doch nicht ermangeln, die Ausstellung in Wien zu beschicken, ohne
es gerade für schicklich zu halten, daß ein gründungsberücht igtet
Banquier alle Zeitungen kaufen will, um ihre Guthullungen micht
nehr fürchten zu brauchen, wir glauben eher, daß die Zeilungen
sich biesen gründungsberüchtigten Banquier gründlich kaufen
werden, um ihn als ein abschreckendes Exempel im Lomparden⸗
Winkel der Berliner Börse auszustellen. Auch der hiesige Magi—
ttrat hat zwei Abtheilungen des Wiener Ausstellungsgebäudes in
Anfpruch genommen: in der einen soll die Abfuhr, in der anderen
die Canalisation, Radicalsystem III., als „Berliner Duft“ den Ge⸗
ruchsorganen der Tonauuferbewohner zugänglich gemacht werden,
um Berlin nach Paet als „reinlich und zweifelsohne! erscheinen
zu lassen. Die Herren Treu und Nuglisch gehören aber nicht
zum Hobrechtschen Consortium.
Daß die Wiener Drehorgeln von Richard Wagner für die
Zeit der Ausstellung zukünftig gestimmt und von ihm perfönlich
dirigirt werden sollen, wofür sie die Hälf!'e ihrer Einnahmen für
das Bayreuther Musiktfest abzuliesern hätten, wird uns als eine
roch nicht spruchreife Frage bezeichnet. Schnell auf die Kosten
würde der „Orchesterkönig“ wohl gekommen sein, wenn er das
Judenthum in der Musik“ hoͤher geschätzt und die Tochter des
Baäron v. Rothschild auf dem Civilwege geheirathet dätte, die
zum Aerger der hochpriesterlichen Geistlichkeit von dem Adjntanfen
hdes Herzogs von Edinburgh kürzlich als ruhig waltende Hausfrau
heimgeführt worden ist. Da liegt, wie die Berliner sagen, wirklich
Musik drin.“ Auch die Dumasschen Ehebruchstücke find jetzt von
Ftalien in Musik gesetzt worden; die Begleitung besteht aber nur
einfach, wie die der früheren Bärentänze, aus Trommeln und
Pseifsen. Bologna und Flotenz haben die „Cameliendame“ und
„Prinzessin George“ ausgepfiffen und überlassen es den durch die
Polizei sittlich gemachten Berlinern, ihre Töchter nach Dumasschen
Grundsatzen moralisch zu bilden. Advokat Laport wird de Ca—
meliendame jetzt als elsässische Kinder behundeln und wieder nach
Frankteich veriocken. Wir rufen ihnen nach: „A la port!“
Der Gesundheitszustand in Berlin ist vortrefflich und jeden ˖
falls besser als in Boston, wo Pauline Luceca, vor Sehufncht nach
hrem Gemahl an einer Herzkrankheit darnieder liegt. Hoffentlich
wird ihr Hausarzt, Rittmeister W., den sie aus Berlin verschrieben
hat, sie bald von diesem Uebel vefreien. Im Punkte des Glau⸗
bens steht es schwachh mit der Kaiserstadt; nicht allein, daß äller
Glaube an die Unfehlbarkeit des Oberkirchenraths verloren gegangen
ist, man glaubt auch nicht, daß die Schweiz ihre Ausweisungsordre
gegen Pfarrer Mermillod, der vom Papst per Ordre de Muft'
zum apostolischen Vicar für Genf ernannt wurde, zurücknehmen
pird. „Er lebte ganz vergnügt in Genf und ahnte nicht diesen
Senf.“ Da wurde ihm der Canton und zugleich die Temporalien
gesperrt, und der Schweizer Burdesrath beschloß zugleich mit der
Grenzsperre und der Temporaliensperre so lange fortzufahren, bis
das renitente Pfaffenvolk die Maulsperre bekommen hat. — Wer
aber hat an allem Unheil Schuld? — Laskerz! Mäan sollte nicht
glauben, daß der körperlich nur kleine Mann so Großes bewirker
könnte. Graf Roon ist ja gegen ihn ein Riese! Wenn Lasker
dieses lieset, wird er cleich wieder sagen: .Das Großsein thut es
nicht allein, sonst holte die Kuh den Hasen ein.“ Er muß immer
das letzte Wort haben. Am Besten wird es sein, wir schicken ihn
nach Spanien, an die Stelle des abgetretenen Amadeo, da kann
er, als moderner Marquis Posa, die „schoͤnen Tage von Aranjuez“
wvieder herstellen. (B. B. Ztig.)
Vermischte s.
Zweiberücken, 19. Febr. Heute früh kurz vor ach
U yr erschoß sich in der Kaserne dahier der s. Z. als Freiwilliger
hei dem k. 5. Jägerbataillon eingetretene ehemalige Telegraphist
Alex. Stumpf von Saarbrücken aus Lebensüberdruß. Derselbe
war erst 18 Jahre alt—
fPirmasens, 17. Febr. Gestern wollten eine Anzahl
hiesiger junger Leute eine sehr unschuldige Kappenfahrt veranstal—
en, welche jedoch durch die Polizei insoweit gestattet wurde, daß
die Fahri stattfinden durfte, aber ohne Kappen. Ob das Aufsetzen
einer Kappe — ohne jede andere Vermummung — als eine
Maskerade angesehen werden kann, wozu nach Art. 32, Abs. 1
die Erlaubniß der Polizeibehörde erforderlich ist, vermag ich nicht
zu entischeiden. Gewiß ist nur so viel, daß durch dieses Verbot
hbiel böses Blut erzeugt worden ist. (L. A.);
4 Bezüglich des Anstellungs- und Entlaffungsmodus und der
Regelung ihret Gehalte werden die Gemeindeschreiber der Pfal,
deminächfi eine Adresse an S. M. den Körig absenden. Dieselbe
irkuliri gegenwärtig unter den Gemeindeschreibern behufs Ein—
holung von deren Unterschriften.
fSaargemänd, 18. Febr. Das hiesige „Wochenbl.“
schreibt: Gestern Morgen um 11 Uhr erschoß sich in der Kaferne
daͤhier ein Chevauxleger mit seinem Karabiner. Der Verdacht
des Diebstahls, der auf ihm ruhte, scheint das Motiv der Tha
gewefen zu fsein. *
57 ver! Dibisionsgeneral Uhrich, des Reserveadres, welcher
waͤhrend dem Kriegt von 1879 in Straßburg kommandirte, ver⸗
angte seine Ruhessandsversetzung. Sein Ruhegehalt b etragt
3000 Fr.
Sr. Uhrich ist 71 Jahre alt und zählt 53 Dienstjahre und
16 Feldzüge.
SLich tem steein (Sachsen), 15. Febr.“ Der Haus⸗ und
rundbesitzer Chr. Fr. Longt und seine Eheicau feierten heute
ihr 75jähriges Ehejubtläum. Der Ehemann hat ein Alter von
(03 die Frau ein solches von 98 Jahren, aiio zusammen ein
Alter vor 204 Jahren. Das Ehepaar lebt heute noch im der
hbesten Gesundheit.
fParis 185. Febr. Gestern fand man auf dem Boulevard
⸗ein Frauenzimmer halb ersroren;z ats sie aufgethaut war, bekannt
iie, daß sie 45 Gläser Absynth getrunlen habe.
Paris. Alexander Dumas, der Verfasser der Ebe⸗
hruchs⸗-Dramen: „Femme de Claude,“ der Cameliendame und
der „Prinzessin Gesrges“ ist eigenthümlicher Weise ein durchaus
nusterhafter Ehemann und lebt im glücklichsten Fam lienverhäaltnisse.
Man erzählt, von ihm ein Wort, das noch aus der Zeit des
daiserreichs und aus den Salons der Prinzessin Mathilde stammt:
„Sie, der Sie so gut die Herzen der Frauen kennen und beschreiben
jaben sie selbst je geliebt ?“ fragte ihn die Prinzessin. „Ein einzig
Mal, Madam, ein Mal mit Leideuschaft.“ „Und was — was
st aus diesen — — Gegenstand Ihrer Neigung geworden?“
Meine Frau,“ erwiderte Dumas kurz.
f (Ein Verhängnißvoller Regenscchir m) Ein Pariser Blau
erzaͤhlt folgende Geschichte: Wir wollen nicht einmal die Aufangs⸗
huchstaben der Acteurs dieser Tragicomöde geben, denn das hieße
eine Famil'e compromittiren, deren mit Recht geachteter Name bis
nuf Heinrich I. (reg. 1347 —-1559) zurückgeht und deren Oberhaupt
den Titel eines Marquis trägt. Von diesem Oberhaupte selbst
Jondelt die Geschichte. Hert v. X. ist 63 Jahre alt und besitzt
eine um mehr als 40 Jehre jüugere Frau, die ihn so oft als
nur möglich hintergeht. Der in jüngster Zeit Bevorzugte warꝰ ein
zuuger Mann, der in einem Ministerium eine ziemlich hohe Stel⸗—
fung betleidete. Vor 4 Tagen vergaß dieser junge Mann bei
Madame von X. einen Regenschitm, dessen Achatknopf in Gold
das Monsgramm des Besitzers trug. Wie Herr von X. das
rorpus delioti fand, frug er: „Was für ein Regenschirm ist dies?“
—„Mein Freund“ antwortete die Dam' errbihe d, „das ist
ein Geschent das ich Dir mache. Da siehe Deine Initialen.“ Durch
inen selisamen Zufall fingen Vorsund Zunamen des Gatten und
Beliebten mit denselben Buchstaben an. Der Gatte empfing den
Regenschirm. Tags darauf traf er fseinen Nebenbuhler im Cercle.
Beiden gingen miteiander fort. Der Gaͤtte ergtiff den Regenschirm,
„Halt,“ sagte der Liebhaber lachend, „das ist mit Verlaub mein
stegenschirm. Ich habe ihn gestern verloren, aber gehenkt will ich
ein, wenn ich dachte, dies sei hier gewesen“ — Der Scheidungsprozeß
st bereits eingeleitet.
rLondon, 19. Febr. In der Kohlengrube Falke in der
Hrafschaft Stafford hat eine Erplosion stattgefunden und 30 —40
Menschen getödtet.
Wien. Ueber Julie v. Ebergenyi, belannt aus dem
Bergifftungsprozesse Chorinsky Eberzenyi“ bringt das „Vaterland
olgende Daten: „Es waltet bei Julie v. Ebergenyi keine Simu⸗
ration, sondern ausgesprochener wirklcher Wahnsinn ob. Ihre
Wärterinnen, die sie Tag und Nacht zu überwachen haben, erzählen,
daß Ebergenyi Anfangs alle vierzehn Tage, jetzt nur alle fünf bis
sechs Wochen lichte Augenblicke habe und daß sie jeder Tröstung
unzugänglich sei. Die meiste Zeit sitzt sie aus einem Sessel in
hrer Zelle des Corridors, brütet und stiert stumpf und stumm
dahin, und gibt weder den Aerzten, noch Jemand Anderm Rede
und Antwort, nut manchmal bricht sie in Schimpf und Schell⸗
worte gegen eine Unterwärterin aus, die fie nicht leiden kaun.
Auch liegt sie viel im Bette und ahmt das Stricken, sowie auch
Threrstimmen, meist die des Kukuks, nach. In der Nocht, weun
fe sich allein glaubt, springt sie aus dem Beite, reißt, was sie
im Leibe hat, von sich und tanzt aus allen Leibeskraften in der
Zelle herum, bis sie zu Bette gebracht wird. Neulich wendete fie
ich gegen die Wand, stierte lange dahin, als sähe sie einen Go
genstand und rief: „Gustav, Gustav! Du bist dort, schrectich, ith
hier, die Nemesis hat mich ergriffen — meine Stunde ist gelom⸗
men, ich leide erschredliche Qual!“ — Gewissensbisse haben ihr
Antlitz enstellt, und sie ist widerlichtanzusehen.“
7 Die Ausgaben für die Wiener Weltausstellung haben bit
etzt — laut vorgelegten Rechnungen —,die Summe von 7, 808, 08 f
rreicht; doch dürfte der Aufwand durchdie in Aus sicht stehendent
eichlichn Einnahmen zun größten Theil wiedecr eingiebracht
verden.