Full text: St. Ingberter Anzeiger

St. Ingberker Anzeiger. 
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M IBSBSI. Samstag, den 16. Oovember 1578. 
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Deutsches Reich. 
München, 13. Nov. Der Gesetzgebnngs⸗-Ausschuß der 
Abgeordnetenkammer hat die Berathung des 236 Artikel umfassen⸗ 
den Entwurfes eines Gesetzes zum Vollzugçe der Reichs-Civilproc⸗ß- 
atdnung und Concursordnung heute vollendet. 
Berlhin, 12,. Nov. Fast täglich verlauten neue Nachrichten 
uͤber Steuerprojekte, mit welchen sich die Reichsregierung beschäftigen 
joll. Insbesondere scheinen augenblicklich die Beleuchtungsmittel den 
Gegenstand eingehender Erörterungen zu bilden. Man spricht von 
Petroleum⸗ und Gassteuer, von welchen man reiche Ertrüge er— 
wartet. Im Vordergrund aller Steuerobjecte bleibt indessen der 
Tabak, bezüglich dessen es sich nur um die Frage des Monopols 
oder einer hohen Besteuerung handelt. Ohne Zweifel fordert der 
Reichskanzler vom Tabak einen Ertrag, der mindestens dem Betrage 
der Matricularbeiträge gleichküme, also etwa 80 Millionen Mark 
erreichen müßte. Was versch'edene Vlätier über die Neigung der 
Untersuchungscommission zum Monopol zu berichten wissen, ist um 
so weniger glaubhaft, als es nach dem Stande der Arbeiten der⸗ 
ielben den Mitgliedern zur Zeit kaum möglich sein dürfte, sich über 
diese wichtige Frage schlüssig zu machen. Eben so unzuverlässig 
sind die Meldungen über die Eisenuntersuchungscommission. In⸗ 
wischen treten an den peeußischen Handelsminister von den ver⸗ 
chiedensten Seiten die Versuchungen, mit den ihm zu Gebote stehen⸗ 
den Mitteln der nothleidenden Judustrie zu Hilfe zu kommen. Die 
Verweigerung von Tarifermäßigungen für Trauben und Mehl aus 
Ungarn hat eine Auzahl Kunstgäriner aus Sacsen ermuthigt, für 
die Einfuhr von Blumen die Tarifermäßigungen rüdgängig zu 
machen. Der Minister für Landwirthschaft hat denn auch bereits 
une Untersuchung angeordnet, von deren Ergebniß die Tariferhöhung 
abhängig ist. Dagegen protestiren zahlreiche Vertreter des Gerberei⸗ 
Gewerbes, wie das „Deutsche Momagsblait“ mittheilt, gegen die 
Erhöhung der Tarife für die Einfuhr von Eschenlohe. Man wird 
sich erinnern, daß gerade dieser Art'kel von dem Reichskanzler in 
jeiner Rede im Abgeordnetenhause angeführt wurde, um die Schädig 
ung der deutschen Industrie durch die Differentialkarife zu beweisen. 
Die deuischen Gerber behaupten indessen, ohne österreichische Eichen⸗ 
sohe anf dem Lidermarkte nicht concurriren zu können. Auch die 
Papierfabrikanten rühren sich; sie sordern die Wiedereinführung des 
Ausfuhrzolles für Lumpen, dessen Aufhebung sich als überaus 
chaädlich erwiesen habe, und Erhöhung des Einfuhrzolles für Papier. 
Der A. Z. schreibt man aus Beilin unter'm 11. über den 
Stand der Tabaksbesteuerungsfrage Folgendes: In den maßgeben⸗ 
den Kreisen. der Reichsregierung befchäͤstigt man sich zur Zeit 
nicht sowohl mil der Frage der Einführung des Tabakmonopols, 
als mit der Eroͤrterung eines höchst compüzirten Steuersystems. 
Bezuglich des einheimischen Tabaks entspricht dasselbe in der Haupt ⸗ 
jache dem sog. Inland-Monopol-Proejct. Darnach sollen die in⸗ 
andischen Tadakpflanzer verpflichtet werden, das gesammte Produkt 
in getrockneten Tabaleblättern ausschließlich der Reichsregierung 
gegen Gewährung eines angemessenen Kaufpreises zu überlassen, wie 
Das in den Monopol⸗Ländern üblich ist. Die Reichsverwaltung 
aber übernimmt nicht die ausschlichliche Verarbeitung des Rohpro⸗ 
drodutts und den Betrieb des Fabrilats, sondern sie perkauft das 
Rohprodukt unter Vorbehaltung des je nach dem Werth festgesetzlen 
Steuerbetrags öffentlich an die Meistbietenden. Was den ausian⸗- 
dischen Tadak vetrifft, so soll zunächst die Einfuhr lediglich über 
Vtemen und Hamburg zugelassen, die Importeute aber verpflichtet 
werden, den eingeführlen Rohtabak öffenllich zu versteigern und den 
auf die einzelnen Qualitäten entfallenden Steuerbelrag an die Reichs 
lasse abzuführen. 
„DBerlin, 12. Nov. Die „Kreuzzeitung“ erklärt sich ent⸗ 
die den gegen Getreide ˖ und Viehzolle und schreibt: Die deutsche 
Landwirthschaft sollte sich hüten vot schuß zöllnerischen Liebhabereien; 
se sollie aber bor allen Dingen darliber nicht dergessen, woe ihe 
wirtlich Noth thut und wo ihr wirtuch zu helfen ifnEs schernt 
iber beinahe, als wollten vor dem Wettrennen nach Schutzzöllen die 
andecen berechtigten For derungen auf Verbesserung der Laze 
ieses Erwerbszweiges zurückireten. Hier sollse man seinen Starß 
punkt nut mit der früheren Energie vertreten und zusehen, fwas 
sich erreichen läßt; wenn man jetzt meint, die Lage der Landwirth⸗ 
schaft ducch Einführung von Schutzzöllen verbessern zu können, fo 
zibt man sich damit einer Illusion hin, die man später einmal be⸗ 
tlagen würde. 
Ausland. 
Wien, 13. Nov. Die „Po!. Cortesp.“ meldet aus Kon— 
tantinopel vom Heutigen! Die Pforte läßt ein neues Rundschreiben 
yorbereiten, in welchem auf die Schwierigkeiten hingewiesen wird, 
velche die russischen Behörden der Heimkehr der mohamedanischen 
Flüchtlinge in den Weg icgen. Um diesem auf die Verdrängung 
)es mohamedanischen Elements aus Rumelien abzielenden Verfahren 
der Russen zu begegnen, beantragt die Pforte in Uebereinstimmung 
nit dem diesbezüglichen Beschlusse der internationalen Commissson in 
Philippopel den Zusammentritt der Bolschafter in stonstantinobel zu 
zinet Conferenz ad hoc. 
Pesth, 13. Nav. Die ‚Pesther Correspondenz“ meldet: Graf 
Schuwaloff hat heute den Besuch des Grafen Andrassy erhalten, 
Rachmittags um 2 Uhr war Graf Schuwaloff zu einer Privat⸗ 
audienz bei dem Kaiser beschieden. 
Nach dem Attentat des nun zun Tode veruntheilten Moncasi 
auf König Alfonso wurde von Madrid aus gemeldet, daß die 
panische Regierung Gesetze gegen die Internationale vor⸗ 
dereite, zu deren Mitgliedern der Meuchelmörder gehören sollte. 
Diese Mittheilung wurde mit einigem Staunen aufgenommen, weil 
nan glaubte, daß lediglich das Aitentat uud die angebliche Zuge⸗ 
zörigkeit des Attentäters zu der Internationalen die spanische Re⸗ 
jierung zur Vorbereitung von Ausnahmegesetzen gegen die Sozial⸗ 
»emokrotie veranlaßt hätten. Ju Wahrheit aber ist Spanien das 
inzige Land in Europa, in welchem die sozialistische Propaganda 
mnähernden Erfolg errungen hat wie in Deutschland. In einer 
Broschüre über Geschichte, Programm und Thätigkeit der inter— 
zativnalen Arbeiter⸗Assoziation findet sich solgender diesbezũgliche 
Abschnitt: 
„Eine wahrhaft erstaunliche Ausbrekung hat indessen die inter⸗ 
nationale Arbeiterassoziation in Spanien erlangt, wie die Spanier 
igerhaupt gauz bewunderungswerthe Zähigkeit der Regierung und 
der Polizei gegenüber bewiesen haben. In der Provinz Barcelona 
daben sich Seltonen von Feldarbeitern gedildet. Die Mutterseklion 
in Madrid gibt das Organ ‚La Emancipation“ und „El Grits 
de Guerra“ (Kriegsruf) heraus. Auf der Jusel Palma erscheint 
„El Oberer“ (der Ardeiter), in Barcelona die „Federacion“, in 
Zev lla „El Derecho“ (das Recht), im Valls „El Trejedor“ der 
Wedber), endlich ein Organ in Valladolid. Neue Seküonen sind 
n Toledo, Coragna, Valencia, Tortosa, Granada, Garmonga, 
Zaragossa, auf den tanarischen Inseln in der Bildung begriffen. 
Fast alle Arheitergruppen haben sich zu Gewerklschaften vereinigt. 
Die Buchdrucker, Lithographen, Seidenarbeiter, Hutmacher, Mecha— 
nikler, Steinhauer, Schuhmacher, Schneider, Baue uͤnd Hüttenarbeiter, 
Ulles gruppirt sich in Sellionen nah dem Programm der Jater⸗ 
aationalen. Spanien hat seit 1870 in Bezug auf Propaganda 
und Ocganisatioa Wunder vollbracht.“ 
Bedenkt man, daß dieses Zeugniß den Spaniern im Jahre 
1871 ausgestellt worden ist, so wird man zugeben müssen, daß die 
panische Regierung mindestens ebenso berechtigt ist, wie die deutsche 
Regletrung, Ausnhmegeseze zu erlassen. 
Die Kinder sind da! 
Unter dieser Ueberschrift bringt die „Pfälzische Lehrerzeitung“ 
aus der Feder ihrts Redalteurs einen Artilei, der seines beherzigens⸗ 
werthen Inhaltes wegen verdient, in den weitesten Kreisen gelesen 
su werden. Wir bringen ihn nachstehend mi Ausnahme eines 
jurzen Abschnitles, in dem sich der Versasser jpeziell an die Lehrer 
wendet, zur Veröffentlichung und wünschen nur, daß die wohlge⸗ 
meinten Worte eines warmen Kinderfteundes bei allen unsern 
deserinnen und Lesern fruchtbar wirken möjen. Die „Pfälz jche 
dehrerzeitung schreibt: 
„Man meint wirklich oft, man sitzt aus glühenden Kohlen,