Full text: St. Ingberter Anzeiger

Sl. Fugherter Amzeiger. 
Amtliches Organ des königl. Amtsgerichts St. Ingbert. 
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M 82. 
* Land⸗- und Seemächte. 
Der englisch⸗russische Konflikt, in welchem nun 
ereits seit Wochen das Zünglein der diplomatischen 
Bage bald nach der Kriegs⸗ bald nach der Frie⸗ 
ensseite neigt, giebt Anlaß zu einer hochinter⸗ 
ssanten Betrachtung, nämlich einer Vergleichung der 
zchicksale der Seemächte im Verhältniß zu den 
andmächten. In der gesammten Weltigeschichte 
aacht man die Beobachtung. daß Seestaaten, die 
zre Macht auf Handel und Kolonien 
üten und bei einem verhältnißmäßig nur kleinen 
andbesitz des Mutterlandes in der Regel auch nur 
m kleines Söldnerheer hielten, sich rasch zu Macht 
ind Ansehen, Reichthum und Luxus entwickelten, 
ber dann stets von einer Landmacht besiegt, ver— 
rxängt oder gar vernichtet wurden. Man denke 
uur an das Schickhsal des althistorischen Seestaates 
gzhönizien, weicher von den Landmächten eines 
zyrus und Alexanders zerstört wurde, an die See⸗ 
und Handelsstadt Karthago, welche in tragischer 
Veise Rom erlag, ferner an die Beispiele der mitt 
eren und neueren Geschichte, Genua, Venedig, Por⸗ 
ugal und Holland, welche einst Großmächte waren 
und nun entweder ganz verschwunden oder doch zu 
Nächten dritten Ranges herabgesunken sind. 
Da drängt sich dem Beobachter unwillkürlich 
et Gedanke auf, ob der Seestaat England nicht 
uch einem ähnlichen Loose entgegengehe, denn finden 
zir in England nicht dieseibe Entwickelung und 
derhältnisse vor als in den untergegangenen oder 
on ihrer Macht herabgesunkenen ehemaligen See⸗ 
nächten? Wie jetzt England durch ein Handels⸗ 
nonopol, durch Industrie und Kolonien schwer reich 
eworden ist, so war es auch einst mit Phönizien, 
darthago, Genuag und Venedig der Fall, wie Eng⸗ 
and fremde Völker und Fürfien in Abhaͤngigkeit 
ind Handelstribut hat, so besaßen auch Karthogo 
ind Venedig ihre tributären Staaten und Alsee 
jes war vorzugsweise erreicht worden durch keckes 
zugreifen. Handelslift und ein — Soldnerheer, 
les Zustände, die wir auch bei England beob⸗ 
ichten. Es soll ja auch nicht geleugnet werden, 
eß die Seeßaaten große Thatkraft und industriellen 
fleiß in vielen Perioden gezeigt haben, aber ihr 
Nauptziel war die Anhäufung don kolossalen Reich⸗ 
zumern, ein luxuriöses Leben und die Abwalzung 
er Lasten der Vaterlandsbertheidigung auf geworbene 
Söldner, ein Zustand, der auch im heutigen Eng⸗ 
and anzutreffen ist. Daraus ergiebt sich, daß in 
n Seestaaten in demselben Verhältniß wie der 
kelchthum und Luxus zunimmt di wirklichen ent⸗ 
heidenden Machtfatsoren, zumal was die allge⸗ 
neine Wehrfaͤhigkeit anbetrifft, abnehmen und schließ⸗ 
ich die wirlliche Nacht der Seestaaten in ein schrei⸗ 
ndes Mißberhältniß zu der eingebildeten Macht 
erath. Die Staaten dagegen, wenhe vorzugsweife 
andmacht find, entwickeln sich in ihrem Wohistande 
iel langsamer und solider, haben auch wegen ihren 
letz den Nachbarvölkern zugänglichen Grenzen einen 
ne härteren Kampf um das vafein un find in 
jolge dessen kriegstüchtiger als die Seemächte. 
dließlich muß nun aber der zum Monopol aus- 
nee Reichthum und Handelsvorzug der See⸗ 
— den einen oder andecen Landstaat reigen. 
— in Besiß ahnlicher Vortheile zu sehen 
w daraus entfieht ganz natürlich ein Kampf der 
ur. Landmacht gegen die Seemacht, in weichem 
dieren aus den vorerwähnten Gründen schließlich 
nierliegen muß. Rom und Karthago sind dafür 
newiges Beispiel in der Weltgeschichte und Ena⸗ 
Montag, 27. April 1885. 
and, das Karthagso der Gegenwart, mag sich hüten, 
aß ihm in Rußland kein Neu-Rom entsteht. 
Politische Uebersicht. 
* Das preußische Abgeordneten— 
jaus erledigte am Freitag und Sonnabend den 
hesetzentwurf, betreffend die Kreis- und Provinzial⸗ 
rdnung für Hessen ˖ Nassau, in zweiter, resp. dritter 
desung. In der Freitagsitzung kam auch die schon 
o oft ventilirte Frage des Spielens in auswärtigen 
dotterien zur Erörterung und wurde hierbei ein 
om Abgeordneten Bödiker beantragter Gesetzent⸗ 
nurf, welcher das Spielen in nichtpreußischen 
kotterien noch strenger bestraft, als bisher, ange⸗ 
ommen. Zugleich genehmigte das Haus einen 
zusatzantrag des Abgeordneten Franke, nach wel⸗ 
hem die Veröffentlichung der Resultate der aus⸗ 
värtigen Lotterien in preußischen Zeitungen mit 
iner Strafe bis zu 150 Mt. belegt werden soll. 
* Die der stricten Ausführung des 
ranzösischechinesischen Friedensvertrages 
nigegenstehenden Mißverständnisse und Hindernisse 
heinen endlich beseitigt zu sein. Eine Depesche 
Zrioͤre's aus Hanoi meldet, daß die chinesischen 
dommissare Haiphong am 24. d. M. verlassen 
vürden, daß sich die chinesischen Truppen von Cep 
nuf Bacle zurückgezogen hätten und daß keinerlei 
5chwierigkeiten vorlägen. 
Die Aufsehen erregende Nachricht, daß sich 
Italien England gegenüber verpflichtet habe, die 
xglischen Truppen in den größeren Staädten Egyp⸗ 
ens durch italienische Truppen zu ersetzen, Sualin 
ind Berber zu okkuppiren und eventuell in dem 
englisch ˖russischen Konflilt mit England zu gehen, 
vird jet von den italienischen offiziösen Blaätiern 
dementirt, daß Italien Neigung verspüren sollte, 
iich in die englisch⸗russische Streitaffaire einzumischen, 
var von vornherein entschieden zu bezweifeln, aber 
ie Moͤglichkeit einer Uebereinkunft zwischen Eng⸗ 
and und Italien bezüglich einer Ersetzung der eng⸗ 
ischen Garnisonen in Egypten durch alienische 
ruppen war nicht ohne Weiteres von der Hand 
u weisen; nunmehr scheint aber die Aktion Italiens 
n Egypten auf den Küstensaum des Nothen Meeres 
eschränkt zu bleiben. Die Nachricht von dem Marsche 
er Italiener gegen Kassala haben fich noch nicht 
estatigt und ist es überhaupt sehr zweifelhaft, ob 
ine Expedition gegen Kassala den Italienern irgend 
delchen Vortheile brächte. Uebrigens meldet eine 
—XLEVVX 
ei Massonah eine Niederlage erlitten hätten, welche 
Kachricht, falls sie sich bestätigt, in Italien sehr 
jemischte Empfindungen über die Kolonialyolitit 
Nancini's hervorrufen dürfte. 
*Die Untersuchung über die im 
dondoner Admiralitätsgebäude statt⸗ 
jefundene Dvnamit-Explosion nimmt ihren 
rortgang. Ewas Positives über den Urheber der⸗ 
elben ist noch nicht zu Tage gefördert worden 
ind wurden auch noch keine Verhaftungen vorge⸗ 
vommen. 
Deutsches Reich. 
München, 24. April. Der preußische Ge⸗ 
andte Graf von Werthern erstattete dieser Tage 
m Auftrage des Reichskanzlers Fürsten Bis⸗ 
narck dem Musikprofessor Herrn Josei Giehrl einen 
20. Jahrg. 
E 
Besuch, um demselben für die Komposition des 
heyse'schen „Bismarclliedes“ zu danken. 
Weimar, 24. April. Auch die thüringische 
Industrie wird für Angra Pequena in An—⸗ 
pruch genommen: eine Fabrik in Arnstadt ist in 
umfangreichem Maße mit der Lieferung von eisernen 
erlegbaren Karren und Wagen betraut worden. 
Ausland. 
London, 25. April. Es verlautet, daß in 
Zir William Armstrong's Kanonenfabrik in Rew⸗ 
astle eine russische Bestellung auf eine große 
Zuantität Kriegsmaterial einlies. deren Annahme 
edoch verweigert wurde. 
Petersburg, 24. April. Die heutigen 
ussischen Blätter glauben fast durchweg, daß der 
Ausbruch eines Krieges mit England nicht zu 
»ermeiden sei. Nur die „Nowoje Wremja“ macht 
ine Ausnahme, aber auch sie macht sich wenig 
Joffnung. 
SZokale und pfälzische Nachrichten. 
*St. Ingbert, 27. April. Gestern Morgen 
hatte dahier die älteste Tochter eines Bergmannes 
das Unglück, ihr kleines Brüderchen derart mit 
ochendem Kaffee zu überschütten, daß für dasselbe 
airztliche Hilfe in Anspruch genommen werden mußte. 
R. Neuhaäusel, 26. April. Gestern Morgen 
Jegen 5 Uhr brach in dem Hause der Wiliwe 
Sebastian Denne Feuer aus, das in Kuürze so große 
Dimenfionen annahm, daß die Feuerwehr wenig 
nehr ausrichten konnte und daher das ziemlich 
große Anwesen bis auf die Mauern zerftörte. 
— Zweibrüden, 24. April. Der Steit 
um die Reichsbanknebenstelle hat sein Ende dadurch 
erreicht, daß die gestrige Versammlung von Indu⸗— 
triellen und Handeltreibenden sich entschlossen hat, 
die Gemeindeumlagen aus der eigenen Tasche zu 
ahlen. 
— Schönau, 28. April. Von den Im⸗ 
nobilien des Schönauer Hüttenwerkes ging der 
Saarbacher Hammer mit Fischweiher an Herrn 
Keichstagsabgeordneten E. v. Vietrich und defsen 
Berwalter Herrn Borsch in Niederbrunn über. Das 
Werk wird abgerissen und werden nur die Weiher 
ur Fischzucht verwendet. Die Waldungen erwarb 
derr Holzhändler Singer in Reichshofen. Wiesen 
ind Aecker kamen am 21. und 22. ds. zur Ver⸗ 
teigerung und gingen sehr gut ab. 
— Aus dem Eisbachthale schreibt man 
der „Wormser Zeitung“: Man erzüͤhlt sich hier, 
daß nach Versicherung von Personen, welche kürzlich 
die Pfalz besuchten, in der Nahe von Asselheim auf 
Brund ziemlich verlassiger Anzeichen das Vorhanden⸗ 
ein eines Steinkohlenlagers vermuthet wird. Falls 
ich das Gerücht bewahrheiten sollte, waͤre das aller⸗ 
ings ein hoͤchst glückliches Zusammentreffen mit der 
Benehmigung der Eisthalbahn. 
— Albersweiler, 285. April. Eine groß⸗ 
irtige Millionen ⸗Erbschaft steht wieder in Aussicht. 
WDie englische und amerilanische Blattet berichten, 
zsing vor ca. 100 Jahren ein dahier geborenes 
sraelitisches Fraulein Namens Rosalia nach Italien 
uind bekleidete dort in einem angesehenen Hause 
die Stelle einer Erzieherin, bei welcher Gelegenheit 
ie einen alten invaliden, aber sehr reichen Herrn, 
Josua Levy, kennen lernte, der sich bald hernach 
nit ihr verheirathete. Doch war die geschlossene 
xhe nur von kurzer Dauer, da der Aln Herr 
ald starb und seiner jungen Winwe das ungeheure 
Bermögen von mehreren Millionen hinterließ. Nach 
»em Tode ihres Gemahls verließ die —imn