St. Jugherter Amzeiger. Amtliches Organ des königl. Amtsgerichts St. Ingbert. der „St. Ingberter Anzeiger“ erscheint wochentlich fünfmal: Am Montag, Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag; 2mal wöchentlich mit Unterhaltungs⸗ Blatt und Sonntags mit Sseitiger illustrirter Beilage. Das Blatt kostet vierteljährlich 1 A 40 — einschließlich Trägerlohn; durch die Post bezogen 1 60 , einschließlich 40 Zustellunasgebühr. Die Einrückungsgebühr fur die 4gespaltene Garmondzeile oder deren Raum beträgt bei Inseraten aus der Pfalz 10 H, bei außerpfälzischen und solchen quf welde die Ewppedition Auskunft ertheilt, 135 A. bei Reclamen 30 4. Bei 4maliger Einrückung wird nur dreimalige berechnet. M 240. Dienstag, 5. Dezember 1882. 17. Jahrg. Politische Uebersicht. Deutsches Reich. Aus Baden, 3. Dez. Die von einzelnen Zeitungen gebrachte Mittheilung, daß vor oder kurz iach Neujahr die Strafkammer Freiburg mit der Aburtheilung der der Verursachung des Hugstetter Fisenbahnunglücks Beschuldigten befaßt vürde, dürfte sich nicht bewahrheiten, da die Unter⸗ iuchung noch nicht so weit fortgeschritten ist. An— zeschuldigt sind zur Zeit von der Staatsanwaltschaft sier Personen, Bahnamtsvorstand Am bros in Frei⸗— zurg, Zugmeister Rupp, Lokomotivoführer Schlat⸗ erer und Bremser Rummel. Ihr Verschulden vird in der unterlassenen Instruction des Fahrper⸗ ponals, Herbeiführung und Nichtverhinderung zu zroßer Fahrgeschwindigkeit, Nichtbedienung der Brem⸗ sen gefunden; dem Zugmeister wird zur Last ge— legt, daß er sich mit unzulänglichem Fahrpersonal hbegnügte, ohne die Einstellung weiterer Personen »on dem Bahnamte Freiburg zu verlangen. So— viel scheint heute schon fest zu stehen, daß ein Hauptver⸗ chulden darin liegt, daß zu wenig Bremser auf dem Zuge waren, und die Bremsen, die bei rich— tiger Bedienung die Fahrgeschwindigkeit hätten er⸗ mäßigen müssen, nicht richtig bedient waren. Wen daran die Schuld trifft, wird die spätere Verhand⸗ lung erhellen. — Heute können wir schon consta⸗ iren, daß, ohwohl die badische Verwaltung das Personal zu stellen hatte, das Bahnamt Colmar yor Abfahrt des Vergnügunszuges zwei elsäßische Schaffner zur Begleitung commandirte; es scheint dies darauf hinzuweisen, daß man dort die Unzu⸗ änglichkeit des Fahrpersonals erkannte. Die Ge⸗ neral⸗Direktion in Karlsruhe hat die leitenden An⸗ »xdnungen getroffen. Dieselbe hat insbesondere die Bestimmung erlassen, daß die zwei beigegebenen bad⸗ chen Schaffner die Bremsen zu versehen hätten. Wir begreifen nicht, wie man bei einem Vergnüg⸗ ungszug, der mit 1200 Menschen angefüllt ist, tatt jede erdenkbare Vorsicht aufzubieten, jede er⸗ venkbare Sparsamkeit obwalten läßt; es ist uns aber auch fernerer nicht verständlich, wie man den Zugmeister in Anklagestand versetzt, weil er aicht mehr Personal für seinen Zug verlangt, die Feneraldirection, die die Unzulänglichkeit des Brems⸗ nersonals und die Nichtbedienung der Bremsen durch hren Erlaß direct herbeigeführt hat, aber außer Anklage läßt. Es scheint uns dies Verfahren nicht 'ogisch zn sein, denn der Grundsatz: quidquid de- irant reges, plectuntur Achivi, ist auf dem Ge—⸗ diete des Strafrechts nicht angezeigt. Die Ursache der Entgleisung ist noch nicht aufgeklärt, nur Com⸗ inationen, keine strikten Beweise scheinen vorzuliegen. Die Sachverständigen, unter denen württembergische, chweizerische, elssische und badische Techniker sich finden, sollen darüber sich gutachtlich außern. Wir zJlauben nicht, daß die Sachverständigen den strikten Nachweis führen können, wen die directe Schuld in dem Unglück, bei dem 64 Personen todt blie⸗ ben. 225 verwundet wurden, tifft. (Frankf. Journ.) Berlin, 3. Dez. Die Gewerbeordnungscom⸗ nission des Reichstags hat sich nach Wiederauf⸗ aahme ihrer Verhandlungen zunächst mit dem 8 56b betreffend den Gewerbebetrieb im Umherziehen beschäftigt. Von einem liberaien Mitglied wurde —VVV0 durch F 56 Abs. 2 aufgestellten Beschränkungen des Gewerbebetriebs im Umherziehen zu dispensiren als unconstitutionell und zu Unsicherheit führend. Von conservativer Seite dagegen wurde die Be— timmung als zweckmäßig vertheidigt und schließlich 56b Abs. 1 mit 12 gegen 6 und Absatz 2 ein⸗ timmig angenommen. 8560, Waarenversteigerun⸗ gen ꝛc. betr., waro, trotz mancher geäußerten gegen⸗ heiligen Wünsche, nach dem Regierungsentwurfe angenommen. Die 88 57 — 59 fanden ebenfalls trotz nancher Wünsche von liberaler und conservativer Zeite, Annahme. Viel Heiterkeit erregie die von ronservativer Seite versuchte Begründung einiger Bestimmungen des Entwurfes mit der naiven Aeußerung, der ganze Entwurf habe ja den Zweck, alle berührten Gegenstände dem Ermessen der Poli— zeibehörde zu überlassen. Auch liberalerseits ward diesem Ausspruche zugestimmt. Berlin, 4. Dez. Fürst Bismard ist aus Varzin hieher zurückgekehrt. Kaiser Wilhelm, welcher am Samstag on Letzlingen zurückkehrte, geht heute (Dienstag' ur Jagd nach der Goehrde. Wie es heißt ollte die Jagd erst nächsten Freitag Statt finden, vurde aber vorgerückt, weil die Kaiserin am 7. ds. Mts. von Koblenz in Berlin zurück— rwartet wird. Eiuigermaßen überraschend war die in der am Freitag Statt gehabten Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses abgegebene Erklärung des Justizministers, daß er gegen Entschädig— ung unschuldig Verurtheilter sei. Damit sst denn auch das Schicksal des Antrages im Reiche entschieden. Wenn derselbe, was nicht unwahr—⸗ cheinlich ist, im Reichstage wirklich die Mehrheit finden würde, so würde der Bundesrath gegenüber dem Widerstreben Preußens denselben wohl ver⸗ verfen, und Das wäre in der That vom Stand⸗ zunkte der Humanität recht bedauerlich. Abg. Schulze⸗Delitzsch begründete in der Z„amstags⸗Sitzung des deutschen Reichstags ie Interpellalion betreffs einer Novelle zum Gee⸗ rossenschaftsgesetz. Staatssekretar Schelling erwiderte, eine Reform des Genossenschaftswesens hiete so weite Gesichtspunkte, daß sie in die Bahnen einer Novelle kaum passe; es werde vielmehr ein neues Genossenschaftsgesetz nöthig werden; dasselbe hefinde sich schon in einem vorgeschrittenen Studium der Vorarbeit. Nach unerheblicher Besprechung der Interpellation durch die Abgg. Perrot und Frege vertagte sich das Haus auf heute. Miittels kaiserlichen Erlasses sind ver⸗ inderte Vorschriften für das Bajonetfechten der In⸗ 'anterie genehmigt worden. Der Kaiser hat, wie er Kriegsminister den Commandobehörden mittheilt, eine Willensmeinung dahin ausgesprochen, „daß ie hohern Vorgesetzten ihr Augenmerk darauf zu ichten haben, daß das Bajonetfechten nicht in zrößerm Umfange betrieben wird, als es mit Rück— icht auf seine Bedeutung angemessen ist, nament⸗ ich, daß nicht andere Dienstzweige dadurch beein⸗ trächtiat werden“ Ausland. Frankreich und Rußland beantragen eine Fonferenz zur Regelung der ägyptischen Angelegen⸗ seiten, wenn England nicht in die Herstellung des tatus quo ante in Aegypten willigt. Frankreich lehnt den Vorsitz in der Commission für die ägyp— sische Staatsschuld ab. Die französische Regierung si entschlossen, die Rechte Frankreichs auf die West- tüste Madagascars energisch zu waähren. Eine Privatmeldung der „Tribüne“ aus Pe⸗ tershurg bestätigt, daß die dortige Polizei um— fangreiche Verbindungen revolutionärer Elemente mnit Wortführern der Arbeiter entdeckt hat. Eine Anzahl von Etablissements ist unter besondere Auf⸗ icht gestellt worden mit der Ankündigung der Schließung und militärischen Sperrung beim ersten edrohlichen Anzeichen. Es ist erwiesen, daß am letzten Sonntag in der Nähe der Stadt eine zahl reiche Versammlung sozialiistischer Elemente statt⸗ jefunden hat, welche im Einklang mit weiteren An⸗ iftungen der Studenten zu handeln beschloß und ollen bereits ca. 40 Werkführer und Personen ihnlicher Art in Gewahrsam sein. Es ist das offenbar ein bedeutsamerer Anschlag, den man sehr ernst zu nehmen hat und der auch die Studenten⸗ inruhen in ein anderes Licht bringt. Das Mili⸗ är ist consignirt und größere Fabriken erhalten eigene Einquartirung, doch scheint man in gewissen creisen dem Militär selbst nicht recht zu trauen. Aus Anlaß der im Anfang des nächsten Jahres zevorstehenden Feier der silbernen Hochzeit des dronprinzen des Deutschen Reiches wird demnächst die kaiserliche Erlaubniß zur Veranstaltung einer Heldsammlung im russischen Reiche erfolgen. Mit dem Ertrage der Sammlung soll in Moskau inter dem Namen: Friedrich-Wilhelm-Victoria⸗ A Deutschen Reichs ein Zufluchtss und Krankenhaus erbaut werden. Das Institut soll eine Centralstelle werden, wo in Rußland weilende Deutsche Rath, Unterstützung und Auskunft, sowie im Bedürfniß— falle Aufnahme in dem Krankenhause finden werden, und steht ihm sicherlich eine höchst segensreiche Wirksamkeit bevor, da es kräftigst zur Unterstützung und Förderung des Deutschthums in der slavischen Fremde beitragen wird. Die Nachrichten aus Rußland lauten sehr z»eunruhigend. Der Nihilismus ist keineswegs er⸗ torben, sondern wuchert trotz russischer Polizei und ibirischer Verbannung im Stillen fort. Zu den zroßartigen Krawallen der Studenten in Kasan und Petersburg tritt noch eine allgemeine Unzu— riedenheit in den Reihen der Offiziere über eine inliebsame undkleidsame Uniformänderung. Es cheint leichter wahr werden zu sollen, was genau⸗ ere Kenner der russischen Verhältnisse schon längst prophezeit haben, daß nur eine Revolution das Land aus seinen traurigen Zuständen erlö—⸗ sen wird. Kairo, 4. Dez. Arabi, nur der bewaffneten Rebellion angeklagt, bekannte sich von dem Kriegs- gerichte derselben schuldig, worauf derselbe zum Tode verurtheilt wurde. Der Khedive verwandelte die Todesstrafe in lebenslängliche Verbannung. Kairo, 4. Dez. Ein Dekret des Khedives,. welches das Todesurtheil Arabis in Verbannung umwandelt, spricht zugleich aus, die Todesstrafe solle vollstreckt werden, wenn Arabi nach Aegypten zurückkehre. Lokele und vfälzische Nachrichten. * St. Ingbert, 5. Dez. Wie wir hören, nahm der Stadtrath in seiner gestrigen Sitzung das Budget pro 1883 ohne Aenderung nach den Vorschlägen der Budget-Commission an. Es bleibt also bei den 110 Prozent Umlagen für's nächste Jahr. (Wie schon früher erwähnt, sind dies 11 Prozent weniger als heuer. Sit. Ingbert, 5. Dez. Gestern Abend zatten sich im kleinen Sälchen des Café Oberhauser die Lehrer der beiden christlichen Confessionen zu Fhhren ihres nach Venningen scheidenden israe—