St. Ingberter Anzeiger.
der St. Jugberter Anzeiger und das (2 mal wöͤchentlichj) mit dem Hauptblatte verbundene Unterhaltungsblatt,. (Sonntags mit illustrirter Bes—
lage) erscheint wöchentlich viermal: Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag. Der Abonnementsvreis beträgt vierieljährlich
Mark 40 R.⸗Pfg. Anzeigen werden mit 10 Pfg., von Auswärts mit 15 Pfg. fur die viergespaltene Zeile Blattichrift oder deren Raum. Neclamen
mit 30 Pfg pro Zeile berechnet.
— — — — — EXRαOÔXXαααιÔNUαααα«M — —
M 1II3B3. Samstag, den 20. Juli. 1878.
Deutsches Reich.
Aus München wird der „Sp. Zig.“ geschrieben, daß nicht
alle pfälzischen Abgeordneten dem gegen den Justitzminister ge⸗
außerten Wunsch um Belassung der bisherigen Gerichtssitze bei der
Berichtsorganisation beigetreten seien.
München, 16 Juli. Der Entwurf eines Gesetzes zur
Ausführung der Reicheprozeßordnung enthält in 5 Abschnitten 81
Artikel. Der J1 Abschnitt enthält einleitende Bestimmungen (5 Art.);
der 2. Abschnitt besondere Strafbedingungen (20 Art.); 3. Abschnitt
handelt von dem Vollzuge det Strafen und den Folgen der Ver—⸗
urtheilung (8 Art.); 4. Abschnitt: einige besondere Bestimmuugen
über Zuständigkeit im Verfahren (18 Art. 1. Im Allgemeinen. 2.
Im Verfahren gegen Minister. 3. In Strafsahen, bei welchem
Tivil· und Militarpersonen betheiligt ind. 4. Im Militärstrafver⸗
fahren. 5. In Vereinssachen. 6. Bei polizeilichen Strafverfügungen.
7. Im Verfahren in Zollstrafsachen. 8. Verfahren in Steuerstraf⸗
achen. 9. Einige besondere Bestimmungen für die Pfalz. Vor—⸗
äufige polizeiliche Maßregeln.) Der 5. Abschnitt enthält die
Ueberleitungsbestimmungen (5 Art.).
Als Mitglied der Commission für die Tabalks-Enquete ist
zon Seiten Bayerrs Herr Oberrechnungsrath Felser ernannt worden.
Felser hat sich durch eine Schrift gegen das Monopol und für die
Fabrilsteuer nach amerikanischem Muster bemerkbar gemacht. Als
Sachverständiger ist von Seilen Bayerns Herr Bürgermeister Dr.
Broß in Lamsheim zugezogen. We die Voss. Zig. hoͤrt, liegt es
in der Absicht, die Enquete in der Weise zu leiten, daß die stom⸗
nission einen Fragebogen ausarbeitet, und daß dann einzelne Unter⸗
sKommissionen, welche für Gebietstheile, in denen besonders Tabak⸗
bau oder Tabakfabrikation getrieben werd, ernannt werden, für die
möglichst genaue, und vollständige Ausfüllung der Fragebogen sorgen
sollen. Die aus den Fragebogen gewonnenen Informationen sollen
alsdann durch Vernehmung von Sachverständigen weiter vervoll⸗
tändigt unb so ein möglichst erschöpfendes Material zur Beani—
wottung der vorliegenden Fragen gewonnen werden.
Berlin, 17. Juli. Die „Post' schreibt: Von maß—
gebender Seite verlautet, die Reichsregierung deabsichtige den Reichs⸗
tag so spät als möglich einzuberufen. Wie der „Post“ ferner
mitgetheilt wird, heg: Se. Maj. der Kaiser dringenden Wunsch,
venn irgend möglich, den Reichsslag in Person zu eröffnen.
Berlin, 17. Juli. Die „Nordd. Allgem. Ztg.“ melden:
In dem vorgestern abgehaltenen Ministerrathe wurde der Entwurf
des gegen die Solialdemokratie zu eilassenden Gesetzes durchbe⸗
rathen; derselbe wird nunmehr dem Kronpripzen behufs Ertheilung
der Genehmigung zur Einbringung in den Bundesrath vorgelegt
werden. — Die „Nordd. Allgem. Zig.“ schreibt ferner: Se. Maj.
der Kaiser ist in langsamer, doch sichtbar fortschreitender Genesung
begriffen. Fals wärmere Witterung eintritt, wird schon in den
aächsten Tagen Entscheidung über eine Veränderung des Aufent⸗
haltes getroffen werden. Dasselbe Platt hört, Fürst Bismarck habe
por seiner heute früh erfolgten Abreise nach Kissingen eine lange
Unterredung mit dem Kaiset gehabt.
Berlin, 17. Juli. Die „Provinzial⸗Correspondenz“ bringt
tinen Artikel: „Das Friedenswerk des Congresses“, in welchem es
heißt: die Zuversicht des deutschen Kronprinzen, daß die auf dem
Congresse erreichte Verständigung der Großmaͤchte eine neue Bürg⸗
ichaft des Friedens und der Wohlfahrt der Bölker sein werde, und
die Ueberzeugung des deuischen Reichskanzlers, daß der Congreß
ich um Europa wohl perdient gemacht babe, dürften, je länger,
e mehr, überall zur Geltung gelangen. Mit gutem Grunde durfte
Fürst Bismarck darauf hinweisen, daß der Tongreß Europa die
sroße Wohlthat des Friedens, welcher so schwer bedroht war,
wiedergeschenit und innerhalb der Grenzen des Möglichen gesichert
jabe. Wenn (so fährt die „Prov. Corresp.“ fori), nach den
Worten des Kanzlers es unmödlich gewesen ist, alle Wunsche der
ffentlichen Meinung zu verwirklichen, so ist darauf hinzuweisen,
daß dem Congresse überhaupt nicht die Aufgabe zufiel und nicht
vufallen konnle, eine volle absolute Losung der orientalischen Frage
u finden, daß er vielmehr die ganz bestimmte, begrenzie Aufgabe
hatte, den vorläufig zwischen Nußland und der Türkei geschlosenen
Frieden von San Stefano mit den Interessen und Ansprüchen der
ibrigen europäischen Mächte und mit den früheren europäischen
Berträgen in Einklang zu bringen. Diese Aufgabe ist unter aäll⸗
eitigem Einverständniß gelöst und dadurch dem Frieden Europas
eine neue Bürgschaft gegeben. Das Weseatlichste bei dem Erfolge
des Congresses ist die wirklich verirauensvolle Gemeinschaft und der
allseitig ernste Wunsch und Wille für eine wahrhaftige Friedens—
politik, welcher die Bevollmächtigten aller Großstaaten erfüllte.
Bezüglich des englisch-türkischen Verlrages bemerkt die Corre⸗
pondenz: Im Zusammenhang der Ereignisse, wie er sich durch das Er⸗
Jjebniß des Krieges wie des Friedensschlusses gestaltet, unter dem
Wirken des Geistes, wescher die Mächte bei den Verhandlungen ge⸗
eltete, wird auch jene Thatsache eher eine Bürgschaft weiterer fried⸗
icher Entwickelung im Orient als der Anlaß erneueter Conflicke
ein. Fürst Bismark konnte mit voller Ueberzeugung der gemeinsamen
S„timmung des Congresses Ausdruck geben, indem er die Hoffnung
ussprach, daß das Einverständniß mit Gottes Hülfe dauerhaft
leiben werde.
In dem Aufruf, der an der Spitze seiner Unterzeichner den
Namen des Feldmarschall v. Moltke trägt, ist ausgesprochen, daß
der Ertrag der im ganzen deutschen Valerlande zu veranstaltenden
Sammlungen für die Wilhelms-Spende dem Kronprinzen behufs
Berwendung zu einem allgemeinen wohlthätigen Zweck übergeben
verden soll. Das Handschreiben, durch welches der Kronprinz
)dieser Absicht des Komites seine Zustimmung ertheilt hat, lautet:
Ich dante Ihnen aufrichtig für Ihre Mittheilung vom 26. v.
M. und den derselben beigefügten Auftuf. Ich hoffe, daß der Er—
'olg desselben ein beredtes Zeugniß für die Liebe und Verehrung
iblegen wird, welche das deuische Bolk seinem Kaiser widmei.
Bern bin ich bereit, seiner Zeit die Verwendung der eingehenden
Summen zu einem allgemeinen wohlthätigen Zwed zu übernehmen.
Berlin, 2. Juli 1878. Ihr wobigeneigter Friedri ch
Wilhelm, Kronprinz. — An den köoniglichen Generalfeldmar—
chall v. Moltke zu Kreisau.
Das Gesuch vieler Träger des Namens Robiling um
Erlaubniß zur Namensveränderung ist genehmigt. Dieselben werden
den Nawen Edeling führen.
Berlin. Das Gesetz bezüglich der Abänderung der Ge⸗
werbeordnung ist vom Bundesrath nach den Beschlüssen des Reichs⸗
ags angenommen worden. Der Bundesraihs hat nun beschlossen,
daß die Einzelstaaten einheitliche Instrultionen für die darnach
aufzustellenden Fabrik⸗Inspeksforen erlassen und diese so
einrichten sollen, daß die Beamten keine Befugniß zu polizeilicher
Verfügung erhalten, sondern ihre Aufgabe vornehmlich darin zu
uchen haben, durch eine wohlwollend kontrolirende, berathende und
dermittelnde Thätigkeit nicht nur den Arbeitern die Wohlthat des
Besetzes zu sichern, sondern auch die Arbeitgeber in der Erfüllung
der Anforderungen, welche das Gesetz an die Einrichtung und den
Betrieb ihrer Anlagen stellt, takivoll zu unterstützen.
fusland.
Paris, 17. Juli. Berichte aus Valenciennes (lan der
helgischen Grenze) melden von einer Arbeitseinstellung, welche gestern
in Anzin und Denain ausgebrochen ist und sich über das ganze
dortige Kohlenbecken zu verbreiten droht. Die Zahl der feiernden
Arbeiter bträgt 3000. Die Behörde hat alsbäld Maßregeln ergriffen,
im Unordnungen zu verhüten. Zwei Bataillone Infanterie und
in Escadron Cavalerie sind bereits in Denain eingetroffen. — Da
eiernde Arbeiter den Versuch machen, ihre die Arbeit fortsetzenden
Berossen hiervon abzuhalten, so war die Gendarmerie gendthigt,
Feuer zu geben; dieselbe gab Schüsse in die Luft ab. Durch eine
wprallende Kugel wurde ein Grubenarbelter verwundet. 13 Vet—
haftungen wurden vorgenommen. Die Arbeter fordern dem Ver—
nehmen nach Lohnerhöhung und Verminderung der Arbeit.
London, 16. Juli. Die gesammte biesige Presse, Jallen
poruuf die,, Times“, bringt dem heimkehrenden Ministerpräsidenten
einen jubelnden Wlllomm. Ausgenommen allein sind „Daily
News“ und „Standard“', welch letzterer auf die gesammte Otieni⸗