Full text: St. Ingberter Anzeiger

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Amtliches Organ des königl. Amtsgerichts St. Ingbert. 
oat· Ingberter Anzeiger“ erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. 2 mal wochentlich mit Unterhaltungs⸗Blatt und Freitags und Samstags mit acht 
6 — ———— ue Das Viatt loftet vierteljahrlich JAc60 einschließlich Trägerlohn; durch die Poft bezogen 14 23, einschließlich 420 —— Die 
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Auslunft eriheili, 18 6. NReklamen 80 8. Bei 4maliger Einrückung wird nur dreimalige berechnet. 
23. Jahrg. 
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Politische Uebersicht. 
Wiederum steht eine Reichssstagsersatz⸗ 
‚ahl vor der Thür, diejenige im Kreise O si⸗ 
sernberg, Regierungsbezirt Frankfurt a. O., 
d am kommenden Freitag die Ersatzwahl für den 
Asotbenen, langjährigen, conservativen Vertreter 
Wahlkreises im Reichstage, v. Waldow⸗Reitjen⸗ 
ain, stautfindet. Als ihren Candidaten für die 
juhwahl haben die Conservativen den Landrath 
Kreises Oststernberg, v. Buhtz, aufgestellt, wel- 
her den Kreis bereits im Abgeordnetenhause ver⸗ 
uͤn, während die Freisinnigen den Charlottenburger 
zadtrath Witt candidiren. Der Wadhlkreis galt 
umer als eine besonders sichere conservative Do— 
mnine, obwohl die Wahlen daselbst immer auch das 
dorhandensein einer nicht unansehnlichen freisinnigen 
sinderheit ergaben und da jetzt der conservative 
handidat schon infolge seiner einflußreichen amtlichen 
helung einen bedeutenden Vortheil vor seinem 
iheralen Gegner voraus hat, so würde ein Sieg 
xes ersteken fast nur eine selbstverständliche Sache 
in. Indessen, der Ausgang der Reichstagsersatz⸗ 
wahl in Greiffenberg- Cammin hat bewiesen, in wie 
iherraschender Weise sich mitunter auch in Wahl⸗ 
treisen, welche als Stammsitze dieser oder jener 
hartei gelten, ein Umschwung in der Stimmung 
der Wählerschaft vollzieht und eine solche Ueber—⸗ 
ruschung erscheint füglich auch bei der Sternberger 
oͤtsazwahl nicht ganz ausgeschlossen. 
* Der gegenwärtige Aufenthalt des Statt⸗ 
jalters von Elsaß Lothringen, Fürsten 
dohenlohe, in Berlin soll in der That mit der 
baßmaßregel der reichsländischen Regierung 
usammenhaängen, es wird versichert, der Statthalter 
huhe bei seinem Empfange beim Kaiser dem Mo— 
nuchen einen längeren Vortrag über diese Ange⸗ 
egenheit gehalten. Von französischen Gegenmaß- 
egeln verlautet bislang noch nichts, es siud solche 
ier kaum zu bezweifeln, schon im Hinblick auf die 
reigte Stimmung, welche in den chauvinistischen 
disen Frankreichs durch das enschloffene Vorgehen 
ar deutschen Regierung entstanden ist, wird die 
runzösische Regierung wohl oder übel irgend etwas 
n müssen, um diese Stimmung zu beschwichtigen. 
Dicleicht ¶ wird nun an der französischen Grenze 
en aus Deutschland kommenden Reisenden auch 
in Paß abverlangt werden, wodurch freilich die 
vussch· französischen Grenzbeziehungen sich noch weit 
ngemütlicher gestalten würden, ais sie es jetzt schon 
ind aber die Franzosen dürfen dann nicht sagen. 
nch fie an diesem unerquidlichen Zusßtande der 
dinue unschuidig seien. 
ab Mit dürren Worten haben im ungarischen 
geordnetenhause der Cabinetschef Tisza 
der Handelsminister Graf Sczecheny dieser 
si erllart, die unsicheren politischen Verhältnisse 
u keichs verhinderten eine Beschickang der Pa⸗ 
an Beltaus stellung durch die ungarische 
en ebensosehr als der revolutionäre Hinter⸗ 
9 der Ausstellung. Es ist das eine bittere 
—— den Franzosen zum Vorschmack ihres 
Revolutionsjubiläums gereicht worden ist 
ies dürfte in Frankreich um so mehr empfun⸗ 
Ddeden. als man bislang gerade in Ungarn 
8* gern eine gewisse Schwärmerei für Frank- 
8* — Schau trug. Aber Herr Tisza haf eben 
mnnnne einfache Wahrheit ausgesprochen, wenn er 
8 herrsche jenseits der Vogefen zuweilen 
i Leufgeregte Stimmung“, die selbst gegen den 
— Regi 3ß 
egierung und der französischen Nation 
zu einer Schädigung des Eigenthums oder Verletz- 
ung der vaterländischen Farben einer fremden Nation 
führen könne. 
Der Herzog von Tremoille und der Marquis 
don Breteuil trafen am Sonntag im Auftrage des 
Brafenvon Pasris in Brüssel ein, um den Herzog 
»on Aumale zum Aufgeben seines Widerstandes 
jegen die Politik des Prätendenten zu bewegen. 
Der Herzog von Aumale beharrte jedoch auf seinem 
S„tandpunkte. 
Nach einer der „Politischen Correspondenz“ aus 
Rom zugehenden Mittheilung verzeichnen die 
ungsten aus Massauah eingelaufenen Meldungen 
ein Gerücht, demzufolge die Derwische sich zu einem 
Angriffe auf das den Italienern befreundete Berg⸗ 
polk der Hababs rüsten und die Drohung ausge- 
stoßen hätten, auch Massauah selbst angreifen zu 
wollen. 
In Rom ist soeben das Tagebuch Cabours mit 
einer Einleitung des bekannten Abgeordneten Do⸗ 
minik Berti, ehemaligen Ministers, ausgegeben 
worden. 
* Die Königin von Griechenland, 
welche auf ihrer Reise nach Rußland am Sonntag 
den Bosporus paffirte, ward daselbst auf speciellen 
Befehl des Sultans vom türkischen Minister des 
Auswärtigen, Said Pascha, begrüßt. Man darf 
diesen Vorgang wohl als einen Beweis betrachten, 
daß die aufgetauchten Schwierigkeiten zwischen 
Griechenland und der Türkei nunmehr wieder gänz⸗ 
lich beseitigt sind. 
ragt, beim Grafen Kalnockh die Rede Tisza's von 
Samstag zur Sprache zu bringen. 
Athen, 27. Mai. Hier fand eine wahrhafte 
Schlacht zwischen griechischen und italienischen Ar⸗ 
zeitern statt; es gab über dreißig Todte und Ver— 
vundete. 
Lokale und pfalzische Nachrichten. 
*St. Ingbert, 30. Mai. Gchöffen⸗ 
gericht Sfitzung.) Als Schöffen fungiren die 
herren Hrche Martin und Joh. Friedrich; nach— 
olgende Fälle standen auf der Gerichtstafel: 
Zusanna Becker, Ehefrau Hemmerling, 4J. a., 
hier, war am 14. April mit einem ihrer Miether 
vegen ausstehenden Hauszinses in Streit gerathen, 
vobei sie denselben mit einem ansehnlichen Prügel 
hätlich angriff. Wegen Körperverletzung mittels 
gefährlichen Werkzeugs wird sie in eine Geldstrafe 
hon 5 Mik. ev. J Tag Gefängniß nebst den Kosten 
ꝛerurtheilt. — Der Wagner Weiland, 27 J. a., hier 
jatte einen Knaben von 9 Jahren, von dem er 
innahm, daß er in seiner Werkstatt Unfug getrie⸗ 
hen habe, etwas derb gezüchtigt. Er wird daher 
vegen einfacher Körperverletzung in eine Geldstrafe 
hon 3 Mark eb. 1 Tag Gefängniß und den Kosten 
zenommen. — Für die Verletzung des vorigen An⸗ 
jeklagten mittels gefährlichen Werkzeugs wird gegen 
et. Eich, 28 J. a., von Sengscheid zur Zahlung 
hon 50 Mtk. Strafe und sämmllicher Kosten (ein⸗ 
chließlich Vollzugsgebühren) erkannt. Er hatte am 23. 
Jan. dis. Is. in der Stutzmannschen Wirtschaft 
dem Weiland aus geringfügiger Ursache ein Bier⸗ 
glas so heftig auf den Kopf geschlagen, daß es in 
Stücke zersprang. Seine bisherige Straflosigkeit 
ind sein betrunkener Zustand wurden dem Be— 
chuldigten als strafmildernd angerechnet. — Die 
Brüder Johann, Peter und Nitkolaus Grell von 
sier sind angeklagt des Unfugs und der (von Peter 
nitteis gefährlichen Werkzeugs begangenen) Körper⸗ 
rerletzung. Am 1. Weihnachtstage 1887 hatten 
ae in der Wirtschaft von Nik. Weder, auf der Meß, 
dier mit anderen Besuchern derselben einen Streit 
jegonnen, in dessen Verlauf ein gewisser A. Glad⸗ 
feld einen Stich in die rechte Seite erhielt. Urtheil 
gegen Joh. Gr. 10 Tage Haft, gegen Peter Gr. 
5 Tage Haft und 2 Monate Gefängniß, gegen 
Nikolaus Gr. 10 Tage Haft und 2 Monate Ge⸗ 
angniß. Die Kosten tragen Peter und Nikolaus 
ur Halfte, von der anderen Hälfte Jeder ein 
Dritiel. — Ein Messerheld von Spiesen, Konrad 
Zlein, 19 J. a., der auf der vorjährigen Rohr⸗ 
hacher Kirchweihe zwei Personen stach, erhält eine 
Befamt⸗Gefängnißsirafe von 2 Monaten 14 Tagen 
und Ueberbürdung der Kosten. — Wegen Belei⸗ 
digung des Renteiboten von Blieskastel in Ausub⸗ 
ung seines Dienstes wird der Schmelzarbeiter Jak. 
Ringle zu 1 Woche Gefängniß sowie Tragung der 
Kosten verurteilt. 
* St. Ingbert, 30. Mai. Gestern fand 
dahier im Grewenig'schen Saale unter Leitung des 
Hauptiehrers Herrn Hagenbucher die allgemeine 
Tonferenz für die Lehrer der beiden Kantone Blies⸗ 
kastel und St. Ingbert statt. Dieselbe wurde gegen 
9 Uhr mit dem Chore „der Mensch lebt und be⸗ 
steht· erdffnet. Ais Gegenstand der Besprechung 
war von der kgl. Regierung das Dezimalbruchrechnen 
vorgeschrieben. Nach einer kurzen Ansprache des 
dauptlehrers wurde das Conferenzthema in ver⸗ 
chiedenen Vorträgen und Lehrproben eingehend be⸗ 
zändelt und zwar in der Weise, daß zunächst die 
Vorzüge des Dezimalbruchrechnens im allgemeinen 
dachgewiesen wurden (Referent Lehrer Gain⸗Blies, 
Deutsches Reich. 
München, 26. Mai. Heute vor 70 Jahren 
— schreiben die „M. N. N.“ — gab Bagyerns 
erster König, Maximilian Joseph, seinem Volke die 
Berfassung. Zum Gedächtniß dessen ziert Blumen⸗ 
chmuck das Denkmal des edlen Monarchen und es 
iemt sich wohl, an dieser Stelle des denkwürdigen 
Aktes Bedeutung zu betonen. Bayern war das 
erste deutsche Land, das eine Verfassung erhielt. 
Erst am 22. August folgte Baden, am 25. Sep⸗ 
tember 1819 Württemberg; Sachsen hat eine Ver⸗ 
assung vom 4. September 1831, die preußische 
Arckunde datirt vom 31. Januar 1850. Wir find 
tolz darauf, daß grade in unserem Lande die ver⸗ 
assungsmäßige Gestalt des Staatslebens zu allererst 
in Deutschland geschaffen wurde. 
Berlin, 28. Mai. Der Kaiser verweilte 
don 2 bis 449 Uhr im Parke, begab sich darauf 
mit der Kaiserin im offenen Wagen nach Berlin, 
vo dieselben im kaiserlichen Palais bei der Kaiserin 
Augufta vorfuhren. 
Berlin, 28. Mai. Der Kaiser kehrte um 
384 Uhr nach Charlottenburg zurüch und empfing 
nach der Consultation der Aerzte den Professor 
Virchow, welcher in Gegenwart Mackenzie's den 
dals des Kaisers untersuchte. Das Allgemein⸗ 
jefinden des Veonarchen ist gut. Nach der Con—⸗ 
ultation sprach die Kaiserin längere Zeit mit 
Birchow. 
Berlin, 29. Mai. Das Armeeverordnungs⸗ 
dlatt verdffentlicht eine Cabinetsordre, nach welcher 
hei dem Regiment Gardes⸗du Corps und bei sämmt- 
ichen Küragssier Regimentern der Küraß für die 
feldmarschmäßige Nusrüstung in Wegfall kommen 
soll. Die Regimenter werden mit Karabinern un⸗ 
ter Wegfall des Revolvers bewaffnet werden. 
Ausland. 
Paris, 28. Mai. Dem „Journal des De⸗ 
ats“ zufolge sei der Votschafter Decrais beauf-