auf seine Güter zu⸗
rück, es hatte nach seiner Hochzeitsreise sich
in der Residenz niedergelassen und nur ab und
zu war der Baron einmal hingereist, um den
Berwalter zu eontrolliren.

Und als nun Eleonore an der Seite
ihres Gatten in das Haus ihrer Väter zurück⸗
kehrte, bewies ihr der festliche Empfang, der

von allen Seiten ihr zu Theil wurde, wie
sehr sie geachtet und geliebt war.

Rede des amerikanischen Consuls Klaup⸗
recht in Stuttgart bei der Fecg des ame⸗
rikauischen Unabhängigkeitsfestes.
Am 4. Juli 1871.

„Vor Einem Altar, dem der Freiheit, reichen

Sich Völker nun die Hand,

Und weiter, als die Lorbeer'n und die Eichen

Dehnt sich des Deutschen Vaterland.“

Nur wenige Tage erst sind verflossen, daß
in Stuttgarts Mauern ein hohes, herrliches
Fest gefeiert wurde, das des Siegeseinzuges
der württemberg. Truppen bei ihrer Heimkehr
aus Frankreich, und heute vereinigt uns hier
wiederum das größte nationale Fesi Amerikas.
Aber so getrennt durch den Raum des Oce⸗
ans uud den Zeitlauf eines Jahrhunderts beide
Feste auf den ersten Blick erscheinen mögen,
so viele Fäden hat die Geschichte zu einer
recht innigen Verbindung beider geschlungen:
Amerikanische Bürger von Geburt und durch
Adoption sind es, die heute sich zusammenge⸗
junden haben, um das Wiegenfest der ameri—
kanischen Republik zu feiern, zu deren Grün—
dung deutsche Tapferkeit das Ihrige ruhm⸗
würdig beigetragen. Auch die dreizehn Kolo—
nien Amerila's besaßen nur ein paar
Jahrzehnte vor dem glorreichen 4. Juli den⸗
jselben unruhigen, ländergierigen Nachbar wie
Deutschland, und der siegreiche Feldzug gegen
ihn ward die Grundlage zu Amerika's Ein—⸗
heit und Unabhängigkeit.

Des Marschall von Sachsen Schwert hatte
Frankreich sast den ganzen heutigen Umfang
der Vereinigten Staaten überliefert, den
schmalen Küstenstrich des Alleghanyhanges
ausgenommen, dessen Flüsse sich in den atlan⸗
tischen Ocean ergießen.

Hier in dem weiten Seegebiete des Nord⸗
vestens, im Ohio⸗ und Mississippithale, waren
von Frankreich die seudalen Staatseinrichtungen
eingeführt worden, die in der alten Welt be⸗
reits dem Einsturze nahe waren. Hierhin
hatte es seine Priester und Soldaten, seine
Vasallen und Kronbauern übergesiedelt, wovon
die. Wenigsten lesen und schreiben konnten.
Jedwede Industrie, der Weinbau selbst, war
verboten, denn die Kolonie war nur da, um
        <pb n="343" />
        vom Mutterlande ausgebeutet zu werden. Wie
in unseren Tagen in Afrika, so hatte die
franz. Regieruag aus den rothen Eingeborenen
den Chippewa's, Miami's, Schowanesen und
inderen wilden Stämmen feine Turks⸗ und
Zuavenregimenter zur Besetzung seiner Fe⸗
ungen gegen die Amerikaner gebildet. Neu⸗
Frankreich besaß weder eine Dorfsschule noch
Druckerpresse, nur der Altar des Missionärs
erhob sich in den einsamen Rindenkapellen des
Arwaldes; Indianerknabe schwangen die Rauch⸗
gefässe und die Meßlieder der buntfarbigen
Gemeinde ertönten unter dem fernen Geheul
von Wölfen und Panthern.

Es war ein Gebiei bigott nationaler Ab⸗
zeschlossen heit. Brandpfahl und Skalpirmesser
hHedrohten jeden Nichtfranzosen, der sich in
diese Wiloͤnisse wagte. Oftmals dagegen
drangen die Waffenknechte Fraukreichs über
die Grenjen und wiederholten am Susquehannab
und Schoharin die Mord und Brandscenen
der Pfalz an denselben deutschen Vorsiedlern,
velche von der Verwüstung am Rhein über
den Ocean entflohen waren.

Gegen dieses bluttriefende Reich lehnsherr⸗
licher Tyrannei waren die Pionniere der
amerikanischen Unabhängigkeit im Laufe des
Jahrhunderts allmählich vorgedrungen mit der
repulikanischen Regierungsform ihres Mutter-
andes, der Communalfreiheit, der Lehre von
der Volkesouderänetät, der Habeas corpus
Alte, dem freien Gottesdienst, der Freischule
aund der Druckerpresse.

Zwei leitende Geister der amerikanischen
Anabhängigkteit, Benjamin Franklin, der Pro⸗
motheus des achtzehnten Jahrhunderts, wie in
ant nennt, und John Adams hatten mit
Gründung der ersten Union der 13 Kolonien
gegen die französischen Uebergriffe das öffent⸗
uͤche Leben betteien. Vom prophetischen Geist
erfüllt, datte Letzterer, damals noch Lehrer
an der Stadtschuie zu Worcester, die Zukunft
Amerika's verkündet, indem er schrieb: „Wenn
wir die unruhigen Gallier zu entfernen ver⸗
mögen, dann wird unser Volk, den genauesten
Berechnungen nach, in einem Jahrhundert
zahlreicher werden, als selbst das englische.
Banz Europa wird nicht im Stande sein,
uns zu unterwerfen.“

Der unausbleibliche Zusammenstoß erfolgte.

Die Salve der virginischen Provinziclen unter
Oberstlieutenant Washington auf Jumonville's
Truppen entzündete in diesen fernen Wäldern
euen Weltbrand, den siebenjährigen Krieg,
der die Grundlage Preußens und Amerikas
zroßer Zulunft werden sollte.

Und hier beginnt eine wunderbare Aehn⸗
ichkeit der damaligen Zeit mit der Gegen⸗
vart. Wie die Krieger Deutschlands im letz
en Feldzuge von französischer Regierungsseite
ils Barbaren, Mörder und Brandstifter be⸗
eichnet wurden, so erging es damals den
Amerikanern. Georg Washington, der Vater
des Vaterlandes, wurde in einem offiziellen
Aktenstücke zum Meuchelmörder gestempelt. Die
Anhänger der Regierung sprachen seinen Na—
nen mit Abschen und Verwünschungen aus,
As einem Verbrecher gegen das Völkerrecht.
Fumonville dagegen, jener Märtyrer für die
Zache des Feudalismus und VDespotismus,
vurde in heroischen Versen gefeiert und man
orderte Weittheile auf, seinen Fall zu be⸗
veinen.

Aber der Genius der Geschichte hatte das
knde der romanischen Herrschaft in Nord⸗
imerika beschlossen und germanische Freiheit
oslte fortan sein Geschick leiten. Am selben
Tage, an welchem Friedrich der Große bei
Zorndorf seinen blutigen Sieg über die Rus⸗
en errang, stand ein deutscher Herrnhuter,
Zchullehrer unter den Delawaren und mit
hnen verschwägert, Christian Friedrich Post,
zuf einer Anhöhe bei Fort Duquesne an der
habel des Ohio in der Schußweite der feind⸗
ichen Kanonen, umringt von den indianischen
Mordbanden der Franzosen, und bewog diese
um Bruche mit ihren Verbündeten, zum Ab⸗
vlusse eines Friedenstractates mit den
Amerikanern. Im Wiederhalle deutscher Kriegs⸗
ieder enstand Fort Pitt, die Wiege des
zewerbfleißigen Pittsburg an der Stelle des
ranzösischen Fort; die eingezogene fiegreiche
Besatzung bestand aus dem deutschen Regiment
royal american und virginischen und penn⸗
yilvanischen Provinzialen, darunter Viele deut⸗
cher Abkunft. Dieser Schlüssel zum Mississipp⸗
hale gab dem germanischen Element Besitz
om Continent Nordamerika's. Aber Frank—

eich, könnte man mir einhalten, hat ja im
darauffolgenden Unabhängigkeitskriege an der
        <pb n="344" />
        Seite Amerika's gefochten und damit die alten
Sünden wieder gut gemacht. Ja wohl, sein
alter Haß gegen den Erbfeind kam der Union
verkthätig zu Hülfe, aber für die Republik
hätte Minister Vergennes keine Patrone ab—
feuern lassen, hätten wir sie gegen einen an—⸗
dern Feind erobein und behaupten müssen als
gerade England. Unter Ludwig XVI. Ver-⸗
dienst um Amerika, war nicht dieses nämliche
Frankreich bereit es rückgängig zu machen, als
es duldete, daß Louis Napoleon zu Gunsten
der rebellischen Südstaaten auftrat?! Indem
die deutschen Heere die siegreichen Schlachten
für das eigene Land schlugen, vertraten fie
die Nemesis der Geschichte für die Intervention
in Mexico.

Während des Unabhängigkeitskampfes ent⸗
sprach dieser militärischen Wechsel wirlung
zwischen Deutschland und Amerika eine gauz
ühnliche, die in dem jetzt beendigten deulsch⸗
jranzösischen Kriege wieder in vollem Glanze
ju Tage trat. Es war der Flügel-Adjutant
Friedrich des Großen, Wilhelm August v.
Steuben, einer der Helden von Prag und
stunersdorf, der Mann mit dem Königsblick,
welcher der Kriegsminister der jungen Repu—
blik nurde und ihrer Armee die Disciplin
einflööte, welcher der Tapferkeit ihrer Solda⸗
ten auch Erfolg gab Es war General Put⸗
aam, der bei Erstürmung Stony Point mit
dem Bajonett den Werth dieser Schule vor
den Augen Amerika's darthat; es war ein
bayreuthischer Lieutenant, der erstaunt auf
diese zu tüchtigen Kriegern herangeschulten
Provinzialen blickte und im Jahre 1807 diese
Schöpfung Steubens auf Deutschland übertrug.
Es war Gneisenau, der Vater der preuß.
Langwehr, der Moltke der deutschen Befrei⸗
ungskriege.

Und wie in der dunkelsten Stunde der
Republik zu Falley, Forge bis zur Kapitula—
tion bei Yorktown das deutsche Landvolk treu
stand zur Fahne der Freiheit und Unabhäng⸗
jgkeit, so waren es Deutsche, die Seite an
Seite mit ihren amerikanischen Mitbürgern
die blutigen Schlachten des letzten Krieges
durchkämpften und nach der Waffenstreckung
von Appomator sieggekront zu ihren friedlichen

Beschäftigungen zurückkehrten. Sie hatten die
Sicherheit des hauslichen Heerds im Norden
der Union und die Einheit des Heimathlandes
vertheidigt und behauptet, gerade wie die
iüngst heimgekehrten deutschen Heere im Kriege
mit Frankreich.

Aber nicht blos das Volk beider Staaten⸗
bünde in Waffen steht so in naher geschicht⸗
licher Beziehung zu einander, sondern noch
weit mehr das Volk des Friedens. Von den
Ufern des Hudson bis zum goldenen Thore
San Francisko's, von der Halbmondstadt
bis zu den Quellen des Mississippi wohnen
Millionen Deutscher als gewerbsfleißige Bür⸗
ger der großen Republick. Die Staaten des
Westen find ein kleines Deutschland; ihre
Brafschaflen besäet mit Städten und Ortschuften
deutschen Ursprungs, dicht besiedelt von Söhnen
dieses Landes, deren politscher Einfluß ge⸗
waltig im Wachsen. Aber so ergebene, opfer⸗
bereite Bürger sie dem Lande ihrer Wahl, so
treu und warm schlägt ihr Herz dem Mutter—
lande, des Dichters Worie bewaͤhrend;

„O Deutscher, deine Heimathlieb ist gleich,
Dem Feuerwein, an Duft und Gluthen reich,
Der, wenn er weiter Meere Bahn durchzog,
Nur höh're Gluth und neue Würzen sog.“
(Schluß folgt.)
Dovpel⸗Palindrom.
Ich Er stes bin ein Haus, das ragt
Rach unten mehr, als oben;

Auch hab' ich, wie mein Kehrwort sagt,
Schon Manchen aufgehoben.

Ich Zweites bin die Stub' im Haus,
Die einzige von allen;

Auch geht mein Miethsmann niemals aus,
Ihm scheint hier zu gefallen.

Nach innen zwar ist ewig Licht
Im Hause, wie im Zimmer,

Der Außenseit' jedoch gebricht
Es nicht an Licht und Schimmer.

Ein „zrüner Blumengarten sprießt
Aus dem, was Alee schrecket,

Und wer das Zweite rückwärts lies't.
Hat, was das Er ste decket.
Auflösung der Charade in Nr. 84 des Unterhalt⸗
ungsblattes:,„Wieland.“
Druck und Verlag don F. X. Deren in St. Ingbert.
        <pb n="345" />
        Unterhaltungsblatt

R
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. x9. Sonntag, den 30. Juli
Dder Münzsfammlter.
Staatsbztg.)
Fine Novelle.

In einem Hotel ersten Rang's der Residenz
sttand ein Herr am Fenster und beobachtete
den bedeckten Himmel und die dichten Regen⸗
ropfen, die nach seiner Vermuthung endlos zu
verden drohten.

Offenbar hatte er die Absicht, auszugehen;
denn ein Hut, ein paar feine graue Glacé—
handschuhe und ein kleiner Spazi erstock lagen
neben ihm auf dem Tische.

Allein nach seiner ungeduldigen Miene und
nach den Blicken zu urtheilen, die er schnell
nach der Thür richtete, wenn das leiseste Ge⸗
äusch von außen vernehmbar war, schien er
noch Jemand zu erwarten.

Das Wetter und die Einsamkeit fingen
endlich an, ihn zu langweilen. Er ließ sich
auf einen Stuhl nieder, nahm eine Zeitung
und blätterte darin. Die Politik schien ihn
noch mehr zu langweilen; denn er überschlug
die Seiten und las mechanisch die vermischten
Nachrichten; plötzlich lachte er hell auf.

„In der That, hierin liegt Methode,“
sjagle er und las mit Pathos folgende
Annonce:

Eine penge, einsame Dame, welche jeden
geistigen Umgang schmerzlich entbehrt, sucht
die schriftliche Bekanntschaft eines geistig ge⸗
bildeten Herren zu machen, mit dem sie einen
schriftlichen Gedankenaustausch führen kann.
Doch die Bedingung dieses Bandes ist, daß
dieser Herr nie nach ihrer Person, noch je

nach ihren Verhältnissen forschen darf. Briese
werden unter dem Namen Wera poste re-
ztanto erbeten.“

„Nicht zu leugnen, diese Annonce ist eben
o fein als lockend abgefaßt,“ fuhr der Fremde
ächelnd fort und strich mit der schmalen,
veißen Hand langsam seinen dunkeln, glänzen-
den Bart.

„Sie ist so lockend, daß ich selbst Lust
hätte, dieser kleinen Aventiere zu schreiben! —

„Geerbte Sünde; jedes Verbot reizt! —
Sollte ich Antwort erhalten, so würde dieses
leine Intermezzo mir die Tage meines un⸗
rreiwilligen Aufenthaltes hier, in dieser Resi⸗
denz der Uniformen, noch erträglich machen.
Doch will ich diesen Scherz wirklich ausfüh—
ꝛen, so muß ich gleich ans Werk gehen, sonst
önnte schon die nächste Stunde mir wieder
die Lust daran nehmen.“

Der Regen hatte inzwischen aufgehört,
zie Wolken zertheilten sich, und die Sonne
drach hervor.

Aber der Fremde achteie jetzt nicht mehr
auf das Wetter; er saß am Schreibtisch und
schrieb folgende Zeilen:

Verehrte Unbekannte!

Die Aufforderung, welche Sie in der
Zeitung ergehen lassen, mit einem Ihnen völlig
iremden Herrn einen Gedankenaustausch anzu⸗
nüpfen, ist mir so neu, so überraschend und
vieder so reizvoll, daß ich wohl Ihre Bekannt⸗
schaft machen möchte, wenn Sie geneigt wä⸗
ren, mich Unwissenden in Einigem zu belehren,
wie auch einen Zweifelnden zu bekehren.

Ich bin ein Mann, der früh seine Ideale
berloren, ein Mann, der viele Erfahrungen,
        <pb n="346" />
        und ich kann weohl sagen, die trübsten mit,
bei den Frauen machte, und darum wird es
Ihnen klar sein, daß ich auch die Tugenden
wie die Schwächen der Frauen kennen zu
lernen Gelegenheit hatte. Ich kenne Ihre Ca—
pricen, ihre Launen; aber, verehrte Unbekannte,
die Entbehrung, an der Sie leiden wollen,
ist mir gauz fremd. Bisher sah ich unr, daß
der größte Theil der Damenwelt an einem
Bedürfniß krankte, an der Vervollkommung
ihrer Toilette.

Doch sollte dennoch der Fall vorhanden
sein, daß es eine Dame von Geist und Bil—
dung gibt, was ich bei Ihnen, verehrte Un—
bekannte, voraussetze, die sich einsam fühlt,
weil sie nur geiftigen Verkehr sucht, so wird
sie doch zur Lecture greifen; denn ich glaube,
damit beschäftigt, wird ein geistig gebildeter
Mensch, und noch dazu eine Dame, nicht so
weit gehen, Bekanntschaften durch Zeitungs—
Inserate zu suchen, wo ungeachtet ihres Ver⸗
botes ein persönliches Kennenlernen folgen muß.

Jh wüßte nicht, welch einen geist vollen
Mann wohl die Vriefe einer unbekannten
Dame so interessiren sollten, um seine Zeit
mit der Beantwortung dieser zu verschwenden,
wenn sie ihm nicht ganz besonders durch Geist
imponirt, was höchst selten ist.

Anders aber ist es, wenn er sie sieht,
wenn ihre Person ihn für sie einnimmt; und
besitzt fie dazu noch hier und da geistvolle
Einfälle, dann kann sie sicher sein, daß er sich
ihr ganz widmet.

Haben Sie an diese Logik, verehrte Un—⸗
bekannte, gedacht, als Sie die Sitte Ihres
Geschlechts vergaßen, um Bekannischaften
auf dem Markte der Oeffentlichkeit zu suchen?

Vielleicht werden Sie mir antworten:
Mein Herr, Sie machen mich in unserm Zeit⸗
alter mit ihrer veralteten Ansicht lachen. Sie
dleiben vereinzelt mit Ihrem Vorurtheil. Bei
unserer Toleranz, bei dem Fortschritt unsres
Jahrhunderts ist es dem Weibe gleich dem
Manne gestattet, sich von beschränkten Ansich⸗
len zu emancipiren und aus ihrem engen
Kreise herauszutreten.

Darauf würde ich entgegnen:

Verehrte Unbekannte, Sie verwechsely den
Begriff von Fortschritt und Freiheit. Dies
sagt Ihnen ein Mann, der nichts tiefer haßt

als Die, welche sich dem Fortsschritt hemmend
entgegenstellen und die Bildung der Mensch—
beit beschränken wollen. Und auch das Weib
soll beides genießen, soll lernen, soll streben,
ihre Kenntnisse zu vervollkommnen, und jeder
gebildete Mann wird sch glücklich schätzen,
von einer geistig gebildete Frau verstanden zu
werden, Tritt solche Frau aber so ganz aus
ihrem Kreise heraus, um sich ihm, dem Manne
der noch immer ihr Meister bleibt, und möchte
fie glauben den Stein der Weisen entdeckt zu
haben, gleichzustellen, so verliert sie die Weib—
lichkeit, wird unnatürlich, ja, mich der nicht
ibertriebenen Aus drücke zu bedienen: sie wird
widerwärtig und ungenießbar.

Dies, verehrte Unbekannte, ist meine
Ansicht als Unwissender; zeihen Sie mich des
Unrechts, und ich wage Verzeihung erflehend,
im Geiste ihre kleine Hand zu küssen!

Jetzt kommt aber der Zweifler, der Skep⸗
tiker; wird der strafbar, so kann allein nur
Ihre Milde und Güte ihn von seiner Schuld
freisprechen.

Sehen Sie, verehrte Unbekannte, Ihre
Annonce flößt mir bei aller ihrer Feinheit
doch den Verdacht ein, Sie verfolgten einen
anderen Zweck; Sie hätten diesen eigenthüm⸗
lichen Reg nur ersonnen, um Männer zu my⸗
dificiren. — Zu diesen allerdings gehöre ich
nicht, und ich sollte meinen, um Bekannt—
chaften dieser Art anzuknüpfen, gibt es doch
seichtere Wege, so lange sie jung und schön
find und Ihnen nichts an der Achtung des
bdessern Mannes liegt, der sie nur bedauern
kann.

Jetzt habe ich Ihnen alles gesagt, und
sollte ich mich getäuscht, Sie ungerecht und
jalsch angeklagt haben, so kann ich mich nur
nit einem vertheidigen: Ich habe so wenig
Gutes in der Welt kennen gelernt, daß ich,
ohne Beweise zu haben, nicht mehr daran
glaube. Habe ich also hier ein Vergehen be—
zangen, so bin ich zu jeder Buße bereit,
welche mir, Absolution verheißt. Sollten Sie
es daher der Mühe werth halten, mich einer
Antworl zu würdigen, so bitte ich, diese mir
unter A. V. R. poste restante jukommen zu
lassen. Bis dahin

Mit aller Verehrung
        <pb n="347" />
        Als der Fremde diesen Brief beendet, ge⸗
iegelt und adressirt hatte, legte er ihn vor
sich hin, stüßte den Kopf in die Hand und
hlickte unverwandt auf den Namen „Wera,“
den er mit großen lateinischen Buchstaben ge⸗
schrieben.

„Wera, ob das ihr Name sein mag ? Er
klingt fremd; mich dünkt, ich habe ihn in
Petersburg oft gehört.

„Was grüble ich darüber, es ist mir nur
sonderbar, daß ich ganz anders an sie ge—
schrieben habe, als ich erst wollte. Ich war
zesonnen, einen scherzhaften Liebesbrief abzu⸗
fassen, und daraus isteine moralische Bußpre⸗
digt geworden.

„Darauf erhalte ich bestimmt keine Ant—-
wort. Denn eins von diesen beiden kann diese
Wera nur sein: Eine verblühte Gelehrte oder
eine Abenteurerinn. Die erste kann mit ihrer
Person keinen Eindruck machen, ist vielleicht
noch mit der unfreiwilligen Höhe in Geftalt
eines Höckers begabt; für die zweite bin ich
eine Beute.

„Also mein Briek ist eigentlich nur für
mich geschrieben und ich thue gut, ihn in den
Papierkorb zu werfen. Allein ich sehe, er hatte
doch das Gute, daß ich die Zeit des Regens
mit dieser Beschäftigung getödtet habe. Es ist
ja das schönste Wetter geworden!“

Mit diesen Worten stand der Fremde auf,
trat wieder ans Fenster und sah nach seiner
AUhr.

„Aber es ist bereits elf Uhr vorüber!
Wo Felix nur bleibt?“ —

Fortsetzung folgt.)

Rede des amerikanischen Consuls Klaup⸗
recht in Stuttgart bei der —, des ame⸗
rikanischen Unabhängigkeitsfestes.
Am 4. Juli 1871.

Schluß.)

Bei dem frevelhaften französischen Angriff
des verwichenen Juli durchdrang ein Sturm
der Entrüstung alle Herzen. Drüben wie hier
riönte der begeisterte Wachtruf:

„Es braust ein Ruf wie Donnerhall
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall,
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!“

Und als die Siegesnachrichten von Wörth

und Mars⸗la⸗Tour, von Metz, Paris über
die Drähte flogen welch' ein Lauffeuer des
Enthusiasmus durchflammte da den ganzen
Zontinent. Bereits hat der deutsche Reichstag
m Namen des deutschen Volkes die ergreifen⸗
den Zeugnissen allgemeiner opferbereiter Sym⸗
»athie anerkannt, welche die Stammgenossen
enseits des Oceans ihm in dem weltgeschicht⸗
ichen Kampfe um seine Unabhängigkeit und
rFinheit gegeben.

Und die hohe Würdigung, welche von
inglo amerikanischer Seite den jüngsten Frie—
densfesten der deutschen Mitbürger bewiesen
wpurde, dürfen wir als Unterpfand einer im—
mer innigeren Verbrüderung beider so ver⸗
vandter Volksftämme betrachten, als eine Bürg⸗
chaft größerer Einigkeit im Streben nach ge⸗
neinsamer Wobhlfahrt auf der Grundlage der
Besctzlichfeit und Freiheit, wie sie für alle
Zeit in dem unsterblichen Kriegsmanifest gegen
edwede Unterdrückung, in der Unabhängigkeits⸗
alte geschaffen ist, deren Gedenktag wir heute
eiern.

Und noch eines starken Bandes, das,
Deutschland mit Acerika verknüpft und der
giorreiche 4. Juli 1776 geflochten, haben
vir heute zu gedenken, des Bandes, das die
Beister einigt. Es sind nicht blos Erzeugnisse
des Ackerbau's, der Viehzucht und Industrie,
die von zahllosen Schiffen beider Nationen
herüber und hinüber geführt werden, nein
auch Schöpfungen der Wissenschaft und Kunst;
es sind nicht blos Waarenpreise und Geldkurse,
die das Kabel befördert, sondern auch Meld⸗
ingen neuer Geistesthaten, in denen beide
dänder den edelsten Wettstreit führen. Der
Inabhängigkeitskampf, Amerika's gab für
Deutschland den gewaltigsten Anstoß zur kriti⸗
schen und politischen Literatur. Er führte die
Zeister aus dem Gebiete des abstrakten Den—
kens, aus der Träumerei in's praktische Leben.
Es war das Zeitalter von Kant und Lessing,
yon Herder und Forster, von Lichtenberg und
Johannes von Müller. Mächtig bewegt war
die Welt der Ideen und die Verwandschaft
Deutschlands und Amerika's darin durch die
Unabhängigkeitsakte selbst beurkundet. Das
erste Freiheitsmanifest Amerika's war nämlich
uim 19. Mai 1775 von einer Convention
deutscher Freigutbesitzer der Grafschaft Meck⸗
        <pb n="348" />
        lenburg in Nord-Carolina erlassen, also bei⸗
nahe 14 Monate vor dem 4. Juli 1776.
Darin erscheinen nicht allein die hauptsächlichsten
Ideen, sondern theilweise selbst der Worilauf
mancher Stellen der welthistorischen Urkunden.
Jefferson selbft war später genöthigt, sich gegen
den Vorwurf des Plagiats verübt an dieser
deutschen Vorläuferin seines Entwurfes, zu
vertheidigen.

Der Geist von Benjamin Franklin, von
Washington und Adams durchdrang auch
Deuischlands patriotische Staatsmänner, und
Stein und Wilhelm von Humboldt gründeten
die Ordnung des neuen Staatswesens au
die Selbstständigkeit der Gemeinden und In⸗
dividuen.

Vor zwanzig Jahren bemerkte ein eng⸗

lischer Siaatsmann, der edle Lord John
Russel: „Besteht Amerika mit seiner Verfass⸗
ung die Probe eines Jahrhunderts, dann ist
es die Hochschule der Welt geworden, dann
hat es die Aufgabe gelöst, wie die Segnun⸗
gen der Ordnung und öffentlichen Sicherheit
vereinbar sind, während der Entwicklung jeder
menschlichen Anlage, die möglichst wenigen
Hindernisse gestellt bleiben, kurz, wie Sicher⸗
heit, Friede, Freiheit, Intelligenz im vollsten
Maße verwirklicht werden können.“ Noch 5
Jahre und dieses Jahrhundert der Probe isi
vollendet. Fünf Generationen sind in der
Hochschule der Republik herangewachsen. Ein
Bürgerkrieg, von einem Umpfang, wie ihn die
Welt nicht sah, ist seitdem wie ein Orkan
über das Land gebraust, aber er hat nur das
letzte Schlinggewächs des Feudalismus am
Baume der Freiheit, die afrikanische Sklare⸗
rei, entwurzelt und hinweggerissen und die er⸗
habenen Grundsätze der Unabhängigkeitsakte
zur völligen Geltung gebracht.

Unter dem Sonnenfstrahl allgemeiner Frei⸗
heit stehen heute die Staaten der Union wie
ein junger Orangenhain, immer grünend,
imuier blühend und reifend.

Vereinigen wir uns daher zu dem drei⸗
maligen Rufe:

Es lebe die herrliche Tochter des 4. Juli
1776; es lebe die große Republik des Ster⸗

Es blühe fort, wachse und gedeihe in
aller Zeil der Freundschaftsbund, der es mit
dem Herzen Europa's, mit dem großen st a m m⸗
verwandten, neu und glorreich erstandenen
deutschen Reiche verknüpft.

Hoch Deutschland! Hoch Amerika!

Histo rische Parallelen.

Wie alte Sagen uns verkünden

Aus weit entlegner Mythenzeit,

Mußt' Oedipus, ach! einst erblinden,
Als Jokaste er gefreit!
Dergleichen kommt uns nicht zu Ohren
Bei unserm heut'gen Weltenlauf;

Denn wer ein Weib sich heut' erkoren,
Dem gehen erst — die Augen aufi
II.
Ein Jeder kennt den gord'schen Knoten,
Den Alexander staunenswerih
Einst aufzuldsen sich erboten,
Er hieb ihn durch mit seinem Schwert.
Noch heute kann in Volksvereinen

Den gord'schen Knoten Jeder schau'n:

Was sich nicht lockern laht und einen,

Wird dort ganz einfach — durch gehau'n!
III.
Im Mittelalter war sehr häufig

In Deutschland, Frankreich, England, Schweiz
Der Kreuzzug vielen sehr geläufig

In allen Ländern — zog man Kreuz!

Jedoch bei jedem Ordenstage

Wird's heute wirklich sonnenklar:

Der Zug zum Kreuz war keine Plage,

Zu Kreuze krisecht man heut' sogar!
IV.
Einst wurden Schrecken ohne Gleichen
Durch den Komeien schon erweckt,

Und durch bes Himmels Feuerzeichen
Die Voͤlker alle aufgeschreckt.
Doch sah'n wir dort im Hessenlande
Auf Wilhelmshöhe jenen Herrn,
Dex bebte einst — o ew'ge Schande!
Vor einer einzigen Latern'!

O. Blumenthal.

— — —
nenbanners.

—
Druch und Vertag von J. X. Deme in St. Ingbert.
        <pb n="349" />
        Anterhaltungsblatt

u

n
St. Ingberter Anzeiger.
r. ß...

Dienstag, den 1. August
187.
Ein böses Gewissen.“)
Nov le
J von Ewald August König.
1. Kapitel. J

vas der Schmerzensschrei, in welchem der Un—
zlückliche seinen Geist ausgehaucht hatte! —

Vom Thurme der nahen Dorfkirche schlug
2s Mitternacht, als ein Bauer des Weges zog,
der aus der benachbarten Handelsstadt in jenes
Dorf führte.

Er mochte in der Stadt gute Geschäfte
zemacht haben, sein schwankender Gang ver⸗
rieth, daß er dem Glase fleißig zugesprochen
hatte.

Sein Weg führte ihn an der Leiche vor—⸗
iber, er bemerkte sie nicht früher, bis er vor

hr stand, und sein Blick in das todte, ent⸗
tellte Antlitz fiel. Entsetzt trat er zurück, der
Anblick, welcher sich so plötzlich ihm bot, hatte
hu vollständig ernüchtert. Aber weit entfernt,
u untersuchen, ob der Unglückliche bereits todt
»der nur schwer verwundet war, nahm der
Hauer, nach dem er sich mit unverkennbaren
Zeichen der Angst nach allen Seiten umgesehen
jatte, Reißaus, just, als laure hinter jedem
Zusch, hinter jedem Baume ein Mörder, der
„lötzlich vorspringen lönne, um ihm 203 Le⸗
zenslicht auszublasen.

Am ersten Häuschen des Dorfes hielt der
Landmann endlich in seiner Flucht inne. Er
nahm die Mütze vom Kopfe, irocknete den
Schweiß, der ihm in hellen Tropfen auf der
Stirne perlte, ab, 'und klopfte an die Thür
enes Häuschens so ungestüm, daß beim ersten
Pochen schon der Bewohner desselben erschreckt
m Schlafe auffuhr.

„Vater Schulz, Vater Schulz!“ rief der
Landmann, ohne mit seinem Pochen inne! zu
jalten; macht offen? — Mörder““ Mör⸗
der 12 4 —8 1 2

Der Schnee war geschmolzen, lau wehte
die Frühlingsluft über die Fluren, die Vögel
fangen und zwitscherten, und die Primeln und
Aurikeln blühten auf dem grünenden Rasen.

Eine milde, stille Frühlingsnacht lag über
Wald und Feld gebreitet, an dem heiteren,
zestirnten Himmel zog der Mond seine ruhige
silberhelle Bahn, er lächelte hinunter auf das
Dörfchen, dessen Bewohner sich in süßen
Träumen wiegten, auf den Wald, dessen
Bäume die Hand des Frühlings mit dem
ersten zarten Grün schmückte, auf die Fluren,
über welche ein grüner, buntgestickter Teppich
iich breitete.

Er lächelte auch in das bleiche, kalte Ant⸗
litz eines Mannes, der dort am Saume des
Waldes lag, das gebrochene Auge stier gen
Himmel gerichtet, als wolle er die Rache
Gottes herabrufen auf die Hand, welche diose
Augen gebrochen, den Pulsschlag dieses Her⸗
—R
Sterne gingen ruhig ihre unermeßliche Bihnen,
der Zephir spielte in den grauen Locken des
Todten, und im Walde klagte eim Nachtigall.
— Was kümmerte sich die geballte Fausft des
Todten, welche auf der Brust des Mannes
lag, unter der das rothe Blut hervorquoll,

Nachdrud ist nur nach vorheriger Verständig⸗
ung mit dem Verfasser erlaubt.
        <pb n="350" />
        „Nu, was giebt's denn? erwiederte eine
tiefe, barsche Stimme, „so macht doch nicht
einen Lärm, als ob das ganze Dorf in Flam—
men stände!“

Der Landmann schaute hinauf zu dem
Fenster in welchem der Kopf eines alten Man⸗
nes vekleidet mit einer baumwollenen Schlaf—
mütze sichtbar ward.

.Drüben auf dem Wege liegt einer!“ rief
er hastig hinouf, „lange kann er noch nicht
erschlagen sein, denn das Blut floß noch aus
der Wunde. Geht mit Eurem Sohne hin, ich
wecke unterdeß den Bürgermeister.“

Der Alte brummte einige unverständliche
Worte und schloß das Fenster, während der
Landmann in's Dorf lief, um vor dem Hause
des Bürgermeisters denselben Lärm zu schlagen.

„Fin Schneider kann doch nie seine Natur
berläugnen!“ sagte Schulz, als er das Fen⸗
ster geschlossen und ein Licht angezündet hatte.
„Ich bin überzeugt, der Mensch hat sich nicht
einmal die Mühe genommen, der Leiche in's
Angcesicht zu sehen. — Geh', wecke Gottfried,“
fuhr er, sich zu seiner Frau wendend, fort,
zer soll mich begleiten, wir werden bald wis⸗
sen, was an der Sache ist·“.

„Herr des Himmels, ein Mensch ermordet!“
jammerte die Frau, welche bei der ersten
Nachricht aus dem Bette gesprungen war,
„seit zwanzig Jahren ist hier in der Nähe
kein ähnliches Verbrechen verübt worden. Wie
werden fie nun wieder in der Stadt über
unser armes Dorf reden! Weißt Du noch,
damals, als der Hausirer im Walde erschossen
und beraubt worden war, wollten sie's auch
dem Dorfe zur Last legen, als es später sich
herausstellte, daß ¶

„Laß Dich das nicht anfechten,“ fiel Schulz
der Redseligen in's Wort. „Die Leute mögen
meinetwegen reden und schwatzen was sie wol⸗
len, ich kümmere mich um dergleichen nicht.
Gehe nur und wecke Gottfried und sorge da⸗
für, das wir ein geheiztes Zimmer, Thee
und warme Tücher finden, wenn wir den
Unqlücklichen vielleicht hierherbringen.“

Die Alte, welche bereits auf dem Wege
zur Thür war, blieb stehen und sah mit einem
Blick des Entsetzens sich um. „Konrad,
Du wirst mir doch keine Leiche in's Haus
bringen?“

„Sei unbesorgt, wenn der Mann ein—⸗
Leiche ist, mag der Bürgermeister ihn fort⸗
schaffen, aber wenn er nur schwer verwundet
ist, dann bringe ich ihn hierher, so wahr ich
Konrad Schulze heiße,“ entgegnete der Alte
fest. „Und nun spute Dich, Du siehst, ich bin
hereits angekleidet, und noch immer stehst Du
da, wie Loth's Weib, als sie zur Salzsäule
ward.“

Kopfschüttelnd verließ die Alte die Stube
und schon nach wenigen Minuten trat der
Sohn des Ackerers, ein frommer kräftiger
Bursche, der ungefähr sechsundzwanzig Jahren
zählen mochte, ein. J

„Hole den Schubkarren und folge mir!“
versetzte der Alte, indem er hinausschritt. „Auf
den Bürgermeister können wir nicht warten,
venn's ein Menschenleben gilt, er mag nach⸗
ommen.“

Schweigend schritten Vater und Sohn
der Stelle zu, welche der Schneider dem alten
Manne bezeichnet hatte.

„Wie grell mit der Schönheit dieser Nacht
ein solcher Mord kontrastirt!“ brach Gottfried
ndlich das Schweigen. „Oben der klare, hei⸗
sere Himmel, die leuchtenden Gestirne, und hier
uinten“ —

Der Alte fuhr mit der Hand über die
Stirn, als wolle er Bilder verscheuchen, welche
seine Seele ängstigten. „Diese Nacht erinnert
nich lebhaft au jene, in der mein guter Herr
Abschied von mir nahm, um die weite Reise
anzutreten,“ sagte er leise, wie in Sinnen
perloren. „Wie heute, schien auch damals
der Mond, wie heute, lächelte auch damals
der heitere Frühlingshimmel hinunter auf die
Fluren, wie heute, gingen auch damals zwei
Männer auf diesem Wege — doch wozu die
Frinnerung! Er hat ja geschrieben, daß er
hald wiederkommen werde, der Himmel weiß.
wie sehr ich mich auf dieses Wiederkommen
freue! Was er wohl sagen wird, wenn ich
hm den Sohn in die Arme führe, den er
damals als ein kleines hülfloses Kind mir zu⸗
rückließ! Freilich, seit jenem Tage hat man⸗
ches sich geändert, der Bruder ist ein reicher,
reicher Herr geworden“ —

„Vater, hier sind wir an Ort und Stelle!“
unterbrach Gottfried das Selbstgespräch des
Alten, der, aus seinen Sinnen auffahrend,
        <pb n="351" />
        einen raschen prüfenden Blick auf das Antlizz
der Leiche warf. — Ein Schrei, ein wilder
markerschütternder Schrei entrang sich seinen
Lippen, gleich einem Verzweifelnden sank er
neben dem Todten auf die Aniee und riß die
Hand von der Wunde, um sich zu überzeugen,
ob sie tödtlich war.

Gotifried stand enschüttert neben dem Va⸗
ler, er ahnte, daß der Ermordete diesem nicht
fremd gewesen war.

„Er isi todt,“ murmelte der Alte, indem
er sich erhob und das Antiiß mit den Hän⸗
den bedeckte; „gestonben in dem Augenblick,
in welchem er am Ziele seiner Wünsche stand,
— Gott, Deine Wege sind unerforschlich und
wunderbar, ich will nicht rechten mit Dir und
mich ruhig in Deinen Willen ergeben!“

Fortsetung folgt.)
Der Münzsammler.
Staatsbztg.)
Fine Novelle.

— ————
(Fortsetzung.)

Ein Klopfen an der Thür unterbrach des
Fremden weitere Reden, denn im nächsten
Augenblick trat ein blonder junger Mann ein,
aus dessen Augen Leben und Lust sprühte.

„Du hast auf mich gewartet, Alexander ?“

„Verzeih', lieber Junge,“ rief er und
reichte dem so Angeredeten beide Hände, „frei⸗
lich hätte ich schon längst hier sein können,
wenn nicht ein Brief wirklich Eile erforderte
— Aber, täuschen mich meine Augen nicht,
sehe ich reht!? Auch Du, mein Brutus!“
unterbrach er sich lachend, den Brief des Fremden
vom Tische nehmend, den dieser ihm hastig
zu entreißen versuchte. „Auch Du willst Dich
der holden Wera weihen ? Alexander, welche
Sympathie verbündet uns! Sie hier, auch
ich legte mich ihr zu Füßen und ließ darum
meinen besten Freund warten. O, Wera,
welche Zauberkraft übst Du mit Deiner An—
aonce aus. Daß ich Dein Sklave sein will,

liegt in meiner heißen Gluth und hat nicht

zu viel für sich; daß Du aber meinen ernsten

Freund — meinen Misanthropen —
‚Felix, Du bist und bleibst ein unver⸗

hesserlicher Mensch mit Deinen Spötereien !-
Pun ja, ich schrieb diesen Brief, um die
Zeit zu tödten, und weil diezAnndnee origi-
nell ist. Aber er kommt auch ohne an die
Adressatin zu gelangen, ins Feuer; gib ihn
also her!“

„Damit Du ihn den Flammen übergibst?

Ah, gegen solch mörderisches Vorhaben werde
ch das Opfer zu schützen wissen; den Brief
rhältst Du nicht wieder! Du hast ihn ein⸗
nal geschrieben, und jetzt kommt er mit dem
neinen an unfre Wera. — Der Kampf soll
wischen uns entscheiden; einer von uns ge⸗
vinnt sie, und um Dir dieses holde Wesen
zu gönnen, mußt Du Dich mit mir schießenl!“

„Da werden wir unser Pulver wohl spa⸗
ren, mein lieber Felix. Dein Nebenbuhler
werde ich durch meinen Brief gewiß nicht.
Er duftet nicht wie der Deine“ — lächelte
der Fremde und deutete auf des Freundes
zierliches Couvert — „nach Parfum, noch
trägt er eine so farbige Umhüllung, und we—
niger noch athmet er Liebesgluht. Im Gegen⸗
theil, er enthält eher Beleidigungen.“

„Das kann ich mir schon denken,“ ent⸗
zegnete der junge Mann, „wie könnte mein
veiser Daniel auch anders schreiben. Indeß
zleichviel, das Ganze ist doch nur ohnehin
ein Scherz, die Briefe kommen zur Post, viel⸗
eicht erhalte ich Antwort, denn ich schrieb un⸗
zefahr so:

„Wera, holdeste der Frauen, bereiten Sie
nit Ihrem grausamen Verbot kein. Herzbre⸗
hen, sondern verwandeln Sie dies zu einem
»eglückenden Gewähren; denn ich brenne vor
Sehnsucht, Sie kennen zu lernen, Aug in
Aug den geistigen Austausch zu suchen, bis
msere Seelen eins“ — „Herr Baron, drau—
zen ist ein Herr, der mir diese Karte an
den Herrn Baron gab; er wartet auf Be⸗
cheid,“ sagte ein Kellner eintretend.“

Der Baron nahm ihm die Karte ab, und
sein Freund beugte sich über dessen Schulter
und las den Namen, der darauf stand.

„August Willrich! Wer ist dieser Mann,
lieber Alexander ??—— B

„Ach, ein Numismatiler, der mir hier von
einem Bekannten empfohlen ist.“ —8

„Bei Jupiter und seinem Zorn! Alexan-
der, Du wirst doch nicht jetzt, wo wir gehen
        <pb n="352" />
        wollen, Dich mit einem langweiligen Münz⸗
sammler in gelehrte Abhandlungen über rö—
mische, griechische, japanesische Münze, und
wie fie alle heißen mögen, vertiefen wollen?
Daß Du diese Passion noch immer nicht auf⸗
geben kannst!“

Was verlangst Du?“ entgegnete der
Baron, „wie könnte ich das aufgeben, was
ich liebe? Doch sei ohne Furcht, Dich soll
nichts belästigen,“ und sich zum Kellner wen⸗
dend, fuhr er fort:

Plachen Sie Herxn Willrich meine Em—
pfehlung; ich bedaure sehr, ihn heut nicht
empfangen zu können, werde mir aber die
Ehre geben, ihm in den nächsten Tagen in
seinem Hause meine Aufwartung zu machen.
MNicht wahr, jeßt bist Du mit mir zufrieden?
lächelte der Baron zum Freunde, als der
sellner das Zimmer verlassen. „Aber nun
laß uns auch gehen; denu ich fühle wirklich,
daß seit den Tagen wo ich hier bin, heut die
ersie Stunde ist, in welchem ich Appetit zu
einem guten Frühstück habe. — Also komml!“

Die Freunde verließen das Hotel und
schlenderten Axm in Arm durch die Straßen
eine Zeit lang schweigend. Der Baron in
Gedanken, sein Freund jedes vorübergehende
Gesicht musternd, bis auch das ihm genug
schien.

„Wie lange gedenksi Du hier zu bleiben?“
fragte er den Baron.

„Das ist traurigerweise ganz ungewiß.
Meine Mutter ist in Baden⸗Baden, und da
ich mich entschieden weigerte, sie von dort
abzuholen, weil es da von Vettern, Basen
und allen Sorlen an Verwandschaften wim⸗
melt, die mir alle zuwider sind, so habe ich
ihr das Versprechen geben müssen, sie hier zu
exwarten. Ginge es nach mir, ich reis'te noch
heute ab.“

Also Du willst den Einfluß Deines On—
lels nicht benutzen, und in den Staatedienst
treten ?
„Diese Frage von Dir, Felir, befremdet
mich. Sie uͤt meinem hofmännischen Onkel,
meiner hochftrebenden Wutter vergzeihlich,
doch Deiner, des Freundes, der meine Ger
sinnungen so ganz kennt, nicht einmal wür⸗

zig!“ entgegnete der Baron unwillig und
uhr fort:

Allerdings stehe ich darum mit meinem
Dnkel Minister in keinem guten Einvernehmen;
ch kann mich nicht zum abnützenden Werkzeug
iner Maschine machen lassen, deren Getriebe
ch nur zertrümmern möchte, mich nicht beugen
vor Denen, die das Henkeramt an der Frei⸗
zeit der Menschheit ausüben! Ich weiß nicht,
Felix, aber Deine Frage erwedt ein beängsti—
zJendes Gefühl in mir, daß auch Du von
dem Großstaatenfieber ergriffen bist, und ich
hälte meinen liebsten Freund verloren!“ —

„Alexander, ich verzeihe Dir Dein Miß-
rauen, so ungerecht es auch ist. Ich kann
tbensowenig meine Gesinnungen ändern wie
meiuen Koͤrper vertauschen. Du weißt, welche
Tabalen ich in meiner Stellung schon darum
hatte und noch immer habe. Ich glaube ganz
bestimmt, daß nur meine freie Gesinnung
allein der Hemmschuh ist, weshalb ich noch
immer als Assessor ohne Gehalt herumlaufe.“

„Der Du auch bleiben wirst, wenn Du

juristische Laufbahn nicht quittirst.“

„Aber meine Eltern haben die fire Idee,
mich noch als Präsident zu erblicken.“

„Der Dau niemals werden wirst,“ fiel
hier der Barvn heftig ein. „Dein Vater ist
‚och sonst ein so klarer Kopf; leuchtet ihm
das nicht ein, und was will er aus dem Sohn
nachen mit dem Titel Präsident? Einen an⸗
zeschmiedeten Sklaven! — Nein, mein Freund,
irbeite für das tägliche Brod bis in die
Nacht hinein, aber bleibe der freie Mann, der
das Recht hat, Thoten ins Gesicht zu lachen!
Ich weiß, wie leidenschaftlich Du Naturforscher
bdist, immer wünschest, wie Humboldt die Welt
zu umsegeln: warum unterdrückst Du diese
Keigung und erklärst Dich Deinen El⸗
tern nicht?“?

.Zulezt wird es auch wohl noch so kom⸗
men; ich habe selbst schon ernstlich daran ge—
dacht,“ entgegnete der Assessor, froh, dem Ge⸗
sproͤch eine freundlichere Wendung geben zu
(Fortsetzung folgt.)
Druck und Verlag pon F. X. Deme in St. Ingbert.
        <pb n="353" />
        AUnterhaltungsblatt

zum
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 91. J Donnerstag, den 8. Augusi

—

Ein böses Gewissen.*
Novbelle
von Ewald August König.

diese Worte auf den Ackerer. Er warf den
grauen Kopf in die Höhe und richtete den
sürnenden Blick auf den Bürgermeister. „Ein
—AV
ernst, fast feierlich. „Sein ehrenfester Charak—⸗
ler, der jede unwürdige Handlung haßte,
vürde ihn stets, auch in Augenblicken der Ver—
weiflung vor solchem Verbrechen bewahrt
haben.“

(Fortsetzung.)

Des letzte Wort war seinen Lippen kaum
entflohen, ais der Bürgermeister in Begleitung
des Amtsboten und eines Chirurgen auf dem
Schauplatz der blutigen That erschien. Die
Niedergeschlagenheit, das verstörte Wesen des
Landmannes, der auf alle an ihn gerichteten
Fragen keine oder unzusammenhängende Ant⸗
worten gab, erregten den Verdacht des Bür⸗
germeisters, der in seiner früheren Stellung
als Assessor schon manchen Kriminalprozeß ge⸗
führt hatte. — Er ließ den Alten stehen und
degann die Erfüllung seiner Amispflicht damit,
daß er den Ort des Verbrechens einer genauen
Untersuchung unterwarf. Auf dem festen trockaen
Rasen war kein Eindruck einer Fußspur zu
finden. Ebensowenig ließ sich konstatiren, ob
dem Morde ein Kampf vorhergegangen war,
denn die Aleider des Todten waren weder
jerrissen, noch in Unordnung.

Der Chirurg gab nach Sondirung der
Wunde das Gulachten ab, daß eine Kugel
den Unglücklichen ins Herz getroffen und fast
augenblicklich getödtet habe. Neben der Leiche
fand man ein Pistol und ein Messer, adas
erstere dicht neben der krampfhaft giaausan
Kechten, und hieraus glaubte der Bürger⸗
meister auf die Vermuthung schließen zu kön—
nen, daß der Todte sich selbst entleibt habe.

Gleich einem elelktrischen Schlage wirkten

„So kanntet Ihr den Mann?“ fragte
der Bürgermeister, der fich immer hartnäckiger
einzureden suchte, daß sein alter Verdacht be⸗
gründet sei.

„Ich kannte ihn,“ fuhr Schulz mit ehr⸗
ichem Siolze fort, „laßt den Todten in
Fuer Haus bringen, dort will ich unter vier
Augen Euch seinen Namen nennen.“

Der Bürgermeistet übergab das Pistol
dem Amtsboten und warf einen Blick auf
das Messer. Es war ein großes, sogenanntes
Dolchmesser, dessen Klinge durch eine Feder
gehalten wurde, auf der Hornschale befand sich
ain silbernes Schildchen, in welches die Namen
„Eduard Schulz“ eingravirt waren. — Ein
Lächeln des Triumphs flog über die Lippen
—
ser ?* fragte er, dem Ackerer das corpus de⸗
licti vorhaltend.

„Ich schenkte es dem Todten, als er die
Heimath verließ,“ erwiederte Schulz unbefan⸗
gen, „daß er es von drüben mitbrachte, ist
dur ein Beweis, wie sehr sein Herz an mir
hing.“ 23* F

Der Bürgermeister steckte das Messer schwei⸗
gend in- die Tasche und befahl dem Amts⸗
        <pb n="354" />
        boten, die Leiche auf den Schubkarren zu le—⸗
gen und in's Amtshaus zu fahren.

„Laßt mich das b sorgen,“ sagte Schulz,
indem er seinem Sohne einen Wink gab, „er
war mein guter, lieber Herr, meine Hände
sollen ihm den letzten Dienst erweisen.“

Selbst diese Worte, in denen fich eine
rührende Anhänglichkeit aussprach, vermochten
nicht den Argwohn des Bürgermeisters zu
entkräften.

„Du bleibst hier,“ flüsterte der Alte sei⸗
nem Sohne zu, während er den Tragriemen
über die Schulter warf, „der Bürgermeister
hat nur oberflächlich den Ort untersucht,
deßhalb forsche Du noch einmal nach, vielleicht
entdecksi Du doch irgend ein Merkmal, wei—
ches uns auf die Spur des Mörders führen
kann. Ich habe meine eigenen Gedanken, gebe
der Himmel, daß ich mich in ihnen täusche.“

Der Bürgermeister hatte inzwischen den
Boten beauftragt, aus der nächsten Stadt den
Richter und den Arzt zu holen. — Nach
Verlauf einer halben Stunde lag die Leiche
in der Amtsstube des Bürgermeisters und
—AD
gegenüber.

„Wir sind jezzt allein, Schulz,“ hob der
Bürgermeister an, „also nemt mit den Na-
men des Todten und theilt mir mit, was Ihr
über seine Verhältnisse wißt ·

Schulz blickte düster vor sich hin: „Er
hieß Karl Krämer,“ erwiederte er nach einer
kutzen Pause.

„Derselbe;,“ welcher vor zwanzig Jahren
nach Amerika auswanderte ?“

„Derselbe !“ J

„Ein Bruder des reichen Rentners Jakob
strämer in der Stadt?

„Ja!“

„Nun ? Ihr wißt, was ihn bewog, zu⸗
rückzukehren d

„Ich weiß es; hoͤrt mich an. Karl und
Jakob waren die beiden Söhne eines ziemlich
vermögenden Kaufmannes, welcher auf sein
Geschaͤst und die Vermehrung seines Vermö⸗
gens groͤßeren Werth legte, als auf die Er⸗
ziehung seiner Kinder. So kam es denn, daß
diese, sich selbst überlassen, ausarteten: Jakob
trat in die Fußstapfen des Vaters und ward
ein geiziger Knicker, ein habsüchtiger Filz, der

1

die krummen Wege nicht scheute, wenn er auf
denselben sein Ziel erreichen konnee, während
Karl rechtschaffen und brav blieb, aber dane⸗
ben auch ein Verschwender wurde. Die beiden
Kinder haben sich nie recht mit einander ver⸗
standen, namentlich aber war es Jakob, der
stets die erste Veranlassung zu Hader und
Zank gab. Ich diente damals als Knecht bei
dem alten Herrn Krämer und meine Stimme
galt stets etwas in dem Hause, obschon ich
nicht viel älter war, als die Söhne. Der alte
Herr wußte, daß ich treu und fleißig war,
daß ich gesunden Menschenverstand besaß und
offen meine Meinung Jedem sagte, der sie
hören wollte, deßhalb hielt er große Stücke
auf mich, und Karl, obschon ich ihn oft sei—
nes Leichtsinns wegen schalt und ermahnte,
ernster zu werden, vertraute mir ebenfalls.
Ein anderes war es mit Jakob, er mochte
mich nicht leiden, ich war ihm ein Dorn in
den Augen und deßhalb mußte ich sort,
nachdem der Alte das Zeitliche gesegnet hatte
und die Söhne das Geschäft übernahmen.
Der alte Herr hatte mich in seinem Testa⸗
mente bedacht, Karl schenkte mir noch eine
kleine Summe dazu und ich kaufte das Gut
in unserem Dorfe, welches ich durch Fleiß und
Sparsamkeit mit den Jahren um die Häifte
vergrößette. Karl besuchte mich so oft, als
seine Zeit es erlaubte; er wußte, daß ich das
Verhältniß zwischen ihm und seinem Bruder
kannte und er meiner Theilnahme gewiß sein
konnte.

Der Tod des alten Herrn hatte in dem
Charalter und dem Wesen Jakobs nichts ge⸗
ändert, im Gegentheil wurde er nur noch hab⸗
süchtiger. Seine gewagten Spekulationen und
die Art seiner Geschästsführung behagten dem
Bruder nicht, und Karl nahm kein Blatt vor
den Mund, wenn es galt, gerechte Vorwürfe
zu machen. So kam es, daß das Berhältniß
zwischen den Beiden immer unangencehmer
wurde, sie heiratheten und das Schichsal wollte,
daß auch die Frauen sich schon in den ersten
Stunden miteinander verfeindeten. Dazu übte
Jakob, der die Kasse verwaltete, eine Vor⸗
mundschaft über seinen Bruder aus, welche
diesem unbequem sein mußte. Oft schon hatte
Karl den Wunsch geäußert, die Gemeinschaft
lösen zu können, aber Jakob, welcher das
        <pb n="355" />
        kaufmännische Talent seines Bruders nicht gern
im Geschäft entbehren mochte, hielt sich an
dem Buchstaben des Kontrattis, erst als Karl
immer dringender wurde, als er endlich drohte,
das Geschäft zu untergraben, wenn seinem
Verlangen richt Folge geleistet werde, gab
Jakob nach, unter der Bedingung, daß der
Bruder sein Kapital dem Geschäft gegen ge⸗
nügende Sicherheit überlassen müsse. Mein
Hherr — ich nenne ihn so am liebsten —
ging auf die Bedingung ein; sein Weib war
zwei Jahre früher, nachdem sie einem Sohne
das Leben geschenkt hatte, gestorben. Er war
mit sich, mit Allem zeifallen und hoffte, drü⸗
ven in Amerika den Frieden wiederzufinden. —
Fortsetzung folgt.)
Der Mänzsammler.
(Staatsbztg.) V
Eine Novelle.

— EEEEEEEEIEI
(Fortsetzung:)

„Für mich wäre demnach also vorläufig
gesorgt. — Was wird aber mit Dir ?“

„Min mir? — Freund, ich vergrabe mich
auf meinen Gütern unter Rüben und Kohl⸗
blättern, um so wenig wie möglich von dem
Puppenspiel da draußen zu hören.“

„Allein, ohne eine Baronin v. Roda?“
warf der Assessor lächelnd ein, um den Freund
aufzuheitern; dieser schwieg einige Minuten,
dann antwortete er:

„Ich glaube — da Du heut so schicksal⸗
entscheidende Fragen an mich richtest, so muß
ich Dir auch ein Stück aus meinem Liebes⸗
leben mittheilen, eine Episode aus meinem
Leben, und Du sollst sehen, daß wenig Aus⸗
sicht für mich auch nach dieser Seite hin zu
hoffen ist. — Komm, hier ist eine gute Re⸗
stauration; ich kenne sie noch aus meiner
Studentenzeit; beim Glase Hochheimer sollst
Du alles vernehmen.“

In dem Augenblick, als beide Männer um
die Ecke bogen, um nach der angedeuteten Re⸗
stauration zu kommen, ging langfam eine junge
Dame über die Straße, ein Wagen kam ihr
nach und hätte sie unfehlbar übergefahren, da
weder der nachlässige Katscher auf sie achtete,

noch sie selbst das Rasseln der Räder vernahm,
wäre der Baron nicht schnell hinzugestürzt,
hätle sie nicht an die Hand geiaßt und mit
sich fortgezogen.

Das alles war das Werk einiger Secun⸗
den. Die Dame jschien von dem ganzen Vor—⸗
zang wie betäubt; erst als der Baron ihre
dand frei ließ und nach dem Wagen mit
stummet Geberde hinwies, begann sie zu zit⸗
ern, und begriff nun, welcher Gefahr sie ent⸗
zangen. Dann sah sie ihn mit feuchten Blicken
ain und flüsterte:

„Ich danke Ihnen, mein Herr, und werde
Ihnen diesen Dienst nie vergessen!“!

Hierauf verbeugte sie sich mit dem Anstand
einer feingebildeten Dame, zog ihren Schleier
dichter vors Gesicht und ging mit so eiligen
Schritten davon, als fürchte sie eine neue
Gefahr.

Sie war schon lange um die Ecke der
aächsten Straße, als der Baron noch immer
tand und nach der Richtung blickte, wo sie
verschwunden. Der Assessor berührte seine
Schulter.

„Ei, ei, mein Freund, hat Dich diese
Fee denn plötzlich zu Stein verwandelt ? Du
ttehst ja wie gebannt, und scheinst noch be⸗
jaubert zu sein von dem Staub, den ihre
Robe auf dem ungesprengten Straßenpflaster
in großen Wolken zurückgelassen hat.“

„Ja, sie war sehr schön!“ unterbrach ihn
der Baron sinnend. „Aber das war es nicht
allein, was diesen Eindruck auf mich machte,
In ihren bleichen Zügen lag ein Schmerz,
ein unnennbares Etwas.“ —

„Wie, und Du willst es schower finden,
mit einer Varonin v. Roda in einem freiwil⸗
ligen Exil zu leben? Ha, diesmal bist Du
gefangen. Doch hier ist die Restauration, hinein,
sonst kommt eine zweite Fee!“ rief der As⸗
jessor lachend, den stummen Baron fort⸗
ziehend.

Dort sprachen Beide dem Frühstück tapfer
zu; als das geschehen, zündeten sie Cigarren
an, der Assessor füllte die Gläser auf's neue
und begann: I

„Jetzt, mein lieber Alexander, eriunere
Dich Deines Versprechens. Du wollteft mir
eine Leidens und Herzensgeschichte erzählen ?

„Du sollst sie auch hören, aber sie ist
        <pb n="356" />
        eigentlich kurz und endet sehr nüchtern, nur
die Moral bleibt nachhaltig,“ entgegnete der
Baron. „Also höre! Du weißt, ich war vier
Jahre im Auslande, und gewiß wäre ich noch
heute nicht zurück, wenn die Angst meiner
Mutter, bei dem damaligen bevorstehenden
Kriege, mich nicht bewogen hätte, in ihrer
Nähe zu sein.

„Es war ein Jahr vor meiner Rücdkehr
als ich auf einer Reise von Paris nach Eng⸗
land auf der Eisenbahn mit einer jungen
Dame und deren Tante allein in einem Wa⸗
gen saß. Die junge Dame, die sehr hübsch
und von imponirender Erscheinung war, machte
mit ihren blonden Flechten, die so natürlich
und so graziös um ihren Kopf gewunden
waren, einen angenehmen Eindruck auf mich
Ich knüpfte bald mit der Tante ein Gespräch
an, in das sich, zu meiner Freude, auch die
Nichte einmischte. Ein Wort gab das andre,
und ich erfuhr, doß das Ziel der Damen
nach einem kleinen Städtchen kurz vor Lon⸗
don war, zum Besuch bei einem Ondel,
und merkwürdig, dieser Onkel war auch
mein Ziel.

„Er war der Freund eines alten Son⸗
derlings, den ich in Paris kennen gelernt und
das Glück hatte, seine volle Gunst zu gewin ⸗
nen, und zwar dadurch, daß ich ihm, dem
wüthenden Alterthumsforscher, eine Lampe
verehrte, die ich bei der letzten Ausgrabung
in Pompeji erstanden. Zum Ersatz oder viel⸗
mehr als Dankgefühl empfahl mich der alte
Herr eben an diesen Onkek, dessen Münzsamm⸗
uung nicht unbedeutend sein sollte, und Du
kennst ja hierin meine Schwäche.

Ich erzählte also den Damen, daß auch
mein Weg mich zu ihrem Onlel führe, ihre
Freude schien darüber groß zu sein, und dieses
zusammen machte uns bald zu Belannten.
Der Onkel empfing mich auf's freundschaft⸗
lichste, lud mich ein, bei ihm zu wohnen. —
Was soll ich Dir sagen; mein Aufenthalt,
der nur Tage dauern sollte, verlor sich ins
unbestimmte, und ehe zwei Monate vorüber⸗
gingen, war ich mit der blonden Maud ver⸗
iobt. Ich glaubte sie mit ganzer Seele zu lie—
ben, fie behauptete, mich anzubeten, schrieb

die entzückendsten Briefe an meine Mutter,
die mit meiner Wahl zufrieden schien, da die
Braut, wenn auch arm, so doch einer der äl⸗
testen Adelsfamilien Englands angehörte.

„Kurz, wie das die Welt nennt, eine
gute Wahl war getroffen; ich allein verlor
diesen Glauben bald.

„Mehre Wochen nach meiner Verlobung
kehrte ich von einer Reise aus London zurück,
hatte aber meiner Braut nicht geschrieben,
um sie mit meiner Ankunft zu überraschen,
die um einige Tage früher, als sie vermuthete,
geschah. Ich kam gegen die Dämmerstunde an
und wußte, daß Maud in dieser Zeit allein
im Garten sei ohne die Tante. — So war
es auch — sie war ohne Tante; abet nicht
einsam mit gebeugtem Körper meiner harrend
und jenes bekannte Lied singend:

Ich bin allein — allein

Wie lange soll ich's noch bleiben? —
O nein! sie lag mit strahlendem Antlitz in
den Armen eines langen englischen Offiziers,
der ihren Mund mit unzähligen Küssen be⸗
deckte. — Was denkst Du wohl, was ich da
that?“

„Nun, was konntest Du auders thun,
als Dich mit jenem Elenden schlagen!“ rief
der Assessor entrüstet.

„Nicht doch, ich sagte Dir ja, es lös'te
sich alles nüchtern auf, ähnlich wie jene Ge⸗
schichte mit dem Ritterfräulein, deren Verlobter
nach Palestina zu den Kreuzzügen auszog und
nicht wiederklehrte. Die Braut hielt ihn für
todt, beweinte ihn, was sie aber nachdem nicht
behinderte, sich zum zweiten Male zu verloben,
dessen ungeachtet wollte sie aber, aus einer
gewissen Pietät, den Ring des ersten Geliebten
auch noch tragen, was natürlich der zweite
Geliebte nicht duldete. Von seinem Draͤngen
bestürmt, warf sie endlich den Ring unter
Thränen in einen Fischteich. Am Abend des—⸗
selben Tages war in ihrem Hause große Ge—
sellschaft, unter andern Gerichte n' kamen auch
Fische auf die Tafel. Die Braut zerlegte den
ihren, wurde mit einem Male leichenblaß und
stieß einen durchdringenden Schrei aus. Kannst
Du die Ursache dieses Schreies errathen ?

(Fortsetzung folgt.)
Druck und Verlag von F. X. Deiaeß in St. Ingbert.
        <pb n="357" />
        Unterhaltungsblatt

426
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 92.

Sonnktaa, den 6. Augus.
I-I.

Ein böses Gewissen.*
Novelle
von Ewald August König.

mich, welche meinen Untergang herbeigeführt
haben würde, wäre nicht mein Bruder so streng
und schroff gegen mich aufgetreten.“

„Er erklärte nun, es sei sein festes Wol—
len, daß sein Sohn diese Schule durchmachen
solle. Laut Uebereinkunft mit seinem Bruder,
habe er ein Kapital von zwanzigtausend Tha⸗
lern in dem Geschäft; dieses Kapital solle
dem Bruder verbleiben, bis das Kind groß⸗
jährig sei. Ich rieth ihm ab, er blieb
aber fest.

„Die Pflegemutier, der ich das Kind
übergab,“ sagte er, „keunt den Namen deffel⸗
ben nicht, ich habe ihr für ein Jahr die be—
dungene Kostsumme gezaählt, ist das Jahr ab⸗
gelaufen, so übernimmst Du die Erziehung.
Du wirst von mir regelmäßig zu Anfang
ines jeden Jahres eine Summe erhalten,
velche für die Beköstigung und Erziehung des
dindes hinreicht. Niemand, hörst Du, niemand
darf wissen, daß mein Sohn hier zurüdge⸗
zlieben ist, am wenigsten mein Bruder, der
ich durch seine Habgier verleiten lassen könnte,
dem Kinde ein Leid zuzufügen, un das Ka—
pital verlassen zu dürfen. Ifl mein Sohn
zroßjährig, so übergib ihm diesen notariellen
Akt, er enthält die Anweisung auf mein Ver—
nbgen, welches mein Bruder sofort bei Vor—
eigung dieses Papiers auszahlen muß. Bis
sju diesem Zeitpunkte soll auch mein Sohn
über seinen wahren Namen, wie über das
Schicksal seines Vaters im Unllaren bleiben,
ich überlasse es Dir, dafür Sorge zu
tragen “ J

„Wir sahen uns eine Weile schwelgend
einander ins Auge; ich wäre gerne mit ihm

(Fortfetzung.)

Eines Abends, es war ein so schöner
Maientag wie heute, trat mein lieber Herr in
mein Haus, und ersuchte mich, ihn in ein
Zimmer zu führen, wo wir ungestört mit
einander plaudern könnten, er habe mir Sachen
von höchster Wichtigkeit anzuvertrauen. Ich
wußte, was er wollte, er hatte es mir ja
schon vor Wochen gesagt. Er stand jetzt reise⸗
fertig vor mir, am nächsten Morgen mußte er
in D. sein, um von dort mit der Eisenbahn
nach Hamburg zu fahren, wo er sich nach
Amerika einschiffen wollte. Er kam, um von
mir Abschied zu nehmen und mir sein Kind
anzuvertrauen, an welchem seine ganze Seele
hing. Das Vübchen war kaum zwei Jahre
alt, mitnehmen konnte er es nicht, es würde
dort in dem unstäten Leben, welches sein
Vater führen mußte, untergegangen sein. —

„So lege ich sein Geschick vertrauensboll in
Deine Hand,“ sagte mein Herr, „Du wirst
über ihn wachen, wirst dafür sorgen, daß es
etwas tüchtiges lernt, daß es brab und charak⸗
lerfest wird.“

„Wie sein Vater!“ sagte ich, indem ich
ihm die Hand bot.

„Nein, nein,“ fuhr er fort, „ich weiß
wohl, was mir gefehlt hat, die Schule der
Enisagung. Ich hatte es stets zu gut, deßhalb
auch erhielt der Leichtsinn die Macht über
        <pb n="358" />
        gegangen, aber ich fühlte auch, daß ich den
Wunsch nicht aussprechen durfte, daß ich zu⸗
rückbleiben mußte, um das Kind einst in die
Arme des Vaͤters zurückführen zu können, Ich
versprach Alles getreulich ausrichten zu wollen
und begleitete meinen Herrn bis D., wo wir
Abschied nahmen. Seit jenem Tage sah ich
ihn nicht mehr wieder.“

„Und Ihr wißt gewiß, daß er und der
Todte ein und dieselbe Person ist?“ fragte der
Bürgermeister.

„Wenn auch sein Haar ergraut ist und
die Sorgen tiefe Furchen in seine Stirn ge⸗
graben haben, seine Züge sind nicht veräudert,“
erwiderte Schulz. „Sucht in der Tasche des
Todten nach, dort müßt Ihr ja seinen Paß
finden.“

„Seine Taschen sind leer,“ versetzte der
Bürgermeister achselzuckend, „nur das Messer
und das Pistol fanden wir“ —

„Goit sei Dank!“ seufzte der Alte tief
auf, „so sinds Raubmörder gewesen!“

Der Bürgermeister sah mit einem Ge⸗
misch von Erstaunen und Mißtrauen in das
Antlitz des Landmannes.

„Weßhalb Gott sei Dank?“ fragte er.
„Habt Ihr vielleicht ingend einen Ver—
dacht ?“

„Nein, nein,“ fiel Schulz ihm hastig in
die Rede. „Niemand außer mir wußte ja,
daß er von drüben zurückkehrte, woher also
sollte mir ein Verdacht kommen?“

—„Außer Euch wußte das Niemand?“
forschte der Bürgermeister, der in diesen arg⸗
los hingeworfenen Worten einen schlagenden
Beweis für die Richtigkeit seines Ver dachts zu
finden glaubte.

.Euch also hatte der Ermordete das mit
getheilt ?“

„Er schrieb mir vor drei Monaten, daß
er jetzt bald, vielleicht in diesem Frühjahr
zurückkehren werde, ich solle seinen Sohn noch
nicht darauf vorbereiten, nicht früher, als bis
er wirklich hier sei/

„Und dieser Sohn? Wo ist er? Wie
heißt er ?“

„Das ist mein Geheimniß,“ entgegnete
Schulz fest und stolz, „meine Lippen werden
es bewahren, bis der Tag gekommen ist, an
welchem ich es enthüllen darf.“

Der Bürgermeister biß sich auf die Lippen,
der Stolz des ehrlichen, treuen Landmannes
erbitterte ihn. „Aber ihr habt doch noch das
Dokument, welches Euer Herr Euch übergab?“
hob er nach einer Pause wieder an.

„Es ist sicher aufgehoben,“ entgegnete
Schulz ruhig, „wenn die Stunde kommt,
verde ich es dem Betreffenden schon vor⸗
zeigen ·“

Der Eintritt des Untersuchungsrichters,
der in Begleitung des Arztes und einiger
Bensd'armen kam, schnitt die weiteren Fragen
des Bürgermeisters ab. Der letztere führte die
Herren aus der Stadt in die Amtsstube, und
der Kreisphysikus übernahm ohne Zögern die
Obduktion der Leiche. Sein Gutachten bestä-
tigte in allen Theilen dasjenige, welches der
Chirurg bereits abgegeben hatte, er erklärte
zu Protokoll, daß der Ermoidete kurz vor
Mitternacht durch einen Pistolenschuß getödtet
worden sei und ein Kampf vorher nicht statt⸗
gefunden haben könne, da der Mörder den
Schuß aus einiger Entfernung abgefeuert
habe.

Die Erklärung des Bürgermeisters blieb
nicht bei der Thatsache allein stehen, sie ging
veiter, als gerade nöthig war, und warf auf
Schulz ein so zweideutiges Licht, doß auch in
der Seele des Instruktionsrichters Verdacht
zeweckt werden mußte. Der Bürgermeister be⸗
rührte das verstörte Wesen des Ackerers, seine
Verzweiflung bei der Leiche, wie den Stolz,
zer dieser Verzweiflung folgte, hob dann her—
vor, daß Schulz der Erste auf dem Schau—⸗
platz des Verbrechens gewesen sei und man
neben dem Todten ein Messer gefunden habe,
welches auf dem Heft den Namen des
Ackerers trage.

„Sie glauben daraus auf die Schuld die⸗
ses Mannes schließen zu dürfen?“ fragte
der Richter.

Der Bürgermeister zuckte die Achseln. „Je—⸗
denfalls sind diese Umstände auffallend genug,
um einen Verdacht zu rechtfertigen. Nehmen
Sie den Mann in's Verhör, vielleicht gelingt
es Ihnen, Beweise für oder gegen ihn zu
erhalten.“

Der Instruktionsrichter ließ zuvor den
Schneider rufen, welcher die Leiche gefunden
hatte. Der Schneider, welcher seine Angst noch
        <pb n="359" />
        immer nicht ganz bewältigt hatte, ließ sich
durch die ernsten Ermahnungen des Bürger—⸗
meisters zu sehr einschüchtern; mit dem Gerichts⸗
verfahren gänzlich unbekannt, glaubte er, auf
die Fragen des Richters nur solche Antworten
geben zu müssen, wie dieser sie ihm fast in
den Mund legte. So lautete denn seine zu
Protokoll gebracht Aussage, daß Schulz gleich
nach dem ersten Pochen schon am Feuster ge⸗
standen und herausgerufen habe, er, der
Schueider, solle doch nicht so sehr großen
Lärm machen, das Dorf stehe ja nicht in
Flammen, cuch sei es ihm aufgefallen, daß
der Ackerer sehr bleich ausgesehen und seine
Stimme geziltert habe.
Fortsetzung folgt.

Der Münzsammster.
(Staatsbztg..
Eine Novelle. J
— —— — — —
Gortsetzung.)

Nichts ist leichter; sie fand im Fisch den
Ring wieder, den sie in den Teich geworfen,
sagte der Assessor lachend.

„Nein, mein Freund, eine Gräte vom
Fisch hatte ihren kleinen Finger verwundet;
sie sah einige Tropfen Blut und wußte nicht
gleich, aus welcher unbedeutenden Wunde diese
herrührten.

„So fühlte auch ich, als ich zuerst die
Liebenden erblickte. Der Moment des Schmer⸗
zes ging schnell vorüber, gefaßt, trat ich dicht
an Beide heran; Maud erblickte mich zuerst
und riß sich fast gewaltsam aus den sie um⸗
schlingenden Armen meines Rivalen, als ich
sie ihm wieder zuführte.

„Ich nahm ihre Hand, legie sie in die
des ganz sprach⸗ und fassungslos Dastehenden
und sagte: „Bleibt nur zusammen, denn Ihr
scheint zusammenzugehören.“ Dann verließ ich
die Vestürzten und ließ mich bei der Tante
melden. Diese Frau that mir allein leid; sie
vbetheuert, an Maud's Treulosigkeit unschuldig
zu sein, obgleich der lange Officier ihr Sohn
sei. Mit thränenden Augen theilte sie mir
mit, daß sich die beiden Leutchen eigentlich
immer lieb gehabt hätten, aber da beide auch

gleich arm waren, konnte an eine Verbindung
zwischen ihnen nicht gedacht werden. Da lernte
Maud mich kennen, und mochte wohl instink⸗
tis gefühlt haben, daß es sich an der Seite
eines reichen Mannes besser lebe, als an dem
herzen des armen Geliebten, wo die Liebe,
wie man zu sagen pflegt, doch mit der Zeit
zum Fenster hinauefliegen müsse, und verlobte
sich mit mir; anders dachte der Sohn Al⸗
hions; er kam, bat, flehte, machte Vorwürfe,
drohte sich vor ihren Augen zu tödten. Nun,
und das war zu viel für das weiche Herz
einer Frau.

„Verurtheilen wir sie nicht; Maud hatte
Gefühl, sie konnte trösten, ihn küssen, mit ihm
lachen und weinen, dena ich war ja fern,
freilich, daß ich dazu kam, lag eigentlich nicht
in ihrer Berechnung. — Siehst Du, als ich
mir dessen klar war, fühlte ich mich auch be—
wogen, die jungen Leute glücklich zu machen.

„Der Onkel war ein biederer Mann und
liebte mich, beiläufig bemerkt, war er auch sehr
reich, und ich legte für seine Verwandten,
nachdem ich ihm so schonend wie möglich alles
rzählt hatte, ein gutes Wort ein. Es dauerte
aber lange, ehe sich seine Empörung, als er
alles wußte, legte. Er hatite mich mit echt
englischer Neigung in sein Herz geschlossen und
ich kindlich gefreut, mich durch Familienbande
näher an sich zu fesseln. In den ersten Tagen
vollte er weder Nichte noch Neffen sehen und
sprach sogar von Enterbung. Nach und nach,
in Folge meiner ununterbrochenen Fürbitte,
ließ er sich jedoch bewegen, den jungen Leu—
len zu verzeihen und ihnen eine kleine Be—
sttzung zu kaufen.

„Der launge Offizier sollte die Uniform
ausziehen, sich in einen praktischen Land⸗
wirth verwandeln — und dann Maud zum
Altar führen. J

„Als ich das mit vieler Mühe so weit
heim Onkel durchgesetzt hatte, reis'te ich ab.
Der biedere Mann schied fast mit Thränen
pon mir, und feierlich mußte ich ihm daß
Versprechen geben, sobald mich mein Weg
vieder nach England führe, sein Haus wie
das meines Vaters zu betrachten. Maud hatte
ch nach jener Stunde, wo ich die Liebenden
elauschte, nicht wiedergesehen, auch bei der
Trennung war sie nicht anwesend.“
        <pb n="360" />
        „Und wie nahm Deine Mutler diese, für
fe doch unerwartete Auflösung der Verlobung
auf 7“ fragte Felix.

„Mit Entrüstung und in eigenthümlicher
Weise,“ entgegnete der Baron. ‚Mit einem
Worte, sie war empött, aber nicht über
Mauds Untreue, nein, über mich, der ein
Téôte-a-Tôte zwischen Cousin und Coufine so
ernst genommen, wodurch ich leicht einen öf
fentlichen Eclat hätte herbeiführen können. Ich ließ
den Sturm über mich ergehen, und fie mußte
sich endlich beruhigen; aber ich glaube mich
nicht zu täuschen, wenn ich meine Mutter in
Verdacht habe, sie habe noch lange Zeit mit
Mauds Onkel cotrespondirt, zu welchem Zweck
ist mir freilich unbekannt; aber ich weiß, daß
Beide sich schwer darein gefunden haben,
mich und Maud nicht als Mann und Frau
zu wissen.“

Felix blies nachdenlend den Rauch aus
seiner Cigarre, der Baron fuhr, ihn beobach⸗
tend, fort:

„Worüber Du jetzt nachdenlst, errathe ich.
Du tadelst innerlich meine Handlungsweise ge⸗
gen Maud und ihren Geliebten; ich war
da großmüthig, wo ich hätte Richter sein
soönnen. Mein kieber Felix, zu strafen fühlte
sch mich nicht veranlaßt; denn Maud ließ
keine Lücke in meinem Herzen. Ich empfand
keinen Verlust durch die Trennung von ihr.
Im Gegentheil; erst als ich frei war, athmete
—X ——
defreit, auf. Warum sollte ich nicht dank⸗
bar sein ?

Ich kann und will auch heut noch der
Wahrheit getreu bleiben. Maud war schön,
und ihre Erscheinung hatte mich angezogen
und geblendet; aber als ich mich mit ihr
berlobie, empfand ich schon nach Tagen den
Fehlgriff meiner Wahl; ich fühlte, daß sie
nicht das Wesen war, welches meine Seele
so sympathisch anwehte, daß fich mein Fühlen
und Denken mit dem ihrigen hätte verschmel⸗
zen können. Wenn ich das sage, mußt Du
aber nicht auf die Vermuthung kommen, sie
sei fühllos gewesen. O nein, fie war von
iußerster Gumülthigkeit; ihre Augen konnten
in Thränen schwimmen, wenn sie Jemand

leiden sah. Ich war Zeuge, als sie eines Ta⸗
zes einen goldnen Reif von ihrem Arm nahm
und dem Bettler am Wege geben wollte, der
ie um eine Gabe anflehte; meine Dazwischer⸗
iunft verhinderte es nur.

„Solche Gefühlsmomente hatte sie schon,
venn sie auch blitzschnell vorüber gingen;
zoch jedes höhere Verständniß, durch das ein
Weib dem Manne erst alles werden kann,
var ihr eine entrückte Welt; dafür hatte sie
einen Sinn. Dagegen kannte sie die Formen
der Gesellschaft bis ins kleinste, und am sfü⸗
zesten war ihr Lächeln, wenn sie eine befrie—
igende Toilette vor dem Spiegel musterte.
Fast möchte ich den armen Sir Arthur be⸗
nitleiden, der, um eine solche Frau sein zu
iennen, die Epauletten mit dem Pflug ein⸗
vechseln mußte.“

„Bedauecrn! warum nicht gar!“ fiel Fe—
lix ein. „Du sagtest doch selbst, er liebt die
schöne Maud ?“

„Er liebt sie, wie ein verliebter Knabe
ein schönes Mädchen liebt, und ebenso sie
ihn. Aber der Ernst des Lebens macht andere
Unsprüche als die der Schwärmerei. Maud
ist für den Salon und nicht für den Herd
eines Landmannes geschaffen.“

„Wer weiß, ob sie sich darin nicht präch⸗
tig findet! Du trägst die Farben zu stark
auf, das finde ich schon heraus. Du machst
zu große Anforderungen an ein Weib. Für
Dich sollen sie gleich alle Engel sein. —
Nein, die Erziehung des Mannes muß sie
erst dazu machen,“ entgegnete Felix. „Du
znatomisirst die Fehler der armen kleinen We⸗
en zu sehr.“

„Das mag sein, aber zu Mauds Erzieher
war ich nicht geschaffen. Hätte ich fie gehei⸗
rathet, so würde ich der unglücklichste Mann
zeworden sein.“

„Und ich vielleicht der glücklichste !“ ent⸗
gegnete Felix lachend. „O wie würde ich mir
meine englische Schönheit gezogen haben. In
einem halben Jahre hätiest Du Maud für
die Arone der Frauen erklärt.“

(GFortsetzung folgt.)

— ü————0 —

Drud und Verlag von F. X. Dernaetz in St. Ingbert.
        <pb n="361" />
        Unterhaltungsblatt

e eeeu *
vum *
St. Ingberter Anzeiger.“
Fr 8. Diienstasg, den 8. v

*
28
——

— ⏑⏑
Ein böses Gewissen.*
Novellle
von Ewald August König.

„So wußtet Ihr allein, daß er sich nach
Furopa eingeschifft hatte ?“ P
„Einschiffen wollte,“ verbesserte Schulz.
„Der Tag seiner Abreise war noch nicht fejt⸗
gestellt, ich vermuthete aber gleich, daß er mich
überraschen würde. Es war so seine Art.

„Man hat bei dem Todten nichts gefun⸗
den, weder Geld noch Papiere; vermuthet Ihr,
po dieselben geblieben sind ?“ —

Der Ackerer richtete sich plötzlich auf.

„Glauben Sie,“ erwiderte er, und der

Ton seiner Stimme klang streng, fast heftig,
„glauben Sie, wenn ich dies wüßte, würde
ch geschwiegen haben ?
Der Trotz klingt schlecht in Eurem
Munde,“ versetzte der Richter erbittert, „ant⸗
portet auf meine Fragen kurz und bündig mit
„ja“ oder „nein,“ alle Nebenbemerkungen
önnt Ihr sparen. Wie kam es, daß Ihr
Euch so früh schon auf dem Schauplatz des
Verbrechens befandet, noch ehe der Bürger
meister dort eintraf ?“

„Ich denke, die Frage kann jedes Kind
beantworten,“ entgegnete Schulz;« „erstens
wohne ich dicht am Ausgange des Dorfes,
zweitens wurde ich durch den Schneider zuerst
—XRVV

Der Schneider behauptet, Ihr seiet schon
beim ersten Pochen am Fenster erschienen, isl
dem also ?“ *5

„Allerd ings, er machte ja einen Lärm,
daß man hätte glanben sollen, der jüngste Tag

angebrochen.“

„Wo habt Ihr den Abend zugebracht ?“

Der Ackerer sah überrascht den Fragenden
in's Auge. Eine Binde fiel ihm von den

—

Der Instruktionsrichter; ließ jetzt den
Ackerer vorführen. Schulz, der nicht im Ent⸗
ferntesten ahnte, welch drohende Wolken über
seinem Haupte sich zusammenzogen, trat mit
festen Schritten ein, er sah dem Richter ernst
und ruhig ins Antlitz und beantwortete jede
Frage so rasch und sicher, daß selbst der ge⸗
übteste Kriminalist keinen Argwohn hätte schöp⸗
fen können. Ein anderes aber war es mit
den Beiden, welchen der Ackerer gegenüber⸗
stand, sie hatten von vornherein Verdacht ge⸗
faßßt und hielten um so zäher an demselben
fest, je mehr das ruhige, sichere Benehmen des
Mannes ihn zu entkräften drohte.

„Hatte Karl Krämer Freunde oder Be—
kannte hier, denen er vielleicht seine Rücklehr
mittheilen konnte?“ fragte der Instruktions⸗
richter am Schlusse seines Berhörss.

„Nein,“ entgegnete Schulz, „so viel ich
weiß, verkehrte er mit Niemandem.

„Glaubt Ihr, daß er seinem Bruder die
Anzeige gemacht habe ?

„Ihm am wenigsten; in all seinen Vrie—
fen, welche er mir von drüben geschrieben hat,
erwähnt er seinen Bruder nur dann, wenn er
sich in Vorwürfen und Klagen über ihn er⸗
geht. An eine Aussöhnung der Beiden war
nicht zu denken, sie haßkten einander zu
sehr.“
        <pb n="362" />
        Augen, er sah jetzt, wohinaus der Instruktions⸗
richter wollte, er fühlte, daß auf ihm der
Verdacht ruhte, daß man ihn für den Mör⸗
der hielt, und von diesem Augenblicke an wich
sein Muth, sein ehrlicher Stolz der Verzagt⸗
heit, welche ihn seine späteren Antworten mit
ängstlicher Berechnung auf die Goldwaage le—⸗
zen ließ und dadurch seine Lage nur noch
berschlimmerte.

„Ich habe am Abend einen Gang durch
meine Felder gemacht,“ entgegnete er nach
iner Pause, „bin aber vor zehn Uhr nach
Hause zurückgekehrt und früh zu Bett ge⸗
zgangen.“

„Begleitele Euer Sohn Euch, oder gingt
Ihr allein ?“ I —

.Ich war allein: Gottfried mußte zu Hause
das Vieh tränken.“

„Und dieses Messer?“ fuhr der Instruck⸗
tionsrichter sort, indem er es dem Ackerer
vorhielt, „trugt Ihr es bei Euch? .

„Wie kommen Sie zu der Frage ?“ fuhr
Schulz zornig auf, den die Hartnäckigkeit, mit
welcher der Richter an seinem Verdachte fest⸗
hielt, erbitterte. „Ich habe dieses Messer nie
besessen, als ein Andenken gab ich es meinem
derrn vor zwanzig Jahren, als dieser Europa
berließ.“

„Jedenfalls ein sehr sonderbares Geschenkl“
warf der Bürgermeister ein. Ein Dolchmes⸗
ser! Es bleißt indeß zu untersuchen, ob das⸗
selbe vor zwanzig Jahren oder später gekauft
worden ist. un

Der Instruktisnscichter fühlte, daß er auf
dem gewöhnlichen Wege dem Landmann nicht
beikommen konnte. —J

„Wenn Euer Herr nicht zurückkehrte, wenn
er starb oder überhaupt verscholl, so waret
Ihr verpflichtet, dem Sohne desselben ein
Dokument einzuhändigen, welches diesen in
den Besitz einer bedeutenden Summe setzt ?“
hob er nach einer Pause wieder an. „Lautet
dieses Dokument auf den Vorzeiger 7*

„Ich weiß es nicht, es ist versiegelt, und
mir wird es nie in den Sinn kommen, das
Siegel zu erbrechen.“

„Aber Ihr vermuthet es 7?*

Nein!“ „Ihr müßt,“ unterbrach ihn der Richter,

„Auch gut. Gesetzt nun, Ihr verhelft dem der jetzt den Faden gefunden zu haben glaubte,
ungen Manne, der Euch gewissermaßen als an welchem er den Verbrecher fassen bonnte.

Pflegevater betrachten muß, zu seinem Vermö⸗
gen, so erwerbt Ihr Euch dadurch ein Recht
auf seine Dankbarkeit, nicht wahr ?*

„Ich finde hiergegen nichts einzuwenden.“

„Schön; gehen wir weiter in unsern
Kombinationen. Diese Dankvdarkeit könnte sich
auf die Duldung einer Vormundschaft erstre—
cken, welche Ihr nach wie vor über Euren
Zögling ausübtet; unter dem Vorwande, er
ei zu jung, um sein Vermögen zu verwalten,
aähmet Ihr die Summe an Euch, und suchtet
sie durch vortheilhafte Anlage, natürlich im
Interesse Eures Mündels, zu vergrößern.“

„Auch das will ich nicht bestreiten, ob⸗
schon ich dem Sohne meines Herrn keine
Vorschriften in dieser Beziehung machen
werde.“

„Das Alles fiel fort, wenn der Bater
Eures Zöglings erschien und selbst das Ver⸗—
mögen in Empfang nahm?“

„Ich weiß nicht, weßhalb Sie diese Fra⸗
gen stellen,“ entgegnete Schulz ungeduldig.
„Lassen Sie mich nach Hause gehen, in mei⸗
nem Kopf ist es so wüst und wirr, daß ich
auf Ihre Kreuz- und Querfragen gar keine
Antwort mehr zu finden weiß.“
Der Richter warf seinem Kollegen einen
Blick des Triumphes zuu. 2

„Wie viel sandte Euch Krämer jährlich
zur Bestreitung der Bedürfnisse seines Sohnes?“
juhr er fort.

„In den ersten Jahren dreihundert Tha⸗
ler,“ entgegnete der Ackerer, „später, als der
Knabe die Schule besuchte und seine Bedürf⸗
aisse zunahmen, erhielt er hundert, auch hun-
dertfünfzig Thaler mehr.“

,„Und Ihr führet über diese Summe
Bücher 7 et

„Auf Heller und Pfennig“

Ihr erspartet von diesem Gelde nichts?

„Doch, zweihundert Thaler.“ F

„Und wo ließt Ihr diese Ersparnisse ?“

Der Ackerer zögerte einen Augenblick.

„Muß ich Ihnen auf diese Frage Antwort
geben?“ versetzte er. „Ich denke, ich bin nur
meinem Herrn gegenüber Rechenschaft schul⸗
dig“ —
        <pb n="363" />
        „Nun wohl, ich benutzte dieses Geld zum
Ankaufen von Vieh,“ fuhr Schulz ruhig fort.
„Ich hatte die kleine Summe in die Spar⸗
kasse gebracht, mit dem festen Vorsatz, sie
meinem Pflegesohn oder dessen Vater einzu«
händigen, da raffte eine Seuche mir ein
Pferd und zwei Kühe fort, um sie zu ersetzen,
benutzte ich die zweihundert Thaler, welche ich
meinem Herrn zurückzahlen wollte, sobald ich
ihm Rechnung ablegte.“

Und das Geld liegt zur Rückzahlung
bereit ?“ I

Es fehlen noch fünfzig Thaler an der
Summe.“
Der Instruktionsrichter erhob sich.

Konrad Schulz, ich verhafte Euch im
Namen des Gesetzes, als der Ermordung des
Kaufherrn Karl Krämer verdächtig!“ IJ
Der , Ackerer, der auf solche Wendung nicht
gefaßt war, sah dem Richter eine Weile stier
in's Antlitz, dann brach er in ein bitleres
Lachen aus. J
„Mich, mich wollen sie verhaften?“ ricf
er. Ich soll meinen Herrn gemordet haben?“

Fortsetzung folgtJ.

—*

—
Der Münzsammter.
(Staatsbztg... 307
EWEine Novelle.
(Gortsezungjj.

Der Baron mußte lachen. „Ich könnie
fast glauben, Ihr Beide hättet füreinonder
Janz gut gepaßt. Mit Deinem Scherz, zu⸗
weilen auch beißenden Spott, hättest Du ihre
Fehler so lange gegeißelt, bis sie diese aus
A

„Getroffen! Schade nur, daß Sir Ar—
thur durch meinen Erziehungsplan einen Quer⸗
sttrich gemacht hat, sonst würden wir gleich
nach England reisen und Du der Vermitt⸗
lser zwischen mir und der schönen Maud
werden.“ —

Der Baron sah schweigend aus dem
Fenster.

Felix fuhr fort. „So ließe sich das aller⸗
liebst arrangiren, ich würde der Gatte der
schönen Maud und Dich könnte vielleicht jene

kleine FJee beglücken, die Du heut so ritterlich
den Braunen entrissen hast.“

Vielleicht!“ entgegnete der Baron sinnend.

„Doch lassen wir diese Erinnerung. Sie
sst mir entschwunden, ich werde sie nicht wie—
dersehen. — Mithin ist der Zauber, in den
mich ihr Anblick versetzte, als sie mir leise
nit so lieblicher Stimme Dankesworte zuflü—
sterte, gebrochen und beendel.“

Er stand auf und suchte seinen Hut.

„Komm laß uns noch einen kleinen Spa⸗
ziergang in freier Luft machen! Inzwischen
perabreden wir, in welcher Weise wir den
heutigen Tag zubringen; doch zuerst muß ich
aoch nach meinem Hotel zurück und Nachfrage
halten, ob nicht Briefe für mich angekommen
ind; ich - Merwarte Nachricht von meiner
Mutter·

Das soll alles geschehen; ich stelle wich
heute ganz zu Deiner Verfügung; gebiete
über Deinen Schatten,“ entgegnete Felix,
und fuhr fort: „Doch halt! Ede wir diese
Stätte verlassen, will ich zwar nicht Cupido,
doch einen Kellner rufen, damit er mir zwei
Briefmarken bringt, und ich unsere Briefe
frei an die schöne Wera befördern kannz von
da mag Amor seinen Lauf beginnen. Soll
einer von uns der beglückte Sterbliche sein,
dem der Lieblichen Huld lächelt, so könneu
wir das schon in den nächsten Tagen er⸗
fahren.“

„Felix,“ entgegnete der Baron, nachdem
der Freund wieder zu ihm zurückkehrte und
die Marken, die er sich vom Kellner verschafft
hatte, auf die Briefe klebte, „ich denke, Du
zibst den, Scherz auf. Wenigstens laß meinen
Brief zurückk “

„Verblendeter!“ rief der Assessor mit ge—
sjobener Stimme, „willst Du die Gbiter ver⸗
uchen? Grade Dix Undankbarem kann Wera
antworten.“

„Ich trage gar kein Verlangen danach.“ —

„Dich wird sie sehen und sprechen wollen.“

„Ich werde ihrer Aufforderung nicht
folgen r...

„Warten wir's ab,“ entgegnete der Asses⸗
sor; „indeß thu' ich was meines Amtes ist.“

Mit den Worten klopfte er zur Be—
kräftigung an die Tasche seines Roces, wo
die Briese waren, und als sich beide wieder
        <pb n="364" />
        nauf der Straße befanden, warf er diese, un⸗
geachtet der Gegenwehr des Barons, in den
nächsten Briefkasten.

Als die Freunde den verabredete Spazier⸗
gang gemacht hatten und, nach Bestimmung
des Barons, in dessen Holel zurückkehrten,
fand dieser wirklich einen Brief seiner Mutter
vpor, der ihn aber, als er ihn las, so ver⸗
stimmte, daß selbst die witzigen Einfälle des
lustigen Freundes nicht im Stande waren, die
Wolken von seiner Stirn zu verscheuchen.

„Da!“ rief er diesem zu und reichte ihm
den Brief; „lies und sage mir, ob Du den
Inhalt verstehst. — Ich finde nur heraus,
daß meine Mutter eine neue Spekulation mit
meiner Freiheit vorhat.“

„Du Aermster!“ entgegnete Felix; „doch
laß sehen.“ Er nahm den Brief und las mit
lauter Stimme:

Mein lieber Alexander!

„Durch einen freudigen Zufall ist meine
Abreise ganz unbestimmt geworden. Du wirst
Dich wundern und freuen, welche lieben Freunde
gewillt sind, eine Zeit lang bei uns zu leben.
Aber was plaudere ich da? — Es soll ja
für Dich eine köstliche Ueberraschung werden.
Ich sage Dir, gib Deinen beharrlichen Eigen⸗
inn auf und komme nach Baden; Du hast
gar keine Ahnung, welche Herzen sehnsüchtig
Deiner harren. — Zwei Lippen fragen be—
ständig nach Dir, wie es Dir gehl, was Du
machst, und wie Du über die Frauen denkst;
ich kann von Dir gar nicht genug erzählen;
meine kleine Zuhörerin ist unersättlich in
Fragen — —

„Alexander, ändere Deinen Entschluß und
komme zu Deiner Mutter — nach —“

„Hör auf! hör auf!“ rief der Baron;
„ich kann nichts weiter hören! Der kurze
Sinn des seitenlangen Briefes ist: meine
Mutter hat wieder die alte Passion, mich zu
verheirathen. Und dazu soll ich noch nach Ba⸗
den kommen? — Nimmermehr!“

Aber wer mag die Erwählte nur sein,
die Dich, nach den Reden Deiner guten
Mutter, bereits in ihr kleines Herz einge⸗
schlossen hat! Hast Du gar keine Vermuthung?
fragte Felir, indem er den Brief der Baro⸗

nin auf den Tisch legte, und sich neben den
finstern Freund setzt⸗.

yNicht die geringste,“ entgegnete der Ba⸗
ron.“„Das kümmert mich auch gar nicht.
Gewiß ist es eine Comtesse Joder die Enkelin
einer Fürstin, deren Augen ohne mein Ver—
schulden irgendwo geruthen, mich anzusehen;
denn mit bürgerlichem Blute geht meine sonst
herzensgute aber streng aristokratische Mutter
nicht um. Das jst mir auch Nebensache. Meine
Frau wird die Dame ebensowenig, wie es
Maud geworden ist. Auch gehe ich nicht nach
Baden; aber daß meine Mutter diese ganze
Gesellschaft schon auf's Gut eingeladen hat,
das verleidet mir jetzt auch die Rückkehr nach
der Heimath, auf die ich mich eigentlich ge⸗
freut habe, da ich dort ein Stillleben zu
führen gedachte. Um dieser unerquicklichen Ge—
sellschaft nun zu entgehen, werde ich mich
wieder noch lange in der Fremde umhertreiben
müssen.“

HOO über diesen Sonderling! Das Glück
der Liebe überschüttet ihn mit seinem Füllhorn,
und der Undankhbare flieht vor ihm. — Doch
Scherz im Ernst! Deine schönen Besizungen,
die der Aufsicht ihres Herrn bedürfen, sollen
nicht vereinsamt bleiben. — Wie wäre es,
wenn ich, als Dein Abgesandter, nach Baden
ginge und die Geschichte zu arrangiren suchte,
mit Deiner Mutter unterhandelte?“ fragte Felix,
listig den Freund ansehend.

Des Barons Augen blitzten, im Myment
erhellte sich seine Stirn.

„Felix, Freund, das ist ein herrlicher Ge⸗
danke! Meine Mutter kennt Dich, hat Dich
sehr gern, — und so bliebe nur die Frage,
wie Du die von ihr bereits gethane Einladung
abwendest ?*
(Fortsetzung folgt
Charade.
Die Erste macht selbst Helden heiß,
Die Zweite lohnt des Menschen Fleiß,
Und auch dem Ganzen sindest Du
Manch wackeres Haupt in Todesruh.

Auflösung des Doppel-Palindroms in Nr. 88 des
Unterhaltungsblattes: Grab — barg;
Sarg — Gras.
Druck und Verlag von F. XR. Demez in St. Ingbert.
        <pb n="365" />
        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
Xr. 94. Donnerstag, den 10. August J— 18571.
Ein böses Gewissen.*
Novelle
osn Ewald August König.

(Fortsetzung.)

„Sehen Sie, das ist das Erwachen des
bösen Gewissens,“ nahm der Bürgermeister,
sich zu seinem Kollegen wendend, das Wort.
„Nun, hatte ich Unrecht, daß ich sie auf diesen
Menschen aufmerksam machte 7?“

„Wenn Ihr wirklich unschuldig seid, so
wird das Gericht dies schon ermitteln,“ ver⸗
setzte der Instruktionsrichter. „Ich hoffe, Ihr
folgt mir gutwillig, es sollle mir um Eure
grauen Haare leid thun, wenn ich Euch Hand⸗
schellen anlegen müßte.“

Der Alte richtete das Haupt stolz empor.

„Jeder Mensch kann irren,“ sagte er,
deßhalb zürne ich Ihnen nicht, daß Sie in
übertriebenem Amtseifer mich für schuldig
halten. Ihre letzten Worte aber waren un⸗—
nöthig, ich weiß, daß ich dem Gesetze gehor⸗
chen muß.“ J

Die Gensd'armen nahmen den Alten zwi⸗
schen fich.

„Noch eins,“ sagte er, indem er sich in
der Thür umwandte, „darf ich von meinem
Weibe Abschied nehmen ?*

Der Richter schüttelte verneinend den
Kopf.

„So erlauben Sie mir wenigstens, daß
ich meinem Sohn Lebewohl sage, er steht hier
an der Thür.“

„Er mag hereinkommen,“ entgegnete der

Richter, „Ihr seid Arrestaut und dürft nicht
allein —¶

„Schon gut,“ fiel der Ackerer ihm in's
Wort. „Gottfried, tritt ein!“

Der Jüngling ballte zornig die Fäuste,

als er sah, in wessen Begleitung der Vater
ich befand, ein Blick der Wuth traf den
Bürgermeister, der der Familie Schulz nicht
besonders geneigt gewesen war.
Du siehst, wie mißlich es in manchen
Fällen ist, seinem Nächsten beizustehen,“ nahm
der Alte das Wort, „doch sei deßhalb unbe⸗
orgt, meine Unschuld muß ja ans Licht kom⸗
nen. Tröoͤste und beruhige die Mutter und
zesorge das Gut, daß ich nicht, Ursache finde.
nit Dir unzufrieden zu sein, wenn ich zurück⸗
ehre. In allem Uebrigen laß den Dingen
hren Lauf, ich denke, mein ehrliches Gesicht
urd das Zeugniß, welches unser Dorf mir
ausstellen muß, werden hinreichen, den Ver⸗
zacht zu entkräften. Er — Du weißt, wen
ch meine —-darf nichts erfahrea, hörst Du?
Du wirst ihn, so lange ich im Gefängniß
sitze, nicht besuchen, denn ich bin überzeugt,
daß man jeden Deiner Schritte bewacht, und
heute muß das Geheimniß strenger bewahrt
werden, denn je. Niemand darf wissen, wie
er heißt und wo er wohnt, das schärfe auch
der Mutter ein, sage ihr, sein Glück, sein
Leben hinge von unserer Veischw.egen⸗
heit ab·

„Du glaubst, Vater ?“ fiel der junge Mann
ihm in's Wort.

„Ich glaube nichts,“ fuhr dieser rasch
fort, „nichts, ich kann nur vermuthen. Seit⸗
dem ich in das todte, entstellte Antlitz meines

a —46
        <pb n="366" />
        guten Herrn geblickt habe, quält mich unauf⸗
hörlich ein Gedanke, den ich nicht von mir
abschütteln kann, Und nun geh, besolge pünlt⸗
lich meine Weisungen und warie geduldig ab.
bis ich zurückkehre.“

Der Instruktionsrichter, der vergeblich in
der Unterredung des Gefangenen mit seinem
Sohne einen neuen Anhaltungspunkt für sei—
nen Verdacht suchte, winlle dem jungen Manine
sich zu entsernen, und die Gensd'armen führ—
ten den Ackerer hinaus. J

Eine dichte Menschenmenge hatte sich vor
dem Bürgermeisteramt eingefunden, aber unter
Allen, welche hier standen und ihre Gedanken
süber den Vorfall gegenseitig austauschten, be—
fand sich keiner, der an der Unschuld des
Alten zweifelte.
2. Kapitel.

Am Tage nach jener für den Ackerer Kou⸗
rad Schulz so verhängnißvollen Nacht saß
der Rentner Jakob Krämer in seinem mit
allem Luxus und dem Geschmack eines Par—
denu's ausgestatteten Kabinet. Weiche Teppiche
hedeckten den Fußboden, schwere Vorhänge
von dunkelrothem Damast dämpften das Ta—
geslicht, kostbare MRöbel von Palisanderholz,
hohe Spiegel, chinesische Vasen, massive silberne
Armleuchter, die herrlichsten Oelgemälde und
die feinsten Porzellanfiguren schmückten dieses
Zimmer, welches einst dem Kau'mann Krämer,
dem Vater des Rentners in einfacher Aus—⸗
stattung ebenfalls als Schreibzimmer gedienl
hatte.

Der Rentner hatte nach dem Austritt sei⸗
nes Bruders das Geschäft mit ungeschwächten
Keräften fortgeführt und vor ungefähr sechs
Jahren sich von demselben zurückgezogen, um
den Rest seines Lebeus in Ruhe zu genießen
und sich ganz der Erziehung seiner Tochter
Mathilde, des einzigen Kindes, welches seint
früh verblichene Gattin ihm hinterließ, zu
widmen.

Mathilbe zählte jetzt neunzehn Jahre, sie
galt für eins der schönsten Mädchen in der
Stadt und in der That konnte man nichts
Lieblicheres sehen, als das fromme, feine
Engelsantlitz mit den tiefblauen Augen, dem
reichen blonden Haar und der hoden reinen
Stirn. Der schlaule Wuchs des Maͤdchens,
shr bescheidenes Auftreten, die Sanflmuth und

Herzensgüte, welche in ihrem ganzen Wesen
sich ausdrückten uund die tiefe Bildung ihres
Geistes standen mit den reinen Engelzügen
in harmonischem Einklang, sie verliehen der
Erscheinung Mathildens einen Zauber, der an⸗
ziehen und fesseln mußte.

Der Rentuer war stolz auf sein Kind,
stolzer als auf den Orden, mit welchem der
Fürst die Brust des shätigen Kaufmannes ge-
schmückt hatte; er träumte von einem Grafen
oder Fürsten, welcher einst diese Perle heim⸗
führen würde. Mathilde hing mit inniger
Liebe an ihrem Vater, war er auch oft barsch,
mürrisch und verschlossen, redete er auch oft,
wenn er sich unbeobachtet glaubte, Worte in
sich hin, welche sie, obgleich sie deren Sinn
nicht verstand, ängstigten, sie ließ darum von
ihrer Liebe zu ihm nicht ab. Der Rentner
kannte diese Liebe, er vertraute auf sie, fie
war ihm Bürgschaft, daß Mathilde nie einem
andern Mann ihr Herz schenken werde, ohne
zuvor den Vater um Rath gefragt zu haben.

Der Renhner war heute mißgelaunt, einem
seinen Besbachter würde das Zittern seiner
Hände in dem Augenblick, in welchem er das
Wei glas ergriff, um es zum Munde zu füh⸗
ren, nicht entgangen sein. Der alte Herr sak
an seinem Schreibtische und las emsig in alten
vergilbten Briefen, dazwischen leerte er Glas
um Glas, bis die Krystallkaraffe geleert war
und er endlich die Papiere mißmuthig zurück⸗
schob.

„Alter Plunder!“ murmelte er, indem
er sich erhob. „Mir kann er nichts nützen,
nicht einen einzigen Anhalispunkt finde ich,
an dem anknüpfend ich genaue Erkundigungen
einziehen könnte!“ — Er schob die seidenen
Vorhange zurück und trat an's Fenster. „Zwan⸗
zigtausend und sechszehntausend,“ fuhr er
nach einer Weile fort, — sechsunddreißigtausend
Thaler, — fürwahr keine Kleinigkeit!“ —
Der eintretende Diener unterbrach das Selbst⸗
zespräch seines Herrn. Was gibts ?“ fuhr der
letztere barsch auf, „habe ich nicht Befehl ge⸗
geben, daß ich ungestört sein will ?

„Verzeihen der gnädige Herr, aber drau⸗
gen ist ein Herr, der sich nicht abweisen lassen
will,“ entschuldigte der Diener sich, „er sagtt
er habe einen weiten Weg gemacht, um mi,
Ihnen zu reden, und seine Zeit erlaubte nicht
        <pb n="367" />
        diesen Weg so oft zu wiederholen, bis es dem
gnädigen Heren gefalle, ihn vorzulassen.“

Sein Name?“ fragte der Rentner.

Bürgermeister Wetterau.“ *

„Wetterau? Der Name ist mir unbekannt,

— er mag eintreten.“

Der alie Herr warf rasch die Papiere, in
welchen er kurz zuvor gelesen hatte, in eine
Schieblade, verschloß diese sorgfältig und nahm
ein Buch vom Büchertische, indem er sich den
Anschein zu geben suchte, als sei-er in die
Lektüre desselben vertieft. Als der Vürger⸗
meister, dessen Bekanntschaft wir bereits im
porigen Kapitel gemacht haben, eintrat, warf
er einen forschenden Blick auf das Antlitz des
Rentners und nahm dann auf dem ihm an—
gebotenen Sessel Platz. —

Fortsetzung folgt,
— — —
Der Münzsammler.
(Staatsbztg.)
Eine Novelle.

(Fortsetzungh.

„Freund, laß mich nur machen,“ sagte
Felix zu dem Baron; das nehme ich juristisch
in die Hand. Nöthigenfalls, wenn es kein
andres Mittel gibt, mache ich die kleine Com⸗
lesse in mich verliebt und liebe sie, aus reiner
Theilnahme für Dein Wohl, recht herzlich
wieder. Das Ende bleibe dann der Zukunft
vorbehalten.“

„Felix, Dein Vorschlag ist vortrefflich;
Du wälzest eine Last von meiner Brust. Ja,
geh nach Baden. — Was Du dort thust,
vie Du Dein Vorhaben ausführst, will ich
gar nicht erfahren; genug, daß ich weiß, Du
wirst für mich handeln!“ rief der Baron,
stand auf und ging im Zimmer auf und
nieder.

„Aber,“ fuhr er fort und blieb vor dem
Freunde stehen, „hier bleibt eine Capitalfrage:
wann kannst Du reisen?“

Bekomme ich Urlaub, in spätestens drei
Tagen.“

Der Baron stand sinnend. „Das Ganze
ist gut, aber ich soll so lange ahne Dich hier
bleiben in dieser für mich so unangenehmen

Residenz der blitzenden Bayonnete, wo der
dritte Mensch, der auf der Straße geht, den
Soldatenrock trägt ?“

„Ja, Alexander, dieses kleine Uebel mußt
Du um der großen Sache willen schon zu
überwinden suchen. Ich schicke Dir bald Nach-
richt. Inzwischen suwe Dein altes Steckenpferd
dor, beschäftige Dich mit alten Mürzen und
ilten Münzsammlern. Das Herz eines Mäd—
hens kann ich Dir möglicherweise abwendig
nachen, aber unsre Armeen nicht der Uai⸗
iormen entkleiden.

Der Baron lachte und dem lustigen Felix
zelang es, die Stimmung des Freundes immer
mehr zu erheitern. Beide brachten den Tag
'n angenehmer Weise zu.

„Ich zögere, und doch vermag ich diesen
Zustand nicht laänger zu ertragen; er muß
enden, wenn ich nicht wahnsinnig werden soll!“

So verzweifelt sprechend, schob eine junge
Dame den Sessel mit hastiger Geberde zurück,
auf dem sie vor einem kostbaren, aber altmo
dischen Schreibtisch gesessen, und auf dem
eine Menge versiegelte Briefe lag. Mit hasti⸗
gen Schritten durchmaß sie das Zimmer, bit
sie dann wieder vor dem Schreibtisch stehen
bplieb und ihre Augen auf die Bricfe richtete.

„Welche Bedenken steigen jetzt in mir,“
begann sie wieder, „jetzt, wo ich am Ziele
din und nur diese Briese zu erbrechen brauche.
Und meine Hand zögert noch immer, wagt
zicht, sich nach dem todten Papier auszu—
trecken; aber leichtsinnig und unbesonnen konnte
te sich vor dem Attar in die eines kalten
Mannes legen; einem Manne ihre Freiheit
geben, der ausgestopfte Vögel, leblose Steine
uind alte Münzen wie Schätze hütet, während
sein Weib einsam und ungeliebt neben ihm
tteht. Und mich aus dieser Qual zu befreien,
zögere ich? — Diese Briefe,“ sie hob einen
auf, „liegen vor mir wie Schichsalsnormen.
O, wenn sie enthielten, was ich ersehne, dann
will ich ja duldend entsagen und mein liebe⸗
leeres Leben weiter tragen!“

Entschlossen wollte sie den Brief erbrechen,
als schwere, von der Treppe kommende Tritte
sie aufschreckten. Schnell verbarg fie alle Briefe
in ein Fach und eilte zur Thür, öffnete sie,
und es trat ein ältlicher Mann ins Zimmer,
dessen ganze Erscheinung den Eindruck eines
        <pb n="368" />
        trocknen, dem geselligen Leben abgestorbenen
Bureaukraten machte.

Nie war wohl der Abstand zwischen zwei
Gatten größer als dieser zwischen jenem Manne
und der schönen Frau, deren bleiches Gesicht
mit den träumerischen blauen Augen jetzt noch
von einem freundlichen Lächeln verschönert
wurde, als sie ihm mit Herzlichkeit ihre bei⸗
den Hände entgegenstreckte.

Sieh, Willrich, das macht mir wahre
Freude! Du hast an mich gedacht, sahst Son⸗
nenschein und blauen Himmel draußen, ver⸗
ließest Deine dunkle Actenhalie und willst mit
mir spazieren gehen! Nicht? — Ich will's
Dir auch dankbar lohnen; Du sollst nicht
lange auf mich warten, ‚in wenigen Minuten
wird meine Toilette beendet sein.“

„Leonie! Ich bitte Dich, höre endlich
auf, mich mit Deinen kindischen Reden zu
quälen. Mach keine Toilette, wir gehen nicht
spazieren, wenigstens nicht ich, da meine Zeit
mir kostbarer ist! Ich bin heute früher ge⸗
kommen, um einem Fiemden gefällig zu sein,
der mir eine maurische Münze zur Erklärung
gegeben, und das ist schwer, ich habe darum
viele Bücher nachzuschlagen.“

Mit diesen Worten wollte Willrich an der
jungen Frau vorüber, um nach seinem Zim⸗
mer zu gehen; fie hielt ihn zurüd. „Willrich,
sagte sie weich und sah ihn bittend an, „gilt
Dir der Wunsch eines Fremden mehr als das
Glück und das Leben Deiner Frau? Siehst
Du nicht, daß ich bei diesem Leben hinwelke,
daß Frohsinn und Gesundheit mich verlassen
—XV

„Damit willst Du mir doch nicht den
Vorwurf machen, ich sei daran schuld ? ant⸗
wortete Willrich mit grollender Stimme.
Leonie, Du bist eine Phantastin und raubsi
mir die Zeit mit Deinen romantischen Ein⸗
fällen. Such Dir doch Vergnügen, so viel Du
willst, nur mich verschone damit! Jetzt laß
mich gehen und schicke mir den Thee auf mein
Zimmer.“ Damit drängte er sie unsanft von
sich und ging ärgerlich durch eine andere
Thür ab, ohne sich auch nur noch einmal
umzuwenden.

Das Gesicht der jungen Frau war bleich

iιοαααα ααιœααααιäαααÛιäιαααιι
Druch und Verlag von F. X. Demetz in St. Ingbert.

wie der Tod, als sie ihrem Gatten wie be⸗
wegungslos mit bittern Blicken nachsah.
,„Das war der letzte Versuch von dieser
Seite,“ preßte sie hervor, „jetzt zur letzten
Hoffnung!“

Mit bebenden Händen nahm sie die Briefe
wieder aus dem Fache und begann dieselben
zu entsiegeln. Aber schon in den nächsten Mi—
nuten warf sie mehr zerkuitternd zu Boden,
las andere, ihre Wangen rötheten sich und
Thränen des Schmerzes und des Zornrs netz⸗
ien ihre Augen.

„Pfui über mich!“ rief sie, „vor diesen
Briefen stand ich zitternd, auf sie baute ich
meine letzte, einzige Hoffnung? So also nahm
man den Ruf meiner Verzweiflung auf! Man
hält mich für eine leichte Person, der es nur
um eine Rendez⸗vous zu thun ist. O, ich
will ein Licht anzünden und diese unwür⸗
digen Zeugen meiner thörichten Handlung
bernichten!“

So ihrer Empörung Luft machend, folgte
ihren Worten die That; schon waren sämmt⸗
liche Briefe, bis auf einen, verbrannt, und
schon sollte er das Schichsal seiner Brüder
theilen, als sie bemerlte, daß er noch unent⸗
fiegelt war.

„Noch einmal Wera,“ murmelte sie;
„könnte dieser letzte vielleich — ? Illusion,
wie meine Hoffnung! Er wird sich durch
nichts von den andern unterscheiden; doch auch
ihn will ich noch lesen.“

(Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.
(Der unschuldige Gesichtermacher.) Es warj
Jemand einem andern vor: „Sie haben mir
ein Gesicht gemacht. „„Nein,““ erhielt er
zur Antwort, „„hätt' ich Ihnen eins gemacht:
so sehen sie hübscher aus.““
(Der berliner Barbier und die Ohrfeige.)
Als ein berliner Barbier neulich auf der Straße
eine Ohrfeige erhielt, sagte er ganz naiv: „Ich
will nicht hoffen, daß dieses mir gegolten hat!“

—
        <pb n="369" />
        Unterhaltungsblatt
*224
St Ingberter Anzeiger—

98.

Sonntag, den 18. August

.

Ein böses Gewissen.“
Novelle J —
J von Ewald August König.

von langem Gerede und hoffe, Sie wer—⸗
den mir ebenfalls eine kurze, offene Antwort
geben.“

Der Rentner war von seinem Sitze auf⸗
zesprungen. Sprachlos vor Erstaunen stierte
er den Kühnen an, der es gewagt hatte, um
Mathilde zu werben, ohne dabei ein arkiges
Wappen oder eine Million in die Wagschale
verfen zu können.

„Die sollen Sie haben,“ entgegnete er
endlich, indem er sich zwang, seine Rufregung
zu bemeistern, „eine kurze, offene Antwort soll
Ihnen werden, so kurz und offen, wie Sie
dielleicht noch nie eine erhalten“ haben.“ Ex
jog die Schelle. „Wer meine Tochter heirathen
vill, muß etwas Anderes aufweisen, als den
Titel eines Dorfbürgermeisters. Glauben Sie.
ch habe gespart und gesammelt, um durch
nein sauer erworbenes Vermögen einem Bür⸗—
germeister die Möglichkeit zu verschaffen, sich
in den Ruhestand setzen zu können? — Be—
zleite den Herrn hinaus;“ fuhr er, zu dem
zeintretenden Diener sich wendend, fort, „sollte
er später noch einmal zurückkehren, so bin ich
nicht zu Hause...

„Halt,“ wir sind noch nicht miteinander
fertig,“ versezte Wetterau lakonisch, der ruhig
in seinem Sessel sitzen blieb. „Schicken Sie
Ihren Diener wieder fort, es koönnten Sachen
sur Sprache kommen, über welche Sie nur
unter vier Augen mit mir zu verbandeln
wünschten.“ 5

„Fassen Sie sich kurz, mein Herr,“ ent⸗
gegnete Krämer. Was könnten Sie mir mit⸗
utheilen haben ⸗—— en.

„Nur eine Angelegenheit, 'welche in erster

(Fortsetzung.. 43
Was verschafft mir die Ehre Ihres Be—⸗
suchs ?“ nahm Krämer im kalten Geschäftstone
das Wort, „wie ich vermuthe, muß Ihr An⸗
liegen ein sehr dringendes sein, da Sie meinen
Wunsch, ungestört bleiben zu wollen, nicht
herücksichtigen zu können glaubten. Sie wohnen
wohl nicht hier in der Stadt?“
In C.,“ erwiederte der Bürgermeister,
den Namen des Ortes scharf vetonend, „ich
bin dort der Bürgermeister“

„So, so,“ fuhr der Rentner im Tone
kalter Gleichgültigkeit fort, „doch kommen
wir zur Sache, womit kann ich Ihnen
dienen ?“

„Mein Herr, ich besitze ein einträgliches
Amt, habe Aussicht, nach Ablauf meiner Amts-
dauer wieder gewählt zu werden, und kann
daneben über ein kleines Vermögen verfügen,“
nahm der Bürgermeister das Wort, ich schicke
dies voraus, um nicht durch spätete Erörter⸗
ungen die Augenblicke zu verlieren. Ich hatte
das Vergnügen, Ihre Tochter Mathilde im
rergangenen Winter bei Gelegenheit eines
Casino⸗Balles kennen zu lernen, ihr Aeußeres,
wie ihr Charakter entsprechen ganz den Aufor⸗
derungen, welche ich an meine zukünftige
Hausfrau stelle, und deßhalb erlaube ich mir,
am ihre Hand bei Ihnen anzuhalten. Sie
ehen, ich fasse mich durz, ich bin kein Freund
        <pb n="370" />
        Reihe Sie, in zweiter Ihren Bruder oder
dessen Nachkomm⸗nschaft betrifft,“ fuhr der
Bürgerineister, ihm in die Rede fallend, sort.

.Sie werden jetzt errathen, daß ich mehr
weiß, wie Sie Anfangs vermutheten.“

Der Rentner gab seinem Diener einen
Wink und setzte fich wieder hin. „Zur Sache
also,“ versetzte er, „wir sind allein.“

Der Buͤrgermeister erhob sich und verrie—
gelte die Thür. Sie werden bereits wissen,
daß Ihr Bruder in vergangener Nacht in
der Nätze meines Dorfes ermordet gefunden
wirrde,“ nahm er das Wort. „Des Mordes
verdächtig ist ein Mann verhaftet, dessen
Name ebenfalls Ihnen nicht unbekannt ist.“

„Mein Bruder ermordet ?“ rief der Rent⸗
ner. „In der Nähe Ihres Dorfes? Ich ver⸗
ichere Sie, daß ich bis jetzt“ —

.Ich weiß, Sie vermutheten ihn drüben
in Amerika,“ fuhr Wetterau, ihm in's Wort
jallend, fort, „hat er Ihnen nicht mitgetheilt,
daß er zurückkommen würde *

„Nein, keine Silbe. Ueberhaupt, seitdem
er ausgewandert ist, habe ich nie mehr etwas
von ihm gefehen noch gehört.“

„Desto besser für Sie, denn, unter uns
gesagt, die Wahrscheinlichleit, daß Sie in
den Prozeß verwickelt werden, liegt sehr
nahe.“

Der Rentner entfärbte sich. „Scherzen
Sie nicht mit einem alten Maunne,“ sagte er;
„welcher Grund könnte vorhanden sein, mich
in den Prozeß zu verwickeln?“

„Sie haßten Ihren Bruder in demfelben
Grade, in welchem er Sie fürchtete,“ entgeg⸗
nete Wetterau; „in Ihren Händen ruht sein
Vermögen. Sie find habsüchtig und geizig, ich
denke, diese Gründe genügen.“

„Mein Herr!“ fuhr Krämer auf, der
sein Erstaunen nicht verhehlen konnte.

„Es wundert Sie, daß ich alles weiß?
Wenn ich Ihnen aber sage, daß der, welcher
des Mordes verhaftet wurde, Konrad Schulz
heißt, daß ich diesen Mann verhört und aus
seinem Munde einen genauen Bericht über
Ihr Berhältniß zu dem Ermordeten erhalten
habe, so werden Sie“ —

„Glauben Sie ihm nicht,“ unterbrach
Zrämer den Bürgermeister hastig, „er lügt
edes Wort, mit Schimpf und Schande mußte

er meln Geschäft verlassen, wer weiß, ob er
all seiae Aussagen nur in der Absicht gemacht
hat, die Schuld von sich abzuwälzen und mich
zu verdächtigen 7*

„Ich lasse diesen Punkt vorläufig unbe⸗
rührt,“ fuhr Wetterau fort, „in der Haupt⸗
sache handelt es sich doch um das Vermögen
Ihres Bruders, welches in Ihrem Besitz ist.
Finden wir nicht schlagendere Beweise gegen
Schulz, als die, welche augenblicklich vorliegen,
so dürfte kaum zu bezweifeln sein, das der
Verhaftete freigesprochen wird. Alsdann wird
er nicht nur den Sohn Ihres Bruders Ihnen
vorstellen, sondern auch ein Dokument vorzei⸗
gen, welches Sie verpflichtet, jenes Vermögen
sofort auszuzahlen.“

„Der Sohn meines Bruders befindet sich
in Europa?“ fragte der Rentner rasch, der
die innere Aufregung kaum mehr verbergen
donnte.

„Ich fühle mich nicht verpflichtet. Ihnen
hierauf zu antworten, nur dann, wenn Sie
mir die Hand Ihrer Tochter zusagen, und es
also in meinem Interesse liegt, gemeinschaftliche
Sache zu machen, werde ich näher auf diese
Sache eingehen.“

Der Rentner hatte sich erhoben. Er ging
eine Weile schweigend in dem Kabinet auf
und ab, und blieb endlich vor dem Bürger⸗
meister stehen, der den alten Herrn unver—
wandt beobachtete.

„Sie begreifen, wie sehr es mich interes⸗
iren muß. den Aufenthalt meines Neffen zu
erfahren,“ versetzte er, „wie hoch schätzen
Sie Ihre desfallsige Mittheilung, ich bin be⸗
reit, Ihre Forderung zu bewilligen, wenn sie
nicht gar zu hoch ist.“

„Ich habe diese Forderung bereits genannt,“
entgegnete Wetterau gelassen, „die Hand
Mathildens.“

„So bedenken Sie doch, daß Sie ein
Vierziger sind, Mathilde noch nicht das zweite
Dezennium ihres Lebens erreicht hat!“ rief
der Rentner ungeduldig. „Fordern Sie eine
Summe, die dem Werth Ihrer Mittheilungen
entspricht, nur beharren Sie nicht so hart⸗
näckig bei dem, was ich weder geben kann
noch werde.“

„So hat unsere Unterredung ein Ende,“
XRX)IX
        <pb n="371" />
        werde die Beweise sammeln, welche Schulz von
jeder Schuld irersprechen müssen und meine
Maßregeln zur Entdeckung des Mörders er⸗
greifen.“

Der Rentner trocknete die nasse Stirn
ab, auf der der Schweiß in großen Tropfen
stand. „So nehmen Sie doch Vernunft an,“
bat er, den Bürgermeister am Arme zurück⸗
haltend, „wie kann ich Ihnen die Hand meiner
Tochter zusagen, bevor ich weik, ob Mathilde
Sie liebi.“
.Das lassen Sie meine Sorge sein, un⸗
sere Charaktere harmoniren mit einander, ich
weiß, daß Ihre Tochter an meiner Seite ihr
Glück finden wird.“

„Und in der Hauptsache ist es Ihnen doch
nur um die Mitgift zu thun,“ bemerkte der
Krämer bitter. „Setzen Sie sich, wir wollen
offen mit einander reden.

Fortsetzung folgt.)

Der M

änzfammter.
Staatsbztg.)
Eine Novelle.

GGFortsetzung.)
Willrich's Frau öffnete den Brief und
flüchtig glitten ihre Augen über die ersten
Zeilen; doch dann wurde sie aufmerksam; sich
auf einen Sessel niederlassend, stützte sie den
Kopf in die Hand und las. Der Leser wird
leicht errathen, daß es der Brief des Barons
ist, den die junge Frau in ihren Händen
hält, jetzt schon zum zweiten Male lis't und
dann langsam in ihren Schooß fallen läßt.
„Dieser Arzt ist schonungslos, aber er
spricht wahr. Ob er wohl, wenn er dieses
freudlose Veben, das ich führe, kennen würde
milder geurtheilt hätte ? Soll ich ihn betrach⸗
ten, als sei er mir von der Vorsehung ge⸗
fandt? Soll ich mich an diesen Anker klam⸗
mern? — Er würde mich verstehen! —
Rathlos neigte sie ihr Haupt und blieb
über eine Biertelstunde in tiefem Sinnen;
dann aber schien sie mit sich einig zu sein.
„Nein, mein Loos ist geworfen, mein
Schicksal entschieden; ich will meinen ein⸗
samen Weg weiter allein gehen; denn ich

fühle, mit dem Schreiber dieses Briefes nahte
neinem Herzen die erste Versuchung. Aber
antworten will ich ihm, will einmal Menschen
anwertrauen, wie es hier innen tobt und
hrennt! Kann er, wie Alle, mir auch nicht
helsen, so soll er mich wenigstens bemit⸗
eiden.“

Aufgeregt ergriff sie die Feder und schriebr

„Sehr geehrter Her

„Nicht um mit Ihnen, wie erst mein
Verlangen war, einen geistigen Gedankenaus⸗
tausch anzuknüpfen, beantworte ich Ihren wer⸗
ihen Brief, der zwar schonungslos geschrieben,
aber doch ein Spiegel ist, in dem ich meinen
Irrthum erlenne. Zwar bin ich weder ein
Weib, das Abenteuer suchte, noch eine Eman⸗
ripirte, welche die Sitte zu Boden treten
wollte, als ich einen unbesonnenen Schritt
hat, der aus meinem Gefühl, ohne jeden
Nebengedanken, enisprang. —

„Ihnen allein, der hart aber ehrlich zu
mir spricht, Ihnen ganz allein will ich sagen,
was mich zu jenem Schritte trieb: die Ver⸗
zweiflung! Unbekannt mit der Welt uner⸗
fahren, hoffte ich, es könnte möglich sein, durch
zeistige Zerstreuung die Leere meines Herzens
auszufüllen, und befangen von diesem Wahn
glaubte ich, es lbönnte auch noch ein zweites
Herz so fühlen; Ihr Brief erst belehrte mich
uüͤber Wirklichkeit und Illusis.
Nach menschlicher Berechnung und nach
meinem unerschüttlichen Willen ist dies mein
ꝛinziger Brief an Sie, und nie werden wir
uns persönlich kennen lernen. Darum will ich
in dieser Stunde so offen zu Ihnen reden,
als spräche ich zu meinem Bruder, zu dem
zreusten Freunde meiner Seele. Und vielleicht
wird mein trauriges Schicksal Ihnen zur
Warnung dienen, ferner nicht gleich ein so
trenges Uriheil über eine meints Geschlechts
zu fällen, ehe Sie nicht auch von ihrer Schuld
aberzeugt sind ?

„Horen Sie eine traurige Lebensgeschichte.
Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt; mit achtzehn
wurde ich durch den strengen Willen einer
habsüchtigen Stiefmutter, die nach dem Tode
neines Vaters volle Gewalt über mich hatte,
so weit getrieben, einem viel ältern Manne,
den ich nicht liebte, meine Hand zu reichen
an dessen Seite ich diese Stadt betrat, ohne
        <pb n="372" />
        hier Freunde oder Bekannte zu haben, und
ohne die Neigung, nicht einmal das Mitleid
meines Mannes zu besitzen. Für ihn bin ich
nichts als eine überflüssige Zugabe zu einem
zuten Geschäft, das et erhalten hat. Und ich
ann nichts ändern, da ich durch das Gesetz
jein Weib bin. Begreifen Sie nun, warum
ich das Inserat erließ?“ Damit habe ich
Ihnen in wenigen? Worten die Qual meines
debens mitgetheilt, und ein Mann wie Sie
wird mich verstehen. Leben Sie wohl! Lernen
Sie auf Ihrem Lebenswege einst Die kennen,
deren Herz Ihnen entgegenschlägt, o so halten
Sie dieselben in Ihren Urmen, suchen Sie
Ihres Weibes Glück, und Sie selbst werden
ts dann gefunden haben! Ein Weib kann
anter sorglicher Pflege wie eine schöne duft ige
Blume gedeihen. Allein wehe, wenn sie auf
jandigen Boden kommt, wo sich keine geschickte
Gärtnerhand ihrer annimmt! — Und ist
Ihnen dieses Glück geworden, was ich von
zanzer Seele wünsche, dann erinnern Sie sich
meiner, die ich, an Liebe darbend, wohl bald
ein Grab finden werde.“

Als Leonie diese letzten Zeilen schrieb,
sah Sie nicht, daß ihre Thränen fast die
Buchstaben wieder auslöschten; aber sie vollen⸗
zete ihr Werk mit fester Hand. Und von der
Minute, wo das gethan war, kam sie sich auch
wie verstorben vour.

Diesen Brief empfing der Baron am
aächsten Tage, wo er aber erst spät am Abend
nach Hause kam.

Felix hatte dem aufwartenden Aellner des
Freundes den. Auftrag gegeben, Nachfrage auf
der Post nach Briefen unter bezeichneter Adresse
zu halten, da er selbst, mit den Vorbereitungen
der projectirten Reise beschäftigt, zu dem Weg
nicht Zeit behielt. Er hatte von seinem Chef
Urlaub erhalten, und nach Verabredung sollte
er morgen schon abreisen. Darum hatten die
Freunde das Zusammensein des letzten Abends
so viel wie möglich auszudehnen gesucht.

Ermüdet betrat der Baron dann, als sie
sich getrennt, sein Hotel, und, schon im Be⸗
zriff, nach seinem Schlafzimmer zu gehen,
oͤlidte sein Auge unwillkührlich nach dem Tische,
wo der Brief lag.

Druck und Verlag von F. X. Demnetz in St. Ingbert.

„Alss doch,“ lächelte er zerstreut, nahm
den Brief und las die Adressfsf.—

— „Hm — die Hand ist zierlich, wenn
uuch ein wenig zikternd. Wie hübsch sie das
A mit dem Reuverschlungen hat. Darum sei
es, wie langweilig auch der Inhalt sich ent⸗
rosse; ich will die Lectüre noch vor dem
Einschlafen vornehmen. Schade nur, daß Felix
nicht dabei ist ß *

(Fortsetzung folgt,.... 5—

Mannigfaltiges.
(„Alter schützt vor Thorheit nicht!“) Ein
Pittsburger Blatt erzählt: „John Smith“
— wir nennen den Helden unserer Erzählung
mit diesem nicht wehr ungewöhnlichen klas—
sischen Namen — ist ein sehr wohlhabender
und sehr angesehener Bürger der 12. Ward.
Er besitzt ein Alter von 80 Jahren, ein Ver⸗
mögen von 100,000 D. und zahlreiche Kin⸗
deskinder. Seine erste Frau ist todt, und der
Alte, in welchem noch stellenweise das Feuer
der Jaugend, natürlich als reine Flamme der
Tugend, brennt, fühlte sich einsam, bis er
in dem Hause eines Freundes den dienenden
Geist in der Gestalt eines hübschen Mägd⸗
leins von zwanzig Sommern kennen lernte,
Kate Brown“ heißt coder vielmehr hieß die
Kleine und stammt aus Lancaster County.
Er kam, er sah und liebte. Er liebte stürmisch
und die kleine Wetterhexe ergab sich in ihr
Schicksal und ward vergangene Woche Frau
Smith senr. mit 20,000 D. Brautbrief.
Man kann sich leicht ausmalen, welch' ein
bewegtes Familienbild die Kinder und Kindes-
kinder augenblicklich darbieten. Aber der Alte
ist ganz glücklich. Honigmond, wie bist du
jüß, wenn der Muth in der Brust die Spann⸗
kraft übt bei cinem Alter von 80 Jahren.“
¶ Das neue Maß), meinte neulich ein Spaß⸗
pogel, „wird unser Volk sicher noch zu Grunde
richten, denn bis jetzt lebte es mäßig; in
Zukunft aber wird es literlbich werden.“
        <pb n="373" />
        Anterhaltungsblatt

Am
St. Ingberter Anzeiger.
AAV.

Nr. 96. Dienstag, den 15. Augusi
Ein böses Gewissen.“*
Novelle *
von Ewald August König.

gend vor sich hin. „Sie glauben also, daß
Schulz verurtheilt wird ?“

„Wenn wir es uns angelegen sein lassen,
dieses Urtheil zu erwirken, — ja!“

„So biete ich Ihnen für ihre Bemühungen
fünftausend Thaler,“ versetzte Krämer nach
furzem Nachdenken, „zahlbar, sobald wir an
inserm Ziele stehen.“

Ein Lächeln des Hohns umspielte die
zippen des Bürgermeisters. Sparen Sie die
Mühe,“ entgegnete er kalt, „nur die Hand
Ihrer Tochter kann mich bestimmen, Ihnen
meinen Beistand zuzusagen. Wählen Sie also—
entweder operiren wir gemeinschaftlich oder
Sie finden in mir einen Gegner, der gegen
sie bedeutend im Vortheil ist.“

„So sei es denn,“ sagte Krämer, indem
er dem Bürgermeifter die Hand reichte, und
dabei einen tückischen Blick aus seinen stechen ⸗
den Augen auf ihn schoß; „nur Eins bedinge
ich mir aus, daß Mathilde nicht eher etwas
von unserer Vereinbarung erfährt, bis die
gzanze Angelegenheit geordnet ist.“

.Das Ziel könnte etwas sehr lange hin⸗
ausgeschoben werden,“ versetzte Weiterau be⸗
denklich, der jenen Blick bemerkt hatte und
eine Maßregeln danach zu treffen beschloß;
,doch eine schriftliche Erklärung von Ihrer
hand mit dem Zusatze, daß die Verlobung
ängstens heute übers Jahr veröffentlicht wer⸗
den soll, genügt mir.“

Nochmals sträubte sich der Rentner, diese
Bedingung einzugehen, aber Wetterau beharrte
jo fest bei derselben, daß der alte Mann nach⸗
geben mußte. aheae
ꝓ„und nun, da ich mich gleichsam als

—
(Fortsetzung.)

Sie werden einsehen, daß mir vor Allem
daran gelegen sein muß, das Dokument zu
erhalten, welches mein Bruder diesem Konrad
Schulz übergab,“ fuhr Krämer fort, als der
Bürgermeister seinen Sitz wieder eingenommen
hatte; „glauben Sie, mir dasselbe verschaffen
zu können ?*

Wetterau nickte.

„Ferner müssen wir den ehemaligen Haus⸗
knecht unschädlich machen; wie ich nicht zweifle,
ist jenes Dokument versiegelt, er wird das
Siegel nicht gelöst haben, kennt also auch nicht
den Inhalt des Aktes.“

„Er kennt ihn, aber wir werden Mittel
finden, ihn stumm zu machen.“

„Und mein Neffe!“

„Er weiß nicht, daß er Ihr Neffe ist,
unter fremdem Namen lebt er vielleicht in
ihrer Nähe, erst bei seiner Großjährigkeit
sollte Schulz ihn mit dem Namen und Schick⸗
sale seines Vaters vertraut machen und ihm
das Dokument einhändigen.“

„Sie wissen, wo er sich aufhält ?“

„Nein. Schulz beobachtete über diesen
Punkt strenge Verschwiegenheit. Es dürfte
uns indeß nicht schmer fallen, dies zu erfah⸗
ren, wenn wir ernstlich an's Werk gehen.“

Der Rentner blickte einen Augenblick schwei⸗
        <pb n="374" />
        Ihren Schwiegersohn hetrachten kaun, haben
vir keine Geheimnisse mehr untereinander,“
nahm der Birrgermeister das Wort, nachdem
er den Schein in seine Brieftasche gelegt hatte.
„Sagen Sie mir also aufrichtig, wußten Sie
uin den Mord?“

Der Renutner richtete sich stolz auf. „Wenn
Ihnen an meiner Freundschaft gelegen ist, so
viederholen Sie nicht diese Frage,“ entgegnete
er barsch, „die zu stellen „Sie nicht die ge⸗
ringste Berecht gung haben. Ich bin überhaupt
iber Alles noch jehr im Unklaren, daß ich
Sie ersuchen wuß, mir die Ereignisse der
verwichenen Nacht und die Aussagen meines
ehemaligen Hausknechts mitzutheilen.“

Welteran kam dem Verlangen des alten
Herrn nach und verabschie dete sich endlich mit
dem Versprechen, daß er zur Erlangung des
Douments uͤnd zur Erforschung des Neffen
die nöthigen Schritte einleiten und innerhalb
riniger Tage dem Rentner weitere Mittheil
ungen machen wolle

Er mein Schwiegersohn!“ höhnte der
Alte, als der Bürgermeister sich entfernt hatle.
Er mag des Teufels Großmutter heirathen,
— — die
Schelle. Helldau soll kommen!“ sagte er, als
ein Diener erschien. „Er muß mir das Do⸗
fument schaffen,“ fuhr er in seinem Selbstge⸗
spräch sort, „habe ich dieses, dann mag kom⸗
men, was da will, ich biete ihm die Stirne!“

Helidau war der frühere Buchhalter des
Rentaers, ein treuer, ergebener Diener, der
in seiner Anhänglichkeit selbst vor den dun⸗
kelsten Wegen seines Herrn vicht zurückdebte.
Schlau und gewandt, dabei verschwiegen und
ehrlich, war er für den Rentner ein unschätz⸗
hares Kleinod, ihm verdankte er das Gelingen
mancher Spekulation, sein Verstand mußte
aushelfen, wo der strämer's die Grenze ge⸗
funden hatte, und aus dem letzteren Grunde
hbehielt der Alte ihn in seinem Dienst, als er
das Geschäft niederlegte. Helldau's Beschäf⸗
gung bestand darin, die, Bücher zu führen,
die Borsen⸗Zeitung zu lesen und seinen Herrn
aufmerksam zu machen, wenn der Cours ir⸗
gend eines Werthpapiers Gewinn abzuwerfen
bersprach. Das Gehalt, welches er bezog, war
gering, aber Helldau, der als alter Jungge⸗
elle sich mit Wenigem begnügte, und keine

indere Leidenschaft kannte, als die, literarische
Zchätze zu sammeln, reichte mit demselben aus.
Fr hatte Mathilde auf seinen Knieen geschau-
kelt, unter seinen Augen war sie aufgewachsen
und seine Liebe zu diesem Mädchen stand der
Anhänglichkeit an seinen Herrn gleich, wenn
sie nicht diese noch übertraf. Für Mathilde
väre, er bis an's Ende der Welt gelaufen,
ihr eine Freude bexeiten zu können, achtete er
keine Mühe zu groß, und wie sie ihn in
allen Stücken um Rath fragte, so erbat er
ich auch ihren Rath bei jeder Gelegenheit.
Denn in seinem Privatleben wußte Helldau
ich nie so recht zu helfen, er war unselbst-
zändig und daneben beschränkt, trotzdem er in
zeschäftlicher Beziehung einen außerordentlichen
Stharfsian entfaltete. Der Grund dieser Un—
elostständigkeit und Schüchternheit lag weniger
n ihm selbst, als in der Umgebung des Buch⸗
halters. Helldau war verwachsen, dies trug
hm schon in der Kindheit den Groll seiner
Schulkameraden ein. Er sonderte sich von
einer Umgebung ab, weil er nicht zur Ziel⸗
scheibe ihres Witzes dienen wollte, in seinen
päteren Jahren fand man ihn zurückhaltend
ind verschlossen, und mied ihn. So, ganz
äch selbst überlassen, allein auf sich angewie-
sen, konnie es nicht befremden, daß Helldau
all' sein Lieben auf seinen Herrn und Kind
iberirug. Wie seine Umgebung ihn mied,
so wich er auch ihr aus dem Wege, um sich
ganz dem Geschäft und der Familie des
aufherrn zu widmen. Er war weder über⸗
rascht, noch befremdet, als der Rentner ihm
mittheilte, er müsse augenblicklich nach dem
Dörfchen C. aufbrechen und dort nachforschen,
ob die Frau des verhafleten Ackerers Konrad
Schulz ein Dokument besitze.

„Und wenn sie es besitzt ? fragte er.

7So wirst Du es Dir zu verschaffen
suchen,“ fuhr Krämer im Tone des Befehls
jort, „von dem Besitz desselben hängt für mich
viel, sehr viel ab.“

Dem Buchhalter fiel es nicht in den Sinn,
zu forschen, was dieses Dokument enthalte
und wie viel von dem Besiz desselben abhange,
er gehorchte schweigend, wie er gehorcht haben
würde, wenn sein Herr ihm befohlen hätte,
rinen Geschäftebrief an die königliche Bank zu
schreiben. (Forts. folgi.)
        <pb n="375" />
        Züge seiner unbekannten Schreiberin die jenes
Wesens trugen die er vor den Hufen der
Pferde geschützt und die ihn mit so märchen⸗
jaft schönen Augen angesehen, daß er sie da—
rüber nicht vergessen konnte. Täglich war er,
(Fortsetzung.) von der Stunde, wo er die Unbekannte ge⸗
So sprechend, erbrach der Baron den Brief; sehen, dieselbe Straße passirt und zwar ohne
doch kaum hatte er ihn gelesen, da vergaß er den Freund, vor dessen Spott er sich fürchtete.
auch Müdigkeit und Schlaf. And unter jedem verschleierten. Gesicht fuchte
Was ist das? Welche wunderbare Schriftl seine Einbildung ihr Antlitz; aber immer war
Soll ich, kann ich daran glauben? Diese Frau es eine Andere, die ihn anblickte. Jetzt mußte
ist an einen Mann gebunden, der fie nicht sie nun auch noch im Traum die Gestalt jener
liebt, für den sie nichts fühlt, und dem sie unglücklichen Frau annehmen. —
doch Treue bewahren will, und wenn Sie Noch früher, als er sollte, verließ er sein
cug darüder zu Grunde geht? Die Arme! Lager, denn an Schlaf war doch mit solchen
Die Beklagenswerthe! Wie gern möchte ich Bedanken nicht mehr zu denken. Am vor⸗
iht helfen, doch sie selbst hat mir ja jeden herrschendsten dachte er nach, wie es zu er⸗
Weg dazu abgeschnitten. O welch herrliches möglichen sei, der unglücklichen aber doch sehr
Wesen mußt Du Liebliche sein, die Du einen tolzen Frau, trotz ihres Verbotes, einen Brief
so kindlich unschuldigen Weg suchst, der die ukommen zu lassen. Der einzige Weg dazu
Leere Deines fehnsüchtigen Herzens ausfüllen chien ihm nach langem Sinnen der, durch die⸗
soll, Deinen Ruf schützen und gleichzeitig elbe Zeitung, in der ihr Inserat gestanden,
Deine Treue einem Manne erhalten soll. der an sie die Bitte zu richten, sich einen Bries
sie nicht verdient.“ anter ersterer Adresse von der Post zu holen.
Trotz dieses Eifers seiner laut geäußerten Er war mit der Ausführung dieses seines
Theilnahme mukte der Baron beim Schlusse Vorhabens so ganz beschäftigt, daß er, als
doch unwillkürlich lächeln. der Assessor kam und Beide nach dem Bahnhof
Sonderbar, schon werde ich parteiisch gegen juhren/ ungewöhnlich einfilbig war. Dem
inen Mann, den ich nicht kenne. Frauen Freunde fiel das weiter nicht auf, weil seine
sind immer sehr schnell mit Verurtheilung über Reise ihn zu sehr in Anspruch nahm, und der
uns fertig, und verstehen in so rührender Baron war ja immer ernster als er, jetzt konnte
Sprache alles so hübsch zu übertreiben. — es noch die unbehagliche Stimmung sein, daß
Doch eins liegt klar: sie fühlt sich unglücklich; er so lange allein in Berlin zurüdbleiben
isch mag Riemanden leidend wissen, aber sollte. —
wie kann ich hier helfen ) Nun, lassen wir Doch eins schien der lustige Freund nicht
die Nacht vorübergehen, der helle Morgen vergessen zu haben; er fragte, ab die schöne
wird mir auch einen bellen Gedanklen dafür Werra geschrieben; es war kurz vor dem
bringen.“ J Scheiden, das zweite Signal war schon ge—
So philosophirte der Baron, legie endlich geben; der Baron glaubte es der Schreiberin,
den Brief fort und ging zur Ruhe; denn er die ihm ein so seltsames Vertrauen geschenkt,
wollte früh wieder aufstehen, um mit Felix schuldig zu sein, wenn er, selbst vor dem
nach dem Bahnhof zu fahren, der ihn dazu Freunde, die Wahrheit verschweige. Man
abbolen wollte. schied, noch ein Händedruck, noch die Ermahn⸗
Aber die Ruhe wollte sich nicht so finden, ung, bald von sich hören zu lassen, und der
wie er es wünschie; die ganze Nacht brachte er Baron stand allein auf dem Perron. — Aber
träumend im Halbschlummer zu. Ihn tääumte er war nicht trübe gestimmt, sondern zählte
don der unbekaunten Schreiberin die verwirrende auch beim Rückweg nach seinem Hotel, wie
sten Dinge, und was ihm am Morgen als das sonst den vierten Menschen als Soldat ab.
Merkwürdigste erschien, als er erwachte, und Am andern Tage stond seine Bitte an
sich dieser Träume erinnerte, war, daß die Wera wirklich in der Zeitung. Er batte die

— — —
        <pb n="376" />
        Zeilen so abgefaßi, daß nur sie und er davon
Verständniß haben konnten. Damit sie ihn
aber auch ganz verstehe, hatte er einzelne Worte
aus ihrem eigenen Schreiben entnommen. Die
Aufforderung war so zart, so rücksichtsvoll,
daß sie, wie er hoffte, den gewünschten Ein⸗
druck nicht verfehlen konnte.

Aber Tage gingen vorüber, und sein Briej
den er auf die Post gegeben, wurde nicht ab⸗
geholt, und auch seine verschleierte Unbekannte
sah er nicht wieder.

Jetzt fing er an, den Freund zu vermifsen;
wohin er auch ging, überall fühlte er sich ge⸗
langweilt, denn einen zweiten Freund und
Gesinnungsgenossen, wie Felix war, hatte er
nicht.

Nach einer Woche empfing er von Felix
die erste Nachricht; aber diese schien ihm trotz
aller Lustigkeit, die hindurchblickte, eben so
zweideutig zu sein wie der Brief seiner Muͤtter
gewesen war. Auch der Freund schrieb, er
würde sich wundern, welche Begegnung
seiner harre. Aber es gehe alles recht gut.
Die Frau Baroninn v. Roda sei zwar in
manchen Augenblicken gewillt, mit höchst eignen
Händen ihm vor Aerger, daß er ein gewisses
kleines Herz dem Sohne abwendig mache, in
die Haare zu fahren, aber er bleibe geduldig
das Opferlamm; denn es geschehe ja alles
aus Liebe zum Freunde und des reizenden
Wesens, das täglich in seinen Augen reizender
werde, und ihn so ganz in ihren Kreis banne,
daß er diesmal den einsamen Freund in Berlin
lassen müsse und gehen, wohin die Sirene
wolle, und zwar weiter den Rhein herauf. Der
Brief schloß mit Goethe's Fischerlied:

„Halb zog sie ihn, halb sank er hin

Und ward nicht mehr gesehn —“

Unzufrieden mit dem Freunde, mit sich und
der ganzen Welt, suchte der Baron endlich
seinen Gedanken eine andre Richtung zu geben
und beschloß an einem Nachmittag, den Münz⸗
sammler Willrich aufzusuchen, der ihn inzwischen
schon zweimal brieflich an seinen ihm ver⸗
sprochenen Besuch höflich erinnert hatte.

Fortsetzung folgt.)

Mannigfaltiges.
(Enthaltsame Affen.) Wie die „Pall Mall
Gazette“ nach einem Briefe aus Darfur in
Afrika mittheilt, haben die Affen der dortigen
Gegend ein bedeutendes Faible für eine Art
Bier, welches die Eingeborenen brauen, um
ihre Stammesverwandten der untersten Stufe
zu fangen. Sie stellen das Bier in Kübeln
an leicht zugängliche Orte, warten, bis die
Affen des Guten zu viel gethan haben und
nicht mehr im Stande sind, den Unterschied
zwischen ihren Schädelbau und dem des Men⸗
schen zu unterscheiden. Dann nimmt der
Leger einen der Affen an dec Hand, und die
anderen — durch den Geist Gambrini
anhänglich geworden — klammern sich einer
an den andern an, so daß man oft sehen
kann, wie ein einziger Neger eine ganze Kette
raumeliger Affen heimführt. Zu Hause legt er
hnen Einzelhaft auf, gibt ihnen das Bier
in immer geringeren Quantitäten, damit ihnen
die Schuppen allmählich von den Augen fallen,
und söhnt sie so nach und nach mit ihrer
Sinnestäuschung aus.

(GGismarcks Talismanist ent—
deckt.) Die „Grenzboten“ bringen Mit⸗
theilungen aus einer in Dänemark verbreiteten
Broschüre über Bismarck. Darnach beruvht
seine Kraft einzig und allein auf der Anwen⸗
dung eines geheimnißvollen indischen Instru⸗
ments, welches ihm auf jede Frage über die
Zukunft und die Wege, die er zu seinen Zie—⸗
len einzuschlagen habe, sichere Auskunft gibt.
Ein alter Kammerdiener des Fürsten hat
dem englischen Verfasser der Broschüre ver⸗
rathen, wie der Fürst zu dem Instrumente
gekommen sei. Bismarck, meint der Verfasser,
sei nicht der Mann, für den man ihn
halte, denn er habe nicht den Muth zu han⸗
deln, bevor er sein indisches Instrument be⸗
fragt habe.
— — —

—e — — — —

Druct und Verlag von F. X. Demetz in St. Ingbert.
        <pb n="377" />
        AUnterhaltungsblatt

zum
St. Ingberter Anzeiger.

—
Ein böses Gewissen.*
Novelle
von Ewald August König.

Mathildens geweckt wurde. So ungelegen auch
dem Rentner diese Störung kam, sein Kind
wollte er das nicht fühlen lassen. Dem unbe⸗
fangenen Blick Mathildens entging die düstere
Wolke nicht, welche auf der Stirn des Vaters
agerte, die Ursache derselben Geschäftsunan—
nehmlichkeiten zuschreibend, ging sie leicht dar⸗
iber hinweg, sie wußte ja, daß unbedeutende
dleinigkeiten die Laune des alten Mannes
rüben konnten.

„Ich habe eine Bitte an Dich,““ sagte
sie, als sie dem Vater gegenüber im Lehnstuhl
saß, und ihre Stimme klang so süß und ein—⸗
chmeichelnd, daß der Rentner in seinem
derzen schon jetzt die Erfüllung der Bitte
susagte, wenn sie nicht mit gar zu großen
Opfern für ihn verbunden war.

„So !aß hören,“ ermiderte er, „Du weiß!
a, daß ich Deine Wünsche steis erfülle, wenn
dies in meiner Möglichkeit liegt. Nur mit
Deinen Bitten um Almosen verschone mich,
Du kernst meine Ansicht über diesen Punkt“

„Sei unbesorgt,“ fiel Mathilde lächelnd
hm in's Wort, „wenn ich auch sehr oft mit
neinem Taschengelde zur Unterstützung dieses
oder jenes Hülfsbedürftigen nicht ausreiche,
io bitte ich Dich darum doch nicht um einen
Zuschuß, weil ich weiß, daß Du ibhn mir ver⸗
weigern würdest.“

„Und das d allem Recht,“ entgegnete
der alte Herr kalt, „die Bettler führen durch⸗
chnittlich das resn Leben; was die Mildher⸗
igkeit Anderer ihnen gibt, verjubeln sie in
Branntwein und theuren Speisen, aber kom⸗
men wir auf Deine Bitte zurück

„Erlaube, daß ich etwas weit“aushole,

— —
(Fortsetzung.)

„Du wirst noch heute Abend zurücklehren,“
nahm der alte Herr wieder das Wort, nach⸗
dem er dem Buchhalter eine Banknote zur
Destreitung der Reisekosten überreicht hatte.
„Kannst Du das Dokument nicht durch List
erlangen, so versuche es durch Bestechung; der
dlang des Geldes hat schon Manchen zu einer
Thorheit verleitet.“

„Wie hoch darf ich gehen ?“ fragte Helldau
ruhig.

zBis zu zweitausend Thaler,“ fuhr der
Rentner fort, „wohlverstanden: „bis,“ kannst
Du es billiger erhalten, so —“

„Wäre ich ein Narr, wenn ich mehr
zäbe,“ fiel der Buchhalter seinem Herrn in's
Wort. „Habe ich von irgend einer Seite An⸗
feindung zu befürchten ?

„Ja, von Seiten des Bürgermeisters. Er
wird eberfalls sich um den Besitz dieses Pa⸗
piers bemühen, deshalb sei auf Deiner Hut!“

Der Alte nickte und ging hinaus, um un⸗
—V

„Und nun, Glück, bleibe mir treu!“ mur⸗
nelte Krämer, während er durch's Fenster
dem alten Manne, der eiligst davonschritt,
nachschaute. „Nur diese Gunst erzeige mir noch,
sie ist die letzte, um welche ich Dich bitte.“
— Er versank nach diesen Worten in tiefes
Sinnen, aus welchem er durch die Stimme
        <pb n="378" />
        bevor ich sie nenne,“ versetzte das Mädchen.
„Es mögen etwa vier Wochen her sein, als
ich eines Abends einer Aufführung der Oper
„Norma“ beiwohnte. Die Vorstellung schloß
in Folge einer Unpäßlichkeit unserer Prima—
donna schon vor dem letzten Akt. Helldau,
welcher mich abholen und nach Hause begleiten
wollte, war nicht da, und so stand ich denn
allein in der Vorhalle, um den alten Mann
zu erwarten. Außer mir befanden sich nur
noch einige junge Herren in der Halle, ich
vermuthete, daß sie auf die Sänger oder
Sängerinnen warteten. Eine peinliche Viertel-
stunde verstrich, Helldau kam noch immer nicht,
und ich bemerkte, daß die Herren mir bereits
größere Aufmerksamkeit schenkten, als mir lieb
war. Ihre Kleidung, noch mehr aber ihre
Züge, welche den Stempel der Ausschweifung
und Blasirtheit trugen, verriethen mir, daß sie
zu unserem Stande zählten, und mit Schre⸗
cken dachte ich daran, daß sie mich vielleich
für eines jener Geschöpfe halten könnten, deren
Umgang diese Klasse der menschlichen Gesell—
schaft zu suchen pflegt. Und in dieser Ver—
muthung sah ich mich nicht getäuscht. Die
Herren näherten sich mir, boten mir den
Ärm und baten, mich nach Hause begleiten zu
dürfen, und ergingen sich als ich diese Aner⸗
bieten ablehnte, in Redensarten, welche mich
beleidigten und empörten.“

Der Rentner sprang von seinem Sitze
auf. „Ich hätte dort sein müssen,“ rief er
erregt, ich würde diesen Vagabunden den Kopf
zurecht gesetzt haben!“

„Ihre Zudringlichkeit nahm von Sekunde
zu Sekunde zu, schon wollte einer mir den
Schleier abreißem als ein junger Mann, der
in diesem Augenblicke aus einem Seitengange
in die Halle trat und mit raschem Blick die
Situation durchschaute, den Frechen zurückstieß
und mir seinen Schutz aubot. Sein offenes,
ehrliches Gesicht flößte mir Vertrauen ein,
ich nahm seinen Schuß an. Die Wüstlinge
suchten sich zu rächen; zu feige, meinen Be⸗
gleiter persönlich anzugreifen, rächten sie sich
durch Worte, welche mir das Blut in die
Wangen trieben. Ich nannte meinem Beschützer
meinen Namen und bat ihn, mich nach Hause
zu führen. Er war indeß entschlossen, jenen
Wüstlingen eine Lektion zu hinterlassen, ehe

diese sich's versahen, brannte eine Ohrfeige
auf ihren Wangen.“

echt so!“ fiel der Rentner ein. „Ich
würde nicht anders gehandelt haben.“

„Der junge Herr begleitete mich nach Hause
und ltheilte mir auf meine Frage mit, daß
er Agent sei und es ihm nur an den nöthi—
gen Kapitalien mangele, sich zum Großhändler
emporzuschwingen

„Er kannte ja Deinen Namen und wußte,
daß ich ein reicher Mann bin, seine Kalkulation
macht ihm wenig Ehre,“ versetzte der Rent⸗
ner, während ein höhnisches Lächeln über seine
Lippen glitt; „bei etwas gesundem Menschen⸗
verstand würde er begriffen haben, daß seine
Anspielung einer groben Bettelei sehr ähn⸗
lich sah.“

„Du mißverstehst mich, wenn Du diese
Absicht ihm unterschiebest,“ erwiederte Mathilde
ernst; noch ehe er meinen Namen wußte,
schützte er mich gegen die Rohheit der Wüst-
linge, ich denke“ — „Daß das genügt, seinen
Edelmuth, seine Uneigennützigkeit zu beweisen?“
fiel der ate Herr seiner Tochter in's Wort.
Du kennst die Menschen noch nicht, Mathilde
— aber fahre fort, Du wolltest ja eine Bitte
an mich richtenn.

„Diese Bitte ist, daß Du dem jungen
Manne ein kleines Kapital vorstrecken mögesi.“

Der Rentner sah erstaunt auf. „Ein klei—
nes Kapital, sagst Du? Und weißt Du
auch, ob jener Mann redlich, thätig und so⸗
lide ist ?“

„Ich erkundigte mich nach ihm,“ fuhr
Maͤthilde fort, „er ist Agent“ —

„gugent ist heutzutage Jeder, der auf keinen
grünen Zweig mehr kommen kann,“ spottete
Krämer; „das letzte Loch, aus welchem der
Geschäftsmann pfeift, ist eine Agentur. Schei⸗
det ein Commis aus seiner Stellung, oder
fallirt ein Geschäftsmann, — innerhalb vier
Wochen reitet er ‚schon auf Agenturen und
bildet sich dabei systematisch zum Müssiggänger
aus. Ich habe Manchen gekannt, der seinen
Nacken nicht mehr unter das Joch eines Prin⸗
zipals beugen wollte, obschon er ein gutes
Salair bezog und verhältnißmäßig wenig da⸗
für leistete, er kündigte, übernahm Agenturen,
und nach einem, längstens zwei Jahren dankte
er Gott, wenn er demüthig und bescheiden in
        <pb n="379" />
        seine frühere Stellung zurückkehren durfte.
Wenn's dem Esel zu wohl wird, geht er auf's
Eis tanzen. Dein Protegé mag wohl auch zu
dieser Sorte zählen, und in dem Falle wäre
es Thorheit, ihm auch nur einen Heller vor⸗
zustrecken. Wenn er eine gute Bürgschaft stellen
kann, bin ich nicht abgeneigt ihm gegen an—
stäadigen Zinsfuß eine kleine Summe vorzu⸗
strecken, vermag er, dies aber nicht, wie ich
dermuthe, so“ —
„Vater, Du gehst zu weit, Du schüttest
das Kind mit dem Bade aus,“ unterbrach
die Tochter den Redefluß des alten Mannes.
„Wenn jeder ehrliche Mann eine sichere Bürg⸗
schaft stellen müßte, um Vorschuß zu erlangen
würden nur die Schurken reiche Leute und
Redlichkeit und Treue gälten nichts mehr.“

„In meinen Augen gelten sie wenig, sehr
wenig,“ versetzte Krämer, „ich bin durch Er⸗
fahrung klug geworden. Wie heißt Dein Pro—⸗
degé?*
„Ernst Heller, er muß von seinem Ver—
dienst eine alte Mutter ernähren und schlägt
sich durch, so gut er kann.“
.Das heißt, er macht Schulden, läßt
Gott einen guten Mann sein und wirft, wenn
die Passiva ihm über den Kopf wachsen, den
starren um,“ ergänzte der Alte; „ich kenne
diese Art Geschäfteführung. Zudem ist der
Name Ernst Heller eine unbekannte Größe an
der Borse, ich glaube, die Agenten so ziemlich
alle zu kennen, aber ein Mann dieses Namens
ist mir bis heute noch nicht vorgestellt worden.“

Das Mädchen sah eine Weile schweigend
dor sich hin. „Und wenn ich nun das Dar—⸗
lehen für meine Gefahr übernehme?“ fragte
sie. „Wenn ich die Bürgschaft stelle ?“

Der Rentner hielt in dem Spaziergang
durch die Stube, den er unternommen hatte,
inne und sah seiner Tochter forschend in die
jeelenvollen strahlenden Augen. „Du wolltest
die Bürgschaft übernehmen?“ fragte er er—⸗
staunt.
„Ja, ich,“ fuhr Mathilde fort. Du weißt,
meine Ersparnisse betragen, Dank Deiner Frei⸗
gebigkeit, fünftausend Thaler, wie wäre es,
wenn ich diese Summe dem jungen Manne an⸗
bertraute und dabei die Bedingung stellte,

daß mir Anspruch auf einen Theil des Ge⸗
schäftsgewinns gestattet werde ?
Fortsetzung folgt.)

DRDer Münzsa

mumker.
(Staatsbztg.)
Eine Novelle

— — —
(Fortsetzung.)

Gleichzeitig hatte der Barsn den Enischluß
gefaßt, in den nächsten Tagen Berlin zu ver—
sassen. Jetzt war ja Felix bei der Mutter
und konnte die ganze bekannte und unbekannte
Gesellschaft überall hin begleiten, wo es be—⸗
liebte, wenn er sie ihm nur von der Heimath
fsern hielt. So schien es ihm gleichsam auch
Pflicht, vor der Abreise dem Münzsammler
sein Wort zu halten. Aber so bekannt der
Baron auch in der Residenz war, so mußte
er Vorübergehende doch mehrmals fragen, ehe
er nach der wenig belebten Gegend kam, in
der Willrich wohnte. Er trat in ein hohes,
finsteres Gebäude, dessen Giebel den ewig
drohenden Anblick machte, als könne er in
wenigen Minuten einstürzen.

Der Baron stieg zwei Treppen hinauf
und klingelte an einer Thür. Ein bescheidenes,
yübsches Dienstmädchen öffnete und auf seine
Frage, ob er bei Herrn Willrich sei, wies sie
mit der Hand nach einer zweiten Thüre und
bat ihn, dort anzuklopfen.

Er that's und „Herein“! rief eine klang⸗
bolie Frauenstimme. Erstaunt sah er sich nach
dem Mädchen wieder um, doch diese hatte sich
schoa zurückgezogen; so blieb ihm keine Wahl
als die Thür zu öffnen; aber wie ange—⸗
schmiedet blieb er auf der Schwelle stehen;
denn vom Tische erhob sich eine Dame, in
der er seine gesuchte Unbekannte von der
Straße sogleich wider erkannie. 12—

Auch ihr Erftaunen glich einer momentanen
Versteinerung; sie blieb in der Entfernung
stehen, und wortlaut begegneten sich ihre
Blicke.

„Welch ein Zufall, mein Fräulein,“ be—
zann er endlich und zog die Thür hinfer sich
ins Schloß.

„In der That, welch ein Zufall,“ flüsterte
        <pb n="380" />
        sie und schlug die Augen nieder, währrnd eine
leichte Röthe ihre Wangen färbte.

„Sie erkennen mich wieder ?“

„Sollte ich den Retter meines Lebens so
schnell vergessen haben?“ entgegnete sie, ohne
das Auge zu erheben.

„O nichts davon, mein Fräulein,“ fiel er
hastig ein. „Aber welch ein glücdlicher Zufall!
Ich suchte Ihren Herrn Vater und finde in
seiner Tochter jene Dame wieder, die durch
einen einzigen Blick ihrer schönen Augen sich
mir unvergeßlich machte. Wenn Sie wüßten,
mit welchen Gefühlen ich Sie suchte, wie
sehnsüchtig —“

„Mein Herr! Nicht weiter in diesem Tone,“
unterbrach sie ihn. „Sie verwechseln Personen.
Sie wollten meinen Vater spreche? — O
lebte dieser noch!“ —

„Wie, bin ich nicht in dem Hause des
Herrn Willrich. Sie sind nicht dessen Toch⸗
ler ?“ —

Ob sie glücklich mit dieser Mumie von
Mann ist? dachte er und seine Augen wand⸗
ten sich ihr wieder zu und suchten die Ant—
wort auf ihrem Gesicht zu lesen, doch sie
blickte nicht aff. Für die Dauer wurde ihm
diese Stille peinlich; ein Buch lag auf dem
Tisch; sie mußte darin gelesen haben, es war
zur Hälfte mit einem Zeichen versehen, und
hier schien ihm Gelegenheit, nach der Lecture
hren Charakter zu beurtheilen. Er nahm das
Buch, schlug es auf und sah nach dem Titel.
Es war die belannte Novelle von Wilhelm
dauff: „Die Bettlerin vom Pont des Arts.“
Das frappirte ihn.

Ich bemerte da ein Buch auf-ihrem Tisch,
anädige Frau, das man sonst bei den Damen
nicht mehr findet.“

Leonie lächelte wieder, als sie, ohne die
Augen dem Baron zuzuwenden, entgegnete:

„Ich glaub's; die Novelle ist alt, doch
sie bleibt Denen neu, deren Schicksal dem
der Heldin ähnlich ist.“

Betroffen sah sie der Baron an. „Und
wenn ich's deuten darf, gnädige Frau, so ist
es Josephens Schicksal, das Sie am meisten
nteressirt ?

„Ja,“ hauchte sie und jeßt blickte sie
von ihrer Arbeit auf und fuhr warm und be⸗
wegt for:

Josephens Schicksal zieht mich an. Sie
litt unter dem Drucke einer unglücklichen Ehe
mit einem rohen und ungebildeten Manne.
Weiche Seligkeit mußte sie empfinden, als
zurch den Geliebten ihrer Jugend diese Kette
Jelös't ward und sie ihm als sein Weib fol⸗
Jen konnte. O, daß solch eine glückliche Lösung
des menschlichen Geschickes nur in Romanen
zu finden ist!“

(Fortsetzung folgt.)

„Sie sind in seinem Hause, und ich —
ich bin — seine Ftau! — —“ „Willrich's
Frau! Sie!“ rief er entsetzt.

„Seine Frau bin ich!“ wiederholte sie,
aber jetzt schon streng, kalt und ohne Verle⸗
genheit. In diesem Tone fuhr sie auch fort:
Nehmen Sie Platz, mein Mann muß jeden
Augenblick koumen.“

Der Schreck des Barons war so gewalt⸗
sam gewesen, daß er nicht so leicht Herr seiner
Bestürzung werden und nichts erwidern konnte.
— Sie sollte Willrich's Frau sein, Willrich's⸗—*
dieses Mannes, dessen hagere matte Gestalt
wohl für einen Münzsammler poßte, doch
nimmermehr für den Gatten dieser bildschönen
Frau. — Unmöglich, ihn äffte ein Traum! —

Stumm nahm er den von ihr angewiese⸗
nen Platz ein, und unwillkührlich musterte er
das Zimmer, in dem sich beide befanden.

Als Kenner antiquer Sachen wußte er
wohl jedes einzelne Möbel zu würdigen, das
er sah; es war kostbar, aber gehörte nicht
in das Wohngemach dieser jungen und, wie
ihm schien, sehr zur Schwermuth geneigten
Frau, die jetzt so emsig an einer Stickerei
rrbeitete, als wüßte sie nicht mehr, daß außer
ihr noch Jemand im Zimmer sei.

Palindrom.
Ich habe, lieber Leser, nur vier Zeichen,
ZDie umgekehrt dasselbe Wort dir sagen;
Die Flammen, die aus meinen Innern schlagen,
Sie können Erz und Eisen selbst erweichen.
Auflösung der Charade in Nr. 98 des Unterhalt⸗
uͤngsblaties: Schlachtfeld.“
Druck und Verlag von F. X. Dewetz in St. Ingbert.
        <pb n="381" />
        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.

Nr. 98. Sonntag, den 20. Augu

—

J 1871.

—„—ZEXD—D—

Ein böses Gewissen.*
Novelle
von Ewald August König.

hesuchte, um seine kleine Bibliothek zu be—
vundern und in dem Gärtchen sich zu erge⸗
hen, so wird der geneigte Leser bald erra⸗
hen, daß die Bekanntschaft Mathildens mit
dem Sohne der Wittwe nicht aus einer flüch⸗
igen Begegnung in der Vorhalle des Theaters
herrührte, vielmehr eine Jugendfreundschaft
var, von der der Vater des Mädchens frei—
lich nichts ahnte. Krämer kümmerte sich nicht
datum, wo sein Buchhalter wohnte, oder wer
'eine Miethlinge waren, verrichtete Helldau
pünktlich und gewissenhaft seinen Dienst, so
tonnte er in seinem Privatleben schalten und
walten, ohne eine Einmischung seines Herrn
hefürchten zu müssen.

Er wurde von seinen Hausleuten vom
ersten Tage an als Familienglied betrachtet,
ihr freundschaftliches Entgegenkommen war
ür ihn der Sonnenstrahl, der die Eisrinde
chmolz, welche der Spott und die verletzende
älte der übrigen Menschheit um sein Herz
gezogen hatten, und sein Dank für' dieses
Wohlwollen äußerte sich in unbegrenzter Hiu—
zjebung an Ernst, den er gleichsam ale seinen
Sohn betrachtete. Zwischen ihm und Mathilde
war seine Liebe getheilt und deßhalb auch
empfand er kein größeres Vergnügen, als
venn am Sonntag Nachmittag die beiden
dinder unter seiner Aufsicht in dem Garken
»der in seiner Stube jpielten und er ihnen
Sagen und Märchen erzählen konnte, denen
jene mit ungetheilter Aufmerksamkeit lauschten.

Mathude verschwieg das ihrem Vater, sie
tannte seine auffahrende Heftigkeit wie seinen
Stolz zu gut, um nicht zu wissen, daß er
diese Besuche streng verboten haben würde.

(Fortsetzung.)

„Also stille Association?“ entgegnete der
Rentner, der für die Aussicht auf hohe Pro-
sente nicht unzugänglich war. „Baust Du
wirklich so fest auf die Ehrlichkeit dieses
Mannes? Glaubst Du in der That, daß ein
Vorschuß von fünftausend Thalern sein Ge—
schäft so bedeutend heben könne? Nun wohl,“
fuhr er fort, als Mathilde dieses bejaht hatte,
ich will sehen, was sich thun läßt, der junge
Mann mag mich einmal besuchen.“

Mathilde dankte dem Vater mit mehr
Wärme und Herzlichkeit, als in Anbetracht
des geringen Dienstes nöthig gewesen wäre
und eilte in ihr Zimmer, wo sie rasch einige
Zeilen niederschrieb, welche der Diener sofort
an ihre Adresse befördern mußte.

3. Kapitel.

In einer der entlegensten Straßen der
Stadt wohnte in einem kleinen einstöckigen
Häuschen, welches durch seinen Blumengarten
und den frischen saubern Anstrich der, mit
Schiefer bekleideten Wände einen gar freund⸗
lichen Eindruck machte, die Wittwe Heller
mit ihren⸗ Sohne, welch letzterer ein kleines
Agentur⸗Geschäft betrieb. Fügen wir hinzu,
daß der Buchhalter Helldau in diesem Häus—
hen ein kleines Zimmer bewohnte, daß ferner
Mathilde nicht nur als Kind, sondern auch
noch in späteren Jahren oft den Buchhalter
        <pb n="382" />
        Die Wärterin aber, welche Mathilde bis
zum vierzehnten Lebensjahre stets begleitete,
fand in der Unterhaltung mit der Wittwe
Heller zu große Annehmlichkeiten, als daß sie
diese durch einen Machtspruch ihres Herrn
hätte verlieren mögen.

An dem Tage, an welchem Maͤthilde für
den Gespielen bei dem Vater bat, saß Ernst
in seinem kleinen Schreibzjimmer, um an die
Geschäftsfirmen, welche er, vertrat zu schreiben.
Aber so sehr er sich auch zwang, seine Ge⸗
danken zu sammeln, wollte ihm dies doch
nicht gelingen, er wußte, welchen Schritt
Mathilde heute für ihn that und sah mit
Spanuung und Unruhe ihrer Nachricht entge⸗
gen. Ging der Rentner auf die Bitte seiner
Tochter ein, so zweifelte Ernst nicht daran,
daß es ihm gelingen werde, binnen Kurzem
einen geachteten Namen an der Börse zu er⸗
halten. Helldau hatte ihm in diesem Falle
seine Hülfe zugesagt, es konnte nicht fehlen,
daß er, durch die Erfahrungen und das Genie
des Buchhalters unterstützt, rasch an das ge—
wünschte Ziel kam. — Ganz mit diesen Ge—
danken beschäftigt trat er an's Fenster, um
hinauszuschauen, ob der Bote Mathildens noch
nicht erschien.

Statt seiner trat die Mutter, eine noch
ziemlich rüstige Frau, in's Zimmer.

„Noch immer kein Brief angekommen?“
fragte Ernst ungeduldig.

„Nur Geduld,“ erwiederte die al?e Frau
lächelnd, Mathilde wird schon Nachricht
schicken. Ihr Verliebte wollt stets mit dem
Kopf durch die Wand rennen, jedes Ding
hat seine Zeit, darum warte geduldig ab, bis
Du das Resultat erfährst.“

Ernst hörte die letzten Worte nicht mehr,
er sah den Diener des Rentners über die
Straße kommen und eilte hinaus, um den
Brief, den dieser in der Hand hielt, in Em—
pfang zu nehmen. Das Billet enthielt nur
die wenigen Zeilen: „Mein Vater ist geneigt,
die Summe vorzustrecken, wenn die Zinsen
und der Antheil an Geschäftsgewinn seinen
Wünschen entsprechen. Zu diesem Zweck wäre
eine unverzügliche, mündliche Unterredung mi⸗
meinem Vater, welche dieser selbst wünscht
erforderlich.“ — „Da haben wir's seufhle

der junge Mann, ‚hohe Zinsen und Antheil
am Gewinn, — was bleibt mir ?“

„Schon wieder kleinmüthige?“ nahm die
Mutter das Wort. „Doß der Rentner hohe
Zinsen fordern würde, darauf mußtest Du
gefaßt sein. Nimm das Geld und sieh zu,
was Du verdienen kannst, wirft das Geschäft
nicht den erwarteten Gewinn ab, so muß
Dein Gläubiger sich auch mit dem Wenigen
begnügen.“

„Und ich bleibe vor wie nach der arme
Teufel, der ich war!“

„Die Folge wird lehren,“ fuhr die Mut—
ter fort. „Helldau hat Dir seinen Beistand
zugesagt, seine Kenntnisse und Erfahrungen
verdoppeln den Werth des Geldes, und bei
Deiner Umsicht und Thätigkeit ist ein günsti—
ger Erfolg kaum zu bezweifeln.“

„Du siehst mit den Augen der Muiter—⸗
liebe in meine Zukunft,“ versetzte Ernst, dem
das Lob der alten Frau ein Lächeln entlockte,
„wir Männer betrachten das Alles ernster
und —“

„Und am Ende schreckt Ihr doch noch
vor Kleinigkeiten zurück, über welche wir viel—
leicht unbekümmert hinwegschreiten würden,“
unterbrach die Mutter ihn. „Frisch gewagl
ist halb gewonnen! Fester Wille und Stand—
haftigkeit richten oft mehr aus, als Kapital
und Kenntnisse.“

Ernst griff zu Hut und Stock und reichte
der Mutter die Hand. „Ich gehe,“ sagte er,
„will der Rentner mir die Summe anver⸗
trauen, so nehme ich sie in Gottes Namen.
So Mancher hat sein Ziel erreicht, warum
sollte es nicht auch mir gelingen!“

Der Rentner war erstaunt, den jungen
Mann so bald schon zu sehen, daju wollten
ihm die Gesichtszüge desselben gar nicht ge—
fallen. Wenn sein Blick den ruhigen, dunkeln
Augen des jungen Mannes begegnete, kam es
über ihn, wie die Stimme des bösen Gewissens.
Weßhalb, wußte er selbst nicht, unwillkührlich
mußte er die Wimpern senken, er konnte die—
sen Blick nicht ertragen. Nichtsdestoweniger
zeigle er sich den Wünschen des jungen Man⸗
nes geneigt. Er mußte ihm den Plan seiner
Opeꝛationen entwerfen, über dieses oder jenes
Geschäft seine Ansicht sagen und auf diese
Weise ein Cramen bestehen, dessen Resultat
        <pb n="383" />
        den alten Herrn befriedigte. Auf die Begegnung
mit seiner Tochter im Theater kam der Rent
ner nicht zurück, eine Berührung dieses Punk—⸗
tes würde ihn gewissermaßen in den Augen
des jungen Mannes zu Darkbarkeit verpflichtet
haben, und eine solche Verpflichtung wollte
strämer nicht anerkennen. Er fand sich endlich
bereit, die Summe vorzustrecken und forderke
dafür fünf Prozent Zinsen und ein Drittel
des Geschäftsgewinns, womit Ernst nach eini⸗
gem Zögern sich einverstanden erklärte.

Noch im Laufe desselben Tages empfing
der junge Mann gegen eine Schuldverschreibung
das Geld und beim Anblick desselben fühlte
er sich von neuem Muth beseelt. Mit frohen
Hoffnungen sah er in die Zukunft, er wollte
unermüdlich schaffen und streben, bis er das
Ziel erreicht hatte, welches er erreichen mußte,
um die Hand Mathildens zu erringen.

Fortsetzung folgt.)

DZRer

Mänzsammler.
(Staatsbztg.)
Eine Novelle.

(Fortsetzung.)

Während Willrich's Frau so sprach, war
die Stickerei ihrem Schodß entglitten; der
Baron hob sie auf und ttrat dicht an sie heran.
„Auch Sie sind eine Josephe, aber die noch
unglückliche. Hätt's selbst nicht dieser Mund
verrathen, so würde ich es allein durch dieses
feuchte Auge erkannt haben.“

Er wagte bei Ueberreichung der Stickerei
ihre Hand zu berühren; sie entzog sie ihm,
und schon war ihr Gesicht wieder ernst und
der Ton kalt, als sie entgegnete:

„Sie befinden sich in einem Irrthum, mein
Herr! Wenn ich Ihnen meine Gefühlsregung
dabei schon einmal erklären muß, so mögen
sie erfahren: Ich habe eine Freundin, und
deren Schicksal hat so viel Verwandtes mit
dem *ver Bettlerin vom Pont des Arts, daß
ich mich darum für das Werk interessire.“

„Und hat diese Freundin auch einen Ju⸗
gendgeliebten ?

Leonie blickte nach dem Fenster. „Ich —
weiß ich es nicht.“ —

Erleichtert athmete sie auf, als sie in dem
Augenblick schwere Tritte auf der Treppe
vernahm und gleich darauf Willrich ein⸗
trat.

Dem Baron war in seinem Leben nie
ein Gesicht widerwärtiger vorgekommen, als
dieses vertrocknete mit den grauen, stechenden
Augen des Mannes, der ihr Gatte war und
der dieses liebliche Wesen gar nicht beachtete,
'ondern ihn mit der zuvorkommendsten Freund⸗
ächkeit begrüßte und ihm sofort, die Thür
nach seinem Arbeitszimmer öffnete. Um seine
kmpfindung nicht zu verrathen, war der Ba⸗
ron gezwungen, dieser Weisung zu folgen;
er konnte nur noch einen flüchtigen Blick auf
Leonie werfen; diese hatte sich jedoch ganz
naach dem Fenster gewandt, und es schien ihm,
als ob sie dort mit Absicht in unbeweglicher
Stellung verharrte.

An diesem Tage sah sie der Baron nicht
wieder; aber für ihn war dieser Tag ver⸗
hängnißvoll geworden. Ohne sich seiner Ge⸗
fühle klar bewußt zu sein, grub sich Leoniens
Bild immer tiefer in seine Seele.

„Und sollte ich cleichgiltig sein,“ fragte
er sich, „wenn sich alles, was er that, mit
'hr verwebte, da sie unglücklich ist? Sie ist
inglücklich, sie muß es sein, wenn sie sich auch
demüht, einen dichten Flor über ihren Schmerz
zu ziehen. Der Flor bleibt durchsichtig; das
Zucken des Mundes, der trübe Blick. das
bleiche Gesicht läßt sich nicht ganz dahinter
verbergen. Und darum, weil sie unglücklich
ist, sollte ich mich da nicht mit freundschaft-
licher Theilnahme um ihr Schicksal kümmern,
wo ich sie doch schon einmal einer Lebensge—
fahr entzogen habe ?“

Und so denkend, war in dem Baron
kein Kampf, als er den Vorsatz faßte, Leo—
niens Vertrauen um jeden Preis zu erwer—
ben. Er erkannte auch die Nothwendigkeit,
daß wenn er sich diesen Weg bahnen wolle,
er dazu das Zutrauen des gewinnsüchtigen
Münzsammlers erringen müsse. Und da gab
es nur ein Mittel: er mußte sich in der
Münzenkunde als Laie anst. llen. Das that er.
Er kaufte von Willrich unbedeutende Sachen
theuer an und gab ihm seine eigenen werth⸗

oollen für geringes hin. Willrich lachte heim⸗
ich und schien äußerlich von des Barons
        <pb n="384" />
        Wissenschaft entzückt. — Wohl war manches
diesem sehr werth, was er auf diesem Altar
opferle; aber wenn ihm der Verlust auch
schwer war, so dachte er nur an sie, und
alles kam ihm in der Waage mit Leonie ge⸗
ring vor.

So war ihm sein Vorhaben mit Willrich
schnell gelungen, der Weg zu ihr wac frei,
er konnte das schöne, geliebte Weib fast täg⸗
lich sehen; aber was seine trunkenen Gefühle
erst nicht für möglich hielten, wurde zur Ge—
wißheit, er blieb ihr so fern wie zuror. Sie
stellte durch ihr Benehmen eine Mauer zwi⸗
schen sich und ihn. Je mehr er kam und je
öfter er sich ihr zu nähern suchte, je kälter
und einsylbiger begegnete sie ihm.

Traf er sie allein, was oft geschah, und
fuchte er zu verweilen, um anscheinend Will⸗
rich zu erwarten, so fand sie immer eine Ge⸗
legenheit, ihr Mädchen zu rufen, und diese
so lange im Zimmer aufzuhalten bis Willrich
erschien. Nie kam ein Wort, eine Klage über
ihr trauriges Leben über ihre Lippen; aber
der Baron hatte dennoch genugsam Gelegen⸗
heit gehabt, ihres Mannes rohes, rücksichtloses
Benehmen gegen sie zu beobachten. — Dann
fühlte sie sich wohl, weil es in seiner Gegen⸗
wart war, beschämt und gedehmüthigt, und
manchmal gewann sie auch nicht einmal Be—
herrschung, Thränen zu verbergen; aber ihr
Benehmen änderte sich darum gegen ihn nicht,
im Gegentheil, nach einer solchen Stunde
schien er ihr noch fremder zu sein. Ja, ihi
Betragen gegen ihn war oft so frostig, daß
dies selbst Willrich auffiel und dieser sie in
des Barons Gegenwart in der unzartesten Weise
zu Rede stellte.

Der Baron war in der verzweifeltsten
Lage. Jetzt wußte er, wie sehr er Leonie
liebe; aber bei ihrer eisigen Kälte verlor er
jede Hoffnung. Es ging ihm durch den Kopf,
schnell abzureisen, zu fliehen, eine Liebe zu
bergessen, die ihn, den starken Mann, zu
uberwãltigen drohte. Aber dann stand Leonie
vor seinem geistigen Auge, mit todtenbleichen
Wangen, flehend, die Hände nach ihm aus—
streckend, und es war ihm, als müsse doch
noch die Stunde kommen, wo sie nach ihm

*
rufen würde, nach ihm, ihrem einzigen Retter.
So blieb er und folgte immer wieder Will⸗
richs Einladung.

Willrich selbst lag es durchaus nicht im
mindesten an der Freundschaft des Barons,
wenn er ihn auch stets mit den freundschaft⸗
lichsten Betheverungen überhäufte, sondern
des Esels Schatz, so nannte er des Barons
verstellte Handlung, dieser mußte sein werden.
Er hatte von vielen Seiten gehört, daß der
Baron eine ungewöhnlich reiche Sammlung
don Münzen hatte, und diese nach und nach
an sich zu bringen, war sein Streben, und
darum sollte Leonie dem Baron nicht das
Haus verleiden.

So verfolgten drei Menschen einen Zweck,
jeder nach einer andern Richtung hin, und
seder bemüht, den andern zu täuschen.
Doch das schwerste Ziel hatte sich Leonie
gestellt.

Die kühle Ruhe, welche sie dem Baron
gegenüber am Tage zu behaupten suchte, er⸗
kaufte sie unter den furchtbarsten Kämpfen,
in schlaflosen Nächten. Sie liebte den Barsn
mit der ganzen Gluth ihres jungen, heißen
Herzens. Sie hatte nie einen andern Mann
dorher geliebt, außer ihrem Vater nie einem
Vdenschen nahe gestanden; sie wußte auch,
daß sie geliebt wurde, und doch war fie zu
Tantalusqualen verurtheilt.

(Fortsetzung folgt.)
—XEI *
Am Einzugstage in Berlin fühlte ein
fremder Herr in dem Gieräange plötzlich eine
Bewegung in seiner bake und beim
schnellen Umwenden erhicher aen Jungen,
der eberr“eine Hand herauthatte.

„Noch so jung,“ sprach * ihm, „und
schon ein Dieb? Du gehst dan Weg zum
Balgen, schäme dich.“

„„Sie müssen sich schänen — tomm
nach der Haupistadt und haben icht? d e—
Tasche.““

Druck und Verlag von F. X. Deraetz in St. Inagbdert.
        <pb n="385" />
        AUnterhaltungsblatt

zum
St. Ingberter Anzeiger.“
Nr. 99.

Dienstag, den 22. Augus

7557.

Ein böses Gewissen.*
Novelle
von Ewald August König .

‚lehnen Sie den Dank nicht ab, Sie selbst
müssen fühlen, welchen Dienst Sie mir be⸗
wiesen haben.“

„Sie?“ fragte Mathilde vorwurfsvoll.
„Seit wann sind wir einander so fremd ge⸗
worden ? Habe ich der Freunde so viel, daß
Du glaubst, ich könnte den besten und auf
richtigsten entbehren ?:

Dank, taufend Dank,“ für diese Worte.
ubelte Ernst, dem eine Last vom Herzen fiel.
Gott weiß, wie schwer mir das „Sie“ ge.
horden ist, aber Mutter meinte, Du seiest
aun eine vornehme Dame und ich dürfte“ —

„Pfui, das war garstig?“ wandte das
Mädchen sich zu der Wittme, die kopfschüttelnd
nehen den Beiden stand. „Wie sehr haben
Sie mich verkannt!“

„Nun, nun, ich weiß nicht, was besser
wäre,“ versetzte Frau Heller, „so sehr ich auch
die Freundschaft achte, wenn aber die Stäande
gar zu ungleich sind“ ——

Die Stande zu uagleich ⁊ unterbrach
Mathilde. „Sondern auch Sie die Menschen
nach ihren Gütern in Klassen ab? Nimm
Dir die Worte der Mutter nicht zu Herzen,“
fuhr sie, sich zu dem jungen Manne wendend,
jort, zich sehe schon, ich muß es bei ihr ver⸗
horben haben, weil sie das Band unserer
Freundschaft zerreißen will. Aber was auch
Immen möge, an meinem Herzen zweifle
niemals.“ Ernst ergriff freudig die Rechte des
Mädchens und drückte sie stürmisch. Du bist
mein guter Engel,“ sagte er, ‚und nur einen
Wunsch kennt meine Seele, den, daß du stets

mir zur Seite bleiben mögest·“·

Ein freundliches Lächeln umspielte die

(Fortsetzung.)

Weder der Wittwe, noch Einst fiel es auf,
daß Helldau nicht zum Mittagstisch kam.
„Vielleicht hält ein Auftrag Krämer's ihn
jurüch,“ bemerkte der junge Mann, als die
Mutter hinwarf, Helldau bleibe heute unge⸗
wöhnlich lange, „der Rentner hat ja oft der⸗
gleichen Geschäfte zu besorgen und Helldau
macht sich nichts daraus, stehenden Fußes
eine Reise anzutreten, die ihn Wochen lang
fern hält.“

Weiter wurde des alten Mannes mit kei⸗
ner Silbe gedacht, verlangte auch Ernst dar—
nach, ihm sein Glück mitzutheilen, so dachte
er, werde diese Mittheilung, am Abend noch
immer früh genug kommen.

Im Lause des Nachmittags fand Mathilde
sich sür einen kurzen Augenblick in dem Häus—
chen ein. Sie wußte bereits, daß ihr Vater
die erbetene Summe gezahlt hatte, und kam,
am dem Freunde Glück dazu zu wünschen.

Ernst und dessen Mutter dankten dem
Mädchen mit warmer Herzlichkeit, aber Ma⸗
thilde wies diesen Dank als unverdient zurück.
Es sei ihre Pflicht, dem Jugendfreund zu
helfen, wenn sie dies könne,“ sagte sie. „zu—
dem ziehe ja auch ihr Vater seinen Vortheil
aus dem Darlehen, also dürfe von Dank
vorläufig keine Rede sein.“

Doch,“ sagte der junge Mensch feurig.
        <pb n="386" />
        Lippen Mathildens, während flüchtiges Roih
ihre Wangen übergoß. „Wer weiß, was uns
die Zukunft bringt,“ entgegnete sie. „Muth
und unermüdliches Streben haben schon Man—
qhen an's gewünschte Ziel geführt.“

„Ein herrliches Mädchen!“ versetzte der
junge Mann, als Mathelde das Haus verlassen
hatte. „Mutter, entweder führe ich Dir diese
als Tochter in die Arme, oder keine!“ b

Die Alte seufzte tief auf. „Du liebst zu
hoch, und das that nimmer gut,“ erwiderte
sie, „bedente doch, das einzige Kind eines
Meillionärs und Du, der arme, unbemittelte
Agent.“

„Hat Mancher mit Kleinem angefangen
und mit Großem aufgehört,“ meinte Ernst,
„warum sollte ich denn verzagen und die
Häunde muthlos in den Schooß legen!“ Die
Mutter schüttelte den Kopf und ging hinaus,
sie konnte die Hoffnungen ihres Sohnes nicht
theilen.

Ernst arbeitete bis zum Abend und ging
dann in's Wohnzimmer, um dort der Ankunft
Helldau's zu harren, mit welchem er heute
noch über die zweckmäßige Verwendung der
erhaltenen Summe sich berrathen wollte.

Es schlug bereits acht Uhr, als der alte

Mann, der sonst stets punkt sieben Uhr nach
dause zu kommen pflegte, eintrat. Er war
mißmuthig und einfilbig, mit düsterer Miene
nahm er, als das Abendessen aufgetragen
wurde, am Tische Platz, und so oft auch Ernsi
oder dessen Mutter die Unterhaltung zu be⸗
leben suchte, Helldau warf jedesmal Worte
ein, wie nur verhaltener Groll oder düsterer
Mißmuth sie sprechen konnte, und das Ge—
spräch stockte. — Der Buchhalter mochte selbst
fühlen, daß er heute in den Kreis der kleinen
Familie nicht paßte, daß seine trübe Laune
jener die Freude verdarb, er wollte deßhalb
dleich nach Tisch sich entfernen, aber Ernst
hielt ihn am Arm zurück.
So schlecht gelaunt habe ich Euch seit
Jahren nicht gesehen“ hob der junge Mann
an, „ist Euch ixgend eiwas Unangenehmes
begeguet, so müßt Ihr doch wissen, daß wir
gerne bereit find, Sorge und Aerger mit Euch
u theilen, und es ist deshalb sehr unrecht
Ihr uns gegenüber dies verschweigen
wollt.“

Auf das Herz Helldau's machten diese
Worte sichtlich Eindruck, die Wollen schwan—
den allmählich von seiner Stirne, er zögerte
einen Augenblick und setzte sich dann wieder
hin. „Hole der Henker die ganze Geschichte!“
rief er unwillig. „Ich hab's bald satt, stets
für meinen Herrn die gebratenen Kastanien
aus dem Feuer zu holen. Da sendet er mich
heute Morgen mit einem ganz sonderbaren
Auftrag nach C. Ich sollte ihm dort ein
Dokument holen, ein verstegeltes Dokument,
welches irgend ein Anderer Gott weiß vor
wie viel Jahren einem dortigen Bauer an—
vertraut hat.“

„In C.?“ fragte Ernst, „darf ich wissen,
wie der Bauer heißt, der jenes Dokument
besitzt ?*

„Der Bauer heißt Konrad Schulz,“
fuhr der Buchhalter fort, „er selbst ist ver⸗
haftet.“
„Konrad Schulz? Berhaftet?“ rief der
sunge Mann bestürzt, indem er den Arm
Helldau's umklammerte und diefem forschend
in's Auge sah. „Verhaftet, fsagt Ihr? Und
weßhalb ?*

‚Weßhalb ?“ erwiederte Helldau, den die
Bestürzung des jungen Mannes befremdete.
„Er soll einen Mord begangen haben. Aber
was ist Euch, der Mann? Kennt Ihr ihn?
„In welchem Verhältnisse steht Ihr zit
ihm ?*

Die alte Frau warf ihrem Sohne einen
Blick zu. den dieser verstand und beherzigte.
„Er ist ein Freund unseres Haufses,“ oersetzte
er, indem er sich zwang, seine Selbstbe⸗
herrschung zu gewinnen, „ein Freund, dem
meine Mutter Manches verdankt.“
„Ja, ja, er hat mir in Noth und Trüb⸗
sal beigestanden, und ich kann ihm das Zeug⸗
niß geben, daß er ein ehrenhafter, charakter⸗
fester Mann ist,“ schaltete die Wittwe ein,
„seine Verhaftung muß auf einem Mißver⸗
ständniß beruhen, ich halte ihn eines solchen
Verbrechens nicht fähig.“

Fortsetzung folgt.)
        <pb n="387" />
        Dder Münzsammdler.
Staatsbztg.)
Eine Novelle.

Fortsezung.)

Leonie strebie mit der Kraft ihrer ganzen
Seele danach, dem Manne die Treue zu be—
wahren, die sie ihm am Altar gelobt. Des
Geliebten VBild konnte sie nicht mehr aus
hrem Herzen reißen; aber desto strenger
suchte sie über ihre Handlungen zu wachen.
Doch die Gfahr fing an, ihr noch größer
durch Willrich selbst zu werden.

Zu gleichgiltig für alles, was dieser that,
hatte sie sich acch nie um seine Münzen ge—
fümmert; ja, sie haßte diese sogar, weil diese
u ihrem verödeten Leben beitrugen. Aber
bon dem Tage, wo der Baron ihr Haus be—⸗
rat, durchschaute sie mit dem Scharfblick einer
diebenden, die um den Geliebten bangt,
Willrich's eigennütziges Streben, aus dem er
ihr auch bald kein Hehl machte. Bisher hatte
je gegen den Mann, dessen Namen sie trug,
immer noch eine gewisse Achtung gehabt, sein
chroffes Betragen Mangel an Bildung zuge⸗
scchrieben, ihre unselige Verbindung mit ihm
allein als das Werk der Stiefmutter betrach⸗
et, welche, um einen zweiten Mann zu er—
obern, die blühende Tochter nicht neben sich
dehalten wollte, und, nachdem der Erfolg des
Inserats ihr letztes Hoffen geknickt, sich zu
resigniren gesucht. Doch seit dem Tage, wo
ie den Mann wiedergesehen, der sie aus einer
Lebensgefahr gerettet, seit dieser sich ihr mit
Blicken genähert, die bis in das innerste
hrer Seelen drangen, und sie fühlen lernle,
Jemand bekümmere ihr Schicksal, seitdem hatte
hr Herz Wünsche und nie geahnte Empfin⸗
zdungen; sie strebte diese durch die Pflicht zu
zekämhfen, aber sie beobachtete auch die Hand⸗
ungen des Mannes, um den sie diese Kämpfe
hat, und als sie entdedte, daß Willrich in
dem Gelsebten eine Beute sah, da steigerte sich
ihre Abneigung gegen diesen in Abscheu und
VBerachtung, und ihre Kälte gegen den Baron
jollte einen doppelten Zweck haben. Ihr Be⸗
ragen mußte ihn aus ihrer Nähe verscheuchen,
und damit war Willrich's Plan durchschnitten;
der geliebte Mann soll gehen, nie wiederlehren,

ind wenn ihr Herz auch darüber brechen
nöchte; — was lag daran, war doch ihr
Leben verfehlt, und lange konnte es mit
inem gebrochenen Herzen auf Erden nicht
dauern ·.

Aber ihre Krämpfe vermehrten sich; der
Beliebte ging nicht, sondern sie mußte sehen,
wie sehr er unter ihrer Kälte litt, und wie
Willrich, einer Spinne gleich, sein Netz immer
dichter um sein Opfer zog, damit es ihm nicht
mehr entgehe.

Während der Baron so duldete und ver⸗
geblich einen Weg suchte, wodurch er die
Eisrinde von Leoniens Herz durchbreche, hatte
diese in ihren Kämpfen einen großen Ent⸗
chluß gefaßt; so konnte, so sollte es nicht
ortgehen. —

Es war ein trüber Tag. Der Himmel
var voller Wolken, schon fielen große Regen⸗
zropfen, während ein heftiger Wind den Staub
zon der Erde peitschte. Leonie stand am Fen⸗
ter ihres Wohnzimmers.

Vor einigen Minuten war der Baron
erust und traurig, wie er es schon seit langer
Zeit durch ihr Benehmen geworden, fortge⸗
zanugen und zwar nach einem ungewöhnlich
urzen Besuch, vorgebend, er habe wichtige
Briefe zu beantworten, aber diesmal in Wahr⸗
heit mit dem Vorsatz. Leoniens Kälte, die
noch eisiger als sonst war, nicht länger er⸗
ragen zu wollen; diese war so schroff hervor⸗
zetreten, daß auch Willrich davon betroffen
vurde und dadurch selbst seine sonstige rück⸗
ichtlose Rüge in Gegenwart des Barons
bergaß.

Jetzt stand sie am Fenster und suchte die
Bestalt des Geliebten noch in der Nähe zu
erspähen, denn er bliclte ja nie mehr nach
hrem Fenster zurück; er wußte ja nicht, daß
zasselbe Wesen, das ihn von sich verscheuchte,
astand und mit thränenden Augen seine Schritte
zerfolgte.

Geseukten Haupies stand sie da, als sich
Willrich's knochige Hand schwer auf ihren
Nacken legte.

Mehr erschrocken, daß ihre wenn auch
chmerzlichen Gedanken so unsanft unterbrochen
vurden, als auf ihrem Nacken die Wucht dieser
dand fühlend, trat Leonie von Willrich zu⸗
rück; aber ehe sie fragen konnte, was ihn zu
        <pb n="388" />
        der rauhen Berührung veranlasse, überhäufte
dieser sie mit einer Fluth von Vorwürfen,
während er dabei so aufgeregt wurde, daß
seine Stimme vor Wuth zitterte. Er nannte
sie kindisch, albern, untauglich für jede mensch⸗
liche Gesellschaft; bedauerte sich, hieß sich den
unglücklichsten Mann auf Erden, weil er eine
Frau habe, die ihm das Leben verkümmere,
und die Freunde von feiner Schwelle ver⸗
scheuche, und das müsse anders werden; aber
er würde sie fühlen lassen, daß er der
Hderr des Hauses fei und sie ihm gehorchen
müsse. J

deonie versuchte alles das gelassen anzu⸗
hören; aber als seine Vorwürfe sich häuften
und er immer weniger die Ausdrücke dazu
wählte, färbte auch ihre Wange die Röthe
des Zornes, und ganz von Entrüstung erfüllt
gebot sie ihm jetzt seine Ausdrücke zu mäßigen
und begann:

„Wohlan, Deine Rüchsichtlosigkeit verdient
keine Schonung! Unsinniger Mann, siehst Du
denn keine Gefahr für mich, wenn ich mein
Betragen gegen den Baron ändere? Hat Dein
eigennütziges Streben Dich blind gemacht?
Bedenke, daß der Baron mich lieben
könnte!“ —

Es war gesagt — aber weiter konnte die
unge Frau nicht sprechen, wenn fie sich nicht
zanz verrathen wollte; auch mußte das ja
Jenüg sein. — Willrich mußte doch aufmerk—
samer »werden, und liebte er sie auch nicht,
—X
jehlbar mußte in dieser unheimlichen Schwüle
eine Krise eintreten, welche die Qual in ir⸗
gend einer Art endete.

Zitternd mit gesenktem Blick stand sie da
und harrte seiner Antwort. Aber zu ihrem
sprachlosen Entseen lachte Wilirich hell auf
und enigegnete:

„Und mit diesem Phantastebilde glaubst
Du mich zu schrecken? Dich der Baron lie⸗
hen ? Du alberne Frau, welche überspannten
Gedanken spucken in Deinem Gehirn? Ich
übernehme die Gefahr und bekehle Dir, als
Dein Herr und Mann, der für Dich sorgt,
Dein Betragen gegen den Baroen zu ändern.
BHlaubst Du, dieser geistvolle Mann, der die

zjanze Welt beinah durchreis't hat, denke an
nichts höhres ?) Nein, er ist mein Schüler, ver⸗
ehrt in mir seinen Meister und es ist ihm
aur unangenehm, daß Du Dich so unver⸗
aünftig beträgft, weil Du grade meine Frau
hist. Uebrigens nimm Dir ein Exempel an
nir; Münzsammler find ernste Männer und
eine Phantasten. — Male Dir immer so
ziel Gefahren aus, wie Du willst; aber än⸗
dere Dein Betragen gegen den Baron
»der Du wirst meine ganze Strenge fühlen
lernen.“
(Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.
In der Sammlung von Manuscripten und
Documenten, welche beim Brande des erzbi⸗
chöflichen Palastes in Bourges vernichtet
vurden, war wohl eins der interesfantesten
ein Actenstück, welches persönliches Eigenthum
der Familie de Latour d'Auvergre war und
nichts Geringeres als die angebliche Exec u⸗
tionsordre zur Kreuztgung Jesu
CEh risti enthielt. Das Actenstück lautete
folgendermaßen:

„Jesus von Nagzareth, vom jüdischen
Stamme Juda, des Betrugs und der Rebellien
zegen die göttliche Autorität Tiberius Augu⸗
tus, des Kaisers der Römer, überführt und
vegen dieses Sacrilegiums über Verfolgung
insers Herrn, Herodes, Stellvertreters des
daisers in Judäa, durch Spruch des Richters
Pontius Pilatus zum Tode am Kreuz ver—
irtheilt, soll morgen Früh. am 23. des Idus
des März, unter Escorte einer Abtheilung
der Prätorianergarde zum gewöhnlichen Hin⸗
eichtungsplatze geführt werden. Der sogenannte
Zönig der Juden soll durch das Struneanische ()
Thor hinausgeführt werden. Alle öffentlichen
Beamten und Uatherthanen des Kaisers sind
angewiesen, der Ausführung dieses Urtheil⸗
pruchs ihre Unterstützung zu leihen. Jerusalem
22. des Idus des März. A. U. 788. Capel.“

Druck und Verlag von F. X. Demeßz in St. Ingbert.
        <pb n="389" />
        Unterhaltungsblatt

jum
St. Ingberter Anzeiger.
121331.

Nr. 100. Donnerstag, den 24. Au au st
Ein böses Gewissen.*

so dürfe sie nur fordern, ich würde den höh
sten Preis zahlen, vorausgesetzt, daß dieser
nicht gar zu hoch begriffen sei. Die Frau
maß mich mit mißtrauischen Blicken und stellte
entschieden in Abrede, daß sie derartige Pa—
piere besitz,, worauf ich erwiderte, ich wifsse
das Gegentheil zu genau, als daß ich mich
so ohne Weiteres abweisen ließe, das Doku⸗
nent sei veriegelt, sie möge es mir nur ein⸗
nal zeigen, ich wollte ihr eben sagen, ob ich
von demselben Gebrauch machen könne oder
nicht, Die Frau blieb fest, jedenfalls hatte
hr Mann sie instruirt, und selbst der Klang
des Geldes, welches ich auf den Tisch warf,
bermochte nicht, sie meinem Wunsch geneigt zu
machen, sie läugnete hartnäckig, ein solches
Dokument zu besitzen. Ich sah endlich ein,
daß Alles vergeblich war, und wollte mich
schon entfernen, als der Sohn des Ackerers,
ein ziemlich stämmiger Bursche, eintrat. Kaum
erfuhr er mein Begehr, als er sich dicht vor
mich hinstellte und mir in ganz unzweideuti⸗
gem Tone rieth, ich möge das Haus sofort
verlassen, wenn ich nicht gewärtigen wolle,
gewalisam an die Luft gesetzt zu werden. Er
lenne diese Schleichwege sagte er, ich solle
mich aber nicht der Hoffnung hingeben, je
dieses Dokument zu besitzen. Er werde jeden,
der Verlangen nach demselben trage, in einer
Weise heimschicken, die ihm die Wiederlehr
verleiden solle. — Der drohende finstere
Blick des Burschen, seine herausfordernde
Haltung und die Gereiztheit, welche sich in seinem
Wesen kundgab,ließen mich nicht bezweifeln, daß
die That den Worten auf dem Fuße folgen könne,
deßhalb zog ichvor, gleich den Rückweg anzutreten.“

Novelle
von Ewald August König.
(Fortsetzung.)

Der Buchhalter zuckte die Achseln. „Mann
kann sich in den Menschen täuschen, doch
brechen wir einstweilen von diesem Thema
ab. Also, ich sallte der Frau dieses Ackerers
das Dokument aus den Händen locken, so
lautete mein Auftrag. Ich begab mich un—
verzüglich auf den Weg und traf nach Mittag
in dem Dorfe ein. Als ich in das Haus
des Ackerers trat, sah ich in der Wohnstube
auf einem Brett verschiedene alte Bücher
stehen. Ihr wißt, ich bin ein Freund solcher
alter Bücher, unter ihnen findet man oft ver⸗
gessene— Schätze, die längst verschollen sind,
und so hatte ich denn nichts Eiligeres zu
thun, als Bücher zu durchstöbern. Ich knüpfte
mit der Hausfrau eine Unterhaltung über
das Wetter, die Getreidepreise und den Hagel⸗
schlag des vergangenen Jahres an und sah
inzwischen die Buͤcher nach. Was ich suchte,
jand ich nicht, die Schriften hatten für mich
kein Interesse, weil sie theils über den Acker⸗
bau, theils über juristische Fragen handelten,
aber sie boten mir einen Anknüpfungspunkt,
wie ich ihn besser wohl nicht finden konnte.
Ich / gab vor, ich sei ein Liebhaber von alten
Buͤchern und Dokumenten und habe ver⸗
nommen, daß sie oder ihr Gatte, was doch
gleichbedeutend sei, ein solches Dokument be⸗
sitze, wenn sie mir dasselbe überlassen wolle,
        <pb n="390" />
        „Und was sagte Krämer zu dem Resul⸗
sat Eurer Sendung?“ fragte Ernst, der
augenblicklich vermuthete, daß dieser Sendung
eine Schurkerei zu Grunde lag.

Was er sagte?“ fuhr der Buchhalter
zornig fort. „Er schalt mich einen Dumm⸗
kopf, einen Esel, der zu nichts Anderem tauge,
als in alten Scharteken zu blättern, einen
Vtenschen, der gänzlich abgestumpft sei! Das
war mein Dank! Als ob er es hätte besser
machen können!“

Ernst erhob sich und nahm seinen Hut.

„Wohin?“ fragte die Mutter, erstaunt,
daß ihr Sohn so spät noch ausgehen wollte.

„Zum Doktor Schacht,“ erwiderte der
junge Mann, „er muß unserm Freunde bei⸗
stehen. Schulz mag in der Ackerwirthschaft
zu Hause sein, in den Gesetzen ist er nicht
hewaͤndert, deßhalb will ich Schacht bitten,
daß er die Vertheidigung des Gefangenen
übernimmt.“
„Er ist ein guter Mensch,“ sagte die
Wittwe. „Gott möge ihn segnen und ihm
geben, daß er noch einmal so glücklich wird,
wie sein edles Herz es verdient.“

„Ich stimme in den Wunsch ein,“ erwi—
derie Helldau. „Ihn und Mathilde glücklich
zu sehen, ist der einzige und höchste Wunsch
meines Herzens. — Mathilde hat ihn lieb,
sehr lieb,“ fuhr er nach einer kurzen Pause
fort, „sie spricht immer von ihm, geben Sie
Acht, aus den beiden kann mit der Zeit noch
einmal ein schmuckes Paar werden.“

Die Witiwe sah erstaunt dem lächelnden
Manne in's Antlitz.

„Possea,“ versetzte sie, „ich denke nicht
im Entferntesten daran. Matbhilde ist die
Tochtet eines Millionärs, Ernst ein blutarmer
Agent, der mit geliehenen Kapitalien sein Ge⸗
schäft beginnt·.

„Sie übertreiben auf beiden Seiten,“
nahm der Buchhalter das Wort. „Krämer
mag seine zweimalhunderttausend Thaler in Ver⸗
mögen haben, ein Millionär ist er nicht. Ich
gebe zu, daß er sich weigern wird, in eine
jolche Heirath zu willigen, man bedenke indeß
auch, daß der Alte seine Tochter liebt, wenn
ie fest bel ihrer Wahl beharrt, so muß er
im Ende doch nachgeben. Ernst besitzt Talent

und Fleiß, er erbt einst von Ihnen dies
Häuschen.“

„Und das ist anch Alles,“ unterbrach die
Wittwe ihn, „das kleine Legat, welches mir
von der Familie meines verstorbenen Mannes
ausgezahlt wird, erlischt bei meinem Tode.“

Helldau rieb sich verlegen das Kinn. „So
so, ein Legat?“ sagte er. „Ich habe bisher
immer geglaubt, Sie besäßen einige Kapita⸗
lien — — nun, nun, wenn das Legat nicht
zar zu kärglich zugemessen ist, kann man's noch
immer gelten lassen.“ Der eigenthümliche Ton, in
velchem der Alte diese Worte sprach, die
Verlegenheit, welche zu verbergen er vergeblich
iich bemühte, mußten die Aufmerksamkeit der
Wittwe erregen, aber Helldau ließ ihr nicht
Zeit, über den Grund lange nachzudenken.
„Das Junggesellenleben ist immer nur ein
halbes Leben,“ fuhr er fort; „mag man auch
die Vortheile desselben an's Licht zu ziehen
suchen, die Schattenfeiten treten doch immer
hervor. Habe ich Recht, Frau Heller ?“

„Ich bin nicht kompetent darüber zu ur—

theilen,“ erwiderte die Wittwe, einigermaßen
verlegen.
Frreilich nicht,“ fuhr Helldau ihr in's
Wort fallend fort, „Sie können ja nicht wis⸗
sen, wie einem alten Junggesellen oft zu
Muthe ist. Aber ich, — ich empfinde es,
rotzdem Ihre Freundschaft mich vor den Un
annehmlichkeiten des Junggesellenstandes zu
bewahren jucht. Ich verkenne nicht, daß Sie
Manches an mir gethan haben, Manches und
jo viel, daß ich es nicht gut zu machen weiß,
aber“ den eigenen Heerd können Ihre Auf⸗
merksamkeit und Fürsorge mir doch nicht
ersetzen.“

Der alte Mann war sichtbar gerührt, um
seine Lippen zuckte es einige Mal, er that
sich Zwang an, seine Rührung zu verbergen.
Der Wittwe war auch nicht so ganz wohl
beil den Worten des Junggesellen, sie fühlte sich
sum erstenmal seit ihrer Bekanntschaft mit
Helldau befangen in seiner Gegenwart, sie
wußte nicht, wie sie seine Worte deuten
ollte.

„Sehen Sie, als ich heute Morgen so
mutterseelenallein über die Landstraße wan⸗
derte und auch auf dem Rückwege malte ich
mir in Gedanken lebhaft das Glück eigener
        <pb n="391" />
        Haäͤuslichleit aqus,“ nahm der Buchhalter nach
iner kurzen Pause wieder das Wort. „Ich
dachte, wie angenehm es sein müsse, bei der
Heimkehr nach Hause in das treue Auge eines
Weibes sehen, am eigenen Heerde fich wär⸗
men und dem Schalten und Walten der
Hausfrau stillvergnügt zuschauen zu können.
nd dann hätte ich mich wieder vor den
Kopf schlagen mögen, daß ich damals in
meinem Jugendjahren so thöricht gewesen bin,
bieses Glück ganz zu verkennen.“

Fortsetzung folgt.)

die Adresse, dann rief sie mit derselben Hast
hr Mädchen und sandte diese nach dem Ho—
el des Varons, ihr auftragend, den Brief
dem Baron persönlich zu übergeben.

Diese kleine Gunst konnte sie fich nicht
»ersagen; das Mädchen sollte ihr wenigstens
'agen, wie er den Brief aufnahm und ob er
hr eine Zeile zur Gewähyrung ihrer Bitte
chreiben würde. Diese Zeile sollte ihr Re—
iquie sein und neben einem theuren Ange—
denken ihrer Mutter dann fortan auf ihrem
Herzen ruhen. —

Als das Mädchen das Haus verließ, ging
auch gleich darauf Willrich aus. Er ging
auch durch Leoniens Zimmer, aber noch immer
brummig und ohne ihr ein Wort zu sagen. —
Sie sah ihn gar nicht; ihre ganze Seele be⸗
gleitete das Mädchen mit dem Briefe. Mit
lopfendem Herzeñ stand sie wieder am Fen⸗

Fortfetzung.) ter; der Himmel war noch immer dunkel,

Diese Worte begleitete Willrich mit einemn iber in der Seele der jungen Frau sah es
drohenden Blick und ging dann nach seinem doch viel trüber aus. —

Zimmer. Jetzt erst, nachdem der Brief fort war,

Er hätte in diesem Tone noch lange fort- ühlte sie, was sie gethan, in ganzer Bedeu⸗
prechen tönnen, Leonie hätte ihn mit keinen ung. Und als nach einer langen Stunde
Worte unterbrochen, so starr stand sie bei dem das Mädchen wiederkehrte und Leonie, die,
vas sie vernahm, und erst als Willrich gee hrer harrend, ihre Stellung am Fenster nicht
— Jeändert hatte, sah, daß die Miene des Mäd⸗

Sie that einen tiefen Athemzug, drückte hens schon in der Entfernung als ungewöhn⸗
die Hand auf ihr Herz und trat dann hastig lich heiter zu erkennen war, da fühlte sie den
an ihren Schreibtisch. 5 —

Die Feder flog, geführt von zitlernder Ha die Glückliche ahnt nicht, daß sie
HPaud, über das Papier, nur einigemal unter⸗ mein Zlück forigelragen !“Aber ihr Aihem
brochen durch tiefe Seufzer. tockte fast, als sie des Mädchens Bericht

Es war ein Brief an den Baron. zernahm. Diese hatte den Baron im Hotel
Es⸗ gab keinen andern Weg. Sie bat ihn zetroffen und in seinem Zimmer, wie Leonie
in den flehendften Ausdrücken, ihr Haus fer⸗ hr dufgetragen, ihm selbst den Brief über—
ner zu meiden — nach den Gründen dieser aAben.
ungewöhnlichen Bitte solle er nicht fragen. 45 4
pen ee ie saten dent e , Der Baron hatte exst. ret ernst ausae
ihn Varluf and Gefahr brohe In der ehen, achtlos den Brief genommen, aber dann

zätte er wie versteinert auf die Adresse ge⸗
dast wurden die Worte nicht so abgewogen, ee dae ne esgen inbe *
Zronie vergaß die angenommene Käite, als iett, da Oehsnn in der due
Papier halb entzwei gerissen, den Inbalt über⸗
sie den Brief mit folgenden Vorten schloß: 2 ffe:

Ich flehe Sie an, erfüllen Sie meine logen, die Hand an die Stirn gelegt und
gitte Viben Sie wohl, mohen Sie ein dann Dederhelesen und dazwischen gerufen:
Blück finden, wie Sie es berdienen. „Ist es möglich! Ich träume nicht ?“

Leonie.“ Darauf hatte er sich besonnen, dem Mäd⸗

Ohne das Geschriebene noch einmal zu chen einen Thaler gegeben und mit stummer

üͤberlesen, couvertirte sie den Brief und schrieb Geberde angedeutet, sie solle gehen.

——
        <pb n="392" />
        Leonie hatte den Bericht angehört und
wankte nach ihrem Zimmer zurück. ——

Sie warf sich in einen Sessel, den der
Baron immer eingenommen, wenn er ernst
und einsilbig ihr gegenüber gesessen, und ver—
geblich auf ihrem Gesicht einen Schimmer der
Wärme gesucht hatte.

„Er antwortet nicht, aber er wird meine
Bitte erfüllen. — Wehe mir Armen! — O
mein Gott! jetzt sei auch Du gnädig und
laß mich sterben. Meine VLiebe habe ich Dir
hingegeben, jetzt nimm mir auch das Leben!
Oder kannft Du verlangen, daß ich, ohne
ihn, noch weiter an der Seite dieses Mannes
fortleben soll, der kein Bedenken trug, mich
für einen Eigennutz zu verkaufen ?!“ —

Laut weinend bedeckte fie ihr Gesicht mit
beiden Händen.

Sie hörte nicht, daß die Thüre leise ge⸗
öffnet wurde, daß leise Tritte sich ihr näher⸗
len, sie zuckte erst zusammen, als eine Stimme
dicht an ihrem Ohr flüsterte.

„So hat dieses Herz doch Gefühl, so
lönnen diese Augen doch weinen?“

Leonie stand auf; der Baron stand dicht
vor ihr und sah ihr in die Augen. Einen Mo—
ment begegneten sich ihre Blicke.

Leonie!“ rief er, ihr den an ihn ge⸗
sandten Brief vorhaltend, „schrieben Sie diesen
Brief ?“

Leonie suchte sich zu sassen, aber noch
gelang es nicht, denn ihre Stimme war
unfsicher, als sie mit gesenttem Haupte ent⸗
gegnete:

„Ich schrieb diesen Brief — ich schrieb
ihn an einen Mann, an dessen Edelmuth ich
appellirte“ —

„Und an das Herz dieses Mannes dach
ten Sie nicht ?

Sie gewann äußere Ruhe, sie entzog
ihm die Hand, die er in der Bewegung er⸗
faßt hatte.

„Herr Baron — lassen Sie mich nicht
glauben, daß ich meine Bitte vergeblich an
Sie gerichtet, — daß Sie, ihrer nicht ach⸗
tend, noch ferner dieses Haus betreten
werden.“

Der Baron sah sie ernst und forschend an.

Druck und Verlag von F. X. Demez in St. Ingbert.

Ihre Bitte ist eine Forderung — ich ge—
horche. — Aber wie man dem zum Tode Ver⸗
uürtheilten sein letztes Verlangen gewährt, so
habe ich vor unsrem Scheiden zwei Fragen,
an deren Beantwortung mir alles liegt.“

Fragen Sie, — ich werde antworten,
wenn ich's kann.“ —

„Leonie,“ rief er aus tiefster Seele, „Sie
zwingen mich, von Ihnen zu gehen, und mein
Körper jolgt Ihrem grausamen Gebote, aber
meine Seele lasse ich Ihnen zuꝛück.“

Die junge Frau machte eine Bewegung,
der Baron verstand diese nicht, und sie falsch
deutend, fuhr er fort:

„O wenden Sie Sich nur jetzt nicht von
mir — nur jetzt suchen Sie nicht jene eisi⸗
gen Blicke wieder hervor, unter denen mein
Herz erstarrt. Halten Sie diese nur so lange
zurück, bis ich zu Ende gesprochen. — —
Ich will Ihnen ja kein Bekenntniß machen,
nichts von meinen Gefühlen sagen, nichts
pon — *
(Fortsetzung folgt.)

Mannigfaltiges.
(Im Paßbureau.) Ein elegant ge⸗
kleideter junger Mann ließ sich einen Reise—
paß ausstellen.

„Welches Geschäft?“ fragte der Beamte.

Ich bin Haarlkünstler —“

Dräcden sie sich bestimmter aus, Friseur
gzher Bürstenbinder ?“
In einem fashionablen Hotel in Was⸗
hington stand kürzlich in der Küche ein
zum Baceen vorbereiteter Teig. Eine junge
Katze versuchte davon zu naschen, versank aber
in der süken Masse, welche sich alsbald, von
der Hefe getrieben, hob und über ihr zusam—
menschlug. Zur rechten Zeit war der Pudding
fertig und vurde zum Dessert servirt; doch
als der animalische Inhalt desselben kund
wurde, leerten sich die Stühle der Gäste in
überraschend schneller Weise, und draußen gab
es Heulen und Zähneklappern.
        <pb n="393" />
        Anterhaltungsblatt

zumn
A
Nr. 1I0I. Sonntag, den 27. August —

— —
* *

4

Die Wacht am Rhein.
Aus der „Neuen Didaskalia.“
Es braus't ein Ruf wie Donnerhall
Durch Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein! zum Rhein. zum Rhein!.
Wer will des Stromes Hüter sein?
Fieb Vaterland magst ruhig sein! ⁊c,
Durch Hunderttausend zuckt es schnell
Und Alier Augen blitzen hell:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wir werden deine Hüter sein!“
Lieb Vaterland ꝛc.

Gambetta faßt den kühnen Plan:

„Bourbacki greif im Nücken au!“

Doch Werders Corps, die Felsenburg,

Sprach „Hier, mie in Freund, kom mit

Niemanddurch!“

Lieb Vaterland kannst ruhig sein!

Fest stand und treu die Wacht,

Die Wacht vom Rhein!

Fest stand und steht fortan

Die Wacht vom Rhein!

Ein böses Gewissen.“
Novelle
von Ewald August König

Bei Weissenburg, da hat's geblitzt,
Hat selbst der Turcos Blut geschwitzt;
Hei Wörth bekam er lange Bein,
Trankt keine Rosse mehr im Rhein!

dieb Baterland kannst ruhig sein,

Fest stand ꝛc.

Fortsetzunig.)

„Noch ist es nicht zu spät,“ versetzte die
Witiwe, welche den Seelenkummer des Buch⸗
halters begriff und durch herzliche Theilnahme
ju lindern suchte. „Sie sind ein rüstiger
Mann, kaum über die Vierzig hinaus, haben
eine gute, einträgliche Stelle“ —

„Nein, nein,“ unterbrach Helldau. meine
Steliung kann nicht in Bekracht kommen, denn
wenn ich mich wirklich entschließen wüurde
jeht noch zu heirathen, so wäre die erste
Huuptbebingung, daß ich den Posten bei
Krämer quittirte. Ich bin langde genag
Schuhbutzer des Rentners gewesen und bei
aller Anhänglichkeit an meinen Prinzipal,
hei aller Liebe zu seiner Tochter fühle ich
doch, daß das Verhältniß, in welchem ich
zu Krämer stehe, meiner unwürdig ist. Meine
Fenntnisse und Erfahrungen ,befahigen mich

Der Hochmuth und die Prahlerei
Der Waͤlschen ward zum Angstgeschrei:
Rur Flucht, nur Flucht, nur eil'ge Flucht,
Ein Jeder schnell das Weite sucht.

Lieb Vaterland ꝛc.

So ging's voran in Sturmeseil,
Dem Franzmann blieb gar kurze Weil.
Saarbrücken, Metz und dann Sedan,
Aus ist dein Reich Napoleon!

Lieb Vaterland ꝛe.

Paris, dem alten Babel gleich
An Hochmuih und an Sunden reich:
Nuͤr zu, mir zu, nur immer zu—
Auch Du gelangest bald zur Ruh!

Drum Vaterland ꝛc-
Bei Orleans da tobt der Kampf,
Zehn Tage nichts als Pulverdampf.
Die Wacht, die Wacht, die Wacht vom Rhein,
—X Sieger sein!

Lieb Vaterland x.
        <pb n="394" />
        zu einem andern Posten, als zu dem eines
hommse pour tout.“

„Wie oft habe ich Ihnen dies sagen
wollen!“ entgegnete die Wittwe. „Aber ich
befürchtete, die Anhänglichkeit an Ihren
Prinzipal —“

„Sie hat ihre Grenzen,“ versetzte der
Buͤchhalter rasch. Heute Mittag, als ich gleich
einem Schulbuben dem jungen Bauer gegen⸗
überstand, empfand ich tief, welchen unwür⸗
digen Posten ich ausfülle, ich mag mich
nicht. länger zu solchen Kommisssonen her⸗
geben.“

Er sah eine Weile in düsterem Schweigen
vor sich hin, offenbar kämpfte er mit einem
Entschluß.

„Ja, ja, heirathen wäre für mich das
Beste,“ fuhr er endlich fort, „aber ich möchte
eine Frau haben, die ganz zu mir paßte, im
Alter, im Charakter, kurz, ein Weib, welches
mich so nehmen und verstehen kann, wie ich
mich gebe. Was meinen Sie dazu, Frau
Heller ?

Die Wittwe nickte, wie alle Frauen ihres
Alters nahm sie an solchen Heirathsprojekten
lebhaftes Interesse.

„Und wenn ich nun eine solche Frau ge⸗
funden hätte, wenn ich entschlossen wäre, sie
zu heirathen, würden Sie wohl ein gutes
Wort für mich einlegen 77
Frau Heller sah überrascht von ihrem
Strickstrumpfe auf.

„Sie haben Ihre Wahl bereits getroffen?“
fragte sie. „Da sehe mir einer die Jungge⸗
sellen an, sie sind so friedliebend und un⸗
schuldig nicht, wie sie sich den Anschein geben.
Ja nun, wenn diese Frau mir bekannt ist
und ich Grund habe, zu glauben, daß sie
einen Mann glücklich machen wird, so siehe
ich gern zu Ihren Diensten.“

„Und wenn Sie selbst die Frau wären 7?“
jragte Helldau rasch, dem mit dieser Frage
eine Last vom Herzen fiel.

—AX
gerechten Bestürzung, sie war auf einen sol⸗
hen Antrag nichts weniger als vorbereitet
und blickte, um ihre Verwirrung zu verbergen
und Zeit zu einem Entschlusse zu gewinnen,

so unverwandt auf ihren Strickstrumpf, als ob
sie jene Fragen ganz überhört hätte.

„Würden Sie meinen Antrag zurücdckwel-
sen?“ fuhr der Buchhalter fort. „Sie wissen
selbst, daß ich nirgends mich so heimisch fühle.
wie bei Ihnen, daß Sie allein im Stande
sind, auf meine Eigenheiten und Gewohnheiten
einzugehen.“

„Aber was werden die Leute dazu sa—
gen?“ entgegnete die Wittwe, welche das
Heirathen durchaus noch nicht abgeschworen
hatte.

„Ktümmert's uns?“ erwiderte Helldau
achselzuckend. „Die Leute werden vielleicht ein
paar Wochen lang ihr Erstaunen oder auch
ihr Mißfallen äußern und schließlich sich daran
gewöhnen.“

Wollte die Wittwe ehrlich sein, so füblte
sie sich durch den Antrag geschmeichelt, auf
der anderen Seite bedachte sie auch, daß der
Beistand eines Mannes in manchen Fällen
sehr wünschenswerth und die Erfahrung und
Beschäftskenntniß des Buchhalters für Ernst
von großem Nutzen sein könne.

„Aber was wird mein Sohn sagen, wenn
er ersfährt, daß —“

„Ernst ist gewohnt, ia mir seinen Vater
zu sehen,“ fiel Helldaun der Zögernden in's
Wort, „ich bin überzeugt, er wird über un⸗
jern Schritt sich freuen und ihn billigen.“

Die Witwe legte jetzt den Strickstumpf
hin und sah dem Brautwerber mit mildem
Ernst in's Auge. „Noch habe ich mich nicht
entschlossen,“ versetzte sie, „gönnen Sie mir
einige Tage Zeit zu diesem Enischlusse. Aber
bebvor ich zu einer ernstiichen Erwägung des⸗
selben übergehe, muß ich wissen, was Sie in
Bezug auf Ihr Verhältniß Ju Krämer und
aberhaupt für die nächste Zukunft zu thun
gedenken.“

„Auch darüber bin ich bereits mit mir
im Reinen,“ entgegnete der Buchhalter, dessen
Züge durch die Aussicht auf das Jawort der
Wittwe sich sichtbar erheiterten, „ich bewerbe
mich im Stillen um einen anderen Posten,

—R
wird, und kündige, sobald ich einen solchen
gefunden habe, dem Rentner.“

„Ich din mit diesem Vorsatz einverstan⸗
den,“ fuhr die Wittwe fort. „Sie werden nun
einsehen, daß unserer Verlobung die Hochzeit
auf dem Fuße folgen müßte, damit den Leuten
        <pb n="395" />
        nicht lange Zeit zu Vermuthungen und un—
nützem Gerede gegeben wird, erlauben Sie
mir deßhalb, meine Antwort auf Ihren An—
trag bis zu jenem Zeitpuntt aufzuschieben,
in welchem Sie mir sagen können, daß ein
glücklicher Eifolg Ihre Bemühungen um jene
Stelle gekrönt hat.“

Die Wittwe erhob sich nach diesen Wor⸗
ten und verließ, ohne eine Antwort abzuwar⸗
len das Zimmer.

Helldau war nicht so beschränkt, daß er
nicht das versteckte Jawort herausgefunden
hätte, er mußte die Gründe der Wittwe gel⸗
jen lassen und begnügte sich deßhalb auch mit
dem vorläufigen Bescheid, indem er sich vor⸗
nahm, am nächsten Tage seine Bemühungen
mit rastlosem Eifer zu beginnen.

4. Kapitel.

Seit der Verhaftung des Ackerers waren
acht Tage verstrichen. Seine Sache stand
schlimmer, als er selbst und seine Angehörigen
glauben mochten. Dank der Bemühung des
Bürgermeisters und dem JInquisitions-Talent
des Untersuchungsrichters hatten sich so viele
Beweise gegen Schulz gefunden, daß selbst
der geschickteste Advokat gezweifelt haben
würde, sie alle widerlegen zu können. Der
Ackerer ahnte nicht, welche Feinde er hatse,
und wie thätig diese gegen ihn operirten,
er baute fest darauf, daß das Gericht, wenn
es wirklich zur Gerichtsverhandlung kam, ihn
freisprechen müsse. Dasselbe Vertrauen hegten
Gotifried und dessen Mutter, welche ab und
zu in die Stadt kamen, um mit dem Ge⸗
fangenen über dies oder jenes Rüchsprache zu
aehmen.

Der Pfarrer hatte dem Ackerer das beste
Zeugniß ausgestellt; auch das des Bürger⸗
meisters lautete in der Hauptsache günstig, ein
Unbefangener würde in des selben nichts zu
Ungunsten des Gefangenen entdeckt haben.
Dem Gericht aber konnte ein kleiner Satz
nicht entgehen; dieser Satz lautete, Schultz
habe in der letzten Zit ein scheus und in
sich gekehrtes Wesen gehabt, er sei dann oft
bei der unbedeutendsten Störung zornig und
wild aufgefahren. — Hieraus glaubte der
Instrulktiousrichter den Schluß ziehen zu dür⸗
fen, daß Schulz schon lange, vielleicht seit

dem Eintreffen des Briefes, in welchem der
Ermordete seine nahe bevorstehende Rückkehr
anzeigte, sich mit dem Gedanken an einen
Mord vertraut gemacht habe und dies auch
die Festigkeit und Unb fangenheit des Ange—
lagten während seines ersten Verhörs er—⸗
läre.

Fortsetzung folgt.)

Der Münzsammler.
(Staatsbzig.)
Eine Novelle.

——— ———
(Fortsetzung.

„Sie hatten zwei Fragen, Herr Baron,
unter deren Bedingung Sie meiner Bitte
Bewährung versprachen,“ unterbrach Leonie
einen feurigen Redestrom in mühsamer Be—
herrschung. Ihre Ohren wollten die Worten
nicht hören, und ihr Herz athmete sie wie
ein süßes Gift ein. —

Er stand eine Secunde schweigend.

„Ja so — Sie wollen die erste Frage —
Leonie, antworten Sie wahr darauf: — Ist
Ihre Ruhe, Ihre eisige Kälte Maske, oder
haben Sie wirklich kein Herz?“

Leonie blickte zu Boden, es galt jetzt, sich
zu beherrschen; denn seine Blicke ruhten durch-
hohrend auf ihr. J J

„Herr Baror, diese Frage bin ich nicht
berechtigt, zu beantworten“

„Nicht ?“ fragte er bedeutungsvotl. —
„Damit weichen Sie mir aus: doch gut!
mir bleidt die zweite Frage; Soll ich nicht
nehr Ihr Haus betreten, so muß ich auch
diese Stadt verlassen; sonst könnte ich Ihnen
nein Wort nicht halten. — Ich will darum
ioch heute reisen; aber gestatten Sie mir,
vaß ich an Sie schreiben darf und Sie mir
azutworten werden? Wir vergessen, daß wir
ins gekannt, vergessen alles, — aber begeg⸗
nen wir uuns auf geistigem Gebiete. Sie ent⸗
Jjüllen mir Ihre Zweifel, ich belehre Sie,
vo ich kann, — So füllen wir Beide die
Leere unsrer Herzen aus, ohne daß unfer
Seelenaustausch Sie in Zwiespalt mit ihrem
Bewissen, mit den Pflichten gegen Ihren
Vatten bringt. Nichts anders als ein geistig
        <pb n="396" />
        geschwisterliches Freundschaftsband soll uns
verkuüpfen.“

Die junge Frau horchte auf. Welche
Worte vernahm sie aus seinen Munde. Er
sprach ihr einstiges Sehnen, ihr ganzes Em⸗
pfinden aus. Vollkommen ohne Ahnung, daß
fie die eignen Worte hörte, die sie einst ge⸗
schrieben, machten sich im Moment in ihr die
frühern Träume wieder geltend. Sie durfte
von ihm nicht ganz geschieden sein. Er ver⸗
stand sie; er konnte wie ein Bruder mit ihr
jühlen; — sie durfte vor solch einem Brief⸗
wechsel nicht errbthen. — Ja, das war der
einzige Rettungsweg.

Schon erhellte sich ihr Auge, schon wollte
sie sich ihm zuwenden, und ihre Lippen be—
wegien sich, um die Zusage zu diesem Glücke
zu flüstern, — da aber sah sie ihn an, gluth ˖
voll beobachteten zwei Augen ihre Mienen;
die Gluth drang bis in das innerfte ihrer
Seele — aber der Schimmer der Freude,
der ihre Wangen gefärbt, schwand.

Nein, das war vorüber: — mitl ihm
konnte ein geistiger Gedankenaustausch ihr
nicht mehr genügen. Wie konnte sie vergessen,
daß sie ihn gekannt, daß sie in seinen Augen
Liebe gelesen, die sie nicht erwidern durfte!
— Seine Briese konnten nur neuen Kampf
erzeugen. Matt entgegnete sie;

Ihre Frage ist ein Wunsch — ein
Berlangen, dem ich nicht entgegenkommen kann,
— weil —

.. Weil, weil Sie sich scheuen zu gestehen,“
rgänzte er, „daß Ihre Seele diejes Ver⸗
langen lüngst gehegt hat —

„Sie schweigen,“ fuhr er fott. „Das ist
das sicherste Zeichen, daß Sie nicht Nein sagen
köntren, ein Zeichen der Wahrheit, baß Sie
unglüclich sind ·

Hastig wollte Leonie ihn unferbrechen.

Leonie,“ bat er slehend. „Sagen Sie,
vaß Sie unglücklich find, — brechen Sie die
Rinde Ihres stolzen Herzens! Der treueste
Freund steht vor Ihnen, der mehr von Ihrem
ehen weiß, als Sie ahnen!“

Befremdet, aber noch immer ohne zu
ahnen, was der Baton andeutete, sah ihn die
unge Fratr an.

„Ich verstehe Sie nicht. Niemand kann
don meinem Leben mehr wissen.“ —

„Darf ich sprechen ?“ —

„Ich fordere es.“ —

„Wohlan. — Einst vertrauten Sie einem
Fremden, einem Ihnen Unbekannten ihr
Leid.“ —

„O mein Gott!“ höhnte sie, sich mit
tinem Mole ihres ersten Briefes erinnernd.

„Und dieser Fremde war so ehrlos. das
Vertrauen einer Frau zu mißbrauchen?“

„Dieser Fremde“ fuhr der Baron feier⸗
lich fort und trat näher, um die wankende
junge Frau zu unterftützen, „steht vor Ihnen
und möchte Ihr Glück mit seinem Herzblut
erkaufen.“

Leonie starrte den Barson mit jener sprach⸗
losen Empfindung an, in der man sich nicht
klar ist, ob man träume oder wache. Alles,
alle Gefühle drängten sich auf einen Punkt
zusammen. Jetzt gibt es für Dich kein Mittel
mehr, dieser strafbaren Liebe zu entgehen.
Doch nein! nein! eher den Tod!

Sie wankle nach einem Sessel — doch
noch hatte sie diesen nicht ganz erreicht, als
hre Knien brachen und sie, nahe vor dem⸗
ielben, niedersank.

Im Augenblick wollte der Baron sie um⸗
fassen; sie wehrte seiner Hilfe.

„Zuviel ist auf mich eingestürmt, — Ha⸗
ben Sie Erbarmen, lassen Sie wich allein!
Gedenken Sie meiner Bitte!“ hauchte sie.

.Auch jetzt noch fordern Sie diesen grau⸗
famen Abschied?“ —

„Ich fordere ihn!“ — Sie barg ihr
Besicht in ihre Hande.

Der Baron verstand sie nicht mehr —
noch weniget ihr Gebahren; doch endlich
lehrte auch in ihm der Stolz deg Mannes zurück.

(Fortsetzung folgt.
Logogryßph.
Haßlich bin ich, viel verzehrend,
Der Verwandlung unte than,
Doch erblickst du mich verkleinertt,
Wirft du öfler freundlich nah'n. iuj.
Auflssung des Palindroms in Nr. M des Unter⸗
haltungsblattes: „Efse.“
Druck mmo Verlag von J. X. Demetz in St. Ingbert.
        <pb n="397" />
        Unterhaltungsblatt

Am
St. Ingberter Anzeiger.
r. 102. Dienstag, den 29. August

481.

Ein böses Gewissen.“
Novelle
von Ewald August König.

alte Frau scharf beobachtete; „die Beweise
gegen ihn jammeln sich von Tag zu Tag—
während für seine Unschuld kein einziger
Beweis zu finden ist“

— —

Wenn auch die Wangen der Frau er—⸗
bleichten, das Bewußtsein der Unschuld ihres
Mannes ließ keinen Zweifel in ihrer Seele
aufkommen, daß das Gericht sein „Nicht
schuldig!“ sprechen werde, „Mag der Schein
auch gegen ihn sein,“ erwiderte sie ruhig.
„die Herren Richter werden ihn nicht ver⸗
urtheilen, er ist ja so unschuldig an dem
Morde wie ein neugeborenes Kind.“

Der Bärgermeister zuckte die Achseln.
Mag sein,“ versetzte er, Ach besireite das
durchaus nicht, habe auch bisher au seiner
Unschuld noch nicht gezweikelt, aber.
er“ —“

Der Bürgermeister wußte, welche Wirkung
jener Satz machen mußte, mit weiteren Schrit⸗
ter wollte er warten, bis er mit Krämer im
Reinen war. Er hegte gigen den Rentner,
krotzdem er dessen schriftliche Erkllärung in der
Tasche trug, entschiedenes Mißtrauen. so lange
dieses nicht gesch vunden war, lonute er sich
zu einem energischen Vorschreiten gegeu Schulz
nicht verstehen. Die Hauptsache für ihn war,
sich des Dokuments zu bemächtigen; erst wenn
er dieses besaß, konnte er von dem Reutner
bie Erfüllung seines Versprechens fordern.
Wurde diese ihm verweigert. so war jenes
Dokument für ihn eine Waffe gegen den
Woribrüchigen.

Wetterau ließ die ersten Tage verstreichen,
ohne daß er einen Schritt in dieser Angele⸗
genheit that, dann trat er eines Morgens,
just als käme er nur zufällig vorbei, in das
Haus des UAckerers. Die Frau des Verhafteten
befand sich allein im Wohnzimmer, vermu⸗
thend, daß der Bürgermeister komme, um ihr
irgend efwas mitzutheilen, was auf das
Schicksal ihres Mannes Bezug habe, bot sie
dem Ehntretenden einen Stuhl an, auf wel⸗
chem dieser orne Zögern Platz nahm.
Es steht schlecht um Euren Mann,“
hob der Bürgermeister an; indem er aus
feiner Horndose eine Prise nahm und die

(Fortsetzung.) J

Nun * Aber 1“ fragte Frau Sqhulz, die
bel dem geheimnißvollen Wesen Wetterau's
doch eine innere Angst erwachen fühlte.

„Ja, seht, das ist ein elgenes Ding,
juhr der Buͤrgermeister fort. „Da sihen die
zwölf Geschworenen, Herren, welche Euren
Mann nie gesehen haben, also auch nicht
wissen, ob er ein braver rechtschaffener Mann
ist, die hören den Anklagealt des Staatsau⸗
waltes und die Zeugen werden nachher ge⸗
fragt, ob der Anusgeklagte schuldig sei oder
nicht. Da helfen keine Zeugnisse und wenn
sie auch noch so günstig wären, hier wird
nun gefragt, konnte der Angetlagte irgend
einen Grund haben, den Mord zu begehen?
Und wenn dies der Fall ist, dann haben fie
schon von varne herein die Ueberzeugung, daf
        <pb n="398" />
        ver Angellagte wirklich den Mord begangen
hat, versteht Ihr mich 7 2

Nicht so ganz!“ erwiederte die Frau,
deren Angst sich bereits steigerte.

„Nun, seht einmal, Euer Mann hatte
von dem Gelde, weldes Krämer ihm zur
Erziehnng seines Sohnes — wie heißt
er doch ?“

„Ernst,“ watf die Frau arglos hin.

„Seines Sohnes Ernst schickte, eine Summe
von zweihundert Thatern unterschlagen,“ fuhr
Wetterau, der im Stillen schon triumphirte,
fort, „das werdet Ihr doch zugeben müssen.“

Unterschlagen?“ fiel Frau Schulz ent—
rüstet ihm in die Rede. „Er hat das Geld
geliehen, um Vieh dafür zu kaufen, er wollte
es zurückgeben, sobald sein Herr hier ein⸗
traf.“
„Seht Ihr, da liegt der Hase im Pfeffer!
Leihen ohne Erlaubniß des Eigenthümers heißt
unterschlagen. Er wollte es zurückgeben, folg⸗
lich hat er es nicht zurückgegeben. Nun gut,
gefetzt auch, das Gericht nimmt die redliche
Ablicht an, dam«t ist indeß noch nichts ge—
wonnen. Der Brief Krämer's meldet dessen
kaldige Rückkehr, Euer Mann hat das Geld
noch nicht beisammen, es fehlen ihm 80
Thaler — was nun thun Soll er feinem
Herrn sagen: „Ich habe das, Geld für diesen
oder jenen Zweck ohne Deine Erlaubniß aus⸗
gegeben “ Ihr werdet einsehen, daß er diet
nicht konnte, Krämer würde ihn der Unred⸗
lichkeit beschuldigt haben, er mußte das Geld
sich auf jedenfalijzu verschaffen suchen. Dies
gelingt ihm: nicht, seine Ehre steht auf dem
Spiele, da fällt ihm der Gedanke ein: „Wie
wenn ich den Eigenthümer des Geldes qus
dem Wege schaffe d dadurch wäre mir auf
dem kürzesten Wege gehoffen, ich hätte nicht
nöchig, länger mich zu grämen, und könnte
die übrigen hundert und funfzig Thaler be⸗
halten.“
„Herr Vürgermeister!“ fuhr die Frau in
gerechter Entrüstung auf.

So laßt mich doch ausreden! Ich sage
—XRO
ich glaube, ich sage nur, die Herren Geschwo—
renrn werden sich in dieser Weise eine Ge—
schichte zusammenreimen, welche Eurem Manne
den Hals brechen muß. — Er geht also mi

diesen Gedanken einige Zeit um, macht sich
immer vertrauter mit demselben, und der Um⸗
stand, daß Niemand außer ihm von der
Rückkehr Krämer's etwas weiß, erleichtert sein
Vorhaben. Der Mord wird vollbracht, zu⸗—
faäͤllig aber fällt dem Mörder ein Meesser aus
der Tasche, welches sofort dem Gesitze einen
Beweis gegen ihn in die Hand gibt, dazu
treibt den Viörder die Gewissensangst, nach
dem Morde wieder der Erste anuf dem Schau⸗
platze des Verbrechens zu sein.“

„Ich denke, gerade dies müßte seine Un⸗
schuld beweisen,“ entgegnete Frau Schulz, die
an solche Kombinationen nicht im Entferutesten
gedacht datte.

„Im Gegentheil,“ fuhr Wetterau gelassen
fort, „die Beispiele stehen nicht vereinzelt da,
daß der Mörder, in dem guten Glauben, sich
dadurch von jenem Verdacht zu reinigen, so—
gar selbst die Anzeige von dem Verbrechen
gemacht hat.“

Die arme gequälte Frau konnte ihre Selen⸗
angst nicht mehr bemeistern, sie ergriff die
Hand des Bürgermeisters und bat ihn, ihr zu
rathen, ihr beizustehen, ihr Mann sei gewß
unschuldig, das Gericht würde sich einrs
Mordes schuldig machen, wenn es ihn ver⸗
urtheible. —

Wetterau zuckte die Achseln, und diese
kalte Gleichgültigkeit constratirte seltsam mit
dem teuflischen Triumph, welcher in seinem
stechenden Blick leuchtete. „Was kann ich dazu
thun entgegnete er. „Was ich thun konnte,
ist geschehen, ich habe Eurem Manne ein
dutes Zeugniß gegeben und will auch gern
vor Gericht bezeugen, daß er stets brav und
rechtschaffen war, ob dies aber der Anklage
gegenüber überhaupt einen Eindruck machen
wird, möchte ich fast bezweifeln. — Es gäbe
vielleicht ein Mittel, ein tinziges,“ fuhr er
nach einer kurzen Pause fort.

„Welches ?“ fragte Frau Schulz hastig.
„Sprecht, ich bin zu jedem Opfer bereit.“

„Ein Opfer wird nicht verlangt; es gilt
einfach zu beweisen, daß Euer Miann kieinen
Vortheil durch den Mord gehabt hätte. Wie
aber den Beweis führen ? — Für's Erste
müßten die zweihundert Thaler herlrig schofft
werden. Eucer Mann hat kreilich in dem Ber
dore gesagk, sie sesen noch nicht beilammen
        <pb n="399" />
        Herz fing an, Mißtrauen gegen Die zu hegen,
die er früher mit jenem Gefühl angeschaut
datte, mit dem der Katholik ein Heiligenbild
betrachtet.

Was war sie, eine Kokette oder eine Un⸗
glückliche, die er zu bemitleiden habe, weil
ihre Grundsätze sie unfehlbar zu Gruude
ricshten mußten? Unglücklich war sie, das jagte
hm ihr erster Brief —- doch der zweite? —
Sein Gehirn brannte, der Daͤmon des Arg⸗
wohns, der Eife'sucht flüstete erst leise, daun
auter: sie sei nicht mehr unglücllich, ihr Herz
nüsse vereits einen audern Freund gefunden
juben, daher ihr Eutsetzen, als sie die Eat⸗
deckung ihres ersten Briefes machte.

Zum Erschrecken des Droschkenkusschers
lachte der Baron beie seinem hittern Gedan—⸗
lengange hell auf, weil er sich für den Thoren
hielt, Leonie für mehr als ein gewöhnliches
Weib gehalten zu haben, für mehr als eine
Paud. — In seinem Hotel angekommen,
hoͤrte er nur halb auf des Portiers Meldung.
daß er Besuch bekommen häite.

Wie ein Abwesender gelanate er nach
seinern Zimmer, wie ein solcher öffnete er die
Thür, als iem an derselben seine Mutter
entgegentrat, ihn begrüßle und dabei auf'g
Jerzlichste umarmte. Nuben ihr stand Feiir
nit seinem unve wüstlich heitern Blick, und
eben Beiden, — der Baron wurde unwill⸗

„Und nun, kaltes, stolzes Weid, lebe ührlich aufmerlsam, — neben Wutter und
wohl! Du hast einen Mann unglucklicher gee Freund stand Maud, scwüchtern und he·
macht, als Du es sielbst dist!“ sensten Auges an den Arm ibres Onkels

Nur unoch einen Blick warf er auf Leonie, gelehnt j-c-—
dann ging ei hindus, wäre er einige Stcun⸗— Zu einer andern Zeit würe dem Baron
den länger geblieben, so härte er eiat Ohn- iess Wiedersehen mit seiner sehemaligen Verleb⸗
maͤchtige gesehen. — — — —XR ungelegen und vielleicht unangenehm gewesen,

Aber er stürzte wie ein Verfolgter aus uu dieser Stunde aber dantte ec dem Geschick,
dem Harse und über die Straße, warf sich daß gerade dieses Wesen ihm entgegentrat. —
dann in eine Droschke, und während Men- Die Erinuerung setner früheren Thorheif
schen lachend und heiter an ihm vorüber⸗ nußte ihn ia vollständig von seiner j·tzigen
tgingen, während sich der Wind gelegt hatte, Juößrieun überzeugen. — Freilich —L
die dunkeln Wotken vom Himmel schwanden Maud nur jene Maud wieder. die sich mi
and die Sonne herdorbrach, wurde es in ihm um seines Reichthums willen verlobt
seiner Seele inmer finsterer. Ja, und jetzt hatte, — und sah nicht die augenschemliche
war sein Eutschluß unerschütterlich, er mußte Vränderung, die met mit der jungen Tame
aAbreisen, wollte weder Berlin noch Leonse inzwscheu vorgegangen, Und die sehr zum
je wiedersehen. Da er keine Ahnung hatte, Vortyhell füt sie ausgefallen war.“
wie Leouie zweschen Pflicht und Liebe käm pfte, Von der sah er allerdings nichts; aben
deutete er ihr Benehmen auch dnders. Sein er begrüßte den alten Engländer, der über

es fehlten ihm noch 50 Thaler an der Summe,
indeß auf diese Aussage wird vielleicht wenig
Gewicht gelegt. Wenn ich zum Beispiel auf⸗
trete und sage, der Angeklagte habe mir am
Tage vor seiner Verhaftung jene zweihundert
Thaler mit der Bit!e überçceben, sie ihm bis
zu der Rückkehr Krämers aufzubewahren, so
ist jene Aussage schon entträftet. Oder besser,
ich sage, ihr hättet mir das Gelo gegeben,
aber vergessen, es Eurem Manne mitzutheilen,
ja, ja, so geht's.“

„Ich werde Euch die Summe einhändigen,
Gottfried soll morgen eine Kuh in die Stadt
bringen, dann schicke ich Euch die zwet hun⸗
dert Thaler,“ versetzte Frau Schulz, die zu
dem Bürgermeiner bereits Zutrauen zu fassen
begann. (GFortj. folgt.)

—— —
        <pb n="400" />
        das Wiedersehen mit seinem jungen Freunde
ganz aufgelös't vor Freuden war, aufs herz
lüchste, und auch Maud ward eine höfliche
Freundlichkeit zu Theil. Doch als er sie als
Lady anredete, nahm seine Mutter endlich das
Wort; bis dahin hatte sie die Begrüßung
ihres Sohnes mit seinen Gästen mit stiller
Befriedigung beobachtet und hatte sich dabei
nicht versagen können, zuweilen den Assessor
mit triumphirenden Augen anzusehen, der
dleich ihr die Brgrüßung scharf zu beobachten
schien. Sie sagte, zu ihrem Sohne ge⸗
wandt:

heit, sich in der Nähe des Mädchens zu
halten.

An einem Vormittag war die Baronin mit
Maud allein ausgegangen. Sie wollten einer
Jugendfreundin der Baronin einen Besuch
wachen. Es war das eine Dame, welche die
Hälfte ihres Lebens bei Hofe zugebracht und
von der Maud viel lernen sollte.

Aber es schien als wenn Maud gar nicht
so neugierig nach der Bekanutschaft der hohen
Lehrerin wäre. Nach den Augen beim Ab—
schied zu urtheilen, wäre sie vrel lieber in der
Besellschaft der Männer geblieben, am liebsten
freilich noch in der des Ass ssors; so hätte
ein schärferer Beobachter gesagt, wenn er beim
Abschied der jungen Leute zugegen gew sen—
wäre. Auch der alte Engländer war allein
ausgegangen, und zum ersten Male, seit sich
die Freunde wiedergesehen, waren sie endlich
allein, und nach diesem Alleinsein hatte sich
der Assessor gesehnt.

Aber schon eine lange Zeit waren sie im
Zimmer so beisammen, und noch haite Keiner
ein Wort gesprochen.

Der Baron saßk an einem Tisch und
blätterte in einem Album, das seiner Mutter
gehörte.

Felix stand ihm zugewandt, mit den
Rücken an das Fenuster gelehnt, rauchte eine
Tigarre und beobachtete das Thun des Freun⸗
des, ein wenig nachdenkend; eudlich begann er:

„Alexander, gedenkst Du das arme Album
nach dem Hades zu besördern ? Du gehst ja
grausam mit den Blättern um.“

Der Baron wies, statt darauf zu antwor⸗
len, mit seinem Finger auf eine Seite des
Albunis hin und sagte:

„Sieh nur, welch kindliches Vergnügen
sich meine Mutter gemacht hat. Wie sinnig!
Hier steht Maud und ich — und hier meine
Hutter. — Sieht es nicht aus, als hätte sie
uns wieder zu einem giücklichen Paare gemacht?“

Fortsetzung folgt.)

„Du bist im Irrthum, mein lieber Alexan⸗

der; unsre liebe Maud ist noch unvermählt,
und ich gedenke das liebe Mädchen jetzt in
Deutschland festzuhalten ·“·
Der Baron war gezwungen, über diese
Mittheilung seine Verwunderung auszusprechen;
aber dennoch war ihm in seiner jetzigen Stim⸗
mung der Gegensiand zu unwichtig, um gleich
danach zu forschen, ob Sir Artur todt sei
eder sich etwas anders noch zwischen die Ver⸗
bindung der jungen Leute gedrängt habe. Er
fragte nur nach der Tante und vernahm,
daß die gute Dame todt sei, plötzlich und
ohne lange Krantkheit das Zeitliche gesegnet
habe.
Das genügte dem Baron; er bemühte sich,
dem Gespräche eine andere Wendung zu geben,
und versuchte heiter zu scheinen; dennoch be⸗
merlte Der Assessor bald, daß der Freund
sich damit Zwang auferlegte und viel ernster,
ja, düsterer war, als er ihn je gekaunt
haite
Zwei Tage waren vorüber, Felix machte
bei den Gästen seines Freundes den Führer
durch Berlin; der Baron selbst begleitete die
Besellschaft nur, wenn seine Mutter es aus⸗
drücklich wünschte, wo er sich dann aber ge⸗
wöhnlich schweigsam verhielt oder dem alten
Engländer anschloß, mit dem er sich in ein
—AAæ

Vergeblich gab ihm die Baronin Gele⸗
genheit, sich an Mauds Seite zu gesellen;
er schien ihre Winke gar nicht zu bemerken,
und ließ seinem Freunde ungestört die Frei⸗

Druck und Verlag von F. X. Demnesß in St. Inabert.
        <pb n="401" />
        Unterhaltungsblatt

m
St. Ingberter Anzeiger.“

2
D.

Donnerstag, den 831. Augus — 1871.
Ein böses Gewissen.*

Zrämer im Grabe liegt, Ernst erfährt nie
einen wahren Namen und Euer Mann wird
Rüben ein reicher Farmer. Das Alles liegt
v llar auf der Hand, daß jedes Kind es be⸗
greifen kann und die Geschworenen werden
ofort ouf diesen Punkt fallen. Dem könnten
vir nun ebenfalls vorbeugen daduich, daß
Ihr mir das Dokument übergebt und Euer
Rann vor Gericht aussagt, er habe mir das⸗
elbe schon vor Jahren eingehändigt uud mir
die Leitung der Angelegenheit überlassen.
Das muß jeden Verdacht entkräften, das Ge⸗
sicht kann die Behauptung, der Angebllagte
sabe durch die Ermordung Krämers irgend
inen Vortheil gehabt, nicht aufstellen, im
Hegentheil muß alsdann angenommen werden,
daß Euer Mann durch den Tod seines Herrn
ur derlor. Er war aber ein guter Diener,
Jatte seine Pflicht redlich erfüllt und konnte
Iso die Rüdtehr seines Herrn nur wünschen,
der ihm eine Belohnnng gewiß nicht vorent-
hielt. — Wollt Ihr nun meinem Rathe fol⸗
jen, so gebt mir das Dokument und forgt
Jafür, daß ich die zweihundert Thaler erhalte,
das Uebrige könnt Ihr mir dann getroft über⸗
assen.“

Die Frau, welche bei Erwähnung des
Dokuments sich des strengen Verbois ihres
Mannes, dasselbe je aus den Händen zu geben,
entsann, zbgerte. „Ich will mit meinem
Sohne darüber reden,“ entgegnete sie nach
einer Weile, „glaubt er, daß —“

„Wozu bedarf es der Ueberlegung * un⸗
erbrach der Bürgermeister sie ungeduldig;
Euch bleibt nur die Wahl: entweder Ihr
defolgt meinen Rath und holt binnen Kurzem

Novelle
von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

„Das wäre für's Erste,“ fuhr Wetterau
fort. „Jetzt kommt der zweite Pupkt. Ihr
desitzt ein Dokument, welches Krämer vor seiner
Abreise Kurem Manne übergeben hat. Dieses
Dotkument enthält eine Anweisung auf das
Bermögen Eures Pflegesohns, welches Jakob
Zrämer bei Vorzeichung desselben sofort an
jeinen Neffen auszahlen muß. Das Gericht
ztönnte nun aufstellen, Euer Mann habe
srämer deßhalb aus dem Wege geräumt, um
sich selbst dieses Vermögen zu verschaffen.
Nehmen wir zum Beispiel an, der Angeklagte
fttellt seinen eigenen Sohn Gottfried dem
Bruder Krämer's vor, sagt, dieser sei der
Sohn des Ausgewanderten, laut Taufattest
und so weiter, und hier die Anweisung auf
das Vermögen, so muß Jakob Krämer die
Summe zahlen, da er ja nicht wissen kann,
ob der ihm Vorcgestellte auch in der That
—

Die Frau nickte, die Angst hatte ihre
Sinne verwirrt. Sie bejahte die Frage,
ohne die Bedeutung der Worte verstanden zu
haben.

Schön: Euer Mann nimmt uun das
Beld in Empfang und reist einige Tage spä⸗
ler mit seiner ganzen Familie ab, wer zieht
den Vortheil? Natürlich der Augeklagte, eine
Entdeckung ist ja nicht zu befürchten, wenn
        <pb n="402" />
        Euren Gatten, wieder heim, oder ihr befolgt
ihn nicht und hört im nächsten Herbst das
„Schuldig“ sarechen, welches den Angęeklagten
zum Tode verurtheilt.“

„Nur bis morgen wartet noch,“ bat die
Frau, welche in Bezug auf das Dokument
nicht selbstständig handeln mochte, „vierund⸗
zwaͤnzig Stunden entscheiden in der Sache
doch nichts.“

„Sie entscheiden unter gewissen Umstän⸗
den viel, sehr viel sogar,“ drängte Wetterau,
„ich fahre noch heute Nachmiltag in die Stadt,
Wenn ich dann dem Untersuchungsrichter
Mittheilungen mache, welche Euren Mann
—V
leicht die Acten. geschlossen und Maßregeln
zur Eutdeckung, des wirklichen Mörders er—⸗
griffen. Kann ich das aber nicht, so schreitet
die Verhandlung fort, und wer weiß, ob nicht
am Ende noch Beweise einlaufen, welche gar
nicht zu widerlegen sind.“

Die Frau schwankte, sie war schon halb
und halb gencigt, dem Drängen des Bürger⸗
meisters nachzugeben.“

Vielleicht kann Euer Mann schon inner⸗
halb acht, Tagen wieder frei sein,“ fuhr
Wetteruu, die Wirkung seiner Worte bemerkend,
sort, „je früher wir handeln, desto ehtr läßt
sich die Spux des wahren Mörders auffinden,
wenn Wochen oder Monate darüber vergangen
ünd, so dürfte der Schuldige vielleicht längst
drüben in Amerika sein, und dann“ —

„So wadjtet einen Augenblick,“ fiel Frau
Schulz, entschlossen ihm in die Rede, „ich
hole das Papier.“

Der Bürgermeister rieb sich vergnügt die
dände, er haite nicht geglaubt, daß er so
rasch und leicht an sein Ziel kommen' werde.
Um die Freude über das Gelingen seines
Planes zu verbergen und seinen Zügen den
Ausdruck kalter Gleichgültigkeit zu geben, be⸗
trachtete, er die Litographien, welche die Wände
schmückten. Schon nach einigen Minuten trat
die, Frau wieder in die Stube, sie hielt in
der Rechlen das in Form eines Briefes ge⸗
falteto. Dolument, welcheßs mit dem großen
Siegel einez Notars geschlossen war. Die
Augen des Bürgermeisters funkelten, schon
wollte er dig Hand nach dem Papiere aus⸗
firecken, als plönßlich Gotifried auf der Schwelle

erschien. Das Dokument sehen und es den
Händen der Mutter entreißen, war das Wert
einek Augenblickz.

„Dem Himmel sei Dank, daß ich früh
genug komme, eine Thorheit zu verhüten,“
'agte er, indem er das Papier in die Brust⸗
ajche seines Rockes schob. „Hattest Du den
Befehl des Vaters schon vergessen ?“

„Der Herr Bürgermeister glaubte, es könne
von großem Nutzen sein, wenn wir ihm das
Dokument und die zweihundert Thaler über—
gäben,“ entschuldigte die alte Frau sich;
„er sagte, dadurch müsse jeder Verdacht
schwinden.“

„Was der Herr Bürgermeister glaubt,
ümmert uns nicht,“ fiel Gottfried ihr in's
Wort, es bedarf solcher krummen Wege nicht,
die Unschuld des Vaters zu beweisen. In
jedem Falle aber hättest Du mich vorher um
Rath fragen können. Was Sie betrifft, will
ich nicht untersuchen, zu welchem Zwecke Sie
dieses Papier zu erschleichen suchen,“ fuhr er,
sich zu dem Bürgermeister wendend, in bar⸗
schem Tone fort; „Sie sind meinem Vater
nie grün gewesen, weil er Ihnen stets offen
ind ehrlich die Meinung sagte und nicht hin—
zerm Berge hielt, wenn Sie das Inseresse
der Gemeinde nicht wahrnahmen. Ich kann
unmöglich glauben, daß gerade sie an dem
Geschick meines Vaters so großen Antheil
nehmen sollten; Ihrem Verhör verdankt er
doch allern seine Verhaftung.“

Die Zornader auf der Stirne Wetterau's
schwoll drothzend an. „Mäßigt Euch!“ brauste
er auf. „Bedenkt, daß Ihr Eurem Vorge⸗
setzten gegenüber steht und es mir nur ein
Wort kostet —“

„Mich ebenfalls zu verdächtigen ?“ unter⸗
hrach Gottfried ihn spottend. „Ich will gerne
zlauben, daß Ihr dessen fähig seid, und sehe
Euren Anstalten dazu ruhig entgegen. Eins
aber merkt Euch, so lange ich dieses Dokument
bewahre, wird es Euch nicht gelingen, mir
dasselbe zu entreißen.“

Der Bürgermeister knirschie mit den Zäh—
nen, er begriff, daß, wenn er sein Ziel er⸗
reichen wollte, er zuvor auch den Sohn un⸗
schädlich machen mußte, wie er den Vater

unschädlich gemacht hatte. Er mußte den jungen
Menschen in seiner Gewalt, hinter Schloß und
        <pb n="403" />
        Riegel haben. Ein Gedanke tauchte plötzlich
in seiner Secle auf; Wetterau nahm sich nicht
die Zeit, ihn ruhig zu erwägen, mit erhobenem
Stock trat er auf Gottfried zu und drohte,
er werde ihn in's Gesicht schlagen, wenn er
jene Beleidigung nicht zurücknehme. Der
junge Mann sah dem Erbosten ernst und
ruhig in's Auge. „Schlagt nur zu,“ entgeg-
aete er mühsam an sich haltend, „schlagt zu,
ich nehme kein Wort zurück von dem, was
ich hier in Eurer Gegenwart gefagt habe.
Kein einziges, hört Ihr ?“

Wetterau hatte diesen Trotz erwartet, er
ließ den Stock ziemlich unsanft auf die Schul⸗
ter Gottfrieds fallen. Ietzt riß aber auch
dem jungen Manne die Geduld, in der näch—
sten Minute lag der Bürgermeister von der
kräftigen Hand Gottfrieds hinausgeworfen,
vor dem Hause.

Ein teuflischer Triumph spiegelte sich in
dem Blicke des wackern Bürgermelsters, er
erhob sich und ging rasch von dannen.

(Fortsetzung folgt.)
Der Münzsammler.
Staatsbzig.)
Eine Novelle.

(Fortsetzung.)

„Das heißt,“ unterbrach ihn der Assessor,
ein wenig hustend, „wenn die betheiligten
Personen sich wieder zu diesem glücklichen
Paare machen lassen.“

„Hm — bald hätte ich in der That
Lus, die Projecte meiner guten Mutter nicht
zu durchkreuzen.“

„Alexander, das kann nicht Dein Ernst
sein!“ rief Felir erschrocken; aber als ihn
drr Baron ebenfalls über den seltsamen Ton
erstannt ansah und eine weitere Erklärung
zu erwarten schien, war es, als schämte sich
Felix seiner Schwäche. Den Blick nach der
Seite gerichtet fuhr er fort:

„Nun' ja, Deine eigenthümlichen Reden
können selbst Einen wie ich bin aus dem
Conc pt bringen. Du und Maud ein Paar!
— Erinnerst Du Dich nicht mehr Deiner
eignen Worte, die Du mir so scharf einzu⸗
prägen suchtest? Sagtest Du nicht, daß

Maud als Dein Weib Dich nie glücklich
machen könnte?“ J

„Diese Worte sagte ich und wiederhole
sie heute. Aber was thut das zu der Hei—
räth? Ich suche ja kein Glück darin. Ich er⸗
fülle eine Laune meiner Mutter.“

Das schien dem Assessor denn doch zu
viel; mit ungewöhnlichem Ernst entgeg⸗
nete er:

„Ich weiß nicht, Dein Spott hat etwas
für mich peinlich kaltes. Sei nicht übermü⸗
hig, laß solche Reden Deine Mutter nicht
zjören; denn ich sage Dir, trotzdem der alte
Engländer für Dich schwärmt und um Dich
die Reise nach Deutschland gemacht hat, na⸗
fürlich von Deiner Mutter berufen, — trotz
alledem wird Maud nie Dein Weib werden!
Du sollst sie nicht unglücklich machen!

Jetzt war die Reihe an dem Baron, den
Freund prüfend anzusehen.

„Ist das mein Pilades ? Du brichst eine
Lanze für eine Dame, die Dir Deinen Dienst
schlecht lohnen würde. Glaubst Du, Maud
würde meine Hand ausschlagen?“ —

„Ja!“ entgegnete der Assessfr.

„Das sagst Du so fest und sicher ??

„Ich sage es, weil ich den festen Glau⸗
ben habe!“

„Ah so; Du meinst, es liegt ein Hin⸗
derniß dazwischen, und dieses ist noch immer
Sir Artur ) Bis jett haätte ich nicht Neu⸗
gierde genug, zu fragen, oh dieses Verhältniß
geendet oder noch besteht··.

„Es ist längst beendet, wenn es überhaupt
jsemals ernst bestanden hat. Schon seit Mo⸗
naten ist Artur mit einer reichen Erbin
bermählt.

„Wie,“ rief der Baron entrüstet; der
stnabe hätte ihr sein Wort gebrochen 90

„Nicht er, sondern Beide zu gleicher Zeit.
Eigentlich war ihre Neigung füreinander nur
eine heitere Ainderliebe; doch der Ernst, der
in Deiner Gestalt dazwischentrat, änderte
alles. Du hattest die Sache gut arrangirt,
aber ohne die Betheiligten zu fragen. So
wollte VUdaud keinen Landmann zum Gatten
und Artur weigerte fich, die glänzende Uni—
form auszuziehen. Der Streit begann; der
Onkel gesellte sich dazu, erklärte, er kaufe
        <pb n="404" />
        ktein Gut, gebe zu ihrer Verbindung nicht
rinen Penny, und das entschied.

JMaud schrieb an Artur, sie wolle für
immer ledig bleiben, und Artur antwortete,
er werde sehr bald heirathen, was er auch
wahr machte; denn zu rechter Zeit erweckte
seine schöne Figur das Interesse einer Lady,
dessen Gatte er jetzt ist.“

„Hahal“ unterbrach der Baron den Freund,
die Einleitung ist gut, jetzt laß mich die Fort⸗
setzung des Romans weitererzählen. Meine
Mutter berief Maud hierher. Maud folgte,
veil sie den Reichthum des deutschen Barons
nicht vergessen konnte. Sie wollte diesem
zeigen, was sie um seinetwillen geopfert, kam
nach Baden-Baden, um“ —

Ich weiß, was Du sagen willst, vollende
nicht,“ nahm der Assessor wieder das Wort.
„Deine Vermuthung ist nicht ganz unrichtig,
das heißt, sie paßte bis zu der Zeit, wo Du
mich als Deinen Abgesandten nach Baden
schicktest.“

Der Baron sah wieder den Freund an.

„Du fängst an, mir Räthsel zum rathen
aufzugeben, aber die Lösuag kann nur die
sein, daß meinen Freund Felix Waldorf die
schöne Maud ins Feuer geführt hat und daß
er selbst sie liebt !“

‚Ja, Alexauder, ich liebe Maud. Vor
Dir will ich iein Geheimniß haben. Das
alte Wort: spielt nicht mit dem Feuer, hat
fich wieder einmal bewährt. Ich.kam, um für
Dich zu agiren, und sah dabei zu tief in
wei blaue Augen.“ —

Aund glaubst Du, wieder geliebt zu
werden 75 —

„Es gibt Stunden, wo ich dessen ge⸗
wviß bin“

„Fh bien, vergessen wir die Hauptsache
nicht,“ fur der Baron fort. „Weiß sie, daß
Du der Sohn eines reichen Vaters bist ?“

„Nein!“

Der Baron wurde nachdenkend.
Betrachtest Du mich als Deinen Freund ?
sagte er dann.

,„Als meinen besten, meinen liebsten
Freund ?“ entgegnete Felix im herzlichsten
rone.

„Gut! so folge Deinem besten Freunde,
der es gut mit Dir meint. Erkläre Dich ihr
nicht gleich, prüfe erst das Herz des Mäd—
hens, ehe Dich wie mich einst, Dein Wort
zindet.“

„Das hatte ich vor, darum zögerte ich
bis zut Stunde mit der Erklärung. Alex—
ander, diesmal sollst Du für mich han—
deln und —“

„Und ganz wie ich will ?“ fragte der
Baron.

„Ganz, wie Du es für gut hältst!“

„Aber es ist gewagt, wie ich diese Prü⸗
'ung zu machen gedenke!“ —

„Sei sie es! Ich liebe Maud mit allen
hren Fehlern herzinnig und habe inir schon
ein Idyll mit ihr als meiner Gattin ausge—
nalt und austapeziert. Aber ist der Edelstein
uicht echt, wie ich gewähnt, dann wird der
Berlust auch nicht schmerzlich sein. — Ich
jatte Mand versprochen, sie morgen zu einer
Dame zu begleiten, an die sie einen Brief
hon einer Freundin abzugeben hat, die wieder
eine Freundin von dieser Dame ist, mit der
ze lange Zeit in der Pension zusammen war.
Was meinst Du, wenn Du sie begleitest ?“ —

„Und wohin ist das ?“ —

„Hier ist die Adresse; ich habe mir die
Straße aus dem Wohnortsanzeiger gesucht.“

Der Baron nahm die Karte, auf welche
der Freund die Adresse geschrieben.

Aber flammenden Blickes starrte sein
Auge darauf, als er abgebrochen Leonie
Willrich las. — (Fortf. foigt.)

Mannigfaltiges.
Die „Newy. Hols.Ztg.“ schreibt: Eine
naire Chicagoerin wurde kürzlich von einer
Vertreterin des Frauenstimmrechts ins Gebet
genommen. Aber mit welchem Erfolge! Als
ach einstündiger Predigt die eindringliche
Deiffionärin ihre Zuhörerin fragte: „Nun
wissen Sie doch, was die Frauenfrage
st?“ entgegnete diese: „Ich kenne nur eine
Frauenfrage, und die lautet: „Ist er schon
derheirathet 9
— — — —
druck und Verlag von F. X. Dernetz in St. Ingbert.
        <pb n="405" />
        AUnterhaltungsblatt
d1
zunt
St. Ingberter Anzeiger—
Nr. I0.

S onntag, den 8. Sertember

Ein böses Gewissen.*
Novelle
von Ewald August König.
I (Fortsfetzuns ,

Die alte Frau rang die Hände, sie be—
schwor den Sohn, unverzüglich zu fliehen, um
dem Zorne Wetterau's auszuweichen, später,
wenn derselbe verraucht sei, könne er zurück⸗
kehren, aber Gottfried wies diese Bitte zurück.
„Was er gethan habe, könne er vor Gott
ind den Menschen verantworten,“ erwiederte
er, „lasse der Bürgermeifter sich einfallen, ihn
dieserhalb vor Gericht zu fordern, so werde
er den Herren schon erklären, daß er kein
Schulbube sei, der solche Beleidigungen schwei—
gend einstecke“ — Die Mutter schüttelte den
stopf und schon wollte Gottfried, um die ge⸗
ingstete Frau zu beruhtgen, ihren Bitten nach⸗
geben und Haus und Dorf verlassen, um in
der Stadt einige Tage zu ver weilen, als der
Bürgermeister, diesmal in Begleitung des
Amtsboten, wieder eintrat. Ohne auf die
Bitten und Vorstellungen der Mutter zu ach⸗
sen, befahl er dem Amtsboten, den jungen
Burschen wegen vorsätzlicher Mißhandlung
einer Magistratsperson in Arrest zu stecken,
er werde heute noch der Regierung über den
Vorfall berichten und für die zAbführung des
Befangenen in die Stadt Sorge tragen.

Vergeblich protestirte Gottfried gegen diese
Verhaftung, welche er für eine Eigenmächtig⸗
leit erklärte, zu der der Bürgermeister kein
Recht besitze.

Wetterau hörte den Protest schweigend au
und ein Hohnlächeln war die einzige Antwort,
welche er auf denselben ggdh.
Eine Stunde: später saß Gottfried in
einem Zimmer des Amtshauses, welches vor
Jahren zum Gefängniß eingerichtet worden
var. — Die schweren Eisenstäben vor den
Fenstern, der Eisenbeschlag und die festen
—AVC
in einen Fluchtversuch als Thorheit erscheinen;
Bottfried dachte indeß auch nicht im Ent-
eintesten an einen solchen Versuch, er wollte
m Vertrauen auf eine gerechte Sache sich ge⸗
zuldig fügen, geeigneten Orts aber über die
kigenmächtigkeit des Bürgermeisters Beschwerde
führen.

Er befand sich noch Leine Stunde in sei⸗
ier Zelle, als der Bürgermeister eintrat. „Ihr
eht, daß Ihr in meiner Gewalt seid,“ nahm
er das Wort, „nach meinem Gutdünken kann
ch Euch einige Tage hier sitzen und dann in
as Kreisgefängniß abführen lassen; vielleicht
leibt Ihr dort noch einige Zeit in Unter-
uchungs; Arrest und werdet schließlich zu vier
»der sechs Wochen Gefängnißstrafe verur—
heilt.“. J

„Je nach den Umständen!“ warf Gott⸗
ried gelassen ein. „Hättet. Ihr einen dummen
Tölpel vor Euch, der sich das Alles gefallen
ieße, so will ich nicht bestreiten, daß Ihr in
zieser Weise Eure Rache an mir kühlen
önntet, ich werde aber schon Mittel finden,
Fuch Alles, was Ihr mir anthut, reichlich
uu vergelten.“

„Ganz nach Belieben,“ versetzte Wetterau
pöttisch, „so lange Ihr indeß noch in meiner
        <pb n="406" />
        Gewalt seid, kann von einer solchen Vergeltung
nicht die Rede sein. Für's Erste werdet Ihr
die Gewogenheit haben, Eure Kleider gegen
diesen Anzug umzutauschen.“ Der Bürger⸗
meister öffnete bei den letzten Worten ein
ziemlich umfangreiches Bündel, welches in
einer Ecke des Zimmers lag, und brachte aus
demselben Hose und Jacke von grobem Sack.
leinen zum Vorschein. „Es ist einmal Sitte,
daß die Gefangenen sofort nach dem Einzuge
in ihre neue Wohnung diese Uniform anzie⸗
hen,“ fuhr er fort, „ich würde Euch gerne
don dieser Sitte entbinden, wenn das Gesetz
nicht ausdrücklich auf Beobachtung derselben
desiände; also macht nicht lange Federlesens
und wechselt die Kleider.“

Die Wangen Gottfrieds färbten sich pur⸗
purroth. „Seht Euch vor,“ rief er zornig,
„Ihr behandelt mich gleich einem gemeinen
Verbrechee ¶4

„Errifert Euch nicht,“ fiel der Bürger⸗
meister geiassen ihm in die Rede. „Wenn Ihr
der gesehlichen Vorschrift nicht Genüge leisten
voslt, so sagt es in aller Ruhe und Ord⸗
nung, ich werde mich dann freilich genöthigt
ehen, Zwangsmaßregeln zu ergreifen. — Es
zgeschieht nur, um Fluchtversuche zu erschwe⸗
ren,“ setzte er hinzu, „in diesem Anzuge
tfommt es einem Arrestanten nicht fo bald in
den Sinn, sein Lokal zu verlassen, weil er
annehmen muß, daß er sofort als Verbrecher
erkannt und ergriffen wird. Also vorwärts
und nicht lange gefackelt, meine Zeit ist
tostbar.“ IJ

KHommt in einer Viertelstunde zurück, ich
verde Euch damn meine Kleider einhändigen,“
entgegnete Gotifried entschlossen. „Ich thue
Euch nur den Willern, um Euch tzu zeigen,
daß ich an Flucht nicht denle.“

„Habt die Güte und besorgl den Um-
jausch sofort,“ versezte Wetterau sarkastisch,
„ich werde so lange zugegen bleiben.“

Ihr werdet hier bleiben ?“ fuhr der
sunge Mann gereizt auf. „Weßhalb ?“
Weßhalb? Weil ich mich übverzeugen
will, ob Alles mit vechten Dingen zugeht.
Mir ist es schon oft begegnet, daß Arrestan⸗
den in ihren Kleidern Feilen und andere
Werkzeuge mitgebracht und weil sie in dem
Befangniß⸗ Anzuge keine Taschen fanden, hier

irgendwo versteckt haben, deßhalb ziehe ich
vor, beim Umtausch stets zugegen zu bleiben.“

Ohne ein Wort zu erwiedern, kam
Gottfried dem Verlangen des Bürgermeisters nach.

Unverwandt beobachtete Wetterau den
jungen Mann, kaum hatte dieser seinen Rock
ausgezogen, als der Bürgermeister denselben
sofort an sich riß. Seine Augen leuchteten,
er fühlte in der Brusttasche das Dokument
er hörte es unter dem Druck seiner Hand zittern.

Goitfried dachte nicht an den Alt, erst—
als der Bürgermeister sich entfernt hatte, ent⸗
sann er sich desselben. Gleich einem Verzwei⸗
felten eilte er zir Thür, sie war verschlossen,
er rüttelte an den Fensterstäben, sie gaben
seinem Druck nicht nach. Er mußle um jeden
Preis das Dotument wieder haben, aber wie,
wie sollte er e8 den Händen Wetterau's
entreißen?

Der Bürgermeister hatte inzwischen den
Akt aus der Tasche des Rockes genommen
und die Kleider des Gefangenen dem Amts⸗
hzoten mit dem Bekehle eingehändigt, dieselben
instweilen aufzubewahren. Er ging nach die—
er Anordnung in sein Bureau, verriegelts
'orgfältig die Thür, um nicht überrascht zu
verden, und löste mit vielem Geschick das
Siegel des Kouverts, in welches der Akt ge⸗
chlossen war. Nachdem er diesen gelesen hatte
chrieb er ihn sauber auf einen Stempelbogen
ib, faltete die Kopie und steckte sie in das
ouvert, welches er sorgfältig wieder schloß.
Zelbst der schärfste Blikk würde den Betrug
unicht entdeckt haben, denn das Siegtl zeigte
eine Verletzung. Wetterau betrachtete eine
geraume Zeit prüfend das Couvert und steckte
es dann mit feiner Geschicklichkeit zufrieden,
in die Tasche. Eine halbe Stunde später
befand er sich bereits auf dem Wege zur Stadt.

Gportsetzung folgt..
Der Münzsammter.
EStaatsbztg.)
Eine Novelle.

— —

(Fortsetzung.)
Die Karte fiel zu Boden. — Der Baron
war aufgestanden und ging im Zimmer auf
und nieder. — „Nein, Felix, diese Gelegen⸗

— —
        <pb n="407" />
        heit benutze ich nicht; — es wird sich zu
meinem Plan schon eine andere Stunde
bieten.“

„Alexander, was hast Du? Du siehst
wodtenbleich aus,“ sagte der Freund besorgt
und faßte des Barons Hand.

Der Baron antwortete nicht sogleich:
endlich sagte er mit einem tiefen Seufzer:

Felix!! Warum überall nur sie? — O,
wenn Du wüßtest, welch einen Sturm der
Name Leonie wieder in mir heraufbeschwo⸗
ren hat!“ —

„Wie, Du kennst die Dame?“

„Ob ich sie kenne? — Doß ich sie nie
gekannt hätte! — Doch, Felirx, ich habe mich
lange genug beherrscht; zu heilen ist der tiefe
Riß in meiner Brust nicht mehr; aber ich
wiu Dir alles sagen. — Du wirst mein
Geheimniß und ihren Namen ehreu? — Ich
weiß, ich weiß,“ fuhr der Barn heftiger
fort, als der Freund dieses betheuern wollte.
Komm, laß uns dicht zusammen sitzen;
meine Worte sind nur für Dein Ohr und
nicht für die Wände dieses Zimmers be—
stimmt.“

Und er erzählte dem Freunde alles, selbst
von dem ersten Brief, den Leonie an ihn als
Uuvbekannlen geschrieben.

Lange, als er schon zu Ende gesprochen,
herrschte Stille im Zimmer. Der Assessor
wußte gar nichl, daß ihm die Cigarre ausge⸗
gangen war und er darum doch immer weitet
rauchte; endlich sagte er·“·

Beantworte mir eine Frage, Alexander:
zu welchem Zweck wolltest Du ihr Herz er⸗
forschen ?“

Ich verstehe Deine Frage, und frei und
offen kann ich sie Dir beantworten. Ich
wollte ihr Herz gewinnen und dann sie
mein für immer nennen, aber nicht als Ge⸗
liebte. —“

Wie konnte das geschehen, da sie ein⸗
mal die Frau eines Andern ist ?“

„Ihre Freiheit von diesem Andern zu er⸗
kaufen, wäre leicht gewesen. Aber sie hat kein
herz! Sie will nicht — sein!“ ⸗

Wieder rauchte der Assessor seine kalte
Cigarre weiter, dann entgegnete er:

Ich weiß, wenn Du mir eine solche Ber⸗
sicherung gibst, daß Du ein solches Vorhaben

überlegt hast, und ich traue Dir Festigkeit zu,
daß Du einen solchen Entschluß mit Conse—
quenz durchzuführen im Stande bist. Und
darum sage ich Dir: nimm alle Pläne wieder
auf und denke nicht in Bitterket, sondern in
Hoffnung und Liebe an sie. Ihr Herz ist nicht
von Stein!“

Wecke nicht neue Bilder! Ich habe ihr
Lebewohl gesagt und werde mein Wort
halten.“ —

„Das heißt mit andern Worten: Du
wendest Deinem Glücke die Versen zu und
fliehst, um ganzer Menschenfeind zu werden.
Nein, so weit lass' ich's nicht keommen! Ich
will Dein Vorhaben, wie und wodurch Du
der Dame Deines Herzens die Freiheit von
ihrem Eisbären erkaufen willst, nicht erfor⸗
schen. Ich weiß nur, daß Du sie liebst und
sie Dich lieben muß! Blicke nicht so ernst
drein! — Ich werde durch meine Ideen ver⸗
suchen, Euch armen Leutchen zu helfen, aber
dazu gehört Maud. — Erprobe Du mir nur
erst das Herz meines Mädchens: dann sollst
Du erfahren, was Du ihr später noch wirst
zu verdanken haben.“

Jetzt verstehe ich Dich nicht·—

Nun, das ist für heut und noch für
ein paar andere Tage auch noch nicht nöthig.
Zeit soll die Garbe reifen.“

„Von etwas anderem — Ach, da fährt
ein Wagen heran, es sind unsre Damen. Ich
will ihnen beim Aussteigen doch als treuer
Ritter dienen!“

Und fort stürmte der lustige Assessor und
kam zu rechter Zeit, um das schöne Mädchen
aus dem Wagen zu heben, dabei gleichzeitig
einen von der Baronin unbemerkten innigen
Blick mit ihr auszutauschen.

Und wieder waren nach dieser Unterredung
zwei Tage vergangen, in denen, zur Freude
der Baronin und des Engländers, Baron
Alexander eine auffallende Aufmerksamkeit für
Maud gezeigt hatte.

In Aller Gegenwart machte er ihr den
Hof uud schien gax nicht zu bemerken, wie
Maud dadurch beklommen war und immer
einsylbiger wurde, oft ängstlich ihre Blicke
quf den Assefsor richtete, der sich von dem
Moment, wo der Freund sich ihr genähert—
in gemessener Entsernung von Beiden hieli,
        <pb n="408" />
        mnz förmlich that und nur zu weilen einen
ensten Blick auf sie warf.

Am Nachmittage des dritten Tages, wo
die drei jungen Leute sich ganz allein in
einem kleinen Salon des Hotels besanden,
der zur geselligen Zusammenkunft von der
Baronin bestimmt war, verließ der Assessor
diesen plötzlich, vorgebend, er dätte nothwen⸗
dig einen Besuch zu machen. Maud sah ihn
angftvoll gehen, und als er fort war, stand
sie auf, um auch den Salon zu verlassen.
Diese Absicht verhinderte der Baron dadurch,
daß er ihr den Weg vertrat, sie an der
Hand zum Divan zurückführte, und sich ihr
Jegenübersehend, begann er, ohne ihre Hand
frei zu lassen, die sie ihm zu eutziehen
urebte:

„Endlich ist der ersehnte Augenblick ge⸗
kommen, Maud; ich habe Ihnen viel zu
sagen. —“

„Herr Baron,“ unterbrach sie ihn.

WBaron, Herr Baron,“ sagte er, sie vor⸗
wurssvoll ansehend. „Ich kenne eine Zeit,
vo der Name Alexander leicht und herzlich
über diese Lippen ging. Bin ich Ihnen denn
so fremd geworden, daß Sie selbst im Na—
men eine Schranke suchen? Ist die alte Zeit
so ganz vorüber?“

„Herr Baron — Baron Alexander,“ ent⸗
gegnete Maud, mit einem Auflug von Trauͤer.
„Indem Sie diese Zeit zurückrufen, erinnern
Sie mich auch an meinen Leichtunn, der mir
o zahllose Thränen gekostet!..

Thränen — und warum? Liebten Sie
mich damals doch?“ fragte er forschend.

Sie wich seinen Blicken aus und ant⸗
vortete: „Meine Thränen flossen, weil ich
damals eine solche Verwirrung herbeiführte
und doch mein eignes Herz nicht kannte.“

„Das für Sir Artur schlug.“ —

Maud sah ihn mit schmerzlichen Blicken
an. „Bis zur Stunde, Herr Baron, hörte
ich solche Worte von Ihnen nicht. Sie ver⸗
schmähten es, mir zu zeigen, daß ich Ihrer
Achtung nicht mehr werth sei — heut-“

„Heut, liebe Maud, habe ich die Ver⸗
zangenheit vergessen, habe vergessen, habe ver⸗
Jeben, und will zum zweiten Male von

Ihnen Ihr Herz und ven Ihrem Onkel Ihre
Hand erflehen.“ —

Wie von unsichtbaren Händen emporge—
hoben, war Maud vom Divan aufgesprungen,

„Halten Sie ein! Das ist, das kann
rnicht Ihr Ernst sein. Ich habe verdient, von
Ihnen für eine Kokette gehalten zu werden;
ch habe verdient, daß Sie mir diese Grin⸗
nerung zurückrufen, aber ich erwartete nicht,
zaß Sie mit den heiligsten Gefühlen Scherz
treiben!!“
„Scherz? Maud, wissen Sie nicht, daß
unsre Verbindung der sehnliche Wunsch so
Vieler ist ?“ —

„Aber nicht Aller — nicht Ihrer —
nicht meiner,“ entgegnete Maud, ihm zum
ersten Male in der ganzen Unterredung fest
ins Auge sehend. „Sie wollen Ihrer Mutter
eine Freude machen; doch sie lieben mich nicht,
haben mich nie geliebt!“

Fortsetzung folgt.)

Mannigfaltiges.
Zwei ehrenwerthe Deputirte fuhren dieser
Tage von Versailles nach Paris. Der eine
hatte seine Frau am Arme, der andere einen
Hut auf dem Kopf. Und welch' ein Meister⸗
stück von einem Filz! Von unerhörter, aben⸗
euerlicher Form erregte er das Erstaunen
aller Mitreisenden. Der Deputirte mit seiner
Dame konnte sich nicht enthalten, seinen Col⸗
egen zu interpelliren: Was zum Teufel ist
Ihnen denn eingefallen, daß sie sich diesen
außerordentlichen Deckel kauften? — Aus
Liebe zur Freiheit. — Wie, zur Freiheit ...?
— Meine Frau findet ihn abscheulich und
hat geschworen, so lange, als ich ihn trage,
nicht mit mir auszugehen. — Ah, verstehe;
ich bitte Sie, mir die Adresse Ihres Hut⸗
händlers zu geben, sagte der Interpellant
mit einem melancholischen Blick auf seine Frau,
die kein Auge von ihm wendete.

Druck und Berlag von F. X. Demetz in St. Ingbert.
        <pb n="409" />
        Anterhaltungsblatt

zum
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 108. Dienstag, den 5. September 5 18 “.
Ein böses Gewissen.“
Novelle
von Ewald August König.
(Fortsetzung.)

Der Rentner ging seinem Schwiegersohne
in spe mit sichtbarer Ungeduld entgegen, als
dieser in das Kabinet des Ersteren trat. „Nun?“
cief er, „wie steht's mit unserer Angele—
genheit ?*

Ich hoffe, sehr gut,“ entgegnete Wetterau,
während er Hut und Stock ablegte und sich
auf einen Sessel niederließ. „Es kommt nur
noch auf Sie an, ob wir beide in der näch—
sten MRinute an unserem Ziele stehen sollen.“

„Auf mich käme es an?“ fragte der
Rentner erstaunt. „Reden Sie, was muß ich
thun ?*

„Ihr Wort halten und heute noch meine
Verlobung mit Ihrer Tochter veröffentlichen.“

Krämer war auf diese Forderung vorbe—
reitet. Er hatte in den letzten Tagen sich
zfi in Gedanken den Augenblick vergegenwär—⸗
tigt, in welchem Wetterau das Dokument
bringen würde, er wußte, daß dieser alsdann
unverzügliche Verlobung zur Begingung machte
und war bereits mit sich in's Reine gekommen
wie er sich aus der Schlinge ziehen sollte.
„Was ich bei unserer ersten Unterredung
Ihnen gelobte, nehme ich nicht zurück,“ ent⸗
gegnete er so uübesangen, daß Weiterau in
die Aufrichtigkeit dieser Worte kaum Zweifel
setzen konnte; „bringen Sie mir das Doku—⸗
ment, helfen Sie mir die Personen, welche

uns im Wege sind, unschädlich machen, und
ich gebe Ihnen die Hand meiner Tochter.“

„Das Dokument ist hier,“ erwiederte der
Bürgermeister, indem er die Hand aus die
Brusttasche seines Rockes legte, „es wird sich
in Ihren Händen befinden, sobald Sie dir
Verlebungs⸗Anzeige in die Zeitungs-Expeditiun
gesandt haben.“

Krämer nahm die Feder und schrieb die
perlangte Anzeige.

„Geben Sie her,“ sagte Wetterau, „ich
werde sie hinbringen.“

„Wozu sich die Mühe machen 7?“ versetzhe
der Rentner, indem er die Schelle zog. „mein
Diener kann's ja besorgen.“

Er übergab dem eintretenden Diener das
Billet und befahl ihm, dasselbe in die Expe⸗
dition der Zeitung zu bringen.

„Und nun das Dokument!“ fuhr er fort,
aachdem der Diener- das Zimmer verlassen
hatte.

Wetterau zog den Alkt aus der Tasche und
iberreichte ihn dem Renter, der kaum einen
Blick auf das Siegel und die Handschrift der
Adresse geworfen hatte, als er unverzüglich die
Schelle zog.

Der Diener konnte kaum die Treppe er⸗
reicht haben; wie der Rentner erwartete, kam
jener auf den Ton der Schelle zurück. „Ich
denke, wir warten noch einige Tage,“ hob
der alte Herr an, indem er das Billet, wel⸗
hes die Annonce enthielt, zurücknahm und
jerriß. „Mathilde muß doch zuvor mit der
VBerlobung bekannt gemacht werden. Sie
verden dies einsehen,“ fuhr er in, kaltem
Veschäftston fort, überhaupt wäre es inir lie⸗
        <pb n="410" />
        ber, wenn Sie sich mit einer kleinen Summe
d gnügen wollten. Mathilde ist mein einziges
Kino, und —“
„Und da hätten Sie wohl lieber einen
Grafen zum Schwiegersohn, als einen ein—
sachen Dorfbürgermeister,“ fiel Wetterau höh—
nisch ihm ins Wort. „Ich war auf diese
Handlungsweise Ihrerseits gefaßt und habe
meine Maßregeln danach getroffen. Hätten Sie
sich die Mühe genommen, vorher das Kouvert
ju erbrechen, würden Sie wahrscheinlich anders
gehandelt haben.“
Der Rentner sah bestürzt bald auf das
Mouvert, bald auf das Anilitz des Bürger
meisters, der sich erhoben halle und hereits zu
Hut und Stock griff. Hastig exbrach er das
Siegel und entfaltete das Papier. Erdfahle
Blässe überzog seine Wangen, als ar sah,
daß er nur eine Kopie des Oriainal⸗-Rins in
der Hand hatke.— ee

„Schurke!“ donnerte er. „Wie durften Sie

wagen —“

Ruhig, ganz ruhig,“ unterbrach Wetterau
ihn gelassen. „Wer von uns beiden ist der
größere Schurke 7 Unsere Stellung zu einan⸗
der muß uns beiden jetzt so ziemlich klar
sein, erwarten Sie nicht, daß ich den ersten
Schritt zu einer Annäherung thun soll.“ *

„Sie mißverstehen mich,' nahm der
Rentner das Wort, „es lag durchaus nicht in
meiner Absicht, mein Wort zu brachen. Ich
dachte nur, es wäre besser für uns beide,
wenn Sie von Ihrem Verlangen abständen
und dafür eine entspcechende Summe als
Eutschädigung nähmen. Betrachten Sie die
ganze Angelegenheit mit vüchteren Augen, so
werden Sie einsehen, daß mir so unendlich
viel an dem Besitze dieses Dokuments nicht
liegen kann; wird egs vorgezeigt, so zahle ich
das Geld und damit hastael Die Summe
ist im Vergleich zu meinem. Vexmögen,
lein —“
„Und doch würde ihr Verlust Ihnen ein
Stich in's Herz geben, n unterbrach Wetterau
ihn; „sechsunddreißigtausend Thaler sind eben
keine Kleinigkeit. Sie dachten, ich würde mich
mit fünf bis fechstausend Thalern begnügen,
rechnen wir die übrigen unvermeidlichen Ne

hbenkosten hinzu, so opfern Sie vielleicht zehn⸗
rausend und gewinnen sechsundzwanzigtausend
Thaler.“
„WGanz recht,“ versetzte der Rentner. „Sie
berlangen. indeß die Hand meiner Tochter
und müssen doch zugeben, daß unter solchen
Umständen das Geschäft für mich nichts we⸗
niger als vortheilhaft ist, deßhalb ziehe ich
vor, ganz davon abzusehen und dem recht⸗
mäßigen Eigenthümer des Alts die Summe
zu zahlen.“

Der Bürgermeister zuckte die Achseln.
„Wenn Sie glauben, sich durch diesen Ent—
schluß meiner entledigen zu können, so irren
Sie, ich werde auf meiner Ferderung be—⸗
harren, gleichviel ob Sie das Dokument da⸗—
jür nehmen ader nicht.“

‚Mit welchem Recht?“ fuhr Krämer auf.

„Mit dem Rechte desjenigen. der die
Beheimnisse Anderer kennt und aus dieser
Kennntniß Vortheil ziehen will. Haben Sie
bereits vergessen, daß ein Wort von mir ge⸗
nügt, Schulz in 'Freiheit zu setzen, und wis⸗
sen Sie, was daun geschieht? Doch ich ver—
plaudere hier die kosthare Zeit, ohne meinem
Ziele näher zu kommen; leben Sie wohl
uind schärfen Sie ihrem Gedächtnisse ein, daß
ich nur acht Tage auf ihren Besuch warte,
nach dieser Zeit werde ich meine Maßtegeln,
je nach den Umständen, treffen.“

Der Rentner sah eine Weile schweigend
auf die Thür, hinter welcher Wetterau ver⸗
schwunden war. Haß, glühender, unbersöhn—⸗
licher Haß, Aerger und die Angst eines bö—
sen Gewissens spiegelten sich in seinen Zügen.
Vergeblich fuchte zer den Kampf in seiner
Seele zu beschwichtigen, er mußte ihn austo—
ben lassen, und es währte lange, ehe er seine
Fassung wiedergefunden hatte. Er überlas
noch einmal die Kopie, legle sie in ein gehei⸗
mes Fach seines Schreibtisches und befahl
dann dem Diener, Helldau zu rufen, mit
welchem er hinter verschlossener. Thür ßch
laäͤnger denn eine Stunde unterhielt.

(Fortsetzung folgt.)
        <pb n="411" />
        Der Münzsammler.
Staatsbztg.)
Eine Novelle.
— —
(GFortsetzung.)

„Glauben Sie?“ rief der Baron, „so
spcicht nur ein Mädchen, das die Liebe kennt —
Weichen Sie mir nicht aus — Sie hieben
einen Andern ?“ —

Sie zitterte und konnte nicht anfworten.

Er fuhr fort:

„Sie schweige? — Ich nehme dieses
Schweigen für ein Zugeständniß. Ich weiß
auch, wer der Glückliche ist.· —

Noch mehr erschrocken, sah, Maud sich
ängstlich im Zimmer um; denn ihr war es,
als hätte sie bei den Worten des Barong ir—
gendwo in der Nähe Geräusch gehört.

⸗Herr Barou, aus Schonung für mich,
reden Sie nicht weiter!“ bat sie. ——

„Nein, Maud, ich muß reden, Sie müssen
wissen, daß mir nicht unbekannk ist, daß Sie
Felix liebene!“

Sie erröthete bis hoch an die Schläfe.

„O,“ fuhr der Baron fort, ihrer Verle⸗
genheit zu Hilfe kommend, „ich weiß auch,
daß Felix Sie innig liebt.“

Da sah sie ihn mit sonnigem Lächeln
an, mit Blicken, worin sich die ganze Selig-
keit eines liebenden Weibes offenbaxt, so daß
der Baron davon betroffen und erstaunt sie
zum ersten Male mit Bewunderung betrach—
tete. Das war nicht mehr das Mädchen, das
mit ihm einst verlobt gewesen; diese glän—⸗
jenden Augen hatte er nie an ihr gekannt. —
Maoud schien seine Gegenwart vergessen
zu haben.

„Er liebt mich!“ flüsterte sie. „O mein
Gott! womit verdiene ich nur dieses Glück!“

Ihre Worte brachten den Baron wieder
auf seine Rolle zurück.

„Ja, Felix liebt Sie; doch, Maud, zür
nen Sie mir nicht, wenn ich Ihnen gleich⸗
zeitig alles mittheile, was mir der' Freund
vertraute. Sie werden geliebt, heiß und innig:
aber er kann Sie nie die Seine nennen.“ —

Maud war todtenbleich.

„Dann ist er bereits mit einer. Andern
gebuuden,“ hauchte sie und sah sich. mit den
Aungen nach einem Gegenstande um. an den

sie sich lehnen könne; so hatte diese Mitthei—
lung sie erschüttert.

„Ja —er ist gebunden, Maud--aber an die
bleiche Pflicht, an die Arbeit; denn er ist arm.“ —

„Nichts anderes als dies steht zwischen
uns ?“ rief sie mit leuchtenden Augen. Ach,
dann ist ja alles guf!“

„Wie, ist das nicht genug, um zu ent⸗
sagen ?“ rief der Baron. „Köunten Sie das
ungewisse, herbe Loos eines Mannes theilen
wollen, der Ihnen nichts bieten dann als
seine Liebe und den Erwerb des dürftigen
täglichen Brods?“

„Ja, mein Freund, das kann ich, das
will ich! Wenn — wenn Felix mich liebt,
wenn mein Befitz sein herbes Loos erleichtert,
wenn meine Nähe ihn glücklich macht: dann
theile ich Alles mit ihm, auch die Arbeit.
Sie sehen mich zweifelnd an. Ihr Auge
fragt: Kann das Maud, die Modedame, die
nichts kennt, als den Luxus? Sie kaun es
und Sie werden Zeuge dessen werden! Baron
Alexander, als sie sich“ mit mir verlobten,
brachten auch Sie mir nicht das volle Herz
einer wahren Liebe entgegen. Sie ladellen
mich, fanden Fehler an mir, aber gaben sich
nicht die Mühe, mich zu bessern; und so
blieb mein Herz von jener wahren Liebe frei,
die mich jetzt erst beseelen sollte. — Hätte ich
dieses Gefühl, daß mich jetzt in. Felixens
Besitz zum glücklichsten. Wesen von der Weli
machen kann, für meinen Cousin empfunden,
nicht unsre Armuth hätte uns getrennt;
aber auch er liebte mich nicht, wie ich geliebt
sein mußte, — um alles mit dem Mann⸗
theilen zu können.“

„Maud, Sie haben Recht; ich war nicht
der Pygmalion, der sich die Mühe gegeben,
seine Galathee zu wecken. — Sie sind ein
liebes Wesen, Sie söhnen mich für immer
mit ihrem Geschlecht aus. Felix hat tiefer ge⸗
schaut. — Ja, Sie können einen Mann
wahrhaft glücklich machen!“ rief der, Baron
gerührt, dem Mädchen heide Hünde reichend.

„Das wird sie auch in. des Wortes gan⸗
zer Bedeutung!“ ließ sich hinter, Beiden die
Stimme des Assessors vernehmen..

Er hatte, nach Verabredung, im, Neben⸗
zimmer der Unterredung gelauscht, und war
jetzt unbemerkt hexausgetreten
        <pb n="412" />
        Maud that bei seinem Anblick einen leisen
Schrei, während Purpur ihre Wange färbte.

„Maud!“ rief der Assessor, die Geliebre
umfassend. „willft Du mir das süße Geständ⸗
niß wiederholen? Nein, nein, nicht die Ar—
müth, aber das Glück sollst Du mit Deinem
Felix iheilen.“ —

Der Anblick der Liebenden, die gauz in
ich versunken standen, fing an, dem Baron
wehe zu thun.

Mit tiefem, bitterm Schmerz dachte er
daran, daß ihm ein solches Glück durch Leonie
nicht werden sollte. Er rief fich wieder ihre
älte und ihr Lebewohl zurück. und dabei
schien ihm fast das Glück des Freundes eine
Verspotiung seines Kummers zu sein.

Leise öffnete er die Thür und ging hin⸗
aus, um die in sich Versunkenen nicht zu
tören. Doch er kannte des Freundes Herz
nicht ganz. Felix fühlte tief für seine Maud
und war wirklich selig, daß er sich nicht in
ihr getäuscht; aber selbst in diesem ernsten
Rausch, worein ihn ihr Geständniß versetzte,
bergaß er den Freund nicht, der ihm neben
feinem Mädchen der liebste auf der Welt
war. Was er für dessen Kummer zu thun
deschloß, und wie er Ptaud in seine Plaͤne
einweihte, soll die nächste Begebenheit bringen.
Es war Sonntag und das Wetter herrlich.
Die Menschen eillen in ihren Festkleidern
fröhlich und munter durch die Straßen, Kin⸗
der spielten und jubelten, und einzelne dieser
Toͤne drangen bis in das Zimmer der blei
chen, einsamen Leonie, die matt auf einem
—AI und Gefühl schien nicht
mehr in ihr zu wohnen.

Seit der Stunde, wo sie nach dem bittern
Abschied des Barons ohnmächtig geworden
var und mit dem Bewußtsein erwachte: Jetzt
wirst Du ihn nicht wiedersehen, jetzt wird er
die Erinnerung an Dich mit der Wurzel aus
seinem Herzen reißen, — seitdem war ihre
Gesundheit erschüttert. Ihr Ausfehen begann
so elend zu werden, daß dieses selbst Willrich
ruffiel und er sie fragte, ob er den Arzt solle
kommen lassen. Sie antwortete verneinend,
jagte ihm, es sei eine Krauktheit, die so vor⸗

iͤbergehe und zu der nur Ruhe nothwendig
väre. Diese Antwort genügte dem Gatten
vollkommen; denn Ruhe sollte sie von seiner
Seite zur genüge haben. — —

War er zu Hause, so saß er in seinem
2Zabinet bei seinen Münzen, und die andre
Zeit brachte er auf seinem Vureau zu; er
war Registrator und nebenbei für Fremde,
die irgend ein Anliegen an ihn hatten, der
zefälligste Mann. Unter diesem Namen war
er überall bekannt; keiner wußte, welch ein
rauher Kern in dieser glatten Hülle war.

Aber Leonie verlangte auch nichts weiter,
als daß sie ihren Mann nicht sah; sein An—
hlick vermehrte nur ihre Qualen, riß immer
vieder die Wunde auf, daß sie um einen
olchen Mann ihr junges Leben hinopfern
nüsse. Denn von dem einen glaubte sie fest
ind sicher überzeugt zu sein, daß sie auf
Erden nicht mehr lange athmen werde. Sol⸗
hem Ermatten, solchem langsamen Hinwelken
war ja auch ihre Mutter erlegen; konnte es
mit der Tochter anders kommen?

In diesem Glauben erwartete sie den Tod
nit Resignation; aber als jetzt die Jubel⸗
öne der Kinder zu ihr hinaufdrangen, seufzte
ie schmerzlich.

‚Wie sie sich ihres Daseins freuen! Glück—
liche Kindheit, wie schnell bist du mir ent—
schwunden! —O Tod, warum nahmst Du mich
aicht in diesem zarten Alter von hinnen, warum
jetzt in diesem Kampf ? — Seiner Nähe lonnte
ch entsagen, — doch diesem Herzen kann ich
nicht gebieten, daß es sein Bild daraus ver⸗
hanne. Ach, Alexander, wäre es mir nur ver⸗
zönnt, Dir dies ein einzig Mal zu sagen!“ —

Fortsetzung folgt.)
Räthsel.
Behobelt, zersägt und gespalten,
Zerstückelt, zusammen geklebt,
Zerstört von des Todes Gewalten
Und technisch von neuem belebt,
Erschließ' ich das Walten der Geister
In jeder empfänglichen Brust,
Und stets war geachtet der Meister,
Der mich zu beherrschen gewußt.
Auflosung des Logogryphs in Nr. 101 des Unter—
haltnnasblattes: „Jugen dal ter.“
Druck und Verlag von F. X. Demes in St. Ingbert.
        <pb n="413" />
        AUnterhaltungsblatt

um
St. Ingberter Anzeiger.
XE. 106. — Donnerstag, den 7. Serretuber J 1I8I.
Ein böses Gewissen.“
Novelle
von Ewald August König.

— — —
Fortsetzung.)
5. Kapitel.

So viele Muühe der Instruktionsrichter
sich auch gab, die Schuld des Gefangenen
außer allen Zweifel zu setzen, wollte es ihm
doch nicht gelingen, weitere Beweise gegen
Schulz zu finden.

Der Frühling war darüber verstrichen, die
warme Juli⸗Sonne reifte schon das Korn und
noch immer saß der Ackerer in seiner Zelle,
dem Tage der Gerichtssitzung, welche im Herbst
tattfinden sollte, mit ruhigem Gewissen ent⸗
gegensehend. Er hatte durch seine Frau er⸗
sahren, daß Gottfried verhaftet und wegen
Mißhandlung des Bürgermeisters zu zwei
Monaten Gefängniß verurtheilt worden war.
Er sah hierin nur eine kleinliche Rache
Weiterau's, daß jener ein Interesse haben
könne, sich in den Besitz des Dokuments zu
setzen, dachte er nicht.

Ein heißer Sommertag neigte sich seinem
Ende zu, als Gottfried seiner Haft entlassen
vurde. Er hatte viele Pläne zur Wiederer⸗
angung des Dokuments entworfen und wollte
juvor nur noch den Rath des Vaters hören,
um dann unverzüglich die Ausführung eines
dieser Pläne zu unternehmen. Der Alkerer
jaß in Untersuchungsarrest, es hielt dem
Sohne schwer, zu ihm zu gelangen, denn die
Vorschriften waren in dieser Beziehung streng.

Aber ein gutes Trinkgeld, welches der junge
Mann dem Schließer in die Hand drückte,
öffnete ihm die Thür.

Der alte Mann saß am Tisch, das graue
Haupt auf die Hand gestützt und in tiefes
Sinnen versunken. Er sah nicht auf, als die
Thür seiner Zelle geöffnet wurde, erst die
Stimme seines Sohnes weckte ihn aus seinen
Sedanken.
„Gott sei Dank, daß Du endlich wieder
da bist,“ sagle er, indem er dem Sohne die
Hand reichte, „mir fällt bei Deinem Aublick
ine Last vom Herzen. Die Mutter liegt zu
Hause krank, ich muß hier hinter Schlok und
Riegel sitzen, dabei geht drüben auf unserm
Bute Auͤes drunter und drüber. Aber Du
virst wohl wieder Ordnung hineinbringen, im
Herbst komme ich selbst heim.“

„Vater,“ unterbrach der junge Mann
ihn schmerzlich, „glaubst Du wirklich, daß sie
Dich freisprechen ?

Glaubst Du es nicht ?? fuhr der Alte
mit heiterer Ruhe fort. „Zeugt nicht Alles für
meine Unschuld du

„O Jott, daß ich ihm diese Ruhe rau⸗
ben muß!“ murmelte Gottfried leise vor sich
hin. „Aber kann ich anders? Darf ich ihn
zet seinem Glauben lassen, der ihn ganz
davon abhält, an feine Vertheidigung zu
denken ?*
Na, so sprich doch, wenn Du etwas
auf dem Herzen hast,“ nahm der Alkerer
unwillig das Wort. „Steht's etwa schlimmer
mit mir, als jch glaube 7“

„Ja, das thut's,“ versehte Goltfried.
        <pb n="414" />
        „Der Bürgermeister ist unser Feind, er wird
Dich verderben.“

Pah, welche Beweise könnte er gegen
XVä
lich hin.

„Welche?“ fuhr Gottfried fort. „Wüßte
ich's, ich wollte sie schon zu Schanden machen,
aber daß er gegen Dich operiren wird, daß
er dies muß, um seine saubern Pläne in's
Wert setzen zu können, unterliegt keinem
Zweifel.“ — Er erzählte jetzt dem Vater
den Grund seiner Verhaftung und verschwieg
ihm nicht, daß das Dokument sich in Wetterau's
Händen befinde.

Schulz fuhr von seinem Sitz auf. Gleich
einem Wahnsinnigen stürzte er sich auf seinen
Sohn und faßte ihn an den Schultern.
„Schaff mir das Dokument zurück!“ ries
er mit heistrer Stimme. „Ich saͤge Dir, Junge,
schaff mir's zurück! Dir habe ich das Papier
anvertraut, wenn Du nicht willst, daß ich
Dir fluchen soll —“

„Vater, um Gotteswillen, halte ein!“
fiel Gottfried entsetzt dem alten Manne in's
Wort. „Ich schwöre Dir bei Allem, was
mir heilig ist, daß ich mein Leben daran
setzen will, den Alt diesem Schurken zu ent⸗
reißen!“

Der Alte hatte seine Fassung wiederge⸗
funden, er ging mit großen Schritten in
seiner Zelle auf und ab und blieb endlich
vor seinem Sohne stehen. „Und wie willst
Du es Dir wieder verschaffen?“ fragte er:

Noch weiß ich es nicht,“ antwortete
Gottfried, „ich werde List und Gewalt ge⸗
brauchen müssen.“

„Gut, ich überlasse es Deinem Verstande,
das Mittel zu ersinnen,“ fuhr Schulz fort.
„Ehe Du die Stadt verläßt, wirst Du Dich
erlundigen, ob Jakob Krämer mit dem Bür—
germeister verkehrt, ob dieser in dem Haust
des Rentners gesehen worden ist. Dann
sende mir Ernst hierher, ich muß milt ihm
reden.“

Dem Befehle gehorchend, schlug Gottfried
sobald er das Gefängniß verlafsen hatte, den
Weg zum Hause des Rentners ein, nur durch
einen Diener des Krämer's konnte er die
gewünschte Auskunft erhalten. Unschlüssig aber
blieb er vor dem halbgesffneten Thore stehen,

er kannte Niemand in dem Hause. Enischlossen
zu warten, bis einer der Diener herauskom⸗
men werde, diesem alsdann zu folgen und
ein Gespräch mit demselben anzuknüpfen,
drückte er sich in eine Ecke des Thorwegs,
den Blick bald auf die Straße, bald aus
die Thür, welche in's Innere des Hauses
führte, gerichtet.

Es dämmerte bereits, als er von der
Straße her Schritte vernahm, welche sich
rasch der Thüre näherten, jetzt wurde diese
geöffnet, und in der nächsten Sekunde schrin
Wetterau an dem jungen Manne vorbei. Gott⸗
fried wußte jetzt genug, der Umstand aber,
daß die Entdeckung ihm so leicht geworden
mar, bewog ihn, zu weiteren Nachforschungen.
Kaum war Weiterau hinter der Thür ver⸗
schwunden, als der junge Mann diese behut⸗
jam oͤffnete. Er sah den Bürgermeister die
Treppe hinaufsteigen, leise, von der Dunkel⸗
heit, welche im Hause herrschte, begünstigt,
schlich er ihm nach. — Er kam eben auf
dem Koridor an, als Wetterau eine Thür
öffnete, die er hinter sich verriegelte. Gott⸗
fried legte das Ohr au's Schlüsselloch, er
vernahm Stimmen, ohne die Worte zu ver⸗
—R
entdeckte ihn ein Diener, wie er in gebückt er
Haltung an der Thür lauschte, so durfte er
darauf rechnen, daß er ergriffen und des
Diebstahls verdächtig der Polizeibehörde über⸗
geben wurde. Und doch mußte er wissen,
was die Beiden mit einander verhandelten.
Ohne sich eines bestimmten Planes bewußt
zu sein, öffnete er behutsam die Thür zum
Nebenzimmer.

GFortsetzung folgt.)
Der Münzsammcler.
Staatsbztg.)
Eine Novelle.
(ortsetzung.)

Leonien's schmerzliche Klage ward durch
ein Pochen an der Thür unterbrochen. Auf
ihren matten Ruf „herein“, ging die Thür
auf, und Maud stand auf der Schwelle,
glich mit ihrem rosigen Aussehen und in ihrem
weißen duftigen Kleide einer blühenden Mai⸗
        <pb n="415" />
        rose, und ein ganzes Bouquet solcher Resen
hielt sie auch in ihren Händen.

Leicht wie eine Gazelle eilte sie dem Sopha
zu, drängte die junge Frau sauft wieder in
die Kissen zurück und legte die Blumen in
deren Schooß.

„Hier, liebe Leonie, eine Sonntags⸗
freude, wie es bei uns Sitte ist, und dann
die bescheidene Frage, ob Sie mit mir einen
Spaziergang machen wollen?“

Leonie lächelte matt, als sie entgegnete:

„Mit mir wollen Sie einen Spaziergang
X
Kranke bin?“

„Im Gegentheil; ich denke, daß die be—
ständige Zimmerluft ihr Leiden nicht heben
wird — Sie sagen, Sie haben keine Schmer⸗
zen, Sie fühlen nur ein Abnehmen Ihrer
Kräfte. — Sehen Sie, aus dem müssen Sie
herausgerissen werden. Ein Gang in's Freie
fann Ihnen nur wohl thun, und die Luft ist
balsamisch schön. Ich führe Sie, oder fühlen
Sie sich zu entkräftet, so nehmen wir einen
Wagen.“ —

Mit herzlichem Blick reichte Leonie der
Engländerin die Hand, die sich dicht neben
sie gesetzt hatte.

„Maud, Sie sind so gut und lieb. Ich
wünschte, ich könnte Ihnen Ihre Güte lohnen.
Wie sind Sie mir in den wenigen Tagen
schon so werth geworden; mir ist, als habe
ich Sie schn lange — lange gekannt. O,
dank dem Briefe meiner theuren Jugendfreun⸗
din, der mich Sie finden ließ. — Ihre
Theilnahme thut mir so wohl — Dank
sei Ihnen, hebe Maud, für alles; denn ich
bin gewiß, Sie sind glücklich und reißen sich
aus heiterem Kreise los, um zu mir, der
einsamen Kranken, zu kommen.“

„Rechnen Sie das nur nicht zu hoch an.
Der Weg zu Ihnen ist mir so lieb geworden;
denn mein Herz hat nur den sehnlichen Wunsch,
Sie gesund zu wissen.“

„Diesen Wunsch, meine liebe Mand, habe
ich nicht. — Für mich ist der Tod das ein⸗
zige Ziel. In ihm allein liegt für mich
Ruhe, liegt Frieden für ein ödes, verfehltes
Leben.“

Maud traten Thränen in die Augen.

„Ach, Leonie, so dürfen Sie nicht spre⸗

chen; ich kann Sie nicht verlieren. Verzeihen
Sie meinem Egoismus; aber auch mir droht
ein Unglück. Und wenn dieses über mich her⸗
einstürzt, dann muß ich wenigstens Ihr
theilnehmendes Herz haben, das meine Kla⸗
gen hört.“

„Ihnen, dem Sonnenkinde, droht ein
Unglück?“ rief Leonie theilnehmend. „Sprechen
Sie, ich bitte darum, verhehlen Sie mir
nichts! Vielleicht ist dem noch vorzubeugen. O,
ein Unglück ist schwer zu tragen. Ich kenne
eine solche Last.“

„Wie!“ rief Maud, „so hat sich meine
Furcht doch bewahrheitet, Sie leiden, Sie
wollen sterben, weil Sie unglücklich sind ?“
1Leonie wandie ihr Gesicht ein wenig
nach der Seittee.

„Sprechen wir jetzt nicht von mir. Bin
ich unglücklich, so ist daran nichts mehr zu
ändern. — gewiß Maud, es ist nichts mehr
zu helfen. Doch ehe ich sterbe, werden Sie
das einzige Wesen sein, das alles erfahren
soll. Jetzt sprechen wir von dem, was Sie
bedroht, und wo vielleicht noch Hilfe mög-
lich ist.?

Bei diesen Worten sah Leonie das Mäd⸗
chen erwartungsvoll an, aber Maud zögerte;
denn nun sollte erst ihre Aufgabe kommen,
die Felix ihr aufgegeben. Der Assessor hatte
sie in Alles eingeweiht, ihr dabei gesagt, es
handle sich um das Lebensglück seines Freun⸗
des. Leonie müsse frei werden und sich mit
dem Geliebten vereinen. Das begriff freilich
Maud nicht ganz; aber sie glaubte alles,
was Felix ihr sagte, und so begann sie endlich
mit unsicherer Stimm

„Vor allem müssen Sie dabei erfahren,
daß ich liebe. —“

Unbewußt entstahl sich Leoniens Brust
ein Seufzer. Maud fuhr fort:

„Und daß ich auch geliebt werde⸗“

„Und Sie können sich mit dem Manne
ihrer Liebe verbinden ?“ — J

„Ich könnte es, wenn sich nichts Zweites
dazwischen stellte —“

„Um des Himmels willen!“ rief Leonie
und richtete sich halb aus ihrer Stellung auf.
„Ist der Mann, der Sie liebt, schon mit
einer Andern verbunden ?“

„O nein, nein, er ist frei wie ich; aber —“
        <pb n="416" />
        Maud hielt inne: sie wußte nicht gleich,
wie sie Wahrheit und Dichtung vereinen sollte. —
Dann schien ihr plötzlich etwas einzuleuchten;
sie fuhr fort:

„Hören Sie mich an, Leonie, ich will
Ihnen eine vollständige Beichte von meinem
Leben ablegen!“ und sie begann ohne Rück;
halt zu erzählen. Von ihrer Neigung zu Ar—
thur, von der Verlobung und Trennung des
Barons, schonte sich dabei nicht, aber ver⸗
schwieg noch den Namen des Barons; doch
bekannte sie offen, daß sie, wenn sie Felix
nicht Lennen und lieben gelernt, es wohl nicht
ungern gesehen hätte, wenn der Baron sich
ihr wieder genähert, woran sie zwar sehr ge⸗
zweifelt, da der Charakter des ehemaligen
XE
dennoch der Hoffnung hingegeben, weil der
Onkel so bestimmt darüber gesprochen und
die alte Baronin so zuversichtig gewesen wäre;
so fuhr sie fort:

„Wie anders ward das aber, als Felix
kam. — Und nun denken Sie, liebe Leonie:
in derselbe Stunde, als Felix im Begriff
ist, dem Freunde sein Herz auszuschütten,
kommt Baron Alexander — ihm zuvor; sagt,
daß er den Wünschen seiner Mutter nach
lommen wolle, uud sich mit mir zu vermäh⸗
len gedenke.“

Leonie war bei dem Namen Alexan der
zusammengezuckt. Röthe und Blässe wechselten
auf ihrem Gesicht.

„Sie vergaßen mir den Namen des
Barons zu nennen. Haben Sie Grund, ihn
zu verschweigen?“ fragte sie bebend.

Maud that, als bemerkte sie der Freun⸗
din Aufregung nicht, und entgegnete unbe⸗
fangen: „Durchaus nicht. Nannte ich nicht
Barou Alexander von Roda?“

„O Gott!“ stöhnte Leonie und fiel in
die Kissen zurück.

Schnell unterstüßte fie Maud.

Leonie, was fehlt Ihnen. Geben Sie
mir zu Liebe meinen Bitten nach, lassen Sie
mich das Mädchen rusen und eß nach dem
Urzie senden, den ich Ihnen vorgeschlagen 7?“

Die junge Frau suchte sich zu fassen.

„Nein, rufen Sie Niemand. — Es ist ein

kleiner Anfali, mit dem ich schon vertraut bin; —

er ist auch schon vorüber. Erzählen Sie wei—

ter! Baron Alexander liebt Sie jetzt 9
Fortsetzung folgt.)

„Den 2. September 1871.“

Erinnerung
an

Ein Jahr ist nun dahin im Lauf der Zeiten,
Seid Ihr bei Sedan habt die blut'ge Schlacht
geschlagen;
Auch bei Bazeilles galt es ein heft'ges Streiten,
War einer von den allerheiß'sten Tagen.
Die Chassepots, dazu die Kugelspritzen,
Sie konnten Euch ja gar nicht mehr erschrecken,
Auch den Franzosen sollten sie nichts nützen,
Ihr ganzes Heer muß dort die Waffen strecken.
„Napoleon gefangen“! Durch die Glieder

Töͤnt dieser Ruf; „er ist in unsern Händen,“
Aus tausend Männerherzen hallt es wieder:

„Nun muß der blut'ge Krieg sich doch bald enden.“
Doch anders war vom Schichsal es beschlossen:
Der blut'ge Krieg sollt' noch viel länger währen,
Und viel des Heldenbluts ward noch vergossen,
Bis er geendet war zu VDertshtaunn Ai und
ren.
Ihr Alle, die Ihr frohen Muths gestritten,
Für's Vaterland habt Gut und Blut gegeben
Und für dasselbe habt den Tod erlitten,
Ihr sollt' in stetem Angedenken leben.
Und Ihr, die aus dem blut'gen Schlachtgewuhle
Sind heimgekehrt in uns're trauten Kreise,
Nehmt von des Sängers dankbarem Gefühle
Dies Lied zu Eures Heldenmuthes Preise.

Mannigfaltiges.

Das Telegraphennetz rings um die Erde
ist nahezu vollenudet. Während des Monats
August wird Shanghai in China mit Japan
und der nördlichen Station in Sibirien in
Verbindung gebracht sein; im Novenber wird
sodann das Cabel zwischen Singapore und
Australien gelegt werden, und es fehlt dann
noch das Schlußglied von Japan nach Cali⸗
fornien, um das Neßt zu vervollstäundigen.

A———
Drudh und Verlag don F. X. Deinez in St. Ingbert.
        <pb n="417" />
        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
Nr. IOJ. Sonntagßg, den 10. September

1387.
Ein böses Gewissen.“*
Novelle
von Ewald August König.

zürfen dazu eines zuverlässigen, geschickten Man—
nes, der es versteht, dem Gefangenen die Hölle
heiß zu machen.“

„Ich werde Helldau damit beschäftigen,“
zersetzte Krämer, „Sie müssen es dagegen
übernehmen, den Schließer zu bestechen.“

.Das sei meine Sorge,“ erwiderte Wet⸗
terau, „ich bin bekannt im Arresthanse und
werde die nöthigen Schritte morgen ein⸗
leiten.“

Das Gespräch stockte nach diesen Worten
eine geraume Weile, endlich nahm der Rent⸗
ner wieder das Wort. „Wann werde ich das
Dokument erhalten d“ fragte et.

„Sobald Sie Ihrer Verpflichtung nach⸗
gekommen sind,“ entgegnete der Bürgermeister.
„Sie kennen ja unsere Verabredung. Ist der
Befangene unschädlich gemacht, gleichviel, ob
durch Flucht oder Verurtheilung, so feiern
vir unsere Verlobung naud Sie erhalten an
demselben Abend den Akt. Sie thaten klug,
derzeit einzulenlen,“ fuhr er nach einer kleinen
Pause fort. „Hätten Sie damals bei ihrem
Wortbruch beharrt, würde ich —“

„Reden wir nicht weiter darüber, ich denke,
die Sache ist abgemacht,“ fiel der Rentner
hm in's Wort. „Haben Sie sich nach meinem
Neffen erkundigt ?

„Ich weiß nur, daß er Ernft heißt,“ fuhr
Wetterau fort, „ein Näheres kounte ich noch
aicht erfahren.“

Der Rentner lachte höhnisch auf. „Um
seinen Vornamen zu erfahren, brauchten Sie
ich eben keine Mühe zu geben,“ versetzte
er, „ich konnte ihn im Taufregister nach
chlagen.“

Fortsetzung.)

Das Nebenzimmer war ein kleines, trau⸗
liches Gemach und, wie Gottfried beim ersten
Blick entdedte, nur durch einen schweren Da⸗
mastvorhang von dem Kabinet, in welchem
die Beiden sich befanden, getrennt. Jetzt
hörte er auch deutlich die Beiden miteinander
ceden, deutlicher als zuvor, keine Silbe ihrer
Unterhaltung entging ihm. Rasch entschlossen
trat der junge Mann ein, er schloß die Thüre
leise zu und legte sich dicht am Vorhange
auf den Fußboden. Bei der Dunkelheit, welche
in den Räumen herrschte, war eine Entdeckung
aicht so leicht zu befürchten, selbst für den
Fall, daß der Rentner in das Gemach trat.

„Nur noch eine Sorge bleibt uns übrig.“
hörte er jetzt Wetterau sagen, „wir müssen
dem Menschen die Mittel zur Flucht an die
Hand geben und ihn durch einen Dritten be⸗
stimmen, von diesem Mittel Gebrauch zu
machen. Flieht er, so ist es in den Augen
des Gerichts ein Beweis seiner Schuld, und
wird er wieder eingeholt, so kann kein Ad⸗
botat ihn von dem Schaffot retten.“

„Gehen wir hierzu über, so lassen wir
ihn besser ganz entwischen,“ entgegnete der
Rentner, „er mag nach Amerika fliehen und
dort in den Urwäldern eine Farm gründen,.“

„Wer aber soll die Rolle des Vermittlers
spielen ?* fragte der Bürgermeister. „Wir be⸗
        <pb n="418" />
        Der Bürgermeister erhob sich jetzit, und
Goltfried hielt es für rathsam, sich vor jenem
zu entfernen, Leise wie er gekommen war,
schlich er die Treppe wieder hinunter; er
athmete frei auf, als er unten vor dem
Thor stand.
Nach der Unterredung zu urtheilen, welche
er so eben belauscht hatte, besaß der Bürger
meister das Dolument noch. Der junge Mann
zweifelte nicht daran, daß es ihm gelingen
werde, dasselbe wieder zu erhalten. Unver⸗
züglich lenkte Gottfried jetzt seine Schritte
der Straße zu, an der das Haus der Wittwe
Heller lag. Er war durchaus nicht im Zweifel
darüber, wen der Bürgermeister gemeint hatte,
als er sagte, man müsse den Gefangenen ent⸗
fliehen lassen, er durchschaute den Zwecd dieses
Planes und wollte die Nacht in der Stadt
zubringen, um am nächsten Morgen seinen
Vater warnen und ihm über jene Unterredung
Bericht eistatten zu können.

Ernst war erfreut, den jungen Mann zu
sehen, er betrachtete ihn gleichsam als seinen
Bruder, denn der Aderer hatte ihm stets so
viel Liebe bewiesen, daß er sich zu der Familie
dieses Mannes von Kindesbeinen an hinge⸗
zogen fühlen mußte. Helldau zog sich beim
Eintritt des jungen Mannes zurück, er erkannte
in ihm den Sohn jener Frau, von welcher er
damals das Dokument erschwindeln wollte.
Gottfried hatte ihn nicht bemerkt, er ließ sich
das Abendessen, welches ihm vorgesetzt wurde,
vortrefflich munden und erzählte dazwischen
seine Erlebnisse seit dem Tage der Verhafturg
des Baters.
„Ich bin über die ganze Sache im Un—
klaren,“ nahm Ernst das Wort, als der junge
Landmann schwieg, „es handelt sich, wie es
mir scheint, um ein Geheimniß, an dessen
Enthüllung manchen Personen viel liegen muß.
Der Rentner Krämer und der Bürgermeifter
Eures Dorfes scheinen beide auf den Besitz
des Dokuments erpicht zu sein ——

„Nur mit dem Unterschiede, daß der Eine
das Geheimniß enthüllen, der Andere es für
immer in seinem Dunkel lassen möchte,“ fiel
Gottfried ihm in's Wort, „ihm allein fällt
mein Vater zum Opfer. Er will mit Dir re⸗
den, gehe morgen zu ihm, und siehe, ob Du

nichts für ihn thun kaunst; ich befürchte, seine
Sache steht schlecht, sehr schlecht.“

AIch befürchtete dies schon damals, als
ich se ins Verhaftung erfuhr,“ erwiderte Ernst,
„ich bat ihn, einen Advolaten anzunehmen,
aber Dein Vater wollite nichts davon wissen,
er meinte, die Advokatenkniffe könnten ihm
eher schaden, denn nützen.“ w

„Ich möchte einmal selbst mit diesem Ad⸗
vokaten reden,“ warf Goitfried ein.

Ernst erhob sich. „Komm,“ entgegnete
er, „ich führe Dich augenblicklich zu ihm,
wir treffen ihn jetztsim Kreise seiner Familie, er
wird, um so eher Muße haben, Dich anzuhören.“

„Wollt Ihr nicht heute Abend nach Hause
zurück?“ fragte die Wittwe. „Eure Mutter ist
sehr krank, Ernst war vor einigen Tagen bei
ihr, sie verlangt nach Euch.“

Der junge Landmann sah eine Weile
schweigend, nachdenklich zu Boden. „Doch,“
sagte er endlich entschlossen, „wührte mein
Aufenthalt bei ihr auch nur wenige Stunden,
die alte Frau soll sich nicht vergeblich nach
ihrem Kinde sehnen. — Aber jetzt zum Ad-
pokaten, die Augenblicke sind kostbar!“

Der Doctor Schacht erfreute sich des
Rufs eines tüchtigen und geschickten Juristen,
er hatte schon in manchem verwickelten Prozeß
die Sache seines Klienten siegreich zu Ende
geführt, und dies, wie seine Menschenfreund⸗
lichkeit, seine Herzensgüte und die Aufopferung,
mit welcher er sich jeder, auch der kleinsten
Sache unterzog, erwarben ihm die Liebe und
Achtung aller seiner Klienten. Er hatte eben
zu Nacht gespeist und saß, in den Inhalt
der Tageszeit vertieft, in seiner Studirstube,
als die beiden jungen Leute eintraten. Der
Adrokat reichte dem Freunde die Hand und
bat seine Gäste Platz zu nehmen.

Got fried fatzte zu dem Juriften augen-
blicklich Zutrauen, jede Beklemmung war von
ihm gewichen.

In einfacher, schmuckloser Weise berichtete
er das Verhältniß seines Vaters zu dem Er⸗
mordeten, den Inhalt des Dokuments, so
weit er selbst ihn kannte, die Ereignisse jener
verhängnißvollen Racht, den Grund feiner
Verhaftung und Verurtheilung, sowie jchließ⸗
lich die Untterredung, welche er vor wenigen
Stunden belauscht hatte. 1ödoris. folgt.)
        <pb n="419" />
        Der Münzsammser.
Staatsbztg.)
Eine Novelle. * *
Gortsetzung.)

„Ganz und gar nicht, liebe Leonie. Ich
glaube, ich bin ihm die gleichgültigste Person
von der Welt,“ nahm Maud ihtre Erzählung
wieder auf, da die junge Frau jetzt ruhi⸗
ger schien.

„Felix vertraute mir, nun Sie können
es ja nicht wiedersagen; Sie kennen ja Nie—
mand — also mein Felix vertraute mir,
daß der arme Baron eine unglückliche Liebe
im Herzen trage, und daß er sich nur an eine
Andere binden will, um durch die Pflicht
diese Liebe zu bekämpfen.“ —J

„O dieser Unglückliche, welch ein Elend
will er da über sich herauf beschwören!
Hatte er eine Ahnung, welch einen Kampf
dus fordert, zwischen Pflicht und Liebe fest⸗
zustehen Aber Sie, Maud, Sie werden seine
Hand nicht annehmen — Sie werden Sie
ihm verweigern, um den Mann Ihrer Liebe
nicht unglücklich zu machen ?!“

Ich werde mich weigern; Ich werde es
an Bitten, an Thränen nicht fehlen lassen.
Aber wird es mir helfen ? Ich stehe nuter
Vormundschaft meines Onkels — und Felix
dann nichts thun; seine Stellung ist noch un—
sicher, er selbst wird fich fügen.“ —

„Und das nennt Ihr Liebe, wenn einer

den Andern so keicht aufgeben kann ? Sprecht
doch dieses Wort nicht aus, Ihr kennt die
Liebe nicht!“ rief Leonie mit flammendem
Blick. „Kämpfet für Euren Besitz und bewahrt
ihn, den Verdlendeten, vor dem bodenlosen
Abgrund eines solchen Daseins!“
„Das wird unmöglich sein,“ entgegnete
Maud. „Leonie, Sie wissen von dem eisernen
Karalter dieses Mannes nichts. Felix sagt,
—
daß dieser nie von seinen Entschlüssen weicht.
So wie er nur lieben oder hassen kann, so
wird er auch an der Wunde seines Herz eus
verbluten.“

Leonie lag wieder so bleich, so unbeweg⸗
lich da, als wohne kein Tropfen Blut mehr
in ihren Adern; aber das war nur Schein;
in ihrer Brust glühte und hämmerte es.

Arme Maud!“ sagte sie, mit Selbstbe⸗
herrschung ihre Stimme zur Ruhe zwingend,
„das ist sehr traurig. Wüßte ich nur, wie
ch dieses drohende Urtheil von seinem —.
von Ihrem Haupte abwenden könnte Doch
derlieren wir den Muth micht! Erklären Sie
dem Baron offen ihre Liebe. Er ist — wird
edel sein und nicht einen Besiß erzwingen,
auf den ein Anderer größere Rechte ha

„Das denke ich auch, doch daß wird
den Baron nicht hindern, dann eine Andere
zu nehmen, an deren Seite er ein einsamet
Mann bleibt.

„Sie meinen — ?e

„Daß⸗er von seinen Entschlüfsen nicht
weichen wird. — Doch, gute Leonie, wie
bin ich selbstsüchtig. Ich habe Sie ja mit
der Mitiheilung meines Hummers so qufge⸗
regt, und kam mit der besten Absicht her, ie
aufzuheitern. Mit unserm Spaziergang wird
es nichts?“ M

Leonie schüttelte ihr Haupt.

„Nein. Um aber nicht undankbar zu sein,
meine Freundin,“ sagte sie, von einem plöztz⸗
litzen Entschluß bewegt, „will ich den Arzt
prechen, den Sie mir empfohlen·“

„Leonie!“!“!

Maud küßle die junge Frau, um ihren
Jubel zu unterdrücken. Feliz hatte gesagl, daß
es so kommen würde. Und er selbst wollie ja
der Arzt der schönen Kranken sein. —

O, Maud war nicht eifersüchtig auf diese
Patientin, hier hatte ja Jeder das Herz
ooll. — Es galt nur, Altxander und Leonie
glücklich zu machen. · —

Und ganz vom Verlangen erfüllt, die gute
Nachricht den harrenden Freunden schnell zu
überbringen, die sie von einem Besuch bei
Lesnie immer wie einen Voten empfingen,
agte sie der Freundin hastig Lebewohl, vor⸗
gebend, nicht zu fäumen, damit sie den Arzt
gleich senden könne.

—A — klopfte es wieder
an Leoniens Thür; sie war noch immer al—
lein, noch hatte sich Willeich nicht sehen lassen,
Der lustige Rssessor stand vor Leonie, die ihn
boll Unruhe schon erwartet hatte und jetzt
auf einem Sessel saß.

Doch stand er einige Minuten, betroffen
von Leoniens Erscheinung da. Sie war sehr
        <pb n="420" />
        bleich, aber sie kam ihm dabei überirdisch
schön vor. Nun begriff er, daß der Freund
eines solches Wesen nicht vergessen könne. —
Damals, als Alexander ihr Lebensretter wurde,
hatte er nur flüchtig die Umrifse ihrer Ge—
stalt gesehen, aber jetzt — Und diese schöne
Hülle sollte keine Seele bergen ? — Es sprach
ihn dabei aus Leoniens Augen eine so tiefe
Trauer an, daß es ihm fast wie Frevel
schien, daß er mit dieser Frau ein so ge—
fährliches Experiment wagen wolle. — Aber
hatte er sich nicht vorgenommen, zu erfahren,
ob Alexander geliebt wende? Er wollte ja
wie ein Freund zu ihr reden, er und
Maud — —
Um sich jetzt in die Rolle des vermeint—
lichen Doctors zu finden, mußte er sehr ernsi
bleiben.

.Gnädige Frau, Sie haben nach mir
berlangt ?“ fagte er mit einer tiefen Ver⸗
beuqung.

Leonie entgegnete leise:

„Ich ließ Sie zu mir bitten. Nehmen
Sie Platz, Herr Doctor !“

Als der Assessor ihrem Wunsche Folge
leistete, und ihre weitere Rede zu erwarten
schien, fuhr sie nach einigen Secunden
fort:
„Ich habe Sie zu mir bitten lassen. Ich
bin krank, — aber habe nicht das Verlangen,
mich einer Cur zu unterwerfen, sondern ehe
etwas der Art geschieht, an Sie, als Mensch
und Arzt, eine Frage zu richten, eine Frage,
an deren Beantwortung vieler Menschen Frie⸗
den hängt. — Sagen Sie offen und ohnet
Rückhalt: was habe ich von meiner Krankheil
zu erwarten, werde ich genesen oder daran
sterben ??

Wehe, das fing für Felix an, eine sehr
peinliche Situation zu werden. Auf solche
Cap talfrage war er nicht vorbereitet; er
mar gekommen, um die kranle Seele zu
luriren. —

Was wollte sie nur mit dieser eigenthüm⸗
lichen Frage, die kalte Tropfen der Angst aus
seine Stirn perlen ließen ? Was sollte er nur
antworten; von Heilkunde verstand er so we⸗

nig, wie seine Maud von der Jurisprudenz.
Und hier kam gleich eine Frage, die über Le⸗
ben und Tod entscheiden sollte. Doch um
nicht ganz die angenommene Würde zu ver⸗
lieren, nahm er die Miene eines Denkers an
und griff nach Leoniens Hand, um ihren
Puls zu fühlen.

Eben, als er über eine ausweichende Ant⸗
wort nachsann, kam, zu seinem Glücke, Leonie
seiner Verlegenheit zu Hilfe, indem sie sein
Zögern als Zurückhaltung deutete, ihr die
Wahrheit zu sagen.

„Fürchten Sie nicht, mich mit der Wahr⸗
heit zu beunruhigen. Ich sehe Ihrem Aus⸗
jpruch nicht bangend entgegen. — — Nur
dann, wenn Sie mir fagen, die Kraft meiner
Jugend wird mein körperliches Leiden über⸗
winden und ich werde leben — dann haben
Sie mir ein furchtbares Urtheil gesprochen.
JIqh will und kann mich nicht deutlicher er⸗
klären. — Aber denken Sie in diesem Augen⸗
blick, Sie hätten eine Schwester, die krank an
Körper und Seele wäre, weil sie eine Liebe
in ihrem Herzen ersticken müsse — weil die
Pflicht es so gebieterisch fordere. — Der
Mann aber, den sie liebe, wisse von dem
Zustand ihrer Seele nichts. Er nehme ihre
Entsagung anders auf, halte sie für kalt und
lieblos und suchte sich in seinem Schmerze
elend zu machen.“

Leonie hielt erschöpft inne. Felix saß mit
unbeschreiblicher Empfindung vor ihr. Ach,
daß sein Al-xander doch dieses Bekenntniß
hören könnte! —

Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.
Aus den Schreckenstagen der Belagerung
pon Paris erzählt der „Figaro“ folgende
kleine Episode: „Eine Dame tritt in den
Laden eines Epicier und fragt: „Was
kostet dieser holländische Käse?“ „100 Fres.,
Madame.“ 100 Fres.? ein Käse, worin
eine Ratte ist ?“ „Wie, es ist eine Ratte
darin? Dann kostet er 120 Fres.“
— — —

Druck und Verlag von F. X. Denaetz in St. Inobert.
        <pb n="421" />
        Unterhaltungsblatt

441
St. Ingberter Anzeiger.
— — Dienstag, den 12. September 77577.
Ein böses Gewissen.*
Novelle
oon Ewald August König.

Fortsetzung.)

Ernst war erstaunt, als er alle diese De⸗
tails erfuhr, und selbst der Advokat konnte
eine gewisse Ueberraschung nicht verbergen.
„Ich habe die Alten eingesehen,“ nahm er
das Wort, „es geschah auf den Wunsch mei⸗
nes Freundes, und ich muß gestehen, der
Anklageakt, wie er jetzt vorliegt, läßt eine Ver⸗
urtheilung Ihres Vaters fast mit Bestimmt⸗
heit erwarten. Wären Sie früher zu mir
gekommen, hätte ich alle diese Details gewußt,
wir würden dadurch viele Zeit gewonnen
jaben; im Herbst werden die Assisen er⸗
oͤffnet und bis dahin sind kaum noch zwei
Monate.“

„Aber die Zeugnisse des Pfarrers und
Bürgermeisters!“ warf Gottfried ein.

„Sie mildern die Anklage nicht,“ fuhr
der Advokat fort, „sie sind überhaupt von
keiner Bedeutung, und zudem ist das Zeug⸗
niß des Bürgermeisters eher eine Waffe gegen
den Angeklagten, als für ihn.“

„So bleibt uns nichts zu thun?“ fragte
Ernst.

„Doch, wir müssen den Mörder zu ent⸗
decken suchen, gelingt uns dies, so haben wir
jewonnen, gelingt es uns nicht, dann“ — —
Ein Achselzucken schloß den Satz, die beiden
— Leute verstanden die Bedeutung des⸗
selben.

Da plötzlich fuhr Gottfried von seinem
Stuhle auf, er knöpfte die Weste offen und
riß von der Hose cinen kleinen Knopf ab,
den er dem Advokaten übergab. „Vielleicht
ührt uns dies auf die Spur,“ sagte er.
„Als mein Vater in jener Nacht den Bür—
gjermeister ins Dorf zurück begleitete, befahl
er mir, am Orte des Verbrechens noch ein—
nal genau nachzuforschen, ob ich nicht irgend
ein Merkmal entdecke, welches zur Ergreifung
zes Mörders führen könnte. Ich fand nichts,
'o eifrig ich auch suchen mochte. Schon wollte
ch den Heimweg antreten, als mir aus einem
Zztrauche dieser Knopf entgegenblitzte. An der
Stelle, wo er hing, waren die Zweige ver⸗
jogen und geknickt, just als ob Jemand mit
einem Kleide daran hangen geblieben sei
ind sich geweltsam losgerissen habe.“

Der Advolat ketrachtete den Knopf auf⸗
nerksam. Er war klein, von Größe eines
Westenknopfes und trug än gelber Einfassung
inen grünen Glasstein. „Wie weit war der
Strauch von dem Orte, an welchem die Leiche
ag, entfernt ?“

„Ungefähr zwanzig Schritte. Ich nahm
den Knopf mit und nähte ihn, um ihn n'icht
ju verlieren, an meine Hose fest mit dem
Vorsatz, ihn dem Untersuchungsrichter zu
zringen. Am andern Tage aber stiegen Zwei⸗
'el in mir auf, ich konnte ja nicht min Be—
timmtheit behaupten, daß der Knopf wirklich
Figenthum des Mörders sei und vielleicht
den Verdacht auf einen Unschuldigen laden.
Als diese Bedenken mir schwanden und
cch es nun doch für Pflicht achtete, von
meinem Funde Anzeige zu machen, wurde
        <pb n="422" />
        ch durch meine Verhaftung hievon abge⸗
halten.“

Der Advolat legte den Knopf auf seinen
Sahreibtisch. „Ich werde Ihren Vater morgen
wbesrichen,“ versetzte er, „es ist nicht nöthig,
daß Sie selbst zu ihm gehen, Ernst mag mich
begleiten. ⸗· Was den Plan der beiden
Herren anbelangt, so seien sie unbesorgt, ist
Ihr Vater unschuldig, so wird er um keinen
BPreis seinen Kerler verlassen. Was gedenken
Sie in Bezug auf das Dokument zu thun ?“

Noch weiß ich es nicht,“ entgegnete
Gottfried, „auf gerichtlichem Wege ihn zur
Hexrausgabe desselben zwingen —“

Wird Ihnen nicht gelingen,“ unterbrach
Schacht ihn,“ er läugnet einfach, daß er es
in Ihrem Rocke gefunden habe, und Sie
können ihm das Gegentheil nicht beweisen.“

„So bhleibt mir nur der Weg der Gewalt
offen,“ fuhr der junge Mann fort.

„Auch den würde ich Ihnen nicht an—
rathen. Im Grunde kann Ihnen am Besitz
des Doekuments nicht so viel gelegen sein,
daß Sie dafür Ehre und Freiheit in die
Schanze schlagen follten, wissen Sie den Na⸗
men des Notars, welcher die Urkunde ausge⸗
—VVO—
kräftige Kopie und lassen das Original amor⸗
tisiren. Auch hierüber wird Ihr Vater mir
Auskunft geben können, warten Sie also ge⸗
duldig ab, bis ich mit ihm Ruücksprache ge⸗
nommen habe.“

Die Konsultation war beendet, der Ad⸗
volat erhob sich und Gottfried verließ jetzl
das Haus, nachdem er dem Freunde, welcher,
der Bitte Schachts nachgebend, noch ein Stünd⸗
chen zu bleiben beschloß, mit warmer Herz⸗
lichkeit gedankt hatte. Trotz seiner Müdigkeit
und Abspannung eilte er mit raschen Schrit⸗
ten der Heimath zu, der Gedanke an die
Mutter, welche vielleicht schwer erkrankt aus
dem Schmerzenslager lag und auf das Ge—
räusch horchte, ob der Sohn denn noch
immer nicht in ihre Arme eile, verlieh ihm
Flügel. J

Er mochte etwa die Hälfte des Weges
zurüchgelegt haben, als er plötzlich auf einen
Mann stieß, der, wie Gottfried schon aus
der Ferne zu bemerken glaubte, einen ziem ·
lichen Rausch hatte. Der unsichere, schwan⸗

kende Gang und die heftigen Gestikulationen
dieses Menschen, der bald stehen blieb, um
in fich hinein zu reden, bald weiter schwan⸗
kend über einen Stein stolperte oder gegen
eine Pappel rannte, würden in jedem andern
Augenblick die Heiterkeit Gottfrieds erregt
haben, heute aber erfüllte es ihn mit Abscheu.
Er wollte eilig vorbeischreiten, als der Be—
rauschte ihn anrief.

„He, he, guter Freund,“ rief der letztere,
dessen Aeußeres genau dem eines Vagabunden
glich, „seid doch so gut und zeigt mir den
nächsten Weg nach C., der Bürgermeister
wird's Euch Dank wissen. — So bleibt doch
stehen, oder hol' mich der Henker, ich breune
Euch meinen Revbolver auf den Pelz, daß
Ihr“ —

Gottfricd wandte sich um. „Wenn Ihr
nach C. wollt, so folgt mir,“ entgegnete er,
„aber seht Euch vor, daß Ihr gleichen Schritt
mit mir haltet, ich habe Eile.“ —

„So lauft in des Kukuks Namen,“ fuhr
der Vagabund fort, indem er seine Schritte
beschleunigte, „ich komme früh genng hin, um
das Geschäft abzumachen. — Der Kerl muß
das Papier herausgeben, — ich sage, er muß
es hergeben, oder — — so seht mich doch
nicht so stier an, ich hab's ja nicht gethan. —
Was kümmert's Euch? Wenn ich hundert
Louisd'or verdienen kann, wäre ich ein Esel,
wollte ich sie zurückweisen. — Hageldonner-
wetter, geht mir mit Euren verdammten
Augen aus dem Wege; — — Wenn Ihr
etwas wollt, geht in die Stadt, der reiche
Schuft war der Anstifter.“

Enisetzt blieb Gottfried stehen, die innere
Angst, welche in diesen Worten sich ausdrückte,
ließ ihn mit dem, der sie sprach, Milleid
empfinden, er vermuthete, daß jener Mensch
eine schwere Schuldenlast auf dem Gewissen
haben müsse.

„Was wollk Ihr?“ fragte der Vagabund,
als er näher tretend den jungen Mann be—
merkte. „Habt Ihr Lust, mil mir anzubin⸗
den? Ich bin ein freier Amerikaner, das
merlt Euch, die Polizei kann mir nichts an—
haben! Geht Eurer Wege und laßt mich
ungeschoren.“

Fortsetzung folgt.)
ü— —
        <pb n="423" />
        Der Münzsfammler.
Staaisbztg.)
Eine Novelle.
(Fortsetzung.

Aber da Felixs Herz zu voll war und er
die eingetretene Pause mit keinem Laute un—
terbrach, hielt Leonie sein Schweigen für eine
Aufforderung, weiter zu sprechen. Auch lag
in seinen Zügen für sie jenes Etwas, das ihr
fagte: Dieser Mann hat Gefühl; er versteht
mit Dir zu empfinden. J

Sie fuchte sich daher zu sammeln und
fuhr fort:

„Denken Sie nun, daß wenn diese Schwe⸗
ster dem Leben erhalten bleibt, sie eine dop⸗
pelte Qual zu tragen hat. Ihr trauriges Ge⸗
schick und den Vorwurf des Gewissens? auch
dem Manne, den Du liebst, hast Du das
zlende Schicksal bereitet. Weiß sie aber, daß
sie dem Tode geweiht ist, dann sind alle
weltlichen Bande für sie gelös't. — Vor dem
Tode kann sie noch den Geliebten sehen, kann
ihm sagen, was Sie gelitten, wie sehr Sie
ihn geliebt, kann ihn beschwören, von seinen
düstern Entschlüssen abzustehen. —“

Felix hielt es auf seinem Stuhl nicht
länger aus; denn es trieb ihn unwiderstehlich
an, vor Leonie seine Knie zu beugen. Ein
solch edles Weib hatte er nie gekannt.

Und solch ein Edelstein sollte im Sande
unbeachtet liegen bleiben ? Nimmermehr! Spielte
er auch augenblicklich mit den heiligsten Ge—⸗
fühlen, der Zweck war ja doch diesen Edelstein
in Gold zu fassen.

Etr stand auf und trat ans Fenfter,
um Beherrschung für das Kommende zu ge—
winnen.

Als er sich dann wieder nach Leonie um⸗
wandte, sah er, daß sie ihn erwartung svoll
heobachtete.
Er frat dicht an sie heran und nahm
ihre Hand, um wieder ihren Puls zu
fühlen.

„Gnädige Frau, soll jetzt der Arzt spre—
chen, oder der Mann; den Ihre Mittheilung
aufs tiefste erschüttert hat, und der Sie dem
Leben und dem Frieden so gern zurückge⸗
ben möchte ?“

„Ich will den Arzt hören!“ rief sie;
„der Mann kann mir nicht helfen!“ —

„Wohlan, Sie wollen es. Wenn Sie in
diesem traurigen Zustande fortleben, wenn
nichts kommt, das ihre Seele weckt und mit
Wonne erfüllt — dann —“

„Dann?“ fragte Leonie, fast die Worte

von seinen Lippen siehlend. e

„Daun, gnädige Frau, ist es Zeit, wenn
sie moch eine Rechnung auf Erden haben,
diese bald abzuschließen; die Tage sind Ihnen
dazu schon gezählt.“ —

Das war freilich das größte Verbrechen,
das ein Mensch nur begehen konnte, Einem
jo ohne weiteres das Leben abzusprechen;
aber dieses Vergehen war die heilsamste Me⸗
dicin für die lebensmüde junge Frau,

Der Assessor fühlte fich mit einem Male
in die wirkliche Würde eines Arztes hinein;
denn koßnte es einen gescheitern Arzt, als er
einer war, noch auf der Welt geben? Leonie
var bei seinem Ausspruch mit anstrengender
Zraft von ihrem Sessel aufgestanden und rief
ndem sie dem Assessor ihre kleine, jetzt schon
jehr durchsichtige Hand entgegenstreckte:

„Dank für Ihre Offenheit, mein Herr,
A
gerettet.“

Sie sank in ihren Sessel zurück. „Ich bin
sehr erschöpft. Für heute kann ich Ihnen
nichts mehr fagen; ich bedarf noch ein wenig
Ruhe zu der Rechnung, die ich auf Erden
abzuschließen habe. Nicht wahr, Sie verzeihea
mir diese Bitte ? Auf morgen, Herr — Doe⸗
tor. Grüßen Sie mir Maud i —

„Auf morgen!“ wiederholte der Assessor
und küßte tief bewegt die magere, kleine Hand,
die ex noch nicht losgelassen hatte.

„Auf morgen,“ slüfierte sie, als er fort
war. Und als der Morgen kam, saß sie schon
in früher Stunde auf ihrem Sessel und war—
kete mit Herzklopfen auf ein altbekantes Klopfen
an ihrer Thür.

Mit welcher Eile hatte sie noch gestern
jolgende Worte an den Baron geschrieben:

„Leonie will noch einmal Abschied nehmen.“

Aber wie war die Erwartung nach Ab⸗
sendung dieser Zeilen? Wie rajch pulfirte
das Blut in den Adern, Die Erwartung
derscheuchte Hinfälligkeit und Schmerzen
        <pb n="424" />
        Wollte der Tod sie vergessen lassen, daß sie
ichon seine Beute sei?

Und endlich vernahm ihr Ohr bekannte
Tritte; sie sprang wie ein Reh von ihrem
Sessel empor. Die Thür ging auf.

„Leonie!“ rief eine liebe Stimme, und
zwei Arme stredcktten sich ihr entgegen. Da
schwanden ihre Todesgedanken und Beherr⸗
schung; der Damm der Liebe durchbrach alles.
Mit dem stammelden Ruf: „Alexander!“ warf
sie sich an seine Brust. — —

Er bededte ihre Stirn, ihren Mund mit
heißen Küssen; sie wehrte ihm nicht. Er hob
ihr Haupt zu sich empor und sah ihr in
die Augen; sie lächelte ihm in voller Se⸗
ligkeit zu.
„Leonie, liebst Du mich? —,“
„Heiß und innig, wie Dich nie eine an⸗
dere lieben kann!“
.Und Du, stolzes Herz, konntest mir so
biel Schmerz bereiten. Wolltest lieber sterben,
als mit Dem glücklich werden, dem Deine
Seele gehört!?“ —

Da schwand das selige Lächeln aus ihrem
Gesicht.

Alexander, Du weißt nicht —“

„Ich weiß alles, Geliebte. Du hältst Dich
für eine Sterbende, — aber Du bist keine,
Du wirst leben!“ —

Sie erschrack heftig, sie wollte sich fanft
von ihm losmachen; aber er hielt sie desto
fester.
Leenie!“ sagte er vorwurfsvoll. „Könn—
test Du Dich jetzt noch von mir losreißen?
hast Du jetzt noch das Recht dazu ?“

Unsicher senkte sie ihr Auge vor ihm.

„Du weis't nicht, was der Arzt mir
sagte.“

Was er auch mir gesagt, soll ich's wie—
derholen? Wenn nichts dazwischen tritt, Ihre
Seele nicht gewedt, nicht von Wonne erfüllt
wird, — dann ist es Zeit, daß Sie Ihre
Rechnung auf Erden abschließen. — Sieh,
ich weiß seine Worte sehr genau. Und kannst
Du jetzt noch sagen, daß Deine Seele keine
Wonne fühlt! Deuten diese Augen, dieser

bebende Körper, der sich an mich schmiegt,
nicht an, daß Du glücklich in diesem Augen⸗
hlick bist? — Geliebte! fuhr er innig fort,
saß jetzt den Arzt und die Todesgedanken;
wo die Liebe ist, da ist Leben. Einst schriebst
Du an den Mann, der Dich jetzt in seinen
Armen hält: „„Lernen Sie einst Die kennen,
deren Herz Ihnen entgegenschlägt, so halten
Sie sie fest in Ihren Armen! Suchen Sie
Ihres Weibes Glück, und Sie selbst werden
es finden. ..““ Und, so meine Leonie, will
ich Dich halten, Du alliein wirst mir Ersatz
ür alle Verluste sein. Dein Besitz ...“

„Halt ein! Sprich nicht weiter,“ rief
deonie und richtete sich zitternd ans seinen
Armen auf. „Bin ich wirklich zum Leben
verdammt und muß so diese Augenblicke be—
jahlen, so male Du geliebter, grausamer
Mann, mir nicht ein Paradies aus, in das
ich nicht eintreten darf. Oder hast Du ver⸗
gessen, daß ich nach dem Gesetze das Weib
zines andern bin? — Ach, für mich gibt es
zur Erlösung keinen andern Weg als
den Tod!“

„Auch jetzt könntest Du noch sterben
wollen ?

Sie stand wortlos, mit gesenkten Blicken

vor ihm, er nahm ihre Hand und führte sie
zum Sopha, und indem er sich neben sie
setzte und ihren Kopf an seine Brust zog,
agte er innig:
3Ich könnte Dich bitten, mir das Ver—
sprechen zu geben, diesen verzweifelten Gedan⸗
danken nie wieder aufkommen zu lassen; ich
thu' es nicht; denn Geliebte, ich weiß: von
dem Augenblick, wo Du die Süßigkeit erwi⸗
derter Liebe in meinen Armen empfandest,
hast Du den Muth und das Recht verloren,
mir Dein Leben zu rauben. Aber eine ernstere
Frage richte ich an Dich: Willst Du für
Deine Liebe kämpfen ?“

Mit der ganzen Kraft meines schwachen
Daseins!“

(Fortsetzung folgt.)

— t—

Druck und Verlag von F. X. Demez in St. Ingbert.
        <pb n="425" />
        Anterhaltungsblatt

1u
St. Ingberter Anzeiger.

Nr. 109. Donnerstag, den 14. September
Ein böses Gewissen.*

reist fie mit. Paßt auf, ich hab's gesagt, und
drüben — na, drüben wird i: sich schon
darin finden! Hurrah, das freie Amerika!“

Gotifried ließ den Betrunkenen schwatzen,
ein furchtbarer Verdacht war in seiner Seele
erwucht. In welchen Beziehungen stand dieser
Mensch zu Krämer? Welcher Art konnte die
Verpflichtung sein, welche den Rentner zum
Schuldner dieses Subjekts machte? Und über—⸗
haupt, welchen Sinn hatten die Worte des
Vagabunden? Der junge Mann mühte sich
pergebens ab, einen klaren Blick in das Halb⸗
dunkel zu werfen, aus welchem die Gestalt
des Ermordeten vor seinem geistigen Auge
auftauchte. Ein Gedanke drängte den andern,
er vermochte nicht, in dieses Chaos Klarheit
und Ruhe zu bringen. — Das Papier, wel⸗
hes Wetteran herausrücken sollte, war es
nicht das Dokuwent, für welches Krämer dem
Bürgermeister die Haud seiner Tochter zuge—
jagt hatte? Und wenn es dies war, durfte
er ruhig zusehen, daß dieser Vagabund es an
ich riß, um es am nächsten Tage in die
dände des Rentners zu legen? Gottfried
vwußte nicht, wie er sich verhalten sollte. Den
Bürgermeister warnen? Dadurch war nichts
gewonnen. Den Vagabunden ruhig sein Voi—
saben ausführen lassen und dann jenem das
Dokument entreißen? — Er hielt an diesem
Bedanken fest. Es konnte ihm nicht schwer
'allen, den Betrunkenen zu überwältigen, und
ich des Papiers zu bepuächtigen. Auch sah
er ein, daß er sich ee beider, des
Akts, wie des Vagabunden bemächtigen mußte,
des letzteren, weil sein Verdacht, daß jeuer
der Mörder Krämers sei, eher wuchs, denn

Novelle
von Ewald August König.

GFortsetzung.)
„Ihr müßt schwer gesündigt haben,“ ver—
setzte Gottfried ernst, „die Angst Fures bösen
Gewissens drückt sich in jedem Worte aus,
welches Ihr sprecht.“

„Halt Dein Mault!“ fuhr der Vagabund
rasch auf. „Was kümmert Dich das Gewäsch
anderer Leute? Kehre vor Deiner eigenen
Thür. — Ich bin an der ganzen Geschichte
so unschuldig wie ein neugeborenes Kind,“
fuhr er zutraulich fort, indem er seine Hand
auf den Arm des jungen Mannes legte und
gleichen Schritt mit ihm zu halten versuchte,
„der Rentner in der Stadt, der reiche Hal⸗
lunke, hat mir den Auftrag gegeben.“

„Welcher Rentner?“ forschte Gottfried.
.Krämer ?“

„Na, ja, der Krämer, wer anders?
Aber der Hund soll das Papier herausgeben,
und wenn ich das Papier habe, dann soll
auch der Krämer herausrücken. mit den hun⸗
dert Louisd'ors. Inzwischen habe ich ihm
etwas eingeheizt, daß ihn heute Nacht nicht
friert. Wortbrüchig ist der Kerl geworden —
und deßhalb — — na, ich will lieber schwei⸗
gen. — Ueberhaupt, wer seid Ihr? Was
wollt Ihr von mir? — — He, sagt ein⸗
mal, kennt Ihr die Tochter Kraäͤmer's ? Ein
hübsches Ding, wie? Na, gebt Acht, wenn
ich einmal wieder nach Amerika reise, dann
        <pb n="426" />
        abnahm. — Sein Entschluß war gefaßt, er
wollte bei der Mutter einige Minulen verwei—
len und daun in der Nähe des Bürgermei—
steramts sich verstecken, um den Vagabund zu
bdeobachten. Was darauf geschehen sollte, das
zu überlegen, blieb ihm später noch Zeit ge⸗
nug. Aber wie rasch war dieser Vorsatz ver⸗
gessen, als Gottfried in das elterliche Haus
trat und die Mutter mit dem Tode ringend
fand. Ein Blick auf das theure liebe Antlitz,
auf welchem der Todesschweiß schon perlte,
und der junge Mann, dessen erschöpfte, ab⸗
gespannte Nerven keinen Widerstand mehr
leisten konnten, sank ohnmächtig vor dem La—
ger der Sterbenden nieder. Als sein Bewußt⸗
sein zurückkehrte, hatte die Mutter ihren Geist
ausgehaucht.

Gleich einem Verzweifelten warf Gottfried
sich über die Leiche, er rief die Mutter mit
den theuersten Namen, eir küßte die weichen,
kallen Lippen, aber das Auge öffnete sich
nicht wieder, welches über dem Kinde und
dem Junglinge mit treuer Liebe gewacht
hatte.

Der Engel des Friedens trug auf seinen
Armen die Seele in den Schooß des himm⸗
lischen Vaters zurück, sein milder Glorieuschein
verklärte die irdische Hulle.

Gottfried erfuhr von den Umstehenden,
daß seine Mutter ihn erkannt und vor dem
Scheiden gesegnet hatte, daß ihr letzter Wunsch
der gewesen war, den Gatten frei zu sehen.
Der junge Mann blieb bei der Leiche sitzen,
die Siunden verannen, er dachte nicht mehr
an den Vagabund, er war versunken, in die
Erinnerung an alte vergangene Zeiten.

Der Schlag des Schicksals traf in plötz⸗
lich, wäre er auf ihn vorbereitet gewesen, er
würde sich in den Willen des Lenkers aller
Dinge gefunden haben, jetzt aber beugte dieser
Schlag ihn nieder und keinen Trost wußte er
für die blutenden Wunden seines Herzens zu
finden.

Wer, dem das Liebste im Sarge lag,
hat nicht mit dem Geschick gehadert und es
trotzig herausgefordert! Das Menschenherz
will sich ja nie geduldig fügen, in ohnmäch⸗
tiger Wuth lehnt es sich gegen, den Willen
des unerbittlichen Schicksals auf, es muß ja
seinem Schmerz, seinem Grame Luft machen

fönnen. Stumm und unverwandt hing der
Blick Gottfrieds an den geliebten Zügen. er
konnte es nicht fassen, daß die Mutter, an
der seine ganze Seele hing, ihm so plötzlich
genommen worden war, er mochte nicht daran
denken, daß sie nun drüben auf dem Fried—
hofe unter den Rasen gebettet werden
sollte .

Die Kerze war heruntergebrannt und er—
loschen, der Tag graute schon, die Morgen—
röthe leuchtete fern im Osten und aus dem
Saatfelde schwang die Lerche sich empor in
das Azurblau des Aethers.

—A
Worte, welche der Vagabund am verwichenen
Abend zu ihm geredet hatte, er entsann sich,
daß der Vater im Kerker schmachtete und seine
erste und heiligste Pflicht die war, den alten
Mann zu befreien. Er rief seine Magd, die
seit langen Jahren im elterlichen Hause diente,
beauftragte sie, für das Begräbniß der Todten
Sorge zu tragen, und für den Fall er in
den ersten Tagen nicht zurückkehre, einem
Nachbar, dem Freund seines Vaters, die
Verwaltung des Gutes zu übergeben, dann
verließ er das Haus und eilte mit hastigen
Schritten dem Bürgerme ister zu. Aber seine
Befürchtung erwieß sichJ ider richtig, der Vaga⸗
bund hatte sein Bubenstüd bereits ausgeführt
und den Rückweg angetreten. Die Thür zur
Wohnung Wetterau's stand offen; in der
freilich schwachen Hoffnung, das Werkzeug des
Rentners noch im Hause zu finden, trat der
junge Mann ein. Auch die Thür zum Amts⸗
zimmer, welches im Erdgeschosse lag, war nur
angelehnt, das Pult des Bürgermeisters er⸗
brochen und die auf dem Boden herumge⸗
ttreuten Papiere ließen ihn augenblicklich er⸗
kennen, daß der Vagabund nicht müßig ge—
wesen war. — Was sollte er thun? Lärm
schlagen und sich dadurch dem Verdachte aus⸗
setzen, daß er der Dieb sei? Er wußte ja,
daß schon die Anwesenheit am Orte des Ver—
brechens genügte, Verdacht zu erwecken die
Verhaftung des Vaters lieferte ihm dafür
einen schlagenden Beweis. Aber nein, auf ihn
konnte kein Verdacht fallen, und selbst wenn
Wetterau ihn des Diebst ahls beschuldigen

wollte, mußte er alsdann nicht gewärtigen,
daß Gottfried die Anklage auf ihn zurück—
        <pb n="427" />
        schob? — Fast unwillkührlich erstieg Gottfried
die Treppe, welche zu der Wohnung des
Bürgermeisters führte. An der Thür des
Schlafzimmers angelangt, erstaunte er, auch
diese halb geöffnet zu finden, er trat ein und
fuhr gleich darauf mit einem Schrei des Ent⸗
setzens zurück. Sein erster Blick war auf das
vleiche, entstellte Antlitz Wetterau's gefallen;
die gebrochenen Augen, welche vor den blut⸗
unterlaufenen Höhlen standen, die blauen
Flecken an dem entblößten Halse und der
Ausdruck unversöhnlichen Hasses, der im Tode
noch seinem Feinde flucht, ließen Gottfried
nicht bezweifeln, daß Wetterau ermordet wor⸗
den war. Eine Weile blieb er entsetzt stehen,
er hätte fliehen mögen, soweit seine Füße ihn
nur zu tagen vermochteu, und doch war er
auf die Stelle gebannt, auf der er stand,
eine geheimnißvolle Macht hielt seinen Blick
auf das Antlitz gefesselt, welches grell mit
dem der Todten im letzten Hause des Dorfes
tontrastirte.

In einem langen, gellenden Schrei wich
endlich die Beklemmung, welche gleich einem
Alp auf der Brust des jungen Mannes lag,
mit ihr auch jene Macht, in rasender Eile
stürmte Goltfried die Treppe hinunter. Erst
als er das Haus im Rücken hatte, athmete er
frei auf. Er wußte, daß das ganze Dorf das
feindliche Verhältniß, in welchem er zu dem
Bürgermeister gestanden hatte, kannte, und
schloß hieraus richtig, daß der erste Verdacht
auf ihn fallen werde, um so mehr, als er
gerade vor dieser Nacht aus dem Gefängnisse
zurückgekehrt wa. Deshalb hielt er es für
besser, keine Anzeige von seiner Entdeckung
zu machen, sondern das Dorf zu verlassen
und dem Advokaten in der Stadt unverzüg⸗
lich den ganzen Vorfall mitzutheilen. Er ver⸗
traute fest darauf, daß dieser Mittel und
Wege finden werde, sich des Vagabunden zu
bemächtigen. (Forts. folgt.)
Der Münzsammler.
(Staatsbztg..
Eine Novelle.
J (Fortsetzung.)
„Und wird meine Leonie an meine Treue
glauben, wenn Stürme über sie kommen, wo

ich nicht an ihrer Seite stehen darf, wo ich
fern bin und warte, bis die dunklen Wolken
sich verlieren und Dein Glauben an mich unser
Glück rettet ?

„Ich verstehe Dich nicht ganz,“ entgegnete
sie, „aber eins weiß ich, den Glauben an
Dich und Deine Liebe kann mir nichts in der
Welt entreißen. Doch Sonnenschein erblicke
ich nicht!“

„Muth, Geliebte, vertraue mir und dem
Stern unsrer Liebe! Du tragst da an Dei⸗
nem Halse eine goldene Medaille. Diese wird
unser Glück gründen! Könntest Du Dich von
diesem Kleinod trennen?“ Leonie erbebte
und ihre Stimme zitterte, als sie leise ent⸗
gegnete:
„Wenn Du sie forderst, trenne ich mich
davon, — wenn — wenn auch nicht ohne
Rampf. — Diese Medaille ift, ich kann's
naicht anders nennen, eine „Relique“ in un—
—
schon auf Urenkel übertragen. Welche Be—⸗
deutinng sich daran knüpft, weiß ich nicht;
aber sterbend nahm sie meine Mutter von
ihrem Halse und hing sie mir um mit den
warnenden Worten, sie nur dann von mir
zu geben, wenn ich, wie sie, auf dem Todt⸗
bette liege.“

„Und doch willst Du sie mir geben ?“

„Wenn Du sie forderst, ja! Meine Mut⸗
ter mag mir verzeihen, ich kann Dir nichts
verweigern!“

„Meine Leonie!“ rief der Baron gerührt,
die Stirn der schönen Frau küssend. „Halte
mich nicht für egoistisch, daß ich um einen
solchen Kampf Dir dieses Kleinod raube.
Einst, nicht jetzt, werde ich es fordern —
doch auch nur dann, wenn es der Preis unsres
Glückes wird. Auch nicht mit Worten, nein,
Dein Herz wird den Ausschlag geben.“

„Deine Worte sind mir dunkel ?“

„Sie werden Dir klarer werden, wenn
die rechte Stunde kommt. Auch weißt Du
pielleicht nicht, welch einen kostbaren Werth
diese Medaille für den Kenner hat. Es ist
eine griechische alte Münze von der Stadt
Pessalonia in Maeedonien; sie wurde geprägt
zu Ehren der damaligen Kaiserin Sabina
Tranquillina, die die Tochter eines armen
Hirten war und durch‘ ihre Tugend und
        <pb n="428" />
        Schönheit das Herz des Kaisers gewann, der
sie zu seiner Gemahlin erhob. Sie blieb
mild und tugendhaft und vergaß nie, daß
sie eine Tochter des Volkes gewesen. Die
Medaille trägt ihr Brustbild und auch ihren
Namen. Es existirt außer dieser nur noch ein
Fremplar. Ich bin erstaunt, daß Willrich sie
noch nicht von Dir verlangt har, es ist ja
eine Perle für seine Sammlung.“.

. „Diese Forderung kann er nie wagen,
da er Zeuge war, als meine Mutter mir dieses
Andenken gab.“ —

.Und doch, wer weiß, ob er sie nicht
einst fordert,“ sagte der Baron mit eigen⸗
thümlicher Stimme und sah Leonie forschend
an. „Mit diesem Kuß, den ich jetzt auf Deine
schöne Stirn drücke, schwöre ich Dir, ehe der
Lenz wiederkehrt, bist Du Herrin von Roda
und mein fürs Leben! Bis dahin ehren
wir das Gesetz, das Deine Freiheit noch
fesselt.“

„Du denkst an eine Scheidung von Will⸗
rich ?“ — rief sie.

„Ich denke daran! Aber weder Du noch
ein Anderer als Willrich selbst soll Deine
Keite brechen.“

„Ich weiß nicht, wie es Dir möglich er⸗
scheint, daß er mich freigebe; aber wenn dem
selbst so wäre, ich bin Katholikin und meine
Kirche scheidet nicht.“ —

Der Baron erschrack.

„Wie, Leonie, Du, ein ss geistvolles
Weib, könntest darum noch mit Deiner Liebe
kämpfen ? an die veraltete Satzung einer Re—
ligion Dich klammern, die von Menschen ins
Leben gerufen ist, und die nur noch Einfalt
und Heuchelei aufrechthält ? Ja, daran dachte
ich freilich nicht.“

„O nicht diese Härte, Alexander,“ rief
sie, bittend seine Hände ergreifend, „sei nach⸗
sichtig! Denke, daß ich den größten Theil
meiner Jugend bei den Ursulerinen verlebte.
Zwar konnte mein Herz sich nicht, wie das
der Nonnen, bei den Festen und Gebeten
begeistern, aber ich glaube an einen Gott, an
eine Vorsehung. O nimm mir das nicht!“

„Meine Leonie, Gott hat mit dem Katho⸗
licismus nichts gemein. Gott ist die Liebe.

Josephe war auch in der katholischen Religion
auferzogen, und auch fie war nicht von der
irche getrennt, und was that sie ?*

Leonie schmiegte sich an den Baron.

„Josephe stürzte von der Seite des
Dheims fort, vom Schiff zurück ans Ufer
vo der trauernde Geliebte stand, und rief,
ihn umschlingend: „„Rein ich kann nicht von
ihm lassen!““ — So, mein Alexander,
opfere auch ich Dir Alles, nimm mich hin.
Doch denke an Deine Mutter, wird eine
olche Tochter ihr willkommen sein?“

Der Baron erwiderte: „Gib mir das
Buch der Bettlerin vom Pont des Arts.“
Sie reichte es ihm, er schlug die letzte Seite
um, und während er mit einem Arm Leonie
an sich zog, las er.

„Als Josephe in des Geliebten Armen
lag, fragte Don Fröbenio: Was werden Sie
Ihren stolzen Verwandten sagen, wenn Sie
dieses Kind des Elends vorstellen? Werden
Sie den Muth haben, den Spott der Welt
zu ertragen ?? „Fahr wohl, Don Pedro,“
sagte der junge Mann mit muthigem Gesicht,
indem er dem Oheim die Hand zum Abschied
reichte, mit dem andern Arm die Geliebte
umschlang. „Seid getrost und verzaget nicht
au mir! Ich werde sie der Welt zeigen und
wenn man mich fragt: Wer war sie denn?
so werde ich mit freudigem Stolze ant—
worten: Es war die Bettlerin vom Pont
des Arts.“

Der Baron ließ das Buch zu Boden
fallen und drückte Leonie fest an seine
Brust.

Fortsetzung folgt.)

— — ——

Charade.
(Zweisylbig.)
Wenn ihr in meiner Ersten seid,
Dann thut euch guten Dienst die Zweit'
Und schnell wind dann das Ganze draus
Das euch erlößt aus manchem Strauß.

Auflösung des Räthsels in Nr. 105 des Unter—
haltungsblattes: „Geige·

Druck und Verlag von F. X. Deraezz in St. Ingbert.
        <pb n="429" />
        AUnterhaltungsblatt

um
St. Ingberter Anzeiger.
—BR Sonntag, den 17. Seprember
— EWRX

— —

0
2

Ein böses Gewissen.*
Novelle
von Ewald August König.

halter gelinge, sich ein gesichertes Einkommen
zu verschaffen, welches zur Bestreitung ihrer
geringen Bedürfnisse ausreiche.

Ernst fand gegen diesen Entschluß nichts
einzuwenden, mußte er auch im Stilien ihn
adeln, weil er überhaupt die Heirauth alter
deuten für eine Thorheit ansah, so mochte er
doch der Mutter nicht wehe thun, welche er
durch diesen Schritt ihre Zukunft vielleicht
äicher zu stellen glaubte. Ihm hatte schon
längst das Verhältniß des Buchhalters zu
dem Rentner nicht gefallen, achtete er auch
den Letzteren als den Vater Mathildens, so
annte er doch auch eben so gut wie jeder
einer Mitbürger die Gerüchte, welche über
den reichen Filz umliefen. Er wußte, daß
strämer den alten Mann zu Geschäften ver—
wandte, zu deren Ausführung sich sonst nur
moralisch gesunkene Menschen oder Schurken
hergeben.

Der Weg führte den jungen Mann an
dem Hause des Rentners vorbei. Als er in
die Straße trat, an welcher dieses Hanus lag,
warf er unwillkührlich einen Blick auf das
oberste Stockwerk. Dort in dem Zimmer,
dessen Fenster durch das Nachtlicht matt er⸗
heuchtet war, schlummerte jetzt Mathilde, viel⸗
leicht dachte auch sie im Traume des Jugend⸗
gespielen, für den ja auch heute noch ihr
derz eine innige Freundschaft bewährte. Ernst
blieb stehen. Der' Gedanke an die schlummernde
Geliebte weckte in seinem Herzen süße Träume
von denen er sich nicht trennen mochte.

Da plötzlich glaubte er an bem Giebel
des hohen schönen Hauses ein Flämmchen
züngeln zu sehen, jetzt auch hier — dort —

Fortsetzung.)
6. Kapitel.

Es schlug bereits Mitternacht, als Ernst
seinen Freund den Advokaten verließ, um
den Heimweg anzutreiten. Seine Gedanken
weilten bei Mathilde, deren Bild unablässig
vor seiner Seele stand. Waren auch seine
Hoffnungen in Bezug auf den Forischritt
seines Geschäfts bis heute noch nicht in Er⸗
fülluug gegangen, blieb die Wirklichkeit auch
noch sehr hinter seinen Wünschen und Er—
wartungen zurück, er zweifelte doch nicht, daß
er das Ziel erreichen werde. nach welchem
er strebte.

Helldau war unablässig für ihn bemüht,
seinem Beistande verdankte der junge Mann
manchen Gewiun. Ging das Geschäft so seinen
ruhigen, stillen Gang fort, so konnte er da—
rauf rechnen, daß es innerhalb zehn Jahren
auf dem Standpunkte stand, auf welchem es
stehen mußte, wenn er mit Aussicht auf
Erfolg um die Hand Mathildens anhbal⸗
ten wollte.

Zehn Jahre! Wie Manches lkonnte in
dieser Zeit sich ändern! Und doch durfte er
laum daran denken, früher an das Ziel
seiner Wünsche zu gelangen. Die Mutter
hatte ihm vertraut, Helldau habe um ihre
Hand geworben und sie werde vielleicht auf
diesen Antrag eingehen, wenn es dem Buch⸗
        <pb n="430" />
        an allen vier Ecken leckte bereits das Feuer,
— eine dichte schwarze Rauchsäule stieg aus
dem Dache auf, — das Haus brannte lich⸗
terloh. Ernst eilte an die Thüre und riß an
der Hausglocke, aber trotz dem u gestümen
Läuten, trotz seinem Rufen und Lärmen ver⸗
strichen Minuten, bevor im oberen Stockwerk
zin Fenster geöffnet wurde und die schläfrige
Stimme eines faulen Bedienten sich nach der
Ursache dieseg „polizeiwidrigen Skandals“
erkundigte.

„So macht doch offen!“ rief der junge
Mann hinauf. „Seht Ihr denn nicht, daß
das Haus in hellen Flammen steht ?“

Im Nu fuhr der Kopf zurück, aber die
Thür ward noch immer nicht geöffnet. Die
Diener mußten, wie Einst nicht anders denken
konnte, die Geistesgegenwart verloren haben,
denn drinnen im Hause tobte und flürmte
es jehßt, als sei der jüngste Tag angebrochen.
Die Nachtwächter hatten inzwischen die Stadt
alarmirt, die Spritzen rafselten schon heran,
das Volk versammelte sich, um zu gaffen und,
jse nach den Umständen Hand anzulegen. Ernst
stand gleich eineem Verzweifelten vor der ge⸗
schlossenen Thür und bemerkte mit Entsetzen,
daß das Feuer bereits bis in's obere Stock⸗
werk vorgerrückt war. Dem jungen Manne
eiß die Geduld, er wandte sich an die Um⸗
stehenden und machte diesen mit wenigen Wor⸗
ten die Gefahr klar, in welcher die Tochter
des Hauses schwebte. Der Menge leuchtete dies
ein, man rief die Bedienten, welche dann und
wann an einem Fenster erschienen, um Betten
und Kleidungsstücke hinauszuwerfen, ohne daß
dieser Ruf beachtet wurde.

In diesem Augenblicke kam die erste Spritze
an. Kaum hatte der Brandoffizier einen Blick
auf das verschlossene Thor geworfen, als er
auch sofort seine Maßregeln traf. Unter den
Axthieben der Mannschaft mußten die eichenen
Bohlen weichen. Ernst war der Erste, welcher
die Schwelle überschritt. In Fieberhast eilte
er die Treppe hinauf, hier und da einen Be—⸗
dienten oder eine Magd, die kopflos durch⸗
—X
nicht kümmerten, zur Seite schiebend, bis er
endlich sich im obersten Stockwert befand.

„An den Balken der Decke leckte scon das
Feuer, der junge Mann schritt kühn, der

Todesgefahr trotzend, durch. Am äußersten
Ende des Korridors war eine Thür, dort
nußte, wenn das erleuchtete Fenster, auf
velchem vor einer Viertelstunse sein Blick ge⸗
ruht hatte, ihn nicht trog, das Schlafgemach
Dathildens liegen. Ernst klopfte vergebens,
— ein kräftiger Fußtritt und die Thüre
prang offen. Dichter Rauch quoll ihm ent⸗
gegen, er schloß die Augen, bis dieser sich
berzogen hutte und trat dann rasch ein. Dicht
dor der Thüre stieß sein Fuß an einen mensch⸗
ichen Körper, er bückte sich und nahm das
Mädchen in seine Arme. Wer die Gerettete
war, er wußte es nicht; vielleicht Mathilde,
zielleicht die Haushälterin, denn trotzdem die
Flammen jetzt schon überall hervorschlugen,
zestatttete der Rauch doch nicht, die Züge
erkennen zu lafsen. Im Nu war der junge
Mann unten, er trat mit seiner Last in ein
Zimmer des Erdgeschosses und befahl einem
Diener, welcher ihm auf der Treppe be⸗
zegnete, ihm augenblicklich mit einem Lichte
zu folgen.

Die Gerettete war Mathilde; ein unbe—
chreibliches Gefühl der Freude durchströmte
das Herz des jungen Mannes, als er sah,
daß er die Geliebte im Arme hielt, und diese
Freude erreichte ihren Höhepunkt, als Ma—
childe endlich aus ihrer Ohnmacht erwachte.
Ihre erste Frage galt dem Vater; er trat
jast in demselben Augenblick ein, in welchem
sie die Frage stellte, und Vater und Tochter
helten sich lange innig umschlungen.

Mathilde berichtete kurz, daß sie beim
Erwachen das Zimmer voll Rauch gefunden
jabe, erschreckt sei sie aufzesprungen, um sich
nothdürftig anzukleiden, aber dann vor der
Thüre ohnmächtig nieder gesunken. Der Rent⸗
ner dankte dem jungen Manne für die Rettung
'einer Tochter, aber Ernst entging es nicht,
daß Krämer sich durch diese Verpflichtung
beengt fühlte. Und in der That wäre es dem
Vater Mathildens weit lieber gewesen, wenn
er einem armen Manne, vielleicht einem Ta⸗
gelöhner die Rettung seines Kindes zu ver⸗
danken gehabt hätte. Diesen konnte er mit
einer kleinen. Summe abfinden, während er
jetzt dem jungen Manne gegenüber sich für
das ganze Leben verpflichtet fühlen mußte. —
Den Armen bezahle man ja für Thaten des
        <pb n="431" />
        Edelmuths und der Kühnheit und glaubt sich
dadurch der drückenden Last der Dankbarkeit
auf einmal und für immer zu entledigen.

Ernst stellte seine Wohnung dem alten
Herrn für die Dauer, bis dieser eine neue
gefunden habe, zur Verfügung, aber der
Rentner wies das Anerbieten zurück. Er werde
schon im Gasthofe ein Unterkommen finden.
rwiderte er, allzugroße Vertraulichkeit liebe
er überhaupt nicht.

(Gortfetzung folgt.)
Der Münzsammler.
Staatsbztg.)
Eine Novelle.
Fortsetzung.)

„So, meine Leonie, würde ich meiner
Mutter entgegentrelen. Doch diese Bedenken
laß, bis wir am Ziele sind, und auch dann
gib ihnen nicht Raum! Wohl ist meine
Mutter stolz auf ihre Ahnen; aber sie liebt
mich. Ich bin ihr einziges Kind, und mehr
noch, sie kennt mich, weiß, daß meine gefaß⸗
ten Entschlüsse? nie zu erschüttern sind; sie
wird sich in unser Glück finden. Doch jetzt,
Geliebte, schlägt für uns die Stunde einer
langen Trennung. Ich reise in den nächsten
Tagen mit meiner Mutter ab, während Maud
mit ihrem Verlobten, von dem ich Dir später
biel zu erzählen habe, zu dessen Eltern geht.
Du wirst ganz allein bleiben; doch Muth,
meine Taube, wahre mir Deine kostbare Ge⸗
jundheit und blicke nicht trostlos, sondern
nit Vertrauen und Hoffnung in die Zukunft.
Durch Kampf zum Siege, das sei die Devise
unfrer Liebe!“

Der Baron hatte nur noch Zeit, das ge⸗
liebte Weib noch einmal sest an sich zu drücken
und ihre Stirn mit einem flüchtigen Kuß zu
berühren, da sich schon Tritte der Thür nä⸗
herten und Willrich eintrat.

Leonie wurde bleich; in diesem Augen-
blick mochte sie weder Willrich sehen, noch
hre Gefühle bezwingen, um an einem gleich—
giltigen Gespräch theilzunehmen. Sie warf
dem Baron einen langen, innigen Abschieds⸗
blick zu, den dieser ebenso erwiderte, dann
ihr aber mit finsterm Blick so lange nachsah,
bis fie im Nebenzimmer verschwand und

eine Absicht erreicht war, daß Willrich dies
»emerkte.

„Herr Baron, gewiß. hat meine Frau sie
vieder abstoßend behandelt? Verzeihen Sie
im meinetwegen, ich will ihr »später schan
vieder den Text lesen; jetzt ist sie leidend;
ie ist überhaupt zu unerfahren im Umgang
nit Anderen, das macht, sie hat eine verkehrte
Erziehung genossen.“

.„Ich glaube, lieber Willrich, Ihre Frau
Hemahlin haßt mich,“ sagte der Baron mit
der Miene des Gekränkten.

„O, Der ihr Haß ist unschädlich,“ lä—⸗
helte Willrich, „wie müßte sie mich da schon
nit ihrem Haß vernichtet haben, der ich keine
ihrer kindischen Launen befriedige.“

‚„Mein zZlieber Herr Willrich.“ fuhr der
Baron fort, „es ist zwar sehr indiscret vou
nir, aber diese Frage schwebte mir schon
ange auf den Lippen. Sie ist mehr Theil⸗
ahme als Neugierde. Sagen Sie mir auf⸗
richtig, wie konnte ein so vernünftiger Mann,
vie Sie doch sind, sich eine solche Frau neh⸗
nen? Nur die Liebe kann Ihnen diesen Schel⸗
nenstreich gespielt haben.“

Willrich lächelte überlegen. „Herr Baron,
vas nennt man Liebe, und nie käme ich
»azu? Als vierzehnjähriger Knabe küßte ich
inmal meines Vaters Haushälterin, ich liebte
damals das rothe Haar leidenschaftlich, und
ziese hatte ganz brennend rothes Haar. Dafür
ekam ich von meinem Vater aber so viel
Brügel, daß mir die Liebe bis heut vergan⸗
gzen ist. Zu meiner Fran bin ich eigentlich
ohne meinen Willen gekommen.“

„Was höre ich; Ihre Frau Gemahlin
iebte Sie und trug Ihnen ihre Hand wohl
elbst an?“ unterbrach ihn der Baron.

O nein, das kam anders. Leoniens
Bater war mein Freund,“ fuhr Willrich fort.
„Als seine erste Frau, Leoniens Mutter,
tarb, heirathete er eine Cousine von mir,
ind das Mädchen hatte es bei der Stief⸗
nutter nicht zum besten. Mein Freund gab
ie in's Kloster zu den Ursulinerinen. Als er
taͤrb, sagte mir meine Cousine, ihr Mann
Jätte auf seinem Krankenlager zu ihr den
Wunsch ausgesprochen, sie soll mich bewegen
zaß ich Leonie heirathe. Ich merkte ganz gut,
velche Absicht meine Frau Cousine dabei mit
        <pb n="432" />
        halte, und wunderte mich auch, warum mein
Freund mir das nicht selbst gesagt. Aber
da fie mich an der Wahrheit nicht' zweifeln
ließ, dachte ich darüber doch nach. Ich
hatte zwar so lange allein gelebt, hatte meine
Gewobnheiten, mit den Frauen hatte ich mich
nie beschäftigt. Aber ich kannte Leonie als
eine gute Tochter, sie war freundlich und doch
auch hübsch, und zu diesem allem bot mir
meine Cousine meines Freundes Münzen⸗
sammlung als Heirathszut an. Sehen Sie,
Herr Baron, dem wiederstand ich nicht, und
so bin ich der Mann meiner Frau ge—
worden.“
„Und Sie sind doch nicht glücklich, ob⸗
gleich Ihre Frau Gemahlin jung und
schön ist.“
„Der Begriff von Glück, Herr Baron,
ist sehr relativ. Wie kann mich eine Frau
glücklich machen? Wir gehen Beide unsere
Wege. Ich beschränke die Freiheit meiner Frau
nicht. Bisweilen geniren mich wohl ihre ro—
mantischen Einfälle und ihr lauaiges Betragen,
wie heute Ihnen wieder gegenüber, dann
wünschte ich wohl, ich hätte sie nicht; nun
habe ich sie aber einmal, und so muß man
das Uebel zu tragen suchen.“

Der Baron trat ans Fenster und trom⸗
melte an die Scheiben. Er hatte genug von
den Eröffnungen eines Egoisten gehört und
jetzt galt es, seine arme Leonie mit List oder
Gewolt von diesem--herzlosen Manne zu
befreien.
„Ich danke Ihnen, Herr Willrich, für
Ihre vertrauliche Mittheilung, ich werde es
zu schätzen wissen. Wissen Sie aber, warum ich
heut zu Ihnen gekommen bin?“

„Nein, Herr Baron, ich weiß nur, daß

Ihren werthen Besuch lange vermißte.“

Der Baron achtete nicht auf diese Rede
und fuhr fort:
„Haben Sie meinen Wunsch vergessen,
sich noch nicht entschieden, ob Sie mich nach
meinem Gute begleiten werden. Ich reiße
übersnorgen ab? Bedenken Sie, daß meine
Münzen der .ordenden Hand bedürfen, daß

Ihr Schüler noch viel von Ihnen lernen
nuß. Sie sollen mir ein lieber Gast sein,
ich werde nichts versäumen, um Ihnen den
Aufenthalt in meinem Hause angenehm zu
machen.“
„Bin fest davon überzeugt, Herr Baron,
entgegnete Willrich, mit tiefem Bückling. „Be⸗
fehlen Sie über mich, ich stelle mich Ihnen
ganz zur Verfügung.“

„Das freut mich, und wenn Sie Ihre
Frau Gemahlin mitnehmen wollen, die Luft
ist dort schön; wir können Partien nach der
Umgegend machen.“
Bewahre, Herr Baron, meine Frau
nehme ich nicht. Soll sie uns auch dort noch
Aergerniß bereiten ?“

„Aber sie wird sich doch hier langweilen,
sich einsam fühlen ?“ *

„Daran ist sie gewöhnt, sie ist auch wenn
ich hier bin, allein.““

„Ja Egoist, das ist sie, aber lange soll
sie es nicht mehr sein!“ dachte der Baron,
laut sagte er: „Wie Sie darüber denken.
Unsere Reise ist also fest? Der Zug geht
morgens um zehn Uhr.“

„Herr Baron, Sie werden mich über—
morgen früh pünktlich auf dem Bahnhof fin—
dea,“ entgegnete Willrich und geleitete den
Baron, der seinen Hut nahm und sich verab—
schiedete, zur Thür.

Leonie nahm die Nachricht, daß Willrich
oerreise, freudig auf, sie wußte, es war das
Werk des geliebten Freundes, der ihr den
Benuß der ungestörten Einsamkeit verschaffte.
Sie empfing vor seiner Abreise noch einige
Zeilen von ihm durch Maud, worin er sie
nochmals bat, standhaft der Zukunft entgegen⸗
zusehen und ihres Glückes zur richtigen
Stunde zu gedenken.

Sie verstand auch seine Briefe wieder
nicht ganz, aber sie versprach sich selbst
alles zu thun, was er fordern würde.

Fortsetzung folgt.)

—M —

Druck und Verlag von F. X. Demez in St. Ingbert.
        <pb n="433" />
        Unterhaltungsblatt

R
St. Ingberter Anzeiger.
—2 Dienstag, den 19. September

21.

ö
Ein böses Gewissen.“*

Stillen die genauesten Nachforschungen anzu—
stellen, die vorläufig zu keinem Resultate
fübhrten.

Der Polizeibeamte hatte kaum das Zim—
aer verlassen, als ein Indviduum eintrat,
vbei dessen Anblick Krämer erschreckt von sei⸗
nem Sitze auffuhr. Dieses Individuum trug
rotz der heißen Jahreszeit weite Sammthosen,
einen verschossenen blauen Rock mit Medall—
knöpfen, eine grauweiße Weste und in der
daud eine dunkelgrüne Tuchmütze. Die Züge
dieses Menschen machten einen abschreckenden
Findruck, das rothe, von häufigem Spiritousen⸗
Venuß aufgedunsene Gesicht, die kleinen gla—
iigen Augen, die stier und unbeweglich unter
buschigen Brauen in ihren Höhlen lagen, die
plumpe Stumpfnase, die aufgeworfenen Lip—
den und die flache, niedrige Stirn, welche
das spärliche Haar in wirrer Unordnung
heilweise bedeckte, ließen auf den Charakter
eines Menschen schließen, der gänzlich abge—
tumpft gegen jedes bessere Gefühl, eine Ma⸗
chine war in der Hand dessen, welcher es
ßerstand, das Räderwerk dieser Maschine in
Bewegung zu setzen.

„Ihr hier, Schmelzer ?“ fragte der Rent⸗
ner, nachdem er sich von seiner Bestürzung
erholt hatt. „Bedenkt Ihr nicht, in weichen
Verdacht mich Euer Besuch so kurz nach dem
Brande bringen kann?“*

„Ah, es hat bei Ihnen gebrannt?“ er⸗
widerte, der Angeredete, während seine Lippen
ich zu einem hämischen Griusen verzogen.
„Gratulire bestens zu dem Profit, den das
tleine Unglück abwerfen wird!“ I

„Haltet den Mund!“ fuhr Krämer zornig

Novelle
von Ewald August König.

Fortsetzung

Ernst fühlte sich durch diese schroffe Zu—
rückweisung verletzt, und selbst die milden,
liebreichen Worte Mathildens vermochten nicht
den üblen Eindruck derselben zu beseitigen.

Ohne sich um die Rettung seines Eigen⸗
thums weiter zu kümmern, verließ der Rent⸗
ner in Begleitung seiner Tochter das bren⸗
nenden Haus, um im ersten Gasthofe der
Stadt einzukehren. Ihm folgte ein Diener,
der die eiserne Schatulle trug, welche die
Baarschaft und Werthpapiere Krämers enthielt.

Auch Ernst entfernte sich von der Brand⸗
stätte, um seine Wohnung aufzusuchen.

Der Unstand, daß das Feuer so rasch
um sich gegriffen und das Haus an vier
Ecken zugleich gebrannt hatte, erregte bei der
Behörde sofort den Verdacht der Brandstif⸗
tung, in Folge dessen am nächsten Morgen
in aller Frühe ein höherer Beamter sich zu
dem Rentner verfügte.

Krämer gab die Möglichkeit einer Brand⸗
stiftung zu, ohne indeß— Jemand bezeichnen zu
lönnen, gegen welchen die Behörde dieserhalb
einschreiten dürfte. Da es sich nun heraus⸗
stellte, daß der Rentner in keiner Beziehung
durch den Brand etwas gewonnen haͤite,
auch kein anderer Grund vorlag, ihn selbst
dieses Verbrechens beschuldigen zu können,
so begnügten die Behörden sich damit, im
        <pb n="434" />
        auf. „Ihr glaubt am Ende, ich habe das
Haus angezündet?“

„Ist schon oft dagewesen,“ erlaubte Schmel⸗
zer sich einzuschalten.

„Und ich sage Euch, Ihr seid ein Schuft,
wenn Ihr glaubt, ich sei eines solchen Ver—
brechens fähig, das zudem eine Thorheit
wäre!“ rief der Rentner, dem viel daran zu
liegen schien, dem Vagabunden eine bessere
Meinung von sich beizubringen. „Untersteht
Euch nicht, einen derartigen Verdacht laut
werden zu lassen, Ihr wißt —

„Was weiß ich?“ fuhr Schmelzer, ihm
ins Wort fallend, zornig auf. „Ich weiß,
daß wenn Ihr mich an den Galgen bringen
wollt, das Holz für den Euren ebenfalls
reif ist, deßhalb haltet die Pfeifen im Sact
und vergreift Euch nicht an einem freien
Amerikuner!“

Krämer warf einen Blick ängstlicher Be⸗
sorgniß auf die Thür, welche zum Schlaf⸗
zimprer seiner Tochter führte, er bemerkte
nicht, daß die Augen Schmelzer's diesem
Blicke folgten und ein Lächeln des Triumphes
über die häßlichen Züge dieses Mannes glitt.

„Laßt uns gute Freunde bleiben,“ fuhr
der Letztere nach einer Pause fort, „denn so
wahr ich Jakob Schmelzer heiße und ein
Sohn des freien Amerika's bin, so wahr
stürze ich Euch in die Grube, wenn es Euch
einfallen sollte, mir eine solche zu graben.
Zahlt die Summe, die Ihr mir bis heute
vorenthalten habt, so gehe ich in meine Hei—
math zurück, das Klima hier behagt, mir
nicht.“
„Glanb's gerne,“ versetzte Krämer sarka—
stisch, „der Raum, wo in jedem Winkel eine
Kahze lauert, gefällt den Mäusen nicht. Bevor ich
Eurer Forderung nachkomme, verschafft mir
das Dokument.“

„Es ist hier in meiner Tasche,“ ent—
gegnete Schmelzer gelassen, „was gebt Ihr
dafür ?“

Die Augen Krämers funkelten. „Ihr
habt meinen Auftrag schon vollzogen ?“ fragte
er hastig.

„Alles in bester Ordnung. S'ist mir
freilich ewas schwer geworden, der Kerl war
stärker, als ich vermushete, und um ein Haart

breit hätte er mich überwältigt, aber ich hielt
seine Gurgel fest in meinen Händen.“ —

„Ihr habt ihn ermordet 7“ fiel der Rent⸗
ner entfetzt ihm in's Wort.

„Ich habe mich nicht weiter um ihn ge—
kümmert; als er sich in sein Schicksal ergab
und ich auf keinen Widerstand mehr sueß,
ließ ich ihn liegen. Hat ihm der Druck den
Athem benommen, so ist's seine eigene Schuld,
ich habe ihn deutlich genug befragt, ob
er das Dokument freiwillige herausrücken
wolle.“

„Gebt her, gebt her!“ rief Krämer un—

geduldig. „Die Nebenumftände macht mit
Eurem eigenen Gewissen ab, ich habe keinen
Theil daran.“
„Oho!“ versetzte Schmelzer, indem er
einen Schritt zurücktrat und den Rentner mit
einem Blick maß, in welchem Haß und Rach⸗
sucht sich spiegelten. „Pfeift Ihr aus dem
Loche? Ihr gabt mir den Auftrag, mich des
Papiers zu bemächtigen, einerlei auf welchem
Wege, ich war nichts weiter als ein Werkzeug
in Euren Händen und Ihr seid für Alies
verantwortlich, was Ihr durch Euer Werk⸗
zeug augerichtet habt. Das ist meine Miei—
nung und dabei bleibe ich!“

Der Vagabund schlug bei den letzten
Worten mit der Faust heftig auf den Tisch
und knöpfte dann den Rock bis unter's
Kinn zu.

„Ihr müßt fort so bald wie nur möglich
nahm Krämer das Wort. „Gebt mir das
Dokument, ich will Euch die hundert Louisd'or
zahlen, dann reist heute noch ab.“

„Das heißt, nachdem wir zuvor mit
einander abgerechnet haben,“ unterbrach Schmel⸗
zer ihr gelassen, „Ihr schuldet mir hundert
Louisd'or dafür, daß ich —¶“

„Ich weiß, ich weiß,“ rief Krämer unge-
duldig, „hier habt Ihr das Geld, und nun
das Papier!“

Der Vagabund öffnete die beiden Rollen,
welche der Rentner ihm überreichte, zählte
mit unerschütterlicher Ruhe die Goldstücke und
ließ sie in die Taschen seiner Sammthosen
gleiten. — „Bon, die Schuld wäre ab—⸗
gemacht.“

„Seid Ihr toll?“ rief der Rentner
entrüstet.
        <pb n="435" />
        Keineswegs, ich verlange nur den Lohn
ür meine Arbeit. Weigert Ihr Euch, ihn zu
zahlen, so werde ich den Alt mit aller Ruhe
durchstudiren und den Inhalt desselben als
Maßstab für seinen Werth annehmen, viel⸗
leicht sehe ich mich dann veranlaßt, meine
Forderung etwas höher zu schrauben. Ja, ja,
jo wird es am besten sein,“ setzte er hinzu,
indem er sich zur Thür wandte, „die Sache
eilt so sehr nicht, vorläufig habe ich genug,
um mich einige Wochen anständig durch⸗
zuschlagen.“

(Forisetzung folgt.)
Der Näunzsammler.
Staatsbztg.)
Fine Novelle.
Fortsetzung.)

Alle waren fort. Leonie war allein. Vier
Wochen waren vorüber, und noch immer war
Willrich auf dem Gute des Barons und ord⸗
nete dessen Münzen, die ihm die Ruhe des
Schlafes raubten.

„O, wenn der Schaztz mein wäre!“ seufzte
er an einem Morgen zum Baron, der neben
ihm stand und die Augen beobachtete, die die
Münzen zu verschlingen schienen.

„Die Hälfte gehörte Ihnen auf Mannes
wort, wenn Sie mir die einzige schaffen, nach
der ich viele Jahre gesucht und deren Besitz
mir alles gilt,“ entgegnete der Baron.

„Und bis jetzt haben Sie diese noch nicht
gefunden ?*

„Gefunden wohl, doch kann ich sie nicht
bekommen.“

„Das sehe ich nicht ein, wenn Ihnen kein
Preis zu hoch ist ?“

„Ich fürchte, auch dann erhalte ich
sie nicht.“

„Dann, Herr Baron, kann sie sich nur
in den königlichen Kabineten befinden.“

„Ach nein, lieber Willrich, sie hängt am
Halse Ihrer Frau Gemahlin.“

Wie vom Blitz getroffen stand Willrich
auf. „Sie haben recht, Herr Baron, da ist
sie unerreichsar. Ich kenne den Werth dieser
Medaille. Doch meine Frau gibt diese nicht
um eine Million her.“

„Ja, ja, das wußte ich und dennoch

jabe ich danach gestrebt, Alles geduldet. Be⸗
zreifen Sie nun, warum ich mich Ihrer
Frau Gemahlin trotz ihre Kälte immer
vieder näherte?

Willrich wurde nachdenkend. „Verlieren
wir doch nicht ganz den Muth, Herr Baron;
es fängt da so ein Plan in meinem Kopf an
uu reifen, — vielleicht schaffe ich sie
Ihnen doch.“

„Könnten Sie das vollbringen, so ge⸗
hörte Ihnen das Werthvollste aus meinen
Sammlungen.“ —

„Auch der einzige Thaler des Königs
Stanislaus ?“ fragte Willrich lauernd.

„Der und jeder, der Ihnen gefällt.“

„Herr Baron, ich schaffe Ihnen die Me—⸗
daille Sabina Tranquillina.“

„Ihre Versicherung keglückt mich; ich
ehe, Sie sind mein wahrer Freund, aber
eien Sie vorsichtig; an dem Eigensinn einer
Frau kann Alles scheitern,“ mahnte der Baron
vährend er innerlich triumphirte, daß ihm
ein Plan so leicht gelungen.

„Ohne Sorge, Herr Baron,“ tröstete
Willrich, „lassen Sie mich nur machen. Aber
ich bin der Mann der That; ich muß sofort
abreisen, denn jetzt heißt es handeln.“

Der Baron erhob gegen diese Willens⸗
äußerung keinen Einspruch, und Willrich reiste
noch an demselben Tage ab.

Zum Schrecken Leoniens begrüßte er sie
mit nie dagewesener Freundlichkeit, erkundigte
iich theilnehmend nach ihrem Befinden fand
sie sehr blaß und entschuldigte sein so langes
Fortbleiben. Kurz er fing an, sie mit eiger
Liebenswürdigkleit und Aufmerksamkeit zu be⸗
handeln, daß die junge Frau wahrhaftes Ent⸗
etzen darüber empfand. Jetzt schien er nir
ür sie zu leben, er ging mit ihr spazieren,
»egleitete sie in's Theater, ja ihre Toilette
chien ihm mit einemale zu einfach, sie mußte
ich, ungeachtet ihres Sträubens, die elegan⸗
esten Roben aussuchen, er kaufte ihr einen
ostbaren Schmuck.

Leonie verzweifelte, vergeblich marterte sie
sich ab, Gründe für dieses veränderte Beneh⸗
men Willrichs zu sinden. Was sollte das?
Etwas mußte vorgefallen sein. Sollte der
Baron schon seine Liebe zu ihr bereut haben?
        <pb n="436" />
        uchte er nach Mitteln, ihr den Kampf zwi⸗
schen Pflicht und Liebe zu eineuern und sie
sur Entsagung zu bringen? Hatte er Willrich
auf seine Kälie zu ihr aufmerksam gemacht,
daß diefer jetzt alles nachzuholen fuchte, gut
nachen wollte, sie vielleicht jetzt liebte? —
Huh! — bei diesem Schluß schauderte sie.
Und dann kamen ihr wieder des Geliebten
Worte in's Gedächtniß und ihre eigene Ver⸗
sicherung, nie an ihm zu zweifeln. Sie kämpfte auch
dagegen, aber sie litt unaussprechlich; indeß, bald
sollte fie den Grund ihrer neuen Qual Serfahren.

Eines Abends kam sie mit Willrich aus
der Oper; sie wollte sich nach dem Thee in
ihr Zimmer zurückziehen, als Willrich sie
mit Liebkssungen zurückhielt. Er lobte ihren
ichönen Hals und behauptete, es gebe keinen
schöneren auf der ganzen Welt.

„Leonie,“ fuhr er dann fort, „aber diese
Medaille paßt nicht zu dem schönen Nacken.
Sieh,“ sagte er und zog ein Schmuckkästcheu
hervor, „ich habe Dir ein Collier gekauft;
wir wollen doch gleich einmal sehen, ob dieses zu
der Zartheit Deines Halses nicht besser passe.“

„Du bist sehr aufmerksam, aber ich muß
Dir diesmal undankbar erscheinen. Du weißt,
daß ich seit dem Tode meiner lieben Mutter
immer nur diese Medaille trug, die ich auch
jetzt mit keinem Co llier von Diamanten ver⸗
tauscheun würde,“ entgegnete sie.

„Aber ich, Dein Mann, wünsche es?“

‚Ich bin gezwungen, Dir diesen Wunsch
zu derweigern.“

„Nun, so werde ich befehlen!“ rief er,
seine Rolle vergefsend, im früheren alten Tone.

„Und ich werde nicht gehorchen,“ entgeg⸗
nete sie fest.

Wie, Du wagst —?

„Deinem Befehl zu trotzen!“ fiel sie im
selben Tone ein. (Schluß f.)

Deutsches Eisenbahnlied.
Nach der Melodie des Wald- und Räuberliedes;
für Reisestimmen.)

g gibt kein schöner Leben.

Als Touristenleben

Auf der biedern deutschen Eisenbahn,

Wo Singnale klingen

Und die Kessel springen

Und der Unfall nie ein leerer Wahn.

Wo der Wechselstelle
Schmunzelnd sieben Heller

Jährlich netto zieht als Reingewinnst,
Und dafür behäglich

Bar nichts thut, als täglich

Zweimal vierundzwanzig Stunden Dienst.
Sellt er falsch die We'che,

Sind wir sämmtlich Leiche:

„Ja, wer niemals setzt das Leben ein —
Sagt schon unser Schiller

Im Begeistrungs⸗Triller —

.„Dem wird niemals es gewonnen sein!“
Rein drumm in's Vergnügen!

Schlürft's in vollen Zügen —

Doch zuvor macht Euer Testament;

Ist der Zug im Gange,

Dauert's gar nicht lange,

Heißt's: Hurrah, die Wagenachse brennt!
Dann am Abend munter

Stürzt den Damm hinunter
Urgemüthlich das Lokomotiv.

Wo an schmaler Stelle

Banz verfault die Schwelle

And die Schiene bucklig, krumm und schief.
Sind wir dort vom Flecke,
Rutscht uns um die Ecke

dei! der Güterzug entgegen schon:
Feige Seelen zittern,

Brett und Balken splittern
Und errungen ist die Contusson!
Spürft du heftig Schwanken,

Wie auf Seeschiffs-Planken,

Dann, ich wetie! ist der Train entgleist;

Lenn manch alter Wagen

Kann es nicht vertragen

Wenn man im Galopp ihn vorwäris reißt!

Im Stationsgebäude

Blüht oft auch noch Freude,

Wenn von alldem dir noch Nichts geglückt;

Denn ohn' viele Worte

Vom gewissen Orte

Kommst du fort nur sicher halb erstickt.

Sind geknickt die Knochen,

Ist dein Hals gebrochen,

Armer Reisemensch, was willst Du mehr?

Freue dich am Ende,

Denn die Dividende

Wächst ja durch Ersparniß mehr und mehr.

Drum: kein schöner Leben,

Als Touriste nleben

Auf der sichern deutschen Eisenbahn.

Ruft's durch alle Zonen:

zo die Direktionen, W
ie des Guten schon zu viel gethan!
......
Druck und Verlag von J. XR. Demetz in St. Ingbert.
        <pb n="437" />
        Unterhaltungsblatt
St. Ingberter Anzeigér—
—— * Donnerstag, den 21. Zeptember ——— 1.
Ein böses Gewissen.“
— J Novelle 9 * e —
von Ewald August König.

24

Ggortsetzung.

Der Rentner mochte Gründe haben, den
Vagabunden von diesem Vorhaben abzuhalten;
las Schmelzer den Akt, so stellte er vielleicht
ebenso übertriebene Forderungen, wie Wetterau
sie gestellt hatte. Er hielt den. Vagabunden
am Arme zurück und erklärte sich bereit, die
fünfzig Louisd'or zu zahlen, unter der Be—
dingung jedoch, daß Schmelzer sich sofort
über die Grenze begebe. .

Der Letztere wollte von dieser Bedingung
nichts wissen; er werde abreisen, so bald es
ihm Zeit dünke, erwiderte er, doch solle diese
Abreise sich so lange nicht mehr hinaus⸗
schieben. W

Krämer, als er einsah, daß seine Vor—
stellungen nichts fruchteten, zahlte endlich das
Geld und nahm dafür den Alkt in Empfang.
Nachdem er sich überzeugt hatte, daß dieses
Papier das richtige Originaldokument war,
schloß er es in seine Schatulle, und ersuchte
dann den Vagabunden, sich zu entfernen.
„Wir sind jetzt geschiedene Leute,“ sagte er,
„Ihr habt in meiner Wohnung nichts mehr
zu suchen und ich ralthe Euch, mir fern zu
bleiben, denn “ —

„Der Mohr hat seine Schul⸗
digkeit gethan, der Mohr kann
gehen!“ rezitirte Schmelzer, indem er die
Müutze auf den Kopf setzte. „Das alte Sprich⸗

wort, — na, wir werden ja sehen, wie lange
es bei uns Stich hält. Ihr habt mich doch
noch einmal nöthig, deßhalb bleibe ich noch
einige Tage hier“

Als der Schurke sich entfernt hatte, lauschte
der Rentner einen Augenblick an der Thür
des Nebenzimmers, und ein Lächeln der Be⸗
friedigung glitt über seine Züge,“ als er kein
Beräusch in der Stube vernahm. *
Mathilde schlief noch. Erschöpft durch die
Aufreguug und Angst hatte sie gleich nach
der Ankunft im Gasthofe sich ins Bett gelegt
und war auch nach wenigen Minuten ruhig
und fest eingeschlafen.

Krämer schellte und begehrte das Früh
stück. Nachdem er dasselbe eingenommen hatte,
ging er hinaus, um eine neue Wohnung zu
miethen. Er bemerkte nicht, daß, als er auf
die Straße trat, ein Mann hinter einem
Mauervorsprung ihn beobachtete, der, nachdem
der Rentner hinter der nächsten Ecke ver⸗
schwunden war, sich rasch in den Gast⸗
hof schlich.

Dieser Mann war kein Anderor, als
Schmelzer, der jetzt mit der Behendigkeit einer
Katze die Treppe hinauf schlich, vor der Thür
des Zimmers, welches Krämer.bewohnte, einen
Dietrich aus der Tasche zog, öffnete und
dann eintratt.

Auch er lauschte an der Thür des Neben⸗
zimmers, auch über seine Züge glitt ein Lä⸗
cheln der Befriedigung, sein scharfes Ohr
vernahm drinnen leise Tritte. J

Er trat rasch zurück, und setzte sich in
einen Armsessel, den Blick unverwandt auf die
        <pb n="438" />
        Thür gerichtet. Nach eintgen Minuten wurde
diese geöffnet und Mathilde krat ein.

—A
den Vagabunden erblickte.

Schmetzer stand auf und verbeugte sich.
„Der Herr Vater hat mir befo len, das gnä⸗
dige Fräulein in die neue Wohnung zu füh—
ren,“ sagte er in so sanftem, geschmeidigen
Tone, ‚als seine rauhe heisere, Stimme ihm
zuließ, „es gereicht mir zum Vergnügen, die⸗
sem Befehle nachzukommen“

Mathilde war überrascht und befremdet;
sie konnte sich nicht erklären, weshalb der
Vater einem jolchen Menschen diesen Auftrag
gegeben hatte.

„Warum sendet er nicht einen unserer
Diener ?“ fragte fie. „Helldau konnte dies
la beforgen.“

„Ich kann mir denken, mein Exterieur
gefällt Ihnen nicht,“ erwiderte Schmelzer,
„ich bin es aber gewohnt, daß man mich
gleichsam als einen Vagabunden behandelt,
weil meine Kleidung nicht nach dem neuesten
Schnitt angefertigt ist, und werde deshalb
einige Schritte vor oder hinter Ihnen gehen,
je nachdem Sie es wünschen. Die Hauptsache
bleibt doch immer die, daß ich Sie in die
neue Wohnung führe, Ihr Herr Vater würde
selbst gekommen sein, wäre er nicht mit der
Einrichtung zu sehr beschäftigt.

„Schon gut, holt einen Wagen,“ ent⸗
gegnete Mathilde, „ich werde inzwischen
frühstücken.“

„Einen Wagen 7“ versetzte Schmelzer
erstaunt, „davon steht nichts in meinem Auf⸗
frage.“

Aber ich befehle es Euch!“

„So werde ich gehorchen.“

(Fortsetzung folgt.)
Dder Müäünzsammler.
Staatsbztg.)
Eine Novelle. J
Schluß.)

Willrich sah Leonie an und ging einige⸗
—XLL
schweigend im Zimmer auf und nieder. Er
erkannte, daß er auf diesem Wege nicht zum
Ziele komme, uund lenkte ein. Leonie, Du

zist ein eigensinniges Kind, aber sei einmal
dernünftig, denke, daß ich lein Jüngling bin,
m Jahren kbönntest Du doch meine Tochter
sein. Es ist wahr, ich habe spät erst erkannt,
daß ich stolz auf meine schöne Frau sein
lann. Und da ich einsehe, Du willst durchaus
die Medaille trauen, so thue mir wenigstens
den Gefallen, nur auf eine Minute dieses
Collier anzulegen; ich habe es doch einmal
zekauft, — willst Du mir denn ganz die
Freude verderben ?

Diesen Wunsch glaubte Leonie ihm nicht
versagen zu können; arglos nahm sie die
Medaille und wollte sie auf den Tisch legen
doch in demselben Augenblick war Willrich
einer auch nicht mehr mächtig, er griff da⸗
zach; noch aber hatte Leonie sie in ihrer
Hand. Angst und Schreck verdoppelten ihre
Zraft, fie riß sich von ihm los und floh nach
hrem Zimmer. Und da kam es über sie,
wie eine Offenbarung; jetzt erft verstand sie
die Abschiedsnorte, jene geheimnißvolle Deutung
des geliebten Freundes.

„O mein Gott!“ rief sie aus geängsteter
Seele, „wenn Alexander sich dennoch täuscht.
Wenn Willrich mich jetzt liebt; dann wird
dieses Kleinod auch nicht meine Freiheit er⸗
laufen. Zürne nicht, geliebte Murter, wenn
ich Dein Gebot übertrete und Dein A denken
unserm Glücke opfere — ja unser Glück, denn
es gilt ja das des geliebten Freundes!“

Diese Nacht verging Leonien unter Angst
und Erwartung, aber nichts störte sie. Als
sie am andern Morgen Willrich beim Früh⸗
ttück sah, that er, als wäre nichts zwischen
ihnen vorgefallen. Er versuchte seine angenom⸗
mene Rolle weiter zu spielen; aber es gelang
ihm nicht, sein Auge blickte sie wild an, er
prach, brach dann plötzlich ab, und so ging
s sort! er schien wie im Fieber, sein ganzes
Thun und Trachten war jetzt auf die Medaille
gerichtet. Der Baron ließ nicht nach, das
Feuer zu schüren, immer dringender wurden
jeine Briefe, immer höher setzte er den Preis,
und Willrich schwelgte im Geist bei allen diesen
versprochenen Schätzen. Und die sollte er um
den Eigensinn eine: Frau willen verlieren?
Nimmermehr! Jetzt mußte er die Medaille
haben, und dazu gab es für ihn kein an⸗
deres Mittel mehr als Gewalt.
        <pb n="439" />
        So schlich er eines Nachts nach Leoniens
Zimmer, er glaubte sie schlafend und das
jollte ihm sein Vorhaben erleichtern. Aber
Leonie schlief nicht; die ganze Zeit über hatte
sie Willrich's Thun beobachtet, und an seinem
unstäten, wilden Blick gelesen, daß sie eiue
solche Stunde zu erwarien habe. —W
Als er sie daher bei seinem Eintritt, aus
dem Sopha sitzend fand, erschrac er.

„Du schläfst noch nicht ?“

„Nein,“ erwiderte sie, denn ich wußte,
daß Du in feindlichex Absicht noch zu mit
dommen würdest.“

Feindlich ?“ sagte er mechanisch.

So nur kann ich's nennen,““ fuhr sie

jort, „denn Du stehst hiet, um mir meiner
theuren Mutter Andenlen mit Gewalt zu
entreißen ??
„Sieh, und ich will Dich vor einer so
unwürdigen Handlung schützen, ich habe mich
bon diesem Kleinod getrennt und es an einen
sicheren Ort verborgen.“

„Das hast Du gewagt!“ rieß er drohend.

„Wo, wo hast Du die Medaille?“

„Ich sage Dir,“ entgegnete sie kalt, „daß
sie an einem sicheren Orte ist.“ z

„Er staud und starrte sie schweigend an,
dann stürzte er vor ihr auf die Knie und

schrie: „Leonie, gieb mir die Medaille, for⸗
dere Alles dafür!“
..ZJetzt schien für Leonie die Stunde ge⸗
kommen, wo ihr Herz kür ihre Liebe den
Ausschlag geben mußte; sie rief sich das Bild
des Geliebten vor die Seele und stand,
Willrich's Hünde von sich abwehrend, auf.
So wäre Dire kein Preis zu hoch?“
fragte sie, ihn forschend anblicend.

Keiner, Leonie!. Aber vede, nenn' ihn
und quäle mich nicht länger “
Wohlan, gib mir meine Freiheit wie⸗
der, willige in eine Trennung und die We⸗
daille ist Dein!“

Willrich sprang vom Boden auf, es schien
Leonie, als sei er blaß geworden, fie zitterte,
detzt glaubte sie alles verloren.

„Ist das Dein Ernst?“ fragte er nach
einer Pause.

„Ja, Willrich, bei dem Andenken meiner
cheuern Eltern, es ist mein Ernst ···

.Unvernünftiget Kind, wenn ich nachgebe

und wir gesetzlich g schieden werden, wie
vollteft Du leben ? Das kleine Erbtheil Dei⸗
ner Eltern reicht für Deine Existenz nicht aus?

O, wenn Du nur daran denkst, so
gieb mir nur meine Freiheit; ich wer de ent⸗
behren — und glücklich sein.“ 9

„Also ich bin Dir nichts?!!

Sie schwieg. 5

„Du hast mich nie geliebt??:

„Nein, Willrich,“ sagte sie ruhig, da er
eine Antwort auf diese Frage zu erwar⸗
ten schien. **

Jetzt dämmerte in ihm doch die Ahnung
auf, daß er vielleicht schuld daran sei, daß
sie ihn so leicht aufgeben wolle, daß fie an
seiner Seite nur zwangvoll gelebt habe. Eine
lange Pause trat ein, in der Leonie die un⸗
beschreiblichen Gefühle eines Menschen litt,
der sein Urtheil über Leben und Tod er⸗
wartet. Wie ganz anders war es beim Arztes⸗
ausspruch gewesen. Willrich schien alle Mün«
zen und die Medaille vergessen zu haben, als
er Leonie unverwandt betrachtete und zum
ersten Male die Macht ihrer Schönheit empfand.

„Leonie,“ sagte er dann sanft, „Zwang
soll Dich nicht serner an mich fesseln; doch
ein solcher Schritt ist fürs Leben und ver⸗
langt reistiche Ueberlegung; ich gebe Dir noch
einen ganzen Tag Zeit, denke nach.“ Ohne
ihre Antwort abzuwarten, ging er nach seinem
Zimmer. Leonie hoͤrte ihn noch lange auf⸗
und niedergehen, bia fie endlich, überwältigt
von Müdigkeit, einschlummerte. Willrichs La⸗
ger blieb unberührt. Zum ersten Male in
seinem Eheftand dachte erx ernstlich an Leonie.
Nicht daß er sie plötzlich liebte, — dazu war
jeine Natur nicht geschaffen; aher er war ein
Mann, und Leonie war schön, war durch das
Gesetz sein legitimes Weib. ⸗

Doch als der Morgen graute, hatie der
Münzsammler wieder halb und halb die Lei⸗
denschaft des Mannes für sein schönes Weib
verdrängt. Und schon suchte er für diese Ge⸗
fühle Entschuldigung aus Leonien's Worten.

Sie liebt Dich nicht, hat Dich nie geliebt.
— Sollst Du sie mit Gewalt fesseln ? Nein,
sie sei srei. Das war das Endresultat seines
Nachdenkens. J
Am Abend ging er zu Leonie. Hast Du
Deinen Entjschluß noch einmal überlegt ?*
        <pb n="440" />
        Ja, aber er ist deiselbe

„So ?“ er sah sie lange an. „Gut, Du
sollst frei sen. Morgen werde ich die Schei—⸗
dung einleiten; Du kannst zu jeder Stunde
mich verlassen.“ *

Nach diesen langsam gesprochenen Worten
verließ Willrich, wie gewöhnlich zu dieser
Stunde, sein Haus, um nach einer Stamm⸗
kneipe zu gehen, wo alle seine Collegen zu⸗
sammenkamen.

Wortkarg, wie man ihn nicht anderz
kannte, setzte er sich auf seinen alten Platz;
der Kellner brachte ihm sein Glas leichtes
Bier; er war niemals ein Freund von star ;
den Getränken gewesen. In dem Augenblick,
als er das Glas aufhob, um zu trinken, ent⸗
sank es seiner Hand, und er fiel mit einem
lauten Schrei besinnungslos zu Boden. Man
hob ihn auf, ein Arzt war zur Stelle; doch
dieser konnte ihn für den Augenblick nicht
erwecken; der Schlag hatte ihn getroffen;
aber er lebte ncch.

Er wurde nach Hause gebracht. Leonie
sandte nach zwei der derühmtesten Aerzte der
Residenz, und nach zwei Tagen fand er die
Sprache wieder.

Sie wich weder Tag noch Nacht von seinem
Laget. Ihr Herz zerquälte sich, ob sie nicht
durch die letzten Vorfälle schuld an feinem
Leiden fei; doch Willrichs alter. Hausarzt,
dem sie theilweise das Vorgefallene anvertraui
hatte, theilte ihr mit, daß Willrich diesen
Anfall vor fünf Jahren schon einmal hatte,
und ein zweiler immer: zu befürchten war.
Wochen vergingen; schon konnte Willrich die
linke Hand bewegen und sanft die, Leoniens
drücken, während seine Augen jeder äihrer
Bewegungen folgten; schon versprachen die
—XVBX
ein neuer Schlagfall eintrat, der auch gleich
den Tod zur Folge hatte.

Ein Jahr war vergangen, und Leonie
zog als Herrin von Roda an der Seite
ihres Gatten in die neue Heimath ein. Wohl
war die alte Baronin bei der Nachricht, eine
bürgerliche Schwiegertochter zu bekommen, em⸗
poört, hatte sich mit allen Verwandten Derer

von Roda zu einem Sturm gegen den Sohn

odereint, aber von dessen eisernem Willen

sprangen alle Pfeile ab. Er war mündig und

Majoratsherr. Und selbst die Diohung, daß

sie ihn auf immer verlassen würde, wenn er

hr die bürgerliche Schwiegertochter zuführe,
erschütterie ihn nicht. Das brachte die alte

Dame zum Nachgeben- Sie hatte ihren trotzigen

Sohn und die Heimath doch zu lieb und

vollte von Beiden in ihren alten Tagen

nicht scheiden. So resignirte sie sich und em⸗
ofing die unwilikommene Schwiegertochter. Leo⸗
niens Schönheit und Kindlichkeit besieglen dann
edoch sehr schnell der alten Dame Vorurtheil;
je gewann das Kind aus dem Volke bald so
ieb, “ daß Lebnie eine wahre: Mutter in ihr
fand. Und der Leser wird nicht fragen/ ob
der Baron glücklich war; denn er wird es
wissen wo sich beim Manne die Liebe auf

Herz und Seele ihren Altar baut, da wird
auch das Glück blühen: Ob aber dieses Glück
der Gatten fürs Lebem sohne“Stürme bleibt,
das steht hinter der verschleierten Zukunft
Jeschrieben.

Einige Monaten früher hatte der Assessor
seine Maud h imgeführt, den Assessor quittirt
und sein Naturforscherstudium— wieder aufge⸗
nommen. Meist befindet er sich mit seiner kleinen
Frau auf Reisen, und kommen beide nach
Deutschland, so ist ihr liebster Aufenthalt das
Schloß zu Rosenthal, wo die schöne Leonie
als Herrin waltet.

Auch der alte Engländer, dem es, nach⸗
dem sich Maud von ihm getrennt hatte, zu
einsam in der Heimath wurde, ist ins Schloß
übergesiedelt, und wenn er mit der alten. Ba⸗
ronin an den langer Winterabenden nicht am
Schachbrett fitzt, so schaukelt er eine goldblonde
leine Leonie auf seinen Knien, die der großen
deonie sehr ähnlich zu werden verspricht und
die des alten Herrn, Lirbling immer mehr
wird, so daß sie ihn selbst in seiner Münzen⸗
kam mer stören darf, über welche der Baron,
so große Lust ihm diese Liebhaberei auch ge⸗
währt, doch nie die Pflichten eines Gatten vergißt.
J 77 4494*2

— — — — —A
ei 4
RVV 7 J

——
        <pb n="441" />
        AUnterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.

w75

Sountag, den 24. September 184.

—
—N—
Ein böses Gewissen.*

„Aber ich werde nicht folgen,“ versetzte
Mathilde, von einer ihr unerklärlichen Angst
befallen, „ich fahre in die Stadt zurück.“

„So werde ich Sie begleiten,“ erwiderte
der Vagabund mit gelassener Ruhe. Kaum
ünf Minuten von hier entfernt, hinter jenem
Fichtenwäldchen, liegt das Landhaus, welches
Ihr Herr Vater für den Sommer gemiethet
hat. Sie würden sich in den Augen des
utschers eine Blöße geben, wenn Sie so
aahe dem Ziele wieder umkehren wollten.“

Er hatte die letzten Worte flüsternd ge—
sprochen und dabei auf den Kutscher gezeigt,
der bei seinen Pferden stand und, während
er die Zügel ordnete, dann und wang einen
Blick auf die Beiden warf. —

Sei es, daß die Ruhe und Gelassenheit

Schmelzers das Mißtrauen schwinden ließ,
sei es, daß Mathilde der allerdings nicht un⸗
vahrscheinlichen Angabe, ihr Vater habe ein
dandgut für den Sommer gemiethet, Glauben
chenkte, genug, sie stieg aus, und in der
nächsten Minute rollte der Wagen in rasender
File wieder zur Stadt zurück.
BBevor wir weiter gehen, erlauben Sie,
daß ich in diesem Hause einen Augenbolick
iusruhe,“ nahm der Vagabund jetzt das Wort,
adem er die Thür der Hütte öffnete. „Das
zanze Terrain, welches Sie hier sehen, gehört
ju jenem Landgute, und irre ich nicht, so
zeabsichtigt Ihr Herr Vater, diese Baracke zu
einem Sommerpavillon einzurichten. Sie ist
pwar etwas baufällig, aber ein frischer Anstrich
»on Außen und eine würdige Ausstattung im
Innern werden diese Mangel verdechen·“·

Junge Mädchen Knd stets neugierig, und

Novelle
eon Ewald August König.

(Forisetzung.)
Mathilde wußte sich noch immer nicht zu
erklären, weshalb der Rentner gerade diesen
Menschen ihr zur Begleitung geschickt hatte,
iber weit entfernt ein Vitztrauen zu hegen,
erklärte sie sich unverzüglich bereit, zu folgen,
als Schmelzer nach wenigen Minuten mit
der Meldung erschien, „der Wagen warte
unten.“

Der Vagabund flüsterte dem Kutscher
leise einige Worte zu und setzte sich, nach⸗
dem das Mädchen eingestiegen war, auf
den Bock.

Der Wagen fuhr durch einige Straßen
und Gäßchen, ließ dann die Stadt hinter sich
und rollte über die Landstraße, bis er end—
lich vor einem kleinen, verfallenen Hause,
welches einsam in der Haide lag, hielt.

Weder der Kutscher noch Schmelzer hatten
das Rufen des Mädchens beachtet, welches,
als derWagen die Stadt verließ, bereits bitter
bereute, sich diesem Menschen anvertraut zu
haben. „Wohin führt Ihr mich?“ war die
tste Frage, welche sie an Schmelzer richtete.
als dieser die Thür öffnete.

„Wir sind gleich an Ort und Stelle,“
entgegnete der Vagabund gelassen, „da der
utscher sich weigert, weiter zu fahren, so
werden wir wohl die kurze Strecke zu Fuß
zurücklegen müssen.“
        <pb n="442" />
        Mathilde, welche der Angabe Schmelzers vollen
Glauben schenkte, konnte nicht unterlassen, einen
Blick in das Innere der Hütte zu werfen, zu
wvelchem Zwecke sie über die Schwellen der⸗
selben trat. Der Vagabund schloß die Thür
von innen zu, schob einen schweren Riegel
bor, an welchem ein großes Vorhängeschloß
bing, und zeigte auf die Treppe.

„Hinauf!“ herrschte er rauh. „Sie sind
jetzt in meiner Gewalt, und keine Macht soll
Sie aus derselben befreien, so lange ich
noch für einen Athemzug Luft in der
dunge habe!“

Das Mädchen richtete sich stolz auf, m'it
der Schnelligkeit des Blitzes durchzuckte ihre
—Ab
gegenwart bewahren müsse, um sich aus der
Falle wieder retten zu können, in welche sie
so leichtfertig gegangen war.

„Was soll das, Elender 7?* entgegnete sie
so fest und entschieden, als sei dies Haus das
ihrige und ein Dutzend Diener bereit, auf
den ersten Wink sich auf den Schurken zu
türzen.

„Oeffnet die Thür und befreit mich von
Eurer Gegenwart, oder“ —

„Oder ?“ fiel Schmelzer ihr höhnisch in's
Wort. „Hol mich der Henker, dies „Oder“ ist
hier schlecht angebracht. Es hat keinen Sinn,
schönes Fräulein, die Drohung, welche hinter
ihm liegt, ist ohnmächtig, so ohnmächtig, daß
der furchtsamste Mann nicht vor ihr erschrecken
würde. Wir sind die einzigen Personen in
dieser alten Baracke, weit und breit kein Haus,
kein lebendes Wesen. Die Landstraße liegt
eine Viertelstunde von hier entfernt, der Fuß⸗
weg, welcher hier vorbeiführt, wird selten
oder nie begangen. Kurz, das Häuschen bietet
einem verliebten Pärchen ein sicheres Versteck,
deßhalb auch suchte ich es mir aus.“

„Sie vergaßen, daß ich eher den Tod als
die Schande wählen werde,“ entgegnete
Mathilde, die sich kaum aufrecht zu halten
vermochte.

„Pah, es stirbt sich nicht so rasch,“ fuhr
der Vagabund achselzuckend fort.

„Laßt mich gehen,“ bat das Mädchen,
„nehmt meinen ganzen Schmuck und öffnet
mir dafür die Thür, ich verspreche Euch, daß
ich Euch mit keiner Silbe verrathen will.“

„Was nützt mir der Schmuck, ich will Sie
haben! Hätte ich nur nach dem Schmucke
Berlangen getragen, würde ich ihn genommen
jaben und die Schatulle Ihres Vaters dazu.
— Ich bin ein freier Amerikaner!“ fuhr er
aach einer Pause fort, indem er sich in die
Brust warf und die Mütze lüftete, „da drüben
ind die Frauen ein gesuchter Arlikel, und
veil ich drüben keine finden konnte, die mich
Jaben wollte, so nehme ich Sie mit; ich denke,
das ist einfach und leicht zu begreifrn.“

„Glaubt Ihr, daß Euch das gelingen
vird ? fragte Mathilde entrüstet. Schmeichelt
Ihr Euch wirklich mit der Hoffnung, ich
verde einem solchen Scheusal freiwillig foigen ?*

„Pah, das wird sich finden,“ spottete der
Amerikaner, „habe ich Sie erst einmal in
Bremen, so habe ich Sie auch in Amerika.“

„Und wie wollt Ihr es bewerlstelligen,
nich nach Bremen zu bringen? Denkt Ihr
nicht daran, daß ich jeden Menschen zur
Hülfe gegen Euch rufen, daß ich mich an je—
den Beamten wenden werde?“

„Ganz recht, ich hebe daran gedacht, und
einen Plan entworfen, den Sie vielleicht aben⸗
euerlich finden, der aber jedenfalls schlau er⸗
onnen ist. Sie werden die Güte haben, den
Anzug anzulegen, welchen Sie oben in ihrem
Schlafgemach finden. Wenn dieses Gemach nicht
o elegant und bequem eingericht ist, wie Ihr
rüheres Kabinet, so bitte ich tausendmal um
ẽnischuldigung. Die Eile, mit der ich meine
PBorkehrungen machen mußte, ließ mir un—⸗
nöglich Zeit, an Alles zu denken. Für den
Fall, daß Sie sich weigern, meinen Befehlen
Folge zu leisten, sehe ich mich genöthigt, selbst
Zand anzulegen; nun, ich denke, von ihrem
ünftigen Gatten können Sie sich das gefallen
rassen. In der Uniform eines Gensd'armen
verde ich Sie nach Bremen bringen, damit
Sie nicht auf die thörichte Idee eines
Fluchtversuchs fallen, lege ich Ihnen Hand⸗
schellen an.“

„Allerdings, sehr abenteuerlich und dazu
unausführbar.“

„Nicht so unausführbar, wie Sie glauben;
hzören Sie weiter. Unsere Papiere sind in
bester Ordnung, sie gelten für eine Amerika—
nerin, welche sich der Ermordung ihrer Ge⸗
ichwister durch Gift schuldig gemacht hat. Um
        <pb n="443" />
        jeder genaueren Nachforschung vorzubeugen,
werde ich Jedem, der sich nach Ihrem Ver—
brechen erkundigt, Jedem. den Sie anzuspre⸗
chen wagen, Jedem, dem wir begegaen, mit⸗
theilen, daß Sie wahnsinnig seien. So mache
ich alle Ihre Versuche, die Hülfe Anderer
gegen mich anzurufen, zu Schanden, man wird
mich bemitleiden, Ihnen fluchen.“
„Schändlich! murmelte das Mädchen
entsetzt.
„Wie finden Sie den Plan? Ist er nicht
fein und schlau angelegt 7
Mathilde wandte dem Schurken schweigend
den Rücken und trat in ein Zimmer, dessen
Thüre sie hinter sich in's Schloß warf. Sie
jah wohl ein, daß sie ganz in der Gewalt
dieses Menschen war, und zweifelte nicht, daß
dieser sein Vorhaben ausführen werde. Sie
mußte Zeit zu gewinnen suchen, um über die
Mittel zu ihrer Rettung nachdenken zu können.
IIch hoffe, Sie fügen sich geduldig in
das Unvermeidliche,“ fuhr Schmelzer fort, der
dem Mädchen in das Zimmer gefolgt war,
„thun Sie dies, so werde ich Ihnen die Be⸗—
schwerden der weiten Reise zu erleichtern su⸗
chen, im entgegengesetzten Falle aber kenne
ich Mittel genug, Sie für Ihre Widerspen⸗
stigkeit zu bestrafen. Die Hütte steht heui⸗ zu
Ihrer Verfügung, oben unter dem Dach finden
Sie Ihr Lager, in diesem Korbe hier Lebenz-
mittel und in jenem Kruge Wasser.“

Nach diesen Worten verließ der Vagabund
das Zimmer und gleich darauf auch das
Haus, dessen Thür er mit vielem Geräusch
abschloß.

In Fieberhast durcheille Mathilde das
alte Haus, jedes Fenster, deren nur drei fich
vorfanden, war vergitiert. Vergebens rüttelte
sie an den Eißenstäben, sie waren fest in den
Stein eingelöthet, was konnte das Mädchen
mit den schwachen zarten Händen ausrichten!

Da fiel der Blick Mathildens auf die
Wand, an der an einzelnen Stellen der Lehm
abgekrümmelt war. Neuer Muth beseelte fie,
gelang es ihr, durch die Wand, welche so sehr
dick nicht sein konate, ein Loch zu brecheo,
devor der Vagabund zurückkehrte, so war sie
gerettet. Aber womit? Sie entdeckte den Was⸗
serkrug, schlug ihn entzwei und begannn mit

den Scherben ihre mühsame Arbelt

7. Kapitel.

Nachdem Ernst in seiner Wohnung von
den Strapazen ausgeruht und gefrühstückt
alte, ging er zu seinem Freunde, dem Voklor
Schacht, um in dessen Begleitung Schulz einen
Besuch abzustatten.

In der Zelle des Gefangenen angekommen,
setzte der Advokat sich auf die Bank und bai
den Acdeerer, ihn ruhig anzuhören und seinem
Rath zu folgen. Er theilte ihm jetzt den In⸗
halt des Anklageaktes mit, verhehlte ihm nicht,
daß bei dem jetzigen Stand der Dinge Zehn
zegen Eins zu wetten sei, daß Schulz auf
Brund der vorliegenden Beweise verurtheilt
würde, und knüpfte zum Schluß an seine
Mittheilungen den Bericht über die Unterre⸗
dung, welche am verwichenen Abend zwi⸗
schen dem Rentner und Wetterau stattgefun⸗
den hatte.

Der Ackerer ging mit großen Schritten
in seiner Zelle auf und ab. Die eindringlichen
Worte des Juristen, die Klarheit, mit der
zener die Sachlage aufdeckte und den voraus⸗
aichtlichen Gang derselben entwickelte, noch wehr
aber die offenen ehrlichen Züge des Advrokaten
zlieben nicht ohne Eindrudk auf ihn. Er sah
ꝛin. daß er vor einem Abgrunde stand, an
dessen Dasein er bisher, auf seine Unschuld
—R

„Nur eins kann Sie retten,“ schloß der
Advotat, „vollgültige Beweise für Ihre
Unschuld!“

„Die nicht anders beizubringen sein wer⸗
den, als durch die Entdeckung des Mörders.“
etzte Ernst hinzu.

„Allerdings,“ fuhr Schacht fort; „es ist
leicht, sehr leicht, gegen den unbescholtensten
Menschen Beweise beizubringen, welche ihn
irgend einer verbrecherischen That verdächtigen,
ja nach dem Buchstaben des Gesetzes vollstän⸗
dig überführen, sehr schwer dagegen, solche
Beweise zu widerlegen.“

„Mag sein,“ warf der Ackerer ein, „aber
müssen die Geschworenen nicht einsehen, daß
der Tod meines Herrn mir nicht den ge⸗
ringsten Vortheil einbrachte ?

„Nein, das Gegentheil liegt näher,“ ver⸗
etzte der Advokat. , Der Top Ihres Herrn
überhob Sie der Verpflichtung, über die er⸗
haltenen Gelder Rechenschaft abzulegen, die
        <pb n="444" />
        ersparten zweihundert Thaler blieben in Ihrem
Besitze. Sie konnten durch das Dokument auf
Ihren Pflegesohn einwirken, sich vielleicht des
Bermögens bemächtigen und“ —

„Halten Sie ein!“ fiel Schulz ihm ins
Wort. „Sie haben Recht. An Alles dies
dachte ich bisher nicht, meiner Seele lag diese
Vermuthung so fern, daß es selbst im Traum
mir nicht in den Sinn gekommen wäre, auf
sie zu fallen.“ w

„Der Instruktionsrichter hat“ fie“ nur an⸗
zedeutet, der Staatsanwalt wird sie ausbeuten,“
nahm der Advokat wieder das Wort. „Der
Mord muß gerächt werden, der Schein ist
gegen Sie, was also ist natürlicher, als daß
der Staatsanwalt die Anklage aufrecht hält
und nach besten Kräften sie zu beweisen fucht!
Die Geschworenen sehen nicht tiefer, wie sie
dermögen, sie nehmen die im Anklagealt auf⸗
geführten Vermuthungen als indentisch mit
Ihren Absfichten an und — Sie sind
Aberführt!“

Der Landmann hatte sich auf die Bank
gesetzt; das Kinn auf die Hände gestützt, sah
er' auͤne Weile nachdenklich vor sich hin. „Den
wahren Mörder ausfindig machen!“ erwiderte
er endlich; „dazu hätte man damals Schritte
thun sollen, gleich nach jener Nacht, heute find
drei Monate seitdem verstrichen!“

„Machte ich Sie nicht derzeit darauf auf-⸗
merkfam, als ich gleich nach Ihrer Verhaf⸗
nung mich zu Ihrem Rechtsbeifland ankot *
erwiderte der Advokat. „Sie wiesen mich
zarsch und stolz zurück.“

Freilich, damals wußte ich noch nicht,
was ich heute weiß,“ fuhr Schulz ungeduldig
fort. Was nun?“

Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.

furzer Zeit die russische Disciplin wieder in
aingewöhnlicher Weise: In Minsk schlug der
Blitz ohnlängst in das Militär⸗Provianige-
zäude, zertrümmerte das halbe Dach mit fast
ämmtlichen Dachsparren, und fuhr dann in
das Bayopnet der vor dem Magazin hefind⸗
lichen Schildwache. Der Wache haltente Sol⸗
dat, Andrei Borissoff mit Namen, 25
Jahre alt, und erst bei der letzten Aushebung
recrutirt, patrouillirte ruhig vor dem Gebäude
nit geschultertem Gewehr, als der Blitz in
das Bayonnet schlug. Der Strahl zog sich
längs dem Gewehrlauf, fand ein Hinderniß
ain dem Holzwerk des Kolbens, bog sich um
das Schloß herum, ohne die Hand des Sol⸗
zaten zu verletzen, riß das ganze untere Stück
des Kolbens weg und fuhr dann in die Erde.
Der Soldat war halb todt vor Schreck, be—
zielt jedoch so viel Geistesgegenwart, daß er
tehend an das Gebäude lehnte und das Ge⸗
vehr nicht los ließ. Es kamen Leute dem
Soldaten zu Hülfe und wollten ihn wegtra⸗
Jgen, aber er weigerte sich mit dem letzten
Aufgebot seiner Kräfte und seines Bewußt⸗
eins, und verlangte reglementmäßige Ablbsung.
Man mußte erst zur Hauptwache schicken, und
die getreue Schildwache hielt wirklich noch
20 Minuten aus, bis die Ablösung da war.
Darauf brachte man den Soldaten nach dem
hdospital, wo er in Folge des Schreckes noch
ängere Zeit krank blieb. Unstreirig ist eine
Disciplin, welche den Soldaten blitz, und
donnerfest macht, eine ungewöhnliche zu nennen,
und rechtfertigt wohl den obigen Ausspruch
Napoleons.
— ——

Gelegentlich der diesjährigen Feier zur
Erinnerung an die vor 372 Jahren gelieferte
Schlacht von Dornach, in der Schweiz, hatte
ein Wirth seinen Garten mit solgender In⸗
schrift gezier:

„Der Menschversuche die Göt—

ter nicht,
aber mein Bier.

Schiller, Schnider u. Comp.“

Von den russischen Soldaten pflegte Na⸗
poleon J. zu sagen, die Disciplin sei bei ihnen
— daß es
nicht genüge, einen russischen Militär todtzu—
schießen; man muß ihn dann noch erst um⸗
wersen, ehe man weiter vordringen könne.
Bei einem großen Gewitter bewährte sich vor

Druck und Verlag von F. X. De aetz in St. Ingbert.
        <pb n="445" />
        Anterhaltungsblatt

2N
St. Ingberter Anzeiger..“
— 7 IIA. Dieunstag, den 26. September 7TTI.

—
Ein böses Gewissen.*
Novelle
von Ewald August König.

kommen, in der er Alles wissen darf.“ — Er
theilie jetzt dem Juristen mit, in welchem
Verhältniß er zu dem Ermordeten gestanden
jatte, berichtete ihn den Haß der beiden
Brüder gegen einander, die Gründe, welche
Krämer bewogen, Europa zu verlassen, und
den Auftrag, der ihm in Bezug auf das
Kind seines Herrn geworden war.

„Und von allcdem ahnt Ernst bis
heute noch nichts ?“ fragte Doktor Schacht
erftaunt.

Schulz warf rasch einen Blick auf Ernst,
dessen Zügen bei den letzten Worten Ueber—
raschung ausdrückten.

„Er war der Obeim Mathildens ?“
fragte er.

„Allerdings,“ fuhr Schacht fort, „und das
wußtest Du noch nicht?“

(Fortsetzung.)

„Nicht das Geringste,“ fuhr Schulz fort.
„Ich ließ nach dem Willen meines Herrn
das Kind ein Jahr lang bei der Wärterin
und brachte es dann der Wittwe Heller, welche
ich als eine brave, verschwiegene Frau kannte.
Ihr sagte ich, das Kind sei ein Findling,
sch dürfe es nicht mit mir nach Hause nehmen,
sie solle einstweilen die Erziehung desselben
ibernehmen, bis ich dier Eltern gefsunden
habe. Sie versprach, meinen Anordnungen
zetreu nachzukommen, gelobte mir strenge
VBerschwiegenheit und hat dies auch bis zur
Stunde redlich gehalten. Im nächsten Jahre
vird Erust großjährig, dann wollte ich ihn
einem Oheim vorstellen, das Dokument vor-
—V———
sein Vermögen erhielt.“

„Das Dokument befindet sich in den
Händen Wetterau's,“ bemerkte der Advokat,
wissen Sie, welcher Notar es ausfertigte ?

„Ich habe mich nie darum bekümmert,
Gottfried wird mir das Papier zurück-
schaffen.“

·Aber wenn ihm dies nicht gelingt?“

„Nein. Ich hörte wohl, daß der Gimor⸗
dete „Krämer“ heiße, war aber weit entfernt,
in demselben einen Verwandten des Rentners
Krämers zu vermuthen.“
Schulz hatte sich erhoben. „Wir werden
darüber noch später miteinander reden,“ wandte
er sich zu dem jungen Manne, „für jetzt bitte
ich fie, mich mit diesem Herrn allein zu lassen.
Sie werden diesen Wunsch ehren, wenn ich
Ihnen sage, daß mich Gründe zu demselben
bestinmen, die nicht nur für mich, sondern
auch für das Wohl eines Dritten schwer
wiegen.“ Ernst kam der Bitte ohne Auf—⸗
schub uach.

„Er ist der Sohn des Ermordeten ?“
fragte der Advokat, als der junge Mann die
Zelle verlassen hatte.

Der Ackerer nickte schweigend. „Sie wer⸗
den begreifen, weshalb ich ihn hinausschicke,“
oersetzte er, „noch ist die Stunde nicht ge—
        <pb n="446" />
        Seien Sie unbesorgt, es wird ihm ge⸗
lingen .“

„Zunächst kommt es darauf an, Sie aus
diesem Hause zu befreien,“ nahm der Abdvokat
nach einer Pause wieder das Wort, „alles
Andere ist vorläufig Nebensache. Haben Sie
zegen Niemanden Verdacht? Sprechen Sie
ihn frei und unverhohlen aus. Stand der Er⸗
mordete vielleicht mit Jemandem hier in der
Stadt in brieflichem Verkehr 7

„Nicht, daß ich wüßte,“ eutgegnete der
Ackerer. „Freunde ließ er nicht zurück, als er
auswañderte, und der Haß gegen seinen Bru⸗
der war noch nicht versöhnt. Mit wem also
hätte er in Briefwechsel stehen können?“

„Und doch ist es kaum anzunehmen, daß
Ruubmörder ihn überfallen haben sollten. Daß
er seiner Werthsachen beraubt war, kanu nicht
als gültiger Beweis dienen.“

Nein, gewiß nicht,“ fiel Schulz lebhaft
ihm in's Wort. „Ich habe mir auch gleich
gedacht, daß dies nur ein Kniff gewesen sei,
um den Verdacht auf Raubmörder zu lenken.
Fin Gedanke, Verdacht kann ich ihn nicht
nennen, tauchte beim Anblick der Leiche in
meiner Seelezauf,“ fuhr er leise fort, „ein
Gedanke, den ich nicht von mir abwehren
fann. Sehen Sie, als ich der Leiche in's
Antlitz blickte, dachte ich an den Haß, den
Geiz und die Habsucht Jakobs, in seinen
händen ruhte das Vermögen des Brudirs,
daren dieser und dessen Kind beseitigt, so
durfte er die Summe behalten, Niemand konnte
ijm den Besiz streitig machen.“

Der Advokat blickte, in Gedanken ver⸗
sunken, schweigend zu Boden und biß die
Spitzen der Fingernägel ab, eine Beschäfti⸗
gung, zu der er unwillkührlich überging, so⸗
Zald irgend eine Rechtssache sein Denken ernst⸗
lich in Anspruch nahm. „Sie glauben also.
daß Jakob“ —

„Ich glaube nichts, ich sage nur, ich dachte
hieran,“ fiel Schulz ihm rasch in's Wort.
„Und gibt die Unterredung Krämers mit
Wetterau diesem Gedanken nicht einen Anschein
bon Begründung ?“

„Freilich! Aber durch wen sollte er die
NRückkehr seines Bruders erfahren haben;“

Die Frage habe ich mir schon oft vor⸗

gelegt, ohne eine Antwort darauf finden zu
können, und deshalb bin ich stets von jenem
Gedanken wieder zurückgekommen.“

„Sollte gar Wetterau der Mörder sein?“
fragte der Advokat.

.„Wetterau?“ erwiderte Schulz vrrächtlich.
„Er ist eine feige Memme, seine Hand
würde zittern, wean sie ein Vistol abseuern
sollte.“

Der Doktor nahm seinen Hut. „Ich werde
nachforschen,“ sagte er.

„Schweigen Sie gegen Jeden über diesen
Punkt, wir können nicht vorsichtig genug zu
PWerke gehen, bei dem leisesten Verdacht von
Seiten Krämers würden meine Schritte frucht-
'os sein. Was Ernst betrifft, so halte ich es
ür das Beste, daß er vorläufig von seiner
Verwandtischaft mit Krämer Nichts erfährt,“
uhr er fort, „für den Rentner sowohl, wie
ür dessen Neffen muß dieß vorläufig noch ein
Heheimniß bleiben, wenn wir freie Hand be⸗—
Jalten wollen.“

Schulz reichte dem Advokaten die Hand.
„Der Himmel möge Ihre Bemühungen mit
einem guten Erfolge krönen,“ versetzte er,
„nur um Eins bitte ich Sie, schonen Sie
Mathilde, die Tochter des Rentners. Ist der
Vater wirklich schuldig, was ich noch nicht
glauben mag, so“ —

„Auch hierauf werde ich Rücksicht neh-
men,“ unterbrach Schacht den alten Mann.
„Ernst ist mein Freund, er liebt Mathilde.
schon seinetwegen werde ich das Mädchen
chonen.“

Der Advokat schlug sofort den Weg zur
Wohnung der Wittwe Heller ein. Es schien
'hm unumgänglich nuöthig, die besonnene ver⸗
chwiegene Frau in das Geheimniß einzuweihen,
damit durch sie Alles ferngehalten werde,
was den jungen Mann einen Blick in das
Dunkel werfen lassen konnte. Wie er es be⸗
werkstelligen sollte, in das Dunkel, welches
den Mord umschwebte, Licht zu bringen, wußte
er selbst noch nicht. Er mußte gestehen, der
Verdacht gegen den Rentner entbehrte der
Wahrscheinlichkeit nicht, Krämer zog aus dem
Tode seines Bruders einen bedeutenden Vor⸗
theil, und der Charalter dieses Mannes, seine
unersättliche Habgier, mußten den Verdacht

eher stärken denn entkräften. Es schien dem
        <pb n="447" />
        Advolaten rathsam, den Rentner durch einen
Spion beobachten zu lassen, und er wollte
gleich, nach seiner Unterredung mit der Wittwe
sich nach einem Individuum umsehen, welches
sich hierzu eignete.

Frau Heller war keineswegs überrascht,
als Schacht ihr das Geheimniß miltheilte,
welches ihren Pflegesohn umschwebte. Für sie
war dies längst kein Geheimniß mehr gewesen,
ein ige Andeutungen aus dem Munde des
Ackerers hatten sie schon vor Jahren zu dem
Schlusse geführt, daß Ernst der Sohn Karl
strämers sein müsse. Sie hörte die Mitthei⸗
lungen des Advokaten schweigend an und ver⸗
Pprach, die strengste Verschwiegenheit zu beob⸗
achten. Sie selbst theilte den Verdacht des
Ackerers nicht; wenn auch Krämer ein hab⸗
süchtiger Filz sei, meinte sie, so glaube sie
doch nicht, daß er ein solches Verbrechen be⸗
gehen könne, um so weniger, als es sich ja
um eine verhältnißmäßige kleine Summe
handle und der Rentner ein sehr reicher
Mann sei.

Der Advokat schüttelte den Kopf und be—
harrte bei seiner Ansicht. Er bedauerte nur.
daß der Mann, dessen er sich sicher in solchen
Fällen bedient habe, gestorben sei, jener würde
sich als Spion an die Ferse Krämer's ge⸗
heftet und Licht in die Sache gebracht haben.
Er schärfte nach diesen Worten der Wittwe
nochmals Verschwiegenheit ein und verließ dann
das Haus, um in seinem Bureau über die
Schritie, die er in dieser Angelegenheit thun
mußte, reiflich nachzudenken.

Als der Advrkat sich entfernt hatte, stieg
die Wittwe eine Treippe höher und trai in
ein kleines, traulich eingerichtetes Gemach, in
welchem Helldau vor seinem Bücherschrank
saß, emsfig mit dem Anstaunen und Ordnen
seiner Schätze beschäftigt.

„Denken Sie sich meine Freude,“ hob
der Buchhalter an, als die Wittwe eintrat;
ich gehe gestern bei einem Trödler vorbei und
sehe dort mehrere Bücher auf dem Tische lie⸗
gen. Sie kennen meine Passion und können

denken, mit welcher Hast ich eintrat, als ich
hemerkte, daß diese Bücher sämmtlich in
Schweinsleder gebunden waren. Und was
glauben Sie, das ich dort entdeckt habe 5“

Nuu? Was wird's gewesen sein ?“ fragte
Frau Heller lächelnd.

Was es gewesen ist?“ fuhr der Buch⸗
halter fort, indem er einen Augenblick den
Staubbesen ruhen ließ, um der Fragenden
mit leuchtendem Auge in's Antlitz zu schauen.
„Erstens eine Geschichte aller adeligen Ge⸗
chlechter unsers Landes, nebst dem Abdruck
hrer Wappen und zwar aus dem vorigen
Jahrhundert; ich sage Ihnen, der Fund ist
unbezahldar. Ferner eine Bibel, übersetzt von
Martin Luther, ein Exemplar des ältesten
Drucks, und Dritiens, — — nun rathen
Sie einmal“

„Sie verlangen Unmögliches von mir,
wie kann ich den Titel eines Buches er—
rathen.“

„Ganz recht, Sie können es nicht, selbst
wenn ich Ihnen den Titel nenne, werden
Sie mir kaum glauben. Es ist eine Ausgabe
des Don Carlos, von Schiller's eigener Hand
abgeändert und verbessert.“ Er öffnete das
Buch und hielt es der Wittwe hin.

„Sind Sie überzeugt, daß die Randbe—
merkungen von Schiller's Hand niedergeschrie—⸗
ben sind?“ fragte Frau Heller, nachdem sie
einen Blick in das Buch geworfen hatte.
„Mir scheinen jene Bemerkungen dem Hirn
eines Gymnasiasten entsprungen zu sein, Geist
verrathen Sie nicht.“

„Glauben Sie denn, jedes Wort, aus
der Feder dieses Mannes geflossen, müsse
geistreich sein ?? zürnte Helldau. „Mir hat
der Trödler die feste Versicherung gegeben,
daß dieses Buch aus der Bibliothek des gro—
zen Dichters stamme und“ —

„Dieser Beweis muß genügen,“ siel die
Wittwe ihm ins Wort. „Doch lassen. wir
dieses Thema jetzt ruhen. Haben Sie dem Rent⸗
ner bereits aufgelündigt ??

Der Buchhalter konnte einen tiefen Seufzer
aicht unterdrücken. „Ach Gott, nein,“ erwi—
derte er. „Sie wissen ja selbst, wie schwer es
nir fällt, einen andern Posten zu finden, und
bevor ich einen solchen nicht habe, mag ich
aicht aus meiner jetzigen Stellung scheiden,
weil es mir widerstrebt, müßig zu gehen.“

„Und doch hatten Sie damals so gute
Anssichten!“

„Allerdings, sehr gute sogar, aber des
        <pb n="448" />
        Menschen Vergangenheit bestimmt sehr oft seine
Zukunft. Alle Kaufherren, bei denen ich mich
am die erledigte Stelle bewarb, schoben den
Grund vor, ich sei bei dem Rentner Krämer
gewesen, und das genüge ihnen, mich abzu⸗
weisen. Meine Fähigkeiten, mein solider Le⸗
henswandel, meine Pflichttreue, Alles das
kam nicht in Betracht, ich habe früher bei
einem Schurken in Dienst gestanden, und
schloß daraus, daß ich selbst ein Schurke
sein müsfe.“

Krämer ein Schurke?“ fragte die Wittwe
erstaunt.

Der Buchhalter nickte wehmüthig. „Ja,
ja, es ist leider nur zu wahr. Wissen Sie,
weshalb ich vor einigen Monaten der Frau
Schulz in C. das Dokument aus den Händen
—X
weisung auf das Vermögen seines Bruders
enthält und er seinen Reffen darum be trügen
wollte, Vor acht Tagen erfuhr ich's, mein
Prinzipal hatte sich eine Abschrift von dem
Akt verschafft und zeigte mir dieselbe, um
mich von der Wichtigleit der Sache zu
überzeugen.“

Nun, und Sie?“ forschte die Wittwe.

„Ich schwieg,“ fuhr Helldau achselzuckend
fort, „schweigen und das Seinige denken, ist
n solchen Fällen steis das Rathsamste, in
zentscheidenden Moment kann man ja noch
immer handeln. Er wollte mich beauftragen,
dem Bürgermeister in C. das Dokument mit
List oder Gewalt zu enlreißen; wenn es
nicht anders zu bewerkstelligen sei, so könne
ich ja ein halbes Dutzend Gauner in Sold
nehmen und durch Einbruch mich des Papiers
bemächtigen. Ich lehnte aber die Ausführung
dieses Auftrages ab, unter dem Vorwande,
ich sei in dergleichen Angelegenheiten nicht
dewandert und müsse ihn deßhalb bitten, sich
nach einem Andern umzusehen.“ J

„Und das hat er gethan? ?

„Ich weiß es nicht, seit jenem Tage habe

nichts mehr darüber gehört.“

Die Wittwe sann einen Augenblick nach.
„Ist durch Ihre Weigerung das Vertrauen
Krämer's zu Ihnen in etwas erschüttert 7
fragte sie endlich.

Nicht im Geringsten, der Rentner weiß,
haß ich schweige und mich um seine Privat-
Angelegenheiten nicht kümmere, so lange er
selbst nicht für nöthig erachtet, mich in die⸗
selben einzuweihen.“

„Können Sie auch ohne sein Willen und
Wollen einen Blick in dieselben werfen 97

Helldau sah erstaunt der Fragenden ins
Antlitz, Welches Interesse konnte sie an den
Privat⸗Angelegenheiten Krämer's nehmen 7?
„Wenn ich dies wollte, gewiß, aber“ —

„Aber Sie begreifen nicht, weßhalb ich
diese Frage stelle? Weil — aber kann ich
nich auf Sie verlassen? Werden Sie das
Beheimniß, welches ich Ihnen anvertraue,
treng bewahren und was die Hanupfsache ist,
zher ihren Herrn, als mich verrathen 7

Das Erstaunen des Buchhalters wuchs,
er bot der Wittwe seine Hand. „In diesem
Puntte dürfen Sie ganz ruhig sein,“ erwi⸗
derte er, „Krämer ist in meiner Achtung ge⸗
sunken. Verlangen Sie nicht etwas von mir,
vas Mathilden zum Nachtheil gereichen
önnter —

„NKeineswegs, fern sei es von mir, dem
Mädchen zu nahe treten zu wollen.“

„So reden Sie und seien Sie überzeugt,
daß ich meinen Herrn nicht schonen werde,
venn Ihr Interesse dies erfordert.“ J—

„Für's Erste muß ich Ihnen denn mit
heilen, daß Ernst nicht mein Sohn, sond ern
ein angenommenes Kind ist,“ nahm Frau
deller das Wort.

Helldau konnte sich nicht enthalten, der
Wittwe einen sehr zweideutigen Blick zuzu⸗
verfen, den diese nicht bemerkte.

Fortsetzung folgt.)

Charade.
Die Erste deckt, als sich're Wehr,
Uns bei der Feinde Nah'n;
Die Zweite trifft man nimmermehr
Auf trocknem Boden an.
Das Ganze, wahrhaft ein Koloß,
Ist von dem Zweiten ein Genoß.

3

Auflöfung der Zweishlbigen Charade in Nr. 109 des
Unterhaltungsblattes: Nothwehr.“
Druch und d Verlag voun J. X. Demnetz in St. Ingbert.
        <pb n="449" />
        Anterhaltungsblatt

zum
St. Ingberter Anzeiger.“
.— 15 Donnerstag den 28. September ——
Ein böses Gewiffen.“
Novelle
von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

„Er ist der Sohn Karl Krämer's, des
Bruders Ihres Prinzipals. Als sein Vater
auswanderte, ließ er das Kind zurück und
äbergab dasselbe seinem früheren Diener Kon—
rad Schulz, demselben, welcher gegenwärtig
im Gefängniß sitzt, mit dem Auftrage, das
Kind als sein eigenes zu halten und eist bei
dessen Großjährigkeit den wahren Namen des⸗
selben ihm zu offenbaren.“

Helldau war überrascht, eine solche Ent⸗
hüllung hatte er nicht erwartet. „Er weiß also
selbst nicht, daß der Rentner sein Oheim ist ?
fragte er.

„Nein, und es ist besser, wenn er es
vorläufig noch nicht erfährt. Krämer weiß zwar,
daß sein Neffe noch lebt, daß er seiner Zeit
kommen und das Vermögen seines Vaters
fordern wird, aber kann Ernst dies, wenn
ihm das Dolument fehlt?“

„Nein, nein,“ versetzte Helldau erregt,
„die Forderung würde eine Streitfrage wer⸗
den und das Gericht schließlich das Vermögen
verschlungen haben. Aber was soll ich in dieser
Angelegenheit thun?“

„Sie müssen den Rentner beobachten, er⸗
forschen, ob er das Dokument sich verschafft
hat, oder nicht, überhaupt ihn bewachen, bis
der Augenblick gekommen ist, in welchem Ernsti
selbstständig handeln kann.“

„Und wann wird dieser Augenblick
kommen ?“

„Im nächsten Jahre, wenn Ernst groß
ährig ist.“ 8 I

Der Buchhalter ging mit verschränkien
Armen im Zimmer auf und ab und blieb
endlich vor der Wittwe stehen.

„Es wird mir schwer fallen, so lange bei
einem Manne auszuhalten, den ich verachte,“
versetzte er, „dann aber auch, abgesehen hier⸗
don, vergessen Sie nicht das Versprechen,
velches Sie mir gabeu. Sie sagten an jenem
Abend, Sie wollten auf meinen Antrag dann
antworten, wenn es mir gelungen sei, einen
auderen Posten zu erhalten, heute befehlen
Sie mir, noch ein ganzes Jahr bei dem
Rentner zu bleiben, dadurch“ —

„Ist jenes Veisprechen nicht aufgehoben,“
unterbrach Frau Heller ihn rasch, „ich werde
es vielleicht abändern müssen.“

„Abändern ?“ fragte Helldau. „In welcher
Weise?“

„Nun, viell icht dahin, daß ich Ihnen
das Jawort gebe, sobald Sie mir Gewißheit
berschafft haben, ob Krämer im Resitz jenes
Dokuments ist ··..

Ein freudiges Lächeln glitt über die Züge
des Buchhalters.

„Sie sollen diese Gewißheit haben,“ ent⸗
gegnete er, und man hoͤrte an dem Tone, in
welchem er diese Worte sprach, daß ihm eine
Last vom Herzen gefallen war, „schon heute
werde ich das wenig beneidenswerthe Amt
eines Spions bei meinem Herrn antreten.
Aber halt, — gesetzt, der Ventner besitzt das
Dokument, genügt es nicht, wenn wir den
        <pb n="450" />
        Namen des Notars wissen, welcher jenenz Akt
ausgefertigt hat ? Wir lassen eine Kopie an⸗
fertigen und die erste Abschrift für ungültig
erklaͤren.“ q

Die Wittwe gab hierzu ihre Zustimmung,
und eine Viertelstunde später ging Helldau in
den Gasthof, in welchem der Rentner einstweilen
seine Woh ung aufgeschlagen hatte. *

In dem Augenblicke als er die Thür
zffneie, trat Krämer ihm schon mit der Frage
entgegen, ob er Mathilde micht gesehen
habe, das Mädchen sei während seiner
Abwesenheit ausgegangen und noch nicht zu⸗
rückgekehrt. —

Der Buchhalter suchte seinen Herrn zu
beruhigen. Sie werde vielleicht Einkäufe besor⸗
gen, meinte er, der Brand habe wahrschein⸗
lich die nöthigsten Toilette Bedürfnisse ver—
schlungen, man möge nur ruhig abwarten.

Der Rentner schüttelte ungeduldig das
Haupt. Eine Ahnung drücke ihn schwer, ver⸗
setzte er, er selbst koͤnne sich den Grund der⸗
seiben nicht erllären, aber es sei ihm, als
müsse dem Mädchen ein Unglüdbegegnet sein.

Noch nie sei sie ausgegangen, ohne dem
Vater Lebewohl gesagt zu haben, daß sie dies
gerade heute, am Tage nach dem Brande,
bergessen haben solle, scheine ihm unwahr⸗
scheinlich.

Helldau fand die Angst seines Herrn über⸗
trieben und grundlos; um den Gedanken des⸗
jelben eine andere Richtung zu geben, fragte
er ihn, ob er für die AssekuranzeGesellschaft
das Iventar der verbrannten Gegenständen
anfertigen solle, aber Krämer bezeigte keine
Lust dazu. Trotzzdem begab der Buchhalter
sich unverzüglich an's Werk, aber da er auf
jeine Fragen entweder keine oder unzusammen⸗
hängende Antworten erhielt, so legte er end⸗
lich die Feder hin.

Die Angst und Unruhe Krämers wuchs
mit jeder Minute: endlich schellte er, um sich
bei bem Kellner zu erkundigen, wann seine
Tochter ausgegangen sei. Der Kellner zuckte
die Achseln und erwiderte, das Fräulein sei
in Begleitung eines verdächtig aussehenden
Menschen gleich nach dem Frühstück davon
gefahren, wohin, wisse er nicht, wenn er nicht
irre, habe er gehört, jener Mensch wolle sie
in die neue Wohnung ihres Vaters bringen.

Krämer erkundigte sich nach dem Aeußern
dieses Menschen und sank, als der Kellner
ihm den Anzug desselben beschrieben haite,
stöhnend in seinen Sessel. Er wußte jetzt,
daß Mathilde sich in dir Gewalt des Ame⸗
rifaners befand und dieser sich des Mädchens
»cmächtigt hatte, um den reichen Vater zur
Zahlung einer weiteren Summe zu zwingen.

Er eilte hinaus, um die Spur, auf welche
der Bericht des Kellners ihn führte, zu ver—
folgen. Er schlug dieselbe Richtung ein, welche
der Wagen genommen hatte, und unterließ
nicht. hier und da in einem Hause nachzu—
fragen, ob jener Wagen gesehen worden sei.

So gelangte er an's Thor und als auch
der Thorwächter sich jenes Wagens erinnerte,
wanderte er auf der Landstraße weiter. Hier
aher war seinen Rachforschungen ein Ziel ge⸗
jetzt, kein Haus stand an der Landftraße, in
welchem er sich erkundigen konnte, und die
Spuren der Räder hatte der Staub ver—
wischt. Nichtsdestoweniger schritt er rüstig
weiter, ohne zu ahnen, daß er mit jedem
Schritt sich weiter von seinem Ziele ent⸗
fernte.
Inzwischen war der Buchhalter nicht müßig.
In der Eile hatte Krämer vergessen, den Schlüssel
einer Schatulle abzuziehen. Helldau konnte um
'o leichter seine Nachforschungen nach dem Do—⸗
ument anstellen. Er fand den Att zwischen
den Werthpapieren. Helldau hielt nunschlüssig
das Papier lange in der Hand. Sollte er es
vieder in die Schatulle legen, oder dem
rechtmäßigen Eigenthümer übergeben ? Auf
der einen Seite machte er sich eines Dieb⸗
stahls schuldig, auf der andern verhinderte er
einen Betrug.

Krämer hatte sich ebenfalls auf ungesctz-
lichem Wege dieses Alktes bemächtigt, mußte
er es nicht als eine Vergeltung des Schicksals
bdetrachten, wenn ihm das Papier wieder ge⸗
zaubt wurde ? Abgesehen hiervon, ließ er das
Dokument in der Schatulle, welche Folgen
könnten daraus entstehen? Ernst ward viel⸗
leicht seines rechtmäßigen Eigenthums beraubt,
selbst das Gesetz konute ihn gegen den Schur⸗
ken nicht schützen; — nein, nein, er hat ge—
wiß nicht unrecht, wenn er den Alt behielt
und dadurch dem jungen Manne zu seinem
        <pb n="451" />
        Rechte verhalf. Rasch stedte Helldau das Papier
in seine Tasche.

Um jeder Aenderung seines Entschlusses,
zu der ihn vielleicht aufkeimende Reue oder
Bewissensangst bewegen konnte, vorzubeugen,
warf er den Schlüssel der Schatulle durch
das Fenster weit hinaus in die Gärten, fand
drämer ihn bei seiner Rückkehr nicht, so
mußte er annehmen, daß er ihn verloren habe.
Entdeckte er dann auch, daß man ihm das
Dokument geraubt hatte, so war es noch im⸗
mer zweifelhaft, ob sein Verdacht anf Helldau
fiel, da jener ja das unbegrenzte Vertrauen
seines Herrn genoß, vielmehr mußte sein
Argwohn den Entführer Mathildens treffen.
— Heildau kannte jenen Menschen, in wel⸗
hem Verhältniß derselbe zu dem Rentner
siand, wußte er nicht, er glaubte aber bemerkt
u haben, daß jenes Verhältniß ein sehr
bertrauliches war, und schloß daraus, daß der
VBagabund das Werkzeug zur Herbeischaffung
des Dokuments gewesen sei.

Der Buchhalter schloß jetzt die Thür sorg
fältig zu, übergab dem Wirth den Schlüssel
und ging dann nach Hause, um den Alt der
Wittwe einzuhändigen. A

Frau Heller bezeugte eine lebhafte Freude,
As sie das Papier empfing und es gelang
hr, die Gewissensstruvel des Buchhal ters zu
beseitigen. *

7. Kapitel.

Gottfried schlug, nachdem er das Haus
des Bürgermeisters verlassen hatte, unverzüg
lich den Weg zur Stadt ein. Er wollte zuerst
mit dem Advokaten reden und dann dem
Vater den Tod der Mutter mittheilen.

Für seinen Schmerz um den Verlust,
den er erlitten, war es sehr gut, daß die
Ermordung Wetterau's und die Hoffnung den
Vagabunden in der Stadt wiederzufinden,
seine Gedanken beschäftigten; rascher als die
Zeit linderte die Geistesthätigkeit den Gram,
der seinem Herzen tiefe Wunden schlug.
Wohl war es eine harte Aufgabe für ihn,
dem Vater diese Trauerboischaft zu bringen,
er wußle, mit welcher Liebe der alte Mann
an seiner Gattin hing, er ahnte die Ver⸗
zweiflung, welche sich der Seele des Vaters
bemächtigen würde.

Aber Schulze war auch ein Mann, der

den Schlägen des Schichsals eine eiserne Stirne
hot, der sich dem Willen der Vorsehung ohne
Murren fügte, und auf diese Festigleit, auf
diese fromme Ergebenheit baute Gottfried.

Wie drangte es ihn, am Herzen des Va⸗
ters Trost zu suchen und dafür wieder Trost
zu geben! — Gewiß, der Schmerz um eine
Jeliebte Todte verliert viel von seinem Sta—
chel, wenn ein geliebtes Herz ihn theilt.

Als Gottfried im Hause des Advolaten
anlangte, war dieser schon ausgegangen und
der junge Mann beschloß, die Rücktehr des
selben abzuwarten. Aber Stunde auf Stunde
herrann, Schacht kehrte noch immer nicht heim.
Die Schreiber zuckten die Achseln; der Doctor
habe hinterlassen, er gehe ins Gefängniß zu
tinem Clienten, von dort werde er zurückehren
sagten sie, wahrscheinlich ziehe sich die Con⸗
iultation so sehr ia die Länge.

Gottfried konnte endlich seine Ungeduld
nicht mehr bemeistern, er wollte eben das Haus
wieder verlassen, um den Advokaten im Ge⸗
fängniß aufzusuchen, als dieser eintrat. Der
Blick, den er dem jungen Manne zuwarf, als
er denselben in seinem Bureau stehen sah, be—
fremdeie Gottfried, er las in demselben Ueber⸗
raschung und eine Kälte, welche ihn verletzte.
Er folgte dem Advolat in dessen Kabinet, und
Schacht verschloß, sobald sein Begleiter ein⸗
getreten war, hinter diesem die Thür.

„Ich begreife nicht, daß Sie nach dem
Vorgesallenen noch den Muth haben, sich hier
zu zeigen“, nahm der Jurist das Wort.
IIch glaubte, Sie seien längst über die
Grenze.“

„Und weßhalb ?“ fragte Gottfried erstaunt.

Sie fragen noch?“ — Reden wir offen
miteinander. Weshalb haben Sie den Bür—
germeister ihres Ortes gemordet ?“

Gottfried stand sprachlos vor Erstaunen
vor dem Fragenden, der in diesem Schweigen
und Erblassen nur die Angst des bbsen Ge
wissens sah.

„Sagen Sie ehrlich, war es überlegter Plan
oder nur Nothwehr, was Sie zu diesem Ver—
brechen trieb ?“

Keines von beiden“, entgegnete Gottfried
mit bebender Stimme, entrüstet, daß man auf
ihn diesen Verdacht werfen konnte.

„Bevor ich Ihnen aber über die Ereig—
        <pb n="452" />
        nisse der verwichenen Nacht, die uns manches
Räthsel enthüllen, Bericht erstatte, sagen Sie
mir, ob man mich wirklich in Verdacht hat
und worauf dieser Verdacht sich stützt.“

„Die Sache ist einfach“, entgegnete der
Advotat. „Eine Frau aus Ihrem Dorfe hat
Sie heute Morgen in aller Frühe gesehen,
und zwar gerade in dem Augenblick, in wel
chem Sie das Haus des Bürgermeisters ver⸗
ließen. Neugierig, was zu so früher Stunde
Sie zu Wetterau führen könne, näherte sie
sich dem Hause. Sie fand die Thür offen,
ging hinauf sah den Bürgermeister erdrosselt
im Bette liegen und behauptete, als auf ihr
Geschrei die Leute herbeieilten, Sie seien der
Mörder. An Gründen, welche diese Behaup⸗
iung wahrscheinlich machen, fehlt es nicht“ —

„Schon gut,“ fiel Gotifried ihm in's
Wort. „Sie werden diesen Verdacht unbe—
gründet finden, sobald Sie mich angehört
haben.“

Er berichtete jetzt sen Zusammentreffen
mit dem Vagabunden, wiederholte die Worie
desselben, wie sie ihm im Gedächtniß geblieben
waren, und erklärte hieraus den Grund seiner
Abwesenheit in dem Hause des Bürger⸗
meisters.

Der Advokat hatte, während Gottfried
sprach, einige Notizen gemacht.

„Würden Sie jenen Menschen wieder er⸗
kennen ?“ fragte er jetzt.

„Ganz gewiß.“ —F

Auch wenn er die Kleider g ewech⸗
selt hat?“

„Auch dann. Seine Züge, wie der Ton
seiner Stimme haben sich mit meinem Ge⸗
dächtniß so tief eingeprägt, daß ich sie sobald
nicht wieder vergessen werde.

„So lassen Sie uns ungesäumt ans Werk
schreiten“ fuhr Schacht fort, indem er die
Schelle zog. „Es unterliegt keinem Zweifel,
daß jener Vagabund heute Morgen in die
Stadt zurückgekehrt istt, um dem Rentner
Bericht abzustatten, wir müssen suchen, ihn
ausfindig zu machen. Rufen Sie augenblicklich
den Polizeikommissar Schmidt,“ wandte er
fich zu dem eintretenden Schreiber, „sagen
Sie ihm, ich müsse in einer wichtigen und

dringenden Angelegenheit mit ihm reden. —
Er kennt die Kneipen und Schlupfwinkel jener
Schurken,“ fuhr er fort, als der Schreiber
ich entfernt hatte, „wenn er uns begleitet,
)ürfen wir fast mit Gewißheit darauf rechnen,
hdaß wir unsern Mann finden.“

So gerue Gotifried vorher noch seinen
Bater besucht hätte, blieb ihm doch nicht
Zeit dazu, er sah wohl ein, daß kein Augen⸗
olick zu verlieren war, wenn die Verfolgung
des Vagabunden zu' dem gewünschten Resultat
ühren sollto.

Der Kommissar ließ nicht lange auf sich
varten, Schacht weihte ihn mit wenigen
Worten in die Sachlage ein, verschwieg aber
abei, daß der Mörder Weiterau's auch im
Verdacht stehe, Krämer gemordet zu haben.

Der Beamte kannte den Menschen nicht,
er erinnerte sich wohl, ihm vor Wochen ein⸗
nal begegnet zu sein, wußte aber über seinen
stamen und Aufenthaltsort nichts Räheres
anzugeben. —

Der Kommissar vertauschte seine Uniform
gegen einen Civil-Anzug, und die Drei traten
ihre Wanderung an.

Der Zufall wollte, daß Ernst ihnen be—
degnete, als dieser ihr Vorhaben und die
näheren Details erfuhr, schloß er sich dem
Kleeblatt an.

(Fortsetzung folgt.)

— — —e—;

— Win SFingerzeig für Müt—
der.) Ein vom auswärtigen Amt dem Par—
ament vorgelegter Bericht des Consuls Se
dern in Rom erwähnt u. A. auch der
ausgezeichneten Qualität römischer Stimmor⸗
gane und bemerkt, dies werde einem bewähr⸗
ten Hausmittel zugeschrieben. Wenn nämlich
rine Mutter außer dem Hause beschäftigt ist,
wird der fest gewickelte Säugling mit seinem
Kücken an einen Wandnagel gehängt und
lkann da oft mehrere Stunden lang ungestört
schreien, wodurch eben die Stimmorgane in
außerordentlicher Weise ausgebildet werden.

2Mannigfaltiges.

— — ————
Druck and Verlag von F. X. Dernaesß in St. Ingbert.
        <pb n="453" />
        Unterhaltungsblatt

X
St. Ingberter Anzeiger.
vr. 116. Sonntag, den 1. Oetober

7.
Ein böses Gewissen.“

ein noch ziemlich junger, schmächtiger Mann
emsig arbeitete.

Eure Papiere find fertig, Ihr könnt sie
nachher holen,“ rief der Beamte dem Ein—
retenden entgegen, während er sich demselben
näherte „sie liegen dem Bürgermeister zur
Anterschrift vor, Ihr müßt Euch so langçe
Jedulden. — Geht in den goldenen Schwan
ind erwartet mich,“ fuhr er leise fort, iandem
r seine Lippe dem Ohr des Amerikaners
näherte, ich bin in längstens einer halben
Stunde bei Euch “ F
ESchmelzer ging, ohne ein Wort zu er⸗
vidern, wieder hinaus, und wartete in dem
zezeichneten Weinhause auf den Beamten, der,
eineni Worte getreu, noch vor Ablanf der
hdalben Stunde erschien.
Gehen wir in das Kabinet,“ flüsterle
der Beamte, indem er einen Blick über die
Bäste warf, „wir können dort unser Geschäft
ingestört abmachen.“

Habt Ihr die Papiere mitgebracht 70
ragie der Amerikaner. als die beiden hinter
der Flasche im Stübchen saßen, dessen Thür
sie hinter sich verriegelt hatten.
„Alles in bester Ordnung, unterschricben
ind mit dem Amissiegel versehen,“ erwiderte
der Beamte, „uur bitte ich Euch, geht vor⸗
ichtig damit um, Ihr wißt, daß meine Ehre,
mein Amt davon abhängen.“

„Narrenspossen! Glaubt Ihr, ich werde
Mißbrauch damit treiben ?7 versetzte Schmel⸗
ger. „Gebt her, ich habe Eile.“

Erst is Geid, daun die Papiere!“

Der Rilaner legte eine Rolle auf den
Tisch. „Hier sind zwanzig Louisd'ors, die

Novelle —
von Ewald August König ˖
GFortsetzungh.

Schmelzer war, nachdem er seine Gefan⸗
gene verlassen hatte, in die Stadt zurückge—
lehrt. Die Landstraße vermeidend, weil er
befürchtete, der Rentner khnne durch irgend
einen Zufall die Entführung seiner Tochter
Aeich nach seiner Rückkehr in den Gasthof
entdecken, und dem Entführer nachsetzen, schlug
er einen Fußpfad ein, der auf einem ziemlich
heträchtlichen Umwege durch das entgegenge—
setzte Thor in die Stadt führte.

In der Stadt angelangt, eilte er unver⸗
züglich in das Viertel, welches ausschließlich
bon der ärmeren Bevölkerung bewohnt war.
hier, in einer engen Gasse, trat er in das
nstere Gewölbe eines Trödlers, wo er den
siemlich abgetragenen Anzug eines Spieß⸗
hürgers kaufte, den er sosort in dem Ge—
wölbe gegen seine bisherigen Kleider um⸗
tauschte.

Der Anzug bestand nur aus Rock, Hose
und Mütze; um die unsaubere Weste und
den nichts weniger als frisch gewaschenen
hemdkragen zu verbergen, knöpfte der Vaga-
zund den Rock bis unter das Kinn zu, rückte
dann die Mütze tief in's Gesicht und schlug,
in seiuem Aeußeren einem unverschuldet in
Armuth und Elend gerathenen Familienvater
nicht unähnlich, den Weg zum Rathhause ein.
Hier trat er in das Paßbureau, in welchem
        <pb n="454" />
        Summe, um welche wir miteinander einig der Schwelle stehen. Zu seiner Gefangenen
wurden.“ mochte er noch nicht zurückkehren, vor ihw
„Und hier ist Cuer Paß, wonach Ihr als lag eine mehrwöchentliche Wanderschaft, reich
Gensd'arm den Auftrag habt, die irrsinnige an Strapazen und Entbehrung, dauum wollt:
Giftmischern nach Bremen zu bringen,“ er noch einmal den heutigen Tag genießen.
sagte der Beamte, indem er ein Papier ent- In der Kleidung, welche er augendlicklich trug,
faltete, welches er dem Vagabunden üdberreichte. daunte ihn ja Niemand, und selbst wenn der
„Euer Signalement ist genau, eb doas Eurer Rentner Verdacht geschöpft hatte und ihn der
Gefangenen ebenfalls zutrifft, müßt Ihr selbst Entführung seiner Tochler beschuldigte, er
wissen, Ihr hattet es mir so angegeben. wagtie' sich gewiß nicht in die Schlupfwinkel,
Der Amerikaner warf einen flüchtigen weiche Schmelzer zum Aufenthalt dienten.
Blick auf das Papier. „Es genügt,“ entgeg— Der Vagabund »anderte aus einer Kneipe
nete er, „keine Behörde wird es wagen, die in die andere, bis er endlich nahe dem Thore,
Richtigkeit dieses Papiers anzugreifen.“ durch welches er seinen Rückweg nehmen
„Jedenfalls thut Ihr wohl, die größlen nußte, in einer Branntweinschenke sitzen blieb.
Städte zu vermeiden“ — Es war bereits Abend, das Schenkzimmer
„Natürlich,.“ fuhr Schmelzer fort, „ich dis in den letzten Winkel von Gästen besetzt,
werde so viel wie möglich auf der Landstraße welche, nach ihrem Aeußeren zu urtheilen.
oleiben und, wenn es angeht, im Freien über ⸗ ämmtlich dem ehrenwerthen Gaunerstande
nachten. Und nun das zweite Papier!“ anzugehören schienen. Vettler und Orgelspieler,
„Hier ist es,“ entgegnete dre Beamte. entlassene Sträflinge und Tagelöhner, welche
„Sobald Ihr die Rolle des Gensd'armen u faul zur Arbeit, auf anderen Wegen ihren
fallen lassen wollt, oder gezwungen werdet, Unterhalt zu bestreiten suchten, Raufbolde und
sie fallen zu lassen, bedient Ihr Euch dieses Induftrieritter saßen hier friedlich beisammen.
Passes, laut welchem Ihr als Vormund das Gespräch betraf fast ausschließlich den
Eurer Begleiterin nach Amerika zurückreist.“ iun Wetterau verühten Mord, und Schmelzer
Ein Lächeln triumphirenden * Hohns um⸗ öühlte eine Last von seinem Herzen fallen, als
pielte die Lippen des Schurken. „Ah, das er vernahm, daß man den Sohn des ver⸗
ist gut,“ als Vormund. Als solcher din ich hafteten Ackerers Schulz als den Mörder be⸗
berechtigt, Gewalt anzuwenden, wenn mein eichnetfe.
Müudel in Güte nicht folgen will, wirk⸗ Er hatte im Laufe des Tages sich seiner
lich, der Gedanke ist gut. Jetzt zählt Euer Begegnung mit dem Unbekannen auf der
Geld.“ randstraße erinnert und befürchtete, er könne
Der Beamte zählte die Goldstüclke und diesem durch einige unbedachte Worte sein
— Vorhaben verrathen haben. Auch über den
„Vergeßt nicht, Vorsicht!“ warnte er, ‚unter Brand und die Entführung der Tochter Krä⸗
den Dorfbürgermeistern gibts Manche, die in ners wurde manche Vermuthung geäußert.
jedem, Ider ihnen eineu Paß vorzeigt, gleich einen Die Ansichten waren verschieden, die Mehrzahl
Betrüger, einen Verbrecher wittern. “ begauptete, Krämer habe selbst sein Haus an⸗
„Seid unbesorgt,“ unlerbrach Schmelzer „ezündet, und die Entführung seiner Tochter
ihn gelassen, „ich möchte einem solchen Bür- sei nur eine Komödie, welche lediglich den
germeister nicht rathen, in mir etwas anderes, Zweck habe, die Aufmerksamkeit des Publikums
als einen wirklichen Gensd'armen zu wittern, von der Entstehung jenes Brandes abzulenken
meine gute Klinge möchte mit seinem Schädel und das allgemeine Milleid für ihn in An—
sonst in etwas unsanfte Berührung kommen. spruch zu nehmen; eine Komödie, welche in—
Gehabt Euch wohl, sobald ich drüben deß jzu grob angelegt sei, als daß man sie
bin, fchreibe ich Euch, damit Ihr nicht läunger nicht augenblicklich durchschauen könne.
ri Sorge und Ungewißheit schwebt.“ Der Amerikaner hätte dem, der die An—
Als der Amerikaner das Weinhaus ver⸗ sicht aussprach und hartnäckig vertheidigte,
ließ, blieb er einen Angenblick zögernd auf“ um den Hals fallen mögen. er hütete sich
        <pb n="455" />
        aber, demselben offen Recht zu geben, um
nicht die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich
zu lenken.

Die Stunden verannen, Gäste kamen und
gingen, nur Schmelzer und einige wenige
Stammgäste blieben hinter ihrem Glase sitzen.
Da traten vier Herren ein, bei deren Erschei⸗
nen den Amerikaner eine ihm selbst uner⸗
ärliche Unruhe befiel. Er kannte keinen von
ihnen, und doch schien es ihm, als müßten
sie ihn kennen, denn ab und zu streiften ihre
Blicke ihn und dann glaubte er in diesen
Blicken stets eine gewisse Genugthuung zu le⸗
sen, die Genugthuung eines Mannes, der das
gefunden hat, was er sucht. Die fremden
Herren, wel he durch ihre feine Kleidung, die
Aufmerksamkeit der übrigen Gäste erregten,
forderten Brunntwein, und setzten sich an einen
Tisch, der von dem des Amerikaners ziemlich
entfernt siand.

Sie unterhielten sich lebhaft mit einander,
dies hinderte sie aber nicht, von Zeit zu Zeit
Schmelzer zu beobachten, der, um die wach⸗
sende Unruhe zu bemeistern, dem Glase fleißig
zusprach. Endlich, es hatte bereits zehn ge—
schlagen, erhob der Amerikaner sich; er hatte
gehofft, die Herren würden sich früher ent⸗
fernen. Die Furcht vor jenen war ihm selbst
unerklärlich und dazu grundlos, denn versuch⸗
ten sie, ihn anzugreifen, so durfte er des Bei⸗
standes der übrigen Gäste gewiß sein. Sie
alle waren ja richt besser, als er, sie alle
mußten, wenn er in der Schenle angegriffen
wurde, darin eine Gefährdung ihrer eigenen
Sicherheit erbliken.

Dasselbe dachte der Kommissar, aber selbst,
wenn er auch einen solchen Beistand nicht be⸗
fjürchtet hätte, würde er den Verbrecher doch
nicht zurückgehalten haben, ex mußte ja wis⸗
sen, wo diefer wohnte, um im der Wohnnug
desselben Haussuchung halten zu können. Er
war cin Mann von Praxis; von einem Ver⸗
brechen anf das andere schließend, traf' er
seine Maßregeln bei Verfolgung eines Ver⸗
brechens stehts so, daß er bei Verhaftung des⸗
selben auch sofort einen Blick in das ganze
Verhältuiß seines Gefangenen werfen konnte
und da entdeckte er oft Manches, woran er
vor wenigen Augenbliden noch nicht dachte.
Nachdem Gottfried ihm die Versicherung ge⸗

zeben hatte, daß jener Mensch derselbe Vaga⸗
hund sei, den sie suchten, entwarf er rasch
einen Plan. Einer seiner Unterbeamten ftand
draußen vor der Thür in einer versteckten
Ecke und beobachtete jeden, der die Schenken
perließ. Schmelzer verließ ungehindert das
daus und eilte sofort zum Thore hinaus.
Draußen auf der Landstraße sah er sich noch
»inmal um, aber Alles blieb still, und hier⸗
durch sicher gemacht, lachte der Vagabund
etzt über seine Angst, die jq jedes Grundes
entbehree.

Wenige Minuten nach dem Fortgange
des Vagabunden erhoben die Lwier sich
ind verließen ebenfalls die Schenke. Detr
ommissar redete mit seinem Untergebenen,
velcher, von einem gebeimen Instinkt geleitet.
den Amerikaner schärfer als jeden anderen
beobachtet hatte, einige Worte und rieb sich
dann vergnügt die Hände.

„Es kommt besser, als ich vermuthete,“
sagte er, „jetzt kenne ich den Schlupfwinkel
des Burschen, er wird uns nicht entgehen. —
Sie schlagen vor dem Thore einen Seitenweg
ein und eilen so rasch als möglich mit der
aöthigen Vorsicht zu der Hütte, welche seit⸗
värts der Lardstraße einsam in der Haide
teht,“ wandte er sich zu dem Unterbeamten
und Gottfried, „dort halten Sie sich ver⸗
zorgen und betrachten genau, ob unser Maun
nn die Falle geht; wir werden auf der Land⸗
traße dem Burschen folgen.“

Die beiden befolgten ohne Zögern den
erhaltenen Befehl. während der Kommissar in
Begleitung des Advokaten und dessen Freun—
des die Landstraße verfolgte.

„Sie glauben, daß es uus gelingen wird,
den Menschen zu ergreifen ?“ fragte der Ad—
odkat, nachdem die Drei eine ziemliche Strecke
zurückgelegt haten.

„Banz gewiß,“ erwiderte der Kommissar,
„aber reden wir leise, diese Schurken sind
nit allen Hunden gehetzt, hat der Amerikaner
dunte gerochen, so dürsen Sie sich darauf ver⸗
assen, daß er hier in einem Chausseegraben
Stnuden lang liegen bleibt, um zu jpioniren
ob wir ihm folgen. Ich kenne seinen Schlupf—
windel,“ fuhr er nach einer Pause fort.
-Ungefähr eine halbe Stunde von hier entfernt

steht einsam in der Haide ein kleines Haus,
        <pb n="456" />
        wer es früher bewohnte, weiß ich nicht, die
Sage erzählt, der frühere Eigenthümer habe
sein Weib und sein Kind ermordet, und seit
derzeit stehe das Haus verlassen. Soviel aber
weiß ich, daß es oft den Verbrechern zum
Aufenthalt dient, ich hahe manchen in jerem
Käfig gefangen.“

Weßhalb aber wurde diefer Schlupf⸗

winkel nicht niedergerissen ?“ fragte Ernst.,
Weßhalbe“ erwiderte der Beamte. Er⸗
stens haben wir kein Recht dazu, den Eigen-
thümer zum Abbruch zu zwingen und zweitens
paßt es uns, eine Falle zu besitzen, in der
wir von Zeit zu Zeit irgend ein berüchtigies
Subjekt fangen. Auf meine Veranlassung
wurden die Fenster theilweise zugemauert, theil⸗
weise mit eisernen Gitterstäben versehen, das
erspart uns die Mühe, das ganze Haus zu
besetzen ···

„Auf der anderen Seite aber können diese
Eisenstäbe auch dem Gefangen zum Schutz
gegen Sie dienen,“ versetzte der Advolat.
Verriegelt und verbarrikadirt er die Thür.
so steht Ihnen der Weg durch das Fenster
eben so wenig offen“

Meinen Sie?“ unterbrach ihn der Be—
amte. „An der Thür befindet sich ein
schweies Schloß und zwei Riegel, welche mit
Vorhangschlössern versehen sind. Sie werden
begreifen, daß ein solcher Verschluß den Ver⸗
brecher vor naäͤchtlichem Besuch ziemlich sicher
stellen muß und er nicht daran denkt, außer
dem noch eine Barrikade hinter der Thür zu
errichten. Nun wohl, zu jenem Schlosse tragen
wir Beamte stets einen Schlüssel bei uns,
und was die Riegel anbetrifft, so genügt der
Druck auf eine verborgene Feder, die sich
seitwärts an dem Thürpfosten befindet und
von einem kunstfertigen Schlosser gemacht
wurde, die Haken, in welche die Riegel greifen
zu lösen, so daß ein starker Stoß gegen die
Thür dieses Hinderniß sofort beseitigt ..

Gottfried und der Polizeisergeant schritten
inzwischen über Aecker und Wiesen rüstig
ihrem Ziele zu.

Als sie das Häuschen erreichten, warf der
Sergeant sich auf die Erde und winkte Gottfried
seinem Beispiel zu folgen. Das ziemlich hohe

Haidekraut bot ihnen einen fichern Verfteck,
von dem aus sie die Hütte wie deren Umgebung
genau beobachten konnten.

Nach Ablauf einer Viertelstunde sahen sie
einen Mann auf das Häuschen zuschreiten, in
velchem sie, als er näher kam, den Vaga⸗
hunden erkannten. Er zog einen Schlüssel
zus der Tasche, öffnete die Thür und
rat ein.. —

Goitfried wollte sich erheben, der Sergeant
winkte ihm, liegen zu bleiben. Bald darauf
näherten auch der Kommissar und dessen Be⸗
gleiter sich dem Hause und jetzt erst hielt es
der Beamte an der Zeit, sich zu erheben und
jenen Bericht zu erstatten.

Der Kommissar, von der Verwegenheit
des Verbrechers das Schlimmste befürchtend,
zog einen Revolver aus der Tasche, drückte
anf die Feder und stieß die Thür offen.

Tiefe Dunkelheit herrschle in dem Hause;
der Kommissar trat ein, gefolgt von seinen
Begleitern! Das Zimmer zu ebener Erde
war verschlossen, — ein Tritt und die morsche
Thür flog offen. Der Advokat hatte inzwischen
einen Wachsstock angezündet, unwillkührlich
prallte der Kommissar, als er die Schwelle des
Zimmers überschreiten wollte, zurück.

Vor ihm stand der Amerikaner, den
Revolbver auf die Brull des Advokaten
gerichtet.
Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.
Die 10 Gebote des Landwirths.

Baue viel Futter;

Füttere gut das Vieh,

Dann fehlt es auch an Dünger nie;

Mit starker Egge und starkem Pflug,

Ackere fleißig und tief genug;

Was dein Acker kann geben,

Sollst Du systematisch ihm nehmen;
illes Land verbessere und neues erringe;
). Ausgaben und Einnahmen zu Buche

bringe;

10. Du selbst sei fleißig und klug. —, Das
nd der Gebote des Landwirths genug.“

7

Druck uns Verlag von F. 52. Deneß in St. Ingbert.
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        nau 34
7
— —
.IMijt
J nνν
um' ινι 0 21.2
n —F — rictte⸗ 15129 2419
. . . αννιXα
StIngberter Anzeiger
* 22 4 — O..., — ειN
n

5
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———7

—7 — 2
Dienstag,idenS. Oetober 18714.

— —

— —
- unt
Ein boͤses Gewissen.
_— Nobelle9 ιιι ν
G i
is ti hou Ewald August König ·
ftu ιν:. e. 23
und Gdortsehung.n2333
Einen Schrut weiter und Ihr seid ein
MNauv dea Todes!“ rieß der Vagobund.
Merlt Euch mohl ich habe einen sechsläu—
figen Revolver, jedeß, Lauf ist geladen und
jede Kugel streckt einen Mann so, sicher nieder,
wie Ihr ietzt vor mir steht 13 J * tin
Der Kommissar verlor die Geistesgegen⸗
wart nicht. AGlaubt Ihr, das werde mich
abhalten d erwjdersen er gelassen, aber jest.
„Gesetzt auch, es gelünge Euch, sechs von
uns kampfur fähigzur machen, die übrigen
sechs, welche draußen“ vor der Thür stehen,
würden Euch um go— sicherer überwältigen.
Deßhalb nehmt guten, Rath an And folgt
jreiwillig. B
„Und wessen, wenn ich fragen darf, be⸗
schuldigt man mich 7; fragte der Vagabund,
ohne den Arm, der das dnd hielt, inlen
zu lassen · a ι ,
Des Magdes,“ « entgegnete dex Be⸗
—
Schmelzer laͤchte Höhnisch auf. 5, Und Ihr
glaubs. wenn ich berejts einen Mord quf, dem
Gewissen, hahe, könne, es mir auf den zweiten
und drilten noch ankommen? Wenn Euch
Euer Leben lieb ist, Ko macht, daß ihr fort⸗
dommg ich habe nicht ust, länget mit Euch
———
Der Polizeisergeant' hatie sich sazwischen

ι—, α
ebenfalls⸗ in!s Zimmer gedrängt, er stand dicht
nehen dern, Fommissox, der durch seine Untey
dandlung mit dem Verbrecher nur eine Läh-⸗
uung. dessen Armes bezwechte. Und in der
That, fühlte Schmelzer jetzt, eine Müdigleit
n dem ausgestreclten Arme, dir sich meht
ind mehr geltend machte, Er. hielt den Blick
inverwandt auf den Finger des Beamdten ge⸗
ichtet, welcher am Trücher Des Revolvers
ag, hereit, hei der ersten verdächtigen, Be⸗
regung sein Pistolabzufeuerg. Exnbemerkte
ucht, daß der Sergeant, durch das Halb⸗
unkel begünstigt; Jeise gugder Wand entlang
hlich,und, selbst, wenn erzpies-abenierlt
vaͤtte, mürde er doch gezögert haden, jenen
niederzuschießen, deng in dem Augenblick in
velchenn er abfeuerte, durfte ernn sicher, sein,
aß aus dem Repolvez de Kommissars ihs
iue ugel trak i e
Ich frage noch einmal, wollt Ihe mig
zutwillig folgen 7“. nahm. der Kommissar nach
einet Pause wiedez daß Wort.nunn tug

„Ich wiederhole nur. daßich Euch ziie
derschieße, sobald Ihr einen Schritt eine ver⸗
dächtige Bewegung macht“s exwiderte,n der
Amerikaner, 4 richtet Cuch danach.“ 4
Das letzte Wort war. kaum über — seime
Appen, alg er pon, dern sehnigen Fauste deß
Zergeanten, der inzwischen? sichleisen hinter
oen Verbrecher geschlichen hatte, ergriffen und
u. Boden geworfen, wurden Der Schuß ging
os, aber die Kugel that keinen Schaden, sie
hlug in die Deche. Im nächsten Augenblicke
var der Verbrecher gefessel, Der Koumissar
urchsuchte gjetzt das Zimmer, und sein Er⸗
taunen, war nicht gering, als ex in demselben
        <pb n="458" />
        die vollständigt Unifoemmves Gensd'a rmen
fand. Inztpise —
Taschen des S
gefundenen Golt
uͤbergeben.
Das Erstaunen des Beamten wucks, alg,
er unter diesen Papieren den Paß eines
Bensd'armen fand, aͤn gesetzlicher derm aus⸗
gefertigt, —B—— bis! in die kleisste
Einzelhelt“ auf Ken Gefanhenen passend und
oon· dem·Biregerme ifter igenhandig · unter ·
jhri hei. ·,Wir werden schon vathziner omu
men,“ fagte er,“ als Schmelzer auf alle an
ihn, gerichteten. Fragen hartnäckig schwieg,
wie mir scheint, hattetechtr dien Idern
veser· Kleidung! vVn Kückreife Aach Amerikh
—I 0[ — tum nuleuos
Wenn Ihr wißt; datz ich amerjtauifcher
Bürger hin, so werdel Ihr wohbauich wissen,
deßz Ihr! Rin Rechte habt,nmich u werhaf⸗
dent iche. berufe: miche auf hen amerikati schen
—XDD ia nσ tun ινα
nan Baruff uchn. auf wen. Ihr wollter.
widetlen derro Komimsssurie fpoͤttendeunader hier
zun Lande fichnnelhetn Verhnehenze schulein
— ——
Riehel shon As deitum gu kümmern welches
Land —V— Vatuihn seinezuo henno i
—XX—
Wer Gefangene nnochle? einseheit usgaß ibr
fich der' Gewallflgen Er
doffte ernnmasf auff dein Wegkeizu n Gefan
nisse die Gelegenheit zur Flüchtnfih ihin
bieten wetbe⸗!er ging rotzig schwelgetid voran,
Antz Dernn Sergechatnd ein !fehrievorfichtiget
Mann, unterlicß ichthce den Rockkratzen ves
Gefangenen“ inssehne Fuust ein zuhackee
Ehwanicte Stunde Weges“ mochte'! der
kleine⸗ Trnhye zurückgelegt hahen; Eis der Konsn
mifsar auf einen Mlant stieß,-der ilig⸗ auf
bier Stadt zuschritt.“ MiePolizri“ glaudt in
jedem/n den fie spätteLin herNacht draußen
nuf der Landflraße antrifft, einen Verbrechet
dermutheno zn dutfen, der Kommissar, in det
Hoffnang, ftalt des einen werl Gefangene
heinbringes zu önnenerief“ den Wandere
tan. Der etzteré Vliehe füehenenn ꝛi⸗ A
Wus wollt Ihn bon imir An frugte ei
Habt Ihr mein Hinbe gefunden e Wißl Ihr
—,,——

Ton diejer Stimme kland ihm— bekannt, jetzt
Ir vi den Fragenden den Vater
Maibitdens. —V
— Piucwiled, sprechen Sie, was ist
mit Ihrem Kinde,“ fragte er hastig, „Ist
Ihrer Tochter ein Unglück begecnet? So reden
Sie doch ?“
„Man hat mir weeiin Hind-geraulet,“
f Jr aene * seit dem
frühcn Morden din ich uuf den Benen, um
An jurhen nber mirgends/ nirgends finde
ich · Lind Spur⸗ —
Ernst wußte nicht sollke er diesen Wor—
ten Glauben schenken, er. war fast geneigt
zu vernuihey NiNer GBerstande des lalten Man⸗
nes müßte in Folge des. Brandunglücks ge⸗
itten haben. — Er, jein Freund und die
Beemten · niit beni Gefangenen“ hallen einen
Kreis um den Rentner gebildet, der unauf⸗
hörlich üter sein pexloxenez Kind jammerte.
Da plötzlich stürzte er sich duf den gefesselten
Verbrecher deb schon⸗ einige mas⸗ dem Versuch
hemuchehatte Kraͤner den Ruͤcken Fuzuwendem
hieran⸗aberstets- Durshi die Faust sangs Bo
zteiters gehindert oyrdene unt, ι ι
inHler ber Rhuber, uu gef ei
mit gellender Stimme,“br wiiß,lwbectitt
Xdehlet sichꝰ befinder!on an *
d Sgtisigk wo. ste istnnvedgetzte Schuielzet
—D——
—A ——
rete ich vop! Benn Ihistrukttongtichler! ant
hauns sn nan he
2wbediteßt Ihef dut aiind fu Fieb!bet
Kommifsar barsch ihm dug Wotteen eg
„Sucht es, wenn Ihr Zeit —V
vazu Hhabt oufuhr der·Gefanhent Cinlt eisi—
ger gaute förtichh kmere licheem h
— n —W
-Ihre Tochter wird, in demiselben. Gause
seln, iw welchem wir diesen Gürschen? fanden,“
vandte der Beamte sich zu demi Rentnen
töumte!n ich ben Gefangenen meinent Ser⸗
zectene allein überlaffen, so würde Sie
beglelten, pielleicht ift einer dieser Her cn so
gefaͤlligee ——— —2* A n * anli
Rommen Sie,“nahm Ernst was Worß
indem · er den alten Heirn aim Arme faßte,ich
zerlasse Sie nicht —* bis wit Mgthitdel ge⸗
—X
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        Wonfried: schloß sich don beiden an der
Rommissar Agahrhnen s einen Nevolver,; cher
Advotat den Wuchsstock und Fenerzeug, nnd
zascheilten die, drei⸗ jetzt der Hütten zu. Die
Thür stand offen. das Zimmer m Erdgeschoß
warelerr. u, Wusjetzticn fraggie der Reutuet,
desffed HoffnichgBereits soleder sant. zj iin
zinErnstudeutete schweigend auß? die Treppe!
Mir maching sagterer, Andem er Den Wachs⸗
ttock in !idie uLiuked imurd —Ddast MPistolin die
Rochteb nahm⸗ bat jencd 28churkewirklich
Mathibde entführtnso kannnier sie nnrn
diefe Hunten gebracht habente“ nugν⏑ α
Die Vermuthung des jungen .!eManties
etwies sich als begründet, Wdas Erste; assprauf
jein Blick fiel, sirals Ler: vie uDreßtze erstiegen
hatte, war Mathilde, wolcher en Handen unh
Füßemgefesselt urd dazu geluebelt: inteiner
Ecke bes Speicheiß Lauf demntgußboden Auigl
Dir adtentuer warfe sich mie einem Freuden
deschreiuuf dier Ohnmächtige, twähzreund Eru
die: Fesseln durchschruitttrrundidie Küebeluelante
fetnte. u Gottfried war unteldeß hlituntergeeist
er fande unten Un⸗der Stubehniin einer!oFlafche
einrn Rest Wein, mit welchemeer Stivne und
Schläfe wes Mädchenst Wusches⸗uß 1 sα
Asiun Mathildes zum Bewurßtseinuozurück⸗
lehrten ostshze sie den Vater Arnde dun Gelicbten
pubsich stehhen. s Sien wonlste nt Wafangs vest
platzlichew Methfenen nhkes »Weschicks nithebe⸗
hrerfen And ifütchtele? diesnAlles fürf kinen
Traum?“ halten zu müssen, dem ein schreck⸗
licheßb Erwachen 2folgen werde?: UAbec Lals
Ernst ihr berichtete, auf welche Weist: Esdihnen
gelungen sei, Esie wiederzufinden und als sie
sich nun alles dessen entsann, was kurz vor
ihrer Ohnmacht voraefallen unce sch wand der
letzte Zweifel. Die Freude über ihre Rettung
tieß asie jeder Vorsicht: verhessen! iSie warf sich
au. die Vrust des fuugen (Muunnes vund
jchmidegte sich feft an ihmz als wolle fie bů
ihm gurz allein gegen jetenn fernere Unge⸗
mach Schuthz fuchen &amp; uis. aij nus iuut
xn MDer ualte Manni wünde in jedem andern
Augenblick dieses Benehmen ——
haben, jetzt sah er darin nur das Uebermaß
des Glückes Und als solches ließ er schweigend
es gelten.
7 Wathide Nattett endlich Wer ihre Erlebe—
nisse Bericht ab. Ernst ballte zornig die Fanst

uAs belhene Viun dies Shurken? daß Mabchen
als inn FJrisimrige nach Bremen hu rfchteppen
hrfichr! Nach dam der Fiuchtversuch Linmal'fef
zei ihrte beschlossen gewwesen sei,hatzen stotcnch
ofort das n ugerk begbunneh, nijuthtꝰ Mathilde
ort. Mach mehistlin diger Virtzeitqli eshe⸗am
—AV
Jabkues Nthrumt KHrust —unze dent Tin thigen
wyerlzeug gefehltenn dibetn wohl diusehernv diriß
ie nicht muthlos verzager: dürfe, 'hane sie dih
nüihsaute: Arbeil sortgefetzt,ohnkeindeß ihren
Zwet zu Lerteichen. gwarifei egs ihr geium⸗
zen, LinLoch! An dier Mauer zu brechestc urnd
ie Wwür de wahrscheinti c. troh hter Ern tadimg
ꝛie: Flucht) erm datichl haben odwenn dere Ame
aik met mir eine Stunderlsäänget ausgebllehen
vãres Er⸗ de be her Atbeit überruscht
und, um sienedin der Fortsetzung jn htndern
ien süfott gefesselzen Eine Biernelsiunde?! später
mier: nbioderonauf den n Spricher gtkommen
im sie zu —VV — Re bal⸗
rauifo crtathen Inodie LStinmmtn umnsen im
dusen hunh ver Schußz mußten shri jein
zeichen Fein? daß die ⸗. Ketternitht waren.
Aber uldbicse fühe intfebnketi, Cals ebumen
vieder «still wurbe-dnnltz ige Vie sehreckuchi
Bewisscheirtlade warh, daß sie jeht dang sith
Alein in dem Hause befand, und vielleicht
wiccnatidaran da hlete ie⸗ Diere gu *fuchen,
jel —sie Pacht Iamgenen dergehlichen “ Austrene
jungeu: dich dot den⸗Fesseln u befteienin
Ohnmocht. aegu . ι νια αιο
Siewar zun schwach,nduzun Fuß den Weg
zur Stadte gliruckzulegen Gottfrieb Arbotsich
inen Wagen zu holen, während r
Reninerꝰuind Eknsien dei bete Madhen zurück⸗
llebenαι ν ι
n un ge Haͤpirelop320 ιιναν
uun Am Mothen dichs Jener Racht oͤrrät bet
Advotate in die Kelle deb Verbrechersun mit
viesem heborer got- den Instrnktonsrichtet
gefühhrt. wurde Aüben Manchta Rüchprache Iu
iehmen.gn der Haupifucheln dewogeishe u
ziesern Schriitdie Freundschaft zuErnft,
vefsen Liebe zu⸗Malhisdée etr kunnte Wurde
dere Vates des Mäbchens in den Prozeß ver⸗
vickelt⸗ saßeer aufuder Berbtecherbank, Ebeh
VBrudermordes beschuldigtsd mußgte Er
gner Liehe unh glelchsessc Jinem VDiud em⸗
agen, er durfte nicht die Tochter des Mannes
        <pb n="460" />
        heimführen, au dessen Händen Paß Blut sej⸗
nes Valters klebte, Kin Anderez aber war es,
wen diee Schuld Hräwers, nach der- Hochzeit
zuchbag wurde, hielleicht war zader . Rentner
dann drben zin Amerikag und der-Arm des
Gesetzes lonnte ihn nicht mehr erreichen. 1
Schmelzer. empfing den Adpolatennmäüt
einem Lächeln, welches deuilich verrieth, daß er
die Absicht des Juristen kanntenn und geneigt
war, dieselbe zu pereiteln i
* zrd seid Zein verlorener Mann, das
wüßt Ihr selbst einsehen,“ „nahm der Advo⸗
at dag Wort, mgt. nur der, Grmordung
des⸗Bürgermeisters Wetterau, der, Brand⸗
stiftzungg und der gewaltsamen, Entführung
zinesz Mädchens angellagt, fleht Ihr außerdem
auch ·noch im Verdacht, Euexn Landsmann
Nal Kraͤmer zxmordet zu baben,
⸗Wer Jagt das 795 fuhe der Gefangene
wrotzig auf. „„Wa Ind die Beweise, die mich
dieses Verbryrhens Iberführen d
Dex, Adnolat zog einen Knopf. aus der
Tascht unzd hielt jhn dem Fragenden vor die
Augen. „Kennte Ihr den 97 erwiderte ex.
Dieset, Knopf ward am Ort des Bexhrechens
gefunden, und ich müßte sehr irren, wenn
nuͤcht Han Eurer Weste dieselben Knöpfe sich
hefänden. on .
n Der Verbrecher knöpfte rasch seinen Rod
zu, Und wenn dem also wäre 27, entgegnete
er, „ist das der Beweis, daß der Knopf an
meiner Weste gesessen hat? Wo der gemach
worden ist, g find emehr als ein Dutzend von
dieset Sorte angefertigt worden, deß
halb Dgůg vIe 3 8
pioe Deßhalh forscht man,“. wo dieser fehlt,
und —* ist gerade an Eurer Weste der Fall,“
unterbrach der Advolat ihn ruhig. „Streiten
wix indeß nicht über diesen Punkt,? ob nun
ein Mordmehr ader. weniger hinzulommt
hie Verbrechen, deren Iht apgellags seid, ge
nüdenn: uern —* das Fallbeil zu
bringen. Eins aber kann Euch retten.hn
Zunß das üre 395fragte Schmelzer.
Vor allen Dingen einoffenes Geständ⸗
R ir geggenuber damit, ich weißpeldhe
Meßregeln ich ergreifen muß, um Eure Ret⸗
eng zu bewerkstelliden.“ . —
— Dyuch end Verla von zx Demeh J F5— *—
νnust erd vio ig ꝓon F.. x Dee qeß iP Angbeytee ae d 3

1252 „Pah,n doschlimm sieht'sh· mit mir moch
nicht guth, ich trage, die geringste Schuld, die
Hauptschuld trifft 4. meinen Genossen, erhat
mich altz ein Werkzeng gehraucht, ich handelte
aute nuch⸗ seinem Befehle,?ẽ
Es interessirt mich gtrade, zu erfahren,
wie sehr Euer Genosse beiheiligteist,vers
jehte der Advolat⸗„Ihr habt nicht nöthig,
por mir hinter dem Berge zu fhalten, daß ich
Euch nicht unter das Weil bringen will, könnn
Ihrschon, darzus entyehmen, daß ich noch
Riemanden; meinenVerdacht in Bezug auf
die Ermordung Krämerst mitgetheilt habe;
Aljo redet.“ nij e ι_äια
uSchmelzer fah eine geraume Weile schweis
gend vor sich hin. Er⸗bezweifelte nicht, daß
der Adnokat mehr wußte, als dem Verbrechet
—V
seine Mittheilung alsWahfe Fagegen —ihn⸗ ge⸗
Ranchen. Wexr hürgten ihmdafür,n daß der
Juxist nicht im Auftrage des Untersuchungs-
richters lam, um den Gesfangenennnin? eins
Falle zu loden q. Aber erwar alleinmit ihm
jein Zenge hefandasich in der Nähe, er konnte
also päter immep, wieder das abläugnen
was er jetzt diesem Manne unter der Augen
anvertraute/ NMuch hatter der Advolkat grsagt,
er wolle ihn retten, und dies deutete darquf
hin. daß zer im Auftrag des Rentners kam.
Mußte er für seine: Verbrechen büßen, dann
sollte sein Genosse die Strafe theilen, lonnte
ex aber, gleichviel durch welches Mittel, sich
aus dem Kerler befreien, so wollte er auf die
Rache. perzichten. 1 3
ortjetzung folgt.)
0
ν ννögfaltiges.
uteh e eh e e
Bas Jinde doch dire Menssschen
whö richt,) meinte ein Sleptiker. Die
Vatur giht aihnen Wein,n Frauen. Aufiarm,
Vernuuinhtrp lauter ausgezeichnete Dinge, und
was thun sie damit ? Sic betrinken sich hei⸗
rathen, verderben sich den Magen und wählen
eonservativ ni *et, ——
ütt
.
—*
        <pb n="461" />
        Anterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
NXr. IIS. Donnerstag. den 5. Oetobe 1871.
Ein böses Gewissen.“*
Novelle
von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

„Weßhalb verlangen Sie ein offenes Ge⸗
siändniß ?“ hobd Schmelzer nach einer Pause
an. „Sie behaupten ja, alle meine Verbrechen
genau zu kennen.“ —

„Allerdings!“ fiel Schacht ihm ins Wort,
nur weiß ich nicht, „wie weit Krämer in die⸗
selben verwickelt ist.“

„Er war der Ansiifter, ich sein Wertzeug,
das habe ich bereits gesagt. und Sie dürfen
Lieser Behauptung Glauben schenken. Hören
Sie zu. Vor unhgefähr drei Jahren erhielt
ich von einem gewissen Herrn Curtis in
New⸗York den Auftrag, einen Herrn Karl
Krämer, welcher in New-York ein Geschäft
in Häuten betrieb, zu beobachten und auszu⸗
kundschaften, ob und wann derselbe nach
Europa zurückkehren wolle.“

„Wer war dieser Herr Curtis?“ fragte
der Advokat.

„Ein Winkelkonsulent, der nebenbei Wu⸗
cher trieb, und überhaupt sich mit allem be—
faßte, was einen Gewinn für ihn abwerfen
konnte. Ich folgte der erhalt nen Weisung und
unterließ nicht, nebenbei zu erforschen, wen
dies in Europa interessiren könne. Ein leeres
Couvert, welches ich eines Tages im Bureau
jenes Curtis fand, brachte mich auf die Spur.
Das Stempel zeigte die Buchstaben J. K.,
der Poststempel den Namen dieser Stadt. Ich

forschte nach und erfuhr, daß ein Bruder
strämers hier wohnte; ohne mich lange zu
besinnen, schrieb ich an J. Krämer, theilte
ihm den Auftrag des Winkelkonsulenten mit
und ersuchte ihn, mir sein Vertrauen zu
chenken und sich direct mit mir in Verbindung
zu setzen.

„Die Antwort ließ nicht lange auf sich
warten. Jakob Krämer schrieb mir, es liege
ihm sehr viel daran, daß sein Bruder nicht
zurückkehre. Auch wünsche er zu wissen, ob
derselbe eiin Dskument des Inhaltes besitze,
daß er von seinen. Bruder eine Summe von
zwanzigtausend Thaler zu fordern habe, und
wenn dem so sei, solle ich mich dieses Aktes
zu bemächtigen suchen. Zum Dritten möchte
ich erforschen, wo der Sohn Karl Krämers
sich befinde. Ich errieth aus dicsem Briefe
deutlich den Wunsch des Rentners und fragte
an, ob es nicht am besten sei, wenn ich den
Bruder aus der Welt schaffe. Die Antwort
lautete, ich könne thun und lassen was ich
wolle, er befehle mir nichts, wenn ich den ge⸗
wünschten Zweck erreiche, so sei es ihm gleich,
welcher Mittel ich mich dazu bediene.“

„Besitzt Ihr diesen Brief noch ?“ fragte
der Advokat.

Ein Lächeln des Hohns glitt flüchtig über
die Züge des Verbrechers. „Glauben Sie, ich
würde mich von diesen Beweisen treunen ?
erwiderte er. „Sie sind ja die einzigen Waf⸗
fen gegen meinen Genossen, seien Sie über⸗
zeugt, daß ich mich ihrer bedience werbe,
sobald der Augenblick dazu gelommen ist.
sonnte ich den Mord ungehen, so wollte ich
es thun, deßhalb versuchte ich'ss vorerst mit
        <pb n="462" />
        dem Einbruch. Ich ward ertappt, zu fünfjäh—
rizer Gefangnißstrafe verurtheilt, und ent⸗
iprang. Inzwischen waren zwei Jahre ver
gdangen, wohl wissend, daß meines Bleibens
in Amerika nicht war, schiffte ich mich auf
dem ersten Dampfböoote nach Europa ein.“
„Woher nahmt Ihr die Miitel zur Be—
streitunz der Ueberfahrtskosten ?“ fragte der
Adbodat.

„Wir haben immer gute Freunde, ein
Bekannter stredte mir die kleine Summe vor.
Mein Plan war, hierher; zu reisen, mit dem
Rentner das Nähere zu verabreden, von ihm
Vorschuß zu fordern und dann unter falschem
Namen nach Amerika zurückzukehren. Aber
wie erstaunte ich, als ich auf dem Schiffe
denjenigen fand, den ich bewachen sollte! Er
hatie sich gleichzeiig mit mir nach Europa
eingeschifft, und jetzt galt es, rasch zu handeln.
Krämer kannte mich nicht mehr, und ich hü⸗
tete mich, ihm öfter vor die Hugen zu treten,
als nöthig war. Ju London angekommen,
schrieb ich augenblicklich an den Rentner und
bat um nähere Instruktion. Krämer hielt sich
einige Tage in London auf, ich beobachtete
ihn unausgesetzt. Einen Brief, den er dem
Kellner zur Besorgung übergab, wußte ich an
mich zu bringen. In demselben ward Schulz
benachrichtigt, daß sein Herr an einem be—
timmten Tage Abends einzutreffen gedenke.
Jetzt wußte ich genug, ich reiste nach Havre
und fand dort meine Instruktion. Der Rent⸗
ner war in Verzweiflung, ich müsse mich um
jeden Preis des Dokuments bemächtigen und
die Rückkehr Krämers verhindern, gleichviel,
durch welches Mittel, schrieb er. Hundert
Louisd'or seien mein, wenn ich diesen Auftrag

pollzogen habe. Hundert Louisd'or sind für
unsereins eine Bagatelle, aber doch immer
mitzunedmen, ich reiste augenblicklich nach
D. ab und erwartete meinen Mann. An dem
bezeichneten Tage traf er ein. Ich hatte be⸗
reits in Havre ein Pistol gekauft, trotzdem ich
meinen Revolver bei mir trug. Ich versteckte
mich auf dem Wege zu jenem Vorfe hinter
einem Strauch. Die Inmed ame war
ziemlich spät erfolgt, ich vertraute aber darauf,
daß er noch an demselben Abend D. ver⸗
lassen werde. —

Er kam,, ungefähr. eine Stun—

dor

Mitternacht, ich streckte ihn durch einen Schuß
nieder, beraubte ihn seiner Uhr und Papiere
und legte das Pistol neben ihn, um das Ge—
richt auf falsche Fährte zu locken. Da fiel mir
ein Messer in die Hand, welches mein Opfer
in der Tasche trug, ich las auf dem Heft
den Namen „Konrad Schusz.“ »Fand man
dies neben der Leiche, so mußte der Verdacht
nuf jenen Mann fallen, dessen Namen das
Messer trug. Ich lente es neben den Tod ken
auf den Rasen und entfernte mich. Am näch⸗
ten Morgen ssattete ich dem Rentner einen
Besuch ab. Er erfchrack über meinen Bericht,
'aßte sich aber bald, als ich hinznfügte, welche
Vorsichtsmaßregeln ich getroffen hatte. Unter
den Papieren fand ich das Dokument nicht,
und der Rentner nahm dies als Vorwnand,
mir den versp ochenern Loha vorzuenthaiten.
Erst müsse ich das Dokument schaffen, dann
önne ich über die hundert Louisd'or ver⸗
ügen. Noch an demselden Tage erfuhren
vir, daß Schulz jenes Dokument besaß. Ich
vollte nochmals einen Einbruch versuchen, um

nich desselben zn bemächtigen, aber der Rent⸗

ner rieth mir davon ab. Er meinte, dadurch

önne auf ihn Verdacht fallen, es sei besser,

vir warteten eine günstige Gelegenheit ge—

»uldig ab. Ich lernte inzwischen die Tochter

rämers kennen und in meinem Herzen ent⸗

»rannte eine heftige Neigung zu dem Mäd—

dhen, welche mit jedem Tage wuchs. Da faßte
ich den Eutschluß, das Mädchen mit mir nach
Amerika zu nehmen.“

„Fürwahr, ein sehr abenteuerlicher Plan!“
schaltete der Advokat ein.

„Nicht so abenteuerlich, als es den An⸗
schein hat. Jene Hütte in der Haide, in wel⸗
her ich verhaftet wurde, war mir bekannt,
auf meinen Streifzügen durch die Umgegend
jatte ich sie gefunden. Dorthin wollte ich
das Mädchei bringen, das Haus lag einsam,
die vergitterten Feuster und die eisenbeschlagene
Thür paßten ganz zu meinem Zweck. Daß
Mathilde sich sträuben werde, mußte ich vor—
aussetzen, deßhalb entwarf ich den Plan, sie
als meine Gefangene nach Bremen zu trans⸗
portiren, einmal dort, fiel es mir nicht schwer,
nich mit ihr einzuschiffen. Ich wußte mir
einen Paß zu verschaffen.“ —
        <pb n="463" />
        „Ich habe ihn gesehen,“ fiel der Jurist
ihm in's Wort.

„So wissen Sie das Uebrige. Inzwischen
hatte der Bürgermeister Wetterau sich des
Dökuments zu bemächtigen gewußt, er for—
derte für dasselbe die Hand Malhildens und
strämer sagte zum Scheine zu. Er hoffte, ihn
durch List in cine Falle zu locken, es gelang
ihm nicht, und jetzt erhielt ich den Auftrag
jenem das Papier zu entreißen. Sie werden
wissen, auf welchem Wege ich dies ausführte,
ich erwürgte den Bürgermeister und fand den
Akt, dessen Kopie ich vorher bei Krämer ein—
gesehen hatte. Ich wußte, daß ich von hier
fort mußte, sobald ich das Geschäft vollstän
dig abgewickelt hatte, und beschloß deßhalb,
gleich am nächsten Morgen Mathilde zu ent⸗
führen, und die Rückteise anzutreten. Diese
Entführung würde schwer zu bewerkstelligen
zewesen sein, wenn in dem Hause Krämers
Alles im alten Geleise geblieben wäre, ich
mußte etwas Verwirrung hineinbringen. Ich
wählte den kürzesten Weg. Bevor ich am
Abend das Haus verließ, schlich ich mich auf
den Speicher, legte an vier Ecken Feuer an
und ließ den Dingen ihren Lauf. Das Feuer
mußte ungefähr um Mitternacht ausbrechen,
dis dahin brannten die Kerzen, welche auf
einem Haufen Reisig standen, somit konnte
mich, der ich um diese Zeit bereits in C.
war, ein Verdacht nicht treffen. Alles gelang
nach Wunsch. Als ich am andern Morgen
hierher zurückkehrte, lag das Haus in Asche,
der Rentner wohnte mit seiner Tochter im
Vasthofe. Ich übergab ihm das Dolkument,
empfing meinen Lohn und, wie ich erwartet
hatte, gleichzeitig die Weisung, meine Rückreise
sofort anzutreten, unter keiner Bedingung aber
ihm mehr vor die Augen zu kommen.

„Ich wartete, bis er ausging und über⸗
redete dann Mathilde, daß ich von ihrem
Vater Auftrag habe, sie in die neue Wohnung
zu führen. Sie schöpfte keinen Verdacht, ich
prachte sie in meine Hütte, und dort befindet
sie fich wahrscheinlich noch. Jetzt wissen Sie
Alles, hoffen Sie indeß nicht, aus diesem
Bekenntniß irgend anen Vortheil ziehen zu
können. Ich lege es unter vier Augen ab, und
äugne jedes Wort, wenn Sie daßelbe vor
Bericht citiren ·“

„Seid unbesorgt,“ erwiderte der Advolat,
„ich kam nicht hierher, um Euch zu verderben,
ondern um Euch zu retten. Ihr werdet be—
zreifen, wie viel den Rentner an Eurem
Schweigen gelegen sein muß, wollt Ihr die
zanze Schuld auf Euch nehmen, weder den
Namen des Rentners nennen, noch überhanpt
die Mitschuld eines Genossen durchblicken
assen, so dürft Ihr darauf rechnen, daß
Fuch die Mittel zur Flucht gegeben wer—
»en, sobald die nöthigen Einleitungen ge⸗
roffen sind.“

„Der Vorschlag ließe sich überlegen“
neinte der Amerikaner, „indeß wer garantirt
nir dafür, daß der Rentner sein Wort hält?
FSesetzt, ich stelle mich als den allein Schuͤldigen
din, das Gericht verurtheilt mich zum Tode,
ver bürgt mir, daß der Rentner mich vor dem
Schaffot rettet?“
„Könnt Ihr nicht auch am letzten Tage
ꝛin Geständniß ablegen, welches Euren Ge—
nossen ebenfalls unter das Fallbeil bringt?“

„Allerdings, aber kann der Schurke nicht
bis dahin geflohen sein ?“

„Freilich! wenn er nun fliehen wollte,
würde er Euch diesen Vorschlag durch mich
machen ? Auf der. einen Seite erwartet Euch
das Schaffot, Ihr mögt nun Euren Genossen
in den Proꝛeß verwickeln, oder nicht, auf der
indern Seite winkt Euch die Freiheit. was
vählt Ihr ?“

„Natürlich das letzte,“ entgegnete Schmel⸗
jer, „wenn ich nur eine Garantie hätte, daß
nan mich nicht schließlich noch überlistet

„Eine bessere als die, welche ich Euch
vorhin nannte, weiß ich nicht zu schaffen,“
ZHersetzte der Advokat achsel zudend.

„Wohlan, ich will ihm vertrauen,“ nahm
nach einer ziemlich langen Pause der Verbte⸗
her das Wort, der den letzten Strohhalm,
an welchem er sich klammern konnte, nicht
cahren lassen wollte. „Aber die Bedinguug
telle ich, bin ich nicht innerhalb vier Wochen
rei, so warte ich nicht länger bis dahin
visl ich die Schuld ganz allein auf mich
aebmen.“ J

Der Advokat erhob fich. „Abgemacht,
zis dahin werden wir die nöthigen Einleitun—
gen zu Eurer Flucht treffen konnen. Jeßzt
        <pb n="464" />
        gebt mir einen der Briefe Krämer's, gleich⸗
piel, elchen.“

Der Amerikaner sah dem Advokaten er⸗
staunt in's Gesicht, wieder umspielte jenes
höhnische Lächeln seine Lippen. „Glauben Sie,
ich werde diese Briefe aus der Hand geben?
So leicht ũberlistet man mich nicht.“

„Aber ich bedarf des Briefes, um
den Rentner überführen zu können,“ fuhr
Schacht fort. Ihr behaltet ja immer noch
Beweise genug, und könnt ven einen Brief
wohl entbehren.“

„Ich weiß nicht, welche Rolle Sie eigent⸗
lich in dieser Sache spielen,“ versetzte Schmel⸗
zer, zuerfst sprechen Sie zu mir im Auftrage
des Rentners und nachher verlangen Sie von
mir Beweise, um jenen überführen zu können,
mir klingt das sonderbar, sehr sonderbar, sehr
sonderbar. Aber Sie sollen den Brief haben,“
setzte er hinzu, wäre es auch nur, um Jhnen
zu beweisen, ddß ich die Wahrheit sagte.“ —
Er trennte nach diesen Worten eine Naht in
dem Futter seiner Mütze offen und nahm aus
diesem Versteck einen Brief, welchen er dem
Advokaten überreichte. „Es ist der erste Brief
Kramers,“ versetzte er, „den letzten behalte
ich, dieser wird Ihnen genügen.“

Schacht steckte das Papier in die Tasche,
empfahl dem Verbrecher nochmals Vorsicht
und entfernte sich, um gleich darauf in die
Zelle des Ackerers zu treten, in der er außer
dem Gefangenen Gottfried fand.

Der alte Mann hatte vor wenigen Augen⸗
blicken die Nachricht vom Tode seiner Gattin
erhalten, schweigend hielten Vater und Sohn
sichzumschlungen, und über die wellen ge—
furchten Wangen des Ackerers rollte leise
eine Thräne, sie galt bem Andenken der
Geschiedenen.

Der Advokat wollte si h zurückziehen, aber
Schulz hatte ihn schon bemerkt; er winkte
jenem, zu bleiben. „Ein großer, ein entsetz⸗
licher Verlust hat mich betroffen,“ sagte er,
indem er dem Advpkaten die Hand reichte,
aber was kann's helfen, ob ich mich darum
abhäãtme, früher oder später müssen wir ja
doch allezeinmal fort und deßhalb soll man
auf solchen Verlust stets gefaßt sein. Aber

ich will Sie mit meinen häuslichen Angele—
genheiten nicht aufhalten, was bringen
Sie mir?“

„Eine gute Botschaft,“ entgegnete Schacht,
„doch möchte ich Sie bitten,; unter vier
Augen“ —

„Gottfried, geh' so lange hinaus,“ wandte
der Ackerer sich zu seinem Sohne, „aber warte
draußen, ich habe Dir noch Manches aufzu⸗
tragen. — Und jetzt reden Sie, die beste
Potschaft. welche Sie mir bringen könnten,
wäre die, daß ich meinen Kerker verlassen
dürfte. Dann könnte ich mein Weib bestatten,
an ihrem Grabe ein Vaterunser beten und die
wenigen Tage, die unser Hergott mir noch
schenkt, dazu verwenden, meinen Sohn glück⸗
lich zu machen.“

Ich bringe Ihnen diese Botfchaft,“ ent⸗
gegnete der Advokat, „Sie können den Ker⸗
ker heute nech verlassen, wenn Sie wollen.“

„Darf ich wirklich?“ rief der Ackerer
freudig. „O Dank, Dank für dieses Wort,
es macht mich auf ewig zu Ihrem Schuldner.“
Er war aufgesprungen und durchschritt jetzt
mit großen Schritten seine Zelle. Plötzlich
blieb er vor dem Advolaten stehen, der schwei⸗
gend vor sich hinschaute. „Sie schweigen?“
fragte er. „Sie nehmen an meiner Frende
nicht Theil 7

„PDoch, den herzlichsten,“ erwiderte der
Jurist. Bevor Sie aber die Freiheit, die ich
Ihnen biete, annehmen, bitte ich Sie, mir
rine Frage zu beantworlen. Würden Sie sich
noch acht oder vierzehn Tage hier gedulden.
venn Sie dadurch das Glück Ihres Pflege⸗
sohns begründen könnten?“

(Fortsetzung folgt.)
Charade.

Wer in der Ersten wissentlich beharrt,

Dem wird das zweite Düsterheit umzie h'n.

Der Truger meines ganzen aber starri

Gedankenlos in's Nichts hinein.

Auflösung der Charade in Nr. 114 des Unter⸗
haltungsblattee: Wall fisch.“

Druck und Verlag von F. X. Démeß in St. Ingbert.
        <pb n="465" />
        AUnterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.

—

Sonntag, den s. Sespber

— — —
7.
— —
Ein böses Gewissen.*

redung, welche er kurz vorher mit demselben
zepflogen hatte.

„Ich werde den Rentner zwingen, daß
er seine Tochter dem jungen Manne giebt,“
chloß er, „ist das geschehen, ss machen die
heiden Hochzeit, und reisen ab, ich enthülle
jem Instruttionsrichter das Geheimulß. wel—⸗
hes den Mord Krämers umschwebt und über⸗
asse den Rentner seinem Schicksal, Sie er⸗
alten an demselben Tage Ihre Freiheit.“

Der Ackerer ging eine geraume Weile
chweigend vnf und ab, er rang mit einem
Entschlusse. Der Wunsch, das bleiche Antlitz
zer treuen Gattin noch einmal zu sehen, noch
inmal die bleichen Lippen zu küssen und bei
zem Begräbniß zugegen zu sein, regte sich
nächtig in seiner Seele, auf der andern Seite
iber hielt er es auch für seine heiligste Pflicht
den Sohn seines Herrn, wenn dies in seinen
dräften stand, glücklich zu machen. Und es
var im Grunde doch nur ein geringes Opfer,
velches er ihm brachte, er hatte nun länger,
denn zwei Monate in dem Gefängniß zuge—
zracht. sollte er sich vor den wenigen Tagen
ürchten, wenn die Freiheit ihm so nah und
icher in Aussicht stand?

Es sei,“ versetzte er, „ich bleibe.“

Ich erwartete diesen Entschluß,“ erwi⸗
herte Schacht, „nehmen Sie meinen herzlich—
ten Dank.“

„Wollen Sie wirklich den Verbrecher
intwischen lassen ?“ fragte der Ackerer.

„Es war nur eine Falle, die ich ihm
tellte. Wäre Ernst nicht mein, Freund, ich
vürde keinen Augenblick gezögert haben, auch
en Rentner dem Gericht zu überliefern. Er

—A— —

Novelle
von Ewald August König.

(Fortsetzung.)
Der Ackerer sah erstaunt dem Fragenden
ins Antlitz. „Ich das Glück meines Pflege⸗
sohns begründen? Wie verstehe ich das?“

„Wollen Sie heute schon ben Kerker ver⸗
sassen, so kann ich dies nur dadurch ermög-
lichen, daß ich den Rentner Krämer der Mit—⸗
ichuld an der Ermordung seines Bruders
seige. Sie werden begreifen, daß Ernst daun
nicht mehr die Tochter Krämers heirathen
lann, er liebt aber Mathilde, er sucht in
ihrer Liebe sein Glück.“ —

„Deßhalb soll ich so lange hiec bleiben,
bis die Beiden Hochzeit gemacht haben?“ fiel
der Ackerer ihm ins Wort.

„Noch weiß ich den Weg nicht, der die
Liebenden aus diesem Labyrinth führen soll,“
fuhr der Advokat fort, „aber verlassen Sie
sich auf mich, willigen Sie in meinen Vor⸗
schlag ein, so dürfen Sie überzeugt sein, daß
ich Sie keine Stunde länger schmachten lasse,
als dies unbedingt nöthig ist.“

„Noch sehe ich nicht ganz klar in dieser
Sache,“ verfetzte Schulz, indem er sich auf
der Bank niederließ, „erklären Sie mir das
deutlicher, mein Kopf ist durch die lange Haft
geschwächt, ich fühle, meine Geisteskraft hat
abgenommen.“

Der Advokat berichtete jetzt die Verhaftung
des Amerikaners und den Inhalt der Unter—
        <pb n="466" />
        mag zusehen, wie er der Strafe entgeht, so⸗
bald ich meinen Zweck erreicht habe, lasse ich
den Schleier fallen, der das Dunkel noch
verhüllt, und dann mögen die Dinge ihren
Lauf nehmen, wie sie wollen, ich kümmere
mich nicht weiter um sie.“

10. Kapitel.

Zu derselhen Stunde, in welcher der Ad⸗
bvokat in der Zelle des Verbrechers seß, staud
Helldau vor seinem Herrn, welcher die Ent⸗
wendung des Dokuments entdeckt hatte und
seine Wuth darüber an dem Buchhalter
ausließ.

„Ihr waret gestern Morgen hier im
Zimmer, als ich dasselbe verließ,“ sagte er,
„warum gabt Ihr den Zimmerschlüssel nicht
dem Wirth selbst? Euerer Nachlässigkeit habe
ich diesen Verlust zu perdanken, einen Verlust
der unberechenbare Folgen haben kann.“

Helldau zuckte schweigend die Achseln, er
wollte lieber den Vorwurf der Nachlässigkeit
auf sich ruhen lassen, als fich durch eine
Vertheidigung mit seinem Herrn überwerfen.
Eingedenk des Versprechens, welches er der
Wittwe gegeber hatte, drängte er den
innern Groll zurück, so schwer es ihm auch
wurde.

„Ihr werdet mir das Papier wieder
schaffen,“ schloß der Rentner seine Strafpre⸗
digt, „glaubt Ihr, ich habe es mich hundert
Louisd'or kosten lassen, um es durch Eure
Nachlässigleit wieder zu verlieren ?“

„Wer die Tochter entführt hat, wird sich
auch wohl des Papiers erbarmt haben,“ warf
der Buchhalter ein, „wer anders als er konnte
wissen, daß Sie es besaßen. wem, außer
jenem, konnte an dem Besit desselben so
piel liegen ?

Krämer schaute sinnend auf die Straße.
Die Erinnerung an jenen Menschen machte
ihn erbeben, er wußte, der Amerikaner war
verhaftet, was dann, wenn dieser ihn als
seinen Mitschuldigen bezeichnete ? Der Reutner
fühylte, wie seine Knie wankten, er sah zwei
Gensd'armen über die Straße kommen; waren
sie geschictt um ihn zu verhaften ? Nein, sie
gugm vorüber, aber muß!e er nicht jeden
ugenhlick seine Verhaftung gewärtigen ? —
Wer hatte das Gericht auf den Amerikaner
aufmerksam gemacht?

Kraämer wußte auf diese Frage keine
Antwort zu finden. Der Denunziant konnte
auch seine Mitschuld kennen, er konnte ihn
heute noch der Polizei verrathen, und dann?
Wer nahm sich dann seiner Tochter an?
Nicht nur seine Ehre, auch die Ehre und
das Glück Mathildens war gefährdet.

„Wenn ich Ihnen einen Rath geben darf,
sehen Sie sich nach einem Schwiegersohn um,“
hob der Buchhalter wieder an, indem er die
Züge seines Herrn scharf und unverwandt
beobachtete.

„Weshalb 759 fuhr der Rentner, aus sei⸗
nem Sinnen geweckt, barsch auf. „Glaubt
Ihr, meine Tochter sei in meinem Hause nicht
mehr sicher ? In welchem Sinne soll ich Eure
Worte deuten? Noch kann man mir nichts
beweisen, wartet also ruhig ab, bis es so
weit gekommen ist. Eines Rathes bedarf ich
nicht, ich muß selbst wissen, was ich zu thun
und zu lassen habe.“

„Je nun, ich meine es gut,“ begütigte
Helidau, „Mathilde kedarf des Schutzes, ein
Gatte wird ihr solchen besser angedeihen lafsen
können, als der Vater.“

„Wirklich?“ spottete Krämer. „Wenn
Eure Weisheit das herausgeklügelt hat, dann,
ich zweifle nicht daran, wird sie auch bereits
einen passenden Schwiegersohn gesucht und
gefunden haben. Wen also habt Ihr mir
borzuschlagen.“

„Ich?“ versetzte Helldau betroffen, der
auf eine solche Wendung nicht vorbereitet
war. — „Na, wenn das Eis einmal gebrochen
ist, so mag es drum sein,“ fuhr er gefaßt
fort, „geben Sie Ihre Tochter dem jungen
Faufmann Ernst Heller. Ich weiß, die beiden
jungen Veute lieben sich, er ist ein thätiger
talentvoller Mann und —“

„Mensch, wiederhole die Worte nicht noch
einmal,“ rief der Rentner zornig, „oder bei
Gott, ich vergesse mich!“ Er stand mit stolz
erhobenem Haupt und flammenden Blicken
vor dem Buchhalter, der unwillkührlich einen
Schritt zurücktrat. „Mathilde liebt ihn, sagst
Du? Eine Lüge ist es, eine Lüge, die an
Bosheit ihres Gleichen sucht. — Ich durch⸗
schaue Deinen Plan, Du liegst mit jenem
Herrn von Habenichts unter einer Dece und
willst Dir einen Kuppelpelz verdienen!! Glück
        <pb n="467" />
        zu, Alter, bei mir aber verdienst Du ihn
nicht, verfuche Dein Glück an anderen Thüren,
— ich werfe Dich hinaus wie einen Hund,
wenn Du es noch einmal wagst, mir diesen
Vorschlag zu machen“

Helldau war bestürzt, in einem solchen
Paroxismus, hatte er seinen Herrn noch nicht
gesehen. Wußte dieser bereits, daß Ernst sein
Neffe war? Daß er den jungen Mann bitter
haßte, ging aus seinen Worten deutlich her⸗
vor, woher aber rührte dieser Haß ⁊ Ernsi
hatte Mathisde gerettet, auf seinen Armen,
der Todesgefahr trotzend, trug er sie aus dem
breunenden Hause, war dafür ihm der Reut⸗
ner nicht zu großem Dank verpflichtet?

strämer hatte inzwischen die Thür zum
Rebenzimmer geöffnet und Mathilde gerufen,
welche jetzt eintrat.

„Da, dieser Mensch behauptet, Du liebesi
den Agent Heller, Ihr beide seiet mit einan⸗
der einverstanden, sage ihm doch, daß seine
Behauptung aus der Luft gegriffen, daß sie
leeres Geschwätz ist.“

Bebend, die Hände vor der Brust gefaltet
stand Mathilde vor dem Vater, ihr Schwei⸗
gen reizte seinen Zorn. —

„Horst Du nicht!“ rief er heftig. „Mäd⸗
chen, ich will nicht hoffen, daß er wahr ge⸗
redet hat, daß jener Mensch — —

„Verzeihung, Vater,“ bat das Mädchen,
„mach mit mir, was Du willft, nur ver⸗
lange nicht, daß ich ihm entfagen soll! Sein
Edelmuth, sein treues, gutes Herz fesselt mich
ganz an ihn, vergebens wäre es, gegen diese
Liebe anzukämpfen —“

„So wollte ich, daß er am Galgen hinge
und Du — doch nein,“ suhr Krämer, sich
mühsam fassend, fort, „ich werde schon Mittel
finden, diese Fessel zu zerreißen. „Was ist er,
was hat er, dieser Musterreiter ?

„Er rettete Ihr Kind aus den Flammen,“
wagte Helldau einzuschalten.

Der Rentner war erfreut, einen Ablenker
für seinen Zorn gefunden zu haben. „So, so,“
wandte er fich zu diesem, „und das, glaubt
Ihr, gibt ihm ein Recht auf den Besitz mei⸗
nes Kindes und meines Vermögens? D, ich
begreife, ich fange an, klar zu sehen? Ihr
dachtet ein gutes Geschäkt zu machen, deßhalb
übernahmt Ihr die Kupplerrolle, er glaubte,

sch werde ihm meine Tochter nicht verweigern
können, wenn er sie aus einem brennenden
Haufe geholt habe, — die Polizei sucht noch
immer den Brandstifter, ich denke, ihr jetzt
einen Fingerzeig geben zu lönnen. Nehmt Euch
in Acht, Eure grauen Haare werden mich
nicht zurückhalten.“

„Machen Sie Ihres Drohung wahr, fiel
delldau jetzt dem Rentner ins Wort, „geben
Sie diesen Fingerzeig“ ich fürchte ihn nicht,
seien Sie aber versichert, daß in der nächsten
Minute nach meiner Verhaftung dem Insitruk⸗
lionsrichter Ihr Verhältniß zu dem verhafteten
Verbrecher bekannt wird.“

„Was wollt Ihr damit sagen!“ fragte
Krämer erbleichend.

.Viel und auch wieder nichts, wie Sie
wollen, Sie wissen jetzt, daß ich eine Waffe
gegen Sie besitze, die Ihnen gefährlich wer—
den kann“

Helldau ging nach diesen Worten hinaus,
er hatte dem Rentner gezeigt, daß er ihn
vernichten konnte, weiter wollte er es nicht
treiben. Auch Mathilde wollte sich entfernen,
der Vater gebot ihr, zu bleiben. Du kennst
jenen Menschen schon länger 7“ fragte er.

„Ja, er war mein Jugendgespiele, wir
liebter uns damals schon, und diese Liebe
wuchs mit uns, sie hatte in unsern Herzen
feste Wurzel geschlagen.“

„Ich werde sie ausreißen,“ unterbrach
srämer zornig. „Ueberhaupt wirst Du bei
ruhigem Nachdenken einfehen, daß diese Hei⸗
rath eine Erniedrigung für Dich sein würde,“
fuhr er milder fort, zund daß ich unter den
obwaltenden Umständen meine Einwilligung
nicht geben darf.“

„Ich weiß, daß Ernst mich glücklich ma⸗
chen wird, das überwiegt alle Gegengründe,“
antwortete Mathilde fest und bestimmt.

„Freilich. Euch ist es Hauptisache, unter
die Haube zu kommen!“ spottete der Rentner.
„Du wirst noch heute Abend abreisen.“

„Wohin ?“ fragte Mathilde.

„Noch weiß ich's nicht und wüßte ichs
Du wirst es nicht eher erfahren, bis
Du am Ziele Deiner Reise bift, ich erwarte
—A

„Und wenn ich nicht gehorche. Wenn ich
dem Worte Gottes folge, welches uns lehrt
        <pb n="468" />
        Vater und Mutter zu verlassen um des
Mannes willen ?“

„Possen!“ versetzte der alte Mann achsel⸗
zuckend. „Das Gesetz gibt, Gott sei Dank,
dem Vater die Macht, das unmündige Kind
zu züchtigen, wenn es nicht gehorchen will!“

Mathilde biß die Unterlippe fast blutig,
sie besaß ganz das heftige Temperament des
Vaters, dessen Worte sie in tiefster Seele
verletzten; aber sie bezwang sich. „Eine solche
Züchtigung würde das Band zerreißen, wel⸗
ches mich an Dich fesselt,“ versetzte sie tonlos,
„ich werde gehorchen.“

„Du bist mein gutes braves Kind,“ er⸗
widerte Krämer, der wohl einsah, daß er zu
weit gegangen war, „glaube mir, diese- Liebe
ist nur eine erhitzte Frucht Deiner Phantasie.
Mache Dich reisefertig, ich werde Dich heute
Abend von hier fortbringen “

Mathilde ging in ihr Zimmer · zurück, sie
wußte, daß Vorstellungen und Bitten den
harten Sinn ihres Vaters nicht erweichten,
weßhalb sollte sie diese verschwende ẽ

Der Rentner ging mit verschränkten
Armen eine Weile in seinem Zimmer auf und
ab und setzte sich dann hin, um einige Briefe
zu schreiben. Er wurde in diesem Geschäft
durch den Eintritt desjenigen gestört, der
ihm all' diese Unruhe, all' diesen Aerger
verursachte.

„Was wünschen Sie ?“ fragte er, als
der junge Mann die Thür hinter sich ge—
II——
kommen Sie morgen oder übermorgen wieder,
Ihr Anliegen wird wohl keine Eile haben.“

Ernst war bestürzt, er konnte sich die
Ursache dieses schroffen Benehmens nicht er⸗
klären. „Ich kam hierher in der Absicht,
mich nach dem Befinden Ihrer Fräulein Toch⸗
ler zu erkundigen,“ entgegnete er, vielleicht
exlauben Sie mir —“

„Ich erlaube nichts, gar nichts!“ fuhr
der Rentner barsch auf.

„Im Grunde ist es mir ganz recht, daß
Sie gekommen sind, ich kann Ihnen dann
gleich in Bezug auf Ihre Wünsche und Hoff⸗
nungen einen kategorischen endgültigen Bescheid
geben. Sie trachten nach der Hand meiner

Tochter, doch kann von einer Erfüllung dieser
Hoffnung keine Rede sein, ich werde niemals
meine Einwillung dazu geben. Wenn Sie es
einmal so weit gebracht haben, daß Ihr
Vermögen dem meinigen gleich steht, dann
dürfen Sie noch einmal vorsprechen, vor⸗
ausgesetzt, daß meine Tochter alsdann noch
frei ist.“

Ernst errieth, daß Mathilde dem Vater
ihre Liebe verrathen hatte, noch bevor sie dem
Geliebten dieselbe gestand. Die beseligende
Gewißheit, daß Mathilde seine Liebe erwi⸗
derte, milderte die schroffen Worte des alten
Mannes. „Das Eis ist gebrochen, ich
jrage nicht lange, wer es gebrochen hat,“
—XVXX

„Sie haben überhaupt in dieser Angele⸗
genheit durchaus nichts zu fragen,“ fiel der
Rentner, sich mehr und mehr ereifernd, ihm
in die Rede, „Ihre Unverfchämtheit ist ohne⸗
hin groß genug. Ein edel denkender Mann
würde einem Mädchen, welches so hoch über
ihm steht, dergleichen Dingen nicht in den
Kopf setzen, einem Abenteurer freilich kann
man das nicht übel nehmen“

„Was Sie so sehr gegen mich erbittert,
weiß ich nicht,“ versetzte Ernin ruhig, „ich
hätte nimmer von einem gebildeten Manne
ein solches Benehmen erwartet. Wollen Sie
Ihre Einwilligung nicht geben, so können fie
es bei einem einfachen „Nein“ bewenden las⸗
sen, der vielen Worte bedarf es nicht.“

„Ein eiufaches „Nein“ ist bei Leuten
Ihresgleichen nicht angebebracht, fie draͤngen
sich durch die Hofthür wieder in's Haus,
wenn sie durch die Hausthür hinausge⸗
—X

Gortseßung folgt.)
Mannigfaltiges.
Ein österreichischer Fähnrich
schlug einen Soldaten ins Gesicht, der darü⸗
ber natürlich eine sauꝛe Miene zog., Elementer!“
rief Jener, „ich weiß holter, was d' jetzt
denkst! Du denkst, i wär a Dummlopf! Dentst
mir das noch'nmal, mußt d'vierzehn Täg in
die Wacht!“
Druck und Verlag von F. X. Dernez in St. Ingbert.
        <pb n="469" />
        Anterhaltungablatt

4

AM
St. Ingberter Anzeiger.
1.

Nr. Iæ2ö»cu. Dienstag, den 10. Detober
Ein böses Gewissen.*

kannte aber auch die Gesinnung und den
Tharakter des Mädchens und wußte, daß sie
eben so treu und fest an ihrer Liebe, halten
verde, wie er. Helldau mußte vermitteln, ihm
vollte er sich anvertrauen, der alte Mann
nußte ihm eine Zusammenkunft mit Mathilde
rmöglichen. — Im Begriff, den Weg zu
einer Wohnung einzuschlagen, sah er plötzlich
den Dottor Schacht vor sich stehen und er
'onnte nicht unterlassen, diesem seine Unter—
redung mit dem Rentner mitzutheilen.
Der Advokat hörte ihn lächelnd an. „Sei
zuten Muthes, sagte er, als Ernst schwieg,
wielleicht wendet sich heute noch alles zu
Deinem Besten. Ich bin eben im Begriff, zu
drämer zu gehen, von diesem Besuch hängt
Vieles ab, versprich mir deßhalb, bis zu
neiner Rückkehr keine Schritte in dieser Ange⸗
legenheit zu thun.“ a
Ernst bat den Freund, ihn in seinen Plan
einzuweihen.
„Noch nicht,“ erwiderte der Advokat.
vielleicht später, vielleicht auch nie, nimm
DurDdas Gute, was ich Dir vielleicht bieten
verde, ruhig an und forsche nicht nach Mit—
teln, durch welche ich es für Dich erhielt.
In Deiner Wohnung mochst Du mich er
varten,“ setzte er hinzu, indem er dem
Freunde die Hand bot, H jetzt verlasse mich,
h habe File⸗ —
Der Rentner sah unwillig von seiner Ar—
Heit quf, als der Advokat eintrat. Aergerlich
iber diese zweite Störung fragte Rer barsch
jach dem Begehr des Fremden, der ruhig die
Thür abschloß und sich dann in einen Sessel
niederlicß. *3

Novelle
von Ewald August König.
(Fortsetzungh.

Herr, Ihre Grobheit geht zu weit!“ fuhr
Ernst auf, dem jetzt die Galle in's Blut
stieg. „Ich lasse mir Manches von Ihnen
sagen, weil Sie der- Vater derjenigen sind,
die ich mehr als mich selbst liebe, aber“ —

„Aber?“ fiel der Rentner ihm in's Wort.
„Wir wollen uns die Unannehmlichkeit späterer
Auftritte dieser Art ersparen, deßhalb ersuche
ich Sie, mir das Ihnen geliehene Kapital
binnen heute und acht Tagen zur Verfügung
zu stellen und meine Schwelle nicht mehr zu
betreten. Daß Sie meine Tochter aus den
Flammen gerettet haben, verpflichtet mich
Ihnen zu Dank; um mich j der Verbindlich⸗
keit gegen Sie zu entledigen, verzichte ich auf
die Zinsen und den Gewinn, welchen Sie
bis heute aus meinem Kapital gezogen
huben.“

Ein höhnisches verächtliches Läche n⸗
spielte die Lippen des jungen Mannen „So
erbärmlich und schmutzig ist Ihre Denkweise!“
entgegnete er bitier; „ich verlange von Ihnen
weder Dankbarkeit noch ein Geschenk, behalten
Sie beides!“ Er wandte dem alten Maänne
stolz den Rücken und verließ das Zimmer
„Was nun ?“ das war seine erste Frage,
als er vor der Thür stand. Er z zeifelte nicht
daran, daß Mathilde von dem habsüchtigen
Filz denselben Bescheid erhalten hatte, er
        <pb n="470" />
        „Wir sind doch allein 7“ fragte der Jurist,
indem er auf die Thüt zum Nebenzimmer
jeigte; „was ich Ihnen mitzutheilen habe,
betrifft nur uns beide, oder besser gesagt, Sie
allein. Mein Name ist Doktor S hacht, Ad⸗
ootat beim hiesigen Gerichtshofe.“

„Ich wüßie nicht, daß ich mit Ihnen
etwas zu verhaundeln hätte,“ erwiderte Krämer
mürrisch, „ich führe keine Prozesse.“

„Sie könnten aber in einen Prozek und
noch dazu in einen striminalprozeß verwickelt
werden,“ versetzte der Advokat. „Ich komme
gerades Weges aus dem Gefängniß und
führte soeben eine längere Unterredung mit dem
Amerikaner Schmelzer.“

Der Rentner fuhr von seinem Stuhle
auf. „Entfchuldigen Sie einen Augenblick,“
hob er an, „in jener Stube befindet sich
meine Tochter, wäre es nichl besser, wenn ich
ie hinausschickte ?

Der Abdvokat nickte und trat ans Fenster.
Mathilde kannte ihn, sie wußte, daß er der
Freund des Geliebten war, er wollte ihr sein
Besicht verberuen,um nicht in ihrem Herzen
Hoffnungen zu wecken, deren Erfüllung noch
sehr in Frage stand.

Kraͤmer öffnete die Thür und warf einen
Blick in das Nebenzimmer, es war leer, Ma⸗
thilde hatte es verlassen. Beruhigt verschloß
der Rentner die Thür, und bat den Advokaten,
fortznfahrer.

„Ich ging mit dem Vorsatz, mich jenem
Verbrecher als Vertheidiger anzubieten, in
das Gefängniß. Schmelzer legte mit ein of⸗
fenes Vekenntniß ab.“

Erdfahle Blässe überzog das Aniliß des
alten Mannes, seine Knie bebten, sein stierer
Blick war unverwandt qauf den Advokaten
gerichtet.

„Ich erfuhr, daß sein erstes Verbrechen
ein Einbruch bei Ihrem Bruder in Amerika
gewesen ist, der Zweck dieses Einbruchs geht
deutlich aus einem Briefe hervor, welchen Sie
an jenen Mengschen geschrieben haben.“

„Ich?“ stotterte der Rentner. „Ein Brief
pon mir? Glauben Sie ihm aicht, er hat
meine Handschrift gefälscht.“

Wenn dem wirklich so wäre,“ muß er
doch Ihre Handschrift gekannt haben. Die
Adresse trägt den Poststenpel unserer Stadt

und da außer diesem Bricfe noch zwei andere
Schreiben vorliegen, so dürfte es wohl nicht
schwen fallen, die Echtheit der Handschrift zu
lonstatiren.“

Kommen wir zur Sache,“ versetzte
—
—
zebe zu, diese Briefe geschrieben zu haben, was
beweisen Sie gegen mich ?“

„Dieser hier die Aufforderung zum Dieb⸗
dahl, jener aber, den der Verbrecher in Havre
von Ihnen empfing, legt Ihre Mitschuld
an der Ermordung Ihres Bruders an
den Tag.“

„Ich sehe der Anklage ruhig entgegen,“
erwiderle der Rentner nach einer Pause, in
der er mühsam nach Faffung gerungen hatte,
glauben Sie wirklich, nur etwas beweisen zu
können, so“ —

„Sie wären bereits verhaftet, wenn nicht
die Freundschaft zu Ernst Heller mich bewo—⸗
gen hätte, vorher diesen Weg zu verfuchen,“
uhr der Advokat ernst, mit erhöhter Stimme
jort, „es kostet mich nur einen Gang zum
Instrakt:onsrichtert, und Sie sitzen in der
nächsten Stunde hinter Schloß und Riegel,
uim dort den Rest Ihres Lebens zu ver⸗
bringen.“ —

„Ich versprach jenem Vagabunden hundert
Louisd'ors, wenn er mir das Dokument
chaffte, wilches mein Bruder damals in Be—
uug auf sein Vermögen anfertigen ließ,“ fiel
drämer dem Juristen in's Wort; „für die
Mittel, welche jener Mensch anwandte, um
seinen Zwed zu errcichen, kann man mich
nicht verantwortlich machen.“

»Sie reden, wie die Angst des bösen
Gewissens es schon eingiebt, das Gesehtz spricht
anders.“

„Man kann jedem Dinge eine andere
Bedeutung unterschieben,“ erwiderte Krämer
achselzuckend, „es kommt eben nur darauf an,
wie man's dreht und wendet. — Sie sagten
vorhin, es bedürfe nur einer Anzeige, so wuͤrde
ich verhaftet. Sie machten diese Anzeige nicht,
daraus glaube ich schließen zu dürfen, daß
ich Ihr Schweigen erkaufen soll. So ruhig
ich auch einer Anklage entgegensehe, will ich
mich doch zu diesem Opfer entschli ßen, weil
— weil“ —
        <pb n="471" />
        „Weil Ihr böses Gewissen Ihnen sagt,
daß der Prozeß für Sie eine schlimme Wen⸗
dung nehmen könne. Sparen Sie mir gegen⸗
über die Maske, mich betrügen Sie nicht.
Der Amcerikaner wird schweigen. wenn Sie
Ihre Einwilligung zur Hochzeit Ihrer Tochter
mit Ernst Heller geben.“

Die Zornader auf der Stirn des Rent⸗
ners schwoll drohend an. „Also auch Sie
sind im Komplot?“ rief er heiser, den glühen⸗
den, durchbohrenden Blick, inwelchem das
Feuer unverföhnlichen Hasses loderte, fest auf
den Advokaten gerichtet. „Auch Sie wollen
den Kuppler spielen? Fürwahr, ein hübsches
Nebengeschäft für einen Advokaten, dem die
Praxis vielleicht. kaum das trockene Prod
einbringt!“

Doktor Schacht, erhob sich. Unsere Un⸗

terredung ist zu Ende,“ sagte er gelassen, „auf
Beleidigungen antworte ich nicht. Er wandte
sich zur Thür. Krämer hielt ihn am Arme
zurück. Auf den Ausbruch“ der Wuth war
Erschlaffung gefolgt, der Rentner sah, ein,
daß er va banque spielte, daß Alles, Ehre,
Vermögen und Leben auf der Karte stand,
welche der Advokat ausgespielt hatte. „Unter
welchen Bedingungen soll die Heirath vollzo⸗
gen werden?“ fragte er.
HUnter welchen? Ich denke, Bedingungen
sind hier weder zu fordern noch einzugehen,
die Hochzeit wird innerhalb acht Tagen
gefeiett und das junge Paar reist un⸗
verzüglich ab.“

„Wird der Amerikaner jchweigen, /wenn
ich dieses Opfer bringe 7*

„Er wird schweigen bis zur Bestätigung
seines Todesurtheils. Bis dahin haben Sie
sür seine Flucht Sorge zu tragen, gelingl Ihnen
das nicht, so“ —

‚Wird er bekennen?“

„Allerdings!“

Der Rentner sah lange schweigend vor
sich hin. „Welchen Vortheil bietet mir Ihr
Vorschlag?“ nahm er endlich wieder das
Wort. „Sie werden selbst einsehen. daß ich
nichts durch denselben gewinne.“

„Sie gewinnen nichts dadurch ? Minde⸗
stens eine Frist von einem Vierteljahre, welche
Ihnen hinreichend Zeit läßt, Eurvpa zu
verlassen.“ ⸗

.In acht Tagen die Anstalten zur Hoch⸗
zeit zu treffen, ist unmöglich,“ hob der Rent⸗
ner nach kurzem Nachdenken an.

„Dafür lassen Sie mich sorgen. Sie ver⸗
loben die beiden Kinder im Beisein einiger
Zengen und ich ermögliche es, daß die Trau—
ung innerhalb acht Tagen siattfinden lann.
Also kurz und bündig, ja, oder nein.“

Der Rentner kämpfte einen Augenblick
mit seinem Entschlusse, dann schlug er in die
dargebotene Rechte des Advokaten ein.

„Sie sehen, ich habe nich Ihrem Willen
zefügt, weil ich es für besser halte, von zwei
Aebeln das kleinere zu wählen, jetzt aber bitte
ich Sie, mich für heute in Ruhe zu lassen.
Warten wir mit der Verlobung bis morgen
oder übermorgen, so große Eile hat's ja noch
nicht. Ich bin zu aufgeregt heute,“ fuhr er
fort, als er das Mißtrauen des Juriften be⸗
merkte, „deßhalb bitte ich Sie nochmals, war⸗
ten Sie bis morgen.“

Der Advokat sah dem alten Manne scharf
und sest in's Auge. „Es sei,“ erwiderie er
„ich will Ihnen vertrauen und hoffe, daß
Sie mich nicht zwingen werden, hinter Ihnen
den Telegraphen spielen zu lassen.“

Er ging hinaus und gerades Wegs zur
Wohnung der Wittwe Heller, in welcher er
Ernst, dessen Mutter und Helldau antraf. Er
vußte, daß Helldau mit Ernst im Bnunde
vwar, und kounte daher im Beisein desselben
die Verabredung. weiche er mit Krämer ge⸗
troffen hatte, mittheilen.

Ernst war überrascht, er grübelte indeß
aicht lange darüber, durch welches Mittel sein
Freund diese Zusage erhalten hatte, sondern
zab sich ungetheilt der Freude hin, die sein
Hetz bei dem Gedanlen an diese nahe bevor⸗
stehende Verbindung mit Mathilde erfüllte,

1I. Kapitel.
Schon im ersten Verdör legte, der Ver⸗
brecher ein offenes Geständniß ab, ohne indeß
eines Mitschuldigen Erwähnung zu thun, er
dertraute auf die Zusage des Adbokalen und
wollte den Weg zur Rettung sich offen halten.
Zwar hatte er sich vorgenommen, sein Ge—
dändniß so lange wie möglich hinauszuschieben,
Anfangs beharrlich zu läugnen und erst später
heilweise Zugeftändnisse zu machen, um die
Berichts ⸗Verhandlungen zu verzögern, aber
        <pb n="472" />
        nach einigem Nachdenken verwarf er diesen
Plan wieder. Je länger er den Schwuß des
Prozesses hinausschob, desto laͤnger mußte er
im Gefängnisse weilen, im andern Falle aber
wvar der Rentner genöthigt, die Vorbereitungen
zur Flucht rasch zu kreffen. Theilweise aus
diesem Grunde, theilweise auch durch die
Ftreuzfragen des Untersuchungsrichkers in die
Enge getrieben, gestand Schmelzer seine Ver⸗
brechen ein. Er hätte die Erwmordung Kräiers
berschweigen können, weil der Richter nicht
im Entfern testen ahnte, daß der Thäter dieses
Berbrechens vor ihm stand, indeß der Ameri⸗
faner besaß ganz das Naturell eines Ranub—
mörders von Profession, er war stolz auf
die Reihe von Verbrechen, welche et herzählen
konnte. In Folge dieses Verhörs ward der
Ackeret Konrad Schulz aus dem Gefängnisse
entlassen und Tags darauf brachte die Zeitung
eine Ehrenerklärung, welche ihn zwar von
jeder Schuld freisprach, ihn aber für die Haft
nicht entschädigtte.

Der Addolat hatte kaum vdie Freilassung
des Ackerers vernemmen; 'als er auch sofort
—
licht erhielt. Er theilte ihm seine Unterredung
mit Krämer mit und bat ihn, seinem Pflege-
fohne das Geheimniß nicht zu entdecken. In
Bezug auf das Dokument berubigte er ihn,
ndem er ihm die Gewißheit gab, daß dasselbe
sich wieder im Besitze des rechtmäßigen Eigen-
hümers befiude.

Schulz eilte, sobald der Schließer ihm
bie Thür offnete, in sein Dorf, um den letz⸗
len Kuß auf die bleichen Lippen seines todten
Weibdes zu drücken und ihre irdische Hülle
unter den Rasen zu betten.“ Die lange Haft
in der einsamen düsteren Zelle hatte seinen
sonst so frischen, heiteten Sinn umdüstert, fte
hatte ihn mit Bittetkeit erfüllt gegen das
Bescz imd dessen Diener,“ gegen die ganze
Menschheit, die ein Recht zu haben glaubt,
uͤber FJeden ihr hartes Urtheil zu fällen,
himtet welchem die Pforte. des Gefängnisses
—

Die Vögel sangen und zwitscherten, die
Blumen blühten und ihr Duft. würzte die
—D—

und tanzten, in das Herz des Ackerers wollte
die Freude nicht wieder einziehen, kein Son—
nenstrahl vermochte mehr die Nacht zu erhel⸗
len, welche über die wellen Lebensblüthen
ihren dunkeln Mantel breitete.

Gottfried veirstand den Vater, in das Herz
des Kindes schüttete der alte Mann die
zanze Birt rkeit, welche ihn erfüllte, und der
himmliche Krieden, der das Antlitz der todten
Hattin verklärte, gab auch seiner Seele den
Frieden zutück. Wenn das Letben dem Tode
n's Auge schaut, fühlt es sich heimisch ange—
veht, ein Getzeimmß, in das es nicht zu
»xingen vermag, sieht es vor sich liegen, es
ühlt, daß üach diesem Leben dem Geiste ein
mnderes neucs Reich erschlossen wird, daß es
ein Jenseits gibt, in welchem es einst alle
eine berlsrnen Lieben wieder findet. Nie ist
der Tod ein Schreckbild, wenn seine Hand
ꝛines unserer Lieben berührt hat, der himmlische
Frieden, den er, nur uns verständlich, auch
den theuren, geliebten Zügen kinterlassen hat,
sagt uns befser, als kalte Trostes worle es ver⸗
msgen, daß es ein Wiedersehen gibt..

Schulz saß bei der Leiche, bis sie einge⸗
furgt und der Satg veischlossen wurde, dann
erhob er sich, um hinaus auf den Friedhof
zu wandern und die Stätte aufzusuchen, wo
die treue Gesährtin seines Lebens ruhen sollte.

Gp„ortfetung folgt.)
Mannigfaltiges.
.Das! Liegnitzer „Stadtblatt bringt folgende
Zuschrift des Cantors Jakob in Schönborn:
Choleraheilung durch Campherspiritus aus der
Apotheke, 6 bis 8 Tropfen, auf Farin gegossen,
Erwachsenen eingegeben (Branntweintrinkern
nehr), Kindern 426 Tropfen, stillt Brechen und
Durchfall, und es wird durch wiederholte Gaben
und gleichzeitiges Einreiben der Unzerleibes da⸗
mit Genesung bewirkt; der Pafient bleibe zu Bett
und gehe zur Vermeidung des Rückfalls nicht eher
aus, bis er sich gunz wohl fühlt. Von 39 Kran⸗
A
abreichte (daruner ein 2jähriges Kind), genasen
36, die übrigen 8 suchten zu spät Hilfe.
Druck andor Verlag uon FF. WB. Demetz in St. Ingbert. 8
        <pb n="473" />
        Anterhaltungsblatt

p
⁊
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 1I27. Donne⸗stag, den 12. Oetober
1871.
Ein böses Gewissen.“*
Novelle
von Ewald August König.

Wort, „und sich auf eine Abwesenheit von
mindestens drei Monaten vorbereiten. Hören
Sie mich an. Ihr Herr hat in Amerika ge⸗
wohnt und dort, wie ich durch den Mörder
erfuhr, ein sehr eintiägliches Häutegeschäft be⸗
trieben. Man hielt ihn für reich, für sehr
reich sogar, und ich vermuthete, daß er sein
Vermögen in Amerika zurückließ und die Ab⸗
cht hegte, wieder dorthin zurückzukehren, so⸗
bald er hier Alles geordnet hatte.“

Der Ackerer nickte, ihm leuchtete diese Au⸗
sicht vollkommen ein.

„Nun behauptet der Mörder, daß er in
den Taschen seines Opfers keinerlei Werthpa⸗
piere, sondern nur eine Börse mit Gold ge—
üllt, einen Paß und verschiedene Briefe von
Ihnen gefunden habe. Dies macht die Rich⸗
iigkeit meiuer Vermuthung noch wahrscheinli—
her Um iedoch zu wissen, wie groß dieses
Vermögen ist und überhaupt, um dieses Ver—⸗
mögen dem Sohne des Ermordeten zu sichern,
muß Jemand nach Amerika reisen, und dazu
jabe ich Sie aus rsehen. Einen Paß und
Beld habe ich mitgebracht, die nöthige Voll-
macht sende ich Ihnen gleich nach der Hoch⸗
jeit der jungen Leute nach. Angenommen, daß
diese innerhalb der nächsten vierzehn Tage
tattfindet, so würden Sie bis dahin Zeit
zenug haben, sich nach den, Verhältnissen
Ihres Herrn zu erlundigen. Ein Empfehlunigs-
scchreiben an unsern Konsul finden Sie bei
Ihrem Passe, er wicd Sie nach Kräften
unterstützen.“ F

„Wann muß ich abreisen?“ fragte der
ckerer. — — —

„Spätestens übermorgen.“

(Fortsetzung.)

Kein Wort des Kummers kam über die
Lippen des Aderers, auch Gottfried schwieg,
fie hatten Beide zu viel verloren, um die
Größe ihres Verlustes in Worte fassen zu
dönnen. Als der Ackerer vom Friedhofe zu⸗
rückkehrte, schloß er sich in sein Schlafzimmer
ein, Niemand erfuhr, was er dort that. Als
er nach Ablauf einer Stunde heraustrat, war
sein Gang so aufrecht, sein Blick so sicher
und seine Stimme so fest wie vor Jahren,
er sah die Bücher nach, ordnete das Nöthig!
jür die bevorstehende Ernte an und durch⸗
wanderte Haus und Stallung, üherall nach dem
Rechten sehend.

Am Abend dieses Tages trat der Doktor
Schacht in das Wohnzimmer des Ackerers.
Schulz war erstaunt, den Juristen in seinem
Hause zu sehen.

Können Sie für den Sohn Ihres Herrn
eine weite Reise unternehmen ?“ fragte der
Advolat, nachdem er sich gesetzt hatie.

„Wenn sie nöthig ist und kein Besserer
dazu gefunden werden kann, so bin ich bereit,“
entgegnete der Ackerer ruhig. „Zwar befinden
wir uns jetzt in der Ernte und es wäre mir
lieb, wenn die Reise bis zum Herbst aufge⸗
schoben werden könnte.“

„Sie müßten längstens innerhalb drei
Tagen aufbrechen,“ fiel der Advokat ihm in's
        <pb n="474" />
        „Wäre es nicht besser, wenn ich die Voll⸗
macht schon jetzt mitnühme ?“

„Allerdiegs, aber ich kann sie Ihnen
nicht eher schaffen, bis ich Ernst in das Ge⸗
heimniß, welches ihn betrifft, eingeweiht
habe, und dies darf ich vor der Hochzeit
nicht thun.“

„Wohlan, ich bin entschlossen, Gottfried
wird während meiner Abwesengeit hier schon
nach dem Rechten sehen ·“·

„Für die Dener Ihrer Abwesenheit er⸗
halten Sie eine angemessene Entschädigung,“
fiel der Advokat ihm in's Wort. „Verstehen
Sie mich recht, nicht als Belohnung, sondern
nur als Entschädigung dafür, daß Ihre Ar⸗
beitskraft für diese Zeit dem Gute entzogen
wird; Sie selbst mözgen die Höhe derselben
bestimmen.“

„So ifl's recht,“ versetzte Schulz, „Gott⸗
fried mag einen Arbeiter mehr in Dienst
nehmen und nachher berechnen, was dieser
an Lohn bezogen hat, ein Weiteres verlange
ich nicht.“

.Sie werden also reisen?“

Ja, ich werde reisen.“

Der Advokat übergab dem Landmann
eine Brieftasche. „Sie finden in diesem Por⸗
fefeuille außer den nöthigen Papieren drei—
hundert Thaler in Banknoten, reisen Sie mit
Zott und schreiben Sie mir unverzüglich, so—
bald Sie etwas Gewisses erfahren haben.
Sollten Sie innerhalb vierzehn Tagen nach
Ihrer Ankunft in New-Hork die Vollmacht
nicht erhalten, so werde ich Ihnen das Nähere
fobald wie möglich unter der Adresse des Kon⸗
suls mittheilen.“

Die beiden Biedermänner drückten einan—
der die Hände und schieden.

Am nächsten Morgen ging der Advokat
in Begleitung seines Freundes in die Woh—⸗
nung des Rentners, um von diesem die Er⸗
füllung seines Versprechens zu fordern.

Krämer empfing den Juristen mit zuvor⸗
kommender Freundlichkeit, dem Doktor schien
es, als wolle der Rentner ihn durch diese
Liebenswürdigkeit und Höflichkeit bestechen;
er war doppelt auf seiner Hut.

:2 Grell kontrastirte diese Freundlichkeit mit
dem Benehmen des reichen Mannes gegen
Ernst. Er behandelte diesen mit herablaässen⸗

dem Stolz, mit einer wegwerfenden Geriug-
schätzung, welche den jungen Mann verletzen
und empören mußte.

„Sie haben nur der Fürsprache des
Herrn Doktors zu verdanten, daß ich Ihnen
die Hand meiner Tochter gede,“ wandte er
sich zu Ernst, nachdem die Verhanblung durch
den Advokaten eingeleitet war. „Weder Ihre
persönlichen Vorzüge, noch Ihre Vermögens-
Verhältnisse würden mich zu dieser Einwilligung
hestimmt haben. Sie bleiben nach wie vor
mein Schuldner, denn Mathilde bringt Ihnen
keine Mitgift mit.

Der junge Mann biß sich auf die Lippen,
eine solche Sprache hitte er nicht. erwartet,
wenn er auch wußte, daß Krämer zur Ein⸗
will'gung in diese Heirath gezwungen worden
war. Er wollte heftig auffahren, der Blick
des Freundes beruhigte ihn.

„Das Alles wird sich später finden,“ nahm
Doltor Schacht das Wort, „ich hoffe,
wenn Sie Ihren Schwiegersohn einmal näher
sennen“ —

„Ich wechsele mit meinen Ansichten und
Entschlüssen nicht wie mit abgetragenen Klei⸗
dern,“ fiel der Rentner ihm scharf in's Wort,
„kümmern wir uns überhaupt nicht um die
Zukunft, wir haben es vorläufig noch mit
der Gegenwart zu thun.“ Er erhob sich, off⸗
neie die Thür des Nebenzimmers und bat
Mathilde, einzutreten.

Das Mädchen war durch den Vater auf
die Verlobung vorbereitet, es konnte sich die
rasche Sinnesänderung desselben nicht erklaͤren
und ahnte, daß ein Dritter, vielleicht der
Freund ihres Geliebten, diese bewerkstelligt
hatte.

Die beiden jungen Leute fragten und
gruübelten nicht, wodurch der Advokat auf den
unbeugsamen Willen des Rentners so plötzlich
zingewirkt hatte, sie liebten sich, das Ziel
ihrer Wünsche war erreicht, was bedurften sie
mehr zu ihrer Glückfeligkeit!

Gegenüber der abstoßenden Kälte des alten
Mannes wagiten sie es nicht, sich ganz ihrer
Freude hinzugeben, vor dem lauernden, ftechen⸗
den Blick Krämers verschlossen die Herzen
sich, wie das Auge der Taube vor dem gif—
tigen Blick der Schlange.

„Macht es kurz,“ sagte der Rentner, als
        <pb n="475" />
        die Häude und Lippen der jungen Leute
einander begegneten, „ich liebe dergleichen sen⸗
imentale Scenen nichtẽ

Der Verlobungsakt war unterschrleben,
der Advokat steckte ihn in die Tasche. Dus
nöthige Aufgebot werde ich heute noch besor—⸗
zen,“ nahm der letztere das Work, „wenn die
jungen Leute nichts dagegen einzuwenden fin⸗
den, kann heute ülber acht Tage die Hochzeit
gefeiert werden.“ J

Der Rentner würdigte weder seine Kinder
noch den Sprechenden eines Blicks, er stand
am Fenster und sah, in seine Gedanken ver⸗
oren, hinaus auf die Straße.

„Meinetwegen!“ versetzte er endlich, in⸗
dem er sich umwandte, „da der Herr Doktor
aun doch einmal die Leitung in die Hand
genommen hat, so mag er auch die Vorbe⸗
reitungen zur Hochzeit besorgen, ich kümmere
mich nicht weiter darum, auch werde ich schwer⸗
lich bei dieser Feier zugegen sein“

Mathilde erschrack, sie begriff, daß eine
ihr unerklärliche Gewalt den Vater gezwungen
hatte, sein Jawort zu geben.

„Nach Belieben,“ fuhr der Addokat ge⸗
lassen fort, „da ich Ihnen indeß nach der
Hochzeit wichtige Eröffnungen zu machen
habe, so wäre mir Ihre Anwefenheit bei der
Feier sehr erwüuscht“

„Fröffnungen?“ fragte Krämer, erstaunt
und bestürzt zugleich, „welcher Art lönnen
diese sein ?

Viell eicht seht erfreulicher Natur, doch
entschuldigen Sie, bis zu jenem Augenblick
muß ich schweigen.“ Er nahm seinen Hut und
verabschiedete sich.

Ernst, der keine Lust fühlte, länger in
der Gesellschaft des alten Mannes zu bleiben,
hegleitete ihn. „Ich bitte Dich, löse mir das
Räthsel, durch welche Macht ist es Dir ge⸗
lurgen, den Rentner so geschmeidig zu ma⸗
chen?“ fragte er den Freund, als sie den
Bast hof verlassen hattn.

„Dieselbe Antwort, welche ich Dir gestern
auf diese Frage gab, gebe ich Dir auch heute
wieder,“ erwiderte der Advokat. „Frage mich
aicht darnach, vielleicht sage ich's Dir, viel⸗
leicht auch nicht, nimm das Gute, welches
der Augenblick Dir bielet, und denke, es sei
Dir vom Glück bescheert ..

Und doch kann ich mich immer noch
richt so recht freuen, mir ist, als sei dieses
hlück erschlichen, durch unredliche Mittel er⸗
oorben, und dann bangt mir stets, es köune
dötzlich so rasch wieder schwinden, wir ich's
xworben habe ·

Ekinbildung !“ erniderte der Doltor
ichselzucend, „Tie Kälte, der Trotz des
Kentners beengen Dich, Du fühlst, daß ich
hn gezwungen habe, seine Einwilligung zu
zeben und Dir bangt, er könne den Zwang
ibschütteln und sein Wort zurücknehmen. Aber
ei unbesorgt, die Kette, an der ich ihn halte,
teißt nicht, er mag an ihr zerren so viel er
vill. — Und nun noch Eins?“ fuhr er nach
einer Pause fort. „Triff Deine Anstalten, daß
Du gleich nach der Hochzeit für immer von
sier abreisen kannst.“

„Für immer ?“ fragie Ernst erstaunt.
„Wohin soll ich reisen und überhaupt, wes⸗
jalb soll ich diese Stadt verlassen?“
»Du wirst vielleicht später meine Gründe
ennen lernen. Denke Dir, Du wandertest durch
einen dunklen Wald und ein guter Freund
geleite Dich, um Dir den Weg zu zeigen.
So blindling8s, wie Da Dich jenem anber⸗
rauen müßtest, so vertrauensvoll folge auch
nir, sei versichert, daß ich Dich nicht auf
Irrwege führe:

„„Das alles ist mir so dunkel, so un⸗
erklärlich c⸗

„Ich weiß es, eben deshalh bin ich ja
da, um „Dich durch dieses Labyrinth zu
ühren.“

Ernst ging schweigend, in Gedanken ver⸗
junken, neben dem Freunde.
Wohin willst Du, daß ich wandern soll?“
iragte er nach einer Weilt.

„Mir gleichviel, suche Dir im Süden
Deutschlands eine St dt aus, und wenn Du
nit Deiner jungen Frau hinkommst, wirst
Du nicht nur ein hübsches Häuschen, sondern
auch noch zehn⸗ bis fünfzehntausend Thaler
in baarem Gelde vorfinden, damit magst Du
ein Geschäft begründen. “

Ernst blieb stehen und sah dem Freunde
ichweigend ins Antlißz „Du scherzest mit
nir, woher sollten Haus und Kapital
ommen ?2.. ve

Keineswegs,“ fuhr der Ädvokat lächelnd

35—
        <pb n="476" />
        fort, „ich sagte Dir ja, Du wandeltest in
einem dunkeln Walde und sehest nicht, wohin
Dein Weg Dich führt, fsolge nur in allem
meiner Weisung und vertraue auf mich.“

„Unier solchen Bedingungen könnte ich
mir die Auswanderung gefallen lassen,“ er
widerte der junge Mann, „aber Du wirst er⸗
lauben, daß ich vorher mit meiner Mutter
darüber berathe. Heute Abend sollst Du meinen
Entschluß erfahren.“

Er drückte dem Freunde die Hand und
zing nach Haufe, um der Wittwe den Vor⸗
schlag des Advokaten zu berichten und ihre
Meinung darüber einzuholen. Aber wie er⸗
staunte er, als die alte Frau ihm lächelnd
rieth, auf jenen Vorschlag einzugehen, und hin⸗
zufügte, sie wisse, daß der Doktor Wort halten
könne und werde.

Der Advokat war kaum in seinem Kabinet
angekommen, als er einen seiner Schreiber zu
Helldau schickte, mit welchem er unverzüglich zu
reden wünschte. Als der Buchhalter kam, fand
er den Juristen in Sinnen versunken.

„Sie wissen, wie unsere Angelegenheit mit
srämer steht,“ hob der letztere an, nachdem
Helldau Platz genommen hatte, „in acht Tagen
soll die Hochzeit gefeiert werden, aber ehrlich
gestanden, mir ist noch immer nicht so ganz
wohl dabei. Krämer ist ein schlauer, listiger
Fuchs, die Bereitwilligkeit, mit der er heute
Morgen den Verlobungsakt unterzeichnete,
gefällt mir nicht, ich glaube sie für eine
Maske halten zu müssen, hinter der er schlimme
Absichten verbirgt.“

Der Buchhalter nickte schweigend.

„Ich bin zum Aeußersten entschlossen,“
fuhr der Advokat fort, indem er sich erhob,
„läßt der Rentner sich einfallen, nebst seiner
Tochter und seiner Schatulle zu fliehen, bevor
A
Telegraph den Verbrecher, und keine Rüchsicht
kann mich dann bestimmen, ihn zu schonen.“

Fortsetzung folgt.)
Neueste Eisenbahnlieder.
1. De Entgleisung. (Mit verbundenem
E Kopfe zu singen.) FL
Schön ist's unter freiem Himmel, Teng,
Sturzen im Waggongewimmel, Teng,
Druck and Verlag von F. X. Demez in St. Ingbert.

Wenn die Schwelle faulend weicht, Terengteng⸗
teng (bis)
Wenn die Rippe kracht und Lende
Und die Superdividende
Zehn a zwölf Prozent erreicht, Terengtengteng.
Schön ist's, wenn durch Graus und Trummer,
Schrum!
Llaggeschrei und Angstgewimmer, Schrum
Und des Schaffner's Pjfeifchen schrillt, Zerim⸗
zimzim (bis)
Wenn gleich donnerndem Geschütze, Brum!
Brobe Worte, faule Witze
Uns sein Mund entgegenbrüllt, Scherumschumschum,
Schön, wenn, wie bei Ungewittern, bum!
Sechsfach Sitz und Wand erzittern, bum!
Von des Sturzes Widerhall, berumbumbum (bis)
Bleibt auch einer nur der Brüder,
dundert schunden Kopf und Glieder,
Tausend merkten sich den Fall, Berumbumbum
2. Arenbruch. (Im Gypsverbande zu singen.)
Helft Leutchen mir zum Perron doch,
Seht her, mein Arm ist schwach.
Das Bein gequetscht, drei Zähne noch —
Duweh, die Axe brach. —
Berührt mir ja die Rippen nicht,
Sechs, fühl' ich, sind entzwei,
Wenn mir der letzten Knochen bricht,
Dann Freunde ist's vorbei.
Ein — bei schneller Fahrt
Ift jetzt keik Kinderspiel,
Es iost und kracht nach Höllenart —
Dort lag ich im Gewühl.
Ich schleppte mich zur Böschung Rand,
Kein Mensch half mir heraus;
Ein Schaffner. der mich hilflos fand,
Trank mir die Pulle aus.
3. Zusammeenstoß. (Im Schweißtuche zu singen.)
Morgenroth, Morgenroth,
Leuchtest mir zum Polkatod,
Bald begegnet schnöder Weise,
Uns ein Zug im selben Gleise,
Und dann find wir meistens futsch.
Kaum gedacht, kaum gedacht,
Wird der Tour ein End gemacht.
Bestern ließ ich mich verfichern,
Heute unter Ballen, Viechern,
dieg ich, morgen bin ich todt.
Ach wie bald, ach wie bald,
Wird dann fuür mich ausgezahlt.
Prahlst du mit Retourbilleten,
Zehn ist gegen Eins zu wetten,
Niemand kehrt damit zurück.
Darum still, darum still,
Wie der Aktionär es wiil.
Also müssen wir's erleiden,
Sollt' er auch in's Pech uns reiten,
Beht der Kurs doch in die Höh'.
        <pb n="477" />
        Anterhaltungsblatt

St. Ingberter Aunzeiger.
— Sonntag, den 15. Oetober

1871.
A
Novelle
⸗»on Ewald August König.

erfreut. „er wird freiwillig mir das Engage⸗
ment anbieten, wenn Sie die Güte haben
wolslen, ihn auf mich aufmerlsam zu machen.“

Er ging unverzüglich zu einem reichen
Pfandleiher, den er persönlich kannte, und es
zelang ihm, diesen für das Geschäft zu ge⸗
vinnen. Der Advolat schrieb im Ramen sei⸗
nes Freundes die Quittung, und deponirte
das Dokument bei einem Bankhause.

Die Vollmacht, deren der Doktor Schacht
bedurfte, um in dieser Angelegenheit eigen⸗
mächtig handeln zu können, hatte Ernst, ohne
ju wissen, warum es sich handele, unterschrie⸗
den, und bei dieser Gelegenheit den Ramen
des Städtchens genannt, in welchem er seinen
Wohnsitz zu nehmen beschloß.

Helldau machte sich jetzt viel in der
Wohnung seines Prinzipals zu schaffen, ob⸗
gleich dieser ihn nicht beschäftigen kounte und
u wiederholten Malen ihm bemerkle, daß serne
Anwesenheit ihm läsiig sei, wich der alte Marn
nicht, entweder er hatte für Mathilde einen
Uusgang zu besorgen, oder den Rentner in
rgend einer Angelegenheit um Rath zu fra
zjen, kurz, Krämer war, ohne es zu ahnen,
o genau uud unausgesetzt beobachtet, wie der
Udvokat das nur münschen konnte.

Aber der Rentner dachte nicht an einen
Fluchtversuch, er wußte, daß der Jurist Wort
sielt und ihm unverzüglich durch den Tele—
zraphen einen Steckbrief nachsandie, noch ehe
er die nächste Station erreicht hatte. Sein
Plan stand fest; er wollte gleich nach der
dochzeit mit seinem ganzen Veruögen sich
uus dem Staube machen und dem hungen
fhepaar das Nachsehen lassen. Seitdem Ma⸗

(Fortsetzung.)
„Ja, ja, er ist schlau, schlau und verwe⸗
gen,“ erwiderte der Buchhalter leise; „ich
habe das schon oft erfahren.“

„Deshalb muß man ihn beobachten, hören
Sie, scharf beobachten. Was Sie in dieser
Angelegenheit thun, thun Sie in Ihrem eigenen
Interesse.“

Helldau erklärte sich zu allem bereit.

„Noch Eins,“ fuhr der Advolat fort,
indem er einen Alt von seinem Schreibtische
nahm. „Hier ist das Dokument, welches Sie
dem Rentner entrissen, im nächsten Jahre
wird Ernst mündig, er kann alsdann über
das ihm in diesem Akt gesicherte Vermögen
pon ungefähr sechs und dreißigtausend Tha⸗
lern verfügen. Ich werde sorgen, daß dieses
Vermögen sicher gestellt wird, glauben Sie,
daß ein Kapitalist auf diesen Alkt zwanzig⸗
tausend Thaler vorstrecken wird ?“

„Ich kenne mehrere, die zu 6 Piozent
das Geschäft gerne machen würden.“

Wohlan, so suchen Sie die Summe zu
erhalten; sobald Ernst sich entschlossen hat,
in welcher Stadt er wohnen will, kaufe ich
dort ein hübsches Häuschen für ihn und stelle
den Rest des Geldes zu freier Verfügung,
anter der Bedingung, daß er Sie als ersten
Buchhalter engagirt.“

„Keine Bedingung,“ bat Helldau sichtlich
        <pb n="478" />
        thilde sich mit Ernst verlobt haite, war ihm
sein eigenes Kind fremd geworden, die Liebe
zu seinen Schatzen überwog die des Baters
zu seinem einzigen Kinde. Mathilde widmete
sich jetzt ja auch nur dem Geliebten, der Va—
ter mußte zurückstehen und dies erhöhte die
Bitierkeit im Herzen des alten Mannes. Ernst
war ihm verhaßt, er hatte geschworen, nie
die Schwelle seines Kindes übertreten zu
wollen, wenn es jenem Mann folgte, und
nun er sah, daß dies geschah, daß mit der
Hochzeit das Band zwischen ihm und feiner
Tochter reißen mußte, fügte er sich in die
Trennung und hielt sah dafür an der Liebe
zu seinem Gelde schadlos.

Der zur Hochzeit bestimmte Tag erschien.
Mathilde hatte den Vater gebeten, ihr eine
kleine Summe zur Aussteuer zu bewilligen, er
weigerte sich, diese Bitte zu erfüllen.

„Nicht einen rothen Pfenning,“ sagte er;
„Du hast gegen meinen Rath Dich dem
Bettler an den Hals geworfen, nun sieh
zu, wie Du in der Bettlerwirthschaft fer⸗
lig wirst.“

Maͤthilde ahnte, welcher Haß gegen Ernst
das Herz dieses Mannes erfüllte und daß
ein dunkles Geheimniß über dem Vater
schwebte, welches sie nicht zu ergründen ver⸗
mochte. Denn woher lonnte dieser Haß rühren?
Durch welche Mittel hatte der Advokat die
Einwilligung des starrköpfigen Mannes er⸗
hallen 7 — Das Mädchen bebte vor diesem
cGeheimnisse zurück, so gern es auch einen
Blick in das Dunkel geworfen hätte, Die
Hartherzigkeit des Vaters erbitterte fie, und
Hatei und Kind wurden durch die Hachsucht
und den schmutzigen Geiz des Rentners einan⸗
der frend.

Ernst beruhigte seine Braut durch die
Mittheilung, er besitze genug, um die Bedürf⸗
nisse der kleinen Haushaltung bestreiten zu
köunen, er sei nicht so mittellos, wie Krämer
zlaube, und wenn auch Mathilde für die
erste Zeit manche Bequemlichkeit entbehren
müsse, so werde sie dafür in dem Gedanken,
einen eigenen Heerd zu haben, und in seiner
Liebe Entschädigung finden. Diese Znsicherung
erfüllte das Mädchen mit neuem Muth, es
benutzte einen Theil seiner Ersparnisse, die
sich nahe an tausend Thaler beliefen, zur

Anschaffung der Aussteuer und sah dem Hoch
zeitstage, wenn auch nicht mit der Freud
einer glücklichen Braut, so doch ruhig und
mit der Hoffnung auf eine glückliche Zukunft
entgegen.

Auf besonderen Wunsch des jungen Paares
wurde dasselbe im Gasthofe getraut, der
Rentner war als Zeuge zugegen, zog sich aber
dleich nach der Ceremonie in sein Zimmer
zurüc. Als am Abend der Wagen vorfuhr,
welcher die jungen Eheleute zum Bahnhofe
bringen sollte, rief der Adrokat seinen Freund
in ein Nebenzimmer. „Du wirst also nach
acht Tagen in Deinem nunmehrigen Wohn⸗
orte einlreffen,“ nahm er das Wort, bis dahn
ist dort Alles in bester Ordnung. Deine
Mutler reist morgen dahin ab, Helldau kommt
innerhalb drei Tagen nach; Du siehst also
bei Deiner Ankunft gleich wieder ein bekann—
tes Gesicht. Helldau wird Euch an der Bahn
empfangen und zu Eurem Hause geleiten, den
Kaufakt, sowie die Summe, welche ich Der
versprach. übergibdt Dir die Mutter. Jetzt
reise in Gottes Namen, ich werde über Deinen
Schwiegervater wachen und Dir von Zeit zu
Zeit schreiben, wie es hier aussieht. Ver
giß auch mich nicht, denke, daß Du
in mir einen treuen, aufrichtigen Freund
besitzest.“

Ernst schloß gerührt den Freund an seine
Brust. „Wie soll ich Dir danken“ —

„Still, still, fuhr der Advokat, ihn un⸗
terbrechend, fort, „mit dem Dank mag es
sein Bewenden haben, bis alles in Otdnung
ist, erst nach Vollendung des Werkes kann
man den Meister loben. Aber diese Vollmacht
könntest Du noch unterschreiben, bevor Du
abreisest, sie ist wichtig und dringend.“

Ernst nahm eine Feder vom Tische und
warf einen Blick auf das Papier. „Für Kon⸗
rad Schulz 7“ fragte er.

„Ja, für ihn,“ drängte der Advokat; un⸗
terzeichne, Deine Frau wird schon ungeduldig,
es ist die höchste Zeit, daß Ihr abfahrt,
wenn Ihr den Zug noch erreichen wollt.“

Ernst unterschrieb. „Ich will Dir noch
nicht danken,“ versetzte er, dem Freunde noch⸗
mals die Hand reichend, „die Zeit ist jetzt
zu kurz dazu, aber wenn ich es auch in Worten
        <pb n="479" />
        nicht ausdrüden kann, hier im Herzen steht
es angeschrieben.“ —

„Nur nicht sentimental,“ unterbrach der
Advokat den jungen Mann, indem er ihn
am Arme faßte und mit sich in den Saal
zog, wo Mathilde ungeduldig auf die Rückkehr
ihres Gatten harrte.

Eine Thräne glänzte in dem Auge des
Juristen, als er dem Wagen nachschaute, in
welchem die beiden, die durch ihn glücklich
geworden waren, davon fuhren, eine Thräne
reiner uneigennütziger Freude! Wie manchen
Kummer und Aerger wogen sie auf! Der
Advotat fühlte sich in einer Stimmung, in
der er seinem unversöhnlichsten Feinde die
Hand hätte bieten kznnen. Und doch mußte
er dieser Stimmung Gewalt anthun, um mit
eiserner Stirn dem Rentner gegenüber treten
zu können.

Krämer schreckte der Eintritt des Advo⸗
katen aus düsterem Brüten auf. „Was wollen
Sie noch hier?“ rief er mit heiserer Stimme.
„Sie haben mir mein Kind gestohlen, mein
einziges, gelicbtez Kind, was verlangen
Sie mehr?“

„Viel, sehr viel,“ erwiderte der Juris
gelaffen, indem er sich in einen Sessel setzte,
„Die erste Bedingung haben Sie erfüllt,
lommen wir jetzt zur zweiten.“

„Und diese lautet ?“ fragte Krämer sar⸗
kastisch, „Geld und dieder Geld, he, habe
ich's getroffen ? Sie denken, nachdem der
Bettler nun einmal mein Schwiegersohn ist,
müsse ich ihm auch die gefüllte Börse in die
Hand geben, damit er auf seinen Lorbeern
ruhen kann! Aber keinen rothen Heller werde
jch herausgeben.“
„Ich zwinge Sie dazu,“ unterbrach ihn
der Jurist ruhig.

„Durch welche Mittel, wenn ich fragen
darf ?“
„Durch ein gewisses Dokument, welches
ich vor einigen Tagen bei einem hiesigen Bank⸗
hause deponirte.“

Der Rentner fuhr, wie von einer Taran⸗
tel gestochen, in die Höhe, seine Knie wank⸗
ten, erd'ahle Blässe überzog sein Antlitz.

SG8o sind Sie also auch der Sachwalter
meines Neffen?“ fragte er, nachdem er seine

Fassung wiedergefunden hatte. „Dieser Meffe
ist am Ende mein Schwiegersohn.“

„Errathen, der Sohn des Gemordeten
dat die Tochter des Mörders geheirathet,
finden Sie das nicht hochtragisch? Würde
es Sie nicht freuen, wenn die Zeitungen
diese Thatsache in alle Länder posaunen?
Fühlen Sie, welches Damokles-Schwert über
dem Haupte Ihres Kindes hängt?“

Der Rentner trocknete die nasse Stirn ab.
„Sie find ein Teufel in Menschengestalt!“
löhnte er.

„Nennen Sie mich die verkörperte Nemesis,
der Name paßt besser, aber ich binJeine
harmherzige Nemesis, Sie selbst müssen dies
jugeben; während ich Sie verfolge, lasse ich
Ihnen stets noch eine Thür offen, durch
velche Sie mir entschlüpfen können. Sobald
das Gericht meine Rolle übernimmt, wird
diese Thür geschlossen und erst dann wieder
geöffnet, wenn — doch so weit sind wir
noch nicht und Sie können dem Himmel
danken, daß Sie noch die Maqt besitzen, es
nicht so weit kommen zu lassen.

„Knüpft sich an diese zweite Bedingung
nicht noch eine dritte?“ fragte der Rentner
sarkastisch.

„Allerdings, doch darüber reden wir
später.“

„Und wie lautet diese zweite Bedingung!“

„Deß Sie das Vermögen Ihres Bruders
im Betrage von sechs und dreißigtausend Tha⸗
ern morgen bei der Bank deponiren!“

„Und wenn ich mich weigere? Wer will
mich zwingen?“

„Ich! Ist das Geld nicht morgen in
der Banklasse, so werden Sie morgen Nach⸗
mittag verhaftel, eine andere Alternative bleibt
Ihnen nicht.“

Krämer erhob sich. „Ihre Forderuugen
sind ziemlich bescheiden, worin besteht die
dritie Bedingung 7?*

„Darin, daß Sie entweder innerhalb vier
Wochen auf der See sind, oder dem Ver—⸗
brecher die Mittel zur Flucht verschaffen, bevor
dieser die Geduld verliert.“

„Also hätte ich durch die Erfüllung der
ersten und zweiten Bedingung so zu sagen
nichts gewonnen 7

„Zeit,“ erwiderte der Jurist achsel⸗
        <pb n="480" />
        zuckend, „mehr zu geben, lag nicht in mei⸗
ner Macht.“

Der Rentner blickte eine geraume Weile
jchweigend mit stieren, glühenden Augen auf
die Thür, hinter welcher der Advokat ver⸗
schwunden war, dann brach er in lautes
höhnisches Lachen aus. Es war das Hohnge⸗
lächter der Hölle, jener Hölle, die man „das
pöse Gewissen“ genannt hat. Mühsam hatte
der Rentner während seiner Unterredung mit
dem Juristen seine Fassung behauptet, jetzt
hrach er zusammen. Er saß in seinem Sessel
das Kinn auf die Hände gestützt, und sah
stier, gleich einem Verzweifelten vor sich hin.
Man hatte ihm'alles genommen, was ihn an's
Leben fesselte, sein Kind war ihm entfremdet
davongelaufen mit einem Andern, ohne ihm
Lebewohl zu sagen, seinen Schatz wollte man
ihm auch rauben, was blieb ihm noch? Frei⸗
lich, auf den größeren Theil seines Bermögens
konnte Niemand Anspruch erheben, er hatte
nicht einmal nöthig, sich einzuschränken, so
groß war der Rest dieses Vermögens noch,
aber wenn dem Menchen ein kleiner Theil
seines Glückes geraubt wird, dann fällt es
igm schwer, sich mit dem Rest begnügen zu
sollen. — Sechs und dreißigtausend Thaler
ein Drittel des Vermögens. Ein tiefer Seufzer
entfuhr den Lippen des alten Mannes. Und
an wen sollte er diese Summe zahlen? An
den, welchen unter allen Menschen er am
neisten haßte! Wie viele Verbrechen hatte er
begangen, um das anvertraute Gut sich an⸗
zueignen, und jetzt solle er umsonst sein
Bewissen mit dieser schweren Sündenschuld
delastet haben! Noch sträubte der Rentner sich
gegen die innere Stimme, welche ihm zurief,
er sei der Mörder seines Bruderse, wohl
suchte er sich einzureden, er habe ja den
Auftrag dazu nicht gegeben, Alles habe so
ommen müssen, wie es der Wille der Vor⸗
sehung gewesen sei. Das ist die Lehre von
dem unerbittlichen Fatum, das ist Eure
Weisheit, Ihr Fatalisten, ganz dazu geschaffen,
den Menschen zu entsittlichen, ihm das höchste
und edelste Gut,“ die Religion zu nehmen!
Wie entsetzlich klingen aus dem Munde des
Mörders die Worte: „Gott hat es so gewollt

väre es nicht sein Wille gewesen, daß jener
Mensch durch meine Hand fallen sollte, er
vürde die That verhütet haben! Ich bin
ilso nichis, als ein Werlzeug in den Händen
der Vorsehung!“ — Und wie mancher sucht
urch diese Gotteslästerung sein Gewissen zu
zeruhigen!
sKrämer stand auf und wanderte in seinem
Zimmer auf und ab. Und wenn er nun das
Beld bei der Bank deponirte, war er alsdann
icher, daß der Arm der Gerechtigkeit ihn
nicht fassen und zur Rechenschaft ziehen werde?
konnte er sicher darauf rechnen, daß er un⸗
zefährdet entkam? — Der Rentner schauderte
venn er daran dachte, daß er in der einsamen
Zelle sitzen, in öffentlicher Gerichtssitzung des
Mordes beschuldigt vor die Schranken treten
und endlich das Schaffot besteigen solle!

Ein leises Pochen an der Thür störte den
Ideengang des alten Mannes. Er fuhr er⸗
schreckt zusammen, ermannte sich aber und
zffnete. Ein noch ziemlich junger, anscheinend
der unteren Volksklasse angehörender Mann
trat ein. Er schloß die Thür hinter sich zu
und übergab dem Rentner einer Zettel.

Schluß folgt.)
Mannigfaltiges.
Ein Töpfer in England ließ sich
jolgende Grabschrift setzen: Von Erde hab'
ch gelebt, denn ich war ein Töpfer, zur
Erde kehr' ich zurück, denn ich war ein
Mensch. Wanderer, weine nicht! In Ecrde
verde ich nun verwandelt. Geh' in meinen
daden, da findest Du vielleicht als Topf
mich wieder.

Kharade.
Die Erste tont bei Schmerz und Freude;
Mit Sehnsucht denkst du an die Zweite.
Das Ganze ist uns nah' verwandt;
Wohl dem, der xeich und alt es fand.
Auflösung der Charade in Nr. 118 des Unterhal⸗
tungsblattes: Wahnsinn.“

Druch and Verlag von F. X. Demest in St. Ingbert.
        <pb n="481" />
        Anterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.

7.* —

Ein böses Gewissen.“
Novelle
von Ewald August König.

sobald Sie uns die Mittel zur Ueberfahrt
nach Amerika und außerdem jedem von uns
beiden fünftausend Thaler eingehändigt haben.“

„Eure Ansprüche sind sehr bescheiden,“
versetzte Kraämer höhnisch, „mich wundert's,
daß es bei dieser Forderung bleibt“ J

„Der Gefangene sagte mir, Sie würden
gerne die Summe hergeben,“ meinte der
Schließer achselzuckend, „es seit doch immer
besser, den zwanzigsten oder dreißigsten Theil
seines Vermögens einzubüßen, als den Hals
auf den Block legen zu müssen,“ deshalb
'olle ich meine Forderung nur harmäckig be⸗
haupten.“

„Behauptet sie, so lange Ihr wollt, ich
jahle das Geld nicht!“ rief der Rentner auf⸗
zrausend. „Glaubt der Hallunke, ich sei eine
Fitrone, die er bis auf den letzten Tropfen
zuspressen könne? Scheert Euch hinaus,
cheert Euch zu allen Teufeln und sagt Eurem
aubern Kumpan, er solle sich nur nicht der
doffnung hingeben, daß ich solchen! unper—
schämten Ausprüchen genügen werde!“

„In diesem Falle ist er entschlossen, noch
heute Abeud den Instruktionsrichter rufen zu
assen.“

Der Rentner würdigte den Schließer kei⸗
ner Antwort- er trat in die Nebenstube und
warf die Thür hinter sich zu.

„uUnd gäbe ich auch Alles her, gr'ffe ich
zuch zum Bettelstabe, vor Dir fände ich doch
cine Ruhe, Du böser Dämon, der mir im
Wachen und Träumen das blutige Antlitz des
Jemordeten Bruders vorhält,“ murmel v
x, „nur Eins kann uns belde trennen.
der Tod!“. .

(Schluß.)

„Ich bin Schließer im Gefägnisse,“ sagte
der Eintretende, „lesen Sie diesen Wisch und
fertigen Sie mich rasch ab, denn meine Augen⸗
blicke find gezählt. “—

Die Hand, wielche das Biliet öffnete,
zitterte fleberhaft, es enthielt nur die wenigen
Zeilen:

Länger halte ich's in diresem verfluchten
Loch nicht aus, in allen Ecken lauern bleiche
Gestalten, die mich ängstigen und nicht von
mir lassen. Tag und Nacht habe ich keine
Ruhe, brennender Durst quält mich, ich werde
wahnsinnig, »wenn ich länger bleiben muß.
Deßhalb sage ich: Ihnen, halten Sie Joͤr
Versprechen, meine Geduld ist zu Ende? Werde
ich nicht noch in dieser Nacht frei, verlange
ich morgen, vor den Untersuchungsrichter ge⸗
führt zu werden!“

agIst der Mensch toll?“ rief der Rentner
entsetzt, „er soll warten, ich muß Zeit dazu
haben. — Kennen Sie den Inhalt des
Briefes?“

„Allerdings!“ erwiderte der Schließer.
Der Gefangene hat mit mir darüber gespro—
chen, und wenn Sie wollen, kann die Ange⸗
legenheit sofort geordnet werden.“ 8
,Wenn ich will ? drückt Euch etwas deut⸗
licher aus.“ —
,Der Gefangene wird den Kerker verlassen,
        <pb n="482" />
        In Fiel erhast, willenlos der Verzweiflung
sich überlassend, vahm der Rentner jeine mit
Werthpapieren angefüllte Schatulle und sezte
sie auf den Tisch. Eine Weile weidete er sich
in dem Anblick seiner Schätze, dann warf er
die brennende Kerze in die Schatulle und
verließ ohne Hut und Rock das Zuimmer,
Dhue sich umzublicken, ging er hinaus. Fürch⸗
ete er, der dünne, schwarze Rauch, welcher
zus der Sch tulle aufstieg, könne ihn bewegen,
seinen Enischluß zu aͤndern ? — Vielleicht!
Beelleicht auch hatte er ganz mit dem Leben
abgeschlossen und hielt es nicht der Mühe
werth, noch einmal auf das zu blicken, welchem
er entsagte! —

Er hatte nicht bemerkt, daß in der Thür
des Nebenzimmers sein Buchhalter stand und
ihn beobachtete. Kaum war er hinausgegangen,
jo warf Helldau den Deckel der Schatulle zu,
wodurch die Flamme sofort erstickt wurde.
Wohin sein Herr ging, tümmerte ihn nicht,
wohl ahnte er, daß jener einen Weg ver⸗
folgte, auf welchem es keine Rücklehr gab,
ber die früdere Anhänglichkeit an den allen
Mann war in seinem Herzen gestorben,
er ließ ihn gehen, wohin sein Geschick ihn
rieb.

12. Kapitel. 9

Ein Vierteljahr war seit jeuem Tage
vberstrichem. In einem kleinen reizenden Städt⸗
hen Süddeutschlands hatte Ernst seinen
Wohnsih ausgejchlagen und dort ein Geschaäft
begründet.

Ein heller, freundlicher Herbstmorgen
schaute in das kleine Familienzimmer, in wil⸗
hem das junge Ehepaar, Helldau und die
Littwe Heller beim Frühstück saßen.

Heute find's schon drei Monate und mir
ist noch immer, ols wären wir erst gestern
getraut worden,“ hob Ernst an, indem er der
Gattin freundlich läͤchelnd zunickee.

Ueber die bleichen Wangen Mathildens
glitt ein flüchtiges Roth. „Drei Monate,“ er⸗
viderte sie, „an demselben. Tage starb mein
HZater. Er slürne sich in den Fluß, meil ich
ihn verlaffen hathde uBJ
r. Laß doch endlich vom viesem thötichten
Gedanten ad, der Dich nur quält und doch
jedes Grundes entbehrt,“ versehte Ernst, halb

hittend, halb zürnend, „mein Freund hat und
a über diesen Punkt vollständig beruhigt.

Ja, ja, r schrieb, ein unseliges Ver⸗
zängnisß habe ihn dajzu gefchrieben,“ fuhr
Maihilde leise, wie mit sich selbst redend,
fort, „aber ich weiß es besser.“

„Duürfte ich reden, ich könnte Ihnen sa⸗
gen, weshalb Ihr Vaker den Tod gesucht hat,
nahm Helldau das Wort, „aber ich darf
nicht und es ist auch besser, wenn Sie es
nicht erfahren. Seien Sie aber überzeugt, daß
is Ihre:wegen nicht geschah.“

„Brechea wir ab,“ sagte die Wittwe.
„Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen
machen.“

„Wann macht Ihr beide denn endlich
Hochzeit 77 fragte Ernst, um der Unterhaltung
aͤne andere Wendung zu geben, „Ihr thut
so heimlich und verstohlen, als ob Ihr uns
mit dem Aufgebot überraschen wolltet!“

Die Muuer sah verlegen vor sich hin,
Hellꝛau zerschnitt eifrig eine —A
seine Verwirrung zu verbergen.

„Wir haben eingesehen, daß es besser ist,
wvenn wir beide auf dem alten Fuße mit
einander bleiben,“ nahm der Buchhalter end⸗
lich das Wort, „unsere Heirath wäre im
Grunde doch eine Thorheit.“

AUnd haben wir nicht ganz dasselbe Leben,
als wenn wir darch die Kirche mit einander
verbunden wären ? fügte die Wittwe hinzu.
„Wir bilden ja eine Familie, wozu bedarf es
—V VVV

Lafsen wir e8 beim Alten,“ meinte
helldau, „ich hoffe auch ohne jene Ceremonie
aͤne bleibende Stätte hier zu finden, bis sie
mich hinaustragen auf den Friedhof.“

„Ja, das sellft Du, guter Freund,“
entgegnete Ernst, indem er dem Buchalter
die Hand reichte, „wenn Du uns fehltest,
würde in unserm Guück eine Lüche ente
dehen.“

Der eintretende Postbote übergab dem
jungen Mann einen Priet. „Bon Dolktor
Schacht,“ sacte Ernst, als eꝛ einen Blich auf
das Siegel geworfen hatte; „erlaubt, daß ich
den Brief dorlese, so hören wir Alle zu
gleicher Zeit die Neuigleiten, welche ex uns
mitzutheilen hat.“

Mein lieber Freund! Auf Deinen lehter
        <pb n="483" />
        Brief, den ich vor acht Wochen empfing, hätte
ich Dir schon längst antworten müssen, aber
Du weißt, in Besorzung meiner Privat-⸗
Correfpondenz din ich etwas lässig, und dieser

Schreibfaulheit magst Du es zuschreiben, daß
ich erft heute zur Beantwortung komme. Seit⸗
dem hat sich manches hier zugetragen, was
Dich mehr angeht, als Du vielleicht ahren
maast. Du entsinnst Dich, daß ich Dir am
Tage Deiner Hochzeit sagte, ein Geheimniß
umschwebe Dich und noch wiffe ich nicht,
ob ich Dir jenes Geheimniß enthüllen dürfe.
Nun wohl, der Augenblick der Entscheidung
ist gekommen ? So wisse denn, daß Dein Va⸗
ter und der Vater Demer Gaͤttin Brüder
waren, daß Du nicht der Sohn derjenigen
bist. welche Du bis heute als Deine Mutter
anfahst, fondern das Kind Karl strämers,
desselben Mannes, welcher im wvergangenen
Frühjahr in der Rähe des Dorfes C. ermor⸗
det gefunden wurde.“ Erschüttert ließ Ernst
den Brief sinken.

„Er fagt die Wahrheit,“ schaltete die
Wittwe ein, „ich war Deine Pflegemutter.
ls Dein Vater nach Amerika auswanderte,
Ubergab er Dich dem Ackeret Schulz, und
dieser brachte Dich zu mir.“

Der junge Mann hatte rasch seine Fafsung
wiedergefunden, von dem Arm der Gaͤttin,
die herbeigeeilt war, umschlungen, reichte er
der alten Frau die Hand. „Bist Du auch
nicht meine Mutter, ich betrachte Dich noch
immer als solche, denn Du hust mit der Liebe
einer Mutter mich erzogen.“ — Er nahm
den Brief wieder auf. „Du wirst nun wissen,
daß der Ameritaner Schmelzer, derselke, wel⸗
cher den Bürgermeister Wetterau ermorden
hat, auch der Mörder Deines Vaters war.
Beider Verbrechen üderführt, wurde er zum
Tode verurtheilt und das Urtheit gestern
Morgen an ihm dollzogen. Ueber die Geständ⸗
nisse, welche er vor seinem Tode abgelegt hat,
will ich schweigen und nur zur Beruhigung
Deiner Gattin bemerken, daß sie das Ver—
hängniß aufdeckten, welches den Nentner zum
Selbstmord trieb. Er starb, wie er gelebt
hat, unversöhnt, noch auf dem Schaffot der
Menschheit fluchend, voll Trotz und ohne
Reue, Dringe nicht darauf, tiefer in das
Geheimniß zu bliden, welche es verhüllt,

sind gerädt. — In meinem vorigen Briefe
heilte ich Dir mit, daß am Abende Deiner
dochzeit Dein Buchhalter Helldau mir die
—„chatulle feines Prinzipals übergab. Keines
er Werthpapiere, welche fie enthielt, war in
»em Grade beschädigt, daß man es hätte ver⸗
oren geben müssen, mir gelang es, Dir das
zanze Vermögen Deines Schwiegervaters zu
ꝛrhalten. Dein Vater hat vor seiner Abreise
tach Amerika fseinem Bruder ein Kapijal
njon zwanzigtausend Thaler übergeben, ver—⸗
insbar zu vier Prozent, dieses Kapital
ebst den Zinsen im Gesammtbatrage von
echs und dreißigtausend Thaler ist Dein
kigenthum. Ich gab Dir auf dasselbe bei
Deiner Hochzeit einen Vorschuß von zwan⸗
‚igtausend Thaler, somit bleiben Dir noch
echsszehntausend. Das übrige Vermögen des
Rentners belänft sich auf achtzigtausend
Thaler, da er ohne ein Testament zu hinter⸗
assen starb so mußke ich dem Gericht Anzeige
machen und dieses hat Deiner Gattin jenes
Vermögen zuerkannt.

„Du siehst, die Glücksgöttin ist Dir hold,
aber ihr Segen beschränkt sich nicht auf diese
Summe allein. Ich bewog den Ackerer Schulz,
nach Amerika zu reisen, um dort die Hinter⸗
laffenschaff Deines Balers zu erforschen und
Dir dieselbe sicher zu stellen. Er kehrte gestern
rüch und brachte vierzigtansend Thaler mit,
welche Dein Vater während seiner zwanzig⸗
jährigen Anwefsenheit in Amerika erwarb.
Die ganze Summe, im Gesammtbetrage von hun⸗
dertsechsunddreißigtausend Thlr., liegt ber einem
hiefigen Bankhaufe zu Deiner Verfügung. Da⸗
mit Dich nicht die Großmuth anwandelt, mir
rin Legat auszuwerfen, füge ich meine Rech—
nung dei, sie beträgt einschließlich der Reife⸗
vsten für Schulz, sowie der Gerichtskosten
fünfhundert und einige Thaler, welche Du
mir gelegentlich einsenden magst. Damit wäre
der trockene Geschäftsbericht erledigt, und
seßt möchte ich gern noch ein Langes und
Breites mit Dir plaudern. Aber ehrlich ge—
tanden, weiß ich nicht, über welches Thema.
Du schwimmst in einem Meere von Wonne
und Glũckseligkeit und wirst wenig geneigk
sein, meine trockenen Neuigkeitsgeschichten an⸗
zuhören, deßhalb eile ich zum Schluß und
warte geduldig ab, bis ich das Alles Dire
        <pb n="484" />
        einmal mündlich erzählen kann. Nur eins will
ich Dir noch mittheilen. Dein Freund Gott⸗
fried Schulz wird im Laufe des Herbstes
heirathen, er ist mit einer reichen Bauern⸗
tochter verlobt, und dem Alten ist's recht,
daß wieder eine Frau in's Haus lkommt.
Der Alte hat gelobt, wenn Du dem Bank⸗
hause Anweisung gibsi, Dir das Geld zu
senden, diese Sendung zu begleiten, er müsse
Dich noch einmal sehen. Nun lebe wohl und
behalte lieb Deinen Freund Theodor Schacht.“
MVauat ilde umschlang den Gatten und sah
ihm bittend in's Auge. „Hast Du mich auch
jetzt noch lieb?“ fragte sie. —

„Welche Frage J Wie kommst Du zu ihr!
Glaubst Du, daß meine Liebe zu Dir je ab⸗
nehmen könne ? —

Mathilde konnte die Thränen nicht mehr
zurückhalten, hastig verließ sie das Zimmer.
ISie ahnt, in welchem Verhältniß ihr Vater
zu dem Mörder stand,“ sagte die Wiltwe,
Igönne ihr einige Tuge Ruhe, Ernst, dieser
Gedanke ist nicht so hart, wie der, welchem
fie bis jetzt nachhing, er wird jenen verdrän⸗
zen und den Schmerz abstumpfen. Ich gehe
zu ihr, um sie zu trösten n..

Hier steht noch ein Postscriptum,“ nahm
Ernft das Wort, als er sich mit Helldau
allein sah. Du wirst mir recht geben, wenn
ich Dir rathe, Deine Gattin von hier fern
zu halten wenigstens so lange, bis das Ge⸗
rede verstummt ist, welches die Enthüllungen
des Mörders veranlaßt haben.

Helldau schüttelte den Kopf. Grübeln
Sie üͤber den Sinn dieser Worie nicht lange
nach,“ versetzte er, „denken Sie, das böse
Gewifssen habe den Vater Mathildens zum
Selbstmorde getrieben, und lassen Sie den
Schleier hangen, der Ihnen den Rest des
Geheimnisses verbirgtẽẽ::
,So sei es,“ xrwiderte Ernst, indem er
der eintretenden Gattin entgegen ging und sie
an sein Herz schloß, „mag jenen S—chleier
zerreißen wer will, uns kümmert das Dunkel
vergangener Tage nicht, denn uns lacht der
Sonnenschein der Liebe und keine Wolte soll
ihn uns rauben!! !

7 — —— — 4 —J—

Zannigfaltiges. I
Die Stadt Chicago war im Jahre
1830 noch nicht vorhanden; bis 1833 be⸗
stand daselbst nur ein Fort; noch im Jahre
1840 zählte sie nicht mehr als 5000 Ein—
vohner. Seitdem ist sie zu einer Großstadt
oon üher 300,000 Einwohnern (darunter
130,000 Deutsche) und zum Mittelpunkt des
Aus- und Einfuhrhandels für den amerika⸗
nischen Westen herangewachsen. Vierundzwanzig
Eisenbahnlinien münden hier und bringen
täglich 200—250 Züge. Chicago war der
größte Getreidemarkt der Welt, und man
sonnte es als Entrepot für alle europäischen
Luxuswaaren, die für Amerika bestimmt waren,
betrachten. Daß unter diesen Umsländen die
Verluste nicht auf die Einwohner der unglück-
liichen Stadt sich beschränken, versteht sich von
selbst. Man glaubt, daß Newyork, Mandester
Leeds und Lyon beträchtliche Verluste erleiden
werden, Die Unterbrechung der Geschäfte zu
Th eago — noch dazu in der geschäftsvollsten
Jahreszeit. — wird ferner auf den Werth
naucher Eisenbahnlinien ungünstigen Einfluß
ausüben, und auf dem Londoner Markt ha⸗
ben die Aktien der Illiaois. und einiger an⸗
deren Bahnen eine beträchtliche Baisse erlitten.
Endlich find die Versicherungs-Gesellschaften
von Newyork. Boston und Hartsord start
in Mitleidenschaft gezogen, und in Newyort
herrschte am 8. d. deßhalbe eine unge⸗
heure Parilkkkf.
Eine neuerfundene Stedna—
delmaschine in Hartford, im Staate
Connecticut, fertigt in jeder Secunde 2400
der besten Stecknadeln, also 144,000 in der
Minute, 8,640,000 in einer Sturde! Wo
Cleibt. da die Menschenhand!? —
Ein aus Indaien tommendes Schiff hat

an der Küste von Jamaica am 285. Sept.

Schiffbruch erlitten. 200 Leichen

wurden an die Küste geworfen.

deed ahn e —— 3
Druck und Verlag don F. X. Dene in St. Ingbert.
        <pb n="485" />
        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
VDonerstag, den 19. Oetober V 18871.

zum

NXr. I
A
Von Emilie Heinrichs.
(der Frankf. Vresse entnommen.)

sie ist todt, die Mutter, welche niemals ein
Herz für ihren Jüngstgeborenen besaß, alle
Rebe dem Aeltesten reichte. — Run, gleich-
viel, so komme ich doch noch zeitig genug, mit
dem Erben abzurechnen.“

Schweigend faßte der Andere seinen Arm
ind zog ihn eilig mit sich fort.

In dem Landhause vor dem Aegidienthore,
velches dem Maschinenfabrikanten Edmund
Zteinhöfer gihörte, trug sich mittler zeile eine
erschütternde Scene zu.

Während der Schneesturm die Wetter-
'ahre aufj dem Dache knarrend herumdrehte
ind mit höhnender Gewalt an den dicht
verschlossenen Läden rüttelte, lag in einem
Zimmer des ersten Stockes eine sterbende Frau.

Es war die Mutter des Fabrikanten.

Mit geschlossenen Augen lag sie unbe-
veglich auf ihrem Lager, man konnte sie
chon für eine Todte halten, wenn nicht das
zeitweilige Zucken der blassen Lippen das Ge⸗
gentheil bewiesen hätte.

Ein Mann von ungefähr vierzig Jahren
tand zu Häuptien des Bettes. Sein Gesicht
rug den Stempel der kaltesten Berechnung.
n jeder Falte ein Rechen-Exempel, vermischt
nit dem cynischen Ausdrud finnlicher Be⸗
zierde. Das Doppelkinn, sowie die ganze
vohlbeleibte Gestalt, welche in tadellos ele⸗
janter Kleidung sich präsentirte, machten der
Sindruck der Behäbigkeit, welche in egoistische
Vornehmheil sich und Ihresgleichen vor allen
Dingen ganz allein für die Verechtigten des
Besitzes hält.

Dieser Mann war der reiche Commer⸗

Erste Abtheilung: Franz Moor.
1. Kapitel.

Ein eisiger Nord durchbrauste die Fluͤren
und fegte den Schnee in großen Haufen zu⸗
sammen, daß selbst die feuerschnaubende Loco⸗
motive immer mühsamer gegen die Hindernisse
ankämpfte und um eine Stunde spätet den
Bahzuhof der Hauptistadt erreichte. J

„Endlich, endlich.“ murmelte ein Mann,
indem er tief aufathmend den Waggon ver⸗
ließ und nach kurzem Umherspähen mit raschen
Schritten der Stadt zueilte.

„Ferdinand!“ fönte es hinter ihm.

Der Reisende wandte sich um.

Theodor! — Gott sei Dank, da bist
Du ja, wie stehts mit der Mutter, und komme
ich früh genug?“

„Ich fürchte, es ist zu spät, mein armer
Junge! — Wann kamst Du auch jemals
früh genug, Dein Recht zu wahren? Nun
muß der Herrgott selber Dir den schlimmsten
Streich mit diesem Hundewetnter spielen. —
Doch halt, wohin rennen wir, links hinüber
nach dem Aegidienthore, — Deine Mutter
vohnt draußen auf dem Landhause des
Erben 1

Der Reisende stand still und starrte einen
Augenblick zu dem dunkeln, nachtgrauen Him⸗
mel empor. —

„Zu spät, wie immer,“ knirschte er, „alse
        <pb n="486" />
        zienrath Ednund Steinhöfer, der einzige Erbt
und Sohn der Sterbenden. W

Ein anderer Mann brugte sich, aufmerk⸗
jam lauschend, über das Velt;er hielt die
Hand der sterbenden Frau und schien den
Pulz zu prüfen.

„Ist's vorbei, Doctor ?“ fragte der Com—
merzienrath leise.

.Noch nmicht,“ lautete die flüsternde Er—
widerung, „doch muß bald Alles vor⸗
tei i n

Edmund unterdrückte. Einen ungedundigen
Seufzer und zog mechanisch die Uhr.Sie
zeißgte die achte Stunde.

Würnpschen Sie, daß ich bis dahin bleibe ?“
fragte der Arrft.

.. „Wenn. Sie noch irgendwie helfen könn—
ten, Doctor??:

„Meine Kunst ist zu Ende, der Tod hat
bereits sein Werk begonnen.“

.Nun, dann fahren Sie in Gottes Namen
nach Hause, lieber Freund! Sie haben Ihre
Pflicht nach allen Seiten hin erfüllt.“

Der Arzt beugte sich noch einmal über
die Kranke, sie lebte noch immet. Er bestinimte
höchstens eine halbe Stunde und empfahl sich
dem reichen Manee.

Als dieser den Wagen des Arztes fort⸗
rollen hörte, wollte er auch, ohne einen Blick
auf die sterbende Mutter zu werfen, das
Zimmer verlassen. Da wurde auf's Neue
die Thür geöffnet, ein bejah ter Manntrat
ihm entgegen und zog die Thür leise hinter
sich in's Schloß. 1* —

Es war der Anwalt und Notar Dr.
Wolff, der Schwiegerbater des Commer-
zienraths.

„Nun, mein Sohn!“ begann Jener,
„wie steht's mit der Mutter Ift sie todt ?

„Der Doctor gibt Ihr noch eine halbe
Stunde, das will gar kein Eude nehmen, ich
werde ganz nervös.·.. .:
„Geduld, mein Soͤhn !“ — lassen wir

bder guten Fran immerhin die nöthige Zeil
zum Sterben, — wir haben ja alles in
Ordnung. Das Testament sichert Ihnen das
ganze unverkürzte Erbe als einzigen Sohn,
Z gibt also keinen jüngeren Steinhöfer mehr.
O ich habe die Gäjchichte fein angelegt,
dieses Doknment kann in keincu nur irgend

dentbaren Falle angefochten werden. Und was
diesen angeblichen jüngeren Sohn, der sich
Derdinand nennt, beiri

„Ja, jaf ich habe dieseik ganzen Tag
Furcht gehabt,“ unterbrach ihn der Commer
zien ath erregt, „es ist mir alle Augenblicke,
als müsse der Verhaßte, den ich kaum mehr
lenne, hier in dieses Zimmer treten. Glauben
Sie an Ahnungen, Tränme und dergleichen,
Vater ?“ 4
Paopperlapapp!“ lachte der Anwalt,
„das sind Ammenmarchen, Spinnstubenge
spenster, — bannen See doch die Grillen und
einfältige Furcht, Herr Sohn! — Ha, lassen
Sie meinetwegen jenen Bruder. kommen,* wir
wollen ihn mit unserem Testament schou heim⸗
senden. Die Mutter hat in diesem Testamnt
ausdrücklich erklärt, daß Sie ihr einziger Sohn
und Erbe sind, daß sie folglich auch keinen
zweiten Sohn besessen hat. Man keunnt den
Burschen hier in der Stadt im Allemeinen
gar nicht, da er frühzeitig von Hause wegge⸗
kommen, er ist todt für seine Voterstadt und
soll es nicht wagen, wieder vom Tode auf⸗
zuerstehen.

Ein tiefer Seufzer, als kaͤne eine Ant—
wort aus dem Grabe, ließ ihn vlötzlich ver⸗
stummen. Beide Männer wandten sich plötzlich
um und fuhren mit einem unterdrückten Schrei
zurück.

Die Sterbende saß aufrecht in ihrem
Bette und starrte mit weit geöffneten Augen
zu ihnen hin.

„Mein Sohn! mein Sohn!“ tönte es
wie ein Hauch durch das Zinmier, dann sank
e zurüuckß.

Der Commerzienrath schüttelte sich wie im
Fiebet vor Angst und Entsetzen, während
der Notar sich schnell faßte und ohne Beben
an das Bett trat.

Er neigte sih herab und horchte aufmerk⸗
sam auf die Athemzüge der Verolichenen.
⸗Sie ist todt!“ sprach er nach einer
kleinen Pause, „danken Sie dem Himmel,
der sie in diesem Augenblicke zu sich nahm.
Es schien mir, als hätte sie nicht übel Lust
verspürt, uns noch zu guterletzt einen Strich
durch die Rechnung zu machen.“ J

„Möge sie sanft ruhen,“ murmelte der
gute Sohn, eine heuchlerische Thräne hervot⸗
        <pb n="487" />
        pressend; „icherlich hat ihr letzter Ausruf
nar mir gegolten, eine Mahnung, den Un—
würdigen nicht zu fürchten.“

„So mag es seiun,“ nictte der Notar,
„bestellen wir die Todtenwache, „Herr
Sohn!!““

O, ich werde sie fürstlich bestatten las⸗
sen,“ sprach dieser pathetisch, „man soll noch
nach Jahren davon reden.“

Und mit diesem Entschlusse hatte der
reiche Mann sich vollständig mit seinem Ge—
wissen abgefunden, wenn ein solches ürerhaupt
noch bei ihm Lorhanden warrr.

Der Notar breitete ein Tuch über das
Antlitz der Leiche aus und wollle dann mit
seinem Schwiegersohn daz Todtenzimmer
verlasshee.

Bevor sie die Thür erreichten, packte er
seinen Am.
Horch,“ flüsterte er, „was ist das ? Wer
wagt es, hier gewaltfam einzudringen und die
Ruhe der Todten zu stören ẽ;

Der Commerzienraih horchte bleich und
entsetzt. —VV — ——

„Meine Ahnung! meine Ahnung!“ mur⸗
melte er, „helfen, stehen Sie mir bei, Herr
Vater!“

Bleiben Sie hier, Edmund! ich bringe
den Störenden fort, wer es auch immer sei.“
Es war bereils zu spät, man hörte drau—
ben vor der Thür einen schweren Fall, als
würde ein Mensch zur Seite geschleudert, wor⸗
auf die Thür heftig anfgerissen wurde. ——
zESachte, sachte, liebet Mann!“ sprach der
Notar, „man pflegt bei civilisirten Menschen
nicht so brutal mit der Thür in's Haus zu
fallen.“

Ein hoher, schlanker Mann, mit bleichem,
aufgeregtem Gesicht stand auf der Schwelle;
der Mantel war ihm im Kampfe mit den beiden
Bedienten entrissen.

„Ferdinand!“ murmelte der Commerzien⸗
rath und schaute angstvoll auf den Notar.
Nur einen Blick todtlichen Hasses warf

er auf den angstbleichen Bruder, worauf er
mit leichten, geisterhaflten Schritten an's Bett
der Mutter trat. J 5 *

„Todt! todt!“ schrie er nach einer kleinen

Weile guf, 0 Mutker . hatlest Du selbsi
in der letzten Stunde kein Fünkchen Liebe

übrig für Dein jüngstes Kind ? Was that ich
Dir, daß Du mich von Deinem Herzen
stießest? O, wie willst Du dem Vater ent⸗
gegentreten, wenn es ein Jenseits gibt???
„Entfernen Sie sich, Edmund!“ flüsterte
der Notar dem Schwiegersohne, hassig zu—
„Sie sind hier überflüssig, ich werde alsdann
eichter mit dem Burschen ferlig werden.“

Doch der Commerzienrath rührte sich nicht
von der Stelle, seine Füße schienen gebannt
zu sein, er war wie von einem bösen Alp
befangen. J —

„Wer sind Sie, der Sie es wagen, ge⸗
valtjam gleich einem Räuber hier einzudringen
und eine wahnsianige Komödie aufzuführen 9
fragte der Notar mit streuger Stimme.

Ferdinand strich sich langsan über die
Stirn und trat auf den Bruder zu, der jetzt
erst an einen schleiinigen Rückzug dachte und
sich rasch mit einer hastigen abwehrenden Be⸗—
wegung der Thüre zuwandte.

Jener kam ihm zuvor, mit fester Hand
drängte er den Bruder zurück, verschloß die
Thür und steckte den Schlüssel zu sich.
„Das geht zu weit,“ rief der Rotar über⸗
laut, „wir haben es mit einem Wahnsinnigen
u thus. Zu Hülfe!“

Seine Stimme klang schallend durch das
ttille, einsame Haus, die Dienerschaft ruͤttelte
an der verschliossenen Thür. J

„Ruhig, mein Herr!“ gebot Ferdinand,
„was ich mit diesem Menschen, defsen angst ·
bleiches Gesicht und schlotternde Gestalt in
diesem Augenblick das böse Gewissen kennzeich-
nen, abzurechnen habe, kümmert keinen Ünde⸗
ren; was wollen Sie in diesem Raum, wo
Tod und Vecgeltung ihre Stätte aufgeschlagent
— Tritt näher, Sohn meiner Mutter!“ wandte
er sich gebieterisch an seinen VDruder
.Edmund gehorchte mechanisch, — seine
Fassung kehrte zurück und mit ihr die Ueber⸗
legenheit. Dieser Mann, welcher sich hier so
leidenschaftlich geberdete, war sein Todfeind,
der einzige auf Erden, welchen er wirklich zu
fürchten hätie. Sollte er, endlich am Ziele
seiner Wünsche, um dessentwillen er seit langen
Jahren alle Hebel der Bosheit und geheimen
Tüde in Bewegung geseßt, dennnoch schließlich

an dieser stets gesürchteten Qlippe scheitern d

Die momentane Ungst wat vorüber.
        <pb n="488" />
        Angesichts der drohenden Gefahr kehrte die
kalte Berechnung wieder, er erkannte mit
sicherem Geschäftsblick seine eigene vortheil hafte
Lage dem Bruder gegenüber.

Der bedeutungsvolle Ausruf des Notars:
„Wir haben es hier mit einem Wahnsinnigen
zu thun!“ konnte zur Wahrheit werden; fand
er nicht an dem Gebahren seines Feindes die
vollste Berechtigung ?:

Er tauschte einen raschen Blick des Ein⸗
verständnisses mit dem Schwiegervater und
trat langsam, in seiner ganzen g wohnten Vor ˖
nehmheit an das Bett der todten Mutter, dem
Bruder gegenüber. —

„Ich bitte Sie, mir endlich das Raͤthsel
Ihres Hierseins zu lösen, mein Herr!“ be⸗
gann er kalt und gemessen. „Sie müssen in
der That dem Tollhaufe entsprungen sein, um
die Ruhe einer Todten so frevelhaft stören zu
können. “

Stimme der Thür zu, „erbrecht die Thür,
oder holt rasch einen Schlosser. Hoͤrt Ihr's
auch, nur einen Schlosser!“

Während einer der Bedienten sich rasch
entfernte, versuchten alle übrigen Hausgenossen
die Thür gewaltsam zu sprengen.

Ferdinand stand unbeweglich neben der
Leiche der Mutter, um seine bärtigen Lippen
zuckte es convutsivisch und die rechte Hand
wühlte auf der Brust unter dem halbzuge⸗
möpften Rock.

„Mann!“ rief er jetzt mit gepreßter
Stimme, „sprich es aus, bin ich Dein Bruder
der rechtmäßige Sohn Deiner Eltern? ——

.Nein!“ versetzte der Commerzienrath kalt
und bestimmt, „mein jüngerer Bruder ist
wdt, ich bin der einzige Sohn und Erbe
dieser Frau, deren Testament den vollgültigen
Beweis davon liefert.“ J

„So fahre zur Hölle,“ schrie der Unglück⸗
liche außer sich, einen Revolver aus der
Brusitasche reißend und auf den Bruder
zielend.

Dieser sprang mit einem gellenden Aufschrei
zurück, während der Notar sich mit einem Hülfe—⸗
ruf an's Fenster flüchtete u. die Vorhänge aufriß,

„Nein. nein,“ rief Ferdinand, „das wäre
zu gräßlich, ein Brudermord an der Leiche der
Mutter, — o vergib, Du arme Todte !er ist sicher
dor meiner Rache, — Gott wird ihn neffen:“

In diesen Augenblick krachte die Thür
unter Beilschlägen auseinander, während zu
gleicher Zeit der Notar das Fenster öffnete,
vor welchem ein Kopf sichtbar wurde.

Ferdinand war bei den letzten Worten an's
Bett niedergesunken und hatte sein glühendes,
jetzt von Thränen überströmtes Antlitz auf
die erkaltete Hand der Mutter gepreßt; sein
Revolver lag neben ihr, der Hand entglitten.

Jetzt fühlte er leise seine Schulter berührt
und fuhr empor.

Als er sich umwandte, sah er es dicht vor sich
aufblihen. Ein Schuß krachte durch's Zimmer.

„Mörder!“ stöhnte Ferdinand und brach
zusammen.

Alles schrie laut auf in ködtlichem Schre⸗
cken, man wußte noch nicht, wem der ver⸗
hängnißvolle Schuß gegolten. (gorts. folgt.)

„Ah, Du kennst mich nicht mehr?“ ver⸗
setzte Ferdinand mit vor Aufregung zitternder
Stimme, „wagst es an Ende gar, den
gemißhandelten Bruder an diesem Todtenbette
frech zu verleugnen, so frech und bübisch, wie
Du ihm seit der frühesten Kindheit mit
systematischer Berechnung die Mutter entfremdet
hast? Möge Gott der armin Getäuschten
bergeben, wie ich es thue, mein Herz hat
niemals die Mutter, nur Dich allein verflucht,
Sie ist todt, — Du stehst am Ziel, doch
hoffe nicht, zum Genuß Deines Raubes zu
konmen; ich, der Euterbte, Verstoßene, werde
wie früher das Gespenft Deiner Ruhe sein
und Dich vom schwelgerischen Mahl wie vom
seidenen Lager aufschreden

Ein kurzes höhnisches Lochen des Bruders
ließ ihn verstummen.

Der Commerzienrath hatte sich mit Achsel⸗
zucken zu dem Notar umgewandt und sagte
jeht langsam und deutlich, daß es die drau⸗
hen horchende Dienerschaft, welche in kleinen
Zwischenräumen an der verschlossenen Thür
rüttelte, nothwendig vernehmen konnte: „Sit
haben Recht, lieber Vater! der arme Mensch
ist wahnsinnig, gehen wir sanft und
nachsichtig mit dem Unglücklichen um. Franz!
— MNartin!“ wandte er sich mit erhobener
—*—
.Druck und Verlag von F. X. Demnetz in St. Ingbert.
        <pb n="489" />
        AUnterhaltungsblatt

4 3 —E—
Aeenr ad re33 4

4*

9 ι J —A 30* — 3 J —
St. Juügberter Anzeiger

77 32

————
WR * *73
— D c e—

Nr. Iös.Sonuntag,. den 22. Oetober J

—E
s8teinhöfer und Sohn.
Von Ewilie Heinrichs.

er hätte kein Auge schließen können, was ihm
daheim in der Stadt, wo er außer den vor
einem anderen Thore befindlichen großartigen
Fabrikgebäuden ebenfalls ein palastähnliches
Haus besaß, — ganz gut gelang, — wußte
er sich doch hinfort von dem drohendsten Ge—
spenste seines Lebens befreit. 1
Erst jetzt war er wirklich am Ziele
seiner Wünsche.

(Fortsetzungh.
Als sich der Rauch verzog, erblickle man
den Commerzienrath bleich und ruhig wie ge—⸗
wöhnlich an einen in der Nähe der Thür
stehenden Tisch gelehnt, der Fremde lag vor
dem Bette in seinem Blute, den Revolver
neben sich.

Die Hausgenossen, bestehend aus dem
männlichen und weiblichen Dienstpersonal, be—
fanden sich jetzt im Zimmer, theils durch die
zersprengte Thür, theils auch durch's Fenster
eingedrungen.

Der Notar warf einen Blick auf seinen
Schwiegersohn und schritt dann ohne Beben
zu dem Getödteten hin.

Der Schuß war mitien durch den Hals
gegangen und hatte die Arterie getroffen, —
noch röchelte der Unglückliche, — die Waffe
schien soeben der eigenen Hand entglitten zu
sein. Niemand der Unbetheiligten zweifelte
an einem Setbstmord; man hatte es ja mit
einem Wahnsinnigen zu thun und dankte dem
Himmel für diesen Schuß, weshalb es auch
nicht befremdete, daß der Commerzienrath,
ohne den Todten anzusehen, das Zimmer
perließ, um den Befehl zum Anspanuen zu
geben und sogleich nach der Stadt zuruͤd
zukehren, dem Schwiegervater alles Weitere
uberlassend.
Der arm: Manu kounte doch unmöglich
mit zwei Todten unter einem Dache weilen,

2. Kapitel. 7
Als er am nächsten Morgen mit seiner
Frau und dem einzigen zwölfjährigen Sohne
den Kaffee einnahm, war er doch etwas blei⸗
cher als gewöhnlich. Was die Frau, eine stolze,
hochfahrende Blondine mit kalten, herzlosen
Zügen, nicht bemerkte, hatte der weiche
Eginhard sogleich heraus, dem Vater muß
ꝛtwas fehlen. J
Auf seine kindliche Frage versetzte Jener
iemlich zerstreut: „Ja so, kald hätte äch
ergessen, die Großmama ist gestern Abend
gestorben.“ VVVVVV————
„Die licbe Großmama ist todt! o. nun
will ich auch sterben!“ Und der Knade brach
in ein krampfhaftes Schluchzen aus. *
„Da haben wir's,“ sprach die Commer⸗
sienräthin, das stolze Haupt noch energischer
zurückwerfend, „der Knabe ist krank, er leidet
au Sentimentalität; bei jeder Gelee: heit
hricht das albernste Gefühl mit einex Stärke
hervor, daß man förmlich erschredt. Ist g
vohl natürlich, um eine alte todte Frau zu
veinen? Aber ich weiß, woher es kommt,
juhr sie heftiger fort, ,sein Erzieher aa⸗
die Schuld, dieser Mensch ist mir unerträglich,
        <pb n="490" />
        er verdirbt uns das Kind mit seiner Gefühls⸗
Pedunterie. Laß uns das Uebel mit der
Wurzel ausrotten und —“

„Schon gut, schon gut, meine Theure!“
unterbrach ihr Gemahl sie ruhiz; „wir wollen
auns die Sache später überlegen. Für's Erste
haben wir vor allen Dingen an unsere Trauer
zu denken. Komm, mein Sohn, Herr Hart⸗
muth ird Dich erwarten.“

Er führte den Knaben“ mit üuffälliget
Zärtlichkeit nach der Thür und hlickte ihm
eine Weile gedankenvoll nach. Sein vom starr⸗
sten Egoismus verknöchertes Herz zerschmolz
in Liebe gegen dieses Kind, in ihm verkör⸗
perte sich die Zukunft des Hausggs.

„Du bist hart gegen das Kind, wie
gegen Herrn Hartmuth, meine Liebe!“ begann
er, zu fseiner Gemahlin zurückkehrend.

Wie Du zu schwach gegen Beide,“ ver⸗
setzte die Dame mit schneidendem Hohne, „ich
degreife Dich nicht, Du laborirst doch wahr⸗
lich nicht an Gefühlsschwärmerei. Der Knabe
schlägt aus der Art, niemals wird er im
Stande sein, der Chef einer großen Fabrilk
zu werden; das Gefühl versteht sich schlecht
auf's Rechnen c

Du magft Recht haben, Amalia!“ sprach
der Commerzienrath nachdenkend; „es wäre
allerdings sehr schlinmm, würde sich dicser
Fehler mehr ausbilden, doch fürchte ich es
nicht, dergleichen gibt sich fspäter. Mag er um
seine Großmutter trauern, wer will ihn deß⸗
halb tadeln, — in wenigen Tagen hat er sie
vbergessen. Und was Hartmuth anbetrifft, so
thut es mir leid, Deinen Wunsch nicht erfüllen
zu können; der Mann ist ganz nach meiner
Beschmacksrichtung.“

Er grüßte freundlich mit der Hand und
perließ das Zimmer.

Die stolze Dame schaute ibm spöttisch
aach, vann stützte sie nachdenkend das Haupt
und flüsterte: „Sollte er Verdacht hegen7
— Hm— ich kenne meine Stärke und werde
bald alle Hülfstruppen in's Gefecht führen,
um diesen Pedanten zu verjagen; das stind
soll fort in die Pension, ich hasse solche
Spione und wäre es mein eigen Fleisch
and Blut!“ —

Ihre grauen Augen blitzten undeimlich bef
diesen entsetzlichen Worten. Was galt ihr das

eigene Kind, wenn es ihrer Leiden schaft im
Wege stand * Die stolze Dame war ein echtes
Product des Materialismus, ein Kind ihrer
Zeit, zur Eitelleit und zum Genusse er⸗
zogen.

Mittlerweile begab sich der Fabrikherr nach
dem Zimmer des Erziehers, Herrn Theodor
Hartmuth, in welchem wir den Freund des
unglücklichen Ferdinand Steinhöfer erkennen,
dessen Bekanntschaft der Leser ebenfalls am
Anfang unstrer Erzählung gemacht... —
Der sanfte Eginhard weinte unaufhörlich
um die gute Großmama und mochte nichts
von Trost hören, sondern verlangte mit unge—
vöhnlicher Heftigkeit, die Tode zu sehen.

„Gewähren wir den Wunsch,“ meinte
der Lehrer, als er den Vater davon in Kennt⸗
niß gesetzt.

„Nein, nein, um keinen Preis, das dulde
ich nicht,“ rief letzterer erschreckt, „es könnte
ible Fvolgen für seine Gesundheit haben. Er
joll sie zum Grabe geleiten, mehr darf ich
nicht gestatten.“

Geh' in den Garien, ich komme sogleich,
um die Eisbahn zu untersuchen, — Franz
joll Dir den Schlitten geben.“ Der Knabe
iieß sich mechanisch in weiche Pelze hüllen und
zehorchte langsam.

„Sie haben mir irgend eine Mittheilung
zu machen, Herr Commerzienrath!“ sprach
Hhartmuth jetzt mit seltener Sicherheit.

Der reiche Mann fuhr erschreckt zu—
fammen.
„Sie find ein merkwürdiger Mensch, mein
Freund,“ versetzte er zögernd. „können Sie
denn Gedanken errathen? Dann wären Sie
allerdings gefährlich; doch ohne Scherz, ihr
bestimmtes Wesen gefällt mir, nur wünschte
ich, wie ich auch bei Ihrem Engagement ge⸗
hofft, in dieser Hinsicht etwas mehr Einftuß
auf Ihren Zögling; Eginhard ist zu weich.
ju vi Gefühl, mit einem Wort, etwas we⸗
niger demokratisches Gefühl wäre anzuempfeh—
en. Nun, davon später. Sie waren so ge⸗
ällig, mir von Zeit zu Zeit eine Nachricht
Aber einen weitläufigen Verwandten, welcher
allerdings meinen Namen führt, zu geben.
Ferdinand Steinhöfer wohnte in Ihrem Ge⸗
hurtsorte —“
        <pb n="491" />
        „Irre ich nicht, so wohnt er noch daselbst,“
unterbrach Hartmuth ihn ruhig..
‚Nicht doch, er ist todt,“ fuhr der Com⸗
merzienrath gleichmüthig fori, ohne das un⸗
gläubige Lächeln des jungen Mannes zu be⸗
achten; „ich bot ihm, wie Sie mir bezeugen
werden, meine Unterstützung zu verschiedenen
Malen an, weil es mir peinlich war, einen
Steinhöfer in Noth zu wisse —— *
Sie irren, Herr Commerzienrath!“ un⸗
terbrach Jener ihn auf's Neue. „Ferdinand
Steinhöfer ist von so vielseitigen Talenten,
daß er stets genung erwirbt, um seine Familie
vor Noth zu schützen.“
„Stine Familie, nun freilich, um diese
muß es sich auch jetzt handeln, da er todt
ist, also nichts mehr erwerben kann, trotz der
vielseitigsten Talenten..
Die Worte geschäftsmäßig gesprochen, hatten
eijnen Anllang von Hohn..
Theodor Hartmuth schauderte unwillkühr⸗
lich zusammen; sprach der Mann die Wahr⸗
heit ? — Was war aus dem unglücklichen Fer
dinand, um dessentwillen er die Stelle ange⸗
uommen, geworden ? .
Dürfte ich um eine nähere Erklärung
Ihrer Worlte bisten, Herr Commerzienrath ?“
fragte er mit erkünstelten Gleichmuth.
„Wie vorhin bemerkt und- Ihnen bekannt
ist, bot ich ihm eine Unterstützung, ja, auf
Wunsch meiner guten seligen Mutter sogar
eine Leibrente an. Sie waren so gefällig, die
Sache für mich zu übermitteln
Hartmuth nicktte. .
„Der Unglückliche bildete sich ein, nähere
Ansprüche an mein Erbe zu haben,“ fuhr
Steinhöfer achselzuckend fort, „eine Einbil⸗
dung, welche zur fixen Idee, zum Wahnsinn
geworden und ihn zu der Behauptung zuletzt
verführte, eir illegttimer Sohn meines Vaters
zu sein. Ich schonte den Unseligen, diese
Schwäche hat sich gexächt. Am gestrigen Abend
als meine Muttet fast verschieden, erschien er
plötzlich, drang gewaltsam in's Sterbezimmer,
und erschoß sich vor den Augen der ganzen
Dienerschaft, — mein Schwiegervater und
ich waren ebenfalls Zeugen der entseßzlichen
Thattt.... 6
Hartmuth blickte ihn erstaunt an, sein Blui
stockte im Herzen.

——

„Unmöglich,“ murmelte er, „Ferdinand
konnte kein Selbsimörder sein ··
Der Commerzienrath schaute ihn miß⸗
rauisch en.
„Sie haben- ihndoch wohl genaue. ge⸗
tannt, mein Herr. als Sie mir mitgetheilt!“
Nein,“ versetzte Hartmuth, sich gewaltsam
beherrschend, „es war eine sedhr oberflächliche
Bekanntschaft, Ferdinand war stets ver⸗
schlossen. Könnte ich den Unglücklichen
sehen ? 7
„Wenn die Polizei es erlaubt.“ 5
„Nun, es ist auch überflüssig,“ setzte
Harimuth rasch hinzu, „dec Anblick eines
Selbstmörders war mir stets widerwärtig.“
„Mir geht's genau so,“ fsagte Steinhöfer;
ich kehrte deßhalb gestern Abend nmoch spüt
in die Stadt zurück. Apropos, mein Lieber!
wäre es Ihnen wohl gefälltg, die Frau des
unglücklichen Menschen von diesem Trauerfalle
zu benachrichtigen
„Wenn Sie es. wünschen 79
„Ich würde Ihnen sehr dankbar sein,
mein Freund! Solche Sachen sind mir über
die Maßen peinlich, ich werde eine Summe
beifügen, bieten Sie ihr die Hälfte der von
nir früher ausgeworferen Leibrente an mein
Boit, man ist ja ein Christ und hilft gern,
wo man kann.“
sKinder sind ja wohl auch da; wissen Sie
sufällig, wie groß die Familie ist ? Man
fonnte ja nöthigenfalls für die Erziehung sor⸗
gen, das heißt, nicht über ihren Stand, es
wäre ein Unglück für sie, wie für jeden armen
Menschen; ein Jeder habe so viel Bildung,
als ihm just in seiner Sphäre zukommt.
Der Unglückliche hat wohl nur Mädchen
hinterlesen Jñ
Ich glaube wohl,“ versetzte Hartmuth,
mühsam seine Empörung beherrschend.
„Desto besser, sie bleiben stets bescheiden
in ihren Ansprüchen und erben in der Regel
gichts von den Extravaganzen des Baters.
Schreiben Sie der Frau, ich würde die Mäd⸗
chen bei irgend einem Pfarrer auf dem Lande
unterbringen, — lieber Gotte! die armen
Dinger, sie exxegen mein ganzes Mitleid!“
Der reiche Mann hatte sich in eine förm⸗
liche menschenfreundliche Begeisterung hineinge⸗
        <pb n="492" />
        redet, daß er selber an sein Chriftenthum glaubte,
so fest, wie an den Selbstmord des Bruders.
Er grüßte den Ergieher seincs“ einzigen
—A0—
schritt in feinet vollen Würde hinaus. Wer
vermochte auf seiner Stirn das blutige Kains⸗
eichen zu erkennen d
Unbeweglich starrke Hartmuth eine Weile
nach der Thür, welche sich hinter dem Com⸗
merzienrath geschlossen, »—vermochte er doch
noch immer nicht das Entjetzliche, welches
jener Mann ihm mit kalter, gefchäsftlicher
Piene soeben mitgetheilt, zu fassen...
—Der Freund todt in derBlüthe der
Jahre, den er noch vor wenigen Stunden ge⸗
und aud von männlichem Muthe erfüllt ver⸗
lassen hatte? Was mochte in diesem Zeitraum
zeschehen sein, uum solch' Reine fürchterliche
EXA
oste ihm jetzt das schauerliche Räthsel dt
„Elender Tartüffe!“ murmelte er; an den
—X—
der Deines Bruders, den Du so frech ver
leugnest, vor Deiner Zärtlichleit schützen und
ihre Rechte wahren. Ja, ich muß Sicht in
dieser Geschichte haben, —muß den Todten
sehen.“

Er, warf einen Blick aus dem, Fenster,
welches in den Garten führte, nahm eilig
einen Mantel über, drückte die Pelzmütze in
die Stirz und begab sich hinunter zu seinem
Zögling. welcher bleich und unbeweglich
mit dem Schlitten seiger harrte.

„Armes Kind!“ murmelte der junge
Mann, „Du bist ärmer als jene Kinder,
welchen der Vater gestorben ist z. sie haben
hoch noch eine Mutterꝛ.

Er liebte den Knaben, welcher, mit einem
weichen menicheafreundlichen Herzen begabt,
den grassesten Gegensatz seiner Ettern dildete.

und ich habe die gute Großmutter nicht
zinmäle wiedersehen dütfen,“ TUagte Eginhard,
zessen Thränen jetzt auf's Neue flossen. „O
besier Here Harimuth ?dwenn Sie mich lieb
haben, dann gehen Sie mit mir hinaus zu
hr, —nich muß sie sehen oder ich sterbe
zanz gewiß.“ 4 —

Hartmiith tröstete ihn und versprach, noch
—ι V — ⏑, s 10
e Druck 4ñ0 Verlag von F. XR. Denezz in St. Ingabert. 3

ꝛinmal den Vatet um die Erlaubniß zu bitten,
vodurch er das jammernde Kind ein wenig
heruhigte...

Wieder wurde es Abend, der arme Egin⸗
hard schlief den glücklichen Traum der
Kindheit. 12

Hartmuth verließ das Haus und begab
sich nach dem Polizeigebäͤuder: es drängte ihn,
den tedten Freund noch einmal zu sehen, war's
hm doch/ als müsse er aus seinen erstarrten
Zugen die Wahrheit erforschen knnen.

Als er sich durch einen ihm velannten
Neamten legitimirt hatte, erhielt er die Er⸗
laubniß, den Selbstmörder sehen zu dürfen;
nan hatte ihn nach dem Leichenhause des
Zospitals gebracht..

Todt, wirtlich iodtẽẽs..

Hartmuth starrte in das bleiche, ruhige
Besicht des Freundes, kein Zug desselben deu⸗
tete auf die furchtbare Gemüthsbewegung,
desche einem Selbstmorde voranzugehen pflegt.
Fast freundlich waren die erstarrten Mienen,
afs hätte ein sanftes, versöhnendes Gefühl
sein Herz in det letzten Minute noch bewegt.

„Nichts,“ murmelte der junge Mann,
Vessen Augen auf der ködtlichen Wunde haf⸗
eten, „kein Zeichen, kein einziger Änhaltspunkt,
b die mörderische Kugel von Deiner eigenen
dand gelenktoder verrätherrisch Dein Leben
zertürzt. Soll dieses blutige Geheimniß mit
Dir begraben werden

Er legte die Rechte auf des Todten Brust
uind blieb einige Minnten in dieser Stellung,
tarr und unbeweglich das Auge auf das
zlasse Antlitz geheftet. Der Freund hatte dem
Freunde geschworen, der Erbe seiner Rache
u sein. *

Dann verließ er fest und ruhig den
schauerlichen Raum..

J—— Goriseßung folgt.
6hb arradee.
Wenn meine zweite fsich als Erste zeitchh
Dann wird sogleich das Ganze draus entstehen;
Ihm ist ein Volk des Quients geneitgt
snd uͤheran uies ver dmn m sehen.
Iuflosung der Charade in Nr. 122 bes Unterhall⸗
ungsblattes: Oheim.“
        <pb n="493" />
        Unterhaltungsblatt

zum
St. Ingberter Anzeiger.
— rag, den 26. Oetober —AI..

Vr. 123.

5teinhöfer und Soßn.
Von Ewilie Heinrichs.

tiethen aus den wirren Fieberphantasien des
Kranken so ziemlich den Zusammenhang und
jaunen auf ein wirksames Mittel, die beiden
gesährlichen Mitwisser des blutigen Geheim⸗
nisses für alle Zeiten unschädlich zu machen.
Hatte doch der Notar keinen Augenblick an
dem wirklichen Mörder gezweifelt: in seinen
Augen war es einfache und deßhalb erlaubte
Nothwehr, wie er solches kühn als ZSeuge
vor Gericht durchzuführen fich vernaß.

—XI
den Erzieher ihres Sohnes mit so heftiger
Erbitterung?

Harimuth's Erscheinen war schön und
nannlich, sie war es gewesen, welche sein En⸗
zagement betrieben, — ste war die moderne
Potiphar, — es sfiel dem ernsten/ sittlichen
Manne micht schwer, die Rolle des Joseph
treng durchzusühren,. — det Haß bleibt sich
ju allen Zeiten gleich, wie die Leidenfchaften
der Menschen.

Daun fiel ihr Auge auf den neuen Pro—

uristen, er war listig wie ein Fuchs. ge⸗
ich meidig wie eine Schlange mmo Genukmenlch
durch und durch.
Die beiden verwandten Seelen fanden
und verstanden sich, sie hatten dem Erzithet,
welcher mehr gesehen, als für ihn dhut schien,
den Untergang geschwöͤren.

Der Commerzienrath genaß endlich, und
nit der Gesundheit kehrte die Erimerung,
mit ihr die Ueberlegung zurück. Er lannk
setzt seine beiden gefährlichsten Feinde und
mußte sie um jeden Preis unschädlich
machen. S

Die erste Unterredung mit seiner Muller

(Fortsetzung.)

Wochen waren seit dieser furchtbaren Ka⸗
astrophe vergangen.

Der Commerzienrath Steinhöfer lag seit
jener Nacht noch immer schwer krank darnie⸗
der, während die Muttee sich nach ihrer so
wunderbaren Auferstehung rasch erholte und
rotz der entsetzlichen Seelenpein, welche sie bei
zem furchtbaren Geheimniß empfand, wieder
zanz gesundete.

Sie hatte ihren Sohn noch nicht wieder⸗

zesehen, sich aber auch gänzlich von der Außen⸗
welt zurückgezogen und nur die Besuche ihres
Enkels und seines Erziehers angenommen.
Mit Hartmuth hatte sie ein stilles Einder⸗
ständniß, und während Ferdinands Wittwe
das Anerbieten des Commerzienraths kurz ab ;
zelehnt hatte, darfte sie um ihrer Kinder
willen die kleinen Unterstützungen der Mutter,
welche durch Hartmuth's Häude gingen, nicht
zurückweisen, so sehr sich das stolze Herz der
Frau auch dagegen sttäubtee.
Ueber viel haite die alte Dame nicht zu
gebieten, ihre Schwiegertochter und der Pro⸗
curist der Firma, welche Beide während der
Krankheit des Fabrikherrn die unumschränkte
Disposition in Händen hatten, wußten iht
auf die geschickteste Weise alle baaren Mittel
zu entziehen, ein Verfahren, bei welchem der
Notar Wolff den nöthigen Rath ertheilte.

Beide, Schwiegervater wie Gemahlin, er⸗
        <pb n="494" />
        zeigle ihm, daß er fie wirllich zu fürchten habe;
sie sagte ihm mit dürren Worten, daß sie ge⸗
sonnen sei, das Testament umzustoßen und ein
zweites, gerechteres zus errichten.

Der Commerzienräth lächelte und 'verließ
die kindische alte Frau, wie er sie in seinen
Gedanken nannte; er mußte sie schonen, um
sie nicht zum Aeußersten zu reizen

Doctor Wolff setzte gefällig ein solches
Testament auf und ließ es sie unterschreiben.
Sie verwahrte es sorgfältig, die gute alte
BGroßmutter. Von dieser Stunde au wurde
sie noch menschenscheuer und einsiedlerischer,
selbst den lieben Enkel wollte sie nicht meht
sehen, geschweige denn den Erzieher.

Hartmuth war vom Gegentheil überzeugt,
er ahnte die Wahrheit und konnte doch nichts
ausrichten gegen den reichen Mann; war
der Commerzienrath S einhöfer nicht einer der
würdigsten und geachtesten Männer der
Haupistadt ?

Er fühlte, wie man ihm langsam den
Boden unter den Füßen entzog, ja, wie man
sogar hartnäckig versuchte, das Kind von ihm
—
hinz nach jedem Versuche desto inniger und
fester an ihm.

Daß der Commerzienrath nach jener fürch⸗
terlichen Nacht den Mitwisser des blutigen
Geheimnisses fürchtete und, haßte, war ihm
llar, ebenso, daß er jedes Mittel benutzen
würde, ihn vollständig unschädlich ju machen,
das heißt gänzlich zu verderben.

Hartmuth war doppelt auf seiner Hut,
er schien ganz allein der Erziehung seines
Zöglings zu leben und von allem, was um
ihn vorging, keine Notiz zu nehmen. So hoffte
er. die Furcht des Mörders einzuschläfern.

Er täuschte sich, eine solche Furcht ent⸗
stammt der Nmeßs, sie ist nicht einzu⸗
ichläfern.

Monate waren verflossen, der Lenz mil
——
A. Es war ein herrlicher Maitag, der Fab⸗
rikherr feierte seinen Geburtstag, das ganze
Personal sollte mitfeiern. Die Fabrik war an
diesem Tage geschlossen.

Man fuhr auf's Land, das ganze große
Haus war verödet bis auf einen alten Comp⸗
toitrdiener. Eginhard war untröstlich darüber,

daß Hartmuth daheim blieb, er hatte keine
Einladung erhalten.

Als es Abend wurde, ging der Lehrer
aus. um noch einen Spaliergang zu machen.
Der alte Diener sah ihn fortgehen und ver—
schloß, der Sicherheit halber, die Hausthür;
er wußte, daß sich just heute große Baar—
summen im Hause befanden, doch tröstete er
sich mit dem Ungeheuer von Bulldogge, des
Herrn Liebling, welcher als sicheter Huͤter des
hauses vor dem Comptoir seinen Platz ein⸗
genommen hatte und den dicken Kopf auf
die mächtigen Tatzen gedrückt, den Schlaf des
Gerechten schlief.

Einmal schlug er an, knurrte dann, wie
er's bei einem alten Bekannten zu thun pflegte
und schlief weiter.

Der alte Dener meinte für sich, Herr
Hartmuth müsse zurückgekommen sein und
nickte ebenfalls ruhig weiter.

Dieser war indessen bei dem herrlichen
Wetter weiter gegangen, als er beabsichtigte;
die laue Nachtluft, der erste Nachtigalltuf, der
Blüthenduft des Lenzes, — Alles vereinigte
sich, um ihn in jene träumerisch-wehmüthige
A
Wirklichkeit entrückt und das Alltaasleben von
uns abstreift.

Stunde um Stunde verrann, es wurde
Mitternacht — Hartmuth befand sich mitten
in dem schönen Walde, welcher sich unmittel⸗
bar vor der Stadt ausdehnt.

Durch die dunkeln Kronen der Bäume
brach sich das filberne Mondlicht und spielte
in tausend zitternden, phantastischen Win⸗
dungen zu den Füßen des einsamen Wan—
derers.

Er mußte heimkehren und eilte mit raschen
A

Dort lag das Landhaus des Commerzien⸗
raths, wie damals in jener Schreckensnacht,
als er vom Grabe des Gemordeten zurückkehrte
vom bleichen Mondlichte beleuchtet.

Noch immer hauste in jenen Räumen die
Großmutter, die so wunderbar vom Tode
Erweckte. Hartmuth konnte der Versuchung,
sie möglicherweise sehen und vielleicht gar
sprechen zu können, nicht widerstehen.

Er schritt geräuschlos näher und spähte
forschend an den Fenstern umher. Dort hoch
        <pb n="495" />
        oben im Erker brannte ein schwaches Licht,
es mußte die Schlafkammer der alten Frau
sein. Er dachte an die Kinder seines Freundes,
legte rasch, ohne si d zu besinnen. eine hohe
Leiter, welche im Garten lag, an die
Mauer und stieg mit turnerischer Behendig⸗
leit hinauf.

Vor den Fenstern des Erlkers, welche in
den Gatten hinausgingen, waren die Vorhänge
zurückgeschlagen und die Fenster geöffnet. Die
Großmutter saß an ihrem Tische und las,
die alten, schwachen Augen mit einer Brille
bewaffnet, in einem großen Schriftstück. Seit⸗
wärts schlummerte eine rüstige Wärterin, in
eirem Lehnstuhl.

Die alte Dame schaute sich wiederholt
mit einer Art Besorgniß nach der Schlafen⸗
den um, als fürchte sie, von dieser überrascht
uind in ihrem jetzigen“ Vorhaben gestört zu
werden.

Sie nahm jetzt eine Feder zur Hand und
begann zu schreiben, von sichtlicher Angst vor
der Wärterin beherrscht; jetzt war sie zu
Eude, streute Sand darüber und ketzie ein
Siegel unter ihren Numen, wie es schien. Als
die Schlafende sich im Lehnstuhl herumwarf,
serbarg sie zitternd das Schriftstück.

Hartmith sah Alles, mit einem Sprunge
ounte er bei der Großmutter sein, welche
offenbar eine Gefangene war, die Gefangene
des eigenen Sohnes. Er zitterte vor Aufre⸗
zung. und wagte es doch nicht, eine Geräusch
ju machen, aus Furcht, die Greisin tödlich zu
erschrecklen und sich der Gefahr auszusetzen,
pon der Wärterin als gemeiner Dieb gebrand⸗
markt zu werden.

In seiner Aufregung brach er einen dürren
Zweig ab, welcher sich anu's Fenster hinauf⸗
jog, die Großmutter schreckte zusammen und
spähte dann forschend nach dem offener Fen⸗
sser; die aus dem Sarge Erstandene kannte
leine Furcht.

Harimuth zeigte sich, das volle Licht der
Ldampe fiel auf sein Gesicht.

„Gott, Du hast mein Gebet erhört,“ mur⸗
nelte die alte Dame und schritt geräuschlos
auf dem dicken Teppich zu ihm hin.

Sie reichte ihm das Schriftstück, welches
sie soeben untersiegelt, und zog noch einen
Brief aus ihrem Kleide, den sie ihm still⸗

chweigend einhändigte. Dann legte; fie den
Zeigefinger der Linken bedeutungsvoll an ihre
dippen, während sie die Rechte wie zum
Schwur erhob.

Hartmuth verbarg die Papiere und sprach
o leise, wie ein Windhauch: Ich schwöre
Treue und Verschwiegenheit!“ worauf die
Broßmutter mit wehmüthigem Lächeln geräusch
os auf ihren Blatz am Tische, zurück⸗
ehrte.

Ebenso rasch und geräuschlos, wie er ge⸗
cmmen, verschwand Hartmuth von der
deiter, diese wieder an ihren alten Platz
egend.

Er verbarg die Papiere sorgfältig auf
jeiner Brust und beschloß, falls sie, wie er
hoffen durfte, von Wichtigleit für die Zukunft
der Waisen waren, ein sicheres Versteck, als
das im Hause des Commerzienraths, für sie
zu suchen. F

Dann eilte er geflügelten Schrittes nach

Hause.
Als er die Seitenthür, zu welcher man
ihm einen Hausschlüssel eingehaändigt, öffnete,
prallte er erschreckt zurück, ein heller Schein
erleuchtete sein Gesicht und mit den Worten:
„Es ist der Rechte!“ fühlte er sich von kräf⸗
tigen Fäusten ergriffen und festgehalten.

„Was soll das?“ fragte er erstannt,
„wer wagt es, mich hier in diesem Hause so
jzu keschimpfen ?“

„Die Polizei!“ lautete die Antwort,
„im Namen des Gesetzes, Herr, sind Sie
unser Arrestant“ J

„Und wer soll ich sein 7Welches Ver⸗
brechens beschuldigt man mich 7“ fragte Hart⸗
muth ruhig. —

„Sie sind der Hauslehrer Hartmuth, im
Verdacht eines bedeuteuden Gelddiebstahls.“

„Wer beschuldigt mich eines solchen gemei⸗
nen Verbrechens!“ fragte der junge Mann
ruhig weiter.

„Das werden Sie später erfahren, jetzt
nuß ich Sie ersuchen, uns ruhig zu folgen,
jalls Sie uns nicht zu Sicherheitsmaßregeln
zwingen wollen ·· J

Hartmuth athmete schwer, er fühlte, von
vem dieser Schlag ausging und sah sich zur
Ohnmacht verdammt; wie konnte der redliche
Mann auf eine solche Bosheit gefaßt sein«
        <pb n="496" />
        und wenn man ähn durchsuchte, die Papiere
bei ihn fand ? Würde die Polizei nicht
sd gefällig sein, sie dem Commerzienrath aus⸗
zuliefern 7

Der arme junge Mann verlot auf einen
Augenblick die Fassung, der Sicherheitsbeamte
bemerkte es sriumphirend als ein Zeichen
der Schuld.

Doch nur einen Moment währte dieser
Zustand bei ihm, bald fülte er das Gleich⸗
gewicht wieder in sich und die kalte Ueber—
legung, dieses beste Heilmittel gegen die
Verzweiflung.

„Ich werde mit Ihnen gehen, mein Herrl“
fagte er ruhig, „doch werden Sie mir er—
jauben, noch einmal auf mein Zimmer zu⸗
eückzulehren, natürlich nur in ihrer Bealei⸗
zung, um einige Papiere von Wichtigkeit zu
ordnen.“

ollsst Du in's Gefängniß, ich weiß es ganz
zestimmt.“

NUeber Hartmuths Wange rann eine große
Thräne, er schloß den Knaben in seine Arme
and sprach ihm leise und freundlich zu.

Umsonst, er wollte nichts davon hören,
ind verlangte ungestüm, mit ihm in's Ge⸗
ängniß zu gehen.

Da fönte die Stimme seines Vaters von
zer Treppe her; sie rief erst ängstlich, dann
jebieterisch seinen Namen. Eginhard zuckte
susammen u. klammerte sich fester an den Freund.

„Du siehst, welche unheimliche Macht
zieser Mensch über unser Kind erlangt, daß
es dem Vater den Gehorsam verweigert,“ rief
etzt die Commerzienräthin, velche neben dem
Bemahl stand.

Durch Hartmuths Gehirn schoß ein Ge⸗
zanke, er wollte diesen Augenblick benutzen,
am⸗seine Dokumente in Sicherheit zu bringen.

„Lassen Sie mich mit meinem Zögzling
‚wei Minute allein auf meinem Zimmer,“
ief er mit lauttönender Stimme, „und ich
derspreche Ihnen Gehorsam.“

„Nichts da,“ versetzte der Commerzienrath
zornig, „hierher, Eginhard! oder die Polizei
joll Dich zwingen wie jenen Dieb, welcher Dich
so widerspenstig gemacht.“

„Gemach, mein Herr!“ rief Harimuth
etzt empört, „Sie wissen so gut, wie ich
elber, daß ich kein Dieb bin; zwingen Sie
nich nicht zum Aeußersten oder —“
„Papperlapapp!“ unterbrach der reiche
Mann ihn brutal, „behalten Sie Ihre Phra⸗
sen für sich, oder belebt es Ihnen gar, mir
zu drohen? — Meine Herren! reißen Sie
neinen Sohn von seinem Verderber los, hrauchen
Sie immer Gewalt, damit der widerwärtigen
Scene ein Ende gemacht wird.“ (gForts.f.)

Maunnigfaltiges.

Ist bereits durch mich geschehen,“ ver⸗
jetzte det Beamte spöttisch. „Alles, was sich
Wichtiges vorgefunden, begleitet sie in's Poli⸗
Jeigebaͤude. Doch jrtzt nicht lange raisonnirt,
borwärts, meine Zeit ist gemessen.“

Anerhörte Bosheitt!“ murmelte Hartmuth
empbet, „ich muß dru Herrn Commerzieunrath
sprechen,* fetzte er faft gebieterisch hinzu.

Ist nicht zu sprechen, vorwärts, — der
Herr Commeizienrath —“

Em durchdringender Schrei, welcher von
der Treppe her erlönte, unterbrach den Be—⸗
amten. Halbbekleidet stürzte ein Knabe in den
Zreis, welcher sich um den Gekangenen gebil⸗
det und hing schluchzend au seinem Halse.

Es wat Eginhard.

Sie wollen Dich von mir reißen,“ ja m⸗
merte dae Kind in ungestümem Schmerze,
wollen Dich zum Diebe machen, — o, ich
weiß Alles, — der Großvater —

Still, mein Kind!“ gebot Hartmuth
janft, „ich werde morgen wieder bei Dir sein,
— es ist ein Irrthum, weiter nichts.“

—MNein, lein Irrthum,“ rief Eginhard
mit einer an ihm sonst ungewöhnlichen Hef⸗
aigkeit. „Du sollst ein Dieb sein, um in's
GBefängniß zu kommen, sie hassen Dich Alle
— Alle — nur ich allein habv' Dich so lieb
and mag nicht ohne Dich leben. Darum

Lachen als Heilmittel. Der be—
rühmte Arzt Sydenham behauptete, daß die
Ankunft eines Hanswürstes in einem Städtchen
aoch einmal so viet werth sei, als die Ankunft
von zwanzig mit Arzneimitleln heladener Esel.
Die Naturheilkunde wird dem Manne beipflichten.

⸗ãi—
Drud uns Verlaa von F. X. Denaer in St. Inabert.
        <pb n="497" />
        AUlnterhaltungsblatt

* 2 * J *

— —2 — *
SteJagberter Anzeiger.
Sonntag, den 20. Detober ATAi.

41

Fr. 128.
8teinhöfer und Sohn.
Von Emili« Heinrichs.

besten Wege, aus unserem Kinde einen Mörder
zu machen.“

„O Mutter!“ Mutter!“ murmelte der
Knabe, das Messer unbewußt an die Brust
drückend, daß ein Blutstropfen hervorquoll.

„Braucht Gewalt, Ihr Memmen!“ rief
die unnatürliche Mutter.

Nein, nein. keine Gewalt!“ sprach Stein⸗
höfer. todtenbleich näher wankend, „ich will
iu meinem Ki de reden, das ein Fremder
mir abwendig gemacht. Eg nhard; — All⸗
mächtiger Gott! — er hat sich verwundet!
Seht, seht! ein Blutstropfen auf seiner Brust!“

Erschreckt beugte sich Hartmuth zu ihm
herab und sah. daß es nur eine unbedeutende
Verletzung war, wilche der Knabe nicht ein⸗
mal fühlte.

Lafsen Sie mich, wie ich vorhin bat,
nur zwei Minuten allein mit ihm,“ sagte
er rasch.

„Piein Kind blutei,“ murmelte der Com⸗
merzienrath, „õ Eginhard! warum thust Du
mir das ?“

„Konnen Sie kein Blut sehen, Herr Com⸗
merzienrath ?“ fragte Hartmuth mit schneiden⸗
der Schaärfe, und Jener zuckte“ heftig du⸗
sammen.

„Laß mich mit ihm allein,“ befahl der
stnabe jetzt mit trotziger Stimme, welde gegen
fein früheres weiches Wesen merkwürding ab⸗
stach, diese Menschen sollen mich nicht an
rühren. Nimm Dich in Acht, Papa! das
Messer ist scharf. Ich will nicht leben ohm
meinen Lehrer; führt ihr ihn in's Gesängniß,
bann sterbe ich, — hier, — hier vor Euren
Augen gebe ich mir den Tod deuu

? 3. 34 6*

(Fortsetzung.)
Als die Polizisten sich dem Knaben nahten
und die Hand nach ihm ausstreckten, schrie
er laut auf und klammerte sich noch fester an
seinen Lehrer, welcher sanft seine Hände zu
lösen suchte und leise bat: „Um meinetwillen
gehorche, mein theures Kind! Ich habe Dir
noch Etwas mitjzutheilen, könnten wit nur zwei
Minuten allein sein.“

Der Knabe drückte seinen Kopf an Hart⸗
muths Brust und schien nichts zu hören.
Man woltte auf des Vaters Befehl zur Ge—
walt schreiten.

eAls Eginhard die Hand des einen
Beamten auf seiner Schulter fühlte, schrie
er auf und fuhr, wie vom Wahnsinn ge⸗
packt, eipor.

Bevor jener seinen Arm ergreifen lonnte,
um ihn fortzuzerten, hatte der Knabe ein
Messer aus der Tasche gezogen, dessen Spitze
und scharfe Klinge im nächsten Augenblick auf
die eigene Brust gerichtet war.

Wage es nur, mich anzurühren,“ rief er
teuchend, „ich stoße zu und Ihr sollt mich
nicht daran hindern.·.

Der Commerzienrath. schrie vor Schreden
auf, während seine Gemahlin höohnisch auf⸗
lachte.

„Seht, seht, die Früchte solcher Erziehung,
ich sagte es Dir stets, Du wolltest nicht hören.
Dieser Mensch, dieser Dieb war auf dem
        <pb n="498" />
        „Erfüllen Sie meine Bitte,“ wiederholte
Harimuth dringend.

‚Nun gut,“ versetzte Steinhöfer nach kur⸗
zem Kampfe, „es mag geschehen. Nehmen Sie
Ihre Sicherheitsmaßregeln, mein Herr!“ wandte
er sich zu dem Beauten und schritt hastig der
Treppe zu.

Hartmuthe lächelte verächtlich; von
Polizei gefolgt, begab er sich mit Egin
nach seinem Zimmer. Jene postirten sid
der Thür urd draußen vor den Fenn—
um ein Entkonmen zu verhindern. Fe
Mann dachte nicht an Flucht.

Hartmuth, welcher unterwegs
Briefe und Papiere zu einem Packet gesorint,
gab dasselbe dem Knaben, welcher dieses rasch
auf Ler Brust verbarg. Dann iitnete der
lunge Mann die Thür und üb⸗rneferte sich
der Polizei, während Eginhard still und ge⸗
horsam in sein Schlafgemach zurückkehrte.

Die Mutter war nicht mehr sichtbar für
ihr Kind, doch der Commerzienrath hbarrte
Eginhards bleich und ungeduldig.

.Mein Sohn,“ begann er, „Du hast mich
heute Abend sehr betrübt. ““

„O, still, Papa!“ rief der Knabe heftig,
„ich hab es ihm versprochen, gehorsam zu sein,
sonst würde ich Dir sagen, wer der eig niliche
Dieb des Geldes ist.“

„Nun, da bin ich aber doch begierig,“
meinte der Vater unruhig, „es scheint mir,
als habe der saubere Herr Lehrer Dich zum
Lügner und Verleumder herangebildet. Darum
also bestand er auch so dringend darauf, mit
Dir allein zu sen.“

„Rein, nein,“ rief Eginhard mit blitzen«
den Augen, „er hat mir stets gelehrt, die
Wahrheit zu lieben. Aber ich weiß Alles, —
Alles — warum Mama ihn fortschicken will
und Du ihn jetzt zum Diebe machst.“

Thörichtes Kind!“ rief der Commer⸗
zienrath und sein Gesicht wurde aschgrau,
„sollte der Elende es gewagt haben, Deine
Eltern in Deinen Augen herabiusetzen!
Wehe ihm —

RiEginhard schüttelte energisch den schönen
Eockenlopf, er war wie umgewandelt und hatie
nur den einen Gedanken, den Einzigen, wel⸗
chen er auf Erden liebte, zu befreien. Was

tümmerten ihn die Elter, hatte die Mutter
jemals ein Herz fi ihn gehabt?

Alles, was ec eliebt, war ihm durch sie
geraubt worden, Haurtmuth und die alte Groß⸗
mutter. — Und der Vater ? Er überschüttete
ihn frejlich Saßit Zärtlichkeiten, erfüllte seine
leisesten Wünsche, — als der Knabe jedoch
einst, es mochte ein Johr her sein, aus seinem
Munde vernommen, daß er in aͤhm nur den
kůnft: . Erben seines Namens liebe, — des⸗
hatto sorgsam sein Leben und seine Gesund⸗
heit behüte, so zog sich der nach wahrer Liebe
dürfstende Knabe still in sich selbst zurück, bis
kurz; darauf Hartmuth sein Lehrer; und sein
Freund wurde und sich des seinen Jah en
weit vorangeeilten Knaben Neigung im höchsten
Grade gewann.

„Du weißt es so gut als ich, daß Hart⸗
muth kein Dieb ist, mich auch nichts Vöses
und Unrechtes gelehrt hat,“ sprach er lang⸗
jam, „und wenn er morgen nicht zu mir zu-
rücktehrt, dann werde ich's der Polizei sa⸗
gen, wer der eigentliche Dieb ist. Gute
Nacht, Papa!“

Der Commerzienrath stand wie versteinert.
War das der weiche, furchtsame Eginhard
von ehedem? — Welcher Geist war in den
Knaben gefahren ?

Er wollte mit dem Kinde scherzen, es ge⸗
lang nicht, das Wort erstarb ihm auf der
Lippe: er wollte zürnen, Gehorsam und Un—⸗
terwerfung fordern, ihm fehlte der Muth dazu,
der reiche, stolze Mann bebte vor einem
Kinde V

Als die großen Augen desselben ihn so
ernst und vorwurfsvoll anschauten, schlug
ihm das Gewissen — das war der ZJluch
einer Todsünde! 3

Er seufzte tief auf und verließ das
Zimmer.

Eginhard stand unbeweglich vor seinem
Bette und horchte den sich entfernenden Schrit
len des Vaters.

Als sie verhallt waren, stand er in zwei
Sätzen bei der Thür, um sie zu verriegeln,
und leuchtete überali umher, um sich zu uͤber⸗
zeugen, daß auch keine fremde Seele sich in
sein Geheimniß zu drängen vernögge. —
Sein Bücherschrank, wo er das Packet,
ohne es auch nur anzusehen, verbarg, dünkte
        <pb n="499" />
        ihm jeht das größte Heiligthum zu sein, —
er hätte den Schlüssel in der That mit sei⸗
nem Leben vertheidigt. —
—RD— 6
buKapitel. it
Es war aus Morgen und Abend wie⸗
derum ein Tag, doch kein Hartmuth ließ sich
sehen.“ Der Commerzienrath war ftüh am
nächsten Morgen verreist, bevor Eginhard aufe
gestanden. Der Diener: händigte ihm ein ver⸗
fiegeltes Papier ein; Gedulde Dich einige
Tage, mein Sohn, bis ich zurückgekehrt din, —
dann sollst Du zufrieden soein.“
.. So' waren acht Tage verflossen, der Va⸗
—X
ver zehrte sich in qualvoller Ungeduld.“ Da
empfing er einen Brief von ihm durch die
Posi mit der freudigen Anzeige.“ sogleich ab⸗
zureisen und zu ihm zu eilen; Hartmuth er⸗
warte ihn. Er sei frei, könne aber nicht zu
ihm zurückkehren. J
Das werden wir sehen !“ murmelte er
und reiste in Begleitung eines Dieners mit
Ertrapost fort. Die Mutter zeigte eine außer⸗
ordentliche Fürsorge, welche den klugen Knaben
hätte stuzig machen müssen. Doch war er zu
sehr von dem Gedanken an den geliebten Freund
erfüllt, auch zu arglos, um solche Betrach-
wngen anzustellen. 1
Die Reise währte länger, als et geglaubt;
8 wurde Racht,“ als sie eudlich vor enem
einen, einfachen, ländlichen Gebäude hiel⸗
jen. Sie befanden sich in einem Ge
birgsdorfe.
Dag Pfarrhaus nahm den Knaben auf,
er war üherlistet und gefangen, wie seir
Freund. —
Als der Vater in dem eigenen Sohne
einen gefährlichen Feind erkannt, verstummte
die Liebe, — er mußte sich vor ihm schützen,
ihn für's Erste unschädlich machen.
Der Pfarrer Schoͤnlein, ein sehr gelehrtert
aber auch wektlluger Mann, war fortan sein
Erzieher und, wenn Eginhard es wünschte
und wollte, auch sein Freund.

Der Pfarrer sollte die schliumen Grund⸗
sätze des früheren Lehrers in seinem Schüler
durch Frömmigkeit und strenge Zucht zu tilgen
uchen; das war die ihm vom Vater gewor⸗

dene · Aufgabe, und Pfarrer Schönlein war just
der rechte Mann dazu. 6
Durch Eginhard's junge Brust zog es
wie ein Eishauch, welcher alle Blüthen der
Liebe und des Vertrauens im steime zu er⸗
icken drohte. eee u,
Verrathen wie sein, Freund — verrathen
vom eigenen Vater, der ihn mit heuchlerischer
Freundlichteit in diese Falle gelokdl. 5

Der arme Knabe konnte nicht weinen, er
war auch zu stolz, dem Pfarrer sein Herz zu
zeigen. Als ex jedoch sein kleines Zimmer be⸗
srat, da brach er boffnungslos zusammen und
weinte bitterlich. i J
Und sein Geheimniß im Bücherschranke! —
Er packte den kleinen Schlüssel, welchen er an
einer Schnur auf der Brust tiug, mit krampf⸗
hafter Hand, und schlief endlich unter Thrä⸗
nen ein. 6.
Drei Monate waren vergangen, es war
Sommer. —

Eginhard wurde wie ein Gefangener ge⸗
halten, — er hatte überall Bewachung, keinen
einzigen Augenblick, der ihm selber gehörte, —
er haßte Alles, die Natur und seine Peiniger,
er mochte kein Buch mehr ansehen und verfiel
in ein dumps⸗s Hinbrüten, welches endlich
zu einer schweren Krankheit führen mußte.

Da siel ihm eines Tages ein Zeitungs⸗
blatt in die Hände, er wollte es gleichgültig
auf die Seite werfen, als sein Auge wie ge⸗
bannt auf einem Namen haftete.

Wit fieberhafter Aufregung las er folgen⸗
den Satz: „In der gestrigen Nacht brach
auf eine bis jetzt noch nicht aufgelkärte Weise
in dem hiefigen Gefängniß Feuer aus. Enigen
Gefangenen istmeß gelungen, zu entkommen,
unter ihnen der frühere Hauslehrer des Herrn
Commerzienrath. Steinhöfer, “ Namens Hart ·
muth, welcher sich voch immer . als des be⸗
fannten Diebstahls verdächtig in Untersuchungs⸗
haft befand,, Diese Flucht syricht für seine
Schuld, obgleich man ihn bislang nech nicht
des Geringsten hat überführen lönnen, da
keine Spur von dem gestohlenen Geld entdeckt
ist. Man-spricht sogax davon, daß Hartmuth
auch jetzt. als Brandstifter steckbrieflich
ver solgt wird.. uνν,
Eginhard blickte rasch nach dem Datum
der Zeitung, sie war bereits 14 Tage alt.
        <pb n="500" />
        Mil auffälliger Hast fragte et nach der nenen
Plättern und zog sich mit ihnen auf sein
Zimmer zurück.

Wie seine Augen die Spalten durchflogen!
zum ersten Male seit seiner Anlunft fühlte
er wieder Interesse für die Welt, schlug sein
Herz höher in der Brust.

Oh, Gott sei gelobt!“ flüsterte er leife
und athmete kief auf. —

Hier stand in der neuesten Zeinung: „Der
als Dieb und Brandstifter steckbrieflich verfolgte
Hartmuth scheint glücklich entlommen zu sein,
während die Uebrigen fämmtlich wieder einge⸗
fangen find.

Nach ihren übereinstimmenden Aussagen
nuß Hartmuth das Feuer zum Zweck einer
Flucht angelegt haben, obgleich das „Wie“
unerklärlich bleibt, da er, wenn auch lessellos,
doch wie die anderen Gefangenen gehallten
wurde. Es scheint, man hat es hier mit einem
üußerst gefährlichen Verbrecher zu thun; —
die Polizei ist seit 14 Tagen in angestreng-
ler Thätigkeit. Vielleicht darf sich Amerika
auf diesen Gauner gefaßzt machen. Glückücher
Welttheil!“/

Eginhard lachelte bitter, als er den Saß
zganz zu Ende gelesen hatte. Sein Herz wollte
sich umwenden in der Brust bei diesen Wor⸗
ten, welche so furchtbar den Beweis wieder
führten, daß der Schein stets zu alten Zeiten
die Welt regiert.

Welches Urthell über einen Mann, den
nur die dollische Bosheit zum Berbrecher
gestempelt, der das gerade Gegentheil von dem
war, was hier so frech von ihm behaupiet,
wurde. Wie brannte es ihm auf dem Herzen,
diesen Zeitungsschrelber zum Widerruf zu
zwitigen /

Der arme Knabe ahnte nicht, daß jeu
Worie von seinem eigenen Bater dictirt und
reich bezahlt worden twaren, Ju solchen
Dingen kickerse der Herr Commertzien⸗
rath nicht.

Eginhard konnte die Moͤglichleit nicht be⸗
greifen, daß es Jemand ungestraft wagen
durfte, solchen Schimpf öoffentlich auf einen
Mann zu häufen, welcher noch durch keinen
Rechtespruch verurtheilt worden war. Er kannte
—&amp;

den Fluch des Gefangnisses nicht, der sich schon
in der Untersuchungshaft auch dem Unschul⸗
digen aufbürdet. J

Die eine Genugthuung, daß sein Freund
glücklich entkommen sei, regte alle seine Lebens⸗
geister auf's Neue an. Amerika! wie dieses
Wort in ihm, eine neue Welt eröffnete, —
neue Hoffnungen, neue Plaäne, er vergaß, daß
er der einzige Erbe großer Reichthümer dereinst
werden sollte, und lebie nur in dem Gedanken,
— aus diesem Gefänggnisse ebenfalls zu
entlommen und zu dem Freunge zu ent⸗
fliehen.

Etwas wirklich Gutes hatten diese Träume
für ihn, sie führten ihn zum Lernen zurück,
er warf sich mit einenn wahren Heißhunger
auf die praktischen Wissenschaften, weil er
dieses häufig von Hartmuth als etwas Uner.
läßliches hatte nennen hören.

Träume weiter, armer Knabe! Du wüthest
amsonst gegen Deinen goldenen Käfig; —
während Du von Freiheit träumft, schwimmt
der Freund schon auf dem Ocean!
6gortsetzung folgt.)

Maunigfaltiges.

Topographisches. Eine Zeitungs—
redaction in Raͤpoleon (Arkansas) sagt: „Wo
por zwei Wochen unser Bur au war, strömt
jetzt der Mississippi dahin. Aus Achtung
jür den Vater der Gewässer“ zogen wir aus.“

Eine hochbejahrte Bauersfrau trat gerade
pot Friedrich I., als et beieiner Revüe
Pferde wechselte. „Mütterchen, was wollt Ihr?
fragte der Monarch leutselig. — „Nar Ihr
Angeficht sehen und weiter nicht.“ Friedrich
nahm einige Friedrichsd'or aus der Tasche
und gab sie der Alten mit den Worken: „Liebe
Mutter! seht dier auf diesen Dingen siehe ich
weit befsser, und hier koͤnnt Ihr mich ansehen,
o lange Ihr wollt; — ich habe jetzt niche
Zeit, mich länger ansehen zu lassen “

74

Druck und Verlag von F. X. De aen in St. Inobert. —
        <pb n="501" />
        Unterhaltungsblatt
Im
St. Ingberter Auzeiger.

—X Dienstag, den 835. Oetober
Steintzöfer und Soßn.
WVon Ewilie Heinrichs.

mit Güte und Drohung über diesen Punkt
zum Reden zu bhringen versucht. Eginhard
schwieg beharrlich und erklärte zuletzt mit einer
Stimme, welche wie Hohn klang: „Mein
theurer Lehrer schärfte mir noch einmal dus
bierte Gebot ein!“ —

Hartmuth mußte woͤhl endlich einsehen,
daß man die Untersuchung geflissentlich in die
Ldänge zog und ihn schließlich auf Verdacht
perurtheilen würde; — war er doch fest
überzeugt, daß der ganze Diebstahl nur in
Seene gesetzt worden war, um ihn als ge—
meinen Verbrecher gänzlich unschädlich zu
machen.

Wer mochte es ihm unter solchen Um⸗
ständen perdenken, daß er die erste peste
Belegenheit zur Flucht ergriff, eine Gelegen⸗
heit, welche ihn leider noch obendrein zum
Brandstifter stempeln sollte ? 4
Es war an einem dunkeln Abend in den
ersten Tagen des Septembers, als Hartmuth
bei der Wittwe des Freundes eintrat.

Unumwunden erzählte er ihr die Geschichte
seiner Leiden. Sie hörte ruhig zu; was konatt
iie bei allem, was sie durchlebt und erfahren,
noch überr aschen und erschütierr ꝛẽꝛ

„Wobin gedenken Sie zu fliehen, mein
Freu fragte ße, als er geendet.

„Nach Amerika!“

„Es ist das cinzige Asyl sür Sie; —
ich werde Sie verbergen, bis sich die Gelegen⸗
heit zum Fortkommen für Sie findet. Ich
lenne die Frau eines Schifftapitäns, welcht
bren Mann in diesen Tagen von einer Jan⸗
geren Reise zurüderwartet; die Frau ist mir

Gortfetzungh.
Hartmuth war wirklich glücklich entkommen;
daß er an der Brandftiftung im Gefängniß,
wenn eine solche wirkllch vorlag, ebenso un—
schuldig war, wie an dem Diebstahl, braucht
nicht näher erörtert zu werden; daß er jedoch
—XD
sondern die Freiheit vorzog, obgleich diese ihm
unter den obwaltenden Umständen für die
Zukunft nicht viel nützen kdonnte, erscheint bej
seiner völligen Unschuld unerklärlich. Und doch
war's bei dem Gange der Untersuchung ihm
nicht zu verargen, es war ihm in dieser mo⸗
natelangen Haft zu deutlich, zu llar geworden,
daß dem Reichthum gegenüber zuweilen die
sonnenhellste Unschuld bis zur Unkenntlichkeit
geschwärzt werden kann, und daß eine geheime
Macht Berdacht auf Verdacht gegen ihn ber
zehoch aufzuthürmen sich rastlos mühte. J
Die Aussage des alten Comptoirdieners
bon dem lurzen Anschlagen und Knurren des
Hundes an jenem Abend, wie bei einem Be⸗
kannten, welches ihn zu der sichern Annahme
geführt, daß es Hartmuth gewesen, welcher
bon seinem Spaziergauge zurückgekehrt sei, fiel
ganz besorders erschwerend gegen ihn in die
Wagschale, wozu sich alsdann noch besonders
grabirend sein pätes Nachhausekommen und
die geheime Zwiesprache mit dem lleinen
Eginhard gesellte.
Der Pfarrer Schenlein hafte den leßzteren
        <pb n="502" />
        zum Dank verpflichtet, bei ihr werde ich für
ihr Fortlommen sorgen.“

Und hiermit war die Sache abgemacht,
sie galt von beiden Seiten für so selbstver⸗
stündlich, daß kein weiteres Wort darüber
geredet wurde.

Kapitän Brandt war angekommen, er war
ein derber, redlicher Seemann, frei und offen
wie das Meer, arf dem seine eigentliche Hei⸗
math war. Er blieb nur noch acht Tage
daheim, dann mußte er wieder fort, um so⸗
zleich eine Reise nach den Vereinigten Staaten
anzutreten.

Er sah Harimuth und gewann ihn“ auf
der Stelle lieb. Einen unschuldig Verfolgten
fortzulvotsen, das war sein rechtes Fahrwasser;
wehe, wer ihm dabei störend oder hindernd
in den Weg getreten wäre. Glücklich kamen
sie nach der Seestadt und wandten bald auf
blauen Wogen der Heimath den Rücken.

Jetzt erst sind wir ganz verlassen, arme
inder!“

So seufzte die Wittwe des Ermordeten
und verbarg die Thräne vor dem forschenden
Blick des Knaben.
Ferdinand aber sprach entschlossen: „Wenn
ich größer bin, dann gehe ich zum Onlel
Harimuth nach Amerika!“

Die Polizei suchte noch immer rastlos
nach dem Entflohenen, das Geld des Com⸗
merzienraths spornte ihre Thätigkeit. Umsonst
— ihre sonst so vortreffliche Spürnase hatte
dieses Mal stets die falsche Witterung.

„Es ist gut,“ tröstete sich der reiche Fab⸗
rikherr, „ala Dieb und Brandstifter darf er
sich hier niemals wieder sehen lassen; wer
würde dem Verbrecher auch glauben 7) Ich siehe
iber jedem Verdachte, und jene alte Frau?
Pah, sie wird auch endlich wieder sterb.n und

nicht zum zweiten Male krwachen.
6. Kapitel. —
Die guten und die schlimmen Tage, alle
rauschen sie vorüber, selbst das unermeßliche
Unolück der Menschheit kann ihren Lauf nicht
aufhalten. W
.Vier Jahre waren verflossen — die my⸗
seridfe Geschichte jenes Diebstahls war ver⸗
gessen, wie auch der angebliche Selbstmord
um Sarge der Auferstandenen.

Eginhard war bei seinen Träumereien
und den angeftrengtesten Arbeiten bald er—
rankt ·- des Pfarrers Einfluß hatte bei
diesem seltsamen Charakter nichts ausrichten
lönnen, er war zu gerefft durch die Erfahr⸗
ungen jener Zeit, deren Geheimnisse ihm wie
ein Alp auf der Seele lagen.

Er haͤtte Alles: Achtung, Liebe und
VBertrauen zu den Eltern verloren und fürch⸗
tete sich vor ihrer Nähe.

Jetzt defand er sich wieder daheim —
der eine Arzt brfürchtete ein schleichendes Fie⸗
ber und verordnete Ruhe; ein zweiter hoffte
von der Zerstreuung einer größeren Reise völlige
Benesucng.

Der Commerzienrath war in Verzweiflung,
was nützten ihm die aufgehäuften Schätze,
um derentwillen er sogar zum Mörder ge—
worden, wenn nun der einzige Erbe einem
wahrscheinlichen frühen Grabe zuwellte 7

Eginhard lächelte traurig, ihm war
diese Aussicht die einzige Hoffnung auf Er⸗
lösung.

Wußte der Knabe mehr als der Vater
ahnte7 Kannte er die furchtbare Blutschuld
desselben 9 —

Wir wollen diese Frage noch ruhen las⸗
sen, jedenfalls wußte er genug, um ihn gren⸗
senlos elend und unglücklich zu machen.

Er war jetzt 16 Jahre alt und vor we⸗
aigen Wochen confirmirt worden.

Wieder war des Vaters Geburtstag im
Mai, doch war der Tag diesmal kein sonni—
zer, sondern rauh und kalt; mit welchen
Hefühlen vermochte der Sohn ihm seine Glück⸗
wünsche darzubringen, wo furchtbare Erin⸗
nerungen sich unerbittlich zwischen sie drängten.

Eginhard hatte bei seiner Heimkehr den
Bücherschrank unversehrt vorgefunden. — Das
Packet des Freundes lag unangetastet in sei⸗
aem Versteck.

Noch niemals hatte er es gewagt, dasselbe
ju berühren, es dünkte ihm ein heiliges
Vermächtniß, worauf seine Augen nicht weilen
durften.

Heute an dem vierten Jahrestag jen er
Schrecensstunde, stand er wieder vor dem
Schranke, mit düsterer Wehmuth vor fich hin⸗
tarrend. Er hatte den Vater wie gewöhnlich
zum Geburtstage beglückwünscht.
        <pb n="503" />
        Der Commerzienrath war in diesen vier
Jahren auffällig gealtert, das sonst so glatte
Gesicht hatte tiefe Einschnitte bekommen, die
gerade, vornehme Haltung war nachlässiger,
gebeugter geworden.

Er war im Geschäfte thätiger, ruheloser
uls jemals und verkechrte wenig mit seiner
stolzen Gemahlin, wilche der Lbeuslust über
Gebühr huldigte.

So ging jedes Glied dieser Familie
seinen eigenen Weg. — Vater — Mutter
— Sohn! * 8
Die Nemesis schien das Haus mit düsteren
Schwingen zu umkreisen. n e

Als der Sohn ihn so kalt und ceremoniell
beglückwünschte, seufzte er tief auf und
hielt die da:gebotene Hand lange iu der sei⸗
uen feste.

„Du bist noch immer krank, mein Sohn!“
sagte er betrübt, „o sprich, hast Du irgend
einen Wunsch, den ich erfüllen könnte, um
Dich einmal heiter zu sehen!“ —

Eginhard blickte ihn fest a.

„Ich habe einen Wunsch, Vater!“

„Nenne ihn inir und er ist erfüllt.“
»„vLaß mich wie früher wieder zu der lie⸗
ben Großmuiter gehen.“ *

Der Commerzienrath erbleichte sichtlich und
senkte das Haupt.

„Die Großmutter will keinen Menschen
sehen,“ versetzte er mit sichtlicher Anstrengung,
„sie bekommt Krampf ⸗Aunfälle, wenn man es
bersucht, sich ihr zu nahen. Seit ihrer Auf⸗
erweckung hat sich dieses Leiden sehr ver⸗
—IIIL
huͤlfe.·

„Dann habe ich keinen anderen Wunsch,“
sprach Eginhard und verließ das Zimmer.

— Ihnm war in des Vaters Nähe, als
müßsse die Dede sich auf ihn herahsenken.

Sollte er etwas ahnen⸗ oder gar wissen?“
fragte sich der Commerzienrath. Wie oft hatte
er sich diese Frage schon vorgelegt und vor
der Antwort gezittert.

Espoinhard öffnete den Schranuk und nahm
mit entschlossener Hand das Packet heraug.
Hatte Hartmuth nicht damals gesagt, es läme
von der Großmutter d War ihm nicht dadurch
ein Recht auf dasselbe zuerkannt? Er, der
einzige Enkel dieser Fra uu

Ein Zeitungspapier, war darum reschlagen,
man sah, wie solches in Eile geschehen. 434

„Ich will Licht haben,“ murmelte er—
„mag der Inhalt mich auch zerschmettern, —
rein Fluch ruht auf ünserm Hause, ein Bann,
den ich vielleicht zu lösen veimmag. “
Noch zögerte er, eine gtheimnißvolle
Scheu hielt ihn von dem anvertrauten Gut
zurück.

Da meldete der Diener den Besuch eines
fremden Mannes, welcher min Eginhard allein
zu reden wüuschte; er überreichte zugleich diie
Karte desselben.

Kapitän Brandt 7“ sprach exr kopfschüt⸗
jelnd, „ein mir völlig fremder Mang. Doch
gleichviel, laß ihn eintreten.

Der Diener entfernte sich. nach wenigen
Minuten trat der Fremde in's Zimmer, ein
derber Seemann, in der kleidsamen Tracht
eines Schiffkapifäns.

„Ah, Sie sind Seemann?“ rief Eginhard
überrascht, während eine unbestimmte Ahnung
sein Herz höher klopfen machte. „Was führi
Sie zu mir? Was bringen Sie mir, Herr
Kapitän 7*

Ich habe mit Ihnen Wichtiges zu re⸗—
den, junger Herr!“ versetzte dieser leise, „sind
wir völlig allein und unbehorcht?“

Eginhard öffnete die Zimmerihür urd
blidte hinaus, dann schob er einen Riegel
von innen vor. — e ee

„Wir sind hier völlig ungestört,“ sprach
er in sichtlicher. Aufregung..

AIhr⸗Freund sendet mich zu Ihnen,
Herr Eginhard !“. fuhr Kapitän Brand noch
leiser fort.

Der junge Mann unterdrückte einen Schrei
ver Freude, er zog den Kapitän mit sich fort
an's Fenster, wo zwei weiche Lehnstühle stan⸗
den und schob ihm den einenhinn.

So, jetzt erzählen Sie — sagen Sie
mir Alles, was Sie von dem Tbeuren
wissen.“ —A—
„Zuerst sendet er ihnen dieses Schreiben
und dann —
Eainhard zitterle vor Freude, er barg
den geschätzten Brief auf seiner Brust und
setzte sich dem Kapitän gegenüber.
XEs geht Ihrem Freunde wohl,“ begann
dieser leise, „jchwere Tage liegen hinter ihm,
        <pb n="504" />
        von nmelchen er Ihnen selber dereinst, wenn
Gott es zulaͤht, ausführlich erzählen wird
Er bittet Sie, den Brief, sobald Sie ihn
gelesen, jn verbrennen, ich selber soll Zeuge
davon sein ·“··

Eginhard neigte zustimmend den Kopf,
und zog / den Brief wieder hervor. Wie zitterte
seine Hand, als er ihn erbrach.

Hartmuth schrieb:

Mein theuerster Eginhard

Erlaube, daß der Freund Dich noch nach
vpier Jahren mit dem vertraulichen Du bee⸗
grüßt. Wenn Du diese Zeilen durch Kapitän
Brandt, meinen edlen Freund und Retter er⸗
halst, bist Du 16 Jahre alt und wahrsch ein⸗
lich schon confirmirt. Wie Du geworden, weiß
ich. der Saame, den ich in Dein weiches,
für alles Gute and Edle so empfängliche
Herz gestreut, ist aufgegangen, um derreinf
herrliche Früchte der Menschenliebe gu tragen
Mein Eginhard wird sich selber treu bleiben
ande den Grundsahen, weiche allein zum wah⸗
ren Bläcke führen. Du wirst fortfahren zu
lernen, um den Reichthum, welchen Golt Dir
früher oder späier bescheeren, wird, nach seinem
Willen anzuwenden, halte stets den Glauben
heft, daß Du nicht der Besitzer, sondern nur
der Verwalter dieses Reichthums sein wirst,
ber Dir gegeben ist zum Heile Deiner ürme⸗
ren Mitbrüder. Dann wird er zum Segen
in Deiner Hand, während er fich im anderen
Falle zum Fluch umwandelt. — Du wirsi
die große Fabrik Deines Vaters Übernehmen,
hiet findest Du den rechten Wirkungskreis,
um den Mammon,« welchen Dein Vater zu
egoistischen Zwecken zusammengerafft, dem
Wohle der Meunschheit zu weihen; — dann,
mein Sohn! hat Dein Lebben ein heiliges
Endziel gefunden, und wenn ich heimlehre,
wirst Du sühnen, was dieser Mammon ver⸗
brochen hat, Du wirst des Teufel des Goldes
in rinen Engel umwandeln. Ich setze als

ganz sicher voraus, daß Du das Dir anver⸗
wene Päckchen moch besttest. Wenn ich bis
zu Deinem einundzwanzigsten Jahre, wo Du
mündig fein wirst, nicht“ zurückgelehrs bin,
dann dffne das Packet und handle als Mann.
Bis dahin wirst Du es als mein Eigemlnuem

zelg halten. Grabe diese Worte in Dein Herz
und verbrenne den Brief. stein Mensch darf
dabon erfahren; wenn ich wiederlehrr, werde
ich meinen Feind zur Wiederherstellung meiner
gebrandmarkten Ehre zwingen, bis zu diesem
Zeitpunkte küßt und umarmt Dich im Geiste Dein
Hartmuth.ꝰ
Bleich, doch mit blitzenden Augen hatte
Eginhard diese Zeilen überflogen, dann las
er sie wieder durch und lüßte sie mit über⸗
romenden Augen. als müsse er sich von dem
Ziebsten trennen und warf sie dann entschlossen
n den Kamin,wo ein helles hehagliches
Feuer loderte. Die Flammen zischten auf, sie
ha nen den Brief verzehrt.
Eginhard reichte den Kapitän die Hand
md jprach: Ich würde Ihnen ein schrift⸗
iches Wort kür den Freund mitgeben, müßte
ch nicht von allen Seiten Berrath befürchten.
So sagen Sie ihm, wein Sie ihn, wie ich
joffe, wiedetsehen, daß ich Ihnen die Hand
sum Schwure und Unterpfande gereicht, sei ne
Mahnung in allen Punkten zu erfüllen. Ich
verde lernen und streben, um das hohe Ziel
zu erreichen, welches er mir gestect. Sagen
Sie ihm, daß beine Hand das anvertraute
But noch berührt, und äch es heilig halten
vürde, wie bisher, bis zu dem Zeitpunkte,
den er mir gesetzt. Sie sind sein Freund und
Retter, Herr Kapitän! o, seien Sie auch mein
Freund, — auf daß ich Ihnern danken kann
für seine Retiung.“““
ortsetzung solgtzz.

Mannigfaltiges.

Eien chiuesrsches Syrüchwort.

Vier Dinge verlangen wir von den Frauen:
es throne die Tugend in ihrem Herzen, Be⸗
scheidenhen spiegle fich in ihrem Auge, Süßig⸗
leit fließeevon hreu Lippen und Geschäftig⸗
beia Gewege het Hände

„Jetzt tbeginne ich arinen Louis zu
47 ! Lief Eugenie. und reiste gleich nach
Spanien.
— 99

22 — D — D05 —
—— —

— D— — ——

Deyd und Verlag van F. A. Dere in St. Ingbert.
        <pb n="505" />
        wen F —
St. Ingberter- Auzelgere
— 130. J Dym tterstag, den 2. November 15
steinhöfer und Sohmnn
Von Emilie Heinrichs 4
F (Gersehug) ——
.., Diese Zeit der Dankbarkeit kommt auch
für Sie, junger Herr!“ sprach der Kapitän
ernst, folgen Sie Ihrem Freunde, er ist ein
vahrhaft edler · Mann, und kann meine
Freundschaft Ihnen nützen, hier meine
Hdand, — Kapitäu Brandt ist kein schlech⸗
ler Kerl!“ — — —⏑— —
Eginhard drückte sie innig, diese harte,
draune Hand, und händigte ihm dann sein
Bild für Hartmuth ein.
Als er draußen leise Tritte auf dem Cor⸗
ridor hörte, schob er rasch und igeräuschlos
den Riegel zurück, um keinen Verdacht zu er⸗
wecken, erschrack aber doch ein wenig, als die
Thüre sich rasch jffnete und sein Großvater,
der Doctor Wolff, eintrat
. Dieser warf einen blitzartigen Blick auf
den Seemann, den er kurz und vornehm
zrüßte, und sagte: „Die Eltern speisen heute
bei mir, Du wirst doch mitkommen, lieber
Eginhard 7 ———
Xhut mir leid, Großpapa !7 versetzte
der junge Mann ruhig, „icht werde diesen
herrn. den ich Dir als den Kapitän Brandt
vorstelle, ein wenig in der Stadt und später
in der Fabrik umherführen. Da weiß ich denn
aicht, wann ich zurückkehre, und Ihr liebt alle
eine präcise Tafel. .
Eginhard versuchte zu lächeln,
ihm aber schlecht; er warf dem

relcher große Lust bezeigte dagegen zu prote⸗
tiren, einen bittenden Blick zu, üund holle
ohue Umftände seinen Hut und Paletot, am
ich zum Ausgehen zu rüsten.
Der Großvater war freilich schon seit
Jahren nicht viel. Freundlichleit von seinem
Enkel gewohnt, er wußte, daß er ihn schonen
nußte, um ihn nicht zu Extravaganzen zu
teizen, und verließ auch jetzt, freundlich grü⸗
zend, das Zimmer. A
Sʒy sind sehr gütig, Herr Steinhöfer,“
hegann Fane Brandt etwas verlegen, in⸗
dessen thut es nir leid, von Ihrer Güte keinen
Bebrauch, machhn zu können — meine Zeit
ist so gemessen.“ —
Ich begleite Sie in Ihr Hotel oder auf
den Bahnhof, wohin Sie gehen, mein lieber
Freund!“ fiel Eginhard rasch ein, „verzeihen
Sie, daß ich Sie zum Vorwande meiner Ab⸗
ehnung nahnu ⸗— 7
Es war Ihr Großvater, junger Herr !*

In dem Tone des Seemann's lag ein
eisen Vorwurf. —
sSie kennen ihn nicht, diesen Großvater!“
prach er leise, ich kann nicht mit ihm in
inem Raume athmen. O Gott! schütze mich
vor Wahnsinn l“ we Wggk
Kapitän Brandt reichte ihm die Hand und
prach ernst: „Auch Ihre Zeit dommt. Herr
kginhard! Gott läßt sich nicht“ spotten und
weiß den wirllichen Verbrecher zu finden.“4
Schweigend verließen Beide daß Haus und
schlagen den Weg nach dem Bahnhos ein.
Vor dem Fenster Atand der Conmergien?
zath mit seinem Schwiegerpater. 3 5353
Doctor Wolff klingelle. α
        <pb n="506" />
        „Was wollen Sia beginnen, Vater ?“

Lassen Sie mich ung lieber Steinhöser.
wir dürfen dichen Zapitam Brandt wicht aus
den Augen verlieren, er ist uns Aöchst wahr ·
scheinlich gefährlich.“

Der Commerzienrath seufzte und schriti
dann finster auf und nieder.

Ein Diener erschien. 3*

„Gehe in dag Comptoir und hitte Herrn
Frant, sich sogleich hierher, zu bemühben.“ be—
fahl der Rotar. erax
. Schon nach wenigen Minuten«trut der
Procurist in's Zimmer.

„Sahen Sie den jungen Herrn mit einem
Seemann fortgehen, lieber Frank? ẽẽ

Vor wenigen Minuten verließen Beide
das Haus,“ Herr Notar!“versetzte der Pro⸗
curist, ‚ich sah sie noch eben in die Schlogß⸗
straße einbiegen
Wollen Sie? und einen Gefallen er
jeigen —

v Mit Vergnügen, Herr Notark

„Dann folgen Sie den beiden Spazler⸗
gäagern so rasch als möglich; gehen Sie nach
dem Bahnhofe, reisen Sie mit ab, Sie dür—
fen diefent Seemann nicht aus den Augen
berlieren; wir müssen nothwendig erfah⸗
ren, woher er stammt Nud was er hier zu
juchen hatteßr..

Frank ˖ verbengie sich lächelnd und ver⸗
schwanb. —

Der Commerzienrath bijckte düster! aud
dem Fenster und suhr fich wiederholt mit dem
Taschentuch über die Stirn. — Ich weiß
nicht, was mir fehltz“ sprach er langsam,
Alles im Leben.jeder Gemß widerl
mich an.“

Sie sind blafirtz Herr Sohno hachte
der Notar mit cynischem Spott, zerstreuen
Sie sich, der Frühling rückt in's Land, —
machen Sie eine größere Reise, nach Frankreich—
Italien oder England, wie Sie wollen. Neh⸗
men Sie unseren Hamlet mit —
Hamlet !wiederholte Steinhöfer mit

sichtlichem Entsehen, „wie winmen Sie eigent⸗
nich zu diesem abscheulichen Bergleich, Vater?“

Nunz ist Eginhard uicht ein solcher wun⸗
decicher Traͤumer und Phrasenmacher /5 Es
is im der Thet Zeit, eiwas Praxis in ihn
hineinzubringen, bringen ˖Sie itzn selber nach

England. —
genug. mag
—A
Blick sthärfen.“

„Der ist leider schon scharf genug,“ sprach

Steinhösfer bitter, „nehmen wir uns in Acht
vor ihm, Herr Vater! Ich warnte Sie schon
einmal, — Sie haben mich damals verlacht,
— Eginhard weiß mehr von der Affaire Hart-
muths als gut thui.“ *
Und wenn auch, lieber Steinhöfer,“ ver
setzte Wolff gleichmüthig. Diese Wahrnehmung,
so unangenehm sie für uns sein kann, darf
uns durchaus nicht irritiren. Er wird klug
genug ˖ sein⸗“ den eigenen Namen nicht zu
brandmarklen.“

„Deßhalb ist es auch nothwendig, ihn
sobald als möglich in eine geregelte Thätig-
keit zu bringen, Arheit ist die beste Medicin
gegen solche Träumereien. England ist die
Werkstatt für den künftigen Fabrikherrn. Die
große Welt mit ihren Genüssen“ wird das
Uebrige thun, ihn zu hetlen. Mein Gottewer
ist ja doch auch nur ein Mensch, wenn auch
ein höchst wunderlichet; es ist schon mancher
Soerates bekehrt worden. Nur dürfen Sie
deileibe nicht mit dem Gelde knickern.“214
Er soll Geld im Ueb⸗rfluß ˖ haben,“
jagte der Commerzienvath mit dem früheren
Anflug von Hochmuth,,soll an⸗SGlanz es
einem englischen Pair gleichthun. Wer ich
fürchte/ daß wirt bei meinem Sohn mit unseren
Plänen Bankerott machen,“ setzte er seufzend
——
nuselige Mensch ihm buchfiablich eingeimpft
find durqch nichts zu tilgen.Ach, mein
Zind liebt mich nicht mebr. wie mich“dies
schmerzt J *

Der Notar schob die goldene Brille zu«s
recht und schaute seinen Schwiegersohn prüs
fend an. ——

„Sie werden alt, lieber Sohn li oder sind
ernstlich krank,“ sagte⸗ er kopsschüttelnd,, zie⸗
hen Sie Ihren Arzt zu Rathe, noch besser
ware · eine laͤngere Reise für⸗ Sie wie für
Eginhard eo tlvei ce

Der · Commerzienrath wollte etwas erwidern
doch seuszte er nur und nickte schweigend.
„Seit vier Jahren⸗ war mein Geburts⸗
wmag immer so öde, so traurig.“

eharet A Verbindun gen
ort bleiben, es
nen praktischen
        <pb n="507" />
        „Sie essen mit Amalien bei mie, leber
Sohn e . ιι α
Und Eginhard — F —
Ja, der hatte feinen geheimnißwolen
Besuch: Rum, Sie: idmmen doch: mit Ihrex
Frau: Ich habe garz. fumoten Lachs, Ihe
Lieblingsessen.“ e e bn *
twJa, ja, rich komme, adieu⸗Keber
Nofar!“. —
. Er eilte rasch in sein Cabinet und ver⸗
riegelte die Thür sorgfältig hinter sich .
Was ist das 19 murmelte Wolff, ihm
erstaunt unchblickend, „rappelt's bei meinem
herru Schwiegersohn ?c
Adien lieber RNotar—Das ist
aen und originell,“ es ist im der Thatt nicht
ichtig in Oberstübchen mit ihme— liebes
Notart ei! ei! — ννα
Er verlie langfam das Zimmer und be⸗
gab sich zu seiner Tochter, um sich wit ihr
über den Zustand des Gemahls zu berrathen.
„Ich glaube selber. Du hast Recht mit
Deiner Vermuthnung. Bater sagte: die Com⸗
merzienrüthin leicht hin, —mein Mann bommt
mir schon seit längerer Zeit sonderbar; bor;
er ist ein Schwachkopf, ich glaube fast, ner lei⸗
det am Gewiffen.“
Gewissenlachter der Rotar, wie sollte
—XR——
tichen Dinge kammen *Freilich. als ich vor⸗
hin den Eginhard einen Halmet nunnte, wurde
r förmlichn entietzt. Es: wüce: aber doch
—XV
Hamlet ! — jan das ist der rechte Vamt
flir diesemn: Moralisten, wmie, mir dieset Naxt
uwider ist.ꝰ —D————
„Er iste aus der Art geschlagen,“ sprach
nor Notar seine Tochter nachdenbend anbli⸗
cend hören Kinde! wennt Dein Munw plöß⸗
lich süürbe, sähe es schlium für Dich aus?“
Ich verstehe: Dich nicht, Vaten
Run daun wäre Hamlet der rechtmä⸗
zige Erbe Du wür dest ebem genug belammen;
im nicht zubverhuugern.« Denle Dir Deinen
Sohn: als Hexrni der Fabrik,“. fuhr ett leiser
fort, „und dann stelle Dir weiter vor, daß
er durch jenen Hartmuth Kenntniß von dem
Vorhandeunsein noch anderer rechtmäßiger Erben
d v x im Grunde durchaus nicht
weiflse —“ J

* 7

zal Du tlaubst. Egiuhard wihe von dem
Dasein, eines zweiten Sohnes! wohl am. Eude
ar von jener Nacht im Landhause 392 fragte
die Dame exbleichend.
:Ich bin sogar. davon überzeugt, mein
Zind n erwiderte; Wolif kaltblütiz; „ja. er
wveiß noch mehr, der gute träumerische Hamueh
— er bennt . Bau sogar den eigentlichen
Dieb,n für welchen, jener Hartmuth büßen
olltet. Jetzt fehlte nur noch —)
.Er brach kurz ab und verjschluckte den
A
„Der Knabe fangt in der That an, uns
fürchterlich zu werden,“ flüsterte die Commer⸗
sienräthim. den Vater bedeutungsvoll aubli⸗
kend, „er ist mein Sohn nicht mehr, sobald
wes wagt- meine: Eristenz ernstlach zu be⸗
wohen. Ich habe überhaupe die sogenannite
uffenliebe einer Mutter nie begreifen können,
te ist nur untargeordueten Noturen, sclavischen
Seelen eigen, weshald man sie im ausge⸗
zcägtessen in der Thierwelt und beim Volle
indet. Je höhes der Mensch in, der Gesell⸗
haft steht, desta sreiex, macht. Rer sich von
jolcher. Narrheit, wer bezahltz mir, das
Dpler solcher thörichten Liebe ?“ nα
Daran exkenner ich meine Tochtar,“läe
helte der Notar, sich vergnügt die. Hande
reibend, ⸗Aaß uns einmal die Sache recht
nüchtern, ohne die gesärbte Prille der soge⸗
nannten Jamilienbande betrachten. Du hast
diesen Steinhöfer geheirathet, weil er hin⸗
xichend Geld hesaß, um Dir ein genußreicheß
Leben zu gestatten z weitere Bandem knüpften
Fkuch nichte! a
Nein.“ sprach sie mit einem energischen
opfschütteln, „die Heirath hat ihren Zwed
eene er Mamn ist mir Neben⸗
— ————— 2 t
Gut, dier meisten; Ehen werden in diesem
Himwel gejchlofsen, “ fuhr dex Rotar cynifch
ichelnd fort, es war vicht/ anders zwischen
mir und. Deiner Mutter; Herz und Sinne
sinden · ander wor ihre Rechnung, man muß
bdarin liberal sein, sowmeit der RAustand ge⸗
wahrt wird. Ich füͤrchten neine Tochter, daß
Du diesen nothwandigen Gaßtz zuweilen wver⸗
üssefna und Dein Hamlet, auch darin; feine
Schergabe bewührt:. · ·7 —
„Du bist heute unausftehlich weitschweifig,“
        <pb n="508" />
        rief die Dame mit verbissenein Groll,,laß
Deine Andeniungen und geh ?aufn die
Sache —B—— *
Nun wohl, ich glaube doch immerhin
das Muttergefühl schonen zu müssen, meine
Tochter! Da Du also von Allem, was die
Civilisation zum Heiligthum gestempelt, Dich
emancipirt hast, so wollen wir geschäftlich
reden. Der Commerzienrath ist im Grunde
lein Charalter, obschon er schon als Knabe
fich als ein tüchtiger Nachahmer- bewährte.
Du weißt, daß ich ihn von zartester Kindheil
schon gekannt, so zu sagen nach des Vaterds
Tode sein Vormund wurde. Der jüngste Sohn,
nach dieser Katastrophe erst geboren, — der
alte Steinhöfer starb in Dezember, als Fer⸗
dinande im April geboren?“ wurde, — war
dem Aeltesten, welcher sich stets als alleiniger
Erbe betrachtet hatie, ein natürlicher Stein
des Anstoßes. Von dieser Stunde an entwi⸗
lelte sich das Talent Deines jetzigen Mannes,
er wurde mein Zögling, und ich muß geste⸗
hen, daß et seinem Meister Ehrt gemacht,
obgleich er⸗ wie gesagt,“ kein Charaktec war
und bis heute meine Leitung noch nicht hat ent⸗
behren koͤnnen. Et schlich sich mit bewun⸗
derungewürdigen Künsten in das Herz seiner
schwathen Mutter, werdächtigte den⸗ heran⸗
wachsenden Beuder so beharrlich. daß er schon
mit dem vierten Jahte vom Hause entserni
und nach einer fernen⸗ Stadt in Pensionun⸗
tergebracht wurde. Ich kannte den Vorsteher
persönlich und lonnte ihm vertrauen; der gute
Mannthat Allez um's Geld.“ ν
„Komm zur Sache,“ rief die Commen-
zienräthin ungedutdig,n,was kümmerte mich
jener Bruder, er ist todt
Freilich ist er kodt,““ fuhr; Wolff ruhig
fort, „das war die einzige selbstständige That
meines Schülers, »sie macht seinem Charakter
Ehre/ spudctt aber jetzt als Gespensterfurchi
hintendrein. Dieser todte Bruder kümmert
uns gar sehr und verdient es wohl, ein Vier⸗
jelstündchen beachtet zu werden, in seinen Er⸗
ben lebt er wieder auf. Ich weiß es, daß die
Frau mit ihren deiden Kindern, wovon das
eine vor vier Jahren ein achtjähriger Bube,
das andere ein Säugling, bei der nächtlichen

Bestattung ihres Mannes zugegen gewesen ist;
auch ein unbekannter, noch junger Mann war
dabei, es wird Hartmuth gewesen sein.“
Was kümmertmich diese Frau mit
hren Kindern,“ rief die Commerzienräthin
eröchtlich, „spricht nicht das Testament der
Mutter für uns ?“

Sie: ift zur? Anzeit vom Tode erweckt
vorden,“ sprach der Notar, „was wollte die⸗
ser Narrvon Steinhöfer auch Experimente
bei ihr anstellen ? Was dien Todten bei sich
rug, mochte sie gern mitsich in die Gruft
iehmen, es schadete uns micht weiter. Nun
jaben wir die kindische Alte mit dem ganzen
Apparate der Reueund Gewissensangst auf
dem Halse. Mußte ich ihr doch schon ein
anderes Testament pro forma aufsetzen, um
es ihr gelegentlich wieder zuentreißen.
Vor ihren Augen⸗ mußten wir das;erste
derbrennen. e e 83

„Es war aber nur Comödie,“ schaltete
die Commerzienräthin ruhig ein““

. Ratürlich, wer konnte uns für so wahn⸗
innig halten, war das Aergste geschehen, sollte
uns ein altes Weib doch nicht zun Narren
machen; ich hätte sie mit' diesen Händen er⸗
drosseln mögen. Das erste Testament bleibt
in Kraft, — damit ist die: Gefahr: nicht be⸗
seitigt. Wenn Hamlet mündig ist, wird sein
Vater vielleicht todt oder wahnsinnig sein, ich
jtere mich selten in meiner Erfahrung. Dann
handelt er nach seiner Beglütkungstheorie und
wird sühnen, was der Vater an dem' Bruder
perbrochen. Jetzt, mein Kind, spinne den Fa⸗
den für Dich selber weiter, wenn's Dir beliebt.

„Kennst Du den Aufenthalt der Erben?“
bIch war nicht unthätig in dieser Sache
— habe viel Geldedaran gewandt, ihren
Aufenthalt zus erforschen. Sie sind gleich nach
jener? Katastrophe, wahrscheinlich auf Hart«
muth's Antrieb, aus dem früheren Wohnorte
fortgezogen,/ wohin, wußte mir Niemand zu
jagen: ich habe jede Spur verloren/ hoffe
ledoch heute sie wieder entdedt zu haben. Frank
hat sich vorhin auf. die Entdeckungsreise begeben.“
d 737 13Fortsetzung folgt.
J. 4 M A ———
—
313

Drud und Verlag von F. 5. Dau eg in St. Inabert. ⸗
        <pb n="509" />
        Unterhaltungsblatt

18
St. Ingberter Anzeiger.“
Nr. 131. Sonntag, den 3. November 13871.
*teinhöfer und Sohn.
Von Emilie Heinrichs.

GFortsetzung)

Die Augen der Dame blitzten pantherar⸗
tig bei diesem Namen.

„Mein Sohn paßt nicht für das große
Erbe seines Vaters!“ sagte Frau Steinhöfer
nach einer. Pause, „er würde, um seine Phan⸗
tasien zu realisiren, sich und uns Alle zu
Bettlern machen; mein Gemahl hat die Pflicht
dem vorzubeugen !“

„Ich habe bereits daran gedacht,“ ver⸗
setzte Wolff, „und ich habe ihm zu dem Ende
eine größere Zerstreuungsreise vorgeschlagen,
nach England zum Beispiel, wo Hamlet
auf einige Jahre praltische Studien machen
müsse —“
„Ging er darauf ein?“

„Ich hoffe es, Her ist ohne mich nichts.
Vorher werde ich für ein Testament in un⸗
serem Sinne sorgen. Es muß gelingen, der
Commexzienxath haßl nichts so sehr, als das
Gespenst der Armuth oder den Untergang
seines industriellen Ruhmes.
„Es wäre alsdann nicht unmöglich, daß
Vater“ und Sohn auf dieser großen Reise
durch irgend Zn zufälliges Mißgeschick verun⸗
glückten,“ sprach die Dame lauernd. „Was
sollte aus der Fabrik verden, Vater ?“

freilich, wer kann für Mißgeschick,
desonkers auf der Reise, ein Dampffkessel
kann «Aplodiren, Eisenbahnzüge zusammensto⸗
zen. — Nun, in solchem Falle würden ich

und Frank, die Leitung übernehmen, — der
Assoeis wäre Dir doch genehm, lie⸗ebes
sKind ?“

„Vollkommen, Vater!“

Und das würdige Paar reichte fich mit
einem diabolischen Lächeln des Einverständ⸗
nisses die Hände..

Drinnen aber in seinem Kabinete wan⸗
derte der Commerzienrath ruhelos auf und
nie der, mit angstbleichem Antlitz das Wort
„Hamlet!“ wiederholend.

7. Kapitel.

Kapitän Brandt reichte seinem jungen
Freunde am Bahnhofe die Hand zum Ab—
schiede und ermahnte ihn, den Worten des
jernen Lehrers treulichst nachzuleben.

„Ich bringe ihm Ihre Grüße, und wenn
die Zeit dereinst ersüllt ist, noch mehr zurück
aus Amerika,“

Et ftieg in ein Coupee zweiter Klasse
und im nächsten Augenblick brauste der
Zug fort.

. Als Eginhärd sich wandte um beimzli⸗
lehren, schrack er unwillkührlich zusammen, Frank
stand vor ihm.

„Zu spät gekommen, nüe fatal,“ sagte
Letzterer, unterwürfig grüßend, „das ist mir
noch nie passirt.“

Eginhard erwiderte den Gruß und schritt
ohne Antwort vorüber.

„Hochmüthiger Bursche!“ murmelte der
Procurist. ihm dchselzuckend nachblickend. „Dich
vollen wir wohl zähmen. Verdammt, daß mir
dieser Seeteufel entschlüpft ist, ich muß ihm
aach, es mag kosten, was es wolle; halt, da
        <pb n="510" />
        kommt mir ein guter Gedanke! — Jener
Zug geht direkt nach H. 7“ fragte er einen
Schaffre.

„Ja es ist ein Courierzug, er geht fast
ohne Aufenthalt weiter.“

‚Wie lange hält er auf der ersten Sta⸗

5

ion
„Fünf Minuten, auch wohl noch weniger.“

Frank trat in's Telegraphenbureau und
gab eine Depesche nach der ersten Station auf.

„Ist Ihnen Einer Ihrer Leute durchge⸗
brannt, Herr Frank ?“ fragte der Telegraphen⸗
beante, als die Depesche aufgegeben war.

„Ein böswilliger Schuldner,“ verfsetzte
Frank ruhig, „ich hatte hier auf dem Bahn⸗
hofe das Nachsehen, kam zu spät, — jetzt
packe ich ihn in L.“

Ja, dem Telegraphen entkommt so leicht
kein Sterblicher,“ lachte der Beamte und Frank
lachte mit.

Er benutzte in aller Gemüthsrube den
nächsten Zug nachdem er dem Notar Wolff
Pericht erstattet.

VDieser lkobte seine List und gab ihm noch
die nöthigen Jnstructionen.

Als der Zug, mit welchem Kapitän Brandt
nichtz Böses ahnend, nach H. fuhr, die
ersie Station erreicht, trat ein Polizei ⸗Beam⸗
ter an die Coupee's und musterte genau die
Passagiere.

Jetzt erblicke er den Seemann, welcher
ihm zu genau signalisirt wat und ersuchte ihn
höflich, auszusteigen, er habe einige Worte
mit ihm unter vier Augen zu reden.

„Ja wohl, daß ich am Ende nicht mit⸗
käme,“ lachte Brandt, „ich habe mit der
Polizei keine Geheimnisse, was wollen Sie
bon mir??;

„Steigen Sie aus!“ befahl jener jetzt
barsch.

Den Teusel auch,“ schrie der Kabitän
jzornig, „das geht über den Spaß! Nehmen
Sie sich in Acht, Herr! daß Sie keine Be—
danntschaft mit meinen Fäusten machen“

Die Locomotive gab das Singnal zur
Abfahrt.

Verdammte Landratte!“ brummte der
Seemann, sich in die Ecke zurücklehnend.
Der Zug fetzte sich langsam in Be—
wegung.

ver

„Halt!“ rief der Polizeibeamte, dem Schaff

einige Worte zuraunend.

Der Zug hielt auf's Neue; die Passagiere
blickten auf den Kapitän, welchen jetzu eine
wirkliche Unruhe packte.

„Im Namen des Gesetzes! Sie sind
mein Arrestant,“ rief jetzt der Polizeibeamte
mit lauter Stimme, während der Schaffner
die Thür wieder öffnete.

„Herr! ist das wirklich Ernst oder ein
schlechter Spaß?“ fragte Brandt mit vor
Zorn fast erstidter Stimme.

„Die Polizei spaßt nicht,“ lautete die
harsche Antwort, „gehorchen Sie aitgenblicklich,
oder ich muß zur Gewalt schreiten.“

„Vorwärts, mein Herr!“ flüsterte ein ält⸗
licher Offizier ihm in's Ohr. „Sie verschlim⸗
nern Ihre Lage durch Widerseßtlichkeit. Das
Gesetz will Gehorsam.“

Der Kapitän wollte noch etwas erwidern,
m gelindesten Falle mußte er es für einen
Jerthum ansehen. Er bezwang seinen gerech
len Zorn und stieg, zitternd vor innerer Er⸗
regung, aus.

Schweigend ging er mit dem Beamten
zach dem Polizerburena, wo man ihm zu
varten befahl, bis ein Hert aus der Haupt
tadt eingeroffen sei.

Man kann sich die Empfindung des See⸗
nanns bhei diesem kategorischen Befehle den
en, seine Fragen wurden nicht einmal beachtet,
ondern ihm schließlich nur einfach bedeutet,
u schweigen und das Weitere zu ge—
värtigen.

Nach einigen Stunden kam Frank mit
»em nächsten Zuge an. Als die Polizei ihm
den Kapitän präsentirte als Tenjenigen, wel⸗
hen er signalisirt, rief er mit glücklich ge—
pieltenr Erstaumen: „Mein Gott, welch' ein
Mißbegriff! wie konnten Sie diesen Herrn,
»em die Rechtschaffenheit aus den Augen
euchtet, arretiren ? Ich bin untröftlich über
diesen Vorfall und weiß in der That nicht,
vie ich Ihnen genügende Statisfaction ber-
schaffen soll.“

Seht Ihr's,“ wandte Brandt fich zu
den Beamten, „ich sagte Euch ja, hier muß
ein Irrthum obwalten, — aber das wittert
ogleich in jedem ehrlichen Kerl einen Spitz-
        <pb n="511" />
        buben, nicht wahr, ein solcher sollie ich
doch sein ?

„Um Verzeihung,“ versetzte der Beamte
etwas verdutzt, „das Signalement paßt auf
tin Haar.“

Die Aleidung, ja freilich,“ lächelte Frank
„doch beileibe nicht was Gesichl. O, ich kann
nir diesen Irrihum nie vergeben.“

„Freut mich, daß es Ihnen leid thut,
zunger Herr,“ sagte der Kapitän gutmüthig,
„es ist kein Spaß sich so wie ein Vagabund
in anständiger Gejellschaft behandeln zu lassen,
ich tönnte auf Genugthuung dringen, wenn
meine Zeit es mir erlaubte, die ist mir durch
diesen Aufenthalt schon über die Gebühr be⸗
schnitien worden.“

.Dann freilich haben Sie lkeine Zeit zu
verlieren,“ erwiderte Frank, „kommen Sie
rasch, ich besorge ein Billet — wobin?“

Nach H.“

Frank eilte hinaus, der Kapitän folgte
ihm und freute sich im Stillen über den ge⸗
fälligen jungen Mann, dem er das Mißver⸗
ständniß, welches dieser ja von Herzen bereute,
quch von Herzen vergab. Der gute Mann
war die meiste Zeit seines Lebens auf dem
nassen Element und blieb somit stets ein Kind
in den Erfahrungen des Bodens.

„Sie reisen mit 7“ fragte er erstaunt,

als er den gefälligen Frank mit einstei-
nen sah.
Mii Ihrer Erlaubniß, ja,“ verftehte er
lächelnd, „eine unangenehme Fahrt füt mich,
da ich einem Deserteur, für welchen man
fälschlich Sie genommen, nachsetzen muß. Ich
wäre untröstlich, einen Ehrenmann so lompro⸗
mittirt zu haben, wenn ich nicht zugleich diesem
unseligen Irrthum das Glück Ihrer Belannt-
schaft verdankte.“

„Na, lassen Sie sich nur lein graues
Haar darüber wachsen, junger Herr!“ ver⸗
sehte gutmüthig tröstend der Kapitän, „die
Sache ist einmal geschehen und damit Punk⸗
um. Es freut mich, daß Sie mitreifen, —
mir graut allemal vor einer solchen Eisen⸗
bahnfahrt, — ich fühle mich nur sicher auf
den Plauken meines Schiffes.“

Sie reisen wohl bald wieder fort d

In acht Tagen, diesmal fällt's mir
icht gar so schwer, die Frau reist vielleicht

nit. Ach junger Herr, es geht nichts über
das Seeleben.“

„Das glaub' ich Ihnen,“ meinte Frank,
ich selber hatte in früheren Jahren eine
wvahre Leidenschaft für die See, uud nur der
ausdrückliche Wille meiner Eltern hielt mich
zurück. Wohin, wenn ich fragen darf, geht
die Reise 7

„Nach den Küsten Amerika's, ich habe
diesmal einige Passagiere zu befördern.“

„Sie find wahrscheinlich in X. zu Hause,
Herr Kapitan 7*

„O nein, mich führte aur ein Auftrag
dorthin. Kennen Sie den Fabrikanten Stein⸗
höfer in X.

„Oberflächlich, der Mann ist Millionär,
— man munhlelt wunderliche Dinge von ihm.
Der einzige Sohn und Erben soll ein selt⸗
samer Knabe sein.“

Kapitän Brandt sah schweigend zum
Fenster hinaus, Frank begann von gleichgül⸗
tigen Dingen zu reden.

„Apropos, junger Freund!“ wandte Jener
sich plötzlich mit leiser Stimme zu ihm, „lann⸗
sen Sie früher einen jungen Mann, Namens
dartmuth, welcher, irre ich nicht, Hauslehrer
zeim Fabrikanten Steinhöfer war ?

Hartmuth? — Hartmuth?“ wiederholte
Frant, sich an die Stirn fassend, „habe ich
den Namen nicht gehört? Wie ist mir denn,
wurde er nicht in Verbindung eines großar⸗
tigen Diebstahls vor mehreren Jahren ge⸗
nannt? — Bitte, Herr Kapitän, lassen Sie
mich einen Augenblick darüber nachsinnen,
die Geschichte schwebt mir unklar in der
Feinnerung. Richtig, richtig, so war's, ein
zroßartiger Kassendiebstahl beim Commerzien⸗
rath Steinhöfer, — der Hauslehrer wurde
als verdächtig eingezogen, es entstand Feuer
'm Gefängniß, er entkam, wurde steckbrieflich
verfolgt als Dieb und Brandstifter. Es soll
ein gefährliches Subjekt gewefen fein, man
schaudert, wenn man seinen Stand dabei in
Betracht zieht. Der Mensch soll, wie gesagt
wird, schlimm auf seinen Zögling eingewirkt
daben, schade, daß er glücklich fortgelom⸗
men ist.“

„Herr! daß sind schmähliche Lügen!“
brauste der Kapitän auf, „Harimuth war
sicherlich kein Verbrecher und seine Unschuld
        <pb n="512" />
        wird an's Licht kommen, so wahr ein Gott
und Richter lybt 0

„Sie kennen ihn genauer?“ fragte Frank,
welcher kaum seine Freude verbergen konnte,
„o, das ist interessant. Sind am Ende gar
verwandt mit ihn, dann biitte. ich um Ver⸗
Feihung, mich so unverhohlen darüber ge⸗
äußert zu haben.“

„Thut nwts. stotterte Brand herlegen,
„habe den Raum selber nie gekannt, nur
seinen Bruder, — 8aber auch schon todt.“
Er schaute wiecder zum Fenster hinaus,
and nahm sich vor, keine voreilige Frage mehr
zu thun; es fehlte dem Kapitän stets an der
abthigen Zurückhhaltung fremden Personen ge⸗
genüber, jetzt erst fielen ihm Hartmuths
Mahnungen wieder ein.

Frank lednte sich zurück, schloß die Augen
und schien zu schlafen. In Wahrheit sann er
darüber nach, wie er sein harmloses Opfer
recht sicher zu umgarnen vermöchte.

Der Kapitän wandte sich nach einiger Zeit
wieder um und betrachtete ihn forschend.

Der Mann schlief so ruhig, sein hübsches
Gesicht sah so arglos, so gutmüthig aua, daß
jeden Argwohn fahren ließ.

Passagiere stiegen an verschiedenen Sta—
ionen aus.

Die beiden blieben auf der leztten

Station allein, Frank erwachte und rieb sich
Augen.

wie weit sind wir denn eitentlich?“

ieicht gaͤhnend.

»letzien Station, gottlob!“ ant⸗

ESind Sie pekannt in H.?“

ich werde wohl zuersi

uchen müssen, um meinen

ignalisfiren. Der unselige

um den gürstigen Moment

Strecke, soweit mein Weg mich führt, be⸗
gleite!“ * *

Sie verließen das Coupe und schritten in
die Lleine Seestadt hinein.

Vor einem kleinen Hause mit einem
reizenden Gärtchen blieb der Kapitän stehen und
grüßte mit fröhlichem Hutschwenken.
*„Da bin ich wieder, *liebe Frau!“ rief
er hinein, „rasch abgemacht. nicht wahr?
D, wir verstehen; uns auf den rechten
Wind!“

„Wie gut Sie sind, Kapitän Brandt!“
jagte sie wehmüthig lächelnd, .„wollen Sie
nicht näher treten ? Oder —“

Ihr Blick fiel auf Frank, welcher artig
den Hut zog und langsam weiter schritt. Als
er um die Ecke bog, vblieb er stehen und bat
einen Herrn um etwas Feuer, seine Cigarre
anzuzünden. ⸗*

„Wer bewohnt wohl das reizende Häuschen
mit dem Garken hier gleich rechts um die
Ecke d fragte er gleichgültig weiter.

„EFine Wiitwe mit zwei Kindern.“ lautete
die höfliche Anfwort.

„Ah, es wat mir, als müsse ich die Dame
lennen, fie ist jedenfalls eine Fremde.“

„Ganz recht, sie kam vor ungefähr vier
Jahren hierher und nennt sich FrauSteinhöfer.“

Frank dankte und schritt rasch weiter dem
hm wohlbekannten Telegraphen-Bureau? zu.
Hier gab er eine Depesche auf an den Notar
Dr. Wolff in X. und schlenderte dann⸗ in
zanz außerordentlich lustiger Laune nach dem
wor nehmsten Hotel der Stadt. (orts. f.

—*
Charade.

Der ersten, nach der Göotterlehre,

Ward einst die wunderselt'ne Ehre,

Von einem Gott geliebt zu werden,

Der sich tbar wandelte auf- Erden,

Die beiden letzten stellen dar

Wohl einen Seher, kuhn und wahr,

Der nie vor Mächtigen sich schmiegie

Und selbst des Königs Fehler rügie.

Den Königssohn neunt euch das Ganze,
Die Bibel gibt sein Lebensbild)

Der, abgeseh'n vom ird'schen Glanze,
Als Muer treuer Freundschaft gilt.

lüchtling
Schlaf hat
gebracht.“
Me
warnie
berbwichti
ibe nre

al nur genauer,“ —
t alle lassen sich
n doch schließlich

e eifrige Rolizei
— doch da sind wir ja f
verehrter Freund! daß ich Sie ne kleine

Auflösung der Charade in Nr. 125 des Unterhalt⸗
unasblattes: „Scha uspiel.,
»Druch und Verlag vnn F. X. Demen in St. Ingbert.
        <pb n="513" />
        — Alnterhaltungablatt

F 2 . a

7
—
sum
St. Ingberter Anzeiger.“
Fr. 122. .. Dienstag den 1. Novenber —— 18371.
Steinhöfer und Sohnm.
WVon Emaili e Heinrichs.
(Fortfehung.
Der Notar hatte ihm den Namen dieser
Frau Steinhöfer genannt mit der Weisung,
den Kapitän darnach besonders auszuforjchen,
— er war mit den Familiengeheimnissen sei⸗
nes Chefs nur oberflächlich bekannt, aber jetzt
entschlossen, nach allen Seiten hin klar zu
sehen, um nöthigenfalls mit diesen Waffen
jeinem ehrgeizigen und unlautern Ziele näher
zu kommen.

Frank war ein Mensch der gewissenlosesten
Sorte, geschmeidig und gewandt, verlor er
keinen Augenblick sein Ziel aus den Augen
und das war nichts geringeres, als Chef der
großen Fabrik zu werden; die Frau war ihm
dabei Nebensache, sie sollte nur als Stufe
dazu dienen, selbst den schlauen Notar hatte er
überlistet.

Mit dem Moment des Kassendiebstahls
hegann er an den Netze zu weben, welches
die ganze Familie umgarnen sollte, half ihm
doch die Leidenschast der Frau getreulich bei
dem Werke.

Mittlerweile saß Kapitän Brandt der
Wittwe des unglücklichen Ferdinand Stein⸗
höfer gegenüber und berichtete von dem Erfolg
seiner Sendung an den jungen Eginhard.

„Nur Muth und Höffnung, meine liebe
Freundin!“ sprach er mit fröhlicher Zuver⸗
ficht, „es wird sür Sie und ihre Kinder noch
alles gut werden, sobald der Sohn an die

Reihe kommt. Dieser Eginhard ist ein präch
tiger Junge, der später schon gut machen
wird, was fein Vater verhrochen hat. Vor ⸗
erst aber erfüllen Sie Ihres Freundes Nitte
und geben mir Ihrea Ferdinand mit nach
Amerita, Hartmuth wird dort was Rechtes
wus ihm machen, Sie haben immer noch
chwer genug an der Sorge für die fleine
Flaraͤ. Seien Sie fest und schlagen Sie ein,
z gilt Ihres Sohnes Zukbunft. Hartmuth
vird ihm kein treuer Vater sein ·

Dié Wittwe fenkte das Haupt — fie
ämpfte den letzten harten Kampf mit ihrem
Muiterherzen. Nach einer Weile erhoh sie sich
entschlossen und reichte dem Kapitän die kleine
hand. —

„Sie mögen meinen Ferdinand mitneh⸗
men, Gott mag ihn und mich beschühzen.

Brav, meine liebe Freundin! so ist's
recht, wenn er ein rechter Mann geworden.
bringe ich ihn wieder zurück über's Meer.“

Die Frau versuchte zu laͤcheln, um ihren
Schmerz zu verbergen.

Der Kapitänreichte ihr die Hand zum
Abschied und ging heim zu den Seinen, —
e8 dunkelte stark, als er in sein Haus trat.
8. Kapitel.

Aus der Haupistadt war bereits per Drah⸗
eine kurze Aniwort für den Proeuristen de⸗
Firma Steinhöfer eingetroffen.

Frank zündete fich eine neue Havannt
an und lehnte sich grübelnd in die Sophaech
urüchkh.

Dann erhob er sich mit selbftzufriedenem
Lächeln und verließ das Hotel, um seihen
        <pb n="514" />
        Weg nach der Wohnung der Wiltwe Strin⸗
böfer einzuschlagen.“

Er taf ke allein, beim Lampenschein
mit einer Näharbeit emsig beschäftigt.

„Ich bitte um Entschuldigung, Madame!“
begann er, höflich grüßend, „der Kapitäu
Brandt, mein lieber Freund, ist, wie ich sehe,
nicht mehr hier.“

„Er ging von hier geraden Wegs nach
seinem Hause,“ erwiderte die Frau.

„Ich danke Ihnen, Madame“““

Bei der Thür wandte er sich um.

„Auf die Gefahr hin, zudringlich zu er⸗
scheinen, muß ich mir doch noch eine Frage
erlauben, verehrte Frau!“
Frank verstand es vortrefflich, zeitweilig
die täuschendste Moske der Aufrichtigkeit und
Ehrlichkeit anzunehmen.

„Fragen Sie immerhin, mein Herr!“
bersetzte die Wittwe, ihn ruhig anblickend, „es
bleibt ja mir überlassen, zu antworten.“

„Ganz sicher, verehrte Frau! Ihre Er—
scheinung erinnert mich unwillkührlich an ein
Bild, welches ich einst vor vielen Jahren bei
einem Freunde gesehen, ich möchte darauf
schwören, daß ich das Original vor mir
sehe.“
Wie hieß dieser Freund 77 fragte jezzt
die Wittwe erstaunt.

„Hartmuth, — er war später Hauslehrer
bei dem Commerzienrath Steinhöfer — ah,
Sie nennen sich ja auch Steinhöfer, sind am
Ende gar verwandt mit dem reichen Fab-
rilanten ?

„Weitläufig,“ versetzte sie ausweichend,
„Sie kannten Hartmuth also genauer 7?“

Frank hatte auf's Geradewohl in's
Blaue geschossen und so ziemlich getroffen. Er
wurde kühner.

„Wir waren Busenfreunde,“ versicherte

Frant mit edler Dreistigkeit, „kannten keine
Geheimnisie vor einander. Sie können sich
meinen Schmerz bei der nachherigen Katastrophe
im Steinhöfer'schen Hause denken.“
Das schöne, weiche Antlitz der Wittwe
war ruhig und unddurchdringlich wie immer,
nur in den dunkeln Augen leuchtete es auf,
ein blitzartiges Mißtrauen, welches unbemerkt,
entschwand. 4 7

„Ja so, ich erinnere mich,“ versetzte sie

zleichgültig, Hartmuth hatte mein Bild vor
einer Freundin auf seinen Wunsch erhalten,
mir selber stand er fern. Ich erfuhr sein
Schicksal durch die Zeitungen, ohne mir ein
genaueres Urtheil über seine Schuld oder
Unschuld bilden zu können. Er entfloh, wo—
durch er sein Schichsal wohl verschlimmert
hat. Halten Sie den Freund wohl für un⸗
ihuldic

Frank zuckte die Achseln, er hatte bei der
undurchdringtichen Ruhe der Frau seine tigene
Sicherheit verloren und wußte nicht mehr
recht, woran er war.

„Mir geht's in dieser Hinsicht genau wie
Ihnen, verehtte Frau!““ erwiderte er nach
einer lleinen Pause; „wer kann die Tiefen
des menschlichen Herzens ergründen? Obgleich
Hartmuth mein Busenfreund war, kann ich
doch nicht von seiner Unschuld so ganz fest
überzeugt sein, zumal seine Flucht, wie Sie
ganz richtig bemerkten, seine Schuld im
Grunde constatiren mußte. Und dann die
Brandstiftung —“

„So glauben Sie auch hier an seine
Schuld???

„Thatsachen zeugen zu gravirend gegen
ihn, — ich möchte so gerne an seine Unschuld
glauben!“

„Nun, wer hindert Sie daran, mein
Herr ?“ sprach die Wirtwe mit einem Lächeln,
„echte Freundschaft, meine ich, dürfte in sol⸗
chem Falle der letzte Richter sein —“

„Ei, mein Zeugniß, falls es gefordert
wäre, hätte sicherlich in diesem Sinne nur
gelautet,“ versicherte Frank. „Das Schlimmste
soll sein unheilvoller Einfluß auf den jungen
Steinhöfer gewesen sein, — man spricht so⸗

gar von einer Enterbung zu Gunsten der Frau
Commerzienräthin und ihrer Familie.“

„So ist der junge Mann ihr Stief⸗
lohn de

„Nich doch, jener Hartmuth hat ihn den
Eltern, die mit rührender Liebe an ihm hän⸗
gen, gänzlich entfremdet, der Vater soll jede
Hoffnung aufgegeben haben und mit dem
Plaͤne umgehen, ihn nach Amerika seinem
Verführer nachzusenden und so für immer
aus dem väterlichen Hause zu verstoßen.“

„Sie scheinen sehr vertraut mit den AUn⸗
legenheiten jener Familie zu sein, mein
        <pb n="515" />
        Herr!“ versetzte die Wittwe gleichgültig;
„mich interessirt es wenig, da ich Niemand
davan kenne. — Ah, mein Soehn!“

Mit diesem letzten Ausruf wandte sie sich
an einen Knaben von zwölf Jahren, welcher
in diesem Augenblick in's Zim mer trat.

Er war der Mutter Ebenbild, dasselbe
schöne energische Antlitz, dieselbe stolze, vor—⸗
vehme Haltung der schlanken. hoch aufge⸗
schossenen Gestalt. Um den festgeschlossenen
Mund lag ein ausgeprägter Zug unerbittlicher
Willenskraft und tiefen Erustes.

Frauk blickte ihn überrascht an, er kannte
zum Theil die Geschichte des jüngeren Sohnes
aus dem Munde der Commer zienräthin, man
hatte von zwei Kindern desselben gesprochen,
es sollten beide Mädchen sein. Jetzt producirte
sich plözlich ein Sohn, und, wie es schien,
ein bedeutender, aus welchem der Firma
Steinhöfer dereinst ein gefährlicherer Erbe
erwachsen konnte, als aus dem Schwärmer
Eginhard.
Sie besihen einen Sohn?“ fragte er,
seine unangenehme Ueberraschung verbergend.

Diesen theueren Sohn und ein kleines
Töchterchen,“ versetzte die Wittwe, den Knaben
mit mütterlichem Stolze betrachtend.

Ferdinand reichte der Mutter die
Hand und grüßte den Fremden mit freiem
Anstande.

.Ich komme von Onkel Brandt,“ rief
er mit blitzenden Augen; „o, Mütterchen! wie
danke ich Dir für Deine Einwilliguung, jetzt
gehr's nach Amerika, Huriahl!“

Er warf feine Mütze in die Höhe und

umschlang die Multer mit beideu Armen.
SEei ruhig, Kind!“ sprach sie leise, „wir
sind nicht alein..

Wer ist der fremde Herr!“ fragte der
fröhliche Knabe rasch. J

„Ein Freund vom Onkel Brandt, der mit
ihm die Reise hierher gemacht··.

Freund?“ wiederholte Ferdinand, ihn
finster forschend betrachtend, „wohl derselbe
Herr, welcher den guten Onkel auf der Reise
wie ein Dieb verhaften ließ ——

„Ferdinand !

.Der Onkel hal's mir selber erzählt,“
fuhr der Knabe mit einer stolzen Kopfbe⸗
wegung fort, „die Polizei mußte ihn auf

Befehl dieses Mannes verhaften, und der

Mann wagt sich seinen Freund zu nennen?

Das leide ich nicht, denn der Onkel ist zu
gut, ich hätte ihn derb gezüchtigt.“ J

„Mein Dott, was sicht Dich an, wein
sind?“ rief die Mutter streng, „seit wann
tritt mein Sohn Sitte und Höflichkeit wie
ein. Gassenbube mit Füßen? Verhält es
sich, wie er sagt, mein Herr?“ wandte fie
sich an Frank. J

„Groößtentheils ja, verehrte Frau!“ ver⸗
setzte dieser. „es war ein unseliges Mißver⸗
tändniß, welches der gute Kapitän mir sogleich
zon Herzen vergab; wir sind in der That gute
Freunde geworden.“ F

„Capitän, Brandt hat mir nicht eine
A
denkend.

.Sie sehen daraus, wie geringfügig ihm
die Sache erschien. Ihr kleiner Sohn scheint
ein Brausekopf zu sein, ich würde ihn an
Ihrer Stelle nicht nach Amerika senden, —
Republiken sind schlimme Pflanzschulen für
derartige Hitzksöpfe.

„Spion!“ schrie Ferdinand. mit unge⸗
wöhnlicher Heftigkeit, hättest wohl Lust, mich
auch der Polizei zu überliefern, wie den
Onkel.“

Frank erbleichte; er verlor bei dieser
Beschimpfung seine Selbstbeherrschung und
schleuderte dem Knaben einen furchtbaren
Blickz u. 38

„Nein, das geht zu weit,“ sprach die
Mutter mit bebender Stimme. er, war
niemals so, bitte den Herrn um Ver⸗
jeihung, Ferdinand! und dann geh auf Deine
Kammere e. —

„Um Verzeihung? — Niemals!“

Det Ton des Knaben war so entschieden,
daß bei einem Zwange das Schlimmste zu
befürchten stand.

ZBitte, lafsen wir's gut sein,“ sagte Frank
mit freundlicher Miene, „ein Kind kann mich
nicht beleidigen; die Annahme wäre mehr
als kindisch. Die Abneigung Ihres Sohnes
betrübt mich, das ist Alles, vielleicht wer⸗
den wir später doch noch einmal ganz gute
Freunde.. ,
Ferdinand schwieg, die schwarzen Augen
fest zu Boden gesenkt.
        <pb n="516" />
        Frank reichte der Mutter die' Hand' und
empfahl fich mit Bedauern, durch seine zu⸗
sollige Gegenwart eine solche Scene herbeige⸗
füert zu haben. J
Als sein Schritt draußen verhallt war,
standen Mutter und Soyhn sich noch eine Weile
schweigend gegenüberr.

Plotztich jagte sie leife und schmerzlich:
Warum hat mein Sohn mir das gethan 77
Ferdinaud brach in Thränen aus und
warf sich leidenschaftlich auf die Knie, sein
Gesicht an die geliebte Mutter pressend
Sie hob ihn zärtlich auf und fikhrte
ihn zum Sopha hin, wo sie sich neben einan⸗
der setzten.

WBergib., o vergib, meine Muner!“ sagte
er, seine Thräven trocknend, „ich konnte ja
nicht dafür, jener Mann erschien mir fo ent⸗
setzich, so heimtückisch, daß ich meinen Abscheu
nicht zu unterdrücken vermochte. Es war mir
plötzlich, als stände der Vater hinter ibhm und
winkte uns warnend zu“
„NKind Kind!“ ijprach die Mutter er⸗
schüttert, „welche Phantasien; — erzähle
mir von der Verhaftumg des Kapitäns.“
Ferdinand erzählte wortgetreu, wus er
von Brandt darübecr gehört, und schweigend
starrte die Mutter vor sich hin. Es ward ihr
immerklarer, Pdaß jener Mann in der Thal
ein Spion gewesen, des Kapitäns Schritte zu
verfolgen, daß man ihn wahrscheimich dei
Eginhard gesehen und Berdacht geschöpft habe.
Was sie Alles von ihrem Schwager zu erwarten,
lehrte su Hartmuttis Geschick zu deutlich, und
hatte fie doch auch vorhir in dem Fremden
einen Lügner erkannt, als exr von Hartmuths
Freundschaft geredet, — sie wußte es zu
genau, daß dieser keinen andern Freund be—
sessen, alß ihren Gatten, daß sie Beide oft mit
Drest und Pylades verglichen hatte.

Man kannte jetzt ihren Aufenthalt und
würrde bald genug die nöthigen Intriguen,
sie und besonders ihre Kinder für die Zu⸗
kunft unschädlich zu machen, gegen sie in
Seene setzen. Davon war die kluge Frau über⸗
zeugt, — weßhalb sie auch sogleich sich ent⸗
schloß, demgemäß zu handeln..

Mit mütterlicher Zärtlichkeit beruhigte Fie

den aufgeregten Knaben und vewog ihn, sich
schlafen zu legen.

Ferdinand gehorchte jetzt mit rührender
Willigkeit, sie durfte sich auf sein Wort wie
auf das eines Mannes verlassen. Darauf
schlug sie rasch einen Mantel um sich, ver⸗
hüllte ihr Geficht mit einem Schleier und be⸗
gab sich nach dem Hause des Kapitän Brandt,
um mit diesem die nöthige Rügsprache hinsicht⸗
sich ihreßs Verhaltens zu nehmen.

Gorlsetzung folgt.) *
Zannigfaltigese.

—A
—WGuch fünf Minliarden) „Eine
Prise gefaͤllig, Herr Profsessor 20fragt der
Obervogt. „Bin so frei. Vergelts Gott fünf⸗
milliardenmal !“ erwiderte der Andere. Wie
viel mag das wohl geben? Man macht sich
schnell an die Rechnung und bringt 10,000
Zentner heraus. Es erheben sich Zweifel;
also wird der Apotheler beauftragt, der Sache
mit seinen feinen Waagen auf den Grund zu
zehen. Am andern Abend berichtet er: sechs
gewöhnliche Prisen⸗Schnupftabal wiegen ein
Gramm, also geben 5 Milliarden Wrisen
16, 666 Zeutner .
In London hat ein Dann seine Frau
verklagt und zuglei h den Schutz der Gerichte
angefleht. „Gewöhnliche Prügel habe er sich,“
wie er meinte, schon Jahre lang gefallen
assen, vor einigen Tagen hätte seine theure
Ehehalfte ihm aber Asche in's Gesicht gewor⸗
—VX—
arbeitet, das sei übertrieben; gegen weiches
holz wolle er nichts sagen, aber Eisen greife
ihn zu seyr an ·...
Nun, lieber Freund,“* fragt Jemand einen
jungen Autor,“ „vringt Dir Deim Schauspiel
ordentlich Geld ein ? — „Es würde sehr
viet einbringen, aber leider ist der Direktor
darauf versessen, das Stück immer an Tagen zu
geben, an welchem lein Mensch in's Theater geht.“

Druck und Verlag won F. X. De meß in St. Ingbert.
        <pb n="517" />
        Anlerhaltungsblatt

WM
»St. Ingberter Anze ig er.
18 1.
r. 433
Steinhöfer und Sotzn.
Von Emilie Heinrichß.

dabei Alles auf die Netven atnn, auf Nerven
und Blut.

Der Kellner weckte ihn fruhzeitig, wie er
befohlen; soeben war Dr. Wolff mit dem
Nachtzuge eingetroffe.

eim Mocrgentaffee theilte Frank ihm
Alles mit, was er erfahren, besonders auch
die kleine bedeutsame Episode mit dem Sohn
der Wittwe Steinhöfert.

Der Rotar schlürfte behäglich den duf⸗
figen Mocca, wozu eine feine Habanna vor⸗
trefflich mundete.

Ulso ein solches Söhnchen besitzt die gute
Frau,“ sagte er gleichmüthiß, „freilich, da
nuß man einschreiten, so vder so. Das Bürsch⸗
hen will mit diesem Kapitän nach Amerika,
sagten Sie nicht fo

„WMit der Mutter Erxlaubniß schon iin acht
Tagen.“—

Hum, wahrscheinlich zu unserem Diebe,
meinen Sie nicht auch, lieber Frank!“

„Freilich,“ lachte dieser spöͤttisch, Aer
wird ihn zum Rächer erziehen wollen. “
Zum Racher, nicht aͤbel — aber die
Geschichte ist wirklich nicht zum Lachen, mei'
Bestereeeeeeee
Hulte ich Sie sonst herüber citirt, kebe
Doctor ?

Wan sieht, die beiden Complicen stande
auf sehr vertrautem Fuß mit einander.

Ganz recht,“ versetzte Wolff, fich sinnen
in die Sophaecke zurüdlehnend, „Sie thate
wohl daran. Das könnte später, wenn dle
dleine Schlange erwachsen, ein nettes Pag:
ibgeben mit ünserin Hamtlet, ein rechtes Fele
jür seinen Himmel quf Erden. Wenn man

(Fortsezung.
989. Kapitel.

VUeberlassen wir die Wittkwe ihrer schweren
Sorge und kehren zu Frank zurück, welcher
mittlerweile ebenfalls seinen Entschluß gefaßt
und sich geradeswegs wieder nach dem Tele—
graphenbureau begeben hättte.
„Gut, daß wir diese kleine giftige Schlange
bei Zeiten kennen gelernt,“ murmelte ex, „sie
könnte uns dereinst arg zu schaffen machen,—
hatte schon jezt eine solche Dosis Gift. Wahr⸗
haftig, der Himmel selber steht uns bei, —
ich bin ein Glücksktind in des Wortes ver⸗
wegenster Bedeutung, werde d'rum auch
sicherlich daß höchste Ziel erreichen, — das
böchste!!
Er sunmte eine lustige Melodie und gab

mit der größten Stelenruhe folgende telegra⸗
phische Depesche auf: „An den Herrn Dr.
Wolff zu X. Ihre Gegenwart erscheint mir
höchst nothwendig, bringen Sie die nöthige
Vollmacht des dr Commerzienraths mit;
es verlohnt der Mühe. Mit dem Nachtzuge
erwarte ich Sieß..
In seinem Hotel speiste er äußerst fein,
er war ein Gourmand und brauchte das
Geld nicht zu sparen. Angenehne Träume
von seiner künftigen Größe wiegten ihn in
den Schlaff.
Es ift nicht wahr, daß der böse Mensch
auch böse Traͤume haben muß, es komm
        <pb n="518" />
        enau wüßte, daß dem vorlauten Buben un⸗
erwegs ein Malheur zustieße, der Weg über's
Meer ist weit und tief. — Hm, nicht. un⸗
möglich, — was meinen Sie,“mein lieber
Frank ? könnte man nicht zum Beispiel irgend
tinen klugen Burschen mit der nöthigen
Courage auftreiben, welcher sich auf leichte
Art die Ueberfahrt nach Amerika, verdienen
möchte ?*

„O, das wäre keine Unmöglichkeit,“ meinte
dieser kaltblükig, „ich will mich sogleich dar⸗
nach umthun. Wir haben da einen Burschen
in der Fabrik, er ist überall im Wege, weil
er schon Moral im Zuchthauseast dirte; 4dem
Manne könnte damit geholfen werden“

„Gut, das wäre abgemacht, — nun ha⸗
hen wir noch die Frau mit dem kleinen
Meädchen, — auch diese müssen veisorgt
werden. Welchen Eindruck machte die Wittwe
auf Sie, mein befler ?“

„Einen imponirenden, auf Ehre, Doctor!

Vornehm, undurchdringlich, — schön.“

„Schön, so, so, wäre schade, wenn sie un⸗
zergehen sollie. Ich werde mich selber über—
zeugen; ist sie vernünftig, gut, dann soll fie
sich nicht beklagen.“

„Doctor, nur keine dummen Streiche,“
lachte der Procurist, mit dem Finger drohend,
unsere Sache erheischt kaltes Blut.“

„Unbesorgt, mein Lieber!“ lächelte Wolff
rynisch, „ich werde diese niemals aus dem
Auge verlieren, nur möchte ich vor allen
Dingen die Menschlichteit walten lassen.“

Frank brach in ein lautes Gelächter aus,
—V—
stimmte.

Liebster! Sie rühren mich bis zu Thrä⸗
nen,“ rief der Procurist, als er endlich wieder
zu Athem kam, „associren Sie sich doch mit
Hamlet, dann ist der Spaß vollständig.“

Nun geuug,“ sprach Wolff, „ich werde
mir die Dame mit dem imponirenden Ein⸗
druck auch einmal besehen und sie zur Ueber⸗
zabe auffordern; es wird ihre eigene
Schuid sein, wenn wir gegen sie in's Feld
rücken.“ ——

So früh, als es sich nur irgend mit der
Schidlichkett vertrug, schritt Doctor Wolff u

der Wittwe Sleinhöfer.5
*Er war ülerrascht von ihrer Erscheinung,

obgleich sie ihm im schlichten Hauskleide ent—
degentrat *

Mit der Artigleit eines geschulten Welt⸗
mannes bat er um Entschuldigung und
zab vor, von Eginhard Stinhöfer abgesandt
zu sein.

Die kluge Frau war auf ihrer Huth. das
Antlitz des Notars, welches den Stempel der
Sinnlichkeit zu ausgeprägt trug, —Herregte eine
widerliche Empfindung in ihr. Jezzt hatte sie
die Ueberzeugung, daß der Fremde vom vor⸗
hergehenden Abend ehenso gewiß ein Spion
hres Schwagers war, als der Mann, weilcher
vor ihr standd. J—

„Eginhard Steinhöfer?“ wiederholte sie
nit gutgespieltem Erstaunen, „das muß ein
Irrthum sein, mein Herr! Der Name ist
mir völlig unbekannt.“

„Ei, ei, Frau Steinhöfer! Dieser Name
väre Ihnen unbekaunt?“ fragte Wolff lä—
helnd, „doch ich verstehe Sie recht wohl.
Sie fürchten nicht mit Unrecht die Verfolg-
uingen Ihres reichen Schwagers, Sie haben
dei einer Gewissenlofigkeit vollen Grund dazu.
Fin Mann, welcher den eigenen Brnder, Ihren
Batten, Madame! aus dem Herzen der
Mutter zu verdrängen, ja, selbst aus dem
Bedächtniß der Menschen zu sösen vermochte,
am ihn seines Erbes zu berauben, ja, der
Verzweiflung und dem Tode in die Arme zu
reiben, ist wahrlich gefährlich genug, von
Ihnen, der Gattin des gemißhandelten Bru⸗
ders, gefürchtet zu werden ⸗⸗.. J

Wolff beobachtete genau den Eindruck,
velchen diese Worte auf die Frau hervor—⸗
bringen würden. Er durfte solches wohl wa⸗
zen, war doch kein Zeuge dieser furchtbareu
Beschuldigungen zugegen. —

Die Wistwe des Ermordeten wurde noch
bleicher als gewöhnlich, unwillkührlichgriff
sie nach einem Stuhl, als suche sie eine Stütze,
im nicht niederzusinken. Wie schnell sie indeß
zuch diese Bewegung mit übermenschlicher
Willenstraft niedetkämpfte, der Notar hatte sie
bemerktt und seinen Entschluß gefaßft. —

„Ich bitte Sie, mein Herr! meiner Ver⸗
sicherung, sich in meiner Person zu irren,
Blauben zu schenken,“ sprach die Wittwe
mit einer stolzen zurückweisenden Bewegung,
rich verstehe kein Wort von alledem, was
        <pb n="519" />
        Sie da geredet, und muß Sie ersuchen, Ihre
Ergüsse anderswo fortzusetzen.“ — u

Das tzeißt, Sie zeigen mir in höflicher
Jorm die Thür, Madame!“s lächelte Wolff
wohlgefällig die schöne Gestalt musterad.

Weil mir die Zeit nuud Lust zur „un⸗
aützen Unterhaltung mangelt,“ versetzte die
Fraͤu, ruhig zu ihrer Arbeit zueückehrend. —

„Wie kurz sie angebunden war, das war
nun zum Entzücken gar,“ brummtt Wolff halb
laut vor sich hin, während sein Auge for—
schend das kleine freundliche Zimmer rasch
aͤberflog. —7 —

„Es thut mir leid, Madame, Ihren Un⸗
willen durch gut gemeinte Worte erregt zu
haben,“ begann Wolff nach einer kleinen
Pause; „lönnte ich Sie doch nur überzeugen,
vie groß Eginhards Theilnahme für— Sie und
Ihre Kinder ist, nur die Sorge, das Ver⸗
orechen des Vaters zu sühnen —

„Ich muß Sie jetzt unverblümt und allen
Ernsies ersuchen, mich augenblicklich zu ver⸗
assen, mein Herr!“ rief die Witiwe mit ge⸗
dtheten Wangen; „suchen Sie sich andere
Zuhörer für Ihre tollen Märchen.“

„Das werde ich thun, Madame!“ ver⸗
setzte Wolff kalt, „hoffentlich werden diese
aufme:ksamer und dankbarer-sein.“ *

Er verbeugte sich tiei und iverließ das
Haus.
Gott stehe mir bei/“ füsterle die Frau,
diesem Manne steht die Gewalt zur Seite.
Wo finde ich Schuß gegen solche Feinde ?“
Wvischreckt' fuhr sie zusammen, als die
Thürt auns Neue nach kurzem Klopfen ge⸗
offnet wurde, ße fürchtete einen dritten Ver⸗
folger. Es war Kapitän Brandt, der ihr freund⸗
lich die Hand, entgegenstreckte. —
,Gingenicht, soceben ein Fremder von
Ihnen, liebe Freundin de.
Ein verkappter. Verfolger,“ versetzte die
Witiwe, „ich war in diesem Augenblick recht
sroklos. Ihr Anblick stärkt meinen Muth.
Uamen Sie, Freund, und lassen Sie sich
erzählen. ν ι.
Als die kluge Frau ihm alles mitgetheilt,
schüttelte der Kapitän evstauntz den Kopf. und
erhob sich mit ungewöhnlicher Heftigleit, — um
davon zu eilen. n

,Was wollen Sie beginnen 7“ fragte fie
—XXRVVVV —J
Die beiden elenden Wichte aufsuchen und
nit meinen Fäusten sie durchbläuen, sie sollen
inen Seemann kennen lexnen und erfahren,
vas es heißt, ihn und seine Freunde zu
verfolgen.“ I] —J 2* *
Nicht doch, lieber Freund !“ beschwich⸗
igte ihn die Wittwe, „Sie würden mit
Ihrem Eifer Alles verderben und, den Geg-
decn neue Waffen widerHuns in die Hand
iefern.“ Wir dürfen nicht vergessen, daß es
zer Reichthum ist, welcher mich verfolgt, ein
Vötze, welchem die Gewalt stets gehorsam
ur Seite steht. Was ich Alles von die sem
Manne. zu erwarten habe, sehen wir an Hart⸗
nuths Schicksal, und auch Sie, mein Freund,
ind schon in denumheimlichen Kreis dieser
Berfolgungen aufgenommen; das beweist der
Streich, welchen mangestern bereits gegen
Sie zu führen wagte c·c·c··.. a
Ach was, ich will mich schon meiner
Hhaut wehren,“ lachte der Kapitär. „wer mir
nahe tritt, den schlag ich zu Boden.“
NAuch das Gesetz “ Sie jahen, wie
nachtlos Sie gestern dagegen waren. Rein
Freund, wir sind wehrlos, wo solche Macht
ans zu verderben beschlossen. Das. eine Opfer
genügt ihnen nicht, sie müsien uns Alle ver-
richten,n auf daß kein Mund sich mehr zur
Anklage bfne. Wie unglücklich bin ich, auch
Sie in dieses unheimliche Verderben hineinzus
iehen z mier ed wagt, mir hülfreich zur Seite
zu stehen, muß untergehen an Ehre und Le—
hensglück, wie der arme Hartmuth.“
Der Kapitän stampfte ingrimmig mit dem
Fuße, sein grader, einfacher Charalter konnte
soͤlche Bosheit nicht begreisen und glaubte
n folchen Füllen einsach mit dem Faustrecht
durchzulvmmmen ιιι .
Ich bin überzengt,“, fuhr die Wittwe
zefaßter Fort, „daß dies nur das Vorspiel
zes eigentlichen Drama's“ ist, weiches man
wider mich in Scene setzte; sie werden sieden,
peun · ich ihnen vicht bei Zeiten das Feld
räume. Haben Sienoch Raum für mich und
meine kleine Clara auf Ihrem Schisse, Kapi⸗
än Brandt,“ dann nehmen Sie, uns mit nach
Amerita. α— .8
„Bei allen Haifischen der ganzen Welt,
        <pb n="520" />
        das geht,“ rief ver Kapitaͤn vergnügt, „aber
was wollen Sie mit Ihren Sachen an⸗
faugen ?8

„Die verkauft Ihre Frau mir spater,
wenn sich bie Gelegenhein dazu bietet. Ich
habe üder kine knicht unbedentende erfparte
Summe zu gebieten, später wird Gott weiter
sorgen. Um aber kein Aufsehen zu ertegen,
reisen Sie, wie wit gestern Abend verabredet,
heute allein fott mit melnem Ferdinand. Ich
werde mit Clara den Nachtzug benugen.“

„Gut, fso mag es geschehen,“ nickte der
eapitän, „in Breinen erwarte ich Sie, da
wosllen wir Alles noch weiter überlegen; für's
Erfte ist die Hauptsache, aus dem Bereiche
dieser Halfische zu kommen.: Gott wird schom
Zeit und Stunde wissen, wann die Vergeltung
iͤbet diese Rotte Korah herabwettert.

Die Winve luchelte ruübe und reichte
dem ehrlichen Seemann die Hand, welche dieser
herzhaft drückte. Dann nickte er iht vergnügt
ju und eilte fort, um Alles zur Abreise por⸗
bereiten.

Frau Sieinhöser stand einenAugenblich
anbeweglich, das bleiche Antlitz auf die Brust
gzesenkt. —

„Mathe! Muth!“ flüsterte sie.n. Du mußi
fur Deine Kinder leben ä

Unb mit ihrer gewöhnlichen Ruhe und
Energie ordnete sle Ferdinands Reise⸗Effec⸗
ien, um dann später an bdie eigene Abreilt
ju denten.

Da unischlungen“ sie zwei Kinderärmchen,
tin blondes Locdcenköpfchen schegte sich au
ihre Brust und zwei helle lachende Augen
schauten schelmisch zu ihrt duf.

Der Onlkel gab mir Zuckerwerk,“ flüsterle
fie, ihr einige Naschereien in den Mund
schiebend, Fet sagte, ich solle mit ihm gehen,
er wolle mir Schönes zeigen. Da lief ich fott.
weil ich mich vor ihr fürchtete.

„Wer, HEnbet Brandta fragie vie Muiter

banger Ahnung.

O ein. ein freinder Ontel, er war
hier bei Dir, als ich im Gartenspielts.
D Matia, ich hab' mich wirklich vor ihm
zefürchtet“

„Svllst heun den ganzen Tag bei mir
Druck anq Verlag von J. X. Deineß in St. Ingbert.

bleiben, mein Clärchen!“ sagte die Mutter,
ge fest an sich drückend, „mußt beileibe mit
keinem fremden Onlkel gehhen, sonst siehst Du
die Mama nie wieder. Hörst Du, heut' nicht
don mir gehen.“

Nein, nein, ich geh' nicht wieder fort,“
riej die Kleine äntzstiich nach der Thür schauend,
als fürchte sie dort das Erscheinen des frem⸗
den Onkels.

Muin wollie das Kind ihr entreißen!
Dieser Gedanke stählte ihren Muth und machie
sie fühig, das Aeußerste zu wäagen.

Von dieser Minute an stand ihr Ent⸗—
ichluß, Eutopa zu verlassen, sest. ga

Sie weinte nicht, als Ferdinands Gepäck
abgeholt wurde und Kapitän Brandt mit dem
Knaben fortging. Es war der armen Mut⸗
ser in dem Augenblick, als nähme er Abschied
nuf ewig, als würde sie ihn nie wie⸗
dersehen. Doch verschloß sie den Schmerz
nef in der Bruft, um die Zuversicht des
keindes nicht zu stören.

— — (Gortsetzung folgi)
Mannigfaltiges.

Metz, 831. Oet. Die Ztg. für Deutsch-
and erfaͤhrt jetzt einiges Nahere über einen
im letzten Sonntag Nachmittag (29. Oct.) bei
dördt, zwischen Wendenheim und Bischweiler,
porgekommenen Eisenbahnunfall. Der Perso⸗
ienzug von Straßburg stieß mit einem Güter⸗
zuge aus Weißenburg, bez. Saargemünd, zu⸗
ammen, wodurch die Locomotive des Ersteren
ungeworfen, mehrere Personenwagen total
jertrümmert und einige Güterwagen erheblich
peschädigt wurden. Die Reisenden kamen glück⸗
licher Weise ohne Verletzung dabon, uno nut
in Heizer wurde leicht vetwundet. Det Per⸗
sonenzug nach Straßburg erliit dadurch eine
Berspütung von 8 Stunden, die Reisenden
waren gensthigt, bei — auszusteigen und
zasßs mit Trümmern aller Art bedeckte CUeis
in einer ziemlich langen Strece zu Fuß⸗zu⸗
rückzulegen, um einen Specialtrain zu erreichen,
her sie nach Strußburg beförderte, wo sie erh
um 2 Uhr Nachts ankamen.
nnnns sk
        <pb n="521" />
        Unterhaltungsblatt

6 J

7
StIngberter Anzeiger

— — —

*

—

4.

S)onntag, den 12. November
1831.
3 teinßöfer und Sohzu.
Von Emilie Heinrichs.“

Wittwe ihr Kind sanft in die Sophaecke bet—
tete und das Licht ergriff, um nach der Thür
zu gehen.

„Mein Gott, Sie woller doch nicht öff⸗
nen?“ rief Frau Brandt, „geben Sie mir
das Licht, Liebe! ich will mit diesem Stären⸗
fried schon fertig werden.“

Wiederholtes Klopsen unterbrach ihre Worte,
Frau Steinhöfer ging rasch, ohne eine Sylbe
zu eiwiedern, hinaus, Lon ihrer Freundin
gefolgt.

Als sie die Hausthür öffnete und das
Licht erhob, prallte: sie entsetzt zurück, —
zwei Polizeibeamte traten ihr entgegen, hinter
diesen tauchte das wohlbekaunte Gesicht einer
angesehenen Magistratsperson außt.

„Entschuldigen Sie diesen ungewöhnlichen
Besuch, Frau Steinhöfer!“ begann Letzterer,
äch vordrängend, „das Gesetz verlangt bei
besonderen Anlässen, — doch, was sehe ich,“
unterbrach er sich erstaunt, „Sie scheinen ver⸗
reisen zu wollen, — ich hörte bereits, daß sie
Ihren Sohn fortgesandt —4—
„Das habe ich gethan, Herr Bürger⸗
meister !“ fiel die Wittwe ihm kalt und
stolz in's Wort, „ich hoffe, das Recht dazu
zu haben.““

»Hm, das fragt sich,“ murrie er, in's
Haus tretend, „folgen Sie mir, meine Herren!
— Im Namen des Gesetzes sind diese Beamte
befugt, in meiner Gegenwart eine Hausuchung
vorzunehmen, Sie werden sich der Nothwen⸗
digleit fügen und uns keine Schwierigkeiten
in den Weg legen, Frau Steinhöfer!“

„Eine Haussuchung!“ wiederholle dae
Wittwe, stolz zurücktretend, „welcher Gruud

Gortsetung.)

10. Kapitl.

Es war nach Mitternacht; in dem kleinen
Hause der Wittwe Steinhöfer brannte noch
Licht, — sie saß im vollständigen Reise-
Anzug, mit ihrem schlaftrunkenen Kinde auf
dem Schooße, in der kleinen Stuhe, thränen⸗
los vor sich hinstarrend.

Vor ihr auf dem Tische lag ein Päckchen,
wilches sie mitnehmen wollte, alles Uebrige
follte der Obhut ihrer Freundin, der Frau
Brandt, überlassen bleiben. —*F

Die Frau des Kapitäns, ein resoluter
Charakter, treu und gefällig, saß tröstend
neben ihr und bemühte sich vergebens, ihr
diese Reise auszureden und sie noch in der
letzten Stunde zum Bleiben zu bewegen.

„Sie sehen zu schwarz, meine Beste!“
meinte sie, „was will ihr Schwager machen,
„kann er doch Gott danken, daß Sie die
Sache ruhen lassen⸗⸗ 9— J

„So lange dieser Mann eiwas zu fürchten
hat, ruht er nicht,“ versetzte die Wittwe,
„wer weiß, was die nächste Stunde mir schon
für Unheil bringen kann, — die böse Ahnung
schnürt mir die Brust zusammen. O, läge
erst das große Weltmeer zwis hen mir und
diesem Fürchterlichen! — horchi
Ein festes Klopfen an die Thür ließ
beide Frauen zusammenschrecken. Frau Brandt

hielt sich zitternd an dem Tisch, während die

— —— —
        <pb n="522" />
        berechtigt Sie. zu jolchem Einschreiten ge⸗
gen mich ẽ e *7

„Das werden Sie später auf der Polizei
erfahren, Madame!“ rief der eine Be—
amte kurz.

„Ei, damit ist's nicht gut,“ sprach Frau
Brandi, welche sich kaum von ihrer Ersiarrung
zu erholen vermochte, „ist denn das erhört,
gegen eine undescholtene Frau so einzuschreiten
und sie mitten in der Nacht wie Diebe und
Räuber zu überfallen? — Wir wissen wohl,
wer diese neue Unthat eingebrockt, der Wind
weht von der Hauptstadt her und dem Reich⸗
thum ist Jedermann unterthänig und gefällig.
Doch Gott findet die Bösen —“

„Still, meine Liebe!“ gebot die Wittwe
sanft, doch fest, „dem Gesetze sind wir Alle
unterthan, wer will sich erkühnen, wider den
Stachel zu leden? Ich will nicht weiter
fragen, wessen man mich beschuldigt, um solche
Schmach zu rechtfertigen. Thun Sie Ihre
Pflicht, meine Herren!“/

Ihr Auge fiel bei diesen Worten auf dak
Päckchen, welches auf dem Tische lag und
von dem ersten Polizeibeamten bereits er⸗
zriffen war. — I

Sie bebte leicht zusammen, während ihr
Antlitz leichenblaß wurde

Dieses Päckchen enthält nur Papiere,“
fagte sie, sich gewaltsam behrrrschend, „es
ind Briefe meines verstorbenen Gatten und
—— —
sind und nur Familien⸗Angelegenheiten be—
jreffen; Sie werden diefe, für jedes fremde
Auge ohne Interesse; nicht profaniren, ich bitte
darum im Namen der Menschlichkeit!“

Der Beamte zuckte die Achseln und ver⸗
setzte kalt: „Thut mir leid, Madame, Ihren
Wunsch nicht erfüllen zu können — ich kann
vom Gesetze kein Haar breit abweichen.“
ESchaͤndlich, schändlich,“ rief Frau Brandt
außer sich, „solche Gewalt kommt ja nicht
bei den Wilden vor, freilich gibt's da auch
keine Polizei“

i Still, oder Sie werden auf der Stelle
arretirt,“ gebot der zweite Beamte rauh.
Machen Sie's kurz,“*“ flüsterte der Rür⸗
gexmeister dem Ersten in's Ohr, „die Sache
e mir äaußerst peinlich, es wird sicherlich auf
Iner falschen Denunciation beruben“

„Wird sich finden,“ entgegnete dieser
trocken, „wir erfüllen unsere Pflicht, kein
Jota mehr.“

Eune furchtbare halbe Stunde für die
Wittwe des Ermodeten, sie ertrug sie stolz,
hatte sie doch schon Grausfigeres ertragen
lernen.

Der erste Beamte ersuchte sie jetzt, ihm
ungesäumt auf's Bureau zu folgen.

„Auch das noch, o, zu viel, — zu viel,“
lüsterte sie, die Hände vor's Antlitz schlagend.
Dann trat sie zu der Kleinen, welche sorglos
fortschlummerte, und küßte sie leise, wobei
wei brennende Thränen auf das schöne
Antlitz des Kindes fielen. J

„Sie verlassen die Kleine keinen AÄugen⸗
blick, liebe Frau Brandt!“ sagte sie mit ge⸗
preßter Stimme, „schwören Sie's mir!“

„Ich schwöre es Ihnen, theure Frau!“
oersetzte diese bewegt; „gehen Sie, das gute
Bewissen begleitet ihren schweren Gang, auch
die Gewalt hat ihre Grenzen

Ahnte die arme Miatter schon, daß fie
hr Kind nicht wiedersehen sollte? Sie brach
olötzlich, so viel sie auch dagegen ankämpfte,
n Thränen aus und küßte die Kleine, lei—
denschaftlich erreg..

Das Kind schlug die Augen auf, schlang
die Aermchen um ihren Hals und rief schlaf⸗
trunken: „Mama, nicht fortgehen!“

„Sie erregen sich zu sehr, Madame!“
sprach der Vürgermeister, „die Geschichte ist
'o schlimm nicht, — auf der Polizei werden
Sie in kürzester Zeit Ihre Schuldloßigkeit
rachweisen können. Madame Brandt wird
nittlerweile für die Kleine sorgen“

„Gewiß, gewiß, haben Sie keine Furcht,
heste Freundin!“ betheuerte diese weinend.

Die Wittwe hatte ihre vollständige Fassung
wieder erlangt, fie schritt hastig voran, von
der Polizei gefolgt, während der Büger—⸗
neister sich kopfschüttelnd nach seinem Hause
verfügte.

Man hatte bei der Durchsuchung nichts
Gravirendes oder Verdächtiges weiter gefun⸗
den, als das Päckchen Papiere, dessen In—
halt von dem Polizei⸗Inspector jetzt aufmerk⸗
sam geprüft wurde.

Frau Steinhöfer befand sich in einem
Nebenzimmer, von zwei Officianten bewacht;
        <pb n="523" />
        sie hatte ihre volle Energie wiedergefunden ich, die kühne Erllärung der Dame näher
and im äußersten Falle einen Entschluß u berühren,“ „meine Pflicht erheischt leider
gefaßt. diese Indiscreltion. Ich muß Ihnen gestehen,

Der Inspector that seine Pflicht, als er daß sie mich von Anfang bis zum Schluß ge⸗
diese Brieffchaften Stück für Stück aufmerk⸗ esselt haben. Wenn alles Wahrheit ist, woran
sam durchlas, — sie mußten ihn ungemein u zweifeln ich keine Ursache habe, warum
sesseln, da er die Anwesenheit der Gefangenen zingen Sie nicht vor in Ihrem Rechte? Ja,
zänzlich vergaß und die Zeit im Fluge ent. ch frage Sie, warum leugneten Sie bislang
eilen ließ. Ihre nahe Verwandtischaft mit dem reichen

Endlich, es dämmerte bereits im Osten, Tommerzienrath Steinhöfer ?——
hatte er das letzte Papier wieder zusammen⸗ „Die Antwort werden diese Papiere Ihnen
zefaltet und zu den übrigen gelegt, worauf er dinlänglich gegeben haben, mein Herr!“ er⸗
Verschiedenes notirte, sich dann erhob und ge-⸗ viederte die Wittwe, „ich wollte Hartmuths
dankenvol das Zimmer durchmafßfß. öchicksal nicht auf die unschuldigen Häupter

—Nach einer Weile öffnete er die Thürdzu meiner Kinder herabbeschwören. Dem Reichen
zem, Nebengemache und sagte artig: „Ich lehen Gesetz und Gewalt stets zur Seite.“
bitte um Entschuldigung, Madame, Sie so „Sie irren sich, Madame!“ rief der
lange warten zu lassen, und möchte Sie er- Inspektor etwas gereizt, „vor dem Gesetze
juchen, hier einzutreten J“··eprrscht völlige Gleichheit, hier findet kein

—A —
Zzimmer, dessen Thür der Inspector hinter „Wirklich nicht 7“ fragte Frau Steinhöfer
hr schloß, worauf er ihr achtungsävoll einen mit einem Anfluge von Hohn, „el, so sagen
Sessel hinschob. i. Sie mir geschwind, wäre mein Fall, auf den

Stolz blieb sie vor ihm stehen und fragte reichen Commerzienrath angewandt, nicht ganz
ruhig und kalt: Dürfte ich mir jetzt, eine mit den Worten jener bekannten Fabel: Ja,
Erklärung dieses Verfahrens erbitten?“ Bauer, das ist ganz was Anderes!“ abge⸗

„Gewiß, Madame! Sie haben das Recht han worden? — Oder hätten Sie auf meine
dazu,“ versetzte der Inspeltor höflich; „bitte, Denunciation hin eine Haussuchung bei jenem
etzen Sie sich, ich werde Ihnen, alsdann eichen Manne angeordnet 1 —5
Alles erllären.“ *3 Der Inspector gerieth in Verlegenheit, er

Sie setzte sich, worauf auch er Platz nahm. diß sich auf die Lippen.

„Wenn sich aus diesen vorgefundenen Hm,“ lächelte er gezwungen, „der Com⸗
Papieren auch keine direlte Schuld Ihrerseits nerzienrath Steinhöfer ist bekanntlich eine
herausstellt,“ begann er etwas zögernd, „so Tapicität, eine in der öffentlichen Meinung zu
ist mir doch klar geworden, daß Sie noch hoch stehende Persönlichkeit, um auf solche Weise
immer in schriftlichem. Verkehre mit dem als ompromitiirt zu werden ..
Dieb und Brandftifter steckbrieflich verfolgten Er mußte vor dem Blick der Wittwe un«
Hartmuth stehen —555 wvillkührlich die Augen senlsen. 8

„Ah, da hinaus geht diesmal die Bos⸗ „Ihre Worte bestätigen“ einfach meine
heit,“ unterbrach sie ihn überrascht, „ich ahnte Behauptung.“ entgegnete sie, „ich wüßte in
so etwas, — ihr Ziel will stets die Ehre der That nicht, wodurch zich die Achtug meiner
des Opfers tödtlich treffen, um es unschädlich Mitmenschen verscherzt oder Veranlassung zu
zu machen““ olcher Behandlung gegeben hätte. Die Armuth

.So wissen Sie, von welcher Seite die ist der Fluch des Lebens, weil in ihr das
Denunciation kommt 7 fragte der Inspeetor, Recht zu jeder abscheulichen Beschimpfung
einen forfchenden Blick auf sie werfend. liegt, ein Recht, welches das Gesetz selbst

„Ja, mein Herr! sie kommt von dem danctionirt.“ m,
Bruder meines gemordeten Gatten.“ „Das Unglück“ macht den Menschen in
Ich müßte diese Papiere alle durchlesen,“n der Regel ungerecht und bitter in seinem Ur⸗
juhr der Inspektor rasch fort, als scheue er theil,“ lächelte der Inspektor verlegen, „ich
        <pb n="524" />
        will Ihre Worte in diesem Sinne richten
NRun, lassen wir das, Madame! es freut mich,
Ihnen Ihre Papiers wieder zustellen zu kön⸗
nen, mit dem Wunsche, daß es Ihynen in
Amerila — Sie wollen doch, bin ich riecht
unterrichtet, dorthin — recht wohl gehen möge.“

.Ja, mein Herr; Ich will Europa ver⸗
lassen,“ versetzte die Wittwe, ihre Papiere
nehmend, „dort hoffe ich wenigstens vor solchen
ungerechten Verfolgungen und Beschimpfungen
sicher zu sein.“

Sie wollte das Zimmer verlassen, als der
Inspektor sie zurückrife.—

Um Entschuldigung- Madama, Sie haben
auch einen Sohn?““ 1—

„Ja, mein Herr!“ — e

Wie alt, wenn ich fragen darf de—

„Zwölf Jahre.“ —
Sie nehmen den Knaben mit nach
Amerika ?“ꝛ— —ED —

„Allerdings, wie sollle ich ohne Kind
jortreisen.“

Leben Sie recht wohl, Madame lc

Et verbeugte sich artiig — fsie ging. —
Sie können die Dame nach Hause ger
seilen, Krause !“ rief er durch die geöffnett
Thür einem der dort harrenden Ofizianten zu.

Mit einer stotzen abwehrenden Bewegung
eilte sie jetzt hinaus
HOHraußen unter Gottes freient Himmel
stand sie still und blickte zu deu Sternen empor.
. »Wenn Du mich in diesem Augenblick
jehen könntest, Ferdinand 1n0. flüsterte sie mit
zuckenden Lippen, „die Schmach, welche Dein
Druder mir, Deinem Weibe angethan, dann
hüßte Deine Anklage vor Gottes Thron dop⸗
pelt schwer in die Waage des Getichts sallen
vider Deinen Mörder!“

Sie schüttelte die Verzweiflung, welche sie
gepackt, mit ihrer ganzen Willenkkraft von sich
ab u. eilte/ wie vom Sturm getragen, nach Hause.

Drinnen war AUlles wie ausgestorben; ob
Frau Brandt wohl die Kleine mit sich nach
ihrem Hause genommen hatte

Die Hauptthür wart unverschloffen, nur
angelehnt, ebenso die Thür zur Wohnustube,
wo es stockfinster war.

Eins unerklärliche Angst überfiel die arme

Mutter, kalter Schweiß trat auf ihre Stirn,
mit zitternder Stimme rief sie den Namen
der Freundin.

Keine Antwort. Todtenstille tringsum, Idoch
nein, sie dernahm: deutlich die regelmäßigen
Athemzüge einer Schlafenden, und leichter
wutde ihr Herz..

Jede Angst und Anfregung von sich wer⸗
fend, suchte sie vor allen Dingen jetzt erst
Licht anzuzünden; es gelang ihr nach wenigen
Minuten.

„Ah, Gott sei Dank!“ sprach sie nach
einem tiesen Athemzuge, als sie Frau Brandt
in ihrem Lehnstuhl schlafend erblicke.

Ihr zweiter Blick galt der Sophaecke, wo
se ihr Kind zurückgelassen, sie war leer; es
mochte wohl in seinem Bettchen schlafen.

Ohne die Freundin zu wecken, flog sie
mit dem Lichte in die Kammet. Das Bett⸗
chen war unangerührt .

Sie stieß einen Schrei aus und stürzte
zurück, um die Schlafende zu: weckhen. —

Frau Brandt fuhr empor und starrte fie
etschreckt an ·

i Ahl da sind Sie ja wieder, Gott sei Dantl“

— (Fortfetzung folgt
— 200389h—
i Ein Wort von 7 Buchstaben

Den Zweiten weg: so sanst und rein

Sollt' jedes Menschen Inn'res seit,⸗

Ohn' zwei, sechs, sieben hars Geschich!

Sehnt man sich nach der Musitßtß.

Du dvarfst es ohne junftes Zeichen

Richt Fremden, sondern Deinesgleichen.

Es läßt sich ohne Buchstab' vie,

Am besien thun anuf einem Thier.

Wenn nicht en EX pnn fieh'n,

Was bleibt, ist an dem Schiff zu seh'n.

Sieht man der Zeichen Erstes nich,,

Wer dann es thut, der scheut das Licht.

Eins, vier hinweg, dann nennt es die

Ein Thier von großer Freßbegier.

Wirst eins und drei du, Leser, streichen:

Von zwölf wird fich ein Bruder zeigen.

Eins, zwei und fünf, die lösche aus

Dann breitet es sich iunig aus

Viel Land im Süden wird bedetct

Vom Ganzen, das gar herrlich schmeckt.
Auflbsung der Charade in Nr. 181 des Anterhalt—

ungsblaiteßs:: „Jonathan.“ —

222

X5
Druck und Verlag von F. X. Demeß in St. Indbert.

e y⸗
        <pb n="525" />
        Anterhaltungsblatt

zum
St. Ingberter Anzeiger.
——

Nr. 136.
steinhöfer und Sohn.
Von Emilie Heinrichs.

Die Frau konnte], vorß Aufregung und
Verzweiflung kaum die Mittheilung von dem
plötzlichen Verschwinden des Kindes machen.

Der Inspektor erschrack sichtlich, — er
ging einige Male rasch auf und nieder und
dersprach dann sogleich seinen thätigen Bei⸗
tand. „Bleiben Sie bei der armen Frau
Steinhöfer,“ sagte er theilnehmend, „ich werde
'ogleich hinkommen.“

Als fich Frau Brandt entferntahatte, rief
der Inspektor einen Officianten, welcher den
Nachtdienst hatte.

„Sie werden sich soçleich in das Hotel
„Zum Kronprinzen“ begeben, Krause, und
dort bei dem Portier oder Wirth genaue
Nachfrage halten, welche Fremden mit dem
Nachtzuge abgereist sind. Von da ab erwarten
ie mich am Bahnhofe.“

„Sehr wohl, Herr Inspeltor!“ J

Der Officiant verließ das Haus, — bald
darauf der Inspektor, welcher sich gerades⸗
vegs nach der Wohnung der Wittwe Stein—
zöfer begab.

Als er in's Haus trat, körte er ein lei⸗
ses Schluchzen und Klagen; durch die nur
ingelehnte Thür der Wohnstube schimmerte
dicht, er klopfte und stand auf der Schwelle,
vo er betroffen stehen blieb.

Es war Fran Brandt, welche so laut
'ammerte und klagte, während die unglückliche
Wittwe auf dem Sopha saß und mit weit
zeöffneten Augen vor sich hinstarrte. In kurzen
Zwischenpausen strich sie sich langsam über
die Stirn und sprach tonlos die Worte:

„Alles todt! Alles todt!“

„O, Herr Inspektor!“ rief Frau Brandt

(Fortsetzung.)

„Wo ist mein liebes Kind!“ rief die
Mutter in Todesangst.

„Es schläft auf dem Sopha, liebe Freun⸗
din! Mein Gott, was fehlt Ihnen? — Das
Kind —“*

Sie sprang auf und blickte nach der
leeren Ecke, Todtenblässe überzog ihr Gesicht.

„Es muß da sein, ich setzte mich neben
das Kind um zu wachen und muß darüber
eingeschlafen sein. Clara! Clara!“

Sie nahm mit zitternder Hand das Licht
und durchsuchte alle Räume des Hauses von
oben bis unten, das Kind mußte sich irgendwo
verstedt oder nach der Mutter gesucht. haben.
Diese folgte ihr mechanisch, alles Leben schien
aus dem starren Antlitz entwichen zu sein.

Frau Brandt eille in den Garten, nir⸗
gends eine Spur von dem Kinde, die arme
Frau war in Verzweiflung.

„Clärchen! Clärchen! O, heiligek Gott!
Du wirst so schwer mich nicht strafen!“

Sie kehrte in's Haus zurück und, stolper ie
über einen Gegenstand, — die arme, unglück⸗
liche Mutter lag bewußtlos am Voden.

Wie von Furien gehetzt flog Frau Brandt
nach dem Polizeigebäude, — dort war noch
Licht; der Inspektor, welcher seine Wohnung
hier hatte, saß noch mit Schreiben beschäftigt
in demselben Zimmer, wo er mit der Wittwe
die kurze Unterredung geführt.
        <pb n="526" />
        als sie den Beamten erblictte, „rathen, helfen
Sie mir! So ist sie nun, seitdem sie ans
der Ohnmacht erwacht, so viei ich ihr auch
zurede.“*
.Das ist furchtbar,“ sprach der Inspektor
tief erschüttert, „holen sie rasch einen Arat,
liebe Frau, ich werde so lange hier bleiben

Sie eilte fort und kehrte nach kurzer Zeit
mit einem Arzte zurück, wekcher den Zustand
der Unglücklichen gew ssenhaft prüfte und dann
den furchtbaren Ausspruch that: „Sie ist
wahnsinnig!“

„Ich werde dafür sorgen, daß sie in eine
Heilanstalt gebracht wird,“ sagte der Inspektor,
Ihrer Ob hut vertraue ich sie bis morgen an.
liebe Frau!“

Er verließ das Haus, um sich nach dem
Bahnhof zu hegeden und konnie, soviel er
auch das, was er gethan, als seine einfache
Pflicht erlannte, ein peinliches Gefühl nicht
os werden, ein Gefühl, wie er es in feiner
ganzen Laufbahn noch nie enpfunden,

Sein Officiant erwartete ihn am Bahn⸗
hof und stattete den Bericht ab, daß in die⸗
ser Nacht Niemand adgereist sei, — am vor⸗
derigen Abend zwei Fremde, welche nacheinan⸗
der eingetroffen, ich hier wobl ein Rendezpous
gegeben hätten.

Der eine von Ihnen, Doctor Wolff, war
der Denunciant gewesen; af ihn halle der
Juspettor nach der Lectüre jener Papiere
gegründeten Verdacht hinsichtlich des Kinder—
raubes.

Er zweifelte keinen Augenblick, daß dieser
Raub von dem Commerzienrath ausgehe, aber
wie ihn packen, bohne stch die Finger zu ver⸗
brennen? War die Mutter ja doch jetzt wahn⸗
finnig, und so am Ende besser, der mysteriösen
Geschichte nicht weiter nachzuspüren.

Als fie deßhalb vergebens am Bahnhof
wie am Hafen Nachforschungen gehalten, ließ
der Inspeltor die Sache auf sich beruhen und
lehrte nach Hause zurück mit dem Vorsatze
nach Kräften für die unglüchkliche Frau zu
sorgen und dem Commerzienrath einige per⸗
ständliche Worte zukommen zu lassen.
1I1I. Kapitel. —
Esmnbard Steinhöfer saß in seinem Zim-

mer, emsig an den Modesl einer kleinen Ma
schine arbeitend.

Ein neuer Geist schien seit dem Tage,
an welchem er Hartmuths Zeilen gelesen, ihn
zu beleben; die Träumereien gewaltsam ban⸗
nend, wandte er sich mit eisernem Fleiße den
pruktischen Wissenschaften zu, besuchte die poty-
technische Schule und war haufig auf der
oäterlichen Fabrik zu finden, um sich von den
Arbeitern bald dies, bald jenes erklären zu
lassen. Alle liebten den freundlichen jungen
derra und sehnten die Zeit herbei, wo er die
Fabrik übernehmen würde.

Der Vater freute sich im Stillen dieser
wohlthätigen Veränderuug und ließ ihn un⸗
umschränkt gewähren, während die Mutter
mit ihren beiden Complicen sich von ihrer
ersten Ueberraschung kaum zu erholen ver⸗
mochte und auf neue Pläne sann.

„Nur ruhig, keine Uebereilung, Kinder!“
oflegte der Notar mit seiner gewöhnlichen
Ruhe zu sagen, „wir haben den Commerzien⸗
rath im Netze; mag er zappeln, so viel wie
er will.“

Die Reise schien er gänzlich aufgegeben
zu haben; als seine Frau ihn daran erinnerte
blickte er sie finster an und sprach: „Es
scheint, daß vier Augen Euch hier zu viel
sind — noch bin ich Herr im Hause, — dütet
kuch vor meinem Mißtrauen!“

Er war jetzt ruhiger und sicherer wieder
in seinem ganzen Wesen; fürchtete er jetßzt
doch nicht mehr das Gespenst neuer Erban⸗
prüche, feitdem er von dem Polizei-Inspektor
einen Brief erhalten, worin dieser ihm die
raurige Episode mit seines Bruders Gattin
uind Kindern mittheilte. Es war dem stolzen
Manne freilich unlieb, einen theilweisen Mit⸗
wisser seines Geheimnisses in jenem Beamten
zu daben, und er hätte gern die betreffenden
Papie re, welche jener in Verwahrsam genom⸗
men, gehabt.

Doch durfte er sich leine Blöße geben,
genug, daß die ganze Familie jetzt mit einem
Schlage unschädlich für ihn gemacht worden;
donnte er nun doch wieder ruhig schlafen und
äch des Genusses freuen.

Er antwortete deßhalb auch sogleich dem
Inspektor äußerst freundlich, fügte eine nicht
anbedeutende Summe zur Verpflegung der un⸗

—
        <pb n="527" />
        glüchlichen Geisteßlranken hei und setzte bee
dauernd hinzu, wie der verstorbene Gette,
welcher als Selbstmörder geendet, sich stets
für einen natürlichen Sohn seines seligen
Vaters ausgegeben und abenleuerliche Erban⸗
sprüche erhoben habe. Er empfinde das tiefste
Mitleid mit dem Schicksal der unglücklichen
Familie und bäte dringend, ihm dann und
wann Nachricht zukommen zu lafsen. „Sollten
die armen Waisen meiner Hülse einmal be⸗
dürfen, so mögen sie sich nur ohne Scheu an
mich wenden und mei er Hülfe versichert sein.
Es würde mich sehr interessiren, jene Papiere,
vom welchen Sie in ihrem Schreihen gesprochen.
einmal durchsehen zu können, und wenn es
sich mit ihrer Pflicht vertrüge, würden Sie
mich durch die, Uebersendung sehr werbin⸗
den u. s. w

Der Inspeltor lächelte spöttisch, ols er
dieses las. Er war durch den Brief mehr
als je überzeugt, daß Ferdinand Steinhöfer
der leibliche Bruder des Commerzienraths ge⸗
wesen, und nicht gewillt, dem reichen Manne
das Heiligthum der Wittwe auszuliefern.

Ohne Zögern aniwortete deßhalb der
Inspektor dem Commerzienraih ablehnend,
entschuldigte sich mit seiner Pflicht und accep
tirte das Anerbieten, sobald von den beiden
Waisen eine Spur aufgefunden sei. Er wisse
nur, daß der Knabe mit einem Freunde der
Mutter. auf der Reise nach Amerika sich be—
fiude, das kleine Mädchen jedoch noch immer
jpurlos verschwunden sei. So viel er aus den
Briefen erfahren, werde Kapitän Brandt den
sKnaben Ferdinand zu dem seiner Zeit steck⸗
brieflich verfolgten Hartmuth bringen. dessen
genaue Adresse er beifüge.

„Mag er dort bleiben,“ murmelie der

Commerzienrath, diesen Brief sorgfältig in
seinen Schreibtisch verschließend; „den gebrand⸗
markten Hartmuth fürchte ich nicht mehr, in
seiner Gesellschazt wird auch der Knabe mir
böllig unschädlich “
Er bieß eine geraume Zeit verstreichen.
bis er den Notar Wolff eines Tages so
beiläufig fragte, was denn eigentlich aus
der kleinen Tochter des Selbstmörders ge⸗
worden sei.

„Hm“, entgegnete Wolff, den Commer⸗
zienrath fest anblickend, „in dieser Sache bin

ich unwissend, fragen Sie Frank, ich glaube
wohl, daß er Ihrer Firma den Dieust gelei⸗
stet hat, Herr Sohn !“

„Frant? — so, das ist mir nicht ange⸗
achm, warum nahmen Sie eigentlich die Sache
nicht in die Hand, Herr Vater?“

„Ich liebe es nicht, mich direct zu be⸗
sudeln,“ rersehte Wolff scharf, „in dieser
Weise sind meine Hände siets rein geblieben
wie mein Gewissen“

„Eine schöne Logik!“ rief Steinhöfer
bitter, „auf solche Weise wäre der Soldat
für die Auordauugen und Befehle des Feld⸗
herrn verantwortlich. Ich wil wissen, wo
das Kind geblieben ist?“ setzte er heftig
hinzu.
Mein Goit, was wollen Sie mit der
kleinen Kreatur, Herr Sohn?“ lachte Wolff
verächtlich, „sie am Ende gar adoptiren oder
für Eginhard erziehen? Wahrhaftig, die Sühne
wäre so übel nicht, ganz romantisch, der
prächtigste Stoff für einen Romanschrift⸗
steller !!“

Der Commerzienrath wurde dunkelroth vor
Zorn und antworiete nichts, die Ueberlegen⸗
heit dea Schwiegervaters erbitterte ihn auf's
heftigfßee.

„Und wenn ich's wollte ?“ sagte er end⸗
lich mit heiserer Stimme, „wer könnte mich
—XVV——

.Die Rückkehr des großen?Jungen, wel⸗
cher nach Amerika gegangen ist, um dort aller
Wahrscheinlichleit nach von Hartmuth zum
Racheengel erzogen zu werden. Wollen Sie
den auch adoptiren, vielleicht alsddann mit
Eginhard associxen ? Es wäre Letzterem gewiß
zãußerst angenehm, die ganze Brut, Harimuth
in erster Reihe, an sein Herz zu nehmen.“

„Eginhard ist vernünftig geworden —“

„Seitdem jener Kapitän Brandt ihm
Rachrichten überbracht hat,“ unterbrach
ibn Wolff. J
„Daran dachte ich nicht,“ murmelte
Steinhöfer erbleichend. Sie glauben also
virklich. Vater, mein Sohn lönnte später

solchen unstnnigen Gedanken fafsen und dasß
Erbe seines Vaters zersplittern — halten
es für möglich, daß er diesen Hartmuth zu⸗
rückrufen könnte ?“ * —*

„Ich bin davon überzeugt. daß ihn diese“
        <pb n="528" />
        Gedanke bei Allem, was er thut, einzig leitet,“
verseßte der Vater mit fester Stimme: „ha—
den Sie ihn zum Erben eingesehzt, daunn
wird er jedenfalls ungehindert ausführen,
was er sinnt und träumt.“

„So weit sind wir noch nicht,“ murmelte

Commerzienrath.

„Er wird sicherlich den Aufenthalt jenes
Hartmuth kennen,“ fuhr Wolff fort, „und
wenn ich auch dafür gesorgt habe, daß det
Knabe Ferdinand Steinhöfer niemals Amerika
betritt —“

.Wie ?“ fahr Jener empor, was baben
Sie gethan, Vater!“

Was ich für nothwendig erkannt,“ sprach
dieser kalt, ‚es war eine gefährliche Schlange,
welchebei Zeiten zertreten werden mußte,
wollien wir nicht dereinst, wenn sie erwachsen,
wödtlich von ihr verwundet werden. Ich habe
bereits Nachrichten aus Newyork, wo das
Schiff des Kapitän Brandt nach sechs Wochen
Fahri glücklich angekommen ist. Einige kleint
Unfälle abgerechnet, wie leicht passirt es nicht,
daß ein muthwilliger Knabe in die See fällt
und ertrinkt.“

Der Commerzienrath wandte sich ab, das
leichenblasse Gesicht einen Augenblick mit der
Hand bedeckend. J

„Diese Blutschuld wälze ich von mir ab,“
sprach er dumpf, „ich bin unschuldig
daran.“

Nun gleichviel, wer die Schuld trägt,“
fuhr Wolff gleichmüthig fort, „es ist dies nur
ein Glied der großen Kette, welche aus Ihrer
Kinudheit schon herüberragt, mein theurer
Sohn! Ein Act der Nothwehr, weiter nichts.
Die Vortheile dieser That sind doch wahrlich
für Sie nicht zu verkennen; auch für diese
That haben Sie sich in der Hauptsache bei
unserm vortrefflichen Frank zu bedanlen.“

„Frank, und immer nur dieser Name,“
murmelte der Commerzienrath ingrimmig.
„Gut, nun,“ fuhr er lauter fort, „nur ver⸗
gessen Sie, Herr Vater, daß solche Gefällig—
leiten in der Regel unser Conto zu schwer
belasten. Was verlangt er dafür ?—

—Noch nichts, und wenn auch; haben
wir unsere Hände nicht frei davon erbalten 9

Seien Sie doch kein Thor, lieben Steinhöfer.
Frauk ist Ihr aufrichtiger Verbündeter oder
vwas Sie sonft wollen, ich schätze ihn hoch.
Ihre größten Feinde find der eigene leibliche
Sohn und jener Mensch in Amerika, mit dem
er heimlich correspondirt; wüßte ich nur dessen
genaue Adresse.“

„Ich kenne sie,“ sprach der Commer-
zienrath.

„Wie?“

Jener ging an seinen Schreibtisch und
reichte ihm den Brief des Inspektors.

„Prächtig,“ schmunzelte der Vater, „das
fehlte noch in die Ketle, dann ist sie voll⸗
sändig. Von welchen Papieren spricht unser
Polizeimann denn hier ?“

„Es sind Papiere, Briefschaften jenes
Selbstmörders, welche seine Familiengeheim⸗
nisse betreffen. Ich ersuchte den Herrn um
die Lectüre desselben, er schlug sie mir ab,
wie Sie sehen.“

„Und hat sie selber gelesen d *

„Ja, der Mann ist von Allem unterrichtet,
er ist indessen klug genug, die Sache als
Roman zu behandeln.“

(Fortsetzung folgt.)
Mannigfaltiges.

GBergebliche Vorsicht ) General
Douai, welcher bekanntlich in der Schlacht
am Gaisberg fiel, hatte Tags zuvor der Frau
seines Quartierträgers, eines Gutspächters,
seine gebrauchte Leibwäsche übergeben mit dem
Auftrage, dieselbe zu reinigen oder reinigen
zu lassen, damit er in Karlsruhe keine Um—
stände damit habe.

Die „Konstanz. Ztg.“ schreibt: Herr Dr.
Brentano von Mannheim, z. Z. in Zürich,
der sein Vermögen in Chicago in Häusern
angelegt hatte, erhielt von seinem dortigen
Berwalter folgende Depesche: Alle Ihre Häuser
sind vollständig abgebraunt. Soll ich sofort
wieder aufbauen d?d
*

Drud und Verlag don F. X. Demet in St. Ingbert. J
        <pb n="529" />
        Anterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
—7 146. — Donnerstag, den 16. November
1871.
5teinhöfer und Sohn.
Von Emilie Heinrichs.

„Nun, ich will einem solchen möglichen
Scandal schon vorbauen,“ lachte der Notar,
„wenn uns für die Zukunft der Eginhard
leine Dummheiten anrichtet. Sie haben noch
das Mittel in Händen, einen mächtigen Riegei
vorzuschieben.“

„Und das wäre?“ fragte der Commer-⸗
sienrath nach einer Papse.

„Ein Testament, worin Sie die für solche
Fälle nöthigen Vorkehrungen in bündigster
Form treffen. Glauben Sie mir, lieber Siein -
höfer, Eginhards seltsame Veränderung ist nur
die Folge bestimmter Vorschriften aus Amerika.
Wir haben damals selber gesehen, welche un⸗
Jeimliche Macht jener Mentor über seinen
Zögling besaß; ich bin überzeugt, er besitzt
sie noch heute, und wird diese Macht, wenn
der Knabe erst Mann geworden, zu seinen
Zwecken sicherlich ausbeuten. Sie werden dann
wahrscheinlich für den Communismus ge—⸗
spart haben.“

„Still, still, J der Gedanke bringt schon
mein Blut zum Sieden,“ rief Steinhdfer.
beide Hande ballend, „der Junge wäre weiß
GBott im Stande dazu. Setzen Sie mir noch
heute ein Testament auf, Vater, mit alien
uöthigen Klauseln versehen, um meinem Erben,
dem Träger meines Namens, die Hände zu
binden.“

„Gut, wer soll an seine Stelle treten, wenn
der zErbe den Bedingungen des Testaments
zuwider handelt ?“ ——

„Dafür lasser Sie einstweilen einen freien
Raum, ich hoffe sobald noch nicht zu sterben.
Im Uebrien soll es rechtskräftig angefertigt
werden.“

(Fortsetzung.)

„Das genügt nicht,“ versetzte Wolff fest,
„wir müssen die Papiere vernichten. Die Frau
—V
ganzes Leben; die beiden Kinder todt, oder
doch so gut als todt, jener Hartmuth ehrlos
gemacht, — die Sache also für uns rein
abgewickelt, da ich schon sorgen werde, daß
jener Mensch Europa nie wieder betritt. Nun
erwächst uns in diesem Inspektor eine neue
Gefahr, doppelt, weil er Polizeimann, also
nicht leicht anzugreifen ist. Wir müssen die
Papiere haben, um jeden Preis, hören Sie,
Herr Sohn, um jeden Preis!“

„Rathen Sie mir, ich überlasse Ihnen
die Sache.“

„Geben Sie mir unmschränkte Vollmacht
hinsichtlich des Geldpunktes ?

„Vollständig, nur schaffen Sie mir diefes
neue Gespenst aus dem Wege, Vater!“

„Bon, es soll bald gemacht sein, dieser
Polizei⸗Achilles wird doch auch wohl seine
Ferse haben. Ja, ja, Herr Sohn! das wäre
gefundenes Futter für irgend einen nach pi⸗
kantem Stoff heißhungerigen Romanschrift⸗
steller, das Publikum verschlingt solche Lec⸗
lüre.“
„Um Gotteswillen, das brächte mich unter
die Erde,“ rief der Commerzienrath außer
sich, „gegen dergleichen kann man sich ja gar
nicht einmal schüßen!“

v.
        <pb n="530" />
        „Noch eins, lieber Steinhöfer, ich würde
Eginhard auf einige Jahre nach England zur
prattischen Ausbildung senden. Kennt er Hart-
uths Adresse wirtlich nicht, dann sind sie
getrennt.“

„Er wird sich dagegen sträuben,“ meinte
der Commerzienrath nachdenklich.

„Pah, gebrauchen Sie einfach Ihre na⸗
rürliche Äutorität dem unmündigen Knaben
gegenüber. — Ich bin überzeugt, er kommt als
vollendeter Gentleman zurück.“

Nun wohl, ich sehe ein, es muß sein,
um ihn gründlich zu heilen.“ sprach Stern-
höfer nach einer kleinen Pause enischlossen,
so sei eß denn, Testament und Reise als
Schutzdämme gegen die drohende Sturmfluth
seiner phantastischen Träume. Ich handle da—
mit nur für sein Bestes, er wird mirs spüter
danken. Im Uebrigen verlasse ich mich auf
Sie sür die Vernichtung des Romanstoffes,
auf daß ich einmal wieder ruhig, ohne Ge—
spensterfurcht schlafen kann.“

Uubesorgt, mein Lieber; ich verfehle so
leicht nicht mein Ziel; Sie können schon jetzt
ruhig schlafen, wir haben es ja überall nur
mil Menschen zu thun.“

Er ging, — der Commerzientath aber
konnte trotz aller Schutzdämme die Ruhe nicht
finden, — es gibt Gespenster der Vergangen⸗
heit und Zukunft, welche sich so leicht nicht
beseitigen lassen.
Rach acht Tagen hatte der Notar Alles
erreicht, was er sich vorgesteckt. Die Papiere
des Selbstmörders waren in seinen Händen
das Testament verfertigt und Eginhard bereits
auf der Reise nach England.

Letzterer war wider Erwarten und bereit—
willig auf des Vaters Wunsch eingegangen. —
Großvater und Vater ahnten es nicht, daß
Frau Brandt sich bereits im Besitze seiner neuen
Adresse befand.

Und die Papiere? — Der schlaue Notar
halle ganz richtig vorausgefetzt, daß der In⸗
jpektor wie alle Sterblichen seine Archillesferse
vesihen müsse, diese Ferse war seine Vorliebe
für Couponschneiden.
ger Rotuͤr knickerte nicht mit dem Gebot,
und der gute Juspeltor erbat sich acht Tage
Pedentzeit. Nach dieser Frist lieferte er den

zefährlichen Romanstoff aus und erhielt die
vedungenen Silberlinge.

Ais er die Summe zwischen den ver—
schwiegenen Wänden seines Zimmers nach-
zählte, lächelte er spöttisch in sich hinein und
—XEVD
als ein durchtriebener, Advokat, wir haben
anser amtliches Gewissen bewahrt.“

Der schlaue Notar war insofern überlisftet,
us der Inspektor eine getreue Copie aller
Schriften besaß. Wofür hätte man sonst auch
Copirmaschinen?

Ob der Commerzienrath jetzt ruhig schla⸗
fen konte? Wir bezweifeln es...

Draußen vor dem Agiedienthore wohnte
»ine alte Frau in einem Hause, worauf eine
ingesühnte Blutschuld ruhte. Sie wollte noch
miner nicht zum zweiten Male sterben, die
alte Großmutter, als ob der Tod sich vor
ihr fürchte oder sie ganz vergessen habe.

Der reiche Commerzienrath floh dieses
Haus, — es war ihm, als hielte ein bluti⸗
ger Schatten Wache vor demselben, während
die Mutter drinnen im Sarge lag. —

Wollten denn immer neue Gespenster auf⸗
erstehen ? — Seiue Nerven schienen in der
That schwächer zu werden, war er doch nie⸗
mals so reizbar gewesen als jetzt, seitdem
Eginhard fort war, obgleich seine Fabriken
einen immer größeren Aufschwung nahmen
und der reiche Mann sein Vermögen bald
zu verdoppeln versprach. J

Mebdrerr Jahre waren vergangen, der
Sohn schrieb nur selten, er wünschte noch
mmer in England, wo es ihm zu gefallen
schien, zu bleiben.

Der Vater sehnle sich krampfhaft nach
ihm, auf ihn hatte er doch Alles, was sich
an Liebe in seinem Herzen barg, gehäuft.

Die Genüsse des Lebens widerten ihn
an, — er war in wenig Jahren alt gewor⸗
den, ein Greis im Innern und Aeußern.

Den Schwiegervater haßte und fürchtete
er; warum hatte dieser Mann die Pläne
seiner Kindheit so entsetzlich durchgeführt ?*

Es liegt etwas Seltsames im menschlichen
Charakter, das selbstsüchtige Bestreben. für
alles Böse, was wir im Grunde als Ausfluß
des eigenen Willens anzusehen haben, Andere
derantwortlich zu machen.
        <pb n="531" />
        So sah der Commerzienrath in dem Notar
einen dbösen Geist, welcher ihn an den Ab-
rund des Verderbens mit sichetrer Hand ge⸗
lalet, um dann seiner innern Qual zu
sponen.

Er vergaß, daß der Plan gegen den jün⸗
geren Bruder —schon als Anabe selbstständig
in seiner Brust gekeimt und giftige Blüthen
getrieben hatte. Der Rotar Wolff brachte
die Blüthe nur zur Frucht, das Verdienst
hatte er dabei.

Er ist ein Schwachkopf!“ flegte der
Notar zu sagen, „ein Mensch von schwachen
Nerven muß im großen Geleife bleiben, —
die sogenannten Guten sind alle ohne Ausnahme
nervenschwach.“

Er wirnd unausstehlich teizbar,“ weinte
die Tommerzie nräthin, „wie wär's, Papa,
wenn Du ihm In einer Reise riethest ? Er
sehnt sich ja so sehr nach seinem Sohne!“
wWolleu's versuchen, Kind “ —zich bifte
Dich indessen, Deinen Reigungen ein wenig
geheimer zu folgen, — Dein Mann muß
Zogh deschont werden. Du könntest mir nahe
am Ziele noch Alles damit verderben.“

Du glaubst also

Dm, ich' glaube. Dein Mann ist einer
Zatastrophe näher als wir alauben. Etr be⸗
giont selbst im Geschaͤftsleben schon große Feh⸗
ser zu begehen. So lange er aber noch
hann

Ich verstehe und werde Deinen Wink
befolgen ·. —

Der Commerjienrath blickte seinen Schwie⸗
gervater, als dieser ihm zu der Befuchsreise

zach England rieth, groß an und neigte
dann zustimmend den Kopf.
12. Kapitelk.

Eginhard hatte sich in diesen letzten Jah⸗
ren bedeutend deräudert; obogleich erst 20
Jahre alt, erschien er doch viel älter und ge⸗
reifter, der Ernst des Lebens hatte ihn schon
frühzeitig rauh gestreift und kein Sonnenblick
mülserlicher Liebe die Blüthen seiner Jugend
berühtt.

Die Genüsse einer Weltstabt wie London
hatten ihn nicht reizen können, jede Ver⸗
uͤhrungskunst war spurlos an ihm abgeglitlen,
wollte hier lernen, weiter nichts, —

als Mann die Heimath wieder betreten, um
auch als Mann handiln zu können, das war
sein faster Entschuuß..

Dim reichen Etben hatten fich auf seines
Vaters Namen die Thüren der Reichen willig
gebffnet, er floh die Pracht und suchte das
Sleub auf, um die Quelle des socialen Uebels
du isorschen und die Noth in ihrer nackten
westalt zu lindern. J

Und saß er wieder einsam in seinem
Zimmer, dann baute er an der Zukunft und
iswarf Pläne, um dereinst in seinem Wirt .
ingskreise das zu verwirklichen, was die Stimme
in se ner Brust ihm befaththt.

ülrbeit und Kapital! die heiden bedeutung ·
bollen Worte wurden auch für ihn, welcher
dereinst über große, Mittel zu gebieten hatte,
die Losung der Zukunft; ihre schroffen Ge⸗
Jensätze auszugleichen, sie harmonisch mit
inander zu dereinen, daß sie als Freunde
Dand in Hand mit einander das Glück der
Henschheit gründen helfen, und das krasse
Flend schwinde, das war das große Problem,
voran er arbeitete, dem er sein ganzes Leben
zu ppeihen beschloß mit sichtlichem Erust und
heiligem Bestreben. — ein Problem, dessen
aͤdsung das Stichwort unferer Gegenwart
deworden nnd immer drohender im socialen
Leben auftritt.
Der ganze Charalter des jungen Mannes
hatte sich bei diesem ernsten Streben schon
früh und wunderbar gefestet, er kannte das
ine Ziel, das große, zu dessen Erreichung
das Geld die nothwendige Brücke bvilden
mußte. In diesem Sinne schätzte er es hoch
ind erlaubte sich deßhalb, so gros auch der
Credit war, welchen der Valer ihm in Lon⸗
don für seine Bedürfuisse freigestellt, teine
aäberflülsigen Ausgaben; wo ihm die Ver⸗
uchung, sie zu machen, nahte, erinnerte er
sich der Armen und Elenden, und bestiumte
mit heldenmüthiger Selhstüberwindung das
Geld für sie, welche er seine nächste Familie
nannte.

Durch den Kapitän Brandt. welchem er,
wie schon bemertt, seine genaue Adrefse durch
vessen Frau gefandt, hatte er moch einmal
Nachricht von Hartmuth erhalten, worin dirser
ihm seine frühete Mahnung dringender wie
        <pb n="532" />
        derhelte und zur männlichen Ausdauer auf⸗
forderte. *

„Sollte das Schicksal mir die Heimkehr
verbieten,“ so schrieb er weiter, „dann werde
ich Dir einen Freund senden, welcher berufen
ist, für meine Ehre aufzutreten und die Bos⸗
heit, welcher ich zum Opfer gefallen, zu ent⸗
larven. Nur dieser eine Gedanke, der Ver⸗
geltung und Sühne, erhält mich am Leben,
das jeden sonstigen Reij für mich verloren
hat. — Vergiß es nie, mein Sohn, daß Du
den Namen, welchen Du trägst, nicht be—⸗
schimpfen darfst, und Kindespflichten auch ge⸗
gen unnatürliche Eltern zu erfüllen hast. Das
Packet, welches ich Dir einst zur Agfbewah ·
rung übergab, wirst Du, wie ich Dir schon
einmal geschrieben, an Deinem 21. Geburts⸗
tage öffnen. Du bist alsdann nach den Ge⸗
setzen Deiner Heimath mündig. Bis dahin
wirst Du Näheres darüber von mir noch
erfahren.“

SSo dark ich die Ehre des Freiundes
nicht wiederherstellen,“ sprach Eginhard düster,
als er diesez gelesen, „muß es Fremden über—
lassen, sitrihn in die Schranken zu treten,
wiil ich Diejenigen zu schonen habe welche
mir die Nächsten, die heiligsten Namen sind,
— weil ich Kindespflichten auch gegen unna⸗
ürliche Eltern zu erfüllen habe. Unnatürlich,
ja wohl!“

Er seufzte jetzt tief auf und schlug beide
Hände vorꝰs Geficht. —

„Weh mir, wenn ich dereinst Alles er⸗
fahre,“ murmelte er, „wie viel Unheil mag
die Vergangenheit dieses Mannes, den ich
Bater nennen muß, bergen, wie viel zu ver⸗
gelten; wie viel zu sühnen sein!“

Als Eginhard eines Tages von seiner
Wanderung heimkehrte, erwartete ihn sein
Vater.

Eginhard duldete schweigend seine Um⸗
armung und hörte still die Berichte aus der
Heimath an, ohne nur ein einziges Mal nach
seiner Mutter zu fragen, *

Der Commerzienrath freute sich sichtlich
der stattlichen Haltung seines Sohnes und
fragte ihn nach seinen Bekanntschaften.

„Mein Name wird Dir die ersten Häuser

der Industriellen geöffnet, Dich in die ersten
Zreise geführt haben, mein Sohn! Ich hoöffe,
Du hast meine Empfehlungen benutzt, obgleich
ich niemals von Dir darüber gehört habe.
Du warst überhaupt sehr sparsam mit Deinen
Briefen und ich zu stolz, anderswo meine
Erkundigungen über den einzigen Sohn ein⸗
—X
den Du adresfirt warst, tadelt Deinen Haug
zur Einsamkeit, er nennt Dich einen Eremiten.“

„In seinem Sinne mag der gute Mr.
Bibson Recht haben,“ versetzte Eginhard, „ich
hasse die sogenannten Freuden der Geldklassen,
und suche mein Vergnügen anderswo. Hier
in London habe ich die krassen Gegensätze
von „Arm“ und „Reich“ studirt, um sie
dort in der Heimath in die Proxis zu
übersetzen.“

„Du scheinst hier wieder der alte Narr
geworden zu sein, mein Sohn!“ versetzte jetzt
der Commerzienrath finster; „willst Du
pielleicht zoischen diesen Gegensätzen den Mitt⸗
ler spielen ?
zWenn Gott mir Gesundheit und Kraft
verleiht, so hoffe ich, Deinem Namen einen
anderen Glanz als den des Geldes zu ver⸗
leihen,“ sprach Eginhard mit fester Stimme.

„Ah, Du willst vielleicht selbst das Kreuz

der Armuth auf Dich nehmen, um das Mär⸗
yrerthum des Bettlers zu erringen!“ lächelte
der Commerzienrath ironisch, ‚nun, solche
Träume werden bald genug vergehen, wenn
sie praktisch an Dich herantreten.“
GGlaubst Du denn wirklich, Vater! daß
wir den großen Ueberfluß nur besitzen, um
uns eine Macht zu verschaffen ?“ fragie Egin⸗
hard traurig, während sein Auge forschend
an der verfallenen Gestalt des Vaters hing.

„Und wozu denn anders 7?“ lächelte Stein⸗
höfer.

„Das wäre traurig — sprich Vaterl —
ist dieser Ueberfluß, den Du anhäufest, von
Deiner Seite ein durchaus rechtlicher Erwerbf
Ist denn Alles Dein unbestrittenes Eigenthum?“

Der Commerjzienrath erschrack so heftig,
daß er todtenbleich wurde und an allen Glie⸗
dern heftig zitterte.

GFortsetzung folgt.)
Druch und Verlag von J. X. Demez in St. Ingbert.

281 **
        <pb n="533" />
        Unterhaltungsblatt

zuum
St. Ingberter Anzeiger.“
——

— - —

Sonntag, den 19. Novenber 148.

Steinßöfer und Sohn.
Von Emilie Heinrichs.

dulden, daß der von Euch Gemißhandelte auch
roch in meiner Gegenwart beschimpfi wird.
dütet Euch, die Zeit wird kowmen, wo das
Beld Euch nicht mehr schützt und manchem
Ehrenmanne die gleißnerische Maske abge—
rissen wird.“

„Knabe! Du wagst es, so zu Deinem
Vater zu reden?“

„Willst Du eine andere Sprache, dann
muß ich Dich bitlen, mein Gefühl zu schonen.“

„Kindischer Thor, ich werde Dich noch
»inmal in andere Zucht geben müssen. Packe
Deine Sachen ein und mache Dich bereit, noch
an diesem Abend mit mir abzureisen.“

„Das wäre ein thrannischet Zwang,
Bater! Laß mich hier, die Luft der Heimath
saugt nicht für mich, wenigstens jetzt noch
nicht. Ich will als Mann heimkehren.“

„Du kennst nur noch den Willen Deines
VBaters, merke Dir das, Knabe! Sprich, was
hzält Dich eigentlich noch hier in London?“

„Die Lust der Heimath,“ versetzte Egin⸗
hard bleich und kalt, „ich möchte vergessen,
vas ich dort nicht kann.“

„Ich verstehe Dich nichr, hat sich die
Luft vielleicht später für Dich gebessert ?“ fragte
der Vater ironisch.

„Ich hoffe es, Vater! dem mündigen
Danne wirst Du alsdann nicht versagen, Dir
im Geschäfte thätig zur Seite zu stehen.“

„Ah so, Du sehnst Dich danach, mein
Associe zu werden?“ fragte der Commerzien⸗
rath überrascht, „habe ich Dich recht verstan⸗
den, mein Sohn?“

Der Name ist mir gleich, ich sehne mich
darnach, einen geeigneten Wirkungskreis für

(Fortsetzung.

Wußte sein Sohn Alles? — Der Com⸗
merzienrath athmete mühsam, Eginhard hatte
in seiner Frage nur die sociale Seite be⸗
rühren wollen.

„Laß uns die Sache nicht weiter erörtern,
Vater!“ fuhr Eginhard fort, ohne die Erreg⸗
ung des Vaters zu beachten, „sie wird früh
zenug von selber auftauchen; wohl dem,
welcher sich darauf bei Zeiten vorbereitet und
den Zündstoff aus dem Herzen zu entfei—
nen sucht.“

„Ja, ja, es gibt revolutionäre Burschen
auch unter unsern Arbeitern,“ sprach Jener
aachdenkend, „man muß diesen Zündstoff ent⸗
ernen, ich werde bei meiner Heimlehr reines
Haus machen, Deine Winke sollen nicht ver⸗
gebens gewesen sein.“

„Du verstehst mich nicht, Vater!“

„Wehe Dir, sollte ich Deine Worte an⸗
ders verstehen, als ich sie zu deuten für gut
befinde, mein Sohn!“ rief Steinhöfer stirn⸗
runzelnd. „London ist kein Ort für Dich, Du
meidest die Gesellschaft, zu der Du gehörst,
und suchst den Abhub auf. Das sind die
Früchte jener unseligen Erziehung. welche Du
in den Händen eines Diebes und Brandstif⸗
sers empfangen ?“

„Kein Wort weiter, oder ich vergesse,
velchen Namen Du führst,“ sprach Eginhard
mit fester Stimme; „ich werde es nimmer
        <pb n="534" />
        meire Arbeitskraft zu besitzen, selbstständig
auftreten und handels zu können. Sieh, Va⸗
ter, deßhalb wollte ich noch ein Jahr hier
ble'ben, Vondon ist der rechte Ore Erfahrun—
gen, Meanschenfenutniß zu samxieln, um diese
später pcattisch zu verwerthen. Mit 21 Jahren
bin ich nach dem heimathlichen Recht mündig,
— ich verlauge danß nichts weitler, als im
eigenen Geschäfte zu witken, oder ein Kapikal,
hinreichend, mir ein besonderes zu gründen,
vielleicht eine Filiake des Deinigen, mit voll⸗
stäudiger Selbstständigkeit; Du wirst mir das
eine oder andere nicht versagen.“

Originell, wie immer? lächelte der Com⸗
merzienrath eezwungen, das alte Mißtrauen,
von Wolff entzündet, loderte wieder empor;
„ein Juhr also noch, — doch wozu, mein
Sohn? — Wir können Deine Lehrjahre ja
abfürzen, Dich mit 30 Jahren müadig er⸗
klären lassen. Hat ein Throuerbe bereits mit
18 Jahren so viel Ersahrung und Weisheit,
ein ganzes Volk regieren zu tönnen, warum
jolltest Du nicht mit zwanzig Jahre einet
Fabrik beherrschen und leiten können. Hier,
meine Hand, schlage ein, ich erkläre Dich so—
gleich bei unserer Heimklehr für mündig und
ernenne Dich zu meinem Associe. Bist Du fo
mit mir zafriedeu ?ẽ

„Ich bin's unter einer Bedingung, Vaterl“
bersetzte Eginhard, ohne die dargebotene Hand
zu berühren.

„Bedingungen also? Nun, laß bören,
mein Sohn!“

„Der Procurist Frank erhält sogleich seine
Entlassung aus dem Geschäfte.“

Der Commerzienrath erbleichte und trat
einen Schritt zurück.

„Warum das?“ fragte er unsicher, „Frank
ist ein sehr fähiger Kopf, ein zuverläjsiger
junger Mann, ich werde diese Bedingung nicht
erfüllen können, mein Sohu!“

„Sieht der einzige Sohn Dir nicht höher,
als dieser Fremde, mein Vater ?“ rief Egin⸗
hatd mit ungewöhnlicher Wärme.

„Gewiß, gewiß, wie kannst Dus nur fo
fragen, mein Sohn!“ erwiederte der Vater,
ihm beide Hände entgegenstreckend, „o Egin
hard, ich fühle mich so einsam; wie sehnte
ich mich in diesem Jahre nach Dir; Du bist

der Einzige auf Erden, der mir lich und
theuer ist —

„Das ist nicht gut, Vater! wende Dich
der Menschheit zu und Du bist nicht mehr
einsam. O, erfülle diese erste Bitte Deines
Sohnes, entlasse Frant, er ist Dein böser
Beist, wie ich so gern Doin guter wecrden
nöchte. Wir Beide, jener Fraut und ich,
dunen nicht uit einander verkehren, ohne eine
schlimme Katastrophe herbeizuführen.“

„Hat er Dich beleidigt?“

„Ja, Vater! wenn auch nicht persönlich,
wir können dieselbe Luft nicht mit einander
athmen.“

„Es wäre das Beste, ganz gewik.“ mur⸗
melte der Commerzienrath, einige Male rasch
aufs und niedergehend, „er muß fort um jeden
Preis. Schlage ein, mein Sohn, ich erfülle
Deine Bedingung, — Frank wird entlassen.“

„Dauu reise ich mit Dir, wann Du
willst, Vater.“

Und Eginhard umarmte zum ersten Male
nach kargen Jahren den Vater mit kindlicher
Herzlichkeit.

Der Commerzienrath war übderglücklich, er
betrieb die Abreise mit ungeduldiger Hast,
und schon am nächsten Morgen lag die Nebel⸗
ftadt au der Themfe hinter ihnen. »*

13. Kapitel.

Zu gleicher Ziit, als der Commerzienrath
Steinhöfer diesen wichtigen Aet bei seinem
Sohn vollzog, las der Notar Wolff in dem
Anzeiger des Tageblatis folgende Annonce:
„Kinderlose Eheleute wünschen ein Kind als
ihr eigenes anzunehmen für die Einzahlung
von 600 Thlr. und die Bedingung, alle An⸗
sprüche daran vollftändig aufzugeben.“

.Den guten Leuten kann geholfen wer⸗
den,“ murmelte er mit einer wahrhaft dia⸗
bolischen Miene und begab sich sogleich zu
dem Procuristen Frank, welchem er diese
Annonce mit einem bedeutungsvollen „Lesen
Sie, mein lieber Freund!“ zeigte.

„Ach so, Sie denken dabei an unseren
kleinen Fiudling,“ sprach dieser lachend.

„Natürlich, — das kleine Ding ist jetzt
wohl beinahe 10 Jahre alt, — es fängt
bald an, uns unbequem zu werden. Wie gerirt
es sich denn eigentlich? —“
        <pb n="535" />
        Ganz brav, — ich glaube sogar. daß
es die Vergangeuheit total vergessen hat. Nun,
streng genug wird die kleine Puppe gehalten,
welche uͤbrigens jehr schön zu werden verspricht.

„Wäre sie zwanzig Jahre austatt zehn,
dann würde ich sie unter diesen Auspicien nicht
für 600 Thaler verkaufen,“ bachte Wolff,
„schzne Mädchen und noch dazu Waisenkin-
kinder, sind nicht gar zu häufig in der Well.
Zehn Jahre warte ich nicht, darum schaffe ich
sie mir je eher je lieber vom Halse·

„Soll ich die Sache abmachen ?* fragte
Franfkgleichgültigrẽ:.

„Thun Sie es, lieber Frant! — Sie er⸗
jahren die Adresse dieser Menschenfreunde in
der Expedition, — nehmen Sie die Summe
gleich mit. Es war eigentlich ein wenig tolllühn,
das sKind hier in der Stadt unterzubringen.“
ZJe tolllühner, dests weniger Gefahr der
Entdeckung,“ meinte Frank, seinen Hut er⸗
greifend, „ich gehe schon, apropos, hat der
Tommerzienrath schon geschrieben ?

„Nein, er hat nur versprochen, seine Ab—
reise von London anzuzeigen. Haben Sie meinen
Plan überlegt, lieber Frantẽ

Der Procurift fetzte seinen Hut wieder hin
und fchüttelle wiederholt den Kopf.

Das geht über Kinderraub und Dieb⸗
stahl, mein theuker Dectst!“ sagte er leise,
ja, wären die Beiden ganz allein in einem
Courierzuge, — adber bedenken Sie, die Hun⸗
derte von Menschenleben, — nein, nein, dazu
ist mein Gewissen denn doch nicht weit genug.“

„Gewissen ?“ lachte Wolff verächtlich, „das
ist zu albern, wmein Lieber! Wir können in
der Welt nur steigen auf anderer Nacen, —
aun gut, die Gelegenheit war wiemals so
günstig, Alles mit einem Schlage zu gewinnen,
das Testament sichert uns mit seinem Blanco
die voll? Erbschaft sobald vier Augen sich auf
ewig geschlossen.“ .

AZum ersten Male befindet fich mein
Schwiegersohn auf der Reise mit dem Erben —
wir werden ihre Heimkehr erfahren.“

„Und wenn Eginhard sich nun weigert,
wieder in die Heimoth zurückzukehren?

„Auf den Fall sind wir ebenfalls geborgen,
dann kommt's zur Explosion, zur Enterbung.“

Was hitft uns das, wenn Steinhöfer
senior auf der Heimreise verunglückt?“

Ganz recht, erwarten wir also erst sein
Schreiben und bringen Sie die Kleine aus
dem Wege.“ J

Fraͤnk ging. Ex hatte die Summe in
Bantnoten empfangen und calculirte auf dem
Wege nach der Expedition, welches Geschäft
vortheilhafter füt ihn sei.

—. 3Ichawill erst mal mit Clara's Pflege—
mutter sprechen, vielleicht ihnt sie's billiger.“

Er eilte rasch vor's Thor, einem kleinen
Hause zu. Die Parterrewohnung hatte ein
alter Musiker inne, während oben im Erker
eine Wittwe wohnte, welche sich von Weiß ⸗
nähen ernährte und noch sonstige zweideutige
Beschäfte beirieb, heinliche Commissionen, von
welchen die Welt niemals et pas erfuhr.

Bei dieser Frau finden wir das unglück⸗
liche Kind des Ermordeten wieder, Clara
Steinhöfer, welche von Frank in jener Un⸗
glücksnacht, als die Mutter verhaftet wurde,
zeraubt worden war.
Zrantk hatte Recht, wenn er das Mädch es
für eine künftige Schönheit erklärte, sie war
schon jetzt ein seltsam schönes Kind, von durch ·
ichtiger Blässe, goldigen Haar und ernsten
blauen Augen, welche keine kindliche Heiterkeil
mehr kanukten. J
Das arme Kind maßte Tag für Tag
außer der Schule seine bestimmte Näharbeit
fertig liefern, sonst bekam sie kein Abendbrod.

Erholungsstunden kaunte sie nicht, nur
wenn Frau Vogel ihre oft Stunden lange
Ausgänge besorgte, schlich die Kleine mit ihrer
Arbeit hinunter zu dem alten Mußfiklehrer und
horchte den zauberischen Tönen, welche er der
Geige oder dem Clavier entlockte.

Der alte Heidenreich war ein Sonderling
wie es Beethoven gewesen, — er schien die
Menschen sast zu hassen und besaß nur wenig
jalen tvoͤlle Schüler.

Za der kleinen Clata schien er eine ab⸗
sonderliche Neigung gefaßt zu haben.

Das Kind shatte im Anfsang Tag und
Nacht geweint und zur Mutter vetlangt, wo⸗
rüber der alte Musiker großen Verdruß an
den Tag gelegt. Endlich sah er die Kleine,
ãe schaute ihn so traurig an, daß er sie mit
m seine Stube nahm und ausforschte; war
ihm Frau Vogel doch alss zweideutig bekannt.
Was das geistig aufgeweckte fünfjährige
        <pb n="536" />
        Kind ihm mittheilen konnte, war wenig genug,
doch kannte es seinen Namen, obgleich es für
dessea Nennung schon bestraft worden war —
hieß es doch von nun an „Clara Vogel“.

Heidenreich notirte sich die Erinnerungen
und den Namen der Kleinen, um ihr dieses
bielleicht wenn sie erwachsen, mit in die Welt
geben zu können. Ihre Erinnerungen erblaßten
von Jahr zu Jahr, sie hatte nach fünf Jahren
den Namen ihres Vaters vergessen, doch noch
die lebendige Erinnerung einer anderen schönen
und milden Mutter, welche sie so fehr ge⸗
liebt — auch ein Bruder schwebte ihr vor,
nur hatte sie, so viel sie sich auch abmühte,
keine Erinnerung von seiner Persönlichkeit.

Heidenreich hütete sich, ihr den Namen
ins Gedächtniß zurückzurufen, um ihr die harte
Behandlung zu ersparen; doch hatte er bald
ihre Talente erkannt, von denen besonders
die Musik und Zeichnen hervorragten.

Er wurde ihr Lehrer in beiden Künften
und fleute fich der eminenten Fortschritte feiner
Schülerin. Der alte Musiker besaß eine be⸗
deutende Bildung, welche er mit der höchsten
Liebe auf dieses Kind übertrug, und so sehen
wir in der zehnjährigen Clara schon die wer⸗
dende Künstlerin, welche Großes für die Zu⸗
kunft verspricht.

Sie war so klug, ihrer Pflegemutter den
Schatz des Wissens, den sie nach und nach
in sich aufnahm, zu verbergen, weil sie wohl
einsah, daß Frau Vogel nichts weiter aus
ihr erziehen wollte als eine Nähterin.

So war Clara, als Frank, welcher zu⸗
weilen gekommen war, um das Kostgeld für
sie zu zahlen, an diesem Tage erschien, mit
dem Vorsatze, sie zu verkaufen.

Er hatte eine lange, heimliche Unterredung
mit Frau Vogel, welcher er schließlich 300
Thaler eingehändigt, wofür sie ihm eine Schrift,
welche er in ihrer Gegenwart niederschrieb, mit
ihrem Namen unterzeichnen mußte.

Sie haben jetzt freie Hand, Madameé!“
agte er beim Abschiede; das Kind gehoöͤrt
Ihnen. Am liebsten wäre es mir, wenn Sie
—A
ꝛignet es sich für eine Seiltänzerbande, es

hat Aussicht hübsch zu werden; Sie können
gut dabei verdienen““ —

Frau Vogel lachte vergnügt und meinte:
„Da kann sie noch den dritten Namen de—
kommen, vielleicht Renz, daun wird sie am
Ende noch berühmt.“

„Clara Renz, das klingt famos; na, sor⸗
gen Sie nur für's Fortlommen, Se haben,
wie gesagt, gänzlich freie Hand!“

Mit diesen Worien ging Frank fort und
streifte auf der Treppe fast die kleine Clara,
welche sich voll Todesangst in einen Win⸗
delt drückte, um nicht von dem Schrecklichen
gesehen zu werden.

Sie kam aus der Schule und hatte die
letzte Unterhaltung Wort für Wort mit ange⸗
hört. Daß von ihr die Rede war,“ leuchtete
ihr ein; sie schlich deßhalb, als Frank das
Haus verlassen, die Treppe hinab und kam et⸗
was später hinauf, um keinen Verdacht zu
erregen.

Gortsetzung folgt.)
A Charade.
Gilt's, gegen äußere Feinde zu streiten,

Greift zu der Ersten der Tapf're mit Lust,
Muthiger oft, als in älteren Zeiten,

Wo sie umhüllend noch schühte die Brust.
Schwingend die Erste mit kräfuugem Arm,
Stürzt er sich in der Feinde Schwarm.
Wenn aber um die veräth'risch verletzten

Rechte ein schnöd' Unterdrückter weint,
Dann greift der Mann zu den beiden Letzten,

Der mit Begeist'rung Erkenntniß vereint;
Mehr als die Erst' durch die rohe Kraft
Hat oft ein Schwacher durch sie geschafft.
Strome von Blut hat die Erste vergossen,
Tod und Verderben auf ihrer Spur.
Ströme sind auch durch di ese geflossen,

Doch keine rothen, nein! schwarze nur.
Tausend Wunden, die jene schlug,

Heilten oft dise se mit einem Zug.

Unsere Zeit, die, so reich an Erfindung,
Mischet, was unvereinbar scheint,
hdat in dem Ganzen durch zarte Verbindung
Erstes und Letztes gar glücklich vereint.
Die ihr einst Rom's Kapuͤol habt befreit,
Wohl euch! es kam für euch bessere Zeit.

Auflösung des Logogryph in Nr. 184 det Unter⸗
haltungsblaties: Trauben.““
eee
Druck und Verlag von F. X. Deiaez in St. Ingbert.
        <pb n="537" />
        Unterhaltungoblatt
St. Ingberter Anzeiger.
Dienstag, den 21. November —8 ——

J.

steinhöfer und Sohn.
Von Emilie Heinricht.

nen wollte,“ begann er kurz, „Sie haben da
ein kleines Mädchen, das Ding gefällt mir,
ich' möchte etwas daraus machen, vielleicht
hat's Lust zur Musik. Ich will es ausbilden,
Sie haben keine Ansprüche mehr daran; wollen
Sie das, so schlagen Sie ein, ich ziehe mit
ver Kleinen fort.

„Ja, das weiß ich wirklich nicht, die
leine ist mir so an's Herz gewachsen,“ heu⸗
chelte Frau Vogel, „ihre eigenen Eltern —“

„Sie wollen nicht? gut, dann geh' ich
nach der Polizei und erzähle dort, welchen
Handel Sie mit Kindern treiben“

„MeinZGott, welch' ein sonderbarer Mann
Sie sind, Herr Heidenreich! Wenn Clara
will, nun denn in Gottesnamen, ich fürchte
aur, sie trennt sich nicht von mir und ich will
fie erst selber fragen.“ J

„Dann gehe ich mit,“ sprach der Alte
Kurz und schritt ohne Umstäͤnde voran.

Clara sagte nicht nein, zum großen Aer⸗
zer der guten Frau Vogel, die spitzig meinte:
„Nun werde ich wohl noch einst von der
berühmten Künstlerin, Fräulein Clara Heiden⸗
reich, hören !“

„Wohl leicht möglich,“ sprach der Alte
surz, nahm das qlückliche Kind bei der Hand
und führte es in seine lleine Wohnung.

Am nächsten Morgen stand Heideureich's
Wohnung leer. Niemand wußte es, wo der
derrüdte Musiler mit der Kleinen geblieben
var, und bald sank auch er in's Reich der
Bergessenheit, wie Alles auf Erden von des
Zeitstromes Welle hinweggespült wird.

Frau Vogel aber zählte triumphirend ihhe

(Fortsetzung.

Frau Vogel rüstete sich zum Ausgehen,
sie schmählte nicht, wie gewöhnlich, über Cla⸗
ra's Trägheit, sondern war freundlich, ja so⸗
zar lustig, indem sie ihrem Goldpüppchen
eine baldige kleine Reise auf der Eisenbahn
bersprach.

Clara schauderte und flog sogleich hinunter
ju ihrem alten Freunde, als ihre Peinigerin
das Haus verlassen hatte, um ihm Alles, was
sie gehört, mitzutheilen.
Heidenreich erschrack heftig, er war zu
wenig mit der Welt belannt, um solche Dinge
zu durchschauen; daß es sich hier indessen um
eine lichtscheue Geschichte, wohl gar um ein
Berbrechen handele, war ihm klar, und war
er mit sich selber noch nicht recht einig, ob er
die ganze Begebenheit nicht lieber der P.lizei
anzeigen solle.

„Sei ruhig, Kind!“ tröstete er die Wei⸗
nende, „Du sollst nicht zu den Kunstreitern
oder Seiltänzern, — ich selber will mit der
Frau reden, so wird's am Besten' sein. Geh'
nur hinauf, daß sie Dich diesmal nicht bei
mir trifft, sie darf keine Ahnung davon
haben.“

Frau Vogel blieb lange aus, endlich kam
sie und war nicht wenig erstaunt, sich von
dem alten verrüctien Musitker so friundlich an⸗
geredet zu sehen.

„Sehen Sie, Madame! was ich von Ih⸗
        <pb n="538" />
        Geld und meinte, daß sie mit der Lleinen
doch ein recht gutes Gaschäft gemacht habe

Der Cosnttergienruth Steinhslet datte nuch
Hause geschrieben, daß man ihn u iner be⸗
—XRL könve, da
er mit Egin. ard erst Paris besuchen und von
da waͤhrscheinlich einen Aostecher nach der
Schweiz. ja wohl gar nach Itallen machen
werde. 7 28 e*

Die Frau“ Eommerzienkäthin, “' an welche
diefer · Bref gerichtet war, gab ihn ihrem Va ·
zer mit den bedeutungsvoblen Werten: Gibdt
es in der Schwez nicht gefährliche Abgründe
und in Italien viele Banditen ?*
wochor Wolffkuckte uͤnd las den Brief
von Anfung his Ende bedüchtig durch: ·

Der Brief ist dyrerts aus Frankreich da⸗
uirh sprach etn nit sich feiber dedend, vom
haroflen Futt — heue schrriben wir den
wangeesten sie sind in Paris, wb sie jeden⸗
jalls einige Wochen bleiben werden. Du kennst
wohl das Hotil, wo det Coumterienrath frü⸗
her min Dir logirte, meint Liebe dt—
IgIch werde Dir die Katke geben, die Kegi
su meinem Reisebuch.“

In diesent Augeüblick kal Frank in's Jim⸗
mer, so ungenirt, als wäre er Haushert.
Sir unissen sogleich abreisen, mein Bester!“
—X
Er äccichte ihm den Bröef. urh
u. Fraute Jas und «dlickte: deu Notan uuruhig
und fragend an. —ä ————
..2, Aljo doch Ja — ich sagte Ihnen,“ lieber
Docior, duß mirn drese Geschichte, zu bunt, zu
geshrlich ist . 3.LB
Es xraucht ja sein Eifenbahnunfall zu
sein,“ lächelte Woiff mit der gutmüthigsten
Miene. wie piel Unglück passirt den Rei-—
senden miht in der Schweiz; käglich hört man
von dergleichen Und nun gIst. var Italien,
das vdi. Banditen wimmelt.“

IVit gute Frank scheint aunlikbsten ern⸗
ten zu wollen, wo ergar nicht Fesätt,“ warf
die Chnnmnevzicnstüchin jetzt fpöltisch hin
* und des sugst Vu mir, Amalic eon.viel

ik unwitlig; wer war etderjenten
Artinuth zum Verdrecher stempelte und eint
rutter“ wahnfinnig mchie ẽ Ist denn das moch
nicht — unn Anspruch auf Ernte
— — 4

44

Still, Rinder, keinge Zwirtracht, im
digenen Lauer xwo dee Zufau uns so viel
Gunst etzeigt,“ keschwichtigte Wolff. „Sie
—* en ee ——— Vester, das
läßt sich nicht verkennen, aber immer doch mit
meiner Hülfe. Bon, die Errte ist auch so
uͤberaus reich, daß es sich wohl verlohnl, für
sie die letzten Arbeiten gicht zu scheuen. Sie
wollen Millzonär werdeii, eint fwöne Frau
he mhren nde wahnen,rein solches Ziel ohme
Muhe · erreichen · zu · loͤnnen. Ich habe ·das
Testamente im Häuden, habe es in der Gew.it,
mir allein die Eruke süzuwenden.

„Wer bürgt mir dafür, daß solches nicht
geschieht, wenn die letzte: kad schwerste Arbeit
gethan ist 7* rief Frank ungestüm.

.Die Solidarität unserer Inleri ssen und
— diese Frau!“ verscetzte Wolff, auf frine
Tochter zeigend.

Diese lächelte spöttisch; als Franl sie an—
blickte, verwandelte sich der Sdoti in Zoͤctlich
ket; sie zog ihn neben sich duf's Sophu nee
der, legte den runden Arm um seine Schul⸗
ler und flüsterte: Bift Du zu feig, des
Höchste u erringen, Oskar ? Int meine Liebe
Dir nichts “

Er preßte ssie lädenschastlich an sich und
murinelte: „Du machst alles aug mir, was
Du willst, Amalie! Wehe Dir, wenn Du
auch mich betrügst !“ 7
Unglaubicer Thomas, habe ich Dii nicht
dos Liebste geopfert, Mani und Kind dea
x. Sie Jächelte — er war befiegt, — nk
schlossen zur letzten, schwersten Arbeit.
.Als er das Zimmer verlassen, bickten sich
Vater und Tochter einige Minnten schmeigend
an, Beide lachten fpöt!isch. 2

„Gestehe, mein Kind, Du spielst ein
wenig Comödie!“ begann Ersterer leife.
rUnd Du?“ fragie sie, ihn fst vitb
blickend. *3
Ich wäsche meine Hünde in Unschuld.
4 ĩgWenn' der Mohr seine Arbeit ge⸗
ihan hat ? —S—

„Dann kann er gehen!“ 22
ʒ; Borirtfflich: Vater, nacr barhfet micht
gehem, wohin er will “
6Er maß den gnien Hartmuth in Amerikä
aufsuchen und mit ihm ein Duekt anstimmenz
ih halte ihn wie den Maikäfer am Faden!“
        <pb n="539" />
        ae Bater ud Tachter lachten ausdelassen und,
bauten mit festex Hande weilet aß dem Gedaude
hrer fiugern Pläut
Ftant reiste mit dem Nachtzuge ab z
er rachten —VDV—— Abernds in
Patis æmtraf. Ter Commergienrxath war mit
seinem Sohzne bereits icher— sort asaf. dem
Woge: Rach der Echweigatnetultee en
Es war nicht. schwer ihre Spur zu ver⸗
foͤlgen, der bekaunte Hochmuth eines Chefs
ließ ihm stets die ersten Hotels auffuchem
EGe ging geradeswege in die Schweiger
Alpor hinein, wo Eginhard im Bergsteigen
eine gliänzende Bravour, eine wahre Wuih
entwickelte. 1

Der Commerzienralth war in Verzweiflumg,
erx konnte dem Tolllühnen nicht folgen. und
erlitt Höllenqualen, waährend er in —X
ern die Rückehr des Sohneß exwartete.

Um schwindelden, Abhang in der Nähe
der Wolken wurde es diesem zum ersten Male
nach vielen Jahren frei und leicht um's Herz
hier fühlte er Gottes Nähe, und die Erde
mit ihrem elenden Ringen und Fagen nach
Benuß schwand wie ein Nebelgebilde zu sei⸗
jen Füßen...

Sie hoaren in Luzern; Egiuhard schwärmse
hegeistect duf Tell's Boden, zu Küßnacht, auf
dem Vierwal dstädtersee; — der Vater blieb
senfgend in seinem guten Hotel, was ummer
sen ihn solche Schwärmereien d

In der Nacht warin mehrere Gäste ange⸗
zommen, unter Andern ein Engländer mit
blondem Hoar · und blauer Brilie, das glait⸗
rasirte Kinn in einer steifen weißen Cravatte
steckend. ν—
Trotz der Protestationen und Bitten des
Baters war Eginhard, uoch einmal qmit fri⸗
nem FJührec fort, um. den Pilatusbeng zuntear
teigen, das sollie die letzte Taurx seinaa,
War es Zufall, daß sein alter Führer
behindert war und er zu dieser detzten
Bergtour einen freinden jungen Mann. enga⸗
giren mußte 25

. War es Zufall, daß ñich unterwegs der
FEngländer mit dem blonden Haar, der blauen
Brille und der weitzen Cravatte zu ihnen ge
sellte und mit ächt britischer Unverschämtheit
—X

Es war gar nich möglich, den Sonder⸗

iag abzuschütteln, er hing sich wie rine Klette
an Eginhard, welcher ain lietsten wieder zum⸗
gelehrt wäre.. 53
Sein Seschick und. der Spott des Enge
änders irieb ihn vorwärts. 1
. Immecg höher ging es, jmwer höherz dort
mienlag eine Freumdliche Seunhütie z 5
Eginhard hörse das Geläutt der Heerden,
melancholisch scholl. das Alpenhorn zerauf zu
ͤm;* ihm wurde so weh um's Hexpo
angstvoll, er schaule sich um, der Führex war
verschwuuden, vor ihm gühnte der Abgrund.
Zurüt!“ rief. ex dem Engländer zu⸗
welcher mit verschrünften Armen dicht hinter
hm stand.
dDieser ftieß ein kurzeg Lachen aus, es
llaug schauerlich von der Felswand zurüd.
Er siredte die Hand nach Eginhard aus, und
nahn zu gleicher Zeit die Brille ab. —
Pars well Mr. Steinhöfer 2“ rief en
mit grauenvollem Spott und holte zu, einem
raͤftigen Stoße aus. 3 M
Fraut !“ rick der unglüdlicht Eginhard
und stürzte hinab in die Tiefeee. 2*
Ein Aufschrei, dann war Alles Fällz gus
der. grünen Maite önte das Geläuten der
heerden und der melanchotische Klang des
Alpenhorus sort. I
ger Engländer fetzte seine blaue. Brille
vieder auf und kehrte eilig zurich, — sein
ustäter Blick suchte den Führer, ex war nir⸗
zends zu sehm. —*
Das Glückbegünstigte das Verbrechen.
— der Engländer kam ohne Unsall mach —
jern zurück. Riemand wußte dort, daß ex den
ungen Deuitschen begbeitet hatte. 4
Der Commergienrath rannte woll Unruhe
and Laungeweile umher, und vexwünschte sriwe
Idse, nach diesem abscheulichen Berglande ge⸗
ommen zu dein. Er stand am Vierwaldstädtern
See, ohne an Tell zu denken 5 was hümmerte
ihn dar revolutionäre: Schweizer dc
Der Englander mit der blauen Brille ge⸗
sellte sich jetzt zu ihm u 41
„Weld Bir be begann.Jemer, —.Sie zeiden
am Spleen, fahren Sie mit mir auf den
Ser, da wird's Ihnen sicher besser.“
Der Commergienxath mußte Jachen, es
war in gar zu narrischet Gesel· ···
Haben Sie einen Schiffer?“ fragte er.
        <pb n="540" />
        „Well, Sir! ich bin selber Schigsen,“ und
damit kettete er einen Lahn los.

GSteinhöfer schaute nach dem Himmel hin⸗
auf und auf den See hinaus, beide waren
blau und beite.

Der Commerzienrath fühlte Latgeweile
und Verdruß, vielleicht konnte diese Fahrt mit
dem närrischen Engländer ihn erheitern.

Dieser hatte die Ruder in der Hand,
Steinhöfer sezte sich an's Steurr.

Nicht zu weit von Lande!“

„Well, dir! Nach Küßnacht!“ war die
Untwort und Jener schrie: „Den Teufel auch,
das wäre eine schöne Spazierfahrt!“

Der Engländer handhabte mit gewandter
Sicherheit die Ruder, blitßschnell flog der
leichte Kahn über die spiegelglatte Fluth, und
behaglich schaute der Commerzienrath in die
sonnige Gegend hinaus, welche immer ferner
dem Blicke entschwand.

Sie waren allein, fern von Menschen, so
weit das Auge reichte, kein Schiff, kein ein⸗
ziges Segel, nur die Fische sonnten sich auf
der blitzenden Fluth und schossen spielend
durche:nander.

Der Engländer ließ pößlich die Ruder
sinlen und den Kahn langsamer treiben; er
blickte starr zu dem Commerzienrath hienüber.

„Icrtzt ist's genug,“ sagte dieser unruhig,
„wir wollen heimlehren“

„Jawohl, genun,“ versetzte der Engländer
im reinsten Deutsch. „Adieu, Herr Commer⸗
zienrath! grüßen Sie Ihren Bruder!“

Er holte mit der Ruderstange zu einem
gewaltigen Schlage aus, der Commerzienrath
schrie auf und glitt entsetzt auf die Kniee.

NKein Erbarmen! — Es war die lehzte
Arheit, die letzte blulige Saat zur Erute!

Ein lautes Röcheln, ein Fall in's Was⸗
ser, — dann schloß sich die Fluth über dem
Brudermörder

Der Kahn schwankte hin und her, eg
fehlte nicht viel, so hätte die dunkle Tiefe auch
den Mörder verschlungen.
.Das Glück war mit dein Verbrecher, er
kam ungesehen nach Luzern zurüdc.

Der Commerzienrath war verschwunden,
wie sein Sohn. Niemand hatte sie gesehen,

alle Nachforschungen waren vergebens. Man
mußte sie für verunglückt halten.

An demselben Tage verschwand auch der
Englander aus Luzern.

Als die Noischaft an die Frau Commer⸗
nienräthin Steinhöfer gelangte, legte sie tiefe
Trauer an, während Doctor Wolff zum einsi⸗
weiligen Administrator der Fabrik laut des
bporgefundenen Testaments ernannt wurde. Der
offene Raum war mit diesem Namen aus⸗
gefüllt.

„Was nun?“ fragte Frank seinen Com⸗
—ER
der Fabrik?“

„Sobald wir den Todtenschein der beiden
Verschollenen in Händen haben, mein Lieber!“
versetzte Wolff, „verschaffen Sie diese und
Ihr Ziel ist erreicht·

Der Einwurf war richtig, Frank biß sich
auf, die Lippen und schwieg.

J (Fortsetzung folgt.) J
NMannigfaltigesess.

Stettin, 14. Nob. Der Polizei ist

es gelungen, eine förmliche Räuberhöhle, und

zwar in einem Fort zu entdecken. Das Lager

war für 20 Perfonen eingerichtet, die dort

den Raub zusammenschleppten und Nachts
Gelage feierten. ——

Der „Indust. Als.“ erzählt folgendes: Ein
raicher Straßburger Kaufmann verheirathete
seine Tochter vor etwa drei Jahren und an⸗
jäßlich dieses Familienfestes schenkte er drei
wohlthätigen Anstalten je eine Eisenbahn⸗
Aktie. Nun hat vor einigen Tagen eine Ver⸗
losung statigefunden, eine der Altien ist heraus⸗
gekommen und die Waisenanstalt, der diese
Aktie geschenkt worden war, gewinnt mit einem
Schlage die hübsche Summe von 200,000
Fr. Einer Waisenanstalt fällt das große Looß
zu! Der Zufall hat selten eine glücklichere
Hand gehabt, und der Kaufmann, als erste
rfachedieses Glückssalles muß sich freuen,
daß er so gut inspirirt war.

232345*

Drud und Verlag von J. X. Deineß in St. Ingbert.
        <pb n="541" />
        Unterhaltungsblatt
St Ingberter Auzeigere
*FF. 1389. Donneoerstaq, den 23. November *.. 1871.
g3teinhoͤfer und Sohn.
—vBon Emilie Helnrichc.
cCGGaortsehung.h

Frauk war nach wie vor Procurist der
Firma Steinhöfer. Sollte er nie mehr werden.
Et sparte kein Geld, um Nachsorfchungen
auf dem Pilatus wie dem Vierwaldstädter-
See anzustellen, in den Schluchten war kein
berstümmelter Leichnam zu finden, kein Todter
trieb an's Ufer des See's.

Da ergriff ihn Wuth, er sah sich dll-
mählich in die alte Stellung der Abhängig-
keit zurückgedrängt, der Notar übersah ihn
häufig gänzlich, schlug einen Ton der Ueber⸗
—
vor Ingrimm zittetn machte.

Als aber auch die Frau Commerzienräthin
kühl und zurückhalkend wurde, und eine län⸗
gere Reise unternahm, ohne ihn davon in
Kenntniß zu sezen, da wurde er rasend, —
er sah ein, daß er bettogen wat, umsonst
feine Hans zu den furchtbarsten Verbrechen
geboten, nug sein Gewissen über lastet
datte.

Er ging zu dem Notar Wolff, dem jehzi
gen Herrn der Millionen; unangemeldet trat
er ein, mit der früheren kecken Vertraulichkeit.

Der Notar hielt seine Siesta, er gab
seinen Gedanken Audienz und fuhr fast er⸗
chreckt empor, als Frank plötzlich vor
ihm stand.

„Sie hätten mindestens anklopfen können,

6 4

mein lieber Frank!“ sagte er unwillig, „ich
liebe solches Ueberfallen nicht·/·..
Wirklich nicht?“ höhnle Frank, der jede
Rücksicht bei Seite zu setzen sehr entschlossen
schien, ich dächte, man mehme unte: Freunden
es nicht so genau, oder dürfte ich dieses Prä-
dicat nicht mehr in Anspruch nehmen ??
Sie wählen Ihre Ausdrücke nicht be—
onders qlücklich, Herr Frank!“ versetzte Wolff
‚ochmüthig, „ich wüßte nicht, seit wann ich
den Procuristen meines Schweiegersohnes zu
meinen Freunden gezählt hätte d4
„Auch das noch!“ rief Jener, leichen⸗
blaß die Hände ballend, „doch, gut, wenn die
darte ausgespielt wird. Sie wollen mich allo
als Ihren Feind betrachten, Herr Wolff 7

Thorteit, Lieber! Sie bleiben mein Pro⸗
rurist mit 2000 Thaler Gehalt — ein Mi⸗
nistergehalt — können überall damit an⸗
lopfen .“

Ei freilich, nur nicht vet der Ftau Com⸗
nerzienräthin,“ lachte Frank bitter, „und mit
diefem Almofen gedentt Ihr mich abzuspeisen?
— Hoho, mein ehrenwerther Genosse, so leicht
ist das nicht: abgethan.“ d etraee
Der:. Notar erhob sfich und tral dicht vor
ihn hin; »mit gedämpfter Stimme sprach et:
Sie woslen drohen, das ist albern! Wen
vollen Sie anklagen? — doch nur sich selber!
Ber hat jenen Diebstahl begangen, um des⸗
sentwillen Hartmuth ing Gefängntß kam?
Sie . — Wer zündete dieses Gefangenhaus
an, damit jenet Mensch vielleicht eutfliehen und
so ganz unschädlich für Sie würde &amp; Sie!
Wer raubte det Mutter das Kind Sisß!
Wer hat den Möoörder des Knaben, — *

—A
        <pb n="542" />
        nach Amerika ging, gidingen.? Sie!“ Wer hat
Vater und Sohn in der, Schweiz getödtet?
Sie und immer aur Sie! Und ein Mensch
mit solchen Thaten belastet, wagt es, mir zu
drohen ? — wagt es, seine blutige Hano 34
der Hand einer Millionärin, einer Dame von
Stande augzustrecken? Das ist Wahnsian,
—D

Frank war von den furchtbaren Beschul⸗
digungen des Mannes, welchet ihu zu all' diesen
Thaten verlockt und derleitet hatte, zuc Bild⸗
säule erstarrt, sein Gesicht war aschgrau ge—
worden, seine Augen wie mit Blut unterlau⸗
sen von der wilden Aufregung seines Innern.

„Höllischer Schurke!“ knirschte er, „dad
also ift der Lohn dafür, daß Ihr Beide,
Du und jenes teuflische Weib, welches den
eigenen Sohn mit kaltem Blute morden ließ,
frei und unbeschräult schalten dürst über den
Raub! Undbeschränkt? — Nein, nein, und
dreimal nein, noch seid Ihr nicht Herren, noch
können Erben auferstehen aus ihren Gräbern,
noch lebt ⸗— “·

WEWr brach plößlich ab, stieß ein kurzes,
heiseres Gelächter aus und stürzte hinausn
Der Notar machte eine Bewegung nach
der Thür, um ihn zurückzuhalien, dann schüt⸗
telte er verächtlich den Kopf und kehrte an
den Tisch zurück.

NMag er laäufen, der Narr lich habe ihn
aicht zu fürchten. Und doch! — es wäre
am Ende klüger, die Krallen zu streicheln, —
ich muß ihn wiedet versöhnen, den allerlieb⸗
sten Frant.

Er nahm seinen Hut, um den Procuristen
aufzusuchen, dieser war nirgends zu finden.

Nach einigen Tagen las mun im Tage
blatt: „Der Procurist der Firma Steinhöfer,
herr Frank, hat seinen Posten verlassen, weß
dalb ihm von heute an die Procura genannter
Firma entzogen ist..

Zu gleicher Zeit schrieb der Notar Wolff
in seine Tochtet in Paris. „Frank ist fort,
keine Spur von ihm zu finden, so viel ich
auch nachgespürt. Er hat gedroht, hüte Dich
vor ihm, — vielleicht, wie ich befürchte, geht
er nach Paris; reise auf einige Wochen fort,
'doch sage Niemand, wohin. Bei der Narrheit
dieseß Menschen sind Vorsichtsmaßregeln nöthig.

*

Jo Uebligen beutruhige Dich nicht, er ist
—V

Die Frau Comniergierathin erschrack, —
wie war jener Menscheihr verhaßt! wüßte
sie ihn doch tief — unten in der Seine!
Die schöne reiche Deutsche wurde von Ande⸗
tern umflattert, — ein stolzer Graf legte ihr
—X — uͤnd jeht sollte
riue solcht Wel. dimmet ihres Glücks
trüben

Wenn⸗er urplötzlich in ihren Salon träte,
mit der alten widerlichen Vertraulichkeit; sie
schauderte zusammen, ließ Extrapost bestellen
und machte mit dem schönen eleganten Grafen
»on St. Herem einen Ausflug nach dem süd-
lichen Frankreich. —

Seit dem räthselhaften Veischwinden Franks
wurde der Rotar Wolff die Beute einer fi⸗ber⸗
haften Unruhe, welche ihn selbst im Schlaf
nicht verlassen wollte.
Zweite Abtheilung: Die Todten stehen auf.
185. Kapitel..
:.. Acht Jahre sind nach jenen letzten ent⸗
setzlichen Vorgängen, welche in der ersten Ab⸗
theilung dieser der Wirklichkeit entnommtenen
Geschichte gejchildert find, verflossen.
Acht; Jahre!, eine Ewigleit in der Zu⸗
dunft, ein Augenblick in der Vergangenheit
Die letzten Strahlen der siukenden Sonne
heleuchteten eine einsame Farm, welche abge⸗
schieden von aller Welt in einer der Tiefebenen
des Missisjsippistromes lag.
Die Farm bestand nur aus einem rohge⸗
jimmerten Hause mit den nothdürftigsten Be—
quemlichkeiten versehen, einen kleinen Stall
und der in der musterhaftesten Ordnung be⸗
dauten, von Fenzen eingefaßten Anpflanzung.
Vor dem Hause saß in diesem Augenblicke
ein Mann van etwa 50 Jahren; sein Haupt⸗
und Barthaar war stark ergraut, in den tie—⸗
fen Furchen des verwitterten Antlitzes lag ein
tiefer Gram, welcher mit diesen Zügen ver⸗
wachsen zu sein schien. Er starrte in die un—⸗
tergehende Sonne;, und eine wilde Freude
üüberflog das finstere Gesicht.
Sie kommt, die Zeit, sie kommt,“ mur⸗
melte er, „es gibt eine Vergeltung auf Er⸗
den, so wahr das ewige Vicht dort erlischt,
am am Morgen uns wieder zu leuchten.“
        <pb n="543" />
        Der Husschlag galoppirender Pferde ließ
hn verstmmen und entriß itnn seinen Ge⸗
uten

Zwei Reiter sprengten' mit verhängten
Zügeln auf die Farm zu; der Mann vor der
Thür erhob sich und legte die Rechte über die
Augen, um den Blick zu schärfen⸗“

Wen brirgt mir der Junge da'!“ sprach
er halblaut, „beim ewigen Gott, das muß
der alte Brandt sein, oder ich habe den Staar
auf beiden Augen. “

Urber sein Antlitz zog es wie helle Freude
mit flüchtiger Rührung wechselnd. Er trat
einige Schritte vorwärts, doch schon hatten
—D0
jien nach wenigen Minuten vor dem Herrn
der Farm. ..
Seid Ihr's, oder ist's Euer seliger
Beist, welcher wie Don Juan's steinernet
Gast, miqh besuchen will, mein alter Kapitän
Brandt ?“ rief kr mit vor Bewegung zittern⸗
der Stimmee..
zBin's, noch in Fleisch und Bein,“ ver⸗
setzte der Kapitän, sich wie ein Jüngling vom
Pferde schwingend und den Zügel seinem Be⸗
zleiter zuwerfend,“ „hätte es, beim Element!
aicht geglaubt, ‚die einsame Farm am Wissi⸗
kppi je wiederzusehen. Grüß' Dich Gott,
alter Funge! bist verdammt alt gewor⸗
den, he!“?“ ....

Er schob seinen Arm unter den des Far⸗
mers und trat mit ihm in's Haus, einen
freundlichen Blick rückwärts auf den zweiten
Neiter werfend, welcher mittlerweile die Pferde
abzäumte und in eine hohe Fenz führte.“

Es war dies ein junger Mann, eine hohe
kräftige Gestalt mit einem außerordentlich in⸗
seressanten Antlitz, worauf Intelligenz und
Kühndheit sich spiegelten. Schwarzes krauses
Haar umgab die hohe gebräunte Stirn, unter
deren Wölbung zwei schwarze Augen stolz und
herausfordernd blitzten; ein prächtiger Voll⸗
bart vollendete das Bild schöner Männlichkeit.

Wo habt Ihr Euch denn getroffen, alter
Seelöwe ?“ fragte der Farmer, als sich's
Beide bequem geinacht und einen tüchtigen
Imbiß vor sich hatten, „ich meine Du und
der Ferdinand!“

Dieser war mittlerweile in die Stube ge⸗
kommen und hatte sich zu ihnen gesetzt.

„Der Teufelsjunge der,“ lachte der Kapi⸗
jän Brandt, unser alter Belannter, „traf ihn
mterwegs, wie ich so kecht gemächlich auf
inem alten Klepper einhertrabte. Das saust
vie ein Wirbelwind durch die Ebene — mir
jorbei die wilde Jaghe — mein Brauner
nuß viel Ehrgeiz haben, läßt sich nicht mehr
nit Sporn und Peitsche regieren, und jagt
dem Andern wie besessen nach.“ Ich schreie
aus Leibeskräften/ und fluche wie ein Heide,
his der Junge,“ da jeinen Gaul mit einem
Ruck herumwirft und meinem Braunen in
die Zügel sällt. Da erkenne ich die Mutter
in seinem Gesicht, und auch er hat den alten
sapitän nicht verge fsen.“ *

„Die Mutter!“ rief der junge Mann
erregt, „o sprich, Onkel Brandt! lebt sie
noch! — ist sie noch immer ¶— — 6

Er mochte die Frage nicht vollenden.

„Armer Junge 8 versetzte Brandt, „fie
sst noch immer krank. Ich sah fie vor meiner
Abreise, — etwas freilich' hat sich ihr Zustand
zebessert, sie ist stille geworden, sanft wie ein
Ldamm. Ihr wißt, daß meine Alte sie lange
zepflegt hat, bis fie selber krank wurde, sich
dinlegter und mir das große Leid anthat,
ju sterben.

„Gott mag es Ihr vergellen, wenn's ein
Jenseits gibt,“ sprach der Farmer, welchet
Niemand anders war, als Theodor Hartmuth,
der als Dieb und Brandstifter verfolgte und
geächtete Freund des gemordeten Steinhöfer.

„Es war merkwürdig,“ fuhr Brandt mit
zeiner gewaltsamen Anstrengung fort, „daß ich
seit dem Tode meiner Frau die Lust am
Seeleben verlor, ich wurde eine träge Land⸗
ratte und begoß die Blumen auf ihrem Grabe.
Das sind fünf Jahre her, so lange habe ich
leine Reise mehr gemacht und Euch natürlich
IV Se n
Böser Onlel!“ meinte Ferdinand Stein⸗
höfer (ljener Knabe, aus welchem jetzt ein so
stattlicher Mann geworden); „in fünf langen
Jahren nicht anungs zu denken ·..

„Hm, gedacht habe ich genug an Euch,“
ersetzte Brandt, eine: Cigarre anzündend,
rhätten mich auch wohl bald zu meiner Alten
detten können, wäre nicht die Marie gewesen,
neines Bruders einzig Töchterchen, welches,
da wir kinderlos waren, nach der Eltern Tod

—
        <pb n="544" />
        zu uns kam und unser Troft, unse Stütze
wurde. Es ist doch eiwas Schoͤnes um ein braves
Aind, und oft mußte ich bei ihrem Aublick
an die Clara denken, welche mit ihr in einem
Alter jein wird; ich denke, die arme Kleine
müßte jetzt, wenn sie noch lebte, wohl ihre
achtzehn Jahre alt sein“
Harimuth war bei der Erzädlung des al⸗
jen Seemanns aufgesprungen und schritt in
arozer Bewegung auf und nieder.
Uad sie leidet zwiefachen Tod,“ mur⸗
melte er zwischen den zusammengepreßten
Zahnen, „alles, alli durch dieselbe verruchte
Mörderhand!“ J
„Wer verpflegt meine arme Muiter 9
jragle Ferdinund mit leiser Stimme.
., Das thut meine Marie“, versetzte der
apitän mit einem Auflug von Stolz. „ie ist
in die Fußstapfen meiner Seligen getreten und
die arme Kranke hat nichts verlo ren; das
gute Kind liebt sie wie die eigene Mutter, ja,
pas das Rührendste dabei ist, die Kranke
liebkoset sie oft in tuhigen Stunden und neußt
sie Clara; sie hält fie dann für ihre verlorens
Tochter und ist glücklich in dem Wahn. —
Seitdem Marie sie pflegt, ist sie erst ganz
sanft und still geworden, weßhalb das gute
zusopferungsvolle Kind auf Wunsch des Atztes
sich ganzlich ihrer Pflege gewidmet, seitdem ich
meine alten Schiffsblanlen wieder betreten
habe.“ J J
O, die Gute!“ rief Ferdinand tief be⸗
wegt, lönnte ich ihr vergelten, was sie an
der Theuren thut¶ age ihr, wenn Du
heimkehrst, Onlel Beandt, daß der Sohn jener
Ungidlichen ihr Bruder ist, und als solcher
Unspruch auf Wiedervergeltung hat.
Nun, das könutest Du ihr selber sagen,
mein Junge schmunzelie der Kapitän, „ich
din mit dem festen Entfchlufse herübergelom⸗
men, Euch Beide mib nach Europa zu nehmen.
Ja, glotzt mich nur verwundert an, wie die
Seehunde, es ist so, wie ich sage, uud füge
hinzu, daß ich nur einzig und allein deßhalb
die Reise gemacht habee...
cherz oder Ernst, Kapitän Brandt 3
fragte Hartunth ruhig. n
GSnst, heiliger Ernst, liebes Freund!“

versetzte Jener feierlich. Ihr dürft Euch nicht
laͤnger absperren von der Welt, während drüben
in der alten Heimath vielleicht Mancherlei vor⸗
geht, wobei Idr just die Hauptperjsonen spielen
sönntet·

Erklaͤrt Euch deutlicher.“

So hört denn, Kinder!“ — Ihr erin⸗

nert Eeuch, daß meine Alte damals, als das
zroße Unglück mit Ferdinand's Mutter pafsirte,
uinser Haus verkaufte und nuch jener Stadt
uberfiedelte, wo sich die Heilanstalt, welche die
Mutter aufgenommen, befindet. Sie hielt es
sür ihre heiligste Pflicht, das geringste Opfer
fjür das Gräßliche, welches sie ihrer Meinung
nach mit verschuldet hatte. Das arme Weid,
was konnte sie für ihre Müdigkeit, — sie hat
schwer gebüßt dafür. Ich mochte die Vater⸗
ttadt ebenfalls nicht wiedersehen und kam erst
vor einem Vierteljahre wieder zufällig in Ge⸗
schäften dorthin ·“
Ein Polizelinspector“, fuhr Brandt
sort, „begegnet mir auf der Straße, sieht mich
scharf an, als witterte er wieder einmal in
nir einen Spitzbuben wie damals. Ich will
ingrimmig vorubergehen, da streckt er mir die
Hand epigegen und fragt: „Sie sind Kapit än
vraudt J

Zu dienen, nein Hert!“
ommen Sie mit, ich habe Wichtiges
mit Ihnen zu reden.“ 0
3 Gortseßung folgt).
Aannigfaltiges.

Lomndeon, 30. Oct. Katzenjämmerlichen
Seelen wird es zur Befriedigung dienen, daß
der Hätingsfang augenblicklich eine ungemein
argiebige Ausbeute liefert, in Lowestost allein
wurde im Laufe von 7 Tagen weit über
50,000,000 Fische gelandet. Der Preis stellt
sich in Folge dessen sehr niedrig, (wovon wir
aber nicht viel verspuͤren werden J.
Ein Mann von seltener Courage — so
schreibt das Newyorker Belletristische Journal
— wohnt in Tenessee. Von ihm wird das
Unglaublicht berichtet, daß er nach bmonat⸗
lichem Wittwerthum seine Schwiegermutter
heiratheie, die zwanzig Jahre älter ist, als er !!

a 7*

Druck und Verlag von F. X. Deegein St. Ingberr.
        <pb n="545" />
        Unterhaltungsblatt
s e 7—7

. —3
4

Am
St. Ingberter Anzeiger.
x-. 140. —Eonntag,/ den 26. November 181.
3 teinhöfer und Sohn.
WBon Emilie Heinrichs.
Goortsehungh.
Unhern folgte ich dem Polizeiinspector,
doch war der Mann zu höflich, um davon zu
sommen. — Er war es, bei welchem der
Notar Wolff damals die Denunciation gegen
Frau Steinhöfer gemacht, daß sie mit Ihnen,
lieber Hartmuth, in Verbindung stände.“

„Schufte! murmelte dieser, „doch weiter.“

Er hatte, wie er mir sagte. die Ueber⸗
zeugung von Ihrer Unschuld und meinte, wir
dürften die Hände nicht in den Schooß legen,
sondern müßten nach dem wahren Thäter
juchen. Ich hatte keine Zeitungen gelesen,
mochte, von der Welt nichts hören, und so
vernahm ich denn von ihm, daß jener saubere
Herr, welcher mich damals verhaften ließ und
dann wie ein echter Judas mich umgarnte,
vor acht Jahren das Weite gesucht, und wie
man glaubte, nach Amerika gegangen sei.“
„Ah, Frank heimlich davongegangen!“
rief Hartmuth überrascht; „wußte der Mann
Ihnen nichts nehr davon zu sagen ? 1J—

„Er wollte nicht mit der Sprache heraus,
doch wußzte er jedenfalls mehr, als er
sagte. Die. Wittwe des Commerzienraths
Steinhöfer —¶“

„Wittwe?“ ricf Hartmuth erstaunt. —
Mann, was sagt Ihr da? ist der Commer⸗
zienrath todt ? — —

„FJa so, ich hab' Euch früher nichts da⸗
von gesagt, es war wohl unrecht von mir,

daß ich's verschwieg, aber die Geschichte war
so schrecklich, daß ich's das letzte Mal nicht
üͤber's Herz bringen konnte; und da kam
ich nicht wieder, dachte auch nicht mehr daram.“
Aber sosagt endlich/ Kapitän, was ge⸗
schehen ist, schießt los, wenn's auch trifft.
Na, Ihr seid ja auch Beide Männer,
hier in dieser Wildniß gegen jede Weisheit
gestählt und wissen müßt Jhr's doch einmal,
daß vor acht Jahren oder darüber der Com⸗
merzienrath Steinhöfer mit seinem Sohne in
der Schweiz elendiglich um's Leben gekommen
ist. Der Älte soll icnx V'erwaldtftädter Set
ertrunken, der Sohn in den Bergen verun⸗
glückt sein.“
Heiliger Gott!“ stöhnte Hartmuth, „Du
vergilift schon hienieden, ober was hatte Egin⸗
hard verbrochen, um für die Sünden des Va⸗
—R VVVV
Todtenbleich hatte Ferdinand die Nachricht
bernemmen; wohl dämmerte in ihm die Wahr⸗
heit, obgleich Hartmuth behaglich jeden Auf⸗
schluß verweigert und ihn auf spätere Zeit
vbertröstet hatte. Die Schrecensnacht, in wel—
cher sein. Vater begraben, der schneebedeckte
hügel, die fürchterlichen Worte, welche feine
Mutter ihn hatte nachsagen lassen, Alles die⸗
fes hatte sich seinem Gedächtnisse felsenfest
eingeprägt. Er wußte es, daß sein Vater als
Selbstadrder verscharrt worden war, er hatte
schwören müssen, nicht an diesen Selbstmord
zu glauben, sondern dereinst den Mord rächen
zju wollen. Alles dies schwirrte durch sein
Gehira, als er von dem schauerlichen Ende
cines Mannes hörte, welcher den Namen seineß
        <pb n="546" />
        Vaters trug; er war überzeugt, hier der Lösung
des fürchterlichen Räthsels zu begegnen.

Bei dem schmerzlichen Unblick seines va⸗
terlichen Freundes erhob er sich hastig
und fragte mit fester Stimme? „War dieser
Tommerzienrath Steinhöfer ein Bruder meines
VBaters 7

„Er war der Bruder des Verstoßenen!“
lautete die dumpfe Antwort.

„Und der Mörder meines Vaters 7?“ rief
Ferdinand mil tiaer Stimme, welche einer
andern Welt anzugehören fchion.

Du sagst es, mein Sohn,“ versetzte
Hartmuth leise, „Gott erfüllte selber Deinen
Schwur, Dein Vater ist gerächt““

„Alle Wetter?“ brummte der Kapitän,
„das find mir schöne Geschichten. Beher frei⸗«
lich, daß der Herrgott selber die Rache über⸗
zanmen hat, er versteht es doch am hesten.“

.Ja, wir müssen zurüd nach Europal!“
sprach Hartmuth voch einer Weile, in welcher
it gedankenvoll vor sich hinstarrte, „die Stunde
ist gekammen, mein Sohn, wo Du Alles er⸗
fahren sollst, waz mein Herz seit Jahren wie
ꝛin Alp gepreßt, sollst die Geschichte Deiner
Familie hören. Dex Kapitän, welcher so viel
jür uns gethan, sei der Dritte im Bunde
ex soll wissen. wie- viel man Die geraubt !

Und nun begaun er das Bild der düstern
Vergangenheit eineß so gewaltsam von bru⸗
dermördexischer Haud geendeten Menschenlebens
zu entrollen. Er exzählte von des Ermordeten
Jugend, wie er, einige Manate nach des
Batlers Tod geboren, kaum die Liebe einer
Mutter gekannt habe. Wie der ältere Bruder
sich in der Multer Herz geschlichen und den
Nachgeborenen, den et als unberufenen Gin⸗
dringling schon bei der Geburt, tödtlich ge⸗
haßt, consequent verläumdet und verfolgt, und
die Mutter schon das zarte Kind verstoßen,
eg fremden Händen anvertraut habe. Er er⸗
zuhlte dem atheintos horchenden Sohne von
den Ränken und beharrlichen Intriguen des
Aelt ⸗ ren gegen den Jüngeren, von der Mutter
Schwache und Leichtgläubigkeit und dem endlosen
Unglück, welches dadaus entstahen mußte.

Dein Vater,“ so fuhr Hartmuth forh
war trotz aller Härte und Strenge ein wilder
bermuüthiger Knabe, er mag wohl ein wenig
ichtsinnig gewesen sein als Jüngliug, alt

Mann war er's nicht mehr. Mit raffstnirter
Berechnung bezahlte der ältere Steinhöfer die
Verführer des Bruders, welcher von der
Mutter sehr karg gehalten wurde, und dem
das Vaterhaus fast gänzlich verschlossen blieb.
Wie leicht ist die Jugend in den Strudel
der Verführung hinabgerissen. Ferdinand stu⸗
dirte, sein Kopf war hell, sein Herz brav,
wir bernden uns kennen und blleben uns treu
bis in den Tod Als Dom Vater die Mutt er
heixathete. murde gunzlich verstoßen und
enterbt z lachte darüber, seine vnietseisigen
senntniffe und Tatente halfen ihm leicht üder
die Klippen der Nahrungssorgen hinaus.
Dann wurdest Du, geboren, mein Sohn und
nach sechs oder seben Jahren die Schwester.
Da fühlte Dein Vater die Pflicht, für sein
Erbe aufzutreten und an das Herz der Mut⸗
ter zu klopfen. Wir mußten zur List unsere
Zuflucht nehmen, weshalb ich als Hauslehrer
in das Haus. Deiner Großmutter wrat, um
den Enbel zu erziehen. Ich gewann Eginhard's
kiebe, und durch diesen den Weg zum Mutter⸗
herzen. Dar ries der Tod den Verstoßenen
durch mich an das Bett der sterbenden Mutter
und hiev, Angesichts der Scheintodten, welcht
hdeide Brüder für eine Leiche hielten, kam es
zu einer furchtbaren Katastrophez; — der
Tommerzienraih verlengnete den Bruder, wie
er mir scheinheilig mittheilte, und Dein Vater
zgab sich selber den Toden

Hartmuth hatte den letten Satz lang⸗
jam, mit exhobener Stimme gesprochen; jetzt
schwieg er.

Starr wie eine Bildsäule. mit leichen⸗
blaffem Gesicht und weitgeöffneten Augen hatte
Ferdinand zugehört; bei den letzten Worten
seines väterlichen Freundes sprang er empor
und rief mit dem Ton richterlicher Ueber⸗
euzung „Nicht wein Vater gab sich selber
den Tod, der Bruder hat ihn an der Leicht
der Mutter ermordet!“

Der alte Kapitän schrie entsezt auf,
wãhrend Hartmuth bejahend den Kopf neigte.

„Und der Mörder hat sich meiner Rache
durch den Tod entzogen,“ sprach der junge
Mann dumpf, „vergib, Mutter, ich kann den
Schwur nicht halten!“

„Gott selber hat ihn gerichtet, mein
Sohnm!“ verfetßzte Hartmuth, „meine Stele
        <pb n="547" />
        reuet fich dessen. — wagte es doch selbst der
Divter der Räuber nicht, dem detrogenen und
versiohenen Bruder das Richterschwert gegen
den Henker des Vaters in die Hand uu drü⸗
Zken, er mußte sich selber richten. Nun wohl,
der Mörder Deines Vaters ist todt, — der
einzige Erbe zoahrscheinlich ebenkalls durch
mörderische Hand vernichtet. Du trittst in
leine Stelle l Sagt, lieber alter Freund, wer
hat die Erbschaft des Commerzienrathes an⸗
getxeten d

Zuerst die Wiltwe. — jeßt ihr Vater,
der Doctor Wolff. So sagte mir der Polizei⸗
Inspectot.“

Ift die Wittwe denn auch todt 49

„Ach, das sind boöse Geschichten,“ ver⸗
sezte Brandt kopfschüttelnd, ‚diese Frau scheint
sehr leichtsinnig, wenn nicht gar bose gewesen
u sein, Sie hat Mann und Kind bald ver⸗
gessen, ist nach Paris gegangen und hat dort
rin großes Haus geführt. Gin vornehmer Grak
hat sich um sie beworben, sie hat ihn geheirathet
und ist dann auf geheime Denmmciation hin
der Bigamie angeklagt, weil der Leichnam des
erster · Gakten nict aufgefunden, sie also noch
aicht als Wittwe sich betrachten konnite.

„Sie hat fürchterlich viel Geld gebraucht,
der Polizei⸗JInfpeetor sprach von einer halb
Million, dann ift eines schönen Morgens! der
danbere Graf auf und davon gewesen, hat
Alles mitgenommen an Geld und Geldes werrh.
— Er soll gar kein Graf gewesen sein. Die
neugebackene· Graͤfin hat just an dem Tage
vor Gericht erscheinen sollen. Da wird sie
vor Schreck und Aerger krank, sie legt sich
din und stirbt richtig innerhalb vier Wochen.
Nun war ihr Vater der lehte Erbe laut eineß
dorhandenen Testaments, und der listige
Advokat ist Herr des ganzen grohßen Ver⸗
mögens“
Der Lehle also, gottloh!“ sprach Hart⸗
muth, mit diesem Menschen abzuxechnen, macht
mir die gröhßte Freude, ar ist. die Urquelle
des Bosen — Nunm noch eine Frage, theurer
Freund! wißt Ihr nicht, ob die Mutter des
Fommerzienrathẽ noch lebbẽ — Doch was
frage ich, sie muß ja todt sein, wie wäre
dieser Wolff sonst Erbe
Ddie Mutter des Commerzienratha Starb
denn Ferdinands Vater nicht an ihrer Leiche?“

Sie war scheintodt, lag im Starrlrampf.
ils das Schredliche geschah, sie allein ist die
Zeugin des Mordes, denn fie vernahm in
hrer schrecklichen Lage, welche sie zu jedem
debenszeichen unfähig machte, die letzten Worte
»es Opfers. Ala sie erwachte in der Nacht
hor ihrem Begräbniß, war ich Zeuge, wie
ie dem entseßlichen Brudermörber dak Ver⸗
hzrechen vorwarf. — Versteht Ihr jetgt seinen
dak und die That, welche gegen mich verübt
purde? — Konnie ein Gebrandmarkler wider
hn zeugen, ihn anzuklagen wagen ? —

„Ja, ja, jetzt wird mir Alles kiar,“ rief
der Kapitän, heiliger, gerechter Gott! Du
konntest so lange dem Frevel tuhig zuschauen?“

Sein Gericht hat schon getroffen,“ sprach
dartmuth feierlich, „denn das ist der Fluch
der bösen That, daß sie fortzeugend. Böses
nuß gebären. — Der Brudermörder kKegt
nuf feuchtem Grunde, unbestattet, den Fischen
sum Raube, — denhkst Du hierbei nicht an
zas Grab Deines Vatexs, mein Sohn! —
dieses furchtbare Gericht ist mir Bürge, daß
uch Dir Dein Recht noch wird, daß die
Firma Steinhöfer dem wirklichen Erben zufälll.
Auf d'rum. nach Europa! noch einmal will
ch, wenn auch ein vom Gesetz Verfolgter, die
alte Heimath betreten, um meine letzte und
zöchste Mission zu erfüllen, und dann zurüd-
sehhren, um hier in meiner friedlichen Einsam⸗
leit zu sterben“

Nun, das findet sich,“ meinte Brandt.
der Ferbiuand hier ist auch alt genug, seine
verlorene Schwester zu suchen, eine kleine
Spur ist schon durch den Polizei; Inspektor
gefunden; eine alte Kupplerin hat das arme
ind bis zum zehnten Jahre erzogen, worauf
sie mit einem tollen Mnsikanten in die weite
Welt gegangen sein soll..

Ich suche sie big an'n Ende der Welt!“
rief Ferdinand fieherhaft erregt.

Auch das findet sich,“ lächelte Brandt,
es gibt jetzt durch die Zeitungen Minel und
Wege genug, die Verlorene, wenn sie noch
am Leben ist, zu finden. Jeßt aber möchte ich
um ein Lager bitten, ich bin verdammt
müde. Ihr könnt mittlerweile Eure Sachen
ordnen, ich denke, morgen soll's losgehen, —
der Polizei⸗Inspeclor meinte. er sei einem
Menschen auf der Spur, wolcher eine sonderbare
        <pb n="548" />
        ANehnlichleit mit einem gewissen Frank habe;
der verfolgte Dieb und Brandstifter in Amerika
thäte wohl daran, sobald als möglich heimzu⸗
sehren, — Frank werde von ihm überwacht,
er hoffe den iechten Dieb zu fangen, um dem
unschuldig Verfolgten Genugthuung zu verschaf⸗
sen. Der Mana war von Ihrer Unschuld
uͤberzeugt, lieber Freund!/!/
Hartmuth lächelte und meinte ironisch:
Ich werde mir trotß polizeilicher Ueberzeugung,
doch lieber einen andern Namen beilegen. Als
Vater, nnd Sohn werden wir Beide nach
Europa zurücklehren und das Feld sondiren.
So lange der Wolff im Vesitze des Reichthums
ist, haben wir ihn zu fürchten, da in den meiften
Fällen nur der Ärme zum Verbrecher geftem⸗
pelt und bestraft wird. Also, mein lieber
sapitän! reinen Mund halten, Hartmuth und
Ferdinand Steinhöfer lehren mit Eurem
A
16. Kapitee.

In einem der ersten Restauration⸗Locale
von Paris saßen mehrere Elegants an einem
Tische, sich eifrig über die neuesten Erschein—
ungen des Tages unterhaltend. Pikante Bon⸗
mois flogen wie glänzende Racketen hüben und
drüben, und die scandaldsesten“ Geschichten
wurden mit einer. Ruhe erzählk, als gehöre
olches zur Tagesgeschichte der Menschheit.
Die Hauptunterhaltung dieser vornehmen
Tavaliere drehte sich um einen neuen Stern
am Kunsthimmel der großen Oper, und das
einstimmige Urtheil lautete: Mademoiselle
Tlara Stein ist ein Phänemen, eine Nachtigall
an Kehle, eine Juno an Gestal!!—
„Aber von Stein, wie ihr Name,“ warf

ein junger kaiserlicher Offizier dazwischen.
.„‚Pah, wer kann das behaupten?“ lachte
der ältere Graf von St. Herem spöttisch, „es
finde sich nur der rechte Pygmalion, diesen
Stein zu beleben. Daß sie Leidenschaft besizt,
heweist ihre Valentine, ich habe sie noch mit
Leiner größeren Gluth darstellen sehen. Parbleu!
der Raoul war ein deutscher Spießbürger
gegen Valentine! /“/
„Ah, St. Herem redet sich selber in Feuer
und Flammen,“ lachte ein Anderer. „Es

soll mich nicht undern, wenn er bei dieser
Balathee die die des Pygmalion zu spielen
versucht.“

„Es ist eine deutsche Galathee!“ bemerkte
der Offizier acselzuckend.
Et. Herem hat, irre ich nicht, gerade
bei diesen Glück. Wie lange ist es her, seit
Ihre Gemahlin gestorben, mein Lieber 7*

Der Graf erröthete jetzt sichtlich und biß
sich auf den Schnurrbart.

„Sie reden von meinem Bruder,“ versetzte
er kolt, „ich war niemals verheirathet,“

*Dann sind Sie jedenfalls Zwislinge“
rief der Vorige, welcher die verfängliche Frage
aufgeworfen, malitiss, „Sie sehen sich zum
Berwechseln ähnlich. Ah, meine Herren! das
var eine pitkante Geschichte, geben Sie sie
doch zum Besten, Herr Graf!“!

„Sie werden beleidigend, mein Herr!“
brauste St. Hexem auf, „es hetrifft die Ehre
meiner Familitc·..
Xhorheit!“ schrien die Herren durch⸗
einander, wir wollen die Geschichte hören,
je pikanter, desto besser! Unsere Zeit hat die
lächerlichen Fesseln der steifleinenen Moral
zottlob über Bord geworfen, wir sind frei,
vofür hätten wir uns eine demi monde ge⸗
schaffen, doch nicht um neue Sittenprediger zu
jören ? Ich schwöre Euch, hier in kürzestrr
Zeit einen neuen Mormonenstaat zu gründen
— und meine erste Geliebte soll die deutsche
Balathee. Madmoiselle Clara Stein, werden.“

Fortsetzung folgt.)
J
Baliudrom.—
Ich bin, was den Pflanzen Saft,—
Thieren, Menschen. Stärke schaift.
Im Gehäuse warm und frisch
Liebt mich Jeder auf dem Tisch.
Lies mich rucwärts — und du hast,,
Was auf tausend Dinge paßt.
Wähle dir, was dir gefällt4 rα
Alles steht zn Dienst — füt Geld..
Auflösung der Charade in Nr. 187 des Unlerhal⸗
tungsblaties: „Stahlfe derc
Seuck uno Verlag don F. X. Demetz in St. Ingbert. —
        <pb n="549" />
        AUlndlerhaltungablatt
—8
F

F
St. Ingberter Anzeiger.
—e 1J. — Dienstag, den 28. November 1
S3teinhöfer und Sohjn.
Von Emilie Heinrichs.

(Fortsetzung.)

Der junge Herr, welcher den letzten blas⸗
phemirenden Sermon gehalten, war der
Sprößling einer der vornehmsten Familien
Frankreichs, der Löwe jener Pariser Halb⸗
welt, ein Wüstling der schlimmsten Art, dem
auf Erden und im Himmel nichts heilig
mehr galt.
Seine Worte wurden mit wieherndem Ge⸗
lächter aufgenommen, kein einziger unter dieser
vornehmen Gesellschaft hatte so viel Scham—
oder wahres Ehrgefühl, den Buben zurechtzu⸗
weisen. Das kaiserliche Paris kennt in jenen
Regionen weder Scham noch wirkliche Ehre,
nur Heuchelei und Sittenlofigkeit;“ es ist
das übertünchze Grab voll Moder und Ber—⸗
wesung!

An einem Nehentische saß ein alter Herr
mit schneeweißem Haar und mildem, gut⸗
müthigem Gesicht, ihm zur Seite ein junger
Mann von 28 bis 30 Jahren mit einem
feinen, leichenblassen Antlitz und wunderbaren,
melancholischen Augen! die edlen antiken Züge
erinnerten an die griechischen Gestalten des
Alterthums, wie auch der schlanke feine Kör⸗
perbau, — die ganze Personlichkeit war, ein⸗
mal gesehen, nicht leicht zu vergessen.

Bei den frivolen Worten des Wüstlings
fuhr der junge Mann, welcher mit finsterer
Berachtung die laute Unterhaltung jenes Krei⸗

ses angehört, heftig empor, um den frechen
Buben zu züchtigen. 3

Der alte Herr hielt ihn sanft zurück.

„Willst Du den modernen Don Quixote
gegen diese jämmerlichen Windmühlen spielen,
nein Sohn?“ flüsterte er leise. „Du verän⸗
derst nichts damit, und wen willst Du eigent⸗
lich vertheidigen ? Eine Sängerin ? Weißt Du,
ob fie es verdient?

„Vater!“ verfetzte der junge Mann vor⸗
wurfsvoll, „wie kannst Du so fragen J Du
hast einen Widerwillen gegen die Bühne,
noch stärker gegen ihre Vertreter. Wenn Du
Clara nur einmal hören könntest, Du wärest
desiegt. “

Eben deßhalb höre ich diese Sirene lie⸗
ber nicht,“ lächelte der Greis. „Du fühlst
überhaupt selber, daß Paris für uns nichts
augt. Hätte ich ahnen können, daß der weite
Umweg über Paris nur dieser Sängerin ge⸗
golten, ich hätte Deinem Wunsche wahrlich nicht
nachgegeben. Richard!“

Dieser hörte die Worte nicht mehr, er
horchte bereits wieder der Unterhaltung jener
Favaliere und eine noch tiefere Erregung als
bdorhin spiegelte sich auf seinem Antlißz.

Der Graf von St. Herem war der Auf⸗
forderung seiner Freunde gereizt gefolgt und
sagte: ich hasse jede Art Moral so gründlich,
wie unser guter Vicomte, und will Euch die
Geschichte meines Bruders zum Besten geben.
Zuvor aber erkläre ich, daß die deutsche Ga⸗
lathee mein werden soll und gehe jede beliebige
Wette mit Euch ein, fie bis morgen früh ge—
küßt zu haben.“ — J —2*
Beweise! Beweife F brüllie der Bicomle.
        <pb n="550" />
        „Ich lade Euch auf die nächste Mitter⸗
nacht in mein Hotel, Rue Rivoli, zum Souper
ein, verlange nur Ruhe, — Grabesstille von
Euch. Wer wettet ?“

„Wir Alle gegen Einen! 10,000 Napo-
leon⸗ gegen eintausend.“

„Angenommen,“ sprach St. Herem ruhig,

Wette ist so gut wie gewonnen.“

„Nun die Geschichte Bn dem Bruder!“

„Ihr sollt sie haben, sie ist langweiliq
wie eine deutsche Ftau. Mein Bruder war
nor ungefähr acht Jahren hier in Paxis der
Löwe des Tages; er lernte eine reiche deutsche
Wutwe kennen, deren Gemahl in einem
Schweizer See liegen sollte, doch war die
Leiche nicht aufzufinden; ich denke mir, die
zaͤrtliche Gattin hat ihn wohl selber dorthin
debettet. Trotz alledem heirathete mein Bruder
diese Frau, als plötzlich eine Anklage- auf
Bigamie gegen sie vom Stapel gelassen wurde.
Der Gemahl konnte ja vielleicht noch leben.
Da verschwand mein Bruder, und die Frau
argerte sich so, daß sie siarb ß.
Dasür war,s eine Deutsche,“ meinte der
Viconie verächtlich, „diese Nation stirbt noch
an der Galle, ihr fehlt ein Aderlaß, den wir
ihr nächstens geben werden; das träge Blut
muß einmal in Fluß gebracht und einige
Glieder awputirt werden, um ihr die großen
Gedanken auszutreiben ·..

„Wie bei Leipig und Watterloo!“ rief
der junge Mann vom Nebentische mit fun⸗
kelnden Augen. —
„Sacre!“ rief der Vieomle, „wer wagt
es, sich in eine fremde —B zu
mischen ?

Der junge Maunn, den der Gret ver⸗
gebens zurück,uhalten suchte, war emporgesprun⸗
gen vnd an den Tisch getrelen; seine Er⸗
scheinung rief eine augendlickliche Stille her⸗
bor, selbst der wüste VBicomte schaute wie ge⸗
baunt auf ihn hie. J
Wer wagt es77 fragke er mit einer
rimme, welche zwischen Drohung und Ver⸗
zcnung klang, „ein deutscher Mann, welcher
Ehre und Sitte liebt und Prahlereien wie
Schmähungen gegen seine. Nation verachtet,
der es aber nicht duldet, wenn deutsche Frauen
bon Buben met Koth beworfen werden, und
diese züchtigt, wo er sie findet.“

„Schlagt den deutschen
schrie St. Herem wüthend,
den Degen«- heraus, wir
Kürschchen.“

Es wäre sicherlich zu blutigen Excessen
gekommen, wenn nicht einige Besonnene den
Wüthenden zurückgehalten und der Greis den
zungen kühnen Deutschen gewaltsam mit sich
fort hinaus ins Freje gerissen hätte.

„Wehe, wenn dieses Gesicht mir wieder
in den Wurf kommt,“ murmette der, Graf
ähneknirschende“ „ich kabe es schon in der—
Dper gesehen, ah, er war's welcher gestern
Abend der schönen Clara einen prachtwollen
stranz' dus der erster Loge zuwatf, — richtig
— richtig, das fatale Gesicht; sie ließ mein
Bouquet liegen, wie alle übrigen, und nahm
seinen Kranz.“

„Was murmelten- Sie da. St. Herem?“
fragte der Vicomte. „lassen Sie den deuschen
Esel lausen, wir treffen ihn wohl einmal,
denken Sie an unsere Wette“
. IIch denke daran!“ antwortete der Graf
finster und schritt hinaus.—

Der alte Herr aber sprach draußen zu
seinem Sohne, als er mit ihm hastig und
anfgeregt durch die Straßen schritt. „Wir
berlassen noch heute die unselige Stadt,
mein Sohn, die Luft tastet wie ein Alp
auf mir!“

„Unmoglich, Vater!“ versetzte der junge
Mann mit fester Stimme, „Du höriest doch,
daß jene rohen Wüstlinge ein Attentat auf
Clara's Ehre beabsichtigen; ich muß über sie
wachen.“

Hund nieder!“
„auf, Vicomte,
massacriren das

„Du wirst es nicht hindern können, Ri—⸗
chard! Du bist hier fremd in Paris, alss
ohnmächtig, und besitzest zum Ueberfluk schon
Feinde. Schreibe ihr einige Zeilen, wenn Du
willst, und setze sie von dem Gehörten in
Keuntniß.“

Richard schuͤtielte heftig den Kopf und schrilt
schweigend weiter.

„Wohin willst Du, mein Sohn?“

„In die Oper — sie wird bald be—
ginnen.“

„Singk jene Clara ?—

Ja, die Valentine!“

So begleite ich Dich, mein Sohn.“
        <pb n="551" />
        Der junge Manu blieb erstaunt stehen und wie ein Sonnenstrahl den schönen jungen
schaute den Vater sorschend an. Mann traf. 5. . A
„Ich danke Dir, mein Bater! Du Hatte er doch noch lein einziges Wori
wirn sie sehen und hören und meine, Liebe mit ihr gesprochen, obgleich sie seine Liebe
begreifen.·· vohdl ahnen mußte, denn als n beiĩ
Der alte Herr seufzte; die Liebe zu einer hrem ersten Auftreten in Paris die Logen
Sängerin erschien ihm —* Wahnsinn. de dieeee — re
an jeinem ick; sie hatte ihn wieber er⸗
17. Kapitle. kaunt.
Die letzten Llänoe * Hugenotien“ waren „Nichar“'s Vater hatte während der gan⸗
verrauscht, der Vorhang zum letzten Male gejen Vorstellung kein Wort gesagt, er mochte
fallen, nachdem die Valentine unzůhlige Male es nicht gestehen, welch großen indenx die
zerufen und Opationen aller Art ihr darge⸗ * penn 8 * 5
bracht waren. ihn gemacht, es si ⸗
n esiegt sei und um ein solches Wesen
In der ersten Loge safß Richard. Höfer daß er besiegt J—
nit jeinem Vater, e pr —8B inn dununen. Streich
8 4J ij — 2 r — *
— * vu 8 e e sewe —55 7
oli ni er, als den ein⸗ nicht sowohl die Bühne mit ihrem Magnet,
—* n a E 97 — — als vielmehr das Publitum gemuster.
zigen Sohn, oder vielmehr Pflegesohn, weil er i nute 1
Richard adoptirt hatte. Er hatte mit geschärftem Blick mehrere
* ů.. Jener jungen Wüstlinge aus der Restauration
Familienverhaͤltnisse riefen ihn nach Deutch⸗ ——
land, seinem eigentli chen Vaterlande ; bebor en,welcher die Weine um Clara's CEhre
ste reiften, et und sein Sohn, rat die San⸗ eingegangen, erlennen. Beim Schluß der Vor⸗
gerin Clara Stein in der königlichen Oper 8 deie
auf. Von dieser Stunde an war Richard tiegen, es mußte nothmendig eiwas zu ihrer
verwandelt. Alles was iba früher descaftit. Sitdecheit geschehen da sener Verruchte jeben-
zu der Reise nach Deutschland getrieben, war n eee ecunaligten on e
rgend eine Gewaltthätigkein oder tückische
in den Hintergrund getreten vor der Alles i in Shilde fuhrne
ereper, —6 „Willst Du die Sängerin nicht warnen,
Pale mit ihrer volten Zandermeche on er mein Sohn?“ fragte der alte Höler urplötzlich
miffen hatn J leise, als sie sich erhoben, um das Theater
Er folgte ihr nach Paris, und der Bater, u verlafsen 9
zu schwach, ihm Wiberftand entgegen zu sehen, Ich werde sie am Ausgange erwaten,
sah min wachfender Angft⸗ wie diese Liebe ind dann shen, as sich hun näßt·
den Sohn so völlig beherrschte, daß sie noth · , Ja, ja, versaume das nicht, Richardi
wendig wit seinem Untergange Sder riner Das arme Kind sollte mich doch dauerm, es
Heirath endigen mußte, vnd eine Bühnen prin⸗ hl so gut, so unschuldig cus,·
— —— Nou plus Richard bruͤckte dem Valer dantkenddie
altra des Leichtsinns. — dand nud dal ihn, sich mur nach Haule zu
Heute Aberd hatte er die Sängerin zum hegeben. — —
ersten Male gesehen und gehört, er war mit Nicht doch, ich bleibe bei Dir, würde ja
dem Sohne in die Oper gegangen, um ihn zor Unruhe und Sorge sterben·“
vor Uebereilung oder Uuglück zu schützen, wel Die Sängerin haite sich umgelleidet und
er mit Recht irgend ein Zusammentreffen mit rat aus der Garderoße zu einem alten Herrn,
jenem vornehmen Wüstling befürchtöen mußte. welcher auf sie zu warten schien.
Wieder hatte Richard einen Kranz aaf Ach meine schönen Blumen, lãchelte sie,
die Bühne geworfen, er fiel zu Claras Fützen, dem Alten die Haud reichend, „ich lanu sie
sie hob ihn auf, indem ein dankender Blick nicht lassen
        <pb n="552" />
        „Schenke fie dem Chor“, sprach der Alte er hastig, als Idie Pferde anzogen,“, Du kaunst
turz. „Du brauchst das Zeug nicht —— — miir dodh nicht folgen auf diesem Wege!“
.Nur diesen Kranz, mein Näterchen!“ Um Gotteswill n, mein Sohn!“
läͤchelte sie hold, „er kommt von demselben 2DesBaters⸗Stimme wurde von dem
Mann, welcher schon in London; mir seine Straßenlärm verschlungen, Richard war fort
Verehrung darbrachte.. uund hatte sich mit turnerischer Gewandtdeit

„Der mag gelten“, brummte der alte Heißen- auf das hintere Wagenbrett geschwungen, wo
reich, „er schreibt wenigstens keine duftigen er sich mit Lebensgesahr festhielt. Er wußte
Verse, — mir gefällt überhaupt das griechische ganz genau in welchem Hotel die Sängerin
Gesicht, — ein ganzer Apoll!“ wohnte, es lag in der Nähe des seinigen,

So finden wir hier in Paris die Tochter eine zarte Scheu“ hatte ihn zurückgehalten,
des Ermordeten wieder, auf der Höhe künst⸗ dasselbe zu beziehen.“
lerischen Ruhmes, von Glauz und Herrlichkeit Der Kutscher peitschte unbarmherzig auf
umgeben, die halbe Welt zu ihren Füßen. Sie die Pferde, wie ein Federball flog der Wagen
nannte sich Clara Stein nach dem Willen ihres dahin, — einer entgegengesetzten Richtung zu.
Pflegevaters, dem sie Alles verdankte. War es der Wille der Sängerin? Richard

Wie war sie schön geworden, welche präch⸗ wußte es nicht, er befand sich in einer qual⸗
tige Rose hatte sich aus dem bescheidenen Kinde vollen Lage.
entwickelt; die hohe stolze Gestalt hätte einen Plötzlich hörte er im Innern des Wagens
Königsthron zieren können. rufen, mit einem Sprunge war er von seinem
Biebte Clara den geheimnißvollen Verehrer zefährlichen Standpunkte herunter und an
bon der Themse? Sie wußte es selber nicht, der Seite des Wagens, welcher immer toller
doch schlug ihr Herz höher, als fie das bleiche dahinflog und jetzt in die Rue Rivoli einbsg.
melancholische Antlitiz mit den wunderbaren Richard sah, daß der Kutscher die Kreuz und
Augen so urplötzlich an der Seine erblickte und Quer gefahren hatte, um seine Passagiere
sich sagen mußte: Deinethalben ist er da! irre zu leiten. «,

An des alten Heidenreich's Arm verließ sie Der al'e Heidenreich stecte den Kopf
das Theater. Sie war in heiterster Stimmung zum Fenster heraus und rief ängstlich:
und trug Richard's Ktranz sorgfättig in der „Halt, halt!“ J
Hhand. V J „Halt, halt!“ schrieh Richard ebenfalls

Dieser welcher sich mil dem Vater in der und ficl den Pferden furchtlos in die Zügel,
Nähe aufhielt, sah es und bebte in freudiget — es war faft ganz mindschenleer auf der
Ueberraschung zusammen. Er sah, wie sie mi Straße..
dem alten Manne den Wagen bestieg, wie ddr Srnacler bieb wi
Kutscher auf die Pferde hieb; war das, sie re ae Pferde

9 *. junge Maun hielt
was er so lange sie hier in Paris weilte all sie mit übermenschlicher Kraft. Diesen Moment
abendlich geseben hatte, nichts Ungewöhnliches nuhte Heidenrtich den Schlag zu zffnen und
konnte er entdedgen. herausdusteigen* —

Und doch — seinBlick fiel auf den „Was dibts?“ fragte er rauh, „wohin
suischer; war das die wohlbeleibte Gestalt, 5 *
fahren Sie uns? ——
welche sonst den Bock zierte und die er so oft aulei
beneidet hatte? Dieser war höher, schlanker, Laßssen Sie das Sräutein aussteigen,
hale den —Manteilragen hoch amporgesogen, schrie Richard, es sitzt ein Verraͤther auf dem
obgleich es mehr warm als kalt war, er fuchte Bocke.“ — . . *
offenbar seinem Vorganger in Allein nachzu ⸗6gortsetung folgt.
ahmen, das sah Richard, dessen Blick jekt —
durch Argwohn geschärft war, ganz genau.. —
„Geh' nach dem Hotel, Vater!“ sprach

3 —
Drud und Verlag von F. R. Deiaeß in S. Inube.
        <pb n="553" />
        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
Nr. I4 Donnerstaa, den 80. November
Steinßzöfer und Sohn.
Von Emilie Heinräichs.

(Fortsetzung)

„Hund, verdammter!“ rief der Lutscher,

Zügel fortwerfend und herunterspringend.

Im nächsten Augenblick hatte er den
Greis auf die Seite geschleudert und Clara,
welche laut aufschrie vor Schreck, aus dem
Wagen gerissen, um blitzschnell mit ihr fort⸗
zueilen. Sie sträubte sich und schrie um
Hülfe.

Richard ließ die Pferde frei, welche im
wilden Laufe mit dem Wagen davonjagten,
er war leichtfüßiger, als der Franzose mit
seiner Bürde, in dessen Hand jezßt ein Degen
blitzte, während er mit der Linken die halb—
ohnmächtige Clara an sich preßte.

Doch der Räuber hatte es mit einem ge⸗
wanden Gegner zu thun; was kümmerte ihn
das Blut, welches aus seiner verwundeten
Hand quoll, wie rasend der Graf St. Herem
auch mit seinem Degen herumfuhr, Richard
hatte ihm denselben nach wenigen Minuten
entwunden.

Doch fester noch hielt der Graf die Sän⸗
gerin, welche sein Sieger jetzt zu verwunden
fürchten mußte. Er zog sich höhnend mit ihr
zurück, noch einige Schritte und er hatte
jein Haus erreicht. Kein Mensch in der Nähe,
in der Ferne unur tönte der Schritt einer
Sicherheite patrouille.

Jetzt kam Heidenreich herbii.

„Gieb mir den Degen, daß ich den

— — —

Hund niedersteche,“ schrie er, „bist Du zu feig,
Mensch ?“

Der Graf lachte höhnish auf und sprang
in's Haus, Richard ihm nach und züdte den
Degen auf seine Brust, das Goslicht fiel
in's Portal.

Plötzlich bricht der Räuber stöhnend zu⸗
sammen, Clara ist frei und finkt ohnmächtig
an ihres Retters Brufst.

Als sie erwachte, lag se in ihrem Zimmer
auf dem weichen Sopha, ihr erster Blick fiel
auf Richard, welcher vor ihr kniete.

„Dank! Dank!“ flüfterte sie, ihm die
Hand reichend, welche er mit Küssen bedeckte.

„Sie haben uns einen großen Dienst ei⸗
wiesen, junger Herr!“ sprach Heidenreich jetzt
in seiner kurzen Weise, „erzählen Sie, wie
Alles kam.“

Und Richard erzählte Alles, seine Leiden⸗
schaftlichkeit verrieih die Stärke seiner Liebe.

Clara schanderte und blickte den jungen
Mann mit unbewußter Zartlichkeit au, ihr
Herz lag in diesem Blick.

„Und ich weiß nicht einmal, wie ich Sie
nenuen soll,“ sagte sie leise.

Richard erröthete, auf seinem Antlitz mal⸗
ten sich Verlegenheit und Unentschlossenheit.

„Nennen Sie mich Richard,“ erwiderte er;

„Richard Höfer!“

Höfer?“ fragte Heidenreich überrascht,
„Herr, das ist selisam.“

„Warum ?“

Ach nichts, mein Kind! — es war mir
so seltsam, wenn ich dabei an Deinen Namen
dachte, ich meine an die Zusammenfetzung, —
es gibt oft wunderliche Jufälle
        <pb n="554" />
        „Steinhöfer!“ sagte Clara nachdenkend,
wie ist mir denn, höre ich diesen Namen zum
ersten Male 7 — Alingt er mir doch wie
eiße Reminiscenz aus der frützeren Kindheit,
Vater!“

Sie erhob sich rasch in sceltsamer Be—
wegung, — Richard sprang erschreckt und rer⸗
wirrt empor.

Auf Heidenresch zutretend flüsterte sie ihm
einige Worte in's Ohr.

„Nichts, nichts, meine Tochter!“ sagte er
unwitrsch abwehrend, „Du irrst Dich, ich
kenne den Namen Sternhöfer nicht.“

„Aber ich kenne ihn,“ sprach Richard
düster, „Sie werden sicherlich von dem tragi⸗
schen Geschick dieser Familie gehört- haben.“

„So ist's,“ nichte Heidenreich nachdenkend.

„O, erzählen Sie,“ bat Clara, den jungen
Mann neben sich auf's Sopha niederziehend;
„um Gott!“ fuhr sie erschreckt zusammen,
„Sie bluten, Ihre Hand ist verwundet!“

„Ach, eine Kleinigkeit,“ lächelte Richard,
„Der Degen des Räubers war spitz, — ich
habe mich nur geritzt. — Dafür erhielt er
einen ewigen Denkzettel!“

Clara verband ihm die Wunde mit ihrem
Spitzentuche; wie konnte sie da noch schmerzen,
fie blickten sich dabei an lächelnd und errö⸗
thend, wie zwei glücdliche Kinder.

Heidenreich aber schritt auf und nieder,
ohne die beiden Glücklichen zu beachten, er
schien mit sich selber zu kämpfen, ob ir Cla⸗
ra's wahren Namen entdecken, ihr sagen solle,
daß sie sich vorhin in ihren Erinnerungen
nicht geläuscht habe, war doch der Name wie
eine Leuchtkugel in ihr Gedächtniß gefallen
und hatte darin die Vergangenheit blitzartig
erhellt.

„Will erst hören, was der zu erzählen
weiß von der Familie,“ murmelte Heidenreich;
der alie Mann hing mit egoistischer Liebe an
—X
nun sollte er es vielleicht Anderen, welche
nähere Rechte daran hatten, ausliefern? Finster
betrachtete er das junge Paar, was wollie sich
dieser Fremde zwischen ihn und sein Kind

drängen, er war eifersüchtig auf ihr Glück,
welches er, der niemals die Liebe gelannt, nicht
verstehen konnte, Clara sollte nur ihn und
ihre Kunst lieben.

„Ich glaubte ihn auf ewig begraben zu
haben,“ murmelte Richard, „es sill nicht
sein, — Gott selber scheint durch diesen Zu-
jall, durch diese mehr als wunderbare Na—⸗
mennerkettung mich auf den Kampfplatz zu
rufen. Hören Sie denn die Geschichte einer
Familie, welche so veich an Verbrechen und
Unglück ist, als ob Gott die ganze Schale
seines Zorns über sie ausgegossen habe.“

Er erzäh'te z'emlich wahrheitsgetreu das
Steinhöfer'sche Familien Drama und endete
mit dem gewaltsamen Tode des letzten Erben.

„Herr!“ rief Heidenreich erschüttert, „Sie
kennen den Mörder und haben ihn nicht den
Gerichten überliefert 7?

.Gott wird ihn finden, was kann mein
Zeugniß nützen u sprach Richurd zusammen⸗
schauernd. „Das letzte unglückliche Opfer wird
den Himmel versöhnen. Noch leben indessen
zwei Kinder des Selbstmörders, zwei recht⸗
mäßige Erben, — sie sind Beide verschollen,
— ich werde nicht rasten, bis ich sie gefunden
— “ setzte er mit einem iunigen Blick auf
Clara hinzu, „nicht eher an die Verwirklichung
meines hö hsten Erdenglücks denken, bis diese
beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen,
das Erbe ihres verstorbenen Vaters erhal⸗
ten haben.“ ,

Clara saß während der Erzählung des
jungen Mannes in starrem Hinbrüten ver⸗
sunten; es war ihr, als wäre urplötzlich ein
Schleier von ihrer frühesten Kindheit gezogen,
welcher mit dem Namen „Steinhöfer“ wie
durch Zauber gelüftet worden, gewaltsam hielt
sie die aufdämmernde Erinnerung fest, sie sah
die schöne Mutter, welche so oft geweint, den
Bruder, welcher viel älter, als sie gewesen, —
dann wurde es Nacht); als sie erwachte, fand
sie sich bei fiemden Leuten, die hart und un⸗
freundlich mit ihr umgegangen, sie geschlagen
hatten, wenn sie geweint.

Sie athmete tief auf und schaute um sich,
wie in einem Traume befangen.

Der alie Heidenreich betrachtete sie in selt⸗
samer Unruhe, der Egoismus kämpfte mit
seinem besseren Selbst, welches ihm gebot,
das Dunkel durch seine Aufklärungen zu er⸗
hellen, dem Gedächtniß des verwaisten Kindes
zu Hülfe zu kommen.

„Meine Geschichte hat Ihnen Wider villen
        <pb n="555" />
        und Langeweile verursacht,“ sagte Richard trau⸗
rig, „ich hätte fie nict erzahlen sollen.“

„O nein, nein, im Gegentheil!“ rief
Clara erregt, „es ist mir, als spiele ich selber
in meiner frühesten Kindheit eine Rolle darin,
Alles klingt mir so bekannt. O, wer mir Auf⸗
schluß geben könnte in diesem furchtbaren Wirr⸗
warr meiner Gedanken!“

Ihr umherirrender Blick schweifte von
Heidenreich auf eine deutsche Ze tung, welche
däglich auf ihr Zimmer gebracht wurde und
die sie heute noch nicht angeschaut hatte. Sie
lag aufgeschlagen auf dem Tische, und wie ge⸗
fesselt blieb ihr Auge auf einer Stielle haften.

„Vater Heidenrcich!“ sprach fie mühsam,
dem Alten die Zeitung hinreichend, „o, lies
doch diese Stelle!“

Dieser las mit stockender Stimme: „Wenn
sich Clara Steinhöfer aus H. noch am Leben
befinden sollte, dann wird fie dringend ge⸗
beten, Nachricht von ihrem jetzigen Aufenthall
an den Doctor Friedrichs, Heilanstalt zu M.,
einzusenden, wo ihre Mutter sie erwartet;
besagte Clara ist als fünfjähriges Kind ver⸗
schwunden und wird vielleicht jetzt einen an⸗
dern Namen führen. Wer Nachricht über sie
mittheilen kaun, welche auf eine sichere Spur
zu leiten vermag, erhält eine Belohnung von
500 Thalern.“

Clara hatte sich während der Vorlesung
dieser Aufforderung in der heftigsten Erregung
erhoben. Als der Alte geendet und das Blatt
schweigend in der Hand hielt, rief sie mit
seltsamer vibrirender Stimme:

„Diese Clara Steinhöfer bin ich, Gott
hat gesprochen in meinem Junern. Vater
Heidenreich, eine Mutter erwartet mich, eine
Mutter! O, mein Goit!“

—AV&amp;
Richard umschlang sie mit beiden Armen.

„Ferdinand Steinhöfer's Tochter!“ rie
er außer sich, „Gott hat geredet, er nimmt
die Sühne an!“

Seine leidenschaftlichen Küsse erweckten fie,
sie legte beide Arme um seinen Hals und
schaute ihn voll zärtlicher Liebe an.

„Richard!“ sagte sie leise, „Du bist ein
Deutscher ?“

.Ja!“ könte es wie ein Hauch zurück.

„Du kennst meine Mutter ?“

Nein, — ja, — o, frage mich nicht,
Geliebte! — meine Lippen bindet ein Schwur.
Vertraue Dich meiner Leitung an, Du gehörst
mir, bist mir von Gott gegeben zur Sühne,
zur Versöhnung. Siehst Du in der wunder⸗
baren Verkettung und Ergänzung unfrer Namen
nicht mehr als Zufall 7* Wir Beide sind vereint
in dem einen Namen, der zum Fluch gewor⸗
den, wir werden diesen Fluch lösen.“

„Und ich?“ fragte der alte Heidenreich
plötzlich. „Ihr seid Euch genug, was soll
der alte Musikant bei den Glücllichen, — daßs
schnäbelt und kos't, — als ob es sich sein
Leden gekannt hätte; ich gehe, um mir
einen Winkel zu suchen, wo ich ungestört ster⸗
ben kann.“

„Vater Heibdenreich!“ rief Clara, sich er⸗
röthend den Armen des jungen Mannes ent⸗
windend, „Du bleibst bei uns, wie könnte
ich glücklich sein, ohne den guten Greis, dem
ich Alles verdanke, was ich bin, der mir
Vater und Mutter gewesen, und mich erlös't
hat von einem schrecklichen Loose.“

Sie legte ihr Lockenköpfchen an seine
Brust und schaute ihn unter Thränen lä⸗
chelnd an.

Er streichelte ihre glühenden Wangen und
sagte: „Na, der Alte muß sich wohl darin
finden, fortan mit dem Brodsamen der Liebe
vorlieb zu nehmen, der von des riichen
Mannes Tisch fällt. Uebrigens will ich's nur
gestehen, daß Du wirklich Clara Steinhöfer
heißest, wie Du es mir als kleines Kind
mittheiltest. Hier auf diesem Blatte steht der
Name, Tag und Datum, als Du mir ihn
nanntest, ich zeichnete es auf für spätere Zeiten
weil es wohl sicher war, daß Du ihn bald
vergessen würdest.“

Er nahm aus seiner Schreibtafel ein Blatt
Papier und reichte ea Clara, welche es
unter Thränen las uuad wie ein Heiligthum
verwahrte.

„Und jetzt, junger Herr!“ fuhr der Alte
in seiner rauhen Weise fort, „wäre es wohl
Zeit, nach Hause zu gehen. Ich möchte über⸗
haupt dazu rathen. Paris noch in dieser
Nacht den Rücken zu wenden, der Degenstich
wird jedenfalls Spectakel machen, mit solcher
Sorte ist nicht zu spaßen.

»Dann reisen wir Alle!“ meinte Clara,
        <pb n="556" />
        bevor Paris aus dem Schlaf erwacht, müssen
wir es im Rücken haben.“ ——

Sie küßte den Geliebten, der mit dem
Himmel voll Selickeit in der Bruft, das
Holel verließ.

Der Alte Höfer wachte noch in Todes⸗
angst und stand schon im Begriff, ihn zu qju⸗
chen, als er hereintrat.

„Du bist glücklich, mein Sohn.“ sagte er,
ihn forschend anblichend.

„Unbeschreiblich,“ rief Richard, den Vater
stürmisch umarmend, „sie lieut mich und
was noch mehr bedeutet, was mir den Himmel
auf Erden, den Frieden der Seele zurückgibt,
meine Braut ist — Clara. Steinhöfer, die
Tochter des Selbstmörders!“ I

Und Du?“ fragte der Vater, ihn fest
anblickend, „was hast Du ihr gesagtey—
Nichard Höfer wird seinen Schwur halten
hbis über's Grab hinaus.“

„Du bist ein braver Mann, mein Sohn !“
18. Kapitel.
In der kleinen Gebirgsstadt M. befand
sich die Heilanstalt des Doctor Friedrichs,
eines ebenso humanen als tüchtigen Irrenarz⸗
des, wo die unglückliche Wittwe des Ermor⸗
deten nun bereits schon seit zwölf Jahren in
der Nacht des Wahnsinns lehte. Erst seit dem
letzten Jahre schienen lihtere Augenblicke ein⸗
zutreten und hatte der unermüdliche Arzt jetzt
hie zuversichtlichste Hoffnung, sie völlig zu
heilen, wenn außergemöhnliche Umstände, wie
zum Beispiel das Wiedersehen ihrer Kinder.
wohlthätig zauf den Zerütteten Orzanismus
der Seele und des Geistes einzuwirlen im

Stande wären.
MapidänDreand war mit den heiden
EXV
sie hatten kaum den Fuß auf europäischem
Boden, sogleich ihren Plan mit Clara's Auf⸗
ruf ins Werk gesezt und denselben durch ein

Annoncenbureau verwirklichen lassen.
43, Sachte, meine »Freunde!“ meinte der
joviale Kapitän, als Ferdinand idie größte
Lust bezeigte, ohne Weiteres die Mutter auf ·
zusuchen..,Cile mit Weile, wir lönnten damit

Alles verderben. Zuerst muß ich mit dem
Doctor Rücksprache nehmen, er hat mich, als
ich vorhin bei ihn war, auf heute Abend
ingeladen. Hartmuth kann mich begleiten.
Dich, mein eiliger Junge, bringe ich zur
Sicherbeit zu einer befreundeten Familie, da
vartest Du, bis ich Dich abhole. Mache ein
venig sorgfältig Toilette, wahrscheinlich wirsi
Du dort einige Damen treffen und Du willst
doch nicht als Hinterwäldler erscheinen.“

„Aber, Onkel Brandte!“

„Keir Aber, mein junger Freund? es ge⸗
sieht genau nach der Schuur, wie ich
gesagt.“
.Mußt Dich schon fügen, Ferdinand!“
lachte Hartmuth, „den Kapitän steckt das
Vefehlen noch vom Schiffe her in den Glie—
dern. Wic haben hier keine amerikanischen
Freiheiten“

Ferdinand zuckte unwillig die Achseln und
gehorchte seufzend. Ihm war das Toiletten-
nachen in seiner Seele verhaßt, und doch fiel
sie, bei dem Gedanlen an die Damen, sorg⸗
fältiger aus, als er wosste.

Er war in der modernen Kleidung, welche
Hartmuth in Bremen gekauft, cin auffällig
chöner, stattlicher Mann, und wohlgefällig
betrachteie ihn der Kapitän.

In dem befreundeten Kaufmannshause er⸗
scholl eine leichte fröhliche Tanzmufik. Ferdinand
stutzte und wollte vasch den Rückzug an⸗
zreten
„Es wird getanzt!“ flüsterte er dem Ka⸗
—II

„Du tanzest mit, mein Junge! wirst in
zer Wildniß doch wohl einen deutschen Walzer
gelernt haben.“

Gewiß,“ sagte Hartmuth lächelnd, „Fer⸗
dinand war der lustigste Tänzer auf allen
Festlichleiteen der Farmer in der ganzen Ge⸗
dend; die jungen Mädchen werden ihn
chmerzlich. vermissen.“

—EXVX

Druck und Verlag von F. X. Demet in St. Ingberi.
        <pb n="557" />
        Unterhaltungsblatt

—7—
St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 145.

— Sonutag, den 3. Dezemder — ISI.

*teinhöfer und Sohn.
Von Emilie Heinrichs.

Paare drehten sich im Kreise, — Ferdinands
Auge verfolgte eine schlauke Mädchengestalt,
blond und blauäugig, eine deutsche Hebe, sie
sah so ernst, so verstandig aus und dann
wieder so schelmisch übermüthig. Er konnte
das Auge nicht von ihr wenden, und sein
Herz klopfte ungestüm, als sie plötzlich mit
holdem Erröthen vor ihm stand, um nach der
scherzhaften Art des Cotillons Ring oder
Korb auszutheilen.

Ring oder Korb! Es soll ihm gelten,
ringsum kicherten die schaltkhaften, jungen
Mädchen, — Ferdinands Herz erbebte un⸗
willkührlich, und Bläfse überzog das gebräunte
Antlitz, als das schöne Kind, von dem heim⸗
lichen Spott der Freundinen gereizt, das
Zöorhchen emporhielt, er war zornig auf seine
eigene wunderliche Schwäche, er, der mit man-
hem Bären schon fertig geworden, zitterte vor
einem jungen Mädchen.

Trotzig strich er sich den schönen Bart,
da zitterte er wieder, sie reichte das Körbchen
seinen Nachbar und — ihm den Ring.

Laut hätte Ferdinand aufjubtln mögen in
Glück und nie empfundener Seligkeit, Alles
war vergessen, Bergangenheit und Zulunft,
zwei blaue Augen hatten den Löwen zum
Lamm umgewandelt.

Er umschlang die hohe Gestalt und flog
mit ihr durch die Reihen der Tänzer.

„Dank! Dank!“ flüsterte er, „wie haben
Sie mich durch Ihre Wahl beglüdkt —
Das junge Maͤdchen war verwirrt, diese
Huldigung war so nev, so frei und öffentlich,
daß fie dieselbe nur mit den freien Sitten
Amerxila's entschuldigen koannte. 5

(Fortsetzung.)

In diesem Augenblick kam der Haushert

und nahm den jungen Amerikaner mit freund⸗
lichem Gruße in Beschlag. um ihn sgogleich,
trotz seiner verlegenen Protestationen, in den
kleinen Saal zu führen, wo ein einfacher Ball
arrangirt war. „Wir sind so recht privatim
unter uns,“ meinte der Hausherr. „Sie brauchen
sich durchaus nicht zu geniren, — die Fröh—⸗
lichkeit ist die Hauptsache.“
Und damit führte er der verlegenen jungen
Mann, welcher zum ersten Male in eine
europäische Gesellschaft treten sollte, mitten
unter die fröhliche Jugend, wo seine etwas
fremdartige Erscheinung eine plötzliche Stille
verursachte.“

„Laßt Euch micht stören, Kinder?“ rief
der Hausherr, „der junge Amerikaner wird
ohne Unstände in den Cotillon eintreten und
uns zeigen, daß man auch drüben dem Tanze
huldigt. Die Vorstellung mag spüter erfolgen,
— hoffentlich werden die Damen meinem
Gaste jene Freundlichkeit darbringen, welche
deutsche Sitte und Gastfreundschaft bedingt.“
Und ich bitte um Nachsicht mit dem
Hinterwäldler, welchem die europäische Form
fremd und der deßhalb gar leicht Berstoße
machen kann,“ sagte Ferdinand, der in diesem
Augenblick seine ganze Ungezwungenheit wie⸗
dergefanden hatte.

Die Musfik nahm ihren Fortgang, die
        <pb n="558" />
        Ferdinand hatte den Ring an den kleinen hielt sie gegen das helle Lampen icht und fragte
Finger seiner Linken geschoben. es ar hastig: „Ist dieser Ring ein Erbstück ?

Als der Tanuz beendet, bat sie um Rück⸗ Erschreckt betrachtete sie denselben und
Jave desselden, er streifte ihn vom Fiuger ichüttelte erröthend und erstaunt den Kopf.
uind steckte ihn lächelnd an den Golofinger Ader auch die Wahnsinnige hatte ihn er⸗
ihter red.ten Hand. blickt und stieß einen Schrei aus.

„Ih en Nanen?“ bat er lei'e. „Ferdinand!“ rief sie, „wo weilst Du,

„Viarie!“ flüsterie sie, ihn schalklhast an- waritm hast Du den Ring des Baters, das
hlickend. Erbstück der Familie, von Dir gevorfen? —

„Marie!“ wiederholte er sinrend, „der Ferdinand! Ferdinand, mein Sohn!“
Name ist mir lieb und heilig, er erinnert mich „Mutter, meine geliebte Mutter!“ tönte
an eine Märtyrerin, welche den Freuden der es von der Thür her, und der Sohn lag zu
Welt eutsagte, um eine Fremde zu pflegen. ihren Füßn.

D, entziehen Sie mir nicht Ihre Hand, Marie, Sie zog ihn empor und küßte ihn zärtlich,
Sie gaben mir den Ring, — können Sie als hätte sie ihn längst so erwartet; das Starre,
zürnen, wenn ich dieser Wahl eine stille, mich P. be vegliche war aus ihren Zügen entwichen
beglückende Deutung beilege?* und hatte einer rührenden Milde Raum

„Man sieht auf uns,“ flüsterte sie in gereben.
höchster Verwirrung, „o, lassen Sie mich frei, „Warum hast Du des Vaters Riug der
es verstözt ge,en europäische Sitten.“ Schwester gegeben?“ fragte sie plötzlich fast

Er trat zurück und schaute stolz und drohend, „weist Du nicht, daß es Dein
herausfordernd umher. Man lachie, kicherte Schutzarist war ?
und trieb gemeinen Spott. Was kümmerte Ueberrascht sprang Ferdinand empor und
ihn solche Kleinstüdterri. blickte verwirrt um sich.

Auch Marie ATachte zu den Neckereien der Da fiel sein Blick auf das junge Mäd⸗
Freundinen, sie fühlte sich so froh, so glück. chen, welches ihm zitternd den Ring hinreichte.
lich, daß jeder Spott an diesem Sqilde „Marie!“ rief er außer sich, „hier muß
abprallte. ich Sie wiederfinden, hier in diesem Zimmer?

Als der Cotillon zu Ende war, verließ O, Gott des Himmels! Du bist meine Heilige,
sie die Gesellschaft, und mit ihr war für welche die Mutter verpfligt, — nein, nein,
Ferdinand jede Freude entwichen. Er fühlte ich nehme den Ring nicht zurück, ich habe ihn
eine geheime Scheu, sich näher nach ihr zu eingetauscht genen den Deinigen, welchen Du
ertundigen, und sah theilnahmlos dem Tanze mir aas freier Wahl gegeben — sträube Dich
zu, bis Kapitän Brandt ihn erlöste und zum nicht gegen dez Himmels Spruch, Mädchen!
Doctor Friedrichs abholte. Du wirst mein Weib — oder —“

Die arme wahnsinnige Mutter saß in ihrer „Ei, ei,“ unterbrach ihn Kapitän Brandt
Stube und horchte Hartmuths Worten. wel⸗ von der Thür her, lächelnd, „was sind mir
her mit leiser Hand den Schleier von der das für lose Streiche! Ich denke, da habe
BVergangenheit lüftete und von ihren Kindern ich auch noch ein Wöortchen mitzureden, ich,
erzählie. ihr Oukel vnd Vormund! —Läßt man das
Da trat ihre Pflegerin, Kapitän Brandt's Mädel einmal hinaus, um sich mit dem jun⸗
Nichte herein, glühend vor Aufregung und gen Rolk zu freuen, richtet sie auch gleich eine
Fugendiuft, eine liebreizende Erscheinung. Menge Unheil an und verdreht diesem Hinter⸗
Hartmuth's Blick haftete wohlgefällig auf ihr, wäldler den Kopf. Nun sprich, Kind! Willst
sie streichelte die blassen eingefallenen Wangen Du ihn gebührend mit dem Korbe heimsenden?“
der Wahnsinnigen und küßte sie zärtlich. An „Nein, nein, sie gab mir den Ring *8
dem Finger des jungen Mädchens blitzte ein Ferdinand stürmisch.
Diamant, ein Thautropfen auf einer Rubin „Im Scherze,“ stammelte Marie.
cose. Es war ein seltener Ring. — und ich Thor hoffte, es könne und

Hartmuth ergriff überraschi ihre Hand, müsse Ernst daraus werden,“ sprach der junge

rief
        <pb n="559" />
        Mann traurig, „datten Sie doch die Wahl.
D, Verzeihung, Marie, ich hoffte zu früh,
mein Herz gehört deunoch auf ewig der Pfle—
zerin meiner Mutter.“

„Lieber Gott, wie langweilig,“ fuhr Brandt
dazwischen, „laßt mich einmal fragen. Gefällt
Dir der Amerikaner, mein Kind? Es ist ein
draver Kerl und der Sodn Deiner Mutter,
will heißen, die Du als Mutter liebst und
ais Kind pflegst.“

„Ja, Onfel!“ rief Marie, an seinen
Hdals fliegend, „er gefällt mit, aber wie
durfte ich's ihm nur sogleich sagen ?“

Ferdinand hatte sie schon umschlungen und

geküßt, im nächsten Augenblick knieten sie vor
der Mutter, welche still lächelnd auf das
—
herget Euch vor der Welt, — es gibt böse
Bruder, welche Alles morden; — ich will's
dem Bater erzählen, daß seine Kinder glück⸗
iuch sind, alle Beide!“
Ferdinand neigte sein Gesicht auf ihre
Hand und weinte still, der Mutter Worte
shnitten ihm durch's Herz und berührten mit
eisigem Hauche sein Glück.
Der Arzt aber trat leise hinzu und sagte
zuversichtlich: „Lasset die Kranke jetzt in
Ruͤhe, meine Freunde! ich hoffe, sie lang⸗
sam, aber sicher zu heilen!“
19. Kapitel.

Doctor Wolff, der reiche Fabrilkherr (denn
als solcher wurde er von der Welt betrachtet,
da kein anderer Erbe erschien), ging unruhig
in seinem Zimmer auf und nieder und schnitt
ein furchtbar grimmiges Gesicht. Von Zeit
zu Zeit nahm er ein Zeitungsblatt, las
viederholt eine Stelle darin und warf es dann
zornig auf den Tisch.

Es war die Annonce an Clara Stein⸗
höfer.

Wer diesen Streich mir gespielt,“ mur⸗
nelte er, „ich muß es wissen. Was kümmert
den Doctor Friedrichs dieses Kind? Die
Mutter ist noch immer verrüdt, sie wird sich
nicht darnach sehnen, — oder sollte er wirk⸗
lich ein Experiment damit anstellen wollen?
Der Narr! — Nein, nein,“ fuhr er heftiger
ort, „daran wird er keine fünfhundert Thaler
Belohnung wenden, — es kommt von einer

andern Seite, — man scheint sich wieder zu
rühren.“ ——— I

Er klingelte, ein Diener erschien.

.Warst Du im Landhause 7? I

Die Frau wird vor Unbruch der Nach
sterben.“

„Gut, laß anspannen, Franz!“

Der Diener verschwand, Wolff ordnete
seine Toilette und griff nach seinem Hut.

Endlich stirbt dieser weibliche Methusalem,“
murmelte er, „ich werde dafür sorgen, daß
ie nicht zum zweiten Male vom Tode ersteht.
—AV——
iche Erbin oder Besitzerin. Die Welt hält sie
ür geisteskrank, — die Alte isi schlau genug,
— ich muß, sobald sie todt ist, das Testa⸗
ment, welches ich ihr einst aufsetzen mußte,
oernichten.“

Mit diesem Vorsatze fuhr er hinaus nach
dem Landhause vor dem Aegidienthore, wo
die unglückliche Mutter des Commerjienraths
Steinhöfer sterbenskrank, von aller Weit ver⸗
jassen, auf ihrem Lager stöhnte und- zum
zweiten Male den Tod nahen fühlte.

Als Doctor Wolff hereintrat, schickte er
die Wärterin fort und trat aͤn's Bett der
sranken. Entsetzt fuhr fie zusammen und
wehrie matt ab, dann wandte sie das Gesicht
nach der Wand und schloß die Augen.

Wolff begann jetzt ohne Scheu eine Durch⸗
—X
mensch von der Sterbenden zu fürchten 7

Diese wandte einmal den Kopf und starrte
mit weitgeöffneten Augen hin, ein blißartiges
Lächeln wie Hohn und Triumph überflog
das blasse Antlitz, dann lag sie wieder wie
eine Todte.—

Er murmelte Verwünschungen und Flüche
vor sich hin, sein Suchen war vergebens,
nichts zu finden, alles Uebrige war werthlos
füt ihn.

„Ich muk es finden,“ sprach er halb⸗
laut, „sie war seit Jahren zu gut bewocht.
Hm, warum mußte ich diese Erbin so lange
vergessen ?.

Und wieder warf er Alles durcheinander,
daß ihm der Schweiß in hellen Tropfen von
der Stirn rann.«

Zur selben Zeit, als er hinausfuhr, zog
        <pb n="560" />
        ein mann au dem Hause des Comme: uths
Steinhöfer heftig die Klingel.

Das Haus war zum Theil von Wolff
bewohnt, er hatte den ersten Stock inne,
während es vben vermiethet war und sich im
Parterꝛe die Comptoirräume befanden.

Es war ein junger, elegant gekleideter
Mann, der die Klingel zog, weßhalb der
Diener auch sehr artig nach seinem Begehr
fragte.
3Ist der Commerz'enrath Steinhöfer
zu sprechen ?

. Der Diener blickte ihn erstaunt an.

Wie lange ist der schon todt,“ verseßte
er endlich halb lachend, ‚der liegt seit acht
Jahren im Vierwaldtstädter⸗See in der Schweiz.

Der Fremde zuckte sichtlich zusammen und
wurde todtenbleich.
So melden Sie mich der Frau Com⸗
wmerzie nräthia““ I
Wieder mußte der Diener sich das La⸗
chen verbeißeen.

„Die Frau Commerzgienrathin starb vor
sechs Jahren in Paris als Gräfin St.
Herem. J
dDer Diener wat qut unterrichtet, er war
der Vertraute seines Herrn. —

Der Fremde wurde noch bleicher als zu⸗
vor; er murmelte den franzdsischen Namen
und griff sich an die Stirn. I

Schen zog der Diener sich zurück, er
furchtee einen Wahnsinnigen vot sich zu haben.

gdorftfetzung folgt.)
dannigfaltiges. **
Aus dem Tagebuch eines deuischen Mu—
sibers an Osftindien. „Montag: Wegen der
zroßen Hitze am Tage, Nachts um 2 Uhr
Negimentsparade; — fruh 6 Uhr schlafen
gelegt, aber hald erwacht. — Ein Vampyr
saber nicht der Marschner'sche) wollte mich
am ven Fußsohlen anzapfen. — Stiche der
Mosquito's so arg, daß mein Gesicht aus⸗
fleht wie punktirie Achtel ⸗Noten. —- Beim
AAukleiden einen Scorpion im Stiefel gefunden.
Dienstag;; Einen Birmanentodtschlagungs
——

—41 2217
1 —

Druck und Verlag von J. X.

Miarsch componirt, während mein Bedienter
einen andern Bedienten geprügelt. Anmeldung
rines Schwarzen der für 10 SEgr. sich des
Nachts ausziehen und von den Mos quito's
vollte stechen lassen, damit ich in Ruhe. —
Angenommen! — Noch kein Brief aus Madras,
vahrscheinlich hat den Postloten ein Löwe ge⸗
jressen. — Heute starb in dem hoffnungs⸗
oollen Alter von 200 Jahren Miß Baba,
der Elephant, der seit 536 Jahren unserem
Regimente angehörte. — Mitwwoch; Im Gast⸗
haus „zu den drei Braminen“ höchst billige
Schildtröteasuppe gegessen, der Henkeltopf 6
Pfennige. — Die vacante Stelle eines Ele⸗
phanten in unferm Regiment ist heute durch
einen Ziegenbock besetzt worden. Die Hitze ist
heute so arg, daß in den Notenbüchern ein
Presto in ein Adagio umgeschmolzen. — Das
gelbe Fieber wüthet schrecklich. In meinem
Musikcorps hat es bereits die Posaune, die
große Trommel und das Piston hinweggerafft.
— Donnerstag: Das geibe Fieber hat in der
Nacht auch noch die zweite große Trommel
geholt. — Zum Vicegouverneur geritten und
zin Clavier in Ordnung gebracht, das feit
1817 nicht gestimmt war. Zum Abendbrod
Nashornbeefsteal, Cactussalat und etwas kalte
Klappetschlange. — Freitag: Großer, Sqh reck!
Während des Mittagsschlafes in Gartenhaufe
hat ein bengalischer Tiger hereingeguckkt und
Appetit auf Musikdirectorenlende verspürt.
Denselben mit der Vs-Clarinette sechsmal auf
den Hirnschädel geschlagen und dann eilige
Flucht auf einen Gummibaum, wo ich 6 Stun⸗
den lang kleben blib.
Charade.
vr auf großem Fuß, *
vch hab' ich nur den Einen;
In meinem großen Ropf
Verberg ich meine Kleinen;
Mein Kind ist auch der Schlaf.
Doch müßt ihr ja nicht meinen,
Ich sei in ihn verliebt: *
Ich selbst — ich habe Leinen.
Auflösung der Charade in Nr. 140 des Unterhal⸗
tunagsblattes:;, Mart — Kram

— — — —
Demwmehein St. Ingbert.
        <pb n="561" />
        Anterhaltungsblatt

JJ
zum
„St. Ingberter Anzeiger.—
Nr. I4JCSC. Dienstag, den. 8. Desember v TA
8teinhöfer und Sohn.
Von Emilie Heinrichs.
Ggortsetßung
Der Fremde zog ein Goldstück aus der
Tasche, drückte es dem Bedieuten in die Hand
und sagte wieder vollkommen ruhig: „Ich bin
hier fremd, War lange drüben in Amerika,
mein Freund, konnte es also nicht wissen.
Sagt mir doch, wer bewohnt jetzt dieses Haus.
der Sohn vielleicht? — .*
O nein, der junge Herr verungkückte zu
gleicher Zeit mit dem Commerzienrath, —
der Herrx Doctor Wolff ist seit Jahren Herr
und Erbe des Ganzen.“ 234
„So, so; ist er zu Hause ? 38
„Vor einer Viertelstunde ausgefahren.“
„Kehrt er bald zurück?“

„Pas hängt, hon Umständen ab,“ ver⸗
setzte der Diener, welchen das Goldstück schr
unterthänig und gefällig gemacht, „die alie
Großmutter will zum zweiten Male sierben.“
ESie lebt also noch, die Mutter des
ommerzienraths ?* fragte der Fremde erregt.
Ja, aber jetzt ist's zur Ende. sie er⸗
lebt die Nacht nicht mehr; bei der alten
Frau war es seit Jahren nicht ganz richtig
im Oberstübchen“
Der Mensch lachte über seine Wizße.
„Hort, guter Freund, wollt Ihr mir
einen Gefallen erweijsen ?“ fragte der Freude
ruhig. W

„Wenn ich's kan ⸗— —
Der Sohn war mein Freund aus den

Knabenjahren her, — ich heh ihm einst ein
Buch, ein Andenken pon meiner Mutter, und
erhielt es nicht wieder, — ex verbarg es da—
mals in einem Versteck, Riemand bekannt als
mir. Dürfte ich auf fünf Minuten in Eurer
Begenwart sein Zimmer belreten ?“
Bei diesen Worten glitt ein zweites Gold⸗
stück in die Hand des Bedienten, 7—
DDes jungen Herrn Zimmer liegt garten⸗
wärts, es ist berschlossen, Bird gar nicht be⸗
treten, ich darf es eigentlich nicht wagen, wengn
der Herr Doctor zurückkehrte — “—

„Nur fünf Minuten“ 2

„Nun, es sei, folgen Sie mir, auiß Herr,
ich habe die Schlüssel zu allen Zimmern.“ —

Der Fremde schaute sich einige Rugenblicke
in dem Zimmer um, Alles war bestaubt, doch
anberührt, man schien wenig zu läften; er
athmete mehrere Male tief auf, als beenge ihku
die dumpfe Luft.

Dann trat er zu dem Bucherschrauk, öff⸗
nete ihn und griff mit fester Hand hirein.

Ein triumphirendes Lächeln überflog sein
schöneßs Gesicht, er- hielt ein Packet, in Zei⸗
fungspapier gewickelt, in der Hand.—

„Sie sehen, daß ich die Wahrheit ge⸗
prochen,“ ich nehme mein Eigenthum an
nich, das hier sonst vermodert wäre. Sie
brauchen Ihrem Herrn nichts davon zu sagen,
um Vorwürft zu vermeiden, — ich danke
Ihnen, mein Freund!“ —

Eilig verließ er, cben jo geheimnißvoll wie
er gelommen, das Haus und begab sich, das
Packet in seinen Kleidern verbergend, wit
cherer Oriskenninißßz aus dem Uegidienthore,
        <pb n="562" />
        wonr zeradeswegs auf das Leundhaus des Enkll wollen Dir Freud, und Versöhnung
Co amerzienraths zuschring·· bringen.“ 3322*

Kehren wir zu der Sterbenden zurüch, TDie alte Frau öffnete noch einmal die
welche noch immer aitt den letzten Atheinzüten“ Auigen, um sie mite schwachem Lächeln auf
am Leben hing und au der Hoffnunz sich ihren VLiebling zu heften und schloß sie daun
se kiammerte, die Siünde gegen den Ermor⸗, auf ewig.
deten noch h'enieden sühnen zu können. J „Zu spät, die Alte ist todt!“ rief Wolff

Dector Wolff war bei dem fruchtlosen höhnisch, „jetzt bin ich erst in rechten Vesitzt“
Svuchen fast rasend vox Wuth geworden, er„Flieh, Elender! ich wißt nicht jehen,
frat an das Belt der Sierbenden, schüttelte wohin Dein Weg geht, Vater“ meiner
sren Arm Hund ricf mit heiserer Stimme!n Mutter!“ —*—
„»Wo hast Du das Tensament gelassen, Als Wolff Miene machte, sich der Todten
alte Eule 7 zu nahen, öffnete Eginhard die Thür und schot

Sie öffnete die Augen und sprach leise; ihn mit starter Hand hinaus.

„Du suchst vergebens darnach, gieriger Wolff, Dann verriegelte er diese, öffnete das
ich hade es bei Zeiten Deiner Faust entrissen; Packet, welches er einst aus Hartmuths Händen
die Erben meines Sobnes —“ empfangen, und las beim scheidenden Tages-

„Sind Alle todt und begraben, der Eine icht das Testament Mer Großmutter, welchs
hier, der Andere dort,“ grinste Wolff. „Dein die Kinder ihres Jüngstgeborenen zu Miterben
lieber Eginhard modert in einem Abg und —“ insetzte. Ein Brief an Eginhard lag beige—
Du lügst, Mörder!“ tönte eine Stimme chlossen, worin sie mit rührenden Worten inm
dicht hinter ihn .. — — diese Kinder an's Herz legie und ihre Entel

Entsetzt wandte er sich um und storrte in alle segnete. —
das Aagesicht jenes Fremden, welcher erst vor⸗ Als er die Papiere durchgelesen, drückte
hin in seinem Hause gewesen. er einen Kuß auf de blassen, erkalteten Lipe

„Du lügst,“ wiederholte dieser, „die dJen und sprach mit fester Stimme: „Dein
Todten stehen wieder auf, um wider ihren Futtel wird Deine Bitte ganz erfüllen, arne
Mörder zu zeugen und den Räuber aus dem verblendete Mu'ter! — Du sollst in Frieden
Erbe zu vertreiben. Erlennst Du mich, gie- „uhen an der Seite des Gatten!“—
riger Wolff ? Als er das Haus verließ, folgte ihm ein
. Das ist Eginhard, mein Sohn!“ schrie Polizeibeamter, welcher in artig ersuchte, sich
die. Sterbende laut, „o, nun nmm mich hin, mit auf's Bureau zu begeben. 3
zu Lütiger und gerechter Gott !“ n Sre — 8 *

duff wie vom nit, der Beamte führte ihn zu jenem In—
i inbard usrweste Worff. wie X pektor, welcher einst die Frau des Ermordelen
itzstrahl getroffen zurückfsaumelnd. * 2
5 e3 Kquirtirt hatte und das Familleadrama aus
DJa, Eginhard, den Gott aus dem Ab⸗ dessen Papieren genau kannte.
grund errettet,“ sprachder Ftemde, im wel · Er war nach ber Haupsstadt versetzt wat⸗
hem wir Richard Hofer sertennen, „und auch hen und unterhielt die freundschaftlichsten Be⸗
Ferdinand Stein höfer s Kinder werden kommen/ iehungen zu dem Doctor Wolsse nn seinen
am wider Dich zu zeugen ·“· Schlichen auf die Spur zu kommen und ihn
«Lüge, michts als Lüge!“ rief Wolff, sich mus dem geraubten Erbe zu verjacen.
obn seinem Entsetzen erholend, womit willft Daß Wolff, nachdem er das Landhaus
Du Deine freche Behauptung beweisen ? — derlassen. sich“ sogleich an. diesen Freund
Wir haben Gesetze, um Betrüger und Aben⸗ vandie, von dem er die wirtsamste Hülfe
teurer zu strafen.“ e Igen den frechen Betrüger, wie er Eginhard
zir: Schweig, Schurke! heimtückischer Mör- dannte, erwarien durfte, war natürlich, obgleich
ber!“. donnerie Eginhard, „hinaus und schände er selber von der Identität desselben voll
durch Deine verruchte Gegenwart nicht dieses ommen überzeugt war ..
Zimmet!Großmutter, stirb nicht, Deine Stolz und ruhig stand Eginhard vor
        <pb n="563" />
        dem Insp ctor und fragte nach dem Grund
—
Arlig bot dieser ihm einen Stuhl und
ersuchte ihu um Vorlegung seiner Papiere.
„Auf Veranlassung dee Doctor Wolff!“ warf
der juuge Mann verächtlich hin, indem er
feine Bricftasche öffnete und einige Papiere
dem Inspector hir reichte.
Kaufmann Höfer aus Berlin, — Vaͤter
und Sohn, — zum Vergebung, wo ist Ihr
Herr Vater ?“...
.Im Ho el .Etadt London?“
„Irre ih nicht, so haben Sie sich für
einen Andern, einen Todten, ausgegeben, für
den Sohn des verunglückten Commerzienraths
Stei höfer.“
„So hat der räuberische Wolff doch Furcht,
lachte Eginhard bitter, „ich werde ihm das
Erbe nicht abjagen, — doch Andere werden
erstehen, um an meine Stelle zu treten, —
ich sage Ihnen, mein Herr, die Todten wer⸗
den auferstehen, um so viel Verbrechen und
Unrecht zu rächen. Wollen Sie mich in's
Hotel zu meinem Vater begleiten.—
.Warten Sie, uoch einige Minuten, mein
Herr !. — . Es. wird sogleich Jemand hier
sein, der meine Zweifel vielleicht auf der Stelle
lösen wird.“ F —
Der Inspeckor verließ das Zimmer und
kehrte nach einer Weile mit zwei Herren zu⸗
rück, es waren Kapitän Brandt und Hartnith.
Esiuhard erkannte Hartmuthauf der
Stelle, er wandte sich rasch ab, um seine Be⸗
wegung zu verb rgen.
Kennen Sie diese Herren, Herr Höfer ?
fragte der Inspeltor.
Mii vollkommener Beherrschung trat Egin⸗
dard näher und schaute gleichgültig hin. das
Licht fiel auf sein Gesicht.
Hartmuth zuckte bei seinem Anblick zu⸗
sammen und schaute ihn einige Augenblicke
unverwandt ara.
Eginhard!“ rief er plötßlich außer kich,
die Arme ausbreitend, „Du dist's, die Tod-
ten stehen auf.“
Noch zauderte der junge Mann, dann
stürzte er an die Buust des Freundes und
stammelte: „Hartmuth! mein väterlicher Freund,
es ist. Dein Eginhard
„Was bedarf esn weiter Zeugniß ?8lä⸗

chelte der Zaspector, „ich, habe die Beweise
der Wahrheit. Die Erben sind beisammen,
außer der verlorenen Tochter⸗·..——
Die ist gefunden,“. sprach Eginhard,
„doch der Sohun — —
— Zu ihm will ich Dich führene!“ tief
Hartmuth; „kommt. kommt, Recht und Wahr-
heit siegen, — auch für mich wird ein Tag
der Gerechtigkeit erscheinen.“ —
Das hoffe ich,“ sprach der Inspector
erust, „und nehmen Sie mein Wort, daß ich
nicht ruhen und rasten werde, um den eigent⸗
lichen Dieb zu fangen.“ —

Jener Dieb, für weilchen Hartmuth büßen
sollte. der it ⸗

„Still, junger Herr!“ unterbrach der
Inspectot Eginhard rasch, „ich kenne ihn
und hoffe, schon in der nächsten Nacht einen
reichen Fang machen zu können; unsere Spur
ist sicher
Im Hotel „Stadt London“ sahen sich
die Geschwister, Ferdinand und Clara zum
ersten Male wieder, ein Wiedersehen des
reinsten Glückes, durch Nacht zum Licht, durch
Trübsal zur Seligkeit!
WVater!“ sprach Eginhard zu dem alten
Höfer, ich hale meinen Schwur gebrochen am
Sterbebett der Großmutter, sie starb mit einem
Lächeln auf den Lippen, doch Hartmuth er⸗
kannte mich auf der Stelle.“

„Wer könnte Dir zürnen, mein Sohn,
wenn Du den letzten Augenblick einer Schei⸗
denden verklärtest, sprach Höfer, die Um⸗
stände sind stärker“ als unsere Vorsätze, ja
jelbst unsere Schwüre, — ⁊ts war selbstsüchtig
vpon mir, Deine ganze Vergangenheit zu den
Todten zu wersen und ein neues fremdes
Leben zu beginnen; wir Menschen leben für
die Erinnerungen, welche in der Vergangen⸗
heit wurzeln, so gut wie für die Gegenwart
und Zukunft, — wir können nicht im reifern
Alter zum zweiten Male geboren werden.
Eginhard Steinhöfer, ich gebe Dich den
Deinen. Dejinem Rechte. Deinen Erinnerun⸗
gen zurück —— 9
Du, Du der“ Sohn jenes Mannes,
welcher meinen Vate ⸗
Nicht weiter, Ferdinand :“ unterbrach
Hartmuth den Erregten. „Eginhard ist mein
Sohn, wehe dem, der diesen Schuldlosen für
        <pb n="564" />
        —
will; danke Gott, welcher durch ihn fühnen
wird, was die Todten derbrochen ·
„Sprich Bruder!“ rief Clara mit leuch⸗
tenden Äungen, „wirst Du auch die Schwester
verdammen, wenn sie derm Vetter Eginhard
Hand und Herz zum ewigen Bunde reicht!
*„So weit ist's schon ?“ fragte Ferdinand
berrascht, „darn freilich muß auch ich die
Rache Dem überlassen, welchetr es wohl am
Besten versteht, den Fluch in Segen um⸗
zuwandeln.“ 3
DDein Vater ist in diesem Augenblicke
hier mitten unter uns, mein Sohn !“ sprach
Hartmuth tief bewegt, „sein Geist umschwebt
uns versöhnend, ich fühle seine Nähe. „Ja,
inder,“ fuhr er nach einer Pause heiterer
sort, „Ihr hadt wohl Ursache, dem Himmeil
dankbar zu sein, Euch gab der Zufall oder
das Glück gute Menschen, welche väterlich
an Euch handelten.“ Kommt, seßzt Euch um
mich im Lreise und erzählt, wie Alles so ge⸗
ommen. Clara mag beginnen.“
und sie erzäͤhlte von ihrer Kindheit, wo⸗
dei sie zaäͤrtlich des alten“ Heidenreich's Hand
ergriff, vou seiner väterlichen Liebe und ihrer
unfiler⸗ Laufbahn bis zu Eginhard's Esv—⸗
scheinen in“ London und der Katastrophe
e
Esdhluß jotgt) *
— ——
Wannigfaltigess.

Affen und den Jagdhundes. Possirliche Sprünge
aller Atrt machend und dabei falsch wie ein
Affe, jist er gleich dem Jagdhund kriechend,
xiedrig schmeichelnd; er leckt den Herrn, der
ihn prügelt, läßt sich ruhig an die Kette
schließen und springt vor Freude, wenn man
ihn losläßt, um das Wild zu jagen“
Ein Gentheman kam im Staate
Ohio in ein Wirthshaus, und als er sah,
daß der Hausknecht die Pferde richtig zu
schätzen und gut zu behandeln verstand, fragte
er ihn, wie lange er schon in diesem Hause
lebe und was für ein Landsmann er sei.
„Ich bin ein PYankee und lebe fchon sechszehn
Jahre hier,“ lautete die Antwort. „Dann
wundere ich mich,“ entgegnete der Gentleman,
daß ein so gescheidter Butsche, wie Sie es
zu sein scheinen, in einer so langen Zeit nicht
dazu gelangt ist, selbst Herr des Gasthofes
ju werden.“ Ja,“ antwortete der Hausknecht,
„aber der Wirth ist auch ein Yankte.

Die Eingebornen Süd⸗Auster a⸗
hiens sind der Ansicht, daß die Sonne aus
einem Kasuar ˖ Ei entstanden sei, welches einst
im Weltentaum' mit einem andern Körper zu⸗
sammengestoßen sein soll.
Sprachversündigung. Ein
imeritanisches Blatt meint gelegentlich einer
Besprechung der gegenwärtig in den Vereinig⸗
der Stauten herrschenden Agitation für die
Frauen· Emancipation, daß sich die englische
Sprache schwer an den Frauen versfündigt
habe, indem sie das schöne Geschlecht wo-man,
d. h. woe man (Mannes⸗Wehe), so wie Miss,
d. h. mis-fortune (Mißgeschick) nenne.

187 3*
Wenn Bolleau bei irgend gJeman⸗
dem zur Tafel geladen wurde, so erschien erx
smmer unter den ersten Gästey. Ich thue dies
—————
ftunde, bie Jemand in Gesellschaft auf sich
warten laͤßt, wird leicht zur Aufsuchung oder
Andichtung von Fehlern angewendet.“

—
WEineg'evbvuldinge Fran, welche
in der Nähe von Gneeland, Tazewell County,
Illinoiz, wohnt, verheirgthete sich kürzlich mit
hrem fünften Mannd Ihr erster Mann liej
davon, der zweite erhängte sich, der dritte er⸗
schoß sich und der vierte ertränkte fich. Wie
wird fich“ wohl ver fünfte Mann aus dem
— —
Dreuck und Verlag von S. . Dana e 39an St. Jugbhert.

—

VBoltaire entwirfa keine sehr jchmeil.
hhelhafte Charakteristik seiner Landsleute, aber
noch beißender spricht sich der franzostshe Ge—
sehrte Chamfort über dieselbe aus. GEr sagt
zum Beispiel- ,Der natürliche Charalter des
Franzosen erinnert an die Eigenschaften des
—
—A
        <pb n="565" />
        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
— 1465. Donnerstag, den 7. Dezember — —
3 teinhöfer nud Sohn.
Von Emilie Heinrich s.

(Schluß.) * .

Frank wird der Räuber des Kindes ge⸗
wesen sein,“ begann Eginhard zu Hartmuth
gewendet, „wie er sicherlich das Werkzeug
aller Nersrechen war, welche von dem Unge⸗
heuer, das ich als Großvater zu schonen habe,
ersonnen worden sind. Er war's auch. welcher
mich in der Schweiz in den Abgrund hinab⸗
gestürzt, ich erkannie ihn im Fallen, er
war's, der meinen Vater in den Seer gesto⸗
—A

Und Eginhard erzählte Alles, was sich
seit Hartmuth's Flucht mit ihm zugetragen
dis zu der schauerlichen Katastrophe in der
Schweiz. Da nahm der alte Höfer das Wort.

„Ich hatte einen einzigen Sohn,“ begann
derselbe, „Richard hieß er, ein braver Junge,
mein Stolz und Trost, da ich die Frau ver⸗
lor. Um diesen Todesfall zu überwinden, rei⸗
sten wir nach der Schweiz, er stürzte vor
meinen Augen in einen Fels⸗Abhang, ich fand
jeine zerschmetterte Leiche. Wie ein Wahn⸗
snniger irrte ich umher, mit dem Vorsatze,
mein Leben auf gleiche Weise zu enden. Ich
sah die Reisenden, sah den Führer sich ent⸗
jernen unddie furchtbare That: es war mir
in dem Augenblicke als stürze mein Sohn
zum zweiten Male hinab. Eine unwidersteh⸗
liche Macht zog mich an, den Unglücklchen
aufzusuchen, ihn neben meinem Sohn zu be—
statten. Rach unsäglichen Schwierigkeiten fand

— —

ich ihn; Gebüsch aller Art hatte den Sturz
gemildert, ein weicher Moorzrund den Körper
bor dem Zerschmettern geschützt; er athmete
noch, wenn auch im Uebrigen arg zugerichtet.
Ich hob ihn auf, nachdem ich seine Wunden
derbunden und trug ihn mit übermenschlicher
Anstrengung nach einer Sennhütte, wo ich
hn für meinen Sohn ausgab und wochenlang
zeheim verpflegte, bis ich ihn weiter transpor⸗
siren konnte. Die Welt hielt ihn für tost, er
selber schien lange das Gedächtniß verloren
zu haben, bis er endlich in meinem Hausfe zu
Ldondon ganz genas. Da kehrte die Erinnerung
urück, er ergählte mir Alles, sein ganzes
deben, so reich au irdischen Gut, so arm an
Glück und Freude, er fühlte sih schon lange
abgetrennt von srinen Eltern, die er nicht
sieben und achten konnte und wurde mein
Sohn mit dem Schwur, als Richard Höfer
zu ieben und zu sierben. Der Gedanke an
bdas Pacet des Freundes ließ ihm keine Ruhe,
nur dieses wollte er noch besorgen und dang
aus ewig mit der Vergangenheit brechen. Jahre⸗
jang bekämpfte ich diesen Entschluß, er konntz
mir durch die Heimath entrissen werden.
Endlich mußte ich nachgeben, wir rüstelen
uns zur Reise uach Deutschland. Da erschien
die Sängerin Clara Stein auf der Bühne,
und der erste Riß ging durch den unnatür⸗
lichen Schwur. Mein Sohn war zum ersten
Male von der Macht der Liebe besiegt und
jaub für jede Mahnung, selbst die Reise trat
vor ihr in den Hintergrund. Als die Saͤnge⸗
rin nach Paris ging, folgte er ihr wie ihr
Schatten und ich mußte wohl mit. Das
Uebrige wißt Ihr; mein einziger Trost ist

143 7
        <pb n="566" />
        der, daß Gott dege defügt und ich zu dem 3)Der Andere licß die Tyhüf dffen und folgte
Sohne noch eine Tochtet er halten habe“24 bet Aaweisunge, 53—8—*

„Du theurer, theurer Vuter Prrief Clara,e* In einem Fimmer des asten Stocks war
ihn zärtlich küssend, „ohne Dich“ wäre ich noch Licht. Hier saß Doctor Wolff an seinem
nimmer so glücklich geworden.“ Schreibtische, mit dem Ordnen verschiedener

„Wie ich dem guten Heidenreich mein Glück“ Papiere beschäftigt; es waren Obligationen,
zu danken habe,“ sprach Eginhard, dem alten Stautspapiere, Banknoten aller Art.

Musiker gerührt die Hand drückend?) Plõtzlich warf er deu ganzen Ssoß, wel—

„Ach was der »Alte da undich. wir “cher inanfehmichesze Vermoögen reprüfentirte,
Beide sind. doch die Reichsten dadurch ge- in den Schrejblisch and erhob sch mit iner
worden,“ meinte dieser, peui, alten Hbser heftigen Bewegung. .
gutmüthig zunickend Pah Earich bin ein Narr — mich un

dieses Menschen willen zu ängstigen. Er ist
'odt und Joll esbleihen, und die ztanderen
Erben ? Leere Drohungen, ih fürchte sie nicht.
Wenn ich nut wüßte, wo das Testäment ge⸗
blieben, in ihren Händen wäre es eine wirk⸗
liche Gefahr; alles U⸗brige verlache ich als
ein Phantom; mich schrecken niemals solche
Besptnstet? Hade
Eign-Gerausch an der Thür machte ihn
erltatren, dort stand ein Geipust, das ihn
aoch tödtlich erschreckte, diesen Mann“ von
Tisen Wrn
„Frant !“ stammelte er, „ist denn heute
die ganze Hölle anf einmal los ?
Der Zweite war verschwunden, hinter
der geöffneten Thür stand. der Poliz⸗ in-
pector, — alle Ausgänge waren mit seineun
veuten besetzt.
.4Ja wohl, — Frank! hohnlachte dieser,
zuf ihn zuschreitend, frkust Du Dich nicht,
ven alten Freund und Genossen wiederzusehen?
— Setze Dich, du kluger und glucklicher
Spieler, daß wir ein wenig plau'ern. Siehst
Dur bist freilich mein Meister, aber heute soll
her Schüler Dich übertreffen. Muckse nicht,
»der dieser Suß zerschmettert Dein arglistiges
Behirn, — dier, schau dieses Messer, es sitzt
Dir deim ersten Hülfervf in der Brust.“
„Was wollen Sie von mir?“ fragte Wolff,
in den Sessel niedergleitend.
„Nicht viel, nur meinen wohlvberdienten
Antheil an dem Raube, ich habe Dir die
Wege geebnet, edler Wolff, brachte Vater und
Sohn auf die Seite, — wie auch die anderen
Erben, alle mit rinander; schickte den dummen
hauslehrer als Dieb und Brandstiftet nach
Amerika und mußte doch jchließlich der Ge⸗
Irellte sen. Du bist Millionär und ich ein

v ö Kapitel...
Es war mach Pütterracht; kein: Mond⸗
strahl, kein einziger Stern erhellte die Fin⸗
sernißz, der Himmeh: war ringsum mit schware
jsen Regenwolken bedeckt, schon fielen einige
Tropfen schwer herub.
Die Straßen der Hauptstadt waren bere
odet, nur der Wächter Schritte tönten durch
die stille Racht. νν,
Auch diese verhalltenn. 6653
Zwei Monner schlichen im! Dunkel der
häuser dahin, sie hübeten sich äunstlich, van
zem flackernden Lichte der⸗ Gasflammen ge⸗
roffen zu werden.
5. Gehen wir auch sicher 8“ fragte der eine
leife, mir ust so sonderbar ängstlich, es ist
mit immer, als foge uns Jemand.“ 5
un, Thorheit,“ flüsterte der Andere, nachdem
er Anen Augeüblick gehorcht, „Du hast nicht
das Geringste zu fürchten, ich benne dieses
Terrain auf Tritt und Schritt3. kenne jeden
Wintel im Hause.! Bedente wohl, daß von
dieser Nacht unsert ganze Zukunft abhäͤngt
eine cinzige Stunde kann uns zu sehr reichen
Männern machen, und dann fort in die
neue Welt!““ *d
Der Andereg hustete und ergriff dann ängst⸗
lich seines Begleiters Arm. —D —
uRuhig, in'ß Oreiteufel's RNamen, Memmel“
tüsterte diefer zornig.
u Sie standen vor dem Steinhöfer'schen
Duse Lein Nachschlüssel öffnete eine Seiten⸗
hur dieselbe, welche in die Parterreräume
füͤhrte, durch welche Hartmuth einst der Polizei
entgegeütiate..
.7, Bolge mir,* flüsterte der Auführer leise,
„fasse meinen Rock.“

1—
        <pb n="567" />
        Betiler Dus geht nicht tangetso nnde
darum bin qh hier, mein Junge
Ich gebe Ihnen zehutgusende Thaler,
Frant; sind Sie zufrieben 7353
„Rein,“ Herzchem, das ist zu winztg⸗ unket
einet halben Million thue ichs nicht.“
Sie sind ein ünverschämter Narr;““ xief
Wolff, der Sessel zurückwersend und mit einem
Sprunge die Thür errrichend, —jetzt bin
ich wieder Dein Meisser, elender, gemeinet
Venie we epee Pep
„Halft, im Namen des Gesetzes!“—
Der Polizeiinspector stand auf der Schwelle
Wolff starrte ihn entsetzt an und kaumelte
zurück, während Frank sich fluchend, das Pistol
borhaltend, in einen Winkel zurüczog.

„Verloren!“ knirschte Ersterer. „aus, aus!“

Seine Augen irrten blitzschnellaumher, und

hazten im nächsten Augenblick ein FZiel ge⸗
funden. Se nem Verderber die“ Waffe ent⸗
rerßend, donnerte auch zugleich der Schuß durch's

Zimmer. Das Gehirn des scheuslichen Ver⸗

brechers klebte an der Defkfkfe

Der Inspector nickte zufrieden, — er ließ

den erschreckten Frank verhaften und binden,
während er die Leiche des Doctors unangerührt

liegen ließ. J

Ersteret hatten nichts. mehr zu belennen,
der Juspeckor halte sein volles Geständniß
bereils vorher vernommen; jein Leugnen half

nichts nieht. V

Als erx seinen Diebsgenossen, welcher shu

berrathen“ und der Polizei die Wege gezeigt.
des Mordes an Ferdinand Steinhöfer bezüch⸗
ligen wollte, da dieser derselbe war, dem et
damals für den Mord an dem Knaben die

Ueberfuhrt üach Amerika bejahlt hatte, erfuhr

er zu seinem Verdrusse, daß der Mord nicht
einmal versucht. geschweige denn ausgeführt
war; — der Mann konnte das Geld leichter
verdienen und hatte ihn noch obendrein, als
sie sich wiedergetroffen, dafür gebrandschatzt.“

Fränk wurde zu kebensläuglichem Zucht⸗
haus verurtheilt; er trat seine Strafe mit dem
geheimen Trost an, daß sich Ketten durch-
feilen und Schlösser öffnen oder Mauern

durchbtechen lassen. * J

Ob ihm solches Ichon gelungen, wissen

wir nicht zu sagen. —

cNn einem schnen Tage des lenzgrimen
Mai's war enne stille, erhebende Feier auf dem
sirchhofe zu X.““*
Von einer Schaar festlich 'gekleideter Ar⸗
beiter wurde ein einfaches Grabmonument schön
vekränzt, während eine andere Abtheilung einen
Thoral sang,“ **
. Auf dem Marmor las man nur den Namen:
Ferdinand Steinhöfer !!!
Das Grab des Selbstmörderzs war ge⸗
zeiligt und geehrt, während die Gebeine des
plutigen Kains am Meeresgrunde bleichten.
Der? Choral schwieg; cine“ blasse Frau
rat an“ das“ Grab geführt von ihren
Rinderrnn. ——
Du bist geraͤcht,“ flüsterte sie nieder⸗
mieeend, „gerächt und versöhnt‘ durch die
Allmocht der Liebe7 — ifieh' guf uns herab
nein Ferdinand, und sexhe den Sohn Deines
Bruderz !
Sie waren Alle versammestam Grabe
des Vaters, — die rechten“ Erben der Groß⸗
chutter, welche friedlich an der Seite des
Gatten schlummert. *
.Eginhard und Ferdinend waren fortau'
die Hetren der Firma Steinhöfer, und unter
hrer Hand exblühten dem Arbeiter die beiden
dauptbedingungen des Daseins Zufriedenheit
und lohnende Thätigkeit
Das Kapital wurde in ihrer Hand nichi
pam Fluche der Arbeitt
Diese beiden Faktoren der Welt gestalteten
iine Wirklichkeit, getragen von der echten Hus
nanität, welche im Arbeiter: ein gleichbecoch⸗
igtes Wesen erblickt, auf der einen, und von
euem Gehorsam auf der andern Seite, der
ich willig und freudig den Gesetzen unterordnet
aud im Blühen des Ganzen, fein eigeneß
Wobl fein erlennt. νν 4.4
VDie heiden jungen schoönen Frauen siebten
ich wie Schwestern; war Maria doch der
WMutter eine reue Tochter“ gewesen in der
schwersten Zeit ihres Lebens, —welthe hinter
ihr lag mit ull ihten Schreckerk und Leiden.
sie war geheilt“7
Anb wenn' der alte Heibenrelch bem Piamo
must echtet Künstlierhantz Zaudentüne entiockte,
wenn Tiara, hre himmlischen Lieder ertsnen
ließß — dann war Alles vergessen, —
        <pb n="568" />
        die Blutschuld gesühnt, der Fluch dinweg
genommen.

Durch Nacht zum Licht und durch Trüb⸗
sal zur Seligleit!
Aannigfaltiges.
Gute Gehalte. In der Stadt New⸗York
gibt es wenigstens zwanzig Aemter, die ein
höheres Eintommen als das des Präsidenten
der Vereinigten Staaten gewähren. So bezieht
der Korpotationsanwalt ein jährliches Ein⸗
kommen von 580 bis 75,000 Dollar, das
Sherifsamt bringt 50 — 100,000 Dollar ein,
das eines Straßenkommissairs 50,000 Dollar,
vdas des Registrators 50—75.009 Dollar,
das des Countykterts 40 — 50,000 Dollar,
das des Stadtkontroleurs 50 — 100,000 Dol-
lar, das des Surogote Richters 20 -30,000
Dollar u. l. w.
Jeremy Taylor, Bischof von Down, sagte
eines Tages zu einer Dame von seiner Be⸗
kanntschaft, welche hinsichtlich der Erziehung
ihres Sohnes sehr nachlässig gewesen war:
Madame, wenn Sie sich nicht Mühe geben,
den Kopf Ihres Knaben zu füllen, dann
tönnen Sie mir „glauben, daß der Teufel es
thun wird.“
— — — —
Ueber den Unfall auf der Bergisch⸗Märkischen
Bahn, am 30. Nov. berichtet der „Düss.
Anz.“: „Ein von Hochdahl nach Erkcath
fahreuder schwerer Güterzug gerieth in voller
Faͤhrt auf der geneigten Ebene, fünf Minuten
oberhalb Erkrath, dem Kirchhofe gegenüber,
aus dem Geleise. Der größte Theil des Trains
wurde durch das Gewicht und die Wucht der
sich über und in einander schiebenden Waggons
der Maßen zertrüumert, daß von den schwersten
Balken und Eisentheilen nur ein Chaos von
Splittern und Splitterchen übrig blieb. Ein
Theil der Waggons war bis an den Rand
ihtes Verdeds in den Bahndamm hineinge⸗
wühlt worden. Ueber dieselben wurden die
nachsolgenden und vorhergehenden auf einan⸗
ber geirieben und zerqueischt. Eine Menge

Büter, von denen namentlich Papiermassen
und zerbröckelte große Hausteine unterschiedbar
varen, vermengte sich mit den übrigen
Trümmern. Die Maschine des Zuges stand
halb im Bahnkörper, die Schienen lagen um
dieselbe wie verbogene und zerstückelte Draht ⸗
tückchen. Bedauerlicher wie aller Schaden
in Betriebs⸗ und Transportmaterial ist der
Verlust an Menschenleben. Drei Bremser
olieben gleich todt, dem Zugführer wurden
beide Beine abgefahren, sechs andere Bremser
vurden schwerer und leichter verletzt. Die
Ursache dieses Unglücks ist dieses Mal kein
Zusammenstoß mit einem anderen Zuge. Man
vermuthet, daß an einem Waggon eine Achse
schadhaft gewesen und zerbrochen se.
Häles, 25. Nov. Die „Düsseld. Zig.“
exzählt: „Zu Anfang der vorigen Wache
wurde eine Frau hierselbst von ihrer Katze,
der sie ein genaschtes Stück Fleisch entreißen
voslte, in einen Finger gebissen. In der
solgenden Nacht springt die in der Schlaf⸗
suübe weilende Katzze auf's Bett der Frau
und beißt sie nochmals in denselben Finger.
Die Wunde wurde Anfangs nicht besonders
zeachtet und durch nasse Umschläge behandelt.
Aber bald nachher fing der Arm an aufzu—⸗
schwellen und die Frau wurde so leidend,
daß sie in's Krankenhaus geschafft werden
nußte. Hier erst wurde ärztliche Hülfe, aber
eider viel zu spät angewendet; denn die
Aufschwellung verbieitete sich über mehrere
törpertheile, und nach kaum acht Tagen war
die Frau eine Leiche. Fast unerklärlich ist
der wiederholte Biß in denselben Finger zur
Nachtszeit, wo doch eine neue Reizung nicht
stattgefunden hatte.“

J Geedankenblitze.

Wir gewinnen oft weit mehr, indem wir
uns geben, wie wir sind, als indem wir das
zu sein versuchen, was wir nicht sind.

Nie hätte uns ein Mensch betrogen,

Ein glatt Gesicht uns nie herückt,
Waͤr' Jedem, wie dem Stempelbogen,
Sein Werth gleich auf die Stirn gedrüdt.

— 7 Deuck und Verlag von F. X. Demeß in St. Ingabert. ——
        <pb n="569" />
        Anterhaltungsblatt
— I
St. Ingberter Anzeiger.“
Fr. 14686.Sonutag, den 10. Dezember * 1871.

Auf dem Throne.?
Sistorische Novelle vonn
Robert Fraußz..

Schon war eine Stunde über die festge⸗
setzte Zeit verstrichen und noch immer öffnete
sich die Thür nicht, die zu deu Gemächern
des Königs führte. Halb ungeduldig, halb voll
banger Furcht, was die nächste Minute brin«
gen würde, stuͤnden die Hofherren gruppen weise.
leise flüsternd, beisammen. 23
Der König war wiederum übler Laune.
Der kostspielige Krieg mit Frankreich brachte
die Finanzen immer weiter herunter, und
König Heinrich VIII. wußte, wie kein an⸗
derer Fürst, den Werth des Geldes in
schätzen.
Plötzlich verstummte der summende Flüster⸗
son der Versammelten; die Thüre wurde weit
aufgerifsen, aber statt des Erwarteten trat
der Bischof Thomas Wolsey ein und durch—
schritt, sene Hände nach allen Seiten segnend
ausbreitend, mit langsamem, abgemessenem
Schritte das Vorzimmir. Die Hofherren beug⸗
ten zum großen Theil ehrfurchtsvoll die Kniee,
denn nicht mit Unrecht erblickte man in ihm
den Beherrscher des Staates, den Herrn über
Leben und Tod, den allgewaltigen Rathgeber
des Königs.

Der Bischof war ein Mann im Anfang
der vierziger Jahre, eine wohlgenährte, kräf⸗
tige Gestalt mit ziemlich gewöhnlichen Gesichts-

zügen. Die etwas gebogene, scharf hervartretende
Nase, das spitze Kinn und die stechenden
Augen, die mit einem Blick alles übersahen,
zerliehen dem Gesichte etwas Raubvogelähnliches,
krotz des sanften, milden Lächelns, das ftets
seine schmalen Lippen umschwebte. Eine innere
Genugthuung spiegelte sich in feinen Zügen
wieder, als er die Ehrenbezeugungen ˖ des äls
sesten englischen Adels bemerlte, und um so
eher fiel ihm der junge Mann auf, der in
der Nähe des Ausgangesstand, sich aber
heim Vorüberschreiten des Bischofs nicht von
der Stelle rührte, sondern ihm mur eine
seichte, höfliche Verbeugung machte, wie fie
etwa jeder Jüngling einem älteren Manne
schuldet.

Der Bischof Thomas Wolsey sah den
jungen, hübschen Mann mit den lebhaften
Zügen und dem leckigen Haar, das wellenförmig
jeine hohe, klare Ie umgab, einen Augen⸗
hlick durchdringend an. Daun schritt er mit
seinem gewohnten, sanften Gefsichtsausdruchk
veiter und hatte gleich darauf das Vorzimmer
derlassen.
. Ihr seid ein Tollkühner, Sir Charles
Brandon,“ wandte sich ein ältli her Herr mit
veißem Haar an den erwähnten jungen Mann.
„Wißt Ihr auch, wer soeben an uns vor⸗
überschritt ?“

Der Jüngling fuhr sich mit der Hand
durch das dunkle Haar und entgegnete mit
einem verächtlichen Aufwerfen der Oberlippe:

.Wer an uns vorüberfchritt, Sir Walterk
Pah, ich werde doch den' Bischof Thomas
Wolsey kennen? Den Sohn des Schlächters
von Ipswich, den Hofmeistet. des Marquiß
        <pb n="570" />
        von Suffolt ernannten Charles Brandon ge⸗
sprochen wurde, hatte der Koöͤnig denselben
mit in sein Gemach genommen.Der König,
der es vor allen Dingen liebte, die Großen
seines Landes hin und wi der zu ärgern,
fühlle sich jetzt etwas erleichert und in eine
hdeiterere Laune versetzt als vorhin, wo ihn
sein Freund und Rathgeber, der Bischof Wol⸗
sey, verlassen hatte.

„Ihr werdet heut' Abend mit uns am
Bankett theilnehmen, Herzog von Suffolk, und
dadurch zugleich in Euren neuen Titel einge⸗
führt werden. Verl aßt Euch darauf, Ihr seid
heur. Ahend die Zielscheibe alles Neides.
da! ha Pes war költlich, dielg langen Ge⸗
Wwier iu sehenie nn

Und der König rieb sich vergnügt di
hände und lachte lustig; dann stürzte er
schnell, mehrere Gläser Wein hinunter und
forderte jeinen Günstling auf, eig Gleiches
zu thun.

„Ihr seid der nüchternsse Mensch, der
mir je vorgelommen ist,“ fuhr der Koönig.
im Gemache auf und nieder schreitend, fort:
An Euch ist ein Pfaffe verloren gegangen.
Weiß Gott, dieser Wolsey läßt/ sich niemals
adthigen, sondern langt fleißig zu wenn man
ihn auffordert. Macht's auch so, wenn wir
gute Freynde bleiben wollen, Herzog. Euch
lommts eher zu, als einemGeistlichen.
Nachdemn machen wir einen Spazierritt durch
den Park — Prinzessin Marie wird uns
begleiten.*
Der König“beobachtete den jungen Mann
bei⸗ den letzten Worten scharf, und als eind
momentane Röoͤthe dissen Züge überflog, lachte
er hell auf.

„Was habt Ihr, Herzog, erröthet Ihr noch
wie ein junges Mädchen, dem ein Liebesge—
stündniß gemacht wird ?Ihr werdet hoffent.
lich nicht blöde bei unsern Damen sein. daß
wir — unsere erlquchte Schwester
zurüdtassen miussen
— Pal stt. g din aherdingt
3 eiwas scheu,“ enigeguete der Herzog schnell,
boch nicht so, um — genug zu sein,
ane sa liebenswürdige, schöge Dame wie
Prinzeh Warie meinekwegen von irgend welchem
Vergnuͤgen 74 Wenn Ihr erlaubt,

i

Majestät, werde ich den Cavalier des holdeften
Wesens von ganz England abgeben.“
„Ihr seid sehr kühn, wein Freund,“ sagte
der König, indem er lächelnd mit dem Finger
drohte, „aber ich liebe es, wenn einer das
Herz auf der Zunge trägt, weit mehr, als
von glattzüngigen Schmeichelrednern umgeben
zu sein. Punlt vier Uhr erwarte ich Euch mit
Eurem Rappen im Schloßhofe.

Er reichte dem Herzog von Euffolk gnä⸗
dig die Hand zum Abschiede und mit leichtem,
frohem Herzen verließ dieser das Schloß.
II.

Und Punkt vier Uhr tänzeltz schon der
schwarze Hengst des Herzogs von Suffolk im
Schloßhof, und kaun zehn Minuten später
führte dieser Engkands reizendste Blume. die
fiebenzehnjährige Prinzeß Mary die breiten
Stufen der Schloßtreppe hinab, und hob sie
mit ritterlicher Anmuth'in den Sattel.

Ein holdes. Erröthen war Alles. womit
fie ihn dankte, aber der junge Ritter schien
XE
vährend, der König mit seiner Schmester
poraus.itt, strahlte sein hübsches Gesicht vox
nuerer Zufriedenheit. Dann gab er seinem
Rappen die Sporen und ein paar Augenblecke
püäter wat er wieder an der Seite seines
johen Gönners. Der Herzog bedauerte, mur,
daß der Anstand es ihm nicht erlaubte. neben
der Prinzefsin zu reiten, und manch veistoh⸗
jener Blick flog zu dem hübschen Mädchen hinüber,
das mit unnachahmlicher Grazie die Zügel ihreß
Zeltexz regiexte. Die frische Luft und die
Austrzeygung färbte ihre rosigen Wangen noch
höher und der Wind spielte mit den goldigen
Locken, dig sich unter dem schwarzen Sammet⸗
bqarett hervordrängten.

Prinzeß Mary war die reizendste, Erz
scheinung des Erdbodens. Darquf hälte in
diesem Moment nicht allein der Herzog von
Suffollk geschworen, sondern noch biele, viele
Männer mit ihm, und selbst die Frquen nannten
die Prinzeß einen Euglee

Sie war noch ein halbes Kind, nicht
allein an Jahren, sondern noch mehr in ihren
Neigungen und Wünschen, und erst seit sich
Ritter Charles Brandon am Hofe befand,
sah ihr königlicher Bruder oft jenen halb
        <pb n="571" />
        Dorsat 7 Wer den Mann einmal Kieht, ver⸗
gißt gewiß nicht, nach seiner Herkunft zu fra⸗
den; der Stolz des Empottkömmlings steht zu
deutlich in seinen groben Zügen geschrieben.“

Siarr vor Erstaunen. und Schrecken über
die lühne Sprache des jugendlichen Ritlertz,
magte keiner der Versammelten etwas zu ex⸗
viedern. Viele, bedauerten zwar; daß. der
Bischof, nicht selbst diese Worte grhört, denn
fast a:snahmslos gönnte man dem anmaßenden
tzeistlichen diese Zurechtweisung, qber man
wagte nicht, dem Ritter beizustzmmen, aus
Furcht vor Verrätherohrem Nur. Sir Walter,
tin entfernter Oheim des Charles Brandan
entgegnete noch leise:

Zetzt nur noch Bischof. Sit Charles, in
türzefter Zeit aber ist Wolsey Erzbischof von
Hort, schon spricht man danon, daß ex das
ðislhum Lincoln mit dem Erzbiethum Yotl
vertauschen, wird. Seid vorsichtig, Ritter, ein
Wott aus dem Munde dieses Schlächtersohne 8
don Iptzwich lann Guch und Eure gane Zu⸗
kunft vernichter.

Moglich. aber nicht gewiß,“ gab Charleß
Braudon mit einem verächtlichen Achselzuken
jur Antwort. „Auch ich, stehe in der Gunst
des Konigs, wer weiß, o nicht höher als der
Bischof von Lincosn, und nie werde ich mich
bor einem Manne wie Wolsey soweit ernied⸗
rigen, daß ich mein Knie var ihm beuge, wie —
Dags ahermalige Oeffnen der Thür unter⸗
hrach die Rede des Rutterzg. Der gefürchtete
Moment war gelemmen, derx, Koönig überschritt
die Schwelle. Sein Gasicht zeigte noch alle
Symptome einer gereizten, Stimmung, nster
uͤbexsah ex die Zahl der Hofherren, und erst
als sein Auge den, vorhin erwähnten Ritter
Xhoxles Brandon erblickte, üderslog ebß wie
— —0
Schrittes eilte ex auf ihn zu. F
Der jugendliche dreiundzwanzigiährige
Monarch bhieh vor dem Ritter siehen und sah,
jn wohlgefällig an. Chaxles Brandon hielt
den Adlerblick des Königz hurchtlos aus,
was hatte er auch zu fürchten, troß seineß
Begnexs. des Bischofz Wolsen. Heintich VIII,
hatie ihn sich zum Freunde erkoren, er liebte
das offene, ehrliche Wesen mehr als die krie⸗
dende Höflichkert und demüthige Unterwerfung,
die ihm troß seiner Jugend und Unerfahrenheit

dereits zur qer geworden war, und die Gunst⸗
bezeugungen, womit er seinen Freund über⸗
chüttete, halten den Reid der übrigen Zöglinge
wach gerufen.

Rittex Chazles Brandon,“ redete der
stönig seinen Günstling ay, indem er einen
sripenphirenden Blick im Kreife umherwanf,
um zu sehen, welche Wirlung seine Worte
ervorbrachten, „wir exnennen Euch hiermit
um Herzog von-Suffoll, und hoffen, daß
Ihrr Euch durch Rilterlichleit und Sifer in
inserem Dienste dieses Namens würdig macht.
Die Herxen sind entlafsen,“. wandte er sich
zann an die starr, vor Erstaunen dastehenden
hofherren, „wir siad gesonnen, heute einen
reien Tag zu genießen.“

Nux mit, Mühe vermochten die Anwesenden
ich so weit zu beherrschen, um durch leine
Bewegung die Gefuͤhle ihres Innern, bei djeser
villlührlichen Erhebung eines Manves, der
lein Verdienst, als seine Rifterlichleit und
Armuth besaß, zu verrathen.

Ejner nach dem audern, vexlietz mit ziner
hrfurchtaävollen Kniebeugung das Gemach und,
zust nachdem die Thürr lich hinter ihnen gen
clossen battz, machte sich der allgemeine Groll,
vnd Neid in leise ausgesprochener. Vermuns
derung Lust.

Der Wannnstehht noch höher ijn der Guns
des Königs, alt dieser Bischof von Lircoln.“
lüsterie Sir Walter sejnem, nächsten Nachhax
u⸗ „und ich wundere mich nihf im Geringe
hen mehr, über seine, Sprache. die er vorhin
ührte. Charses Branon ist ein Gluclslind.⸗

Cin Glugskind!“ rigf mit herächtlichen,
dächeln Hir, Robezt Hugh, ein noch junger.
Mann, aus. Padh, ich möchte nichz an der
Ztelle dieses. Vrandonszinz wer so hoch steigt,
der mag wohl zusehen, dag ar nicht faut.·

Ighahe nicht gewußzt, Sit Rohert
dugh daß Iht so bibethest seid, sagte Sit
Walter, dem die Erhzbung seines Vexwandten
eineswege unangenehm war, wit leisem Spott.
Wer so hoch steht, wie dieler neuc Herzog
hon Sullfolt,dem hietet sich auch schon Ger
egenheit, sich ein wenig kest zu selen ugh voj
allen Dingen zu hasten. Ich glaube, daß
mancher alte Hexzog gern wit diesem neuge⸗
dackenen tauschen würde ⸗ß⸗·

Wahrend so. über den plötzlich zum Herzog
        <pb n="572" />
        traurigen, halb glücklichen Zug um die kirsch⸗
rothen Lippen spielen, die das erste Vergessen
der Kindheit am deutlichsten verräth.
König Heinrich hatte einen schurfen durch⸗
dringenden“ Blick. Ihm war es nicht ent⸗
gangen, wie die blauen Augen seiner Lieb⸗
lingsschwester oft wohlgefällig auf der männ⸗
lich schönen Gestalt seines neuen Freundes und
Günstlings ruhten, wie Prinzeß Mary er⸗
röthend den Olick zu Boden senkte, wenn sie
bemerlte, daß sie in solchen Momenten von
ihrem gestrengen Bruder beobachtet war, und
obgleich dieser nicht den leisesten Gedanken
hegte, daß eine Verbindung jzwischen seinen
Dause und dem Ritter Brandon im Bereiche
der Möglichkeit lag, so fand er doch eines⸗
heils eine solche Liebelei zu unbedeutend, um
ihr weitere Beachtung zu schenken, anderen⸗
theils hielt er sich jeder Zeit fähig und berech⸗
tigt, seine Schwester zu verheirathen, wie
eg ihm paßte, und ihm den mieisten Vortheil
brachte. waicen
Also warum den Traum, worin sich, seiner

Meinung nach, beide befanden, stören ? Auch
er hatte einst geliebb; glühender, heißer viel⸗
leicht, als diese Kinder, und er hatte seine
Liebe der Vernunft geopfert. Um sein Bünd⸗
niß mit Spanien gegen Frankreich zu befe⸗
stigen, heirathete er die, Frau seines verstor⸗
henen Bruders Arthur, Katharina von Arra⸗
gonien. Katharina war weder durch Schön-
heit des Geistes, noch Körpers ausgezeichnet,
sie war weder liebenswürdig noch anmuthige
aber diese Verbindung paßte für seine Zwecke,
und eben darum opferte Heinrich ihr seine
erste, und wie er jeßt noch glaubte,“ ein⸗
sige Liebeß

Mochte“ auch Marydlücklich sein, und
dann einsehen, daß die Politik nichts nach
dem Herzen fragt und eine Prinzessin keine
Verbindung aus Liebe eingeht, sondern wie fie
das —S Staates erfordert.
AUnter diesen umd ähnlichen! Gedanken
beobachiete der Kbnig das verrätherische Mie⸗
nenspiel der beiden jungen Leute, und er
lonnte nur aus Rücksicht für das Zartgefühl
seiner Schwester an sich halten, keine darauf
zezüglichen Anspielungen zu machen.

Am Abend desselben Tages war es in
illen angesehenen Familien Londons bereits
bekannt, wie hoch der Herzog von Suffolk in
der Gunst des Königs stand, und der Létztere
tieb sich schadenfroh die Hände, als er sah,
vie der älteste Adel sich um ein freundliches
Wort von den Lippen seines Günstlings
hemühte. Auch Charles Brandon selbst kunnte
äch eines Lächelns nicht erwehren, als er der
Worte des Königs gedachte, und er fühlte
ich ganz zufrieden in seiner neuen Stellung;
ats er mit Prinzeß Mary zum Tanze antrat,
hlickte er so stolz und siegesgewiß um sich, als
zehöte ihm die Welt alleinn. nin

Wie schön waͤr die Prinzessin in ihrem
veißen, mit Gold und Silber gesticktem At⸗
lastleide; der zarte, schneeige Nacken und die
vollgerundeten Arme blitzend von köstlichem
Beschmeide, aber köstlicher als all' die Edel⸗
tteine glänzten ihre Augen voll reinen, unge⸗
trübten Glüks — noch hatte keinkalter
Rachtfrost ihre Träume und Hoffnungen zer⸗
stört, noch sah fie nicht die düstern Wolken,
die sich drohend an ihrem Lebenshimmel zu⸗
jammenzogen.

Gaortsetzung folzgdt.
27.0annigfaltigess.
(Ein mißlungener gegensecttiger Verhaf⸗
ungsversuch.) Zwei Trunkenbolde in Mediasch,
die sich in einem Pester Vorstadtswirihshaufe
den üblichen Affen geholt hatten, geriethen
beim Nachhausegehen in später Nacht in Streit,
ohrfeigten sich nach Kräften und da sich Jeder
für den unrecht Beschädigten erachtete, unter⸗
nahmen sie es, sich gegenseitig auf die Volizei
zu führen und einsperren zu lassen. Eo kamen
sie, sich gegenseitig durch die Gassen vorwärts⸗
stoßend und mit der Polizei drohend, bis zur
Polizeidirection, woselbst sie das Thar ver⸗
perrt und keine“ öffentliche Sicherheitsseele
antrafen. Beide pochten mit den Fäusten au
das Thor, jedoch vergebens, und gingen dann
mit dem gegenseitigen Drohungeruf: ,Dein
Blück, daß die Polizei sich schlafen gelegt hat,
auseinander.“ *2 *
. — 2 ——
aee Druch und Verlag von F. X. Dee mae kein St. Ingbert.. — * 3*.e
        <pb n="573" />
        Unterhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
Nr. 147. Dienstag, den 12. Degember — I81.
Auf dem Throne.“*
Historische Novelle von
Robert Frauz.
(Fortsetzung.)

III.
„D.is Königs Majestät hat heute den
Ritter Charles Brandon zum Herzog von
Suffolk erhoben!“

Wie von einer Natter berührt fuhr Bi⸗
schof Wolsey bei diesen Worten seines Kam⸗
merdieners von seinem prächtigen weich gepol—
sterten Canapee auf, während der Diener
ehrerbietig sein Haupt neigte.

„Mensch, bist Du wahnsinnig? Zum Her⸗
zog von Suffolk?“ keuchte der Bischof athemlos.

„Zum Herzog von Suffolk,“ beflätigte der
Kammerdiener mit einer Verbeugung. „Der
ganze Adel ist im Aufruhr über diese Erhebung
eines Mannes, der nicht die geringsten An—
sprüche darauf erheben kann.“

Ohne weiter auf seinen Kammerdiener zu
achten, durchschritt der Bischof jetzt mit langen
Schritten das Gemach. In diesem Augenbüucke
war nicht die geringste Spur von Milde und
Sanfimuth in seinem Gesichte, sondern die
Dämonen des Neides, des Hasses und der
Wuth wechselten darin mit üherraschender
—AI
stalt konnte der Bischof unmöglich etwas an⸗
deres als Furcht verbreiten.

„Sind Deine Nachrichten sicher ?“ herrschte
ex endlich den Kammerdiener an.

„Ich glaube, Ew. Gnaden, meine Nach⸗

richten sind immer sicher,“ entgegnete dieser
keineswegs erschrocken, sondern eher beleidigt.
„Dei beste Beweis für die Wahrheit dieses
Gerüchtes ist indessen wohl die Thatsache, daß
der erwähnte Ritter am heutigen Nachmittag
den König und die Prinzeß Mary auf einem
Spazie tritte begleitetett.“

Der Bischof sagte nichts mehr; er winkte
dem Kammerdeiner, sich zu entfernen, welcher
Aufforderung dieser erst nach einigem Zögern
Folge leistete. Dann warf sich der Bischof in
einen Sessel, der in der Nähe des Kamins
stand, und saß kurze Zeit in düsteres Sinnen
verloren.

„Herzog von Suffolk!“ murmelle er wieder
und wieder. „Herzog von Suffolk! Trotz
meiner Fürsorge diesen Knaben, der durch
seinen Einfluß meiner Stellung nur zu gefährlich
werden kann, von dem Könige fern zu haltenl
Trotz meiner Bemühungen diesen Jüngling
als einen ehrgeizigen, hochmüthigen Menschen
hinzustellen. Also darum dieser kühle Gruß,
als ich im Vorzimmer an diesem Brandon
⸗»orüberging — der Knabe war seiner Sprache
schoon gewiß, und ich habe mich durch die
Bleichgültigleit des Königs, womit er in lehter
Zeit von diesem Brandon sprach, taäuschen
lassen. Wenn ich mir selber eine Vrube ge⸗
zraben hätte!“ fuhr er nach einer Pause in
einem Selbstgespräche fort, und seine Züge
ꝛerfinsterten sich immer mehr. „Wenn Alles,
was ich von diesem neuen Herzog sagte, auf
mein eigenes Haupt zurückfiele l“

Unruhig schritt er über den weichen Teppich,
der seinen Gang unhörbar machte, tahin.
Die Rachricht seincs Kammerdieners beun⸗
        <pb n="574" />
        ruhigle den Bissbof mehr, als er es sih ge⸗
stehen wollte und pergebenß srichte er sih ein
zureden, daß er selbst dem Könige durch sene
Gelehsamteln, sowie vortreffli hen Rathschlüge
und Untechaltungsgabe unentbehrlich gevorden
sei. Dicer neue Herzog von Saffolk besaß
nicht zu verachtende Vortheeile vor ihhm voraus,
Er stand nicht allein in demfelben Alter mit
dem Könige und war auf diese Weise zu
dessen Freundschaft weit eher berechtigt, als
der um zwanzgig Jahre ältere Bischof Wolsey,
sondern Charles Brandon galt auch füe den
liebenswürdigste', geistreichsten Hofmaun, für
den offenherzigsten Character und Wolsey wußte,
wie hoch König Heinrich besonders die letzte
Eigenswaft schätzte.

Immer werter und weiter wanderten die
Gedanten des Bischofs, sie derwirrten sich
sogar bis zu der Möglichteit einer Verbindung
wischen der Prinzeß Mary und dem Herzag
bon Suffolk. Kam es dabin, dann war Wol⸗
sey's Sturz gewß, denn er verhehlte sich
nicht, daß er in Sir Brandon nie einen
Freund finden würde, sondern ftets einen
Feind und Widersacher.

Allmaͤhlich beruhigte sich der Bischof in⸗
deffen wieder, und es flog immer heller und
helürr um sein verdüstertes Geficht. Ihm war
In retlender Gedanle gekomnen — ein Ge⸗
danke, wie ihn nur ein Wolsey hervorbringen
konnte. Noch bewahrte er seine Macht, und
er wollte sie benutzen so lange wie möglich;
wurde der Herzog von Suffolk nicht der Ge—
mahl der Prinzessin, dann war nichts verloren
— also an's Werk.

Niemand wußte besser als Wolsey, wie
dringend der König die Beendigung eines
Krieges herbeisehnte, der fortwährend unglaub⸗
liche Summen verschlang. Auch dem Konig
XR „Frankreich war ein baldiger Frieden will⸗
kommen. Wolfey bezahlte seine Spione so gut,
daß ihm nichts, was an auswärtigen Höfen
borging, verborgen blieb.

Daß Ende eines Krieges herbeizuführen,
wo beide Partelen sehnlichst den Frieden
wünschten, war für den Bischof Wolsey keint
große Aufgabe, es handelte sich nur um die
Art und Weise, und daß er selbst zur Be⸗
lohnung für seine Dienste vom Papste den
Tardinciehut empfing. Dadurch waren sein

Ausehen und seine Stellung auf's Neue befe⸗
zigt, und willigle nur der stöaig ein, Prinzeß
HPary dem König von Frankreich, dessen Ge⸗
nahlin kurz vorher gestorbhen war, zum Weibe
ju geben, so waren alle seine Befuͤrchtungen
zeseitigt, und der König ihm zu sehr durch
Dankbarkeit verpflichtet, als daß er jedenfalls
jzürchten dürfte, von einem Nebenbuhler ver⸗
drängt zu werden.

So rechnete der Bischof von Li coln, und
diese Rechnuag stimm'e ihn so heiter, daß er
ich einen kostbaren silbernen Becher voll fun—
kelnden Weines füllte und in einem Zuge
erte. Dann rieb er sih vergnügt die Hände.
Besser konnten die Umstanden nicht zusam⸗
mener ffen.

Keinen Augenblick störte den Bischof der
Bedake an Prinzeß Mary, die er einem at⸗
en, si chen Könige zur dritten Gemahlin ge⸗
ben wollte, in seinem Vorhaben. Es fiel ihm
nicht einmal ein, sih zu jragen, ob Peinzeß
Mary sich geneigt fühlen wüsde, die für ihr
jugendliches Haupt so schwere Krone einer
önigin von Frankreich zu tragen, er sah nur
im Geiste seinen Nebenbuhler, den Herzog von
Suffolk, aus dem Felde g schlagen. Der Dant
des Königs und durch diesen der Cardinalshut
waren ihm geweß.

Noch in derselben Nacht verließ ein Courier,
wit wichtigen Aufträgen des Bischofs Thomas
Wolsey betraut, die Stadt London, um sich
sofort nach Paris zu begeben.
IV.

Eine herrliche Julinacht hatte sich auf die
Erde herriedergesentt. Die silberne Scheibe des
Mondes breitete ein sanftes Dämmerlicht aus,
die Blumen spendeten ihre süßesten Düfte und
nur das Flattern einer Fledermaus unterbrach
mom:ntan die tiefe Stille der Ratur.

Auch im Schloßgarten herrschte unendliche
Ruhe. Die Teiche bildeten gleichsam Spiegel⸗
scheiben, in welchen sich die herabhängenden
Zweige der Weiden und der tefblaue Nacht⸗
dimmel spiegelten. Eben hatte die Thurmuhr
bie zehnte Stunde angekündigt, als sich ein
oerstecktes Seitenpförtchen des königlichen
Schlosses bffnete und zwei Frauengestalten
heraustraten.· Beide waren dicht verschleiert,
AWer man unterschied sie beim Scheine des
        <pb n="575" />
        Mondes nihlt schoer als Herrin und Dienerin,
trotzdem beide fast die gleiche stleidung trugen.
Die ein: hielt sich in respectvosler Euntfer⸗
nung von der kleineren, zierlichen Gestalt,
deren Fuß unhörbar über die grünen Rasen⸗
plätze glitt, und die sich im duntkelsten Schat-
jen der Bäume haltend, dann und wann
ängstlich aach ihrer Begleiterin umsah.

„Komm' an meine Seite, Ruth, hierher,“
flüster te ihre weiche, melodische Stimme leise.
„O, ich fürchte mich: wenn ich mich nur
nicht zu diesem Schritt hätte verleiten lassen,“
fügte sie nach einer Pause hinzu, während die
Dienerin der Aufforderung Folge geleistet hatte
und sie nun in einen dichten Laubgang getre—
len waren, wohin kaum ein Strahl des
Mondes zu dringen vermochte, „Still! Horch!
Was war das?“

Die Dame stand still und lauschte athem⸗
los, aber klein Lüftchen regte sich, auh die
Dienerin hatte nichis vernommen.

„Ihr müßt Euch geirrt haben könig —“

Kein Wort mehr, Ruth,“ unterbrach die
Dame ihre Begleiterin fast streng. „Sei vor⸗
sichtig! Die Bäume haben Ohren und der
Nachtwind trägt die Laute weiter — horch' —
hörtest Du nichts?*

Nichts, Mylady, nur die Angstzläßt Euch
allerlei vernehmen. Wer sollte auch zu dieser
Stunde im Schloßgarten sein J Nur noch we⸗
nige Minuten und wir haben das Plätzchen
erteicht. Also Muth, Mylady! Denbt an den
armen Herzog!“

Und wieder glitten sie geräuschlos vorwärts
im Schatten der Gebüsche, bis sie vor dem
Eingang eines Art Durchgangs oder einer
daube standen, und die Dienerin die Dame
zurückhielt. Dann zrat Erstere in den Eingang,
pährend die Letztere sich in den Schatten eines
Rofenstrauchen sellte, um so sicherer unentdect
zu bleiben.

„Mylady!“ ertönte eine leise Slimme.

Die Dame trat gleichfalls in den Ein—
zang und ließ sich auf eine Bank, die im
entferntesten Winkel der Laube stand, nieder.
Sie hüllte sich fröstelnd in ihren Mantel trotz
der milden, warmen Nacht, und lauschte an—
gestrengt auf jedes Geräusch. Aber Minute
cuf Minute verrann — Alles blieb still, NRichls
regte sich.

„O, Ruth, wäre ich dah eim geblieben,“
flüsterte endlich die Dame mit angstgefüllter
Stimme. „Es ist mir, als zöge sich meine
Brust vor Farcht zusan nen — wenn mein
Bruder —“

Beruhigen Sie sich, Mylady, es ist eine
voslkommene Unmöglichkeit, woran Sie denken.
Niemand als ich hatte das Billet in Händen,
es ging von denm Herzog durch mich direct
an Sie über. Wie wäre es demnach denkbar —“

Ein leiser ferner Schritt wurde hörbar,
die Frauen zogen sich furchtsam in den dich⸗
testen Schatten der Laube zurück. und gleich
darauf trat eine hohe, kräftige Maunnesgestalt
in den Eingang, und versuchte das tiefe Dunkel
zu durchdringen.

Mary!“* flüsterte der Mann leise.
Charies!“ entgegnete eine schüchterne,
doch von Glück und Freude bebende Frauen⸗
stimme, und im nächsten Augenblidc hielt der
Angekommene die zarte Gestalt in seinen
Armen, während Ruth die Vaube verließ, um
draußen ihren Wachtposten anzutreten.“

O Margy, holdeste Prinzessin —“

„Unvorsi htiger,“ zürnte sie, ihm den
Mund mit ihter kleinen, sammetweichen Hand
verschließend, „wenn Jemand diese Worte
dörte !“

„Es wird Niemand hören, meine ange
betete Geliebte, meine süße, holde Mary,“
entgegnete der Mann, sie so leidenschaftlich an
sich pressend, als wolle er sie in seinen Armen
serdrücken. „O, wie ich Dich liebe, Mary!
Tausend Mal mehr noch um Deines Ver—
zrauens willen, daß Dich zu dieser Stunde
in meine Arme führt! Ich danke Dir,
Mary, Du Licht meiner Tage, und bitte
Dich, mir noch einmal zu fagen, dak
Du mich liebst und den armen, unbedeu⸗
zenden Charles Brandon ewig lieben wirst,
daß Du nimmer von mir lassen kannst. Wie⸗
derhole mir noch einmal die Worte, die da⸗
mals im ersten Sturm des neuen Glüds über
Deine rosigen Lippen kamen.“

Zitternd in jungfräulicher Befaugenheit
bei der leidenschaftlichen Sprache des Herzogs
von Suffolk verbarz Prinzeß Mary ihr Köpfchen
gu der Brust des Geliebten.

Ich weiß nicht mehr, was ich damals
sagte, Charles,“ hauchte sie leise, und wäre
        <pb n="576" />
        es nicht so dunkel gewesen, so hätte der Herzog
das liebliche Erröthen der Prinzessin bei diesen
Worten gesehen. „Ich war namenlos glücklich,
daß ich meine Schüchternheit nicht bewahrte,
wie es sich wohl für ein sittsames Mädchen
zepaßt hätte. Aber Charles —“ fügte sie
tammelnd hinzu, „ich habe Dich so unend⸗
lich lieb!“

„Behalie mich ewig so lieb, meine süße
Mary,“ flüsterte der Herzog gerührt, „wenn
sch auch nicht weiß, womit ich die Liebe des
schönste⸗, holdefsten, liebenswürdigsten Wesens
berdient habe. Durch Deine Liebe gibst Du
mir das höchste Erdenglück, und ich sehne
mit Ungeduld den Augenblick herbei, wo ich
bei dem Könige um Deine liebe, kleine Hand
anhalten darf.“

Noch nicht, Charles, noch nicht!“ flehte
Prinzeß Mary. „O, verdirb nicht Alles durch
Deinen Ungestüm! Der König liebt mich, er
hat mich so oft versichert, daß er nur mein
Glück wolle, und ich selbst werde es mir von
ihm erbitten.“

„Du, Mary?“ sfragte der Herzog halb

erstaunt, halb unwillig. „Das dulde ich nicht.
Ich werde selbst um die Geliebte beim Kö—
nige anhalten, umn damit dem rechtmäßigen
Gang der Dinge, wie er von Anfang her
gewesen ist, zu genügen, und ich hoffe zu
Gott, daß mein sehnlichster Wunsch er⸗
füllt wird.“
IIch fürchte, Charles, Dein Stolz bringi
Dich auf einen unrechten Weg,“ euntgegnete
die Prinzessin betrübt. „Du kennst Heinrich
nicht. Er hat das beste, edelste Herz der
Welt, aber er wäre im Stande, wenn Du
um die Hand einer königlichen Prinzessin
anhieltest, die ich nun doch leider einmal bin,
darin einen Uebermuth zu erblicken, und dann
wäre Alles verloren. Sei vorsichtig um unserer
Liebe willen l“

„Wenn mich die Vorsicht nicht zurückhielte,
Geliebte, ich ginge noch in dieser Stunde zum
skesnige und forderte von ihm mein ganzes
künftiges Lebensglück,“ rief Charles Brandon
jseurig aus. „Wir — oder vielmehr ich —
Mary — habe einen gefährlichen Feind, der
noch zu hoch in der Gunst Deines königlichen

Bruders steht, als daß er mich nicht vernich—
len lönne. Wir haben uns gegenseitig kein
deid zugefügt, aber wir fühlen, daß wir uns
hassen und unsere Wege niemals zusammen
zehen können, daß der Herzeg von Suffolk,
der wahre, aufrichtige Freund des Königs und
der egoistische, ehrgeizige Bischof Wolseh memals
nebeneinander bestehen werden. Also entweder
— oder. Noch fühle ich meine Kräfte denen
des falschen Pfaffen gewachsen, und ich werde
ie anwenden, den König und den Staat
»on diesem blutsaugerischen Vampyr zu befreien.
Dann, Mary werde ich um Dich beim Könige
uhalten, und mir wird ein Glück zu Theil,
vas ich, so lange Wolsey am Ruder, nicht
genießen werde. Weder Deine Bitten, noch
die meinigen reichen so weit wie die List
eines ränkesüchtigen Pfaffen. Dir dies zu sagen,
jat ich Dich hierherzukommen, meine Geliebte,
ind nun habe Muth und Geduld; meine
eigene Sehnsucht, das Ziel meines Strebens
u erreichen, bürgt dafür, daß ich handeln
werde.“

„Wolsey 7“ murmelte die Prinzessin tonlos
ind der Herzog fühlte das Beben ihrer Gestalt.
„Du willst es wagen, mit dem Manne einen
dampf einzugehen, dessen Grundsätze kaum
zinen ungünstigen Ausgang zweifelhaft lassend“

„Berudige Dich, Mary, ich werde diesem
Wolsey gegenüber klug sein wie die Schlangen.
Der Mann geht auf keinen offenen, ehrlichen
dampf ein — Hinterlist und Tücke find seine
Bundesgenossen, und dagegen kann ich allerdings
nicht kämpfen. Ich werde dem Konig die
Augen über diesen vermeintlichen, treuen
Kathgeber zu öffnen suchen, und derselbe wird
sich weigern, einen Mann in seiner nächsten
Umgebung zu behalten, dem sein eigenes In⸗
eresse und Wohlergehen höher steht, als das
des Staates. Doch still — was war das ?“

In demselben Augenblick trat Mary's
Begleiterin in den Eingang der Laube.

„Es ist eilf Uhr, Mylady,“ flüsterte fie,
„wir haben dem Diener befohlen, halb zwöls
Uhr das Seitenpförtchen zu schließen, ich glaube,
wir müssen eilen.“

GFortsetzung folgt.)

Druck und Verlag von J. X. Demneß in St. Ingber“.
        <pb n="577" />
        — Untlerhaltungsblatt
—St. Ingberter Anzeiger
Nr. 1485Donnerstag, den 14. Dezembꝛer 157I.
— — — —
Auf dem Throne.“
J gistorische Rovelle vonn
Nobert Frauz.
(GFortsetzung ʒ.
„Schonf“ fragte der Herzog schmerzlich.
Geh' nur, Mary, geh',“ fügte er dann leb—
haft hinzu, „diese Trennung ist nur von
kurzer Dauer, sie wird ihr Ende in einer
unauflöslichen Verbindung finden. Ich werde
wirken für unser Glück, sei getrost! Wann
sehe ich Dich wieder? In diei Tagen um
dieselbe Stuude ?— —
5 „Nicht: doch. Chaxles, Du darfst das nicht
pon mir verlangen,“ entgegnete die Prinzessin
vorwurfsvoll. „Ich habe schon zuviel gewagt,
als ich Die diese Zusammenlunft bewilligte,
aber Ich konnte Deinen Bitten nicht wider⸗
stehen. Jetzt laß' es genug sein, wir sehen
uns fast jeden Tag und können manches Mal
einZunbeachtetes Wort mit einander wechseln.“
„Als wenn; mir das genügte, Mary!“
rief Charles leidenschaftlich aus. „Worte wech⸗
seln, wo mich jede Fiber meines Herzens drängt,
Dich in meine Arme zu schließen und an mich
pressen ! Aber ich gebe Dir Recht, ich darf
ine neue Zusammenkunft mit Dir fordern.
Wir müssen-unendlich vorsichtig sein, um nicht
den leisesten · Verdacht zu erweclen und darum
entsage ich dem Glück, Dicqh Aubelauscht zu
sprechen.“
.Les wohl, mein Charles, ieb' wohl!
rief die Prinzessin aus. „Es ist ist die hochste

— 3

Zeit, daß wird uns trennen, wenn nicht Alles
entdeckt werden soll.“ *
Noch eine lange, innig:? Umarmung, ein
heißer Kuß und behutsanm traten heide in's
Freie. Der Mond hatte sich hinter einer
oorüberziehenden Wolke verborgen, und be⸗
günstigte so scheiubar das nächtliche Zusam⸗—
mentreffen. F
Nur noch einen kurzen Moment und die
zierliche Gestalt der Prinzessin war nebst ihrer
Dienerin verschwunden.

Langfam trat der Herzog seinen Rückweg
an, aber die Nacht dünkte ihn zu schön, um
fie nicht im Freien zu genießen, und unter dem
Schatten einer Blutbuche tiäumte er we ter
bon dem Glücke: das er in den Armen der
Geliebten genoffei.

Quumi hatten die Prinzessin und der Her—
jog die Laube verlaffen, als plötztich wie ein
nächtliches, unheimlichs Gespenst dort eine
andere“ Gestalt auftauchte,“ die im tiefsten
Dunkel des Gebüsches versteckt gewesen war.

Ha, Kuabe; Du sollst den ränkefüchtigen
Pfaffen, den egoistischen, ehrgeizigen“ Bischof
Wolifey kennen lernen,“ murmelte die Gaftalt
drohend mit geballter Fanst, und bletzeinden
Augen. „Dieser blutsaugerifihe Vampyr wirs
Dir den lehle a VTrohfen Lebenstust und Freude
aussaugen, damit Du ihn fürchten lernst· Ja,
entweder — »oder.“ Du oder ich. Da bleibt
nichts anbeies übeig; aber? Du kennst den
Bischof““ Wolseh noch nicht, wenn Du
glaubst, ir würde fich von einem:: Knaben autß
seiner Höhe herabstürzen lassen. Ich Berdt
Deine stolzeu, hochsahrended Plant vernishlen,
bιιν ι u e.4
        <pb n="578" />
        noch ehe Du eine Stufe e
Deines Glücke*

— ——

„Ich“ gebe Ew. Majestät vollkommen Recht,
der Krieg mit Frankreich muß beendigt werden
Die Finanzen haben nie so schlecht gestanden,
die Geschäftee liegen: darniederz, der Bürger
murrt vor jeder Lueien Steuerbörlage, und äch
seheden. Tag fommen, wor es mir unmöglich
jein wird, die Casse Ew. Majestät aufs Neut
zu⸗füllen. Echon glaubt das Voll in mir
den Urheber alles Elends zu erkennen, die
Zwangsanleihen und Erpressungen, die so un⸗
umgänglich nothwendig sind, diesen Krieg fort
—V
und man verfolit mich mit „den niedrigsten
Schmaͤhungen, obgleich Alles nur im Dienste
meines Herrn undestönigs geschieht. Doch ich
würde, dies gern ertragen, wennich ein
günstiges Ende dieses Haders voraussähe,
—D
Der Bischofn Wolsey/ unterbtach sich nach
dieser Rede selbst mit einem Achßlzuchen. und
der Koͤnig,augenscheinlich nicht in der Laune,
tiwas zu exwiedern, zzblickte mißmüthig. und
perstimmt vor sicha nieder. iEt hatte sich zwa:
keineswegs pon der Unhestechlikeit und strengen
Rechtlichtein des Gischofs überzeugt, denn der
König war klug genug, einzugehen, Ddaß ein
jolcher, zmit allem Luxus und Komfort det
dedens ausgestatteter Polast. wie hnder Bin
schof von Lincoln- besaß. ponviesenn nicht
mit· rechtmäßig erworhenem Gelde hergerichtel
—D —

Aber er fand nicht Leicht einen Mann
wieder, der so befähigt war, das Ruder des
Slaates zu lenlen und. vot allen Dingen so
zur rechten Zeit Geld herbeischaffen konnte,
venn es nöthig war. —
n Bischof Wolsey war dem Könige mit einem
Worxte unentbehrlich geworden, so sehr ihn auch
oft dessen Hochmuth, Stolz und. Anmaßung
verdrossen nebenbei wußte dieser sich stets das
Asgsehen zu geben, qls handle Fer nur nach
den streugsten Befehlen und Wünschen des
Königs.h, DD vgt 3 ιιν
Nachdem⸗ der König eine Weile stumm
dagesessen hatte und der Bischof einsah, daß

derselse nicht gey⸗e die Unterhaltung
aufzune hmen, Un,

V, Wonnt Enn meinen geringen
Rath in Anspruch nehmen wollten, so möchte
ich wenigstens den Versuch aunempfehlen, eine
Friedensverhandlung anzuknüpfen, um zu sehen,
welchen Vortheil wir daraus ziehen könnten.“
asoEiuen Vortheil ?28fracter der Körig m'it
— D

„Wir müff allerdings geben, aber dafür
auch gehnien, undes handelt sich daun nür
darum. wir. den Meislen. Cewinn davön zicht.“
jagte der Bischof vorsichtig.

Der König horchte hoch „auf, er lannte
seinen Raihgeber gutk geing, ünd wußte, daß
er keinen Plan, an den Tag brachte, dissen
Ausführung eine Puwöglichteit und der nich
bollkommen durchdücht und fertig war.

Allerdings mußte. ihn ein solcher Frieden
mit Frankreich ————— aher — wenn
sie fich nitt gr zue hochn beliefem, so war
das immerhins!noch“ besser, als dieser koft⸗
spielige Nricg. nunnea
n Sprecht“ ohne weltere Umstände, Bischof,“
sagle der König daher nach einer kleinen Pause.
Wir werden Furen Plan in Erwägung ziehen,
den wir wissen daß diefer Frieden nicht ohng
Opfer unsererseits geschlossen werden kann.““
att, Däs kämen moch“ auf den Versuch an,
Maje stãt*sagte der Bischof, der sein Ziel
chon.ache vor sich sah, gut gelauntz „Uns
vären gumächst wit einem rechtschaffenen Stück
Beldugebient, und ich hoffe den König von
Fraukreich dahin zus bringen, daß er uns
ju dem Frieden noch eine Million Goldkronen
giebt. — we
aFine Million Goldkronen 28fragte der
sNönig mit zweifelhaften Lächeln, obgleich sich
schon fein noch nicht so weit, ald in späteren
Jahren ausgebildeter Hang zum Geiz bei Nen⸗
anung dieser für seine Verhältnisse enormen
Summe regte. „Eine Million Goldkronen 7
Nerzeiht, Bischof,e wenn ich Euren Geist in
diesem Augenblich fürnz etwas verwirrt halte⸗
aber ich gelobe Euch, wenn Ihr das fertig
bringt, so bringe ich es fertig, daß der Papst
Euch, ehe ein Jahr vergeht. den Cardinals-
hut überträat.n. —— ——

Nur mit Mühe gelang es dem Bischo
        <pb n="579" />
        ein triumphirerbes Lächeln zu ve bergen, dann
sagte er mit frowmer Miene:
dus Ich wütde Ew Majestät dafür sehr
danfbar sein, da sich mire dann ein weiteres
Feld; für das Wohl der allein seligmachenden
Kirche zu wirken, eröffnetr. Doch nun zur
Sache. Der König Ludwig XII. von Ftauk-
reich hat j tzt ein ungesähres Alter von 53
Jahren erreicht 7, imd da seine Gemahlin im
verflossenen Jahre gestorben ist, so steht er,
wde meine qusgezeichneten Spione mir bericht
haben, im' Begriff, sich zum dritten Male mit
ver · Tochter irgend eines königlichen Hauses
u verbinden: Wir dürfen das nicht dulden.
Majestöt,reine solche· Verbindung:mit einem
andern erlauchten Hause wäre unser Verderben
and doch giebt es nur ein Mittel, den König
vdn Fraukreich für unsere Zwecke zu gewinnen
wirmüssen ihn anEwrs Mojestät:erlauch—
es Haus fesselu.“ni
Aber wie ist das möglich, Bischof“ sagte
der König ägerlich, „warum sagt Ihr mir
das? Wißt Ihr doch, daß ich keine Tochter
habt, die ich dem Köhige von Frankreich zur
Gemahlin geben könntens mi i—
unn ‚Eine Tochter? nicht,aber. Ew. Majestät
haͤben noch eine Schwefter, Seine schöne, —lieby
reizende Schwester,* entgegnete der Bischof
ohne eine Bewegung“ seiner:starren, unheim⸗
lcheneZügen: „Und um dieser Schwester willen
mürd⸗ der König von Franlreich ein nicht une
bedeutendes Opfer btingen;“ niι Mα
vc „Maine Sawester,“ meine holde Priozeß
Mary sollie ich diesem stechen; frühzeitigge⸗
alterten Kbnige zum Weibe: geben? Seid Ihr
tollBischof. N Diesen: Engel. an der Seite jenes
Maͤnnes den ich seines Lebepswandels weges
verabscheue? Nimmermehr!“ νααs
Der Bischof zuckte mit den? Achselarntnrn
.Dann Majestät bleibt uns allerdings
— Krieg fortzusetzen,“
sagierer in einem resignirlen Tone,' wobei er
feine Augen lauernd und durchbohrend auf
das Antlitz des Königsheftete. „Es sind
viele Fürstenhäufer, denen eine Allianz mit
Frankreich sehr willkommen sein wird, und eben⸗
so viele erlauchte Prinzessinen, denen die Krone
einer mächtigen Königin durchaus nicht zu
schwer zum Tragen scheinen würde.“
Der Konig schritt unruhig im Gemache

auf und nieder, während der Bischof Wolsey
mit seiner sanftesten Miene ruhig an seinem
Plaße blieb, und den König unausgesetzt schaxf
beobachtete, .. 411
Et hatte dieses aufüngliche Benchmen des
Fnigs genau so erwartet, zweifelte aber nicht
im Geringsten daran,, daß es ihm dennoch
leicht werden würde, seinen Einfluß geltend zu
machen, sobald verselbe die in Aussicht gesitflte
Dillion Goldkronen in. Erwäqung zog..
Der König, dem noch nie die Mösglichteit
iner solchen Verbindung eingefallen war, mußte
nothwendig das, Vortheilhafte dieser Allianz
ansehen, so sehr er sich auch. dagegen sträubte
und an die Thränen seiner, lieben Mary
dachte, der gewiß nichts fernet lag, ais die
Annahme einer solchen Krone.
Köonig Heinrich selbst, fühlte schwer genug die
dast einer Berbindung, dien nur die Pollilit
geboten, und er hatie oft daran gedacht, der
hescheidenen Schwester, die sich äußerst wenig
ann Glanz und Pracht, kümmerje, ein glück-
icheres Lood anzubieten, als ihm zu Theil
zeworden. war. Aber sein Egoismus zauberie
Hm schnell genug ganz- andere Bilder vor daß
nere Auge und der, Bischof, bemerkte mit
innerer Genugthuung, wie die Züge dez Königs
sich allmaͤhlig gerheliten, und et hald darz
uͤber wie klarer Sonnenschen ausgebreitej
— D——

Zon moot Recht haden.Sischoßub
der König an, „manche Prinzessin wiür de es
vielleicht als ein grokes Glück aͤnsehen, Königin
von Frankreich zu werden, aber, Ihr ennt
unfere xrlauchte Schwesier schlecht, wenn Ihr
glaubt, derselhe durch eine solche Verbindung
tinen Dienste zu heisten. Prinzeß Maxy hält
es für das höchste Glück, ein bescheidenes Looß
mit dem Geliebtenihres Hetzens. zu theilen
und lich befürchte, wir werden durch das Ein-
schlagen dieses politischen Weges,einen schweren
Kampf mit ihr haben,“
Ein Frauenherz ist aicht allein wie Wachs,
das sich deicht durch Ueberredungskunst dilden
und ormen Läßt, wie manes hahen will.
sagte der Bischof. salbungsvoll, sondern
auch von Gott zum Gehorsam bestimmt, un

wann bliebe einer. Fürstentochter, jemals die
freie Wabl 2N illerings wird Primaeßn Mary
sich ranfänglich fträuben,“ denn gerade in ihren
        <pb n="580" />
        Jahren achtet man welniche Größe noch zu
gering, aber fie wird sich in ihr Schichssal fügen,
und im Glanze der“ Pracht und der Festlich
keiten des französischen Hofes bald genug das
bergessen lernen, was sie jetzt als ein Glück zu
bettachten gewohnt ist.“
Der Konig schüttelte zweifelhaft den Kopf.
„XWir werden unser Heil bei diesem Mad⸗
hhenherzen versuchen, Bischof, versucht Ihr das
Eure beim französischen Könige. Was wir
Ekuch versprochen haben, halten wir, denn wir
leugnen nicht, daß uns für den Augenblick eine
Mistion Goldkronen das liebste wäre, was wir
gebrauchen lönnen: Also füt die Million den
Tardinalshut. Wollt Ihr aber jetzt auch einen
Rath unsererseits annehmen, «so haltet Euch
möglichst fern von unserer erlauchten Schbester
hie leicht genug erruthen wird, went sie diese,
für ihr Plondlocliges Köpfchen allerdings etwat
schwete Krone zu danken haben wird.“ Und
dann geht an's Werk, Erzbischof von MPork,
vozu wir Eüch hiermit bdeflätigen, thut Cutt
Schuldigkellt undseßt Himmei und Erde in
Bewerung/ daß wir bald ein glänzendes Bei⸗
jager zu fei⸗rn häben:“e Y αR
zArmer Suffolk? atmer Fteund!“mur⸗
elte der Konig nachdem ihn der nunmehrih
—A
Eifen zu schmieden, so lange es noch glühte.
„Wie bedaure ich Dich und meine kleine, holdt
Mary! Ja, ich weiß, daß Ihr Euch mit alser
Reinheit und Innigkeit einer ersten Liebe er⸗
zeben seid,“ aber es dleibt mit nichts übrig,
als Euch schon jetzt zu trennen, eine Fürsten
ochter darf nie ihret Liebe folgen, trotzdem
etßz kein groößeres Glück geben mag. Pah!“
fuhr erx nach kurzem Nachdenlen; die Sentimen
ialitäi von sich abschüttelnd, fort, Zich glaube,
ich fühle in diesem Augenblick einige JAnlagen
zur Sthwärmerei, fort damit 1 Nichts!ist füt
rinen Fürsten unde die Poutik gefährlicher als
ein weiches Herz, das leiet auf Abwege, Die
fich nicht mit dem Wohle des Stagates ver⸗
binden laffen. Gradaus sel mein Weg, vder
zu meiner Ruhe führt, man Niebt nicht sd
feicht amyebrochenen Herzen, wie' ich einft
—— glaubte, aber wenn man von Stufe zu
Stufe höher steigt auf der Leiter des Ruhmes,

wenn man mächtiger: und gefürchteter wird,
das hat wahren Werth, den Ruhm und die
Macht kann uns Niemand rauben — das
Glück zerfällt wie eine Glasscherbe, und man
baut auf seinen Trümmern kein neues auf.“
Gorifetzung folgt.
u Rannigfaltiges.
9 5.*
Londorn. Im Cruystallpalast zu Syden⸗
ham ist wieder eine Katzenausstellung, die
zweite in diesem Jahre, eröffnel. Der Kata⸗
log ist diebmal viel xeichhaltiger und zählt
459 Nummern. Außer einer sehr beträchtlichen
Anzahl heimischer Thiere find Katzen aus
Australien, Indien, Siam und andern Län⸗
dern ausgestellt, darunter ein kurzhaariger,
schwarzer Kater, der, wie der Katalog besagt,
die Belagerung von Paris mitgemacht hat,
ohne gegessen worden zu sein.
2 * J

Ehemann und Hagestoiz.) Eine Frau
haben — meinte in kinem- Londoner Blatte
neulich ein Humoriste heißt so viel als neu⸗
gebackenes Frühstück, dampfender Kaffee, rund
Arme, rothe Lippenfreundliches Geplauder,
ein Hemd, an dem die Knöpfe fehlen. bereit⸗
stehender Stiefelknecht, Glück, Wohlbefinden
u. s. w.zdeine Frau haben bedeutet Matratzen
mit gesprungenen Federn, blaue Nase, unge⸗
heizten Ofen, Eisftückchen im Lavoir, die
Wäsche nichl zurechtgelegt, Strümpfe ohne Ferse,
den Morgens Imbiß zäh wie Guttapercha, Hüh ⸗
neraugen, Rheuma, Husten und Schnupfen,
taltgewordenes Mittagessen, Kolil, Rhabarber,
kurz jedes nur erdenkliche lleine Leiden“ des
menschlichen Lebendd.

NEin komisches Mißgeschick hat den Heraus⸗
gebet des Neuen mährisch ⸗schlessischen Wan⸗
derer“ Kalender pro 1872) getroffen. Im
Nalender steht zu lesen, daß im kuünftigen
Jahre,un wohl zum ersten Male seit Bestehen
des GregodianischenNalenders, der Alscher⸗
mitswoch auf einen Donnerstag Fält

25 13
Dwid und Verlag von F. X. Dænaes in St. Auabert. 43
        <pb n="581" />
        Unterhaltungsblatt
vereg 33 . m aan 9415

J 24

* ⸗

—VA * ——
St Ingberter Anzeiger.—
Vr. 149. Sonutag, den 17. Dezember — —
Auf deim Throne.“
—, Historische Nodelle von J *
* Robert Franz. J 5

F GForisetzung) 9 F
— VI.
Waährend der Herzog bon Suffoit Tag
für Tag eifrig darnach strebte, seinen Feind
Wolsey von dem Köonige zu entfernen, und
denselben auf dessen Eigennutz, Habgier und
Hochmuth aufmerksam zu machen, ahnte er
wohl wenig, wie schon das Gewitter über
seinem Haupte schwebte, das mit einem Schlage
alle seine kühne Hoffnungen und Glücksträume
vernichten würde..

Der Konig hatte entweder nicht den Muth,
ihn mit seinen Plänen bekannt zu machen,
oder er hielt es nicht für nöthig, seinen Freund
schon jetzt von den nahebevorstehenden Ereig
nissen zu unterrichten. Allerdings hatte die
Ernennung des Bischofs von Lincoln zum
Erzbischof von York den Herzog nicht wenig
hbeunruhigt, denn es zeigte ihm, wie hoch der
jelbe noch in der Gunst des Königs stand,
aber einestheils gab sein jugendlicher, heiterer

Sinn es nicht zu, sich daxüber weitere Ge—
danken zu machen, anderntheils fühlte er sich
selbst zu sicher, um seinen eignen Sturz zu
fürchten.

Die Prin jessin Mary sah er oft. Der
Herzog von Suffolk, als unzertrennlicher Be
gleiter des Königs, genoß häufig das Vorrecht
den Cavalier derselben abzugeben.

Der Konig selbst freute sich über das

schöne Paar, wenn es strahlend vor Glück und
Freude auf den beiden Rappen dahin sprengte,
und die Prinzessin mit so sicherer, zierlicher
Haud die Zügel ihres Renners regierte, als
lenne sie keine andere Beschäftigung.
. Ahnungslos rückte für Beide der Tag
der Trennung heran, ohne daß die kleinste
Wolle diese letzten glücklichen Stunden trübte.
Mittlerweile flogen unaufhörlich Couriere
von London nach Paris und wieder zurüch;
der Erzbischof wurde pon Tag zu Tag heiterer
und besser gelaunt, denn der erwählte Weg
bot ihm nicht die geringsten Unebenheiten,
alles schien sich se nen Wunsche gemäß zu ge⸗
stalten und zu ordnen. WW
Die Millionen Goldkronen dünkten Lud⸗
wig. XII. für eine sc schöne, jugendliche Ge⸗
nahlin, wie die Prinzessin Mary, nicht zuviel.
Er hatte alle Freuden des Lebens gelostet,
und jetzt, wo ein vorzeitiges Alter ihn an
das Bett fesselte, lag für ihn ein eigener
Reiz darin, noch ein halbes Kind zu seiner
Gemahlin zu erheben, und sich durch ein hei⸗
jeres, lebendiges Wesen die trüben, von Gicht
geplagten Stuuden vergessen zu machen.
Odb sich dieses schöne, junge Geschöpf zur
Königin von Frankreich erheben lassen wollte,
ob es Lust und Reigung hatte, ihr volles
deben an das eines Greises zu tnüpfen,
darum kümmerte sich VLudwig wohl wenig,
dachte kaum darüber nach, denn ohne seine
Lebensweise in Anrechnung zu bringen, hielt
er sich noch in seinem Alter berechtigt, nach
jeder kostbaren Blüthe die Haud auszustrecken.
Im August des Jahres 1514 wurde der
Friede zwischen England, und. Frankresch
        <pb n="582" />
        plötzlich und unerwartet geschlossen, ohne daß
man, selbst in den nächsten Kreisen des
Königs, irgend welche Ahnung non den Frie ⸗
denspräliminarien hatte. Das Volk athmete
indessen erleichtert auf, der königliche Palast
wurde der Schauplatz der rauschendsten Ver⸗
guügungen, und der König selbst schien wie
neu belebt, während der Erzbischof von PYork
höher und sicherer fin der Gunst desselben stand
als je zuvor. b

Alles athmete Lust und Freude im Schlosse,
nur ein Herz schlug voll banger“ Ahnungen
und Befürchtungen, obgleich die Angst vor dem
zeftigen, aufbrausenden Character ihres Ge⸗
ljebten die Prinzeß Mary hinderte, dieselben
dem Herzog von Suffolk mitzutheilen.

Die zweidentigen Anspielungen ihres kö⸗
niglichen Bruders auf ihzre bevorstehende Ver⸗
bindung, auf eine Stellung, die fie demnächst
einnehmen würde, und daß er hoffe,“ stets in
ihr eine treue Verbündete zu sehen, erfüllte
sie mit banger Sorge für die Zukunft. Ver—⸗
gebens suchte sie den vollkommenen Sinn
seiner Worte zu erforschen und manche Thrüne
des Kummers rann in dunkler, verschwie⸗
zener Racht über ihre Rosenwangen auf die
weichen Kisse.

Auch der Herzog von Suffolk fühlte sich
nicht mehr so sicher und ruhig,“ als in jener
Racht im königltchen Schloßzarten, wo sein
jugendlicher Uebermuth ihm die Hand einer
Prinzessin so leicht erreichdar erscheinen ut
daß nicht einmal der leiseste Zweifel an da
Gelingen seines Planes in ihm austauchte.“
Zwar bewies sich der König in seiner
Gnade ihm gegenüber unveränderlich, die
Freundschaft für den Ritter ließ ihn manche
Nachsicht gegen denselben üben, und gestatteten
ihm Freiheiten, die König Heinrich von keinem
seiner Höflinge geduldet hätte, aber neben dem
Herzog und vielleicht noch höher als dieser
stand der Erzbischof von York, so ficher und
ftotz, daß sich alle Welt vor ihm, wie vor
einem Konige beugte. a
Ihn zu ftürzen, war eine vollkommene
Unmöglichkeit, und was noch schlimmer als
das, war der Umstand, daß der König be⸗
reits zu wiederholten Malen den Wunsch aus⸗
gesprochrn hatte, der Herzog mögesich eine
hin ebenbürtige Gemahlin aus dem Kreise des

hohen alten Adels wählen, um so seinen neuen
Rang und Titel noch mehr zu befestigen.
Und doch wußte der König um seine
diebe zur Prinzeß Mary, doch hatte er seinen
Freund so oft geneckt, wenn er dessen Augen
mit dem Ausdruck unendlicher Liebe auf seiner
Schwester haften sah und diese mit lieblichem
Erröthen den Blick zu Boden senkte, Aufangs
hatte per“ Königsch rzend den Wunsch ausge⸗
sprochen, den Herzog in eheligen Banden zu
sehen, aber allmählich —war es ein ernsteres
Drängen geworden, und er sah kein, daß er
dem Könige auf die Dauer nicht wiederstehen
könne, ohne einen ttiftigen Grund für seine
Weigerung/ anzugeben. 124
Nach einer schlaflosen, traurig verlebten
Nacht erhob sich Prinzeß Mary von ihrem
Lager. Ihr königlicher Bruder hatte sie am
dorhergesgenden Abend um eine Unterredung
jür den heutigen Tag bitten lassen, und fie
sah dieser Stunde mit ungewisser Angst und
Furcht entgegen. Sie fühlte die Schwüle der
Atmosphäre, die einem Gewitter vorherzugehen
pflegt, und wußte nur nicht, von wannen es
sich entladen würde. J
Sie saß jetzt angekleidet auf dem weichen
Sopha in ihrem reizenden Boudoir, das au
Beschmack und Luxus alle andern königlichen
Zimmer übertraf. Prächtig geschnitzte Meubles,
mit jchwellenden Polstern von roth⸗ und gold⸗
zestißter Seide, schwere Vorhänge, weiche
Teppiche und dann noch die vielen Luxusge⸗
genstände, kostbare Gemälde und Statuen —
kurz, alles was Reichthum und Geschmack
hervorzuzaubern vermögen.
Die Prinzessin trug ein weißes Morgen⸗
kleid mit btauen Schleifen, ein kokettes Häub⸗
hen von Spitzen vermochte nicht die üppigen
docken zu bergen und diese drängten sich nach
allen Seiten hetvor. Der kleinste Fuß, der
se einen Teppich betrat, ruhte in gestickten
Schuhen auf einem schwarzen Sammeikifsen
währeud die schmale, feine Hand der Prin⸗
zessin eifrig beschäftigt war, die hellen Tropfen,
die dann und wann über die ungewöhnlich
blassen Wangen herabglitten, mit dem Spitzen⸗
tuche zu trocknen.
Athemlos lauschte sie auf jedes Geräusch,
zitternd vor Angst, den gefürchteten“ Schritt
des Königs zu vernehmen. Selbst mit Ruth,
        <pb n="583" />
        für welche sie sonst steis ein freundliches Wort
hatte, sprach sie nicht und diefe blickte traurig
auf das blasse Antlitz ihrer geliebten Herrin,
der sie mit Leiß und Seele Rergeben war.
Dann schlich die: Dienerin sich wieder in das
angrenzende Zimmer zurück, mit dem Gedan⸗
ken, daß Ruhe und Einsamkeit am shnellsten
die Wolken von der Siirn der Prinzessin zer⸗
streuen wüurde. —

„Ah sieh' da, meine theure, lleine Prin⸗
zessin, meine liebenswürdige Schwester,“ rief
der Körig aus, als er etwa nach Verlauf
einer Stunde eintrat und der Prinzessin die
Hand küßte, die fie ihm nur mit Widerstreben
uͤberließ, „Es ist uns so selten vergoͤnnt, einen
Blick in die strahlenden Augen unseret Schwe⸗
ster zu werfen, daß es uns ein Festtan dünkt,
wenn die Zeit es erlaubt, Ew. Hoheil einen
Besuch abzustatten.“

Trotz des“ scherzenden Tones.den der
sönig anzurehmen sich bemühle, erkannte die
Pringessin doch sofort, daß ein wichtiger
Grund ihn diese Untertedung suchen ließ, und
es war für fie doppelt peinlich, ihn leichtfertig
sprechen zu hören, wo vielleicht etwas von
großer Wichtigkeit zu verhandeln vorhan⸗
den war.

3

„Ew. Hoheit scheinen weniger von dem
Besuch des Bruders entzückt,“ fuhr der König
ebenso fort, als die Prinzessin ihm nur durch
einen schweren Seufzer antwortete, „und doch
ist eben dieser Bruder so sehr für das Wohl
ver Prinzeß Maryh besorgt, doch hat eben
dieser Bruder alle Hebel in Bewegung geseßt,
für seine schöne, holde Schwester eine Stellung
in der Welt ausfindig zu machen, die allein
ihrer würdig ist und ihr eine goldene Krone
auf das edle Haupt drücken soll. “
.Gine Krone!“ hauchte die Prinzessin
onlos mit bleichen Lippen und fahlen Wangen.
„O, mein königlicher Bruder, erlaßt mir die
Qual, eine Krone zu tragen, wollet mich nicht
von Euch forttreiben in die fremde Welt,
Ture einzige Schwester, die bei Euch so

Thränen traten in die flehend auf ihn
gerichteten Augen, aber König Heinrich hatte
sein Herz gestählt, damit die hellen Tropfen,
die eine große Macht auf ihn ausübten, ihn

nicht rühren konnten und in ein helles Lachen
ausbrechend, rief · er: , ti zette

Ihr seid ein Kind, Mary, ein vollkom⸗
menes Kind, das noch zu wenig die Freuden
der Welt kennen gelernt hat, um begreifen zu
können; was sich einer armen Prinzessin für
eine- Aussicht exoffnet.Richt jede Prinzessin
ist dazu bestimmt, eine Krone: zu tragen, sich
als Herrscherin eines mächtigen Reiches mit
allen Genüssen des Lebens zu umgeben, an
der Seite eines Gemahls zu lehen, der leinen
andern Wunsch in sich trägt, als seiner an⸗
gebeteten Gemahlin ein Paradies auf Erden
zu schaffen — —

.O sprecht nicht weiter, mein, Bruder,“
schluchzte die Prinzessin, die schon die ganze
Schwere des üher sie heraufbeschworenen Ver⸗
hängnisses empfand. Die früheren Anspielungen
ihres Bruders auf ihre demnächstige Stellung
zeigten ihr“ jetzt deutlich, daß ihr Schicksal
bereits bestimmt sei, und sie fühlte nicht den
geringsten Muth, noch die Kraft in sich,
Widerstand zu leisten.
uSollte man doch glauben, Prinzessin,
man wollte Euch das größten Unglück mit⸗
theilen/ anstatt Ueberbringer einer Krone zu
sein,“ fuhr der König mit erzwungenem La⸗
chen fort. Ich bitte Euch aber, zu erwägen,
daß eine Prinzessin nur- nach dem glänzend⸗
sien Loose zu streben hat, daß sie durch ihre
Stellung dem Staate nützen muß; und das
könnt Ihr als die Gemahlin des Königs von
Frankreich !“

Die Prinzessin stieß bei den letzten Wor⸗
ten einen leisen Schrei aus und starrte ihren
Bruder mit halbgeöffneten Lippen an, während
auch der letzte Blutstropfen aus ihrem Gesichte
gewichen war.

„Königin von. Frankreich!“sagte die
Prinzeffin tonlos, als sie in dem eisigen Ant—
litze des Königs sah, wie ernst er die Worte
meinte. Königin von Frankreich! Ich mit
meiner Jugend soll meine Hoffnungen an der
Seite eines alten, von Gicht geplagten Gatten
begraben, soll die Pflegerin eines Mannes
werden, den ich nicht einmal achten, viel
weniger lieben kann!“ —WP
— Sie dedeckte ihr Geficht schluchzend mit
beiden Händen.8 —
DDu bist eive Närrin, eine Schwär merin,“
        <pb n="584" />
        sagte der Köonig gereizt. „Was ist die Liebe
einer Prinzessin, die nicht das Recht hat zu
lieben, sondern deren Pflicht es ist, ihre In⸗
deresse denen des Vaterlandes zu opfern. Seid
vernünftig, Mary. und vergeßt⸗ nicht, daß ich
schon zu viel Nachsicht mit Euch hatte, indem
ich eine Liebelei mit einem Manne duldete,
der es nie wagen darf, seine Hand nach einer
Prinzeffin Englands auszustrecken · 5

Wie vom Blitze getroffen, zuckte die Prin⸗
zeffin bei den letzten Worten des Köonigs zu⸗
sammen — die Thränen versiegten in ihrem
Quell und nur mit Mühe hielt sie sich aufrecht.

Das entschied. Der König wußte um
ihre Liebe zum Herzog von Suffolk, nur seine
Nachsicht hatte das Verhältniß geduldet, und
Prinzen Marhy fühlte, daß er nie in eine
Verbindung willigen würde, die fie als nichts
Unmögliches angesehen hatte.·.

Ein endloser Jammer erfaßte sie, zugleich
aber eine Resignation, die etwas so rührendes
an fich trug. daß der König sich zusammen
nehmen mußte, um nicht im⸗ letzten Augen⸗
blicke das Ziel seiner Wünsche dem Leid der
Schwester zu opfern.

ESeib vernünftig, Mary,“ sagte er den
Arm um den Nacken der Schwester schlingend,
„eine Prinzessin darf sich nicht den Träumen
von einem bescheidenen. Loose mit dem Ge⸗
liebten hingeben — sie muß ihre Bestimmung
erfüllen. Auch ich bin, wie Ihr nur zu gut
wisit, in meinem Familienleben nicht glüclich.
Catharina ist nicht diejenige, welche ich liebe,
aber ich mußte meine Liebe der Politik opfern,
wenn auch mit blutendem Herzen. Auch ich
glaubte damit alen Freuden der Welt zu
entsagen, und ich bin doch wieder ruhig ge⸗
worden in dem Bewußtsein, meine Pflichten
treu gegen den Staat erfüllt zu haben. So
wird es auch Euch gehen, Mary. wenn Ihr
erst die Nothwendigleit dieses Schrittes einge⸗
sehen habt, um so mehr, da Euch ein Leben
voll Glanz und Pracht, voll weltlicher Macht
erbffnet wird ·

,„OD, Majestät, nur davon sprecht nicht,“
schluchzte die Prinzessin, „ich kann Alles er⸗
tragen, nur nicht, daß Ihr mir die trügeri⸗
schen Vortheile einer solchen Verbindung vor

Augen führt. Mein Hetz fehnt sich nicht nmach
Glauz und Pracht, ich habe niemals nach
weltlichet Hoheit gestrebt, sondern ein stilles
bescheidenes, glückliches Loos war der Traum
meines Lebens. Wenn Ihr es mir als eine
Pflicht darftellt, als ein Opfer, durch welches
ich dem Volke den ersehnten Frieden und das
Wohlergehen bringe, dann kann ich Euch folgen,
wenn auch mit gebrochenem Herzen, nie und
nimmer könntet ihr mich durch die glänzendsten
Ver prechungen vermögen, daß ich einwilligte,
Königin von Frankreich zu werden. Und nun
geht, Majestät, geht und laßt mich allein,
damil ich Zeit habe,“ mich zu sammeln und
das Ungehenre zu fassen, was so plötzlich über
mich hereingebrochen istẽ
AIch gehe, Mary, aber ergebb Euch mit
Ruth und Vertrauen in das Unvermeidliche,“
jagte der König gerührt von dem Schmerz
des jungen Mädchens, das in diesem Augen⸗
dlick alle seine Lebenshoffnungen zu Grabe
trug. Heute Abend ist große Cour im
Banbkettsaal und ich bringe Euch das Braut⸗
zeschenk Eures Verlobten, das Ihr am heut⸗
igen Abend, als zur Feier der Verlobung mit
dem Könige von Frankreich, anlegen müßt.“
Bei diesen Worten zog er ein mit Gold
beschlagenes Sammet⸗Etui hervor, und über⸗
reichte dasselbe geöffnet der Prinzessin.
Aber Mary zog die Hand scheu zurück,
als fürchte sie, daß die zwoͤlf Diamanten des
dalsschmucks, die ihr entgegenblitzten, sie verbren⸗
len könnten. Dann sank sie in die Polster zurück.
„O, mein Goit, mein Bruder, habt Mit⸗
seid mit mir — Erbarmen! Es kommt Alles
so plötzlich, so überraschend. Gönnt mir nur
noch ein paar Tage Zeit, mich zu besinnen,
nich von dem Schlage zu erholen, der mich
mit niederschmetteuder Schwere trifft ··
z⸗Unmöglich, Mary, unmoͤglich,“ entgeg⸗
nete der König gerührt, „heute Abend wird
in Paris und London jugleich die Verlobnng
des Königs von Frankreich mit der Prinjessin
Mard gefeiert. Muth, meine Schwester, Muth!
Es ist ein großes Opfer für ein schwaches
Mädchenherz — ich gebe es gern zu — aber
das Opfer wird nicht umsonst gebracht.“
EGßortjetzung folgt).
— —— — — — — — — EEEE
Drud und Verlag von J. X. Deiaeß in St. Ingbet.
        <pb n="585" />
        Unlerhaltungsblatt

St. Ingberter Anzeiger.
— 151. J VDonnerstag, den 21. Dezember — 1871.
Auf dem Throne.“*
Historische Novelle von
NRobert Franz.
(GFortsetzungJ.
IX.
Die Vermählungsfeierlichleiien in Paris
hatten endlich ihr Ende erreicht, aber noch
mmer folgte Fest auf Fest, noch immer waren
die Pariser nicht aus dem Taumel des Ent⸗
zückens gerissen, in welchen sie die Ankunft
rziner neuen, an Jugend und Schönheit Alles
übertreffenden Königin versetzt hatte.

Man sang das Lob der holden Mary
auf allen Straßen, in allen Häusern, man
stand Tage lang vor dem Palaste, um nur
einen Blick in ihr reizendes, jungfräliches
Antlitz zu werfen.

Auch der König war von dem Reiz und
der Armuth seiner Gemahlin entzückt, und
der Gedanke, daß Gicht und Alter ihn so an
das Belit fesselten, daß er nicht Hand noch
Fuß rühren konnte, brachten ihn oft an die
Grenzen des Wahnsinns.

Trotz der glühenden Eifersucht, die seine
Seele zerfleischte, konnte er doch nicht umhin,
die junge Königin mit allen Freuden des Le⸗
bens zu umgeben, die sie hier in Paris ge⸗
nießen konnte, und war entzückt, weun sie ihm
freiwillig ein Stündchen opferte, um den
armen, kranken Mann zu unterhalten, den sie
gezwungen ihren Gatten nennen mußte. Nie
hatte Ludvwig XII. Schwachheit und Alter
so sehr verwünscht, als in dieser Zeit, wo ihm

der verkörperte Liebreiz und die Anmuth seiner
Gemahumn recht lebhaft vor Augen führte, wie
es um ihn bestellt war, und die bedauerns⸗
werthen Aerzte, die ein krankes, elendes Le⸗
ben nicht wieder verjüngen und kräftigen
fonnten, betraten zitternd vor Augst das
strankenzimmer, um stets neue Vorwürfe über
hre Ungeschicklichkeit zu empfangen.

Soviel man in England das Glück der
Prinzessin Mary gepriesen, so sehr bedauerte
nan am französischen Hofe die arme, junge
Zönigin, die von ihrem eigenen frommen
Sinn angetrieben, die Pflichten einer Gattin
ttreng erfüllte, und sich durch alle Verführungs⸗
ünste der Welt nicht bewegen ließ, nur einen
Finger hreit von dem Wege der Tugend, den
sie sich vorgeschlagen, abzuweichen.

Alle Liebenswürdigkeiten der französischen
Cavaliere, ihre Unterhaltungsgabe fruchteten
bei der Königin nichts, sie zog sich nur noch
nehr zurück und vergeblich oft das edle,
ilterliche Benehmen des Herzogs von Suffolk,
zer noch durch kein Wort wieder die Gefühle
eines Innern verrathen, mit dem diefer leicht⸗
innigen Franzosen, und allmählich fühlte sie
eine leise Sehnsucht, ihm Alles zu vergeben,
und wieder die Versicherung seiner hoffnungs⸗
osen Liebe zu empfangen.

Es war ein Trost für die junge Königin,
daß ihr königlicher Gemahl fortwährend an
das Krankenlager gefesselt war, denn obgleich
lie einiges Mitleid mit dem armen, schwachen
Manne fühlte und ihm gern manche Stunde
pferte, war es doch für sie ein peinigendes
Befühl, mit ihm, als ihrem Gemahl der Wel
bor die Augen zu treten.
        <pb n="586" />
        Vielleicht var es auch eine Beruhiguug
für Mary, daß sie auf diese Weise dem
Herzog einen großen Schmerz ersparte, ob auch
ihr Herz sich nicht gestehen wollte, daß er
noch ihr einziger Gedanke war Tag und
Nacht, troßz der Sündhaftigkeit, die sie darin
erblickte.

Der Zustand des Königs, der sich in den
ersten Wochen nach der Aukunft der jungen
Nönigin bedeutend gebessert hatte — denn
wenn er auch fortwährend das Bett hüten
mußte, priniglen ihn doch unaufhörlich die
furchtbarsten Schmerzen — verschlimmerte sich
plötzlich in solchen Maaße, daß die Aerzte
jede Hoffuung auf eine baldige Genesung
aufgaben.

Es war für Mary ein entsetzlicher An—
blich, diesen dem Tode geweihten Mann so
gebrochen und vernichtet daliegen zu sehen,
aber troßzdem wuchs nur ihr Mitleid und zum
großen Amusement und Spott der Pariser
drachte sie lunge Stunden im Krankenzimmer
zu und erhei:erte so dem König die letzten
Tage seines Lebens.

Es waren wenige in des Königs nächster
Umgebung, die den Tod des Monarchen als
ein Unglück betrachteten, und nur einer, dem
er sein höchstes, einziges Gut geraubt, fürchtete
diesen Tod wie ein drohendes Gespenst, das
ihm die letzte Hoffnung rauben würden —
der Herzog von Suffolk. Ihm war es nicht
entgangen, welch' zabllose Verehrer und Be
wuaderer' die junge Königin am französischen
Hofe gejunden, wie Alle sich bemühten, ihr
hre Liebe und Nerehrung an den Tag zu
legen und Suffolk war nicht eitel genug,
einen Wettkampf zwischen sich und den ge—
wandten Cavalieren des französischen Hofes
aufzunehmen.

Er hatte bereits bei dem Könige von
England um seine Zurückberufung nachgesucht,
aber derselbe schien ein besonderes Vergnügen
darin zu finden, den jungen Mann in der
gefährlichsten Lage zu lassen und verweigerte
ihm sein Gesuch.

Kaum zwölf Wochen nach der Hochzeit
starb der König und Mary war Wittwe —
eine siebenzehnjährige Wittwe. Sie erheuchelte
keinen künstlichen Schmerz, der Verstorbene
hatte ihr so fern gestanden in jeder Beziehung,

daß sie erleichtert aufathmete, als sein Tod
ihr die Freiheit zurück gab.

Aber sie einpfand auch keire Freude;
sKönig Lu wig hatte sie mit aller Achtung
behandelt, mit Güte und Wohlthoten über⸗
schüttet, wer wußte, ob nicht ahbermals eine
unberufene Hand sich zum Herrn ihres Schick⸗
ijals aufwarf und sie dadurch noch unglücklicher
machte, als je zuvor. Mary war immer
schwach gewesen, aber die letzten Er.igmisse
hatten sie nur noch schwächer gemacht und ihr
jede Energie geraubt, fie fühlte nicht den
leisesten Muth in sich, einen Kampf mit dem
Leben aufzunehmen, der für sie, als eine kö—
nigliche Prinzessin, ohne ferneren Nutzen blieb.

Als der König begraben war, bezog die
Königin die ihr, als der Wittwe zugehörigen
Bemächer, und Franz L., der Nachfolger und
Schwiegersohn des Verstorbenen, bot ihr mit
der ihm eigenen Ritterlichkeit seinen Schutz
an, den sie dankbar annahm. Marhy war jetzt
ihre eigene Herrin und sie sehnte sich nicht
nach der Heimath zurück, wo ein despotischer
Bruder abermals die Gewalt über sie ergrei⸗
fen konnte. Sie fühlte keine Spur mehr von
Liebe in der Brust für einen Bruder, der,
wie sie im Laufe der Zeit erfahren, das ganze
Lebensglück seiner Schwester für eine Million
Goldkronen und die Stadt Tournay hiugegeben.
Jetzt war sie sich selbst überlassen, sie war
einsam; keine Menschenseele, die sie liebte, in
ihrer Nähe, aber sie war zufrieden.

Und doch gab es ein Herz, das, als es
die Geliebte frei und nicht unerreichbar sah,
wieder von neuem alle Liebe in seiner Brust
zu einem verzehrenden Feuer erwachen fühlte.

Als der Herzog von Suffolk die Königin-
Wittwe zum ersten Mal in den schwarzen
Trauerkleidern wiedersah, dieses holde junge
Wesen in einer Tracht, die ihre natürliche
Schönheit nur noch mehr heben und an's
Licht ziehen mußte, da stand es auch wieder
bei ihm fest, noch einmal den Aampf um ihre
Liebe zu beginnen, um zu siegen oder zu
sterben. Denn ein Leben ohne Mary war
für den Herzog eine Unmöglichkeit geworden,
er fühlte, daß die stete Verzweiflung ihm ein
frühes Grab bereiten mußte, weun sie thm
nicht vergab und abermals ihr Herz schenkte.

Zwar hielt es jetzt unendlich schwer, mit
        <pb n="587" />
        Mary eine Unterredung zu erlaugen, den hun⸗
derte von Augen und Ohren waren geöffuet,
die Königin zu bewachen, und niemals durfte
er die Ursache sein, daß auf ihre malellose
Reinheit der kleinste, dunkle Flecen fiel.

So schwanden ihm die Tage in Furcht
und Hoffnung, ob sich nickt endlich eine gün—
stige Gelegenheit bot, die Königin unbeobachtet
zu fprechen, dahin. Die Traurigkeit des eng⸗
lischen Herzogs war an dem leichtfertigen
franzöftischen Hofe bald aufgefallen, aber ver⸗
gebens hatte man sich bemüht. einen Grund
seines verschlossenen Wesens zu finden.

Nur Franz J., der sich lebbhaft für die
schöne Mary interessirte und sie mit scharfem
Auge beobachteie, war durch sie selbst auf die
Vermuthung gekommen, ob nicht zwischen der
Königin und dem Herzoge von Suffolt ein
Verhaͤliniß existire. Ihm war es nicht ent ⸗
gangen, mit wie viel Theilnahme und Schmer
die Augen der Königinoft auf des Herzogs
bleichem Antlitz ruhten, und er war ju sehr
Kenner des weiblichen Herzens, um darin nicht
einen Grund zum Argwohn zu erblicken, und
es machte ihm nicht geringe Freude, das
Räthsel, was dieses Muster von Tugend um—
gab, zu lösen.

C.

An einem sonnigen Märztage, ber eilig
den Schnee auf allen Dächern schmolz, be—
theiligte ich die Königin Mary zum ersten
Mal wieder an einer Jagdpaxihie, so wenig
Freude es ihrem weichen Herzen auch machte,
die friedlichen Thiere zu stoͤren und zu jagen.
Die Sonne hatte sie in's Freie gelodt, auch
hoffte sie, draußen einmal wieder etwas freier
aufathmen zu können, als in den prächtigen
Gemächern des Schlosses, und es wurde ihr
in der That leicht um's Herz, als sie an der
Seite Königs Franz J. dahinritt und die
Sonne so warm und labend ihr ins Hert
drang. Wie lange Zeit war verflossen, daß sie
sich nicht so wohl, so frei gefühlt hatte; die
frische Luft hauchte ihre Wangen rofig an,
und der Herzog von Suffolk, der in einiget
Vntferrung ritt und Mary scharf beobachtele,
war in seiner Eifersucht nur zu geneigt, ihre
heitere Laune der Unterhaltung des Konigs
zuzuschreiben.

„Sie liebt Dich nicht mehr,“ wiederholte
er sich, „sie hat alles vergessen was unz
beide — ob auch sie? — einst so glücklich
gemacht. Wie bald, und sie ist, angestedckt
von dem leichten Sinn des französischen Hofes,
für immer für mich verloren.“

Als die Jagd ihren Anfang genommen
und die Gesellschaft fich getrennt hatte, zog
die Königin⸗Wittwe es vor, auf dem breiten
Waldpfade zu bleiben, da sie es nicht über's
Herz bringen konnte, salber an einem
Vergnügen Theil zu nehmen, das ihr Schmerz
bereitete.

Still, und in Gedanken versunken, merkte
sie kaum, daß ihr Roß in einen scharfen
Trab überging, um so weniger, da sie wußte,
baß sie einen Begleiter hatte. Wer, das war
ihr freilich gleichgültig, sie hörte nur das
Stampfen und Wiehern eines Rosses, und,
dadurch vollkommen beruhigt, ritt sie weiter
und weiter, ohne sich um den Lauf der Zeit
und um den Weg zu kümmern.

Endlich erwachte sie aus ihren Träu—
mereien und dachte daran den Rückweg einzu⸗
schlagen, da die Sonne bereits hoch am Him⸗
mel stand.

Sie wunderte sich jetzt selbst über ihren
stummen Begleiter, dessen Pferd nur uoch
seine Gegenwart verrieth und glaubte einen
französischen Diener zu erblicken, da einer der
Cavaliere sich schwerlich so lange in respect⸗
poller Entfernung gehalten hätte. Rasch
wandte: sie ihr Pferd um — ein Schrei
eutschlühpite ihren Lippen und das Thier bäumte
fich so hoch auf, daß Mary es nur mit
Mühe halten konnte.

Charles — Herzog von Suffoll!“ flü⸗
flerte sie leise, aber dieser hatte mit scharfem
Ohr die Worte vernommen, er hatte gehoͤrt,
wie fie ihm den alten Namen zurückgab, der
stets wie Musik in seinen Ohren klang und
die Freunde und das Entzücken preßlen ihm
das Herz zusammen. ————

„Mary!“ rief auch er jetzt zögernd aus.
„»Ist es denn wahr? Träume ich auch nicht
— Du hest noch den Namen für mich! Du
hast mir das Leid dergeben, was ich Dir
einst in jenen Unglückstagen, die eine Scheide⸗

wand zwischen uns aufrichteten, zugefügt?
O. Mary, Barmherzigkeit, sprich es aus das
        <pb n="588" />
        Wort, das mir Leben gibt, — oder den Tod.
Ves in meinen Zügen, was ich gelitten,
Deinetwegen gelitten, wie ich das Wort, be⸗
reue, welches ich in einem unbewachten Augen⸗
blick in der ganzen- Bitterkeit gegen das
Schicksal aussprach, und Du mußt Mitleid
mit mir haben. Sage mir, daß Du mir
vergeben, daß Du mich liebst, — o, aus
Barmherzigkeit !“

„Nicht aus Barmherziglkeit, nicht aus
Mitleid, Charles, will ich Dir das sagen,
sondern aus Liebe, aus reiner, ungetrübter
Liebe,“ entgegnete Mary, ihr Pferd einen
Augenblick zügelnd, daß es ihr möglich war,
ihm ihre kleine Hand hinzustrecken, die er in⸗
brünstig an seine Lippen preßte.

Ja, ich liebe Dich, Charles, ich habe
nie aufgehört, Dich zu lieben, und jetzt habe
ich das Recht, Dir meine Liebe wieder zu ge⸗
stehen — ich bin frei. Aber nicht hier sprechen
wir mehr dabon, ich reite zurück und bitte
Dich, einen andern Weg einzuschlagen. Heute
Abend sechs Uhr erwarte ich meinen Ehren⸗
Tabalier in meinen Gemächern. Leb' wohl,
Charle!s

(Schluß folgt.) —

9. Betrachte Alles von der guten Seite.

10. Wenn Du zornig bist, so zähle 10,
ehe Du sprichst; bist Du aber sehr zornig, so
zähle 100.

(Beruhigende Aufklärung.) In
iner Zeit, wo das italienische Brigantenthum
in hohem Flor stand, fuhr der Pariser Roth⸗
child in einer Postkutsche durch irgend eine
Begend dieses schönen Himmelstriches. Der
Privatsecretär des Barons, Herr B., saß zur
Linken, man unterhielt sich über den Zweck
der Reise, die dem Abschlusse einer neuen
talienischen Auleihe galt. Dann, nach Er⸗
chöpfung dieses naheliegenden Thema, Still—
chweigen, beide Herren blicken rauchend, nach⸗
innlich über die Landschaft. Da wechselt die
etztere plötztich, eine dunkle Waldgegend tritt
zu die Stelle friedlicher Ebene. Der Baron
legt sich tiefer zurück in den Wagen. „Sagen
Zie.mal, Herr B.? spricht er mit Betonung.
was würden Sie thun, wenn wir jetzt hier
von Briganten überfallen würden ?“ —,Was
ich thun würde ?“ entgegnete der Privatsecretär
mit größter Seelenruhe, „ich würde sagen:
dieser da ist der Baron Rothschild!“
Mannigfaltiges.
Zehn Regeln für das praktische Lebeun.
Vom Prãsidenten Jefferson. J

A. Nie verschiebe auf morgen, was. Du
heute thun kannst. —
2. Nie bemühe Andere mit dem, was Du
selbs thun kannst. 3
3. Verfüge nie über Dein Gosld, bevor —
Du es hast. — i33 (Ein irischer Schaͤdel. In der irischen
.AMA. Rie taufe unuütze Sachen, weil, sie bil⸗ Brafschaft Tipperary wurde ein Pächter vor
lig snd. die Geschworenen verwiesen, weil er einem
B. Hochmuth ist kbostspieliger als Hunger, Freunde. im Streite mit einem Stein den
Durst Kaälte. Schädel zersplittert hatte. Der Ankläger ere

6. Wir bereuen nie, wenn wir zu wenig schien in der Voruntersuchung und brachte
gegessen haben. die Splitter seines Schädels in einem Taschen⸗
F. Kichts ist mühsam, wenn wir es wile luche eingedredt mit. p
lig thun. 3238 — — — —
8. Wie ost haben jene Uebel Kummer und Fe
Schmerz verursacht, welche nie eintraten. W ..* I*

— — —

QZrud und Verlag von 8. X. Deaeß in St. Inaber .·..

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18 77 2 2 i!

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Dacht' ich mit Wehmuth in dem Augenblid; —
ß Himmielsvater höre unser Flehen.
ewahre uns des Friedens hohes Glüch“
Du trautes Festz du Fest voll Huld und Guade.
Gieß! Balfam hen in jedes wunde Hez
Laß' ewig wandern uns pes Friedens Pfade,
Nie kehr“ zurlick des heut‘gen Tages Schmerz.
Ja, laß. o Fest, was einst die Engel' sangem 6
Jurs Wahrheit werden ewig um uns her,nngn
Die Worte⸗ die einst in gen-Lüften langen:
Den Menschen FJedele Zwietracht itamermehr!
J Eduard Jost.
— A. —E ——
Bonn —.
oti —X dem Xhro me.* An
l BHi storische Novelle von 26
Robert Fram—
ν E F
Dahin flog Mary's weißes Roß mit der
schönen Last, während der Hetzog ihr, wie in
einem Traum befangen, nachsah, bis sie hbin⸗
ter den Bäumen; derschwunden, war. Der
Wechsel von der größten: Hoffnumgslosigkeit
bis zum höchsten Glück war zus grotgen a
daß er ihn auf einmal Fasson kounten nd
dennoch war es kein Traum, sie hatte · in
gesagt, daß sie ihn liebe, dah sie ihn in ihren
Gemächern ermarte, sie, die vormalige Königin
von Frankreich den Herzoz von Guffoll. 353
Zur beflimmten⸗ Siunde arat ⸗er rim in
die Geuntücher der KönigincWitnwe. die ihn
Trauerkleider augclegt haibde, und is sie allein
wvnren, hielt der Herzog die Prinzefsin Maxh
wieder jn seinen Armen, die ihm unter Thrä⸗
nen klagte, was sie gelitten, und daß sie jetzt
vᷣo namtulos ghictbich sju
cu a

Den Menschen Friede!, rief es in den Höhen
Von Engels Mund, als Gotk hernieder stieg,“
Am das Erlösungsweri das hoͤhe, zu bestehen,
Und Heil zu spenden uns nach Kampf⸗mund Sitg!
e Fried e! rief's in jenes Racht der Weihe
den Hirten zu beim. goldnen Sternenschein
O welch' ein Wort vol Gnade, Lieb' und Treue
Wie dringst du heut' so tief in's Herz uns ein! —
Als Glockenton das trauke Fest verkundet,
Mit hellem Schall, das Fest voll selger Lust,

An das so manches lebe Bilb fich bindet
In ros'gem Licht zieh'n sie durch uns're Brust —
Da schritt ich still durch die erhelten Gassen,
Wo dort und hier der Tannenbagum sich neigt
Und wie ich's sah, schien mich ein Weh' zu fassen.
Ein seltsam Weh, das keinem andern gleicht.

4
—

Der Witkwen dacht“ ich die bei heißen Thränen
Finsam und freudlos find am hohen Tag;
Im fernen Westen weilt mit Schinerz und Sehney
Ihr treues Herz, gebeugt von schwerem Schlag.
Dort ruhl der Gastit e ja! — Er hat im Streile
Für Deutschlands Heil sein Heldenblut verspritztz
Treuherzig fragt nach ihm die Waise heute,
Wenn vor ihr hell das Tannenbäumchen blitzt.
And wieder stand vor meiner Seele Spiegel
Manch' Mu'tte raung, aus dem die Thräne rinnt
Der Liebling fehlt! — Vielleicht mit Geistesflügel
Ist er ihr nach, der S ———
Vielleicht steht heut' auf stiller Wacht der Krieger
Vor seinem Blick der Schnee der Winternacht,

Da vor die Seele kritt dem jungen Sieger
—AD Dhen freundlich lacht.
And weitre dustre Bilder und Gestalttä.
Auf jedem Schritt floh'n sie durch meine Brust,
Das 'war ein Weh, das war ein schmerzlich Walten
Das scheuchte, mir des Herzens selge Lust. ·
Unn an das Wort aus jenen lichsten Höhen 1

Vart

—
        <pb n="590" />
        „Und Dein Bruder, Mary, der Nöonig,
was wi 7

„Still, Getiebter,* unterbrach ihn Mary,
„sprich nicht von ihm, dem ich diese lange
Racht der Traurigkeit zu danken habe. Er
joll mich nicht zum zweiten Male verkaufen,
jetzt nehme ich mir mein Glück, was er mir
verweigern würder Ich⸗ habe empfunden, wie
schwer es ist, eine Kronet zu troten, ich
werde mir icht die zweite auf mein Haupt
drüdken lassen.“

Sie plauderte weiter und weiter; sie flü⸗
sterte so leise und viel, bis endlich der Herzog
selvst aufbrach.

„Lebe wohl, Mary, nun bald mein auf
ewig!“

Sie nickte ihm mit einem strahlenden,
alüdlichen Lächeln zu; dann schloß Suffolt
noch einmal die Geliebte in seine Arme und
verließ das Gemach.

Kaum eire Woche später, es war in einer
kalten, unfreundlichen Frühlingsnocht, verließen
vier Gesialten durch ein Seitenpförtchen dats
königliche Schloß, wahrend in demselben Augen⸗
blick eine Anzahl Herren, in große Mantel
gehüllt, von der andern Seite des Schlosses
in's Freie traten und denselben Weg einschlu⸗
gen, den kaum zwei Minuten früher die vor⸗
hin ernähnten Gestalten eingeschlagen — den
Weg nach der Schloßkapelle. Mitternacht war
nahe, aber die Kapelle war geöffnet, auf dem
Altare brannten vereits die Lichter und der
Priester mit ¶ dem Meßbuche in der Hand
stand davor.

Die vier Gestalten waren niemand anders,
als der Herzog von Suffolk, die Köonigin⸗
Wittwe und zwei Zeugen zu der heiligen
Handlung, die hier vorgenommen werden
jollte. Mary hatte nicht zum zweiten Malt
ihr Glück den Händen ihres Bruders anver⸗
trauen wollen, sondern den sichersten und kür⸗
zesten Weg gewählnn, dem Zorye des Aönigt
zum Trotzen den Geliebten zu bisitzen — ein
heimtiche Trauung. Sie hatte ihm einst gesagt,
daß die Folgen anf jein Haupt kommen wuͤr⸗
den,“ als er den Herzog von: Suffolk ihr
zinn Ehren⸗Cavalier bestimmte * jeßt mochte
er fie“ tragen.nn

Der Priester hatte die heilige Handlung
degonuen, freudig sprach anch Mary das bin⸗

dende „Ja,“ nachdem der Herzog ein lautes
Ja“ hesprochen, und der Priester sagte das
Schlußgebet.

In demselben Augenblicke hörte man fest
Männertritte, und eine Stimme die die nun?
mehrige Herzogin von Suffoll sofort als di“
des Königs Franz erkannte, fragte: t

4Was geht hier vor — eine Trauung um
Mitternacht??“ *1
. Einen kurzen.Augenblick überflog ein Zittern
Mary's Gestalt, aber das Bewußtsein, un⸗
auflöslich mit dem Geliebten verbunden zu
sein, gab ihr Muth und Besonnenheit zurück,
und sich stolz und fest aufrichtend, stand sie
an der Seite des Herzogs, ruhig den Ksnig
und sein Gefolge erwartend.

Ihr, königliche Majestät hier — zu
dieser Stunde 77 fragte der König anscheinend
voller Erstaunen.

„Ja, ich din es, Majestät,“ gab Mary
stolz und sicher zur Antwort, „aber nicht als
Königin⸗ Wittwe. sondern als Herzogin ron
Suffolk. Ew. Majestäi kommen zu spät, um
Trauungäzeuge zu sein.“

„Ihr irrt Euch, Frau Herzogin,“ sagte
der König mit seinem Lächeln, „wir waren
Zeugen der Trauung, nur die Heiligkeit der
Hhandlung hielt uns ab, dieselbe dutch einen
ju frühen Eintritt zu unterbrechen, Nehmt un⸗
—R
pündnisse entgegen, das wir längst geahnt,“
ügte er hinzu, „und seid versichert, daß wir
alles thun werden, Eurem koniglichen Bruder

diese Verbindung als das einzig wahre Glück
der Frau Herzogin darzuftellen. Es thut uns
nur leid, daß wir nicht Gelegenheit gefunden,
dieses Hochzeitsfess in gebührender Weise zu
feiern, doch hoffen wir, das Versäumte nach⸗
juholez.“
Epilog.
„Dacht' ich's doch!“ murmelte der Erz⸗
bischof von York, als er durch seine Spione
die Verbindung des Herzogs von Suffolt
mit der verwiltwelen Königin erfuhr. „Ha,
dieser Knabe, der es wagt, sich in eine Kö⸗—
nigsfamilie einzudrängen, mir zu trotzen! Ich
werde — ich muß ihn vernichten! Roch weiß
der König nichts,“ fuhr er in seinem Selbfi-
        <pb n="591" />
        gespräche fert, „ha, ich sehe seinen Zorn,
wenn er seine schoͤnen Pläne durch diesen
Ritler vernichtet sieht, und ich werde gewiß
nicht zögern, ein Feuer zu schüren, dessen
Gluth meinen Feind für immer unschäd⸗
lich macht.

Noch keine Stunde war verflossen, als der
Erzbischoff von York in datz Arbeitskabinet
des Königs trat. Der König stand an dem
geöffneten Fenster, in der Hand hielt er einen
Brief, den er noch einmal oberflächlich über⸗
sah und ihn dann dem Erzbischof hinreichte.

„Es ist nichts mit unseren Plänen, Hert
Erzbischof von York,“ sagte er, halb gereizt,
halb lächelnd, „die verwittwete Königin hal
es vorgezogen, wie sie mir schreibt, sich nicht
zum zweiten Male von mir verkau'en zu lassen,
sondern sich mit dem Herzoge von Suffolt
kurz und bündig vermählt, und unser Ver⸗
bündeter, der König Franz bittet in seinem
eigenhändigen Schreiben um die Verzeihung
für das glückliche Paar, das sich unter seinen
ritterlichen Schutz begeben. Was läßt sich da
noch machen, wo alles fertig ist? Meinet⸗
wegen mag das junge Paar wieder nach
England herüberkomme«n und sich hier seinen
Hausstand gründen; man sieht dann einmal
wieder frohe Gesichter, denn ich halte mich
versucht, zu glauben, daß meine schöne Schwe⸗
ster mehr Gefallen an ihrem zweiten Gemahl
findet, als an Ludwig, dessen Alter und Krank⸗
heit schlecht genug zu so viel Schönheit und
Liebreiz paßten. Ich hätte es der kleinen
Prinzessin Mary nicht zugetraut, daß sie so
piel Muth zeigen würde, aber der französische
hof scheint auf ihren schwesterlichen Gehorsam
einen schlechiten Einfluß gehabt zu haben. Da⸗
rum schreibt kur gleich an den Herzog von
Suffolt, mein Herr Erzbischof, damit unsert
hohe Schwester sich wieder an englisches Recht
gewöhnt. Schreibt ihm, er möge sosort mil
seiner Gemahlin herüberlommen und versicher!
ihn meiner gnädigsten, brüderlichen Liebe.“

Mannigfaltiges.
Als man einst den griechischen Weisen
Diogenes, der im Johr 424 p. Chr. farb,
fragte, welches das geßfährlichste Thier fei,

aniwortete er: Unter den wilden Thiere
ist es der Verläumder und unter den zahmen
der Schmeichler.
Kinder sagen die Wahrheit.

In Wiesbaden wurde kürzlich die Hoch⸗
jeit einer sehr reichen Gräfin und eines
jungen Offiziers gefeiert. Wenige Tage vor
der Vermählung gab der Vater der Braut ein
kleines Familiendiner, zu welchem auch der
Geistliche geladen war, der später die Trauung
vorgenommen hat. In zuvorkommender Weise
frug derfelbe im Laufe der Unterhaltung den
Gastgeber, welchen Bibelvers er wohl der
Hochzei tspredigt zu Grunde gelegt haben möchte.
Weder der alte Graf, der vielleicht nicht mehr
allzu bibelfest ist, noch auch die ebenfalls be—⸗
fragten Verlobten hatten in dieser Hinsicht
einen besonderen Wunsch zu äußern: da nahm
unerwartet der 10jährige Bruder der Braut
das Wort uund machte, zum Schrecken der
Anwesenden den wohlgemeinten Vorschlag:
„Ei, Herr Pfarter, dann predigen Sie doch
über den Spruch: Nater vergieb ihnen, denn
sie wissen nicht was sie hun·“·

Ein Musiker, der mehr Tact in der
Musik, als im Leben haite, saß einer geist
reichen Dame gegenüber und starrte dieselbe
an. „Was firiren Sie mich so 72 fragte die
Frau. „Ei,“ versehßle verlegen der Musiker,
Fich bemerke eben, daß sie schon fünf Falten
im Gesichte haben.“ — „Da sind Sie wohl
besser daran,“ entgegnete die Dame, denn vhei
Ihnen sieht man nur eine Falte, weil sie
einfältig sind J

— 4
Ein verliebter Franzose) schloß kürzlich
den Brief an seinen „Engel“ mit den Wor—
ken: „Die Postmarke, Du Traum meiner
Setle, die auf Deinem Briefe gesessen, habe
ich mit Entzüchen verschlungen !Weiß ich ja,
daß Du, Engel, daran gelect hast!“
Ein Lehrer der Himmelskunde sagte neu—
lich zu seinen Schülern: „Wer von Euch den
großen Bären genau betitachten will, der
lomme heute Abendauf mein Fimmer z mir!“
        <pb n="592" />
        EWer zu letzt lacht, lacht am besten.)
Fin Pariser Millionär schrieb an Scribe:
Geehrter Herr! Ich haͤtte große Lust mich
mit Ihnen jur Schöpfung irgend einer dra—
matischen Conmposition zu verbinden. Wollen
Sie mir den Gefallen thun, ein Lussspiel zu
schreiben, dem ich dann nur einige Zeilen hin⸗
zuzufügen und als dessen Mitarbeiter ich mich
auf dem Titel nennen darf ? Ich werde mich
Ihnen in jeder Weise erkennklich zeigen und
Ihnen den pekuniären Ertrag davon allein
Tberlassen. denn es soll auf meine Kosten
in der glänzendsten Weise ausgestattet und
zux Aufführung gebracht werden, und ich will
nur den Ruhm davan theilen.“ — Hierauf
exwiederte, der bis zur Empfindlichkeit eitle
Scribe: Mein Herr. ich bedaure Ihren
schweichelhaften Vorschlag ablehnen zu müssen,
denn meine Begriffe von Religion und Schick-
—⏑ —

zän Pferd und ein Esel Ad
welden — Worauf der Millionär in Kürze
aniworiete: Mein Herr! Ich habe Ihren
anverschaͤmten Brief erhalten. Mit welchem
Recht nennen Sie mich ein Pferd?

Bauernkriege, und die Ruinen gaben der be
achbarten Stadt Gboppingen reiches Baumad
erial. Jene dentwürdige Stätte soll jehzt mit
einem, im mittelalterlichen Style gehaltenen
Wartthurme geziert werden in trefflichet
Hedonie! Am Fuße des Berges, auf dem die
Burg der Hohenstaufen, emporragte, XX
»in uͤraltes Kirchlein, durch dessen niedere
Pforte Barbarossa taglich zur Messe ging; so
zerichtet die, unter einem dort indlichen
Bilde augebrachte Inschrift: 52
Daesar, gzu der die Geschichte, als der fran⸗
sösische Schurke von Anjonden letßzten Sptoß
Zer Hohenftaueen, den jungen Cotradin, zu
Neapel 1268 durch Henkershand hinrichten
ieß, die Worte fügte: dic transit gloria
mundĩ. Jene Capelle, welche früher dem
pangelischen Gottesdienste der Bewohner des
Dorfes Hohenstaufen diente, will man in ein
Hohenstaufen ⸗Mufenm umwandeln. Kaiset
Wilhelm, König Karl von Württemberg und
Fürst Bismarck interressiren sich sehr für das
Zustandekommen des Unternehmens.

— — — — ,,

QhuαàNX—..8XOQuR XæQa CQu Ròà O Qu7Ûöuæs,ααÄ”ôäÑÇ MQOòÑSOXäX

Bei Die venhofen Wothr.) hat sih
nach der Zig. f. D. Lothr. am 13. d. ein
zräßliches Unglück zugetragen. Ein Haudwer⸗
er, welcher in trunkenem Zustaude mit gseinem
Zinde nach der Stadt zurückkehrte, stürzte in
zJeringer Eutfernung an den Festungswerken
nieder und verfiel, drotz allet Anstrengungen
des Kindes, ihn zum Weiter gehen zu bringen,
n einen festen Schlaf. Durch das Geschrei
des Kindes wurden in der Nähe herum—
hwärmende Wölfe herbe:gerockt, welche, da
sie nur geringen Widerstand fanden, über die
beiden Unglücklichen herfielen und dieselben in
Stäcke xissen.

Eine interessonte Nachricht, schreibt das
Herl. Fremdenbl., gelangt aus Süddeutschland
zu uns. Man ist nämlich in Schwaben, wel⸗
hes sich rühmea darf, zwei Kaiserberge“.
den Hohenstaufen und den Hohenzollern. zu
desizen. zujammengetreten, um heute, wo das
Deuhsche Reich in alter Kraft und Herrlichkeit
aeu kistanden, wo der alte Barbarossa aus
seinein langen Schlafe erwacht ist, den kohlen
Gipfel, von dem einst, im Jahre 1138, die
zrößten Herrscher des Mittelalters ausge—
zangen, mit einem passenden Exinnerungs⸗
seichen an jenes ehrwuͤrdige Dynastengejchlecht
u schwücen. Während die Hohenzollernburg
poch jetzt dasteht in kaiserlicher Pracht“ und
weilhin in deutschen Lande ihre Kolzen Zin⸗
nen die Macht und den Ruhm ihres Beñtzer⸗
derkünden, ist nach dem Dichter „der Staufen
zesunlen in abendliche Nacht.“ Rur aAlende
Mauerteste zeugen noch von dem alten stolzen
Zaiser chiofse Barbadossa's: alles Uebrige siel im

Fbeu legte der Ziuch ernannꝰ mit scͤsen
Gesellen die lehzte Hand an ein aufgerichtetes
Haus, als es einnürzie und den Meister er—
Hlug. Der herbeigerufene Arzt, von dem ge—
wissen Tode desselben übervengt, brach in die
biblischen Worle aus: „Selig sind, die in dem
Herrn sterben, u. ihre Werke folgen ihnen nach.“
————
Derd und Beriag von J. X. De

— — —
St. AInabert, uun 121 Won'n

85*

——
        <pb n="593" />
        AUnterhaltungsblatt

— 4 —p n ite Q J J
—St Ingberter Anzeiger
—— TDonmerstag, den 28. Dezember ——
—

Der geheimnißvolle Wriet

Ein Nachtstück aus der franzbsischen Revolutionszeit.

Den Aufzeich nungen eines französischen Marine—
offiziers nacherzählt von J. 86 eil.
Ich hin in Brest geboren“ uͤnd in Soj⸗
datenkind, als welches ich mir bis zu meinem

neunten Jahre meinen halben Unterhalt selbst
verdienen mußte. Da ich aber das Meer leiden⸗
schaftlich liebte, verbarg ich mich in einer
schönen Nacht im unlersten Raume eines Han⸗
delsschiffes, welches nach Indien segeln sollte
Man entdeckte meinen Aufenthalt erst, als
wir schon auf offener See waren“ und der

Capitain nahm mich zum Schiffsjungen an,
statt mich in's Meer zu werfen, wie ich es
eigentlich verdient hätte.

So stieg ich von Stufe zu Stufe und als
die französische Revolution ausbrach, war ich
bereits Capitain eines schönen Kauffabrers und
hatte schon fünfzehn Jahre auf demselbeu zu⸗
gebtach —

„Als das königliche Seewesen plötzlich so
bieler Offiziere beraubt war, ersetzte man sie
durch die Capitaine der Kauffahrer und auch
mir gab man die Befehligung einer Brigg,
Maxat genannt.

Am 28. Fructidor 1797 erhielt ich die
Ordre, mich segelfertig zu machen, um 60
Soldaten und einen politisch Verbannten nach
Cayenne zu transportiren. Ein Schreiben des
Directoriums empfahl mir für den Deportir⸗
ten Schonung, in dem Briefe war ein zweiter
mit drei rothen, übermäßig großen Siegeln
versehener eingeschlossen, den ich erst dann
oͤffnen sollte, wenn ich den ersten nördlichen

—

, z 76
Vrellegrad erreicht hatte und im Begtiff sei,
dem Aequator zu passeren. Dieser Brief war
von eigenthümlicher Form, lang und schmal
und dadei deragtig ersiegelt daß ich trot
aller Muͤhe keinen Blick in das Innere des⸗
selben haͤtie thun können, ohne das Verbot zu
überschreiten.
Ich vin keine, abergläubige Natur, aber
dennoch flößte mir dieser Brief Furcht ein.
Ich legte ihn in meiner Cajüte unter das
Glatz einer, kleinen Standuhr, die sich
neben meinem Bette befand. Das Boudoir
einer Fürftin kounte nicht sorgfältiger geordnet
sein, als meine kleine Cajüte; alles war an
einem bestimmten Platz und derartig befestigt,
daß selbst die größte Bewegung des Schiffes
nichts daran zu ändern vermochte.
Nachts beuutzte ich mein Beit als Schlaf⸗
fätte und am Tatge konnte ich es zu einem
Ruhesitz umgestalt en, worauf ich oft behaglich
meine Pfeife rauchte. Der Fukboden war
blank gebohnt, Alles glünzend und geschmad
boll, mein ganzes Schiff war mir lieb und
werth, oft war es schon der Schauplatz
heiterer Scherzen, und manigfacher, Freuden
gewesennnn. J

Auch diesmal begann die Neise in ange—
nehmster Weise, wenn nicht. doch ich wil
meinem Bericht nicht vorareifen.
Wir hatten Nordostwind und ich wollte
gerade den Brief an seinen Platz legen, als
mein Gefangener, der ewwa 26 Jahre zählen
mochte, mit seinem schönen, ungerfähr sieben⸗
zehnjährigen Weibchen bei mir eintrat. Er
war, wenn auch in wenig blaß und fast zu
igrt Iix eenz agn, äine angenehn e Er—⸗
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        scheinung und schien, obgleich noch so ung
jein Schichsal ntt Wacd —
leine Frau in u ein n m Iste hab
frisch wad fröhlich wie ein Kitd aus.
Ich ging ihnen entgegen und sagte:
Ich danke Euch, meine Kinder, daß Ihr
Eureun alten Capitain in seiner Cajüte F
sucht; ich muß Euch freilich weit, Fortführen,
aber waß thun's wir kherden' kinander in'der
langen Zeit um' so besser kennen lernen.“
And wirklich ehe einige Tage vergingen,
waren wir die besten Fteuxudecu
Wir wurden vom besten, angenehmsten
Wetter hegünftigt. Da iqh bisher nur Neger
In WBorde gehabeihind ein Mähl“allein eln .
Faͤhm, mahhte ks mir jetzt Vergnütgen dasselbe
Mit meinen velden Schutzlingen zu theilan und
fandwohhre Erhehtetünnh amn Uwidang nut ihnien.
Wenn wir uusereleinfache Koft verzehrt hatten,
bchen beide an ühren Plähen ümd könnten
den Blick nicht pon einander wenden/als
zten sje sich an detn Togezuin“ersten Mal.
Dag ecrwegte in mit die helterste Summimß
ind drogte basd Nauch. bei ihhhen viefe wwe
Wirtng derben Do unchtn wit häuftnan—
— itder Hhn —A —
Dft au wor e. wirtth rührend —ihr
nnige Liebe zu nainder zu beobachten die sle
Ale Enibehrungen wmit Rute ertragenlicß.
stiemals richtet⸗ ich kine Frage au sie, was
sollie mir duch hr Nante snd Stand, ich war
mirx der Schiffer, die sie über's Metr ge—
eiten solte ·
Nochdem!viel Woͤchen vetgcngen waren,
ipelrochlete ich sie schon wie meine Kender inid
auich unser Leben hatten wir eingerichtet wie
das einer Famille. Der junge Meernn schrieb
in meiner Cajüte und half mir sogar vft bei
meinen Ardeilen. Die jtinge Frau saß dann
auf einem Schemel zu seinen Fuüßen, mit kiner
welblichen Handarbeit beschäftigt.
Fines Tages sagte ich zu ihnen:
s ist mir, lieben Feunde, Auls sei aich
Euer Valer “undedarf als solcher unutiwunden
mit Euch deden.“ Ich will keine Fraͤge un
Fuüch nichten, glaub. aber, daß Eute Geld—
nticj in Cateuine, nicht aüsreichene wetden,
denn Ihdieh nUAn trauriges,“ unbelanrtes
Vaud. hne llbgehaͤrteter Soldt,der
doch ud as uͤhr von Leben gu haffen hat,

würde mich schon leichter darin finden, es
XX tusten meine Brigg
tzu deklassen und hei Guch miine Tage zu be—
schließen. Das äüleine“ Vermögen, welches ich
mir im Laufe des Jahres erworben, könnte
uns drei dann vor Mangel schützen, und Euch
da ich sonst kein Wesen auf Erden mein nenne,
gehdren wenn ich nicht mehr bin.“
Pheimel Worte brachten einen Uberwältigen-
ben Eindruck kuͤf Beide hervor und das junge
Puar sah mich sprachlos an. Plötzlich warf
die junge? Friniesich mit thränenden Blick an
meine Brust nind schluchzte laut; ihr Gatte
reichte mir die Hand, keines Wortes mächtig.
Bei! zie sturauschen ·c Bewegucg hatte sich
dus schonen goldblonde Hoar· der jungen yrnu
gelst und ul nun in Dangen Wellen bisrauf
—DD—
einander, der junge Mann küßte ihr sanft die
Sitrn und noch jmmer fielen schwere Tropfen
qus hren ftnen Augeß. — W6
Das beunruhigle mich.
Was vedeutet diese Scene meine Kinder?“
ftagte ich meine Schuͤtzlnge. ,
Siecn guter Capitzin, sollen nicht. dem
Echigsal ausgesezt dein, mit Deportirten zü
leben,“, sagte der junge Gatte, den Blick zu
Boden schlagend.
Icht weiß nicht, wwas Sie verbrochen
haben,“ erwiederte ich, Fum dies Schidsal zu
verdienen, Zuuch will ich es fetzt nicht wissen,
sagt es mir spätar einmab in vertrauter Skunde,
pder auch micht, dean Ihr seht nicht aus, als
sei Euer Gewissen⸗durch reine schlochte That
beschwert. Leider muß ich dennoch meinerPflicht
nachkommen; und⸗Euch bewachen, so lange Ihr
unter meiner· Obhut sed.“
2 Traurig Ichunettenrr den Kopf und sagte:
IIch glaube, es ist! besser, Capitäen. Sie
wenden uns weniger Interesse und Milleid zu.
denn iSie kennenunsnicht. Wir scheinen
heiter, weil wir jung sind, sehen glücklich mis,
danwir uns steben, aber oft kommen traurige,
vittire iStunden worvuns odie Zubaunft schreck ·
lich ventgegrugrinst und ich warhlos über 1bas
fernexeSchickfal meiner süßen Laurabin.
Bei diesen Worten Umarmte er seine Frau,
ich Jegte melnenn Pfeife fort und erhobemich,
weil ich fühlle, daß mich dieRKührungAber⸗
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        fcheinung und schien, obsleich
sein Schicksul Kntt ey *
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frisch und fröhlich wie ein
Ich ging ihnen entgegen
Ich danke Euch, meine
Furen alten Capitain in sein
sucht; ich muß Euch freilich
aber was thiu's wir soer den
sangen Zeit um' so besser kennt
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waren wir die besten Fteuude
Wir wurden vom besten
Wetigt hegünstigt, Da is bẽ
Im GBord dehabeund nein
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mit meinen belden Schutztingt
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Wenn wir uustreeinfache Koe
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den Blick nicht pon einande—
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Das erwectte in mir die hel
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auch unser Teben danen wir Lisigrtichtet wie
das einer Familie. Der junge Mernn schrikb
in meiner Cajüte und half mir sogar vft bei
meinen Arbeilen. Die juünge Frau saß dann
auf einem Schemel zu seinen Füßen, mit kiner
welblichen Handarbelt beschäftigt. —
Fines Tages: sagte ich zu ihnen;
Es ist mir, lieben Feunde— dals!sei ich
Euer Vater unddarf als solcher ünumwunden
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Fuch richten, Maiub. aber, daß Eute Geld⸗
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denn Ihr dieh in“ Un krauriges,“ unhekanmtes
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schon leichter daxin finden, es
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kein Wesen auf Erden mein nenne,
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rich sprachlos an. Plötzlich warf
tnicsich mit thränendem Blick au
dund schluchzte laut; ihr Gatke
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edeutet diese Scene meine Kinder?“
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sgesetzt dein, mit Deportirten zu
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viederte ich, Fum dies Schidsal zu
zauch will zich es zetzt nicht wissen,
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aicht, deun Ihr seht nicht aus, als
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Traurig chunekterr den Kopf und fagte:
IIch glaude, es ist“ besser, Capitäen, Sie
wenden uns weniger Interesse und Milleid zu.
denn iSien kennon' uns Enicht. Wir scheinen
heiter, weil wir jung sind, sehen glücklich mis,
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bich entgegeugriust und ich rathlos über a das
fernere Schicksal meiner süßen Laura bin.“
Bei diesenn Worten umarmte er seine Fedu,
ich legte meined Pfeife fort »und erhobemich,
Wweil ich fühlle, daß“mich die Rührmig!iber⸗

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