8t. Inoheyfer Amzriger.
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Dienstag, 11. August 18885.“ 20. Jahrg.
C — E
Der Wettbewerb in der Welt⸗
wirthschaft.
Zu den interessantesten Erscheinungen auf dem
hehiete der Weltwirthschaft gehören ohne Zweifel
ie seit einer Reihe von Jahren sich sietig mehren⸗
in Anzeichen von der Abnahme der bkonomi⸗—
hen Machtstellung Englands. Neu—
nann ·Spallart, der verdienstvolle Statistiker der
Deliwirihschaft, bringt zum Nachweise dieses Rück-
jangs eine ganze Reihe schlagender Daten bei, von
nen wir nach dem „H. C.“ nur die folgenden
ʒichtigsten anführen:
Waͤhrend der gesammte Welthandel von 1874785
is 1882 von 52,8 auf 67,5 Milliarden Mark
zeftiegen ist, blieb der Außenhandel Englands auf
z,17 Milliarden stehen, der Antheil Großbritanniens
m dem Welthandel sank mithin in dieser verhält
nißmäßig kurzen Zeit von 24 auf 1922 PCt., der
Intheil der übrigen Länder stieg von 76 auf 80,5
Ct. Das Verhältniß hat sich 1882 sicher eher
xrschlechtert als gebessert. wenigstens weist der
Jußenhandel Englands im Jahre 1884 einen Rück⸗
jang auf 12,5 Milliarden Mark nach. Aber nicht
iur der Antheil Englands an dem gesammien
Welthandel, sondern auch derjenige an dem Außen⸗
jandel Europas dewegt sich rückwärts. Denn auch
ꝛer Gesammtaußenhandel Europas stieg von 187475
juf 1882 von 39,5 auf 46,2 Milliarden Mark,
et Antheil Großbritanniens sank mithin von 33,1
uuf 29 pCt., und die kontinentalen Länder weisen
meiner Zeit, in welcher Englands Außenhandel
inen vollständigen Stillstand zeigt, einen Zuwachs
von 5,7 Milliarden Mark oder über 21 pCt. auf.
hroßbritanniens Kohlenproduktion, welche 1868
och 33,6 pCt., also erheblich über die Hälfte der
esammiproduktion aller Lander, 62,7, mithin
nahezu zwei Drittel derjenigen Europas hetrug,
helief sich 1883 nur auf 40,7 der Gesammipro⸗
zuktion der Erde, auf 55,3 pCt. derjenigen Euro⸗
as. 1856 —60 wurden von der gesammten nach
xuropa gebrachten Baumwolle in England nicht
veniger als 60,3 pCt. im Jahre 1882183 nur
wch 52,8 pCt. verwendet.
Diese Zahlen genügen vollauf,. um zu zeigen,
aß weder Englands Handel, noch seine Industrie
ene überwiegende Bedeutung zu behaupten vermögen,
velche sie biß in die Hälfte des vorigen Jahrzehnts
iemlich unverändert inne hatten, und daß sie, statt
m der stetig zunehmenden Steigerung des Welt⸗
derlehrs enijprechend Theil zu nehmen, in einen
—RW——
fückganges gerathen find.
Insoweit dieser Stillftand in der Entwicklung
et wirthschaftlichen Kraft Großbritanniens seinen
lontinentalen Mitbewerbern, und insbesondere Deuisch⸗
and zu Gute kommt, kann er als erwünscht gelien.
In der That haben ja auch, wie wir vorfiehend
ahen, die —XI
ner ihnen nicht an letzter Stelle Deutschland, in
den leßten 7 Jahren einen erheblichen Vorsprung
or Großbritannien gewonnen und haben ihren An⸗
heil an der Vermehrung des Weltverkehrs wenigstens
ahezu zu erhalten vermocht. Deutschland hat seinen
Intheil an der Gesammfeisenprodultion von 1324
im Jahre 1876 auf 18 pCt. im Jahre
883 zu steigern gewußt. Allein diese geschilderte
entwidlung hat fuͤr die Lander Europas auch eine
h zu unterschähende Schattenseite. Es ist dies
ne wachsende Bedeutung der Vereinigten Staaten
n dem Weltperkeßkt märdver die slefige Verminde⸗
rung ihrer Aufnahmefähigkeit für die Erzeugnisse
der europäischen Inpustrie in Folge der Erstarkung
uind Entwicklung der inländischen Produktion Hand
in Hand geht. Die Gefahr liegt nahe, daß Europa
— in ersier Linie zwar zunächst Großbritannien,
emnächst aber auch die anderen Länder Westeuropas,
velche zur Ernährung der Bevölkerung der Erzeug—
nisse der amerikanischen Landwirthschaft bedürfen —
eine Einfuhr von dort nicht durch eine entsprechende
Ausfuhr von Industrie-⸗Erzeugnissen auszugleichen
vermöge und daher den Vereinigten Staaten wirth⸗
chaftlich tributpflichtig werden dürfte.
Der lebhafie Drang der kontinenialen westeuro⸗
aischen Vöiker nach siarker Entwickelung ihrer über⸗
eeischen Beziehungen, welcher in Deutschland zwar
zuletzt, aber dann um so kräftiger hervorgetreten ist,
erscheint daher durchaus naturgemäß, nicht als das
Produkt der Launen oder der Willkür, sondern des
Hefühls der Nothwendigkeit, dem Außenhandel neue
hahnen, der heimischen Industrie neue Absatzgebiete
zu öffnen, und damit sich die Möglichkeit zu er⸗
halten, den Bedarf an Nahrungsmitteln mit dem
ẽkrlöse der ausgeführten Industrie Erzeugnisse
zu decken.
Zugleich ist die Kraft und Energie, mit welcher
nsabes ondere Deuischland in die Bahnen der Kolo⸗
nialpolitikt, der Herstellung neuer leistungsfähiger
Berbindungen mit den für unsere Industrie bedeut⸗
amsten überseeischen Ländern eingetreten ist, ein
Zeichen dafür, daß wenigstens unser Vaterland von
der Altersmüdigkeit noch weit entfernt ist, deren
erste Spuren wir in Großbritanien wahrnehmen,
daß bei uns das wirthschaftliche Leben in voller
Jugendfrische und Manneskraft pulsirt und Kraft
zenug besitzt, um Stochungen in der Welwirthschaft,
die sie ohne Zweifel zur Zeit bestehen, erfolgreich
u überwinden.
Jene kraäftige Bewegung auf dem Gebiete der
iberseeischen und insbesondere der Kolonialpolitik ist
daher unter einem doppelten Gesichtspunkte so über⸗
aus erfreulich. Sie ist einerseits zugleich ein Zeichen
»es erstarkenden Nationalbewußtseins und das wirk·
ame Mittel zur weiteren Entwickelung und Kräf⸗
igung desselden, sie ist andererseits ein deutliches
Symptom von wirthschaftlicher Spannkraft und
knergie und zugleich der richtige Weg, um die
virthschaftliche Entwickelung Deutschlands den
Fortichtitten der Welwirthschaft entsprechend zu
Irdern. National⸗ und wirthschaftspolitische Mo⸗
nente gewichtigster Art vereinigen sich daher, um
den Eintritt Deutschlands in eine kräftige, plan⸗
mäßige überseeische und koloniale Politik zu einem
der fruchtbarsten und bedeutsamsten Ereianisie der
tetzten Zeit zu flemveln.
sönlicher Ausdruck der freundschaftlichen Beziehungen
zwischen Deutschland und Oesterreich. In Bezug
zuf die bevorstehende Entrevue des österreichischen
aisers und des Zaren in Kremsier bemerkt das⸗
selbe Blati, daß weder eine große Staatsaktion,
noch eine schriftliche Fixierung politischer Thatsachen
in Aussicht genommen seien; die Zusammenkunft
in Kremsier werde nur bekunden, daß an dem bis⸗
herigen freundschaftlichen und vertrauensvollen Ver⸗
hältniß, welches in kurzer Frist zu durchaus glück—
lichen Ergebnissen geführt habe, festgehalten wer⸗
den soll.
Die framzösische Regierung hat nun
endlich den Tag für die allgemeinen Deputirten⸗
vahlen festgeseßt; die Wahl fiel auf den 4. Ok-
ober. Die noch in der letzten Zeit unternommenen
Bemühungen, den Wahltermin schon im August
»der Seplember anzusetzen, find also gescheitert.
Den meisten Nutzen von einem Erfolg derselben
Jjätten die Radikalen gehabt. Sie sind in den
Wahlvorbereitungen allen anderen Parteien weit
boran und haben die Wahlbewegung aus dem
Reiche der internen Berathungen der Parteiführer
und Abgeordneten schon längst ins Volk getragen.
Die hervorragenden radikalen Deputirten, Clemenceau
allen voran, bereisen das Land und suchen alle
Orte auf, in welchen es gilt, den gegenwärtigen
Besitzstand der Radikalen zu behaupten oder neue
Mandate zu gewinnen. Die von Clemenceau und
seinen Genossen in den Wahlversammlungen er⸗
zrterten Fragen sind die des bekannten radikalen
JIrogramms: Trennung des Staates von der
dirche, Aufhebung des Concordats!, Wahl der
Richter ꝛc. Hierzu kommt noch die sterile, aller
hdöheren Gesichtspunkte entbehrende Polemik gegen
die Opportunisten. Man muß gestehen, daß dem
aach sozialen Reformen und Besserung der wirth⸗
chaftlichen Verhaältnisse verlangenden Volke ein
olches Programm Steine statt Brod anbietet. Auch
nicht eine der von den Radikalen eroͤrterten Fragen
zermag die Volksmassen zu erwärmen und fuür die
zadikale Partei einzunehmen, und es ist deßhalb
igentlich selbstverständlich, daß die radikale Wahl⸗
agitation trotz aller zur Schau getragenen Leiden⸗
chaftlichkeit matt verläuft.
Im englischen Oberhause erkundigte
sich Arthur Arnold, ob die Regierung irgend welche
Information besitze über die in einem Berliner
Telegramm der „Times“ gemeldeten Anexionen
Deusschlands in der Nachbarschaft don Zanzibar.
Er fügte hinzu, die Handelskammer von Manchester
habe ihm ein Telegramm gesandt, worin Besorgniß
uüber diese Meldung ausgedrückt werde. Der Unter⸗
staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, Bourke,
erwiderte. er könne die Frage nicht beanworten,
da er keine Information über den Gegenstand hesñitze.
Politi che Uebersicht.
Nach den neuesten Anordnungen geht Kalnoky
Anfang der nächsten Woche zum Besuche Bis⸗
mards nach Varzin und gedenkt daselbst zwei
Tage zu verweilen. Man wird sich entsinnen, daß
der Graf dieselbe Reise im vorigen Jahre am 14.
Augufst antrat und am 15. in Varzin eintraf. Er
wollte damals nur einen Tag dort bleiben, reiste
aber troz des auf den 18. August fallenden Ge⸗
burtstags des Kaisers Franz Joseph erst am 19.
iber Berlin und Dresden nach Wien zurück. Dat
Wiener Fremdenblatt“ hebt in einem Artikel her—
jor, daß diese bevorstehende Begegnung der beiden
5taatsmanner mit keiner konkreten Frage in Ver—
indung stebe: dieselbe sei gewissermaßen ein ver—
Das Leichenbegängniß des verstorbenen
Generals Grant fand am 8. August zu Newyork
in großartiger Weise stait. Der Leichenzug war
fast sechs englische Meilen lang und unter den
Theilnehmern befanden sich der Präsident Cleveland,
der Vicepräsident Hendricks, die früheren Präsiden⸗
ten Hayes und Arthur, die Minister und Mitglieder
des obersten Gerichtshofes, das diplomatische Korps,
die Mitglieder des Kongresses und die Gouͤverneure
der verschiedenen Staaten. Alle Geschäfte waren
geschlossen.