Ueber die jüngste Friedensrede Gambetta's in seiner Vaterstadt Cahors wird noch viel debattirt; mehrfach ist sie mit der von Napoleon III. kurz vor der Kaiserkrönung 1852 in Bor— deaux gehaltenen Friedensrede verglichen worden. Hier „das Kaiferreich ist der Friede“, dort „die Republick ist der Friede“. Nicht ganz zwei Jahre nach jener ersteren Rede standen die Fran⸗ zosen bei Varna. Es ist schwer zu glauben, daß Gambetta in biesem Augenblick kriegerische Absichten hat. Es wäre unklug von ihm, da die europäische Lage einem französischen Bündnisse nicht entgegenkommt und nur Rußland allenfalls in Zukunft einmal den Revanchebundesgenossen spielen kann. Gambetta sprach in Cahors zu Bauern, die er dem Bonapartismus abjagen wollte; Bauern aber sind überall friedliebend und sie haben dazu auch alle Ursache, denn mit ihrer Haut werden die Kriege geführt und aus bekann⸗ ten Ursachen hat auch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht dies nur theilweise ändern können. In diesem Augenblick ist Gambetta offenbar friedlich gesinnt; daß er indeß auch jetzt zwei Sehnen auf dem Bogen hat, beweist das fortgesetzte Vorgehen seiner Presse gegen Barthélsmy, den französischen Minister des Aeußern, dem er für die wirklich geschickte Einfädelung der Cial— dini und Cairoli in der tunesischen Frage doch dankbar sein könnte. Das Verbrechen Barthéͤloͤmy's besteht darin, daß er in einem Schreiben an den Herausgeber der „Deutschen Revue“ in Leipzig seinem Danke für die Haltung Deutschtands in der tainesischen Frage Ausdruck gegeben hatte.) Deutschland jchlug vor, den belgischen Handelsvertrag für unbestimmte Zeit zu verlängern unter Vorbehalt gegenseitiger Qündigung. Der Abschluß wird bald erwartet, da Belgiens Ein⸗ willigung sicher zu erwarten ist. DenDiritio“ meldet den Eingang einer Note des Fürsten Bismard bei der italienischen Regierung, in welcher dieser auffordert, die regelmäßige Wiederkehr der Weltausstellungen mit⸗ telst eines internationalen Abkommens festzusetzen, weil die häufigen Wiederholungen sich als schädlich erwiesen haben. Der „Diritto“, diesen Vorschlag billigend, verkündet, die italienische Regierung sei der Weltausstellung in Rom im Jahre 1885 abhold, weil gegen⸗ wärtig die Ausgaben für die Armee vorgehen. Die Verlegung der Residenz aus Petersburg nach einer anderen russischen Stadt, wenn nicht für immer, so doch auf längere Zeit, scheint immer doch in der Absicht des russischen Kaiserpaares zu liegen. Die Petersburger Palasteigenthümer sind aus diesem Grunde nicht wenig besorgt und haben wohl auch allen Grund, fich bei Zeiten nach Käufern ihrer Besitzungen umzusehen. Die Wahl der Residenz bildei noch eine offene Frage. Während die Kaiserin nach Moskau übersiedein möchte, scheint der Kaiser für Kiew zu schwärmen. Auf diese Neigung des Monarchen, welche gegenseitig kein Palastgeheimniß mehr bildet, dürfte wohl auch das in Umlauf gesetzte, unzweifelhaft absurde, aber der Kuriosität halber erwähnens⸗ werihe Gerücht zurückzuführen sein, man habe Kiew vom jüdischen Flemente gereinigt, um diese Stadt der erhabenen Bestimmung einer kaiserlichen Residenz würdig zu machen. Die russischen RNihilisten haben abermals eine neue Proc— lamation an den Kaiser gerichtet, in welcher sie demselben drohen, daß sie ihre Kräfte nicht verschwenden, sondern „nur auf das in⸗ nernste Ceutrum der kranken Stelle richten werden. Die Prokla⸗ mation erklärt schließlich, daß nur der Erlaß einer Verfassung den Herrscher vom unvermeidlichen Untergang retten könne. Trotz alles französischen Abmahnens entsendet die Pforte Truppen nach Tripolis; die Auslieferung Midhat Pascha's durch den französischen Konsul in Smyrna hatte Abdul Hamid nur für den Augenblick besänftigt. Der tunesische Erfolg der Franzosen wird im Orient noch lange seine Wellenkreise ziehen und hoffentlich die allgemeine vrientalische Auflösung beschleunigen. Die „Neue freie Presse“ meldet: Der Fürst Mil an von Serbien reist Anfangs Juni nach Berlin. Das Blatt vermuthet, der Zweck der Reise stehe im Zusammenbang mit einer Erhebung Serbiens zum Konigreich. Vermischtes. * St. Ingbert, 3. Juni. Als Ergänzung zu unserem gestrigen Berichte über den Besuch, mit dem S. K. Hoheit Prinz Ludwigvon Bayern unsere Stadt beehrte, wollen wir heute noch Einiges nachtragen. Die Worte, mit denen die Sprecherin der weißgekleideten Mädchen dem hohen Herren bei seiner Ankunft das Bouquet überreichte, lauten: „So lang im Alpenschnee und Himmels Bläue Der Heimath Farben uns entgegenseh'n, So lange wird des Bayernvolkes Treue Zum Hause Wittelsbach nicht untergeh'n!“ Huldvollst murde das Bouquet angenommen. An jeden der ihm darauf vorgestellten Herren des Festkomites und der kgl. Be⸗ aten richiete S. K. Hoheit einige freundliche Worte. Die An—⸗ sprache mit der Herr Bürgermeister Custer den hohen Gast im Wariesaal J. Classe Namens der Stadt und des Distriktes be— grüßte, lauten: „Als treue Unterthanen Sr. Maj. des Königs bringen wir Stadtrath, Distriktsrath und Bürgermeister des Kantons St Ingbert ECurer Kgl.Hoheit für den heldvollen Besus unseren ehrerbietigsten Dank dar. „In Treue fest schaaret sich an Bayerns westlicher Grenze die Bevölkerung aller Stände jubelnd um Ew. Kgl. Hoheit und ruft: Hoch Wittelsbach! Hoch Bayern! Hoch Pfalz!“ Nach dieser Ansprache des Vürgermeisters ließ sich der hohe derr die Mitglieder des Stadtrathes, Distriktsrathes ꝛc. einzeln horstellen; für Jeden der Vorgestellten hatte er wieder ein ver— bindliches Wort. Der Prinz schien sich für die hiesige Industrie sehr zu inte— ressiren. Eine Fahrt in die Grube unternahm er nicht, sondern hetrachtete sich nur vom Eingange aus die Ill umination des Stol— lens Bei seiner Abfahrt nahm er auf dem offenen Theil des Sa— sonwagens Platz, von wo aus er die anwesende Menschenmenge juldvoilst grüßke. — Außer den schon in vor. Nr. genannten Her— en befanden sich in Gefolge S. Hoheit noch die Herren kgl. Re⸗ zierungsrath Freiherr von Harol d, Eisenwerksbesitzer Freiherr d. Grenansth sen. und Gendarmerie-Major Breier. St. Ingbert, 3. Juni. Die Anwesenheit des Prinzen dudwig von Baiern hatte am gestrigen Tage eine große Anzahl Häste aus der pfälzischen und preußischen Nachbarschaft unserer Stadt zugeführt. Auch am Nachmittage, nachdem S. K. Hohei die Stadt schon wieder verlassen hatte, herrschte in derselben ein hewegtes Leben. In verschiedenen Gärten conzertirten Musikcapellen und vereinigten Hiesige und Auswärtige zu froher Unterhaltung 4 Auch der Landtagsabgeordnete Dr. Heuck ist der Erklär— ung seiner pfälzischen Collegen beigetreten, so daß nunmehr dieselbe bon allen Landtagsabgeordneten der Pfalz unterzeichnet ist. 4In den in München erscheinenden „Neuesten Nach, richten“ wird eine Persönlichkeit gesucht, die einen „ganzen Ochsen zraäͤten könne und Lust hätte, es gelegentlich des Schützenfestes zurchzuführen“. In Augsburg soll dies einmal bewerkstelligt vorden sein und der belreffende Bratspieß noch im Fleischhaus aufbewahrt werden. 4 Gymnasien, Realgymnasien und isolirte Lateinschulen. Rach dem unlängst erschienenen Personalstatut zählt Bay exrn in 33 humanistischen Gymnasien, 5 Realgymnasien und 49 iso⸗ lirten Laͤteinschulen, 189 Gymnasialprofessoren, 363 Studienlehrer ind 134 Assistenten. Von den Gymnasialprofessoren sind 88 zu— Aeich mit der Führung der Rektorate betraut, unter den Studien⸗— Shrern befinden sich 16 Subrektoren und 83 Subrektoratsverweser als Vorstände der isolirten Lateinschulen (Progymnasien mit mei— stens 5 Jahreskursen). 4 Der halbe Marktflecken Enchenreuth in Oberfranken (750 Einw.) brannte in der Nacht vom 80. Mai ab, darunter die Kirche, Pfarrhaus und Schulhaus. Entstehunasursache ist bie jetzt unbekannt. F In Hof ist der Gerichtsvollziehergehilfe Si mon vor einigen Tagen flüchtig gegangen und mit ihm 17,000 bis 18,000 M.7 welche sich Simon von verschiedenen Personen in Beträger »on 1530 bis 2100 M. herauszuschwindeln verstand. Simon cheint eine Art Spitzedergeschäft betrieben zu haben; er hat hohe Zinsen (9 bis 36 p6t.) seinen Darlehern versprochen und ent— deder mit dem ihm anvertrauten Geld Wuchergeschäfte gemacht nder es in seiner Privatcasse durch den Zuwachs weiterer Darlehen so lange admassirt, bis es ihm zu einer überseeischen Reise aus— reichend erschien. F Nach dem soeben erschienenen Deutschen Universitätskalende— für das Sommersemester 1881 beträgt die Zahl der Lehrer ar den 23 Universitäten des deutschen Reiches 1970, die der Studi— renden 23588. — Die Zahl der Mediziner und Pharmazeuten an rämmtlichen Uuiversitäten beläuft sich auf 4415. ꝓ (Ein armer Handwerksbursche.) Dem „W. V.“ wird ein⸗ nuthige, aufopfernde That eines „armen Handwerksburschen“ be⸗ nichtet. Ein dreijähriges Kind stürzte bei Wiedenbrück in die Eims und sank unter, während ein von dem Kinde in der Hand gehaltenes Butterbrod auf dem Wasser schwamm. Eine in der Nähe befindliche Ftau sah das Kind untergehen und rief um dilfe. Da springt schnell ein des Weges kommender junger Hand⸗ werksbursche hinzu, wirft seinen „Berliner“ vom Rücken und rettet das dem Ertrinken nahe Kind. Als Lohn erbat er sich nur das nitgerettete Butterbrod. Gierig verschlang er es und entzog sich hann schleunigst mit seinen Kleidern den Blicken des hinzueilender Publikums. 4 Die Stadt Bielefeld und Gemarkung empfing dieser Tage den Besuch von Myriaden von Gästen, leider sehr uner⸗ vünschten. Ein langer, dichter Heuschreckenzug ist daselbst vorüber⸗ gekominen und hat sich zum Theil auf den Aeckern niedergelassen Woher diese, für den Landbau so gefährlichen Gäste gekommen sind, ist nicht sicher. (Der Muͤller von Sanssouci in Elsaß.) Bei der kürzlic in Köl mar stattgehabten Zusammenkunft der Elsaß-Lothringischen